Dreams [Kyo & Lucy-chan]

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    • Dreams [Kyo & Lucy-chan]

      Sonntag, 22. März 2020, 21:43 Uhr. Ein frischer Wind weht durch das weitgeöffnete Fenster in das Zimmer hinein. Es ist noch recht kühl, aber die eisige Schärfe von vor ein paar Wochen fehlt inzwischen und macht es erträglicher. Mein Blick schweift rüber zum Bett auf dem Igor schläft. Die Decke ist dick und sein kleiner Körper darunter gut geschützt. Beruhigend, dann brauche ich mir keine Gedanken zu machen, dass er sich eine Erkältung einfangen könnte. Sein zartes Gesicht liegt so entspannt und sorglos auf dem Kopfkissen, dass ich ihn fast dafür beneiden könnte. Was du wohl alles in deinem langen Leben noch erleben wirst, mein kleiner Freund? Ein leichtes Lächeln bildet sich auf meinen Lippen, die Vorstellung ist irgendwie erheiternd. Dabei gibt es nicht mal einen richtigen Grund dafür. Nach allem sind wir Migranten. Aber ob das wirklich so schlimm ist, frage ich mich. Erst wenn man sich wirklich vor Augen hält, welche Bedeutung dahinter steckt, kommen die Zweifel auf. Für mich jedoch… Nein, wenn ich so darüber nachdenke, war das noch nie ein Thema in all den Jahren. Denn es würde mir nichts bringen, es hilft mir nicht dabei, das zu erreichen, was ich schon von Anfang an begehrte.

      Ich schaue runter auf das Bügelbrett vor mir. Ein gelbes Shirt der Marke „Nike“ ist darauf. ‚Just do it‘, huh? Das ist so kitschig, dass es fast schon wieder einen inspirieren könnte. Keine zwei Wochen mehr bis zum nächsten Kampf. Ich fühle mich gut, sehr gut. Verdammt, ich glaube ich bin so stark wie nie zuvor. Ob das morgen immer noch so sein wird? Wenn ich jetzt ins Bett gehe, wären zumindest sieben Stunden Schlaf noch machbar. Dabei ist heute ein Sonntagabend, die einzige Zeit in der Woche, wo ich sagen kann, dass sie mir und nur mir ganz alleine gehört. Sie alle schlafen, selbst die größere Laia. Anaelle ist nicht da, aber wenn ich damit anfange darüber nachzudenken, wo sie sein könnte und was sie gerade macht… es ist wohl besser, ich vergesse das für den Moment. Nur für diesen Moment.

      Das Shirt ist fertig gebügelt, sorgsam lege ich es auf den restlichen Stapel und lehne mich auf dem knarzenden Stuhl erleichtert zurück. Endlich fertig. Die Augen schließen sich, meine Ohren nehmen die wohltuende Stille in sich auf und lassen meine Gliedmaßen lockerer werden. Ja, genau das... So schön ruhig...


      „Miau.“

      Was? Irritiert hebe ich den Kopf an und glaube, mein Sekundenschlaf habe mir einen Streich spielen wollen. Doch dann ertönt derselbe Laut ein weiteres Mal und ehe ich mich versehe, hat sich eine kleine Katze auf dem Bügelbrett vor mir niedergesetzt und leckt sich die Pfote sauber. Ihre Augen wandern schließlich hoch zu mir; riesige Glubscher, die den süßesten Hunden ebenbürtig wären und mich für einen kurzen Moment schwächeln lassen. Aber nicht mit mir, Kleines. Erbarmungslos greife ich ihr an den Nacken und trage es so zum Fenster. Die riesige Menschenansammlung ist lauter zu hören – die wird es mit Sicherheit überraschen, wenn plötzlich ein Tier vom Himmel fällt. Zu einem leichten Schwung hole ich aus, das erneute Miauen des Tieres klingt viel zu liebevoll, als ob es wüsste, dass ich es nichts antun werde. Wenn du dich da mal nicht getäuscht hast. Ich habe vier andere in der Wohnung um die ich mich zu kümmern habe, für dich ist hier kein Platz…!


    • Juan

      Mein Füße schmerzen, es war vielleicht keine gute Idee die neuen Schuhe heute einzulaufen, aber sie sind es wert. Die nackten Füße auf dem kalten Fliesenboden tun gut, es lenkt ein wenig von dem Ziehen in den Zehen und dem leichten Brennen in der Ferse, aber spätestens morgen würde es wieder besser werden, meine Füße waren es eigentlich gewohnt, ich weiß selbst nicht, warum sie gerade so zicken. Ich blicke in den Spiegel, fahre mir durch das nasse Haar und frage mich, ob es nicht Zeit wäre wieder zum Friseur zu gehen, am liebsten würde ich sie kurz haben, bis zu den Schultern würde mir sehr gefallen, aber meine Kunden würden es vermutlich anders sehen. Kurz ergreife ich eine Strähne, knicke sie ein wenig, um mir vor Augen zu führen, wie es aussehen würde, würden sie wirklich nur bis zu den Schultern gehen. Ein Seufzer verlässt meine Lippen, ich sollte gar nicht erst darüber nach denken, sonst komme ich wirklich noch auf dumme Ideen, sonst nehme ich die Schere bald selbst in die Hand.
      Ich verlasse das Badezimmer, um mit der Idee abzuschließen und sie aus meinem Kopf vorerst zu verbannen und betrete das kleine Wohnzimmer, mit der Küchennische. Die Lämpchen leuchten über meinem Kopf, kurz überlege ich, ob ich die Kerzen anzünden sollte, aber die Gefahr einzuschlafen war heute groß, ich war schon ein wenig müde und allein für Kuro war es wirklich unzuverlässig offenes Feuer unbeobachtet zugänglich zu lassen. Er war doch so neugierig, es reichte, wenn er sich die Pfote verbrannte, nein, das konnte ich nicht machen. Aber wo steckte der Kater nur? Ich warf einen Blick auf sein Futternapf, das Essen schien nicht angerührt worden zu sein, er kam doch Abends gerne zurück, um etwas zu essen. Ob ihm was geschehen war? Mit Sicherheit nicht, hier unten war die Straße so belebt, da fand er sicherlich irgendwo etwas zu essen und wollte nur das Trockenfutter nicht mehr haben, oder er fand wieder einmal ein interessantes Spielzeug in der Mülltonne und war damit beschäftigt.

      Mein Telefon blinkt auf, während ich den Wasserkocher mit kaltem Wasser füllte und zurück stellte, um darauf zu warten, dass das Wasser heiß werden wird. In wenigen Schritten war es erreicht, mit dem rechten Daumen wird es entsperrt und eine SMS ploppt auf. 'Morgen, 19 Uhr, zieh dir etwas hübsches an, die Adresse nenne ich dir noch'. Ein neuer Auftrag, wie ich es gerne nenne, von einem meiner.. Stammkunden, ja das war eine gute Bezeichnung für diesen Mann. Er fragt nie danach, ob ich Zeit hatte, er nimmt sich diese einfach, als könnte er es. Nun, vermutlich kann er es wirklich in seinen Kreisen, ich weiß nur, dass er viel Geld und viel Macht hat, seine Frau würde die Scheidung einreichen, wenn sie wüsste, was er auf seinen Geschäftsessen so treibt, aber ich mochte diesen Kick, mir schmeckte diese verbotene Frucht sehr gut. Kurz tippe ich zurück, will erfahren, was er eigentlich mit mir vor hat. '400?'. Es reicht, wenn ich den Preis erfahre, wir haben uns inzwischen auf feste Preise geeinigt, um es einfacher zu halten. Ein kurzes Ja kommt zurück und ich weiß, dass es eine lange Nacht sein wird. Ich blicke auf den Kalender in meinem Telefon, morgen früh gibt es keinen Grund aufzustehen, damit nehme ich mir vor auszuschlafen, sollte es möglich sein, sollte der Lärm der Straße es zu lassen. Ich brauche Schlaf für das, was mein Kunde morgen vor hat, aber das Klicken des Wasserkochers macht mir deutlich, was ich ursprünglich vor hatte.
      Ich greife nach einer Nudelsuppe auf dem oberen Schrank und einer meiner Lieblingsschüsseln, um den Inhalt der Packung dort rein zu füllen und das kochende Wasser hinzuzufügen, bevor ich es mit einem Teller abdecke, damit die Nudeln ziehen können. Die Schale lasse ich stehen, das Essen braucht einen Moment, blicke kurz durch die Wohnung, ob ich alles sonst gemacht habe, um gemütlich eine Serie im Bett zu sehen, da entdecke ich den Grund dafür, warum mein Kater bisher nicht rein gekommen war, ich habe wirklich das Fenster zu gelassen. Ein Seufzer verlässt meine Lippen. "Was soll bloß aus Ihnen werden, Ms. Li", murmle ich zu mir selbst, bevor ich mich dazu aufraffe ins Schlafzimmer zu gehen und das Fenster zu öffnen, welches zur Straße liegt und welches Kuro immer nimmt, um rein zu kommen. Kurz nehme ich mir die Zeit runter zu den anderen zu sehen, es sieht nach Spaß aus, aber den will ich heute nicht, ich will zurück rein, um den Laptop zu holen, da entdecke ich meinen Kater, gehalten von einem Mann, größerer Statur, es sieht fast so aus, als hätte sich der Kater ganz wo anders ein neues Plätzchen suchen wollen. Typisch er.. Aber nicht typisch ist hingegen die Bewegung des Mannes, wollte er Kuro etwa Wort wörtlich raus werfen? Ich runzle meine Stirn. "Hey!", rufe ich rüber, um gegen die Menschenmenge zu steuern, aber die Aufmerksamkeit des Mannes zu bekommen. "Was hast du mit meinem Kater vor?". Er erscheint groß, ein wenig kräftig, aber uns trennten einige Meter und vor allem zwei dicke Hauswände, da brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, würde ich auch vermutlich ohne auch nicht, es ging hier um meinen Kater! "Ich warne dich, tust du ihm weh, komme ich rüber und trete dir in den Arsch!". Nicht gerade wie eine Lady, aber mein Kater war mein Baby und dem wird nichts, aber auch wirklich nichts angetan!
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Lucy-chan ()

    • Noch während der Arm halb gestreckt in der Luft hängt, wird meine Bewegung durch einen unerwarteten Ruf behindert. Es ist eindeutig eine Stimme gewesen, die einer Frau, aber warum habe ich das Gefühl, dass sie nicht von unten kommt? Obwohl ich es nicht erwarte, schaue ich prüfend nach vorne und bin überrascht, als ich tatsächlich einen Menschen entdecke - dich. Eine junge asiatisch stämmige Frau, auf der anderen Seite der viel zu schmalen Gasse und auf Augenhöhe, so nah, dass ich selbst in dem dunklen Licht das saubere Hellgrau, mit dem eine deiner Wandseiten bestrichen wurde, hinter einem riesigen Schrank, erkenne. Komisch irgendwie, dass mir das als erstes auffällt, würde doch ein jeder Kerl wahrscheinlich meinen, dass du selber eigentlich auffallend genug sein müsstest. Deine Frage, was ich mit dem Tier in meinen Händen zu tun gedenke, verwehrt es mir hingegen, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, und die darauffolgenden harschen Worte, welche den Klang einer Drohung haben, erst recht. Aber Sekunde. Meinem Kater? „Oh“, merke ich knapp an, so langsam begreifend, was der Auslöser für dieses kleine Geschehnis gewesen sein könnte. Ich senke den Kopf runter zum Kater, abermals in die großen Augen blickend, und welche sich nicht davor scheuen, dies zu erwidern. „Der gehört dir?“, frage ich in einem leicht überraschten Unterton, dich dabei ansehend. Wahrscheinlich ist der Vierbeiner zu mir in die Wohnung rüber gesprungen, ausgerechnet dann, wo das Fenster komplett offen stand. „Das wusste ich nicht. Entschuldige!“, erkläre ich aufrichtig und versuche die Situation mit einem freundlichen Lächeln zu beruhigen.

      Als ich noch ein Kind war, kaum älter als Renan es gerade ist, bin ich, wann immer es ging und das Geld reichte, mit meinen Schulkameraden in den Smile District gefahren. Unweit des großen Einkaufszentrums befand sich die beliebte Color Street, eine Straße, die voll von Restaurants allerlei Arten war. Selbst jetzt gehe ich gelegentlich mal hin, aber damals war das für uns der Ort schlechthin, vor allem wegen Ali, einem türkischen Inhaber einer Dönerbude. Das Geschäft war ziemlich klein und wirkte fehl am Platz, gerade im Vergleich zum schicken Italiener gegenüber oder dem Griechen etwas weiter weg. Stören tat uns das wiederum nie, denn der Geschmack – oh, der Geschmack des frischen Fleisches, das aus der Stadt selber kam, gepaart mit dem wohl knusprigsten und gleichzeitig zartesten Brot dass ich je gegessen habe; es war schlicht fabelhaft. Auf dem Hinweg dachten wir stets daran, uns eine solche Mahlzeit endlich wieder genehmigen zu können, daher fiel uns nicht auf, was wir später mit gesättigten und zufriedenen Mägen bemerkten. Denn direkt nebenan, hinter einem weich belichteten Schaufenster, befanden sich drehende Spieße, erhitzt durch ein vom Boden aufkommendes Feuer, das wohl ein Versuch sein sollte, den Appetit bei Vorbeilaufenden anzuregen. An sich klang das auch erstmal überhaupt nicht verkehrt, aber sobald man einmal realisierte, woraus die Speisekarte tatsächlich bestand, änderte sich das schlagartig. „Fareastern Originals“ hieß der Laden – wahrscheinlich gewählt, um im amerikanischen Raum nicht allzu befremdlich zu wirken. Ob es sich letztlich als gute Marketingstrategie erwiesen hat oder nicht, das weiß ich nicht, und ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht unbedingt. Spätestens nachdem der Asiate in seiner viel zu großen Kochmütze mit der Hand nach einem der Spieße griff und den enthäuteten, bräunlich angebratenen Kater den metallenen Stab entlang zur Seite rauszog, und ich die süßen, immer noch lebendig wirkenden Augen vor mir hatte, wie sie mich förmlich um Hilfe anschrien, offenbarte sich mir etwas, was ich nicht für möglich hielt.

      Hm, täusche ich mich, oder ist das der Geruch von Essen, der sich in meiner Nase breitmacht? Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein, aber die Einbildung hat sich bereits ihren Weg in meinen Körper hineingebahnt. Erneut sehe ich dich Fremde an. „Der Kater gehört also dir?“, wiederhole ich die Frage, diesmal jedoch ungewöhnlich ruhig, und es vergeht eine gefühlte Ewigkeit, ehe mein Arm sich dazu entschließt, sich komplett rauszustrecken und mit einem gewaltigen Wurf dein “Haustier“ meterweit zur Seite, in die Meute hineinzuwerfen.
    • Juan

      Die Frage danach, warum ich den Streuner eigentlich aufgenommen und ihm einen Platz angeboten habe habe ich mir oft genug selbst gestellt, fand aber bisher nicht die Antwort, die wirklich passte. Ich nehme an, dass es viele unterschiedliche Gründe gibt dafür, dass er bleiben und kommen und gehen darf, wann auch immer er möchte, auch wenn ich mir nicht jeden dieser Gründe wirklich eingestehen möchte. Ein wenig erinnert der Kater mich an mich selbst, an meine Wenigkeit, die keinen richtigen Ort finden kann, an dem sie wirklich glücklich ist, denn so groß die Heimweh und das Vermissen meiner Familie ist und so gut, wie es mir gleichzeitig auch hier gefällt fühle ich mich dennoch an beiden Orten nicht so, wie ich mich gerne fühlen würde. Es fühlt sich nicht ganz an, auch wenn mir das Gefühl, wonach ich suche, nicht ganz bekannt zu sein schein, aber vielleicht weiß ich einfach selbst nicht, was ich will.
      Ein anderer Grund ist definitiv das Gefühl der Einsamkeit in dieser riesigen Stadt, die mir fast schon endlos vorkommt. Freunde gibt es so gut, wie gar nicht, vielleicht einfache Bekanntschaften und meine Kunden, von Familie brauche ich gar nicht erst nach zu denken, Kuro hört mir aber zu, auch wenn ich mir gerne einbilde, er würde mich und meine Sorgen vielleicht verstehen können. Wir ähneln und sonst sehr, kuscheln gerne, haben auch genauso gerne unsere Ruhe und unseren Freiraum, wir lieben beide dramatische Serien, bei denen jedoch keine eigene Träne fließt und es scheint so, als würde er der Kater genießen, wenn ich ihm vorlese, ihn an den Romanen teil haben lasse, die ich gerne in die Hand nehme. Er ist ein guter Mitbewohner, auch wenn er nicht wirklich nach sich aufräumt und liebend gerne neugierig alles betrachtet, oder anfasst, bis es letztendlich kaputt ist. Kochen könnte er vielleicht öfter mal, obwohl ich die toten Tiere, die ich ab und zu auf dem Wohnzimmerteppich finde, nicht gerade sehr gerne entsorge. Irgendwo meine ich gelesen zu haben, dass Katzen gerne so ihre Liebe verdeutlichen, ich denke eher, dass Kuro mich gerne beim Aufräumen sieht. Dennoch spendiert er mir ein wenig Wärme an kalten Tagen, zaubert mir oft genug ein Lächeln auf die Lippen, wenn ich traurig bin und kommt Nachts unter die Decke, um einfach nur da zu sein. Der Gedanke, ihn vielleicht zu verlieren treibt mich schneller zu Tränen, als es mir lieb ist, vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich dem Mann gegenüber sofort drohe, aber ich wollte mein Tier in Sicherheit wissen.

      Es scheint, als würdest du realisieren, was ich von dir möchte, was ich von dir verlange. Ich warte, auch wenn mein Gesichtsausdruck eher wütend erscheint, ein wenig Sorge ist mit bei gemischt, aber ich bin bereit alles zu tun, was nötig ist, um dir gegebenenfalls wirklich diese Idee aus dem Kopf zu bringen, vor allem Gewalt steht da ganz weit oben, auch wenn ich dir sicherlich nicht viel antun könnte. Meine Augen beobachten, wie du zu meinem Kater siehst, überlegst du gerade wirklich, ob du es durch ziehen möchtest? Nein, du entschuldigst dich, ich seufze zufrieden. "Lass ihn einfach laufen, bitte", entgegne ich, bevor ich mit einem Nicken darauf antworte, dass der Kater mir gehört. Mehr, oder weniger jedenfalls, aber das wollen wir jetzt gerade nicht ausdiskutieren.
      Du lächelst, mir ist noch nicht danach, aber ich habe das Gefühl dir trauen zu können, für einen kurzen Moment jedenfalls, während sich ein bitteres Gefühl in meiner Brust ausbreitet. Kuro ist klein für sein geschätztes Alter, er soll vor allem keine Gewalt erleben, ich will mir gar nicht erst ausmalen, woher die Narben unter seinem dichten, flauschigen Fell kommen, hoffentlich hat ihm kein Mensch etwas angetan. Doch meine Gedanken konzentrieren sich wieder vollkommen auf dich, als du deine Frage wiederholst. Ich verstehe es nicht ganz, antworte aber mit einem klaren Ja, nicht ganz verstehend, was hier jetzt los ist. Mein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens täuschte sich, die Realität trifft mich bitter, als du den Kater wirklich mit einem Wurf in die Menschenmenge schmeißt, als würde es ein Ball sein. Mein Herz rutscht mir in die Hose und für den ersten Moment bin ich entsetzt, bevor die Wut in mir aufsteigt und ich am liebsten die wenigen Meter zu dir rüber springen würde. "Bist du komplett bescheuert?!". Ich fluche auf Chinesisch, nenne dich einen Vollidioten in meiner Muttersprache, um gleich in Rage nach einem der kleineren Kissen auf dem Bett greife, um mit voller Kraft in dein offenes Fenster zu schmeißen. "Das ist ein Lebewesen kein Spielzeug!". Ich überlege heißes Wasser aus dem Wasserkocher zu nehmen, dir mir auch nur irgendetwas weh zu tun, um dieses Gefühl der Machtlosigkeit irgendwie zu bewältigen. "Stell dir mal vor, ihm passiert etwas! Oder er wird verletzt! Hast du das scheiß Geld, um den Tierarzt zu zahlen?!". Die Mieten waren hier günstig, die Menschen besaßen nicht viel, ich habe doch Augen im Kopf und kann es hier an jeder Ecke sehen, dachte dieser Mann auch nur einen Moment daran, was es für Konsequenzen für ihn und vor allem für das Tier hatte?
      Ich fühle mich machtlos, Angst steigt in mir ein, Katzen sind flink, sie springen aus großen Höhen und landen sanft, ja, aber sie werden normalerweise nicht durch die Gegend geworfen, wie ein Stück Fleisch, weil jemand darauf Lust hatte. Kuro war stark und er war ein Kämpfer, aber meine Panik und Wut waren unkontrolliert, eine Katzenmama war nicht zu verärgern, definitiv.
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Ich brauche nicht zu verstehen was du sagst, denn deine Reaktion erzählt mehr als jedes gesprochene Wort es ohnehin könnte. „Kon'nichiwa, Nǐ hǎo, du könne Englis spreche?“, will ich mich in einem schlecht nachgemachten, asiatischen Akzent, so wie der Koch von damals zum Kunden gesprochen hatte, bei dir vergewissern, obwohl ich das zugegeben auch auf eine andere, wesentlich nettere Weise hätte tun können, wenn ich das selber nicht so witzig fände. Aber es scheint mir ganz so, als ob Nettigkeit dich sowieso nicht mehr besänftigen würde, daher ist es umso befriedigender, dass ich endlich mal die Gelegenheit dazu bekam diesen Spruch zu bringen, den ich irgendwann mal, so glaube ich, im Fernsehen aufgeschnappt habe. Überhaupt ist es eh erst deswegen dazu gekommen, weil du es nicht auf die Reihe bekommen hast, das Vieh in deinem Kochtopf zu behalten, so wie du es mit Sicherheit von Anfang haben wolltest. Warum sonst solltest du nämlich einen Kater bei dir haben? Damit es bei dir leben kann? Guter Witz. Wie viele Wohnungen in den ärmeren Wohndistrikten gibt es schon, in denen Tiere gehalten werden dürfen?
      Während ich also einen kleinen Kissen direkt in die auffangenden Arme zugeworfen bekomme und das “Geschenk“ dankend annehme, indem ich dieses unbekümmert in mein Zimmer hineinwerfe, muss ich mir anhören, wie du dein schlecht gehütetes Geheimnis noch schlechter zu vertuschen versuchst. „Am Arsch, das ist dein scheiß Abendessen gewesen!“, entgegne ich dir laut, gleichzeitig bemerkend, dass ich doch auf den schlafenden Igor Rücksicht nehmen sollte. Aber nach allem was wir hier und schon vor dem Umzug mit der Nachbarschaft erleben durften, wirkt es fast so, als haben sich meine Geschwister inzwischen an den Lärm gewöhnt – was jedoch nicht heißt, dass ich unvorsichtiger sein kann. Dabei ist es sogar ein wenig amüsant, mitanzuhören, wie du von einem Lebewesen bei dem Vierbeiner sprichst. Ja, ist klar, Mädchen. Und dann noch die Sache mit dem Tierarzt – bitte hör auf, sonst muss ich noch anfangen zu lachen. „Dreh ihm nächstes Mal den Kopf ab, oder achte besser darauf, dass er nicht in anderer Leute Wohnungen reinspringt, bevor du ihn grillst“, erkläre ich trocken, denn eigentlich will ich mich nicht weiter mit einer solchen Belanglosigkeit befassen. Vermutlich ist es ratsam, jetzt das Fenster erstmal zu schließen. Keine zwei Monate sind her seit wir in die Sheep Alley gezogen sind, und ich habe schon mit jeder Art von Problemen gerechnet, die zu einem unglücklichen Nebeneinanderleben führen könnten. Gewaltbereite Paare, Drogensüchtige, Partyfanatiker – einfach alles. Das aber ein Kater der Katalysator werden würde; wer hätte das gedacht? Einen kleinen Schritt mache ich nach hinten, meine Hand hält schon den Fenstergriff fest, während ich daran bin, deine Laute und die der Leute unterhalb hinter dem riesigen Glas zu verdrängen. ‘ne Nacht ohne Katzenfleisch wirst du ja wohl überleben, nicht?
    • Juan

      Anfeindungen aufgrund meiner Herkunft kenne ich zu Gute, es ist mir nicht neu, ich wundere mich nur, dass ausgerechnet jemand mit einer dunkleren Haut solche Anfeindungen wirklich ergreift. Lustig finde ich es nicht, ich kommentiere es auch nicht wirklich, verdrehe lieber innerlich die Augen, denn wenn es ein Witz gewesen sein sollte, ist er wirklich schlecht, da habe ich schon bessere gehört. Es ändert an meiner Wut nichts, ich sorge mich um meinen Kater und versuche mich zu überlegen, wie ich dir am besten weh tun könnte, ohne gleich aus dem Fenster zu steigen. Ich wünsche dir innerlich alles schlechte, was auch meinem Kater geschieht, denn wer Lebewesen verletzt hat nichts besseres zu tun, aber du sprichst von etwas anderem, du sprichst von meinem Kater als mein Abendessen und für den Moment verschwindet meine Wut, stattdessen breitet sich Verwirrtheit in mir aus. "Mein was?", frage ich ein wenig ungläubig nach, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass du das wirklich so gemeint hast, ich muss mich wohl verhört haben, aber du bleibst bei der Aussage und als du davon sprichst, ich solle Kuro das nächste Mal besser den Kopf abdrehen wird mir schlecht. Ich sehe dich an, kann es wirklich nicht glauben, wovon du da grade sprachst, das konnte doch nicht dein Ernst sein. "Du bist krank", kommentiere ich in aller Ruhe und schüttle mit dem Kopf, ich bin gleichzeitig froh, dass Kuro nicht in deiner Wohnung geblieben ist, denn es könnte ihm noch mehr geschehen, scheinbar.
      Ich bin wirklich verwirrt, wie du überhaupt auf die Idee kommst ich würde meinen Kater fressen, oder wie du selbst Katzen fressen kannst, denn ich bin mir nicht sicher, ob du es wirklich auf mich, oder nicht viel mehr auf dich beziehst. Verrückt ist hier viel zu wenig gesagt, man kann dich nicht mit Verrückten gleich stellen, das ist fast schon abartig, wovon du hier sprichst. Bisher gab es hier wirklich keinen Stress, bisher hatte auch keiner mitbekommen, dass ich eine Katze halte, aber ausgerechnet du muss mir hier Probleme machen. Hoffentlich bekommen das andere nicht mit, aber die meisten hier kümmern sich um sich selbst und die eigene Probleme, statt um die fremden. Nur du, du scheinst im Kopf nicht richtig zu funktionieren, anders erkläre ich mir deine Annahme nicht, ich würde meinen Kater grillen. Vielleicht sollte ich doch das heiße Wasser nehmen, um es dir über den Kopf zu kippen? Es würde nicht bringen, du scheinst das Fenster schließen zu wollen, ein letztes Mal blicke ich angewidert zu dir. "Ich bin Vegetarierin, du Arschloch.. Und Katzen grillt man nicht einmal mehr in China". Ob du es hörst, oder es noch wahr nimmst ist mir unwichtig, ich bin wütend, angewidert und gleichzeitig entsetzt, bis ein kleines Miauen neben mir meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich blicke zur Seite und entdecke meinen kleinen Flauschball, der brav darauf wartet, dass ich ihm Platz mache, um ihn rein zu lassen. Sofort fahre ich ihm durchs Fell, um nach Verletzungen zu sehen, Kuro nimmt es aber als Kraulen wahr und streckt sich, damit ich über seine Lieblingsstelle am Bauch fahren kann. Er miaut noch einmal, dann mache ich ihm Platz, er springt in die Wohnung rein, um zu seinem Napf zu laufen, ich bin wirklich froh, dass ihm nichts passiert ist und der Kerl auf der anderen Seite.. Er kann sich jetzt warm anziehen.
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Eine weitere Beleidigung und das kaum zu hörende ‚Vegetarierin‘ nehme ich wahr, ehe die Fenstertür sich bereits auf halben Wege dem Rahmen genähert hat, als ich plötzlich halt mache und glaube, meine Augen wollen mir zum zweiten Mal am heutigen Abend einen Streich spielen. Doch bestätigt sich schnell was ich für unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich, hielt. „Ey, die Katze lebt!“, spreche ich das Offensichtlichste aus und muss mich sofort selbst bremsen, nachdem ich geschockt realisiere, dass in meiner Stimme ein Hauch von Begeisterung zu erkennen ist und ich das Fenster wieder ein Stück geöffnet habe. Hoffentlich war das nicht allzu auffällig, fuck. Aber mal im Ernst, ist das wirklich derselbe Vierbeiner, den ich eben noch in der Hand hielt? Das graue Fell würde jedenfalls passen. Aber wie? Er scheint mir ganz gesund zu sein, so hat der Kleine sich dir genähert und lässt sich berühren, wie ein Tierhalter es für gewöhnlich machen würde. Hä? Wenn ein Kater es gestattet, dass man es am Bauch anfasst, ist das doch ein Zeichen von Vertrauen, oder wie war das nochmal? Warum also lässt er dich das machen? Vorsichtig wandern meine Pupillen hoch zu dir, und der Gesichtsausdruck verrät mir, dass deine Wut noch immer nicht abgeklungen ist. Huh, ist dir das Essen etwa so wichtig? Was, wenn das aber nicht dein Essen sein soll? Scheiße, nein, als ob. „Ist das so ein einheimischer Trick? Das Tier weichklopfen, dafür sorgen, dass es einen mag, sich entspannt, die Muskeln weicher werden… schmeckt das dann besser für euch?“ Ich kann mir selber nicht erklären, warum ich meine Rassisten-Keule gerade so heftig ausfahre; oder überhaupt, warum ich sowas eigentlich habe. Gerade als Mergelander sollte ich es besser wissen, aber verdammt, ich habe jetzt so angefangen, da kann ich nicht einfach wieder zurückweichen!
    • Juan

      Für solche Menschen sollte es besondere Strafen geben, wie ich finde, denn mir fehlen fast schon die Worte dafür, was hier wirklich passiert ist. Auch ich bin kurz überrascht, dass es meinem Kater gut geht, dass er vor allem auf den ersten Blick unverletzt zu sein scheint, was aber immer noch nichts an der Wut ändert, die ich in meiner Brust verspüre. Jemand sollte dich mal am Nacken packen und mehrere Meter weit werfen, damit du sehen könntest, wie sich so etwas anfühlt, da hat Kuro noch viel Glück gehabt. Ihm muss einiges schon im Leben passiert sein, er weist viele Narben unter dem dichten Fell auf und reagiert oft auf verschiedene Geräusche sehr verstört, oder aggressiv, aber ich hoffe wirklich, dass es nicht mehr Menschen gibt, die zu Tierquälern gehören, wie es bei dir der Fall ist. Wütend blicke ich zu dir rüber, als du wieder das Wort ergreifst, ich habe keine Ahnung, warum du so viel Hass und Rassismus in dir trägst, obwohl du selbst nach deiner Hautfarbe zu beurteilen nicht von hier stammst, oder deine Verwandten. "Du bist mir zuwider", entgegne ich und schüttle ein wenig den Kopf, ich kann es wirklich nicht fassen, dass du davon ausgehst, ich würde Katzen essen. "Ich würde mich nicht wundern, wenn du das mit Kindern machen würdest.. Wie schmeckt eigentlich Kinderfleisch? Sollte ich darauf umsteigen?". Meine Bemerkung ist sarkastisch gemeint, da ich vor allem vorhin erwähnt habe, dass ich mich vegetarisch ernähre, ich gehe auch nicht davon aus, dass du überhaupt jemals daran gedacht hast Kinder zu essen, aber wenn man so einen großen Hunger verspürt, wie wohl in deinem Land, würde man vielleicht auch dazu greifen, oder nicht? Jetzt lasse ich mich wirklich von deinem Rassismus anstecken, ich bin mir langsam vielleicht selbst zuwider.
      "Fick dich einfach.. Und wenn ich dich je wieder in der Nähe eines Tieres sehe, werde ich dafür sorgen, dass du selbst so etwas erfährst". Aber mit Beleidigungen habe ich kein Problem, nein, auch wenn du nicht einmal wirklich das verdienst, wie ich finde. Vielleicht lasse ich mich ein wenig zu weit von meiner Wut treiben, ja, aber es geht hier um meinen Kater, um meinen besten Freund und da ist es keinen anderen Weg dafür gibt.
      Ein letztes Mal sehe ich dich an, bevor ich für mich selbst den Kopf schüttle und mich von dem Fenster abwende. Ich lasse es offen, damit Kuro jeder Zeit rein kann, die frische Luft tut auch gut, es ist noch nicht zu laut draußen, als das es mich wirklich stören wird. Der Appetit auf meine Nudelsuppe ist mir vergangen, ich sollte etwas essen, aber der Gedanke daran, ich soll Katzen essen lässt die Übelkeit wieder hoch kommen. Ein widerlicher Kerl, wirklich.. Ich laufe an Kuro vorbei, der freudig an seinem Napf frisst, fahre ihm noch einmal durch das Fell, er wehrt sich, mag es nicht beim Essen gekrault zu werden, aber er soll spüren, dass ich da bin und dass ich ihn beschützen werde.
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Oh, das ich dir zuwider bin, beruht auf Gegenseitigkeit, meine Liebe. Dieser Eindruck verfestigt sich umso mehr, nachdem du es dir anmaßt Kinder zu erwähnen und sie offenbar gleichsetzt mit deiner Alltagsportion. Den Sarkasmus will ich darin nicht einmal erkennen, für so geschmacklos empfinde ich nämlich deinen “Witz“, “Konter“, oder was immer das auch gerade sein sollte. Doch ist es dir gelungen, mich mundtot zu kriegen; schon alleine die Vorstellung, die drehenden Spieße in dem gedimmten Schaufenster von einst würden nicht aus Katzen bestehen, sondern kleinen Halbwüchsigen… Igor und Renan, während deren Augen unschuldig klar hervorstechen - fast schon reflexartig drehe ich den Blick nach hinten auf das Bett und versuche den kleinen Körper ausfindig zu machen; ah, da ist er. Unversehrt und so tief schlafend wie eh und je. Meine Miene hat sich inzwischen unschön verhärtet, wortlos nehme ich deine Beleidigung und die anschließende Drohung auf mich, die definitiv bei mir angekommen ist und Eindruck hinterlassen hat. Fass meinen Kater noch einmal an und ich fress‘ deine Geschwister. Nahezu erschrocken mustere ich dich an, will mir das Aussehen des Menschen einprägen, das wohl kaum direkter hätte sagen können, was sie gewillt wäre zu tun. Dabei wirkst du sogar recht normal im ersten Moment; wendest mir den Rücken zu, schüttelst zum Abschluss nochmals den Kopf in meine Richtung – ist das etwa ein Ausdruck von Abfälligkeit mir gegenüber? Mir? Hältst du das etwa für in Ordnung, was du tust, und was du gerade gesagt hast? Angeblich seien die Bewohner des Edge Districts umgänglicher als im zwölften, aber verdammt, du bist keine Bewohnerin, du bist ein Monster. Kaum ist deine Silhouette nicht mehr zu sehen, verschließe ich zügig das Fenster und den dunkelgrünen Vorhang ziehe ich gleich mit davor. Da wäre mir ja selbst ein drogenabhängiges Paar dass andauernd Party macht lieber, aber du, du bist ja Irre!


      Samstag, 28. März, 20:12 Uhr. Eine übliche Woche neigt sich dem Ende zu. Die Arbeit ist geschafft, die wichtigste Phase des Trainings vor dem Kampf ebenfalls gemacht, und nun gilt es, darauf zu achten, in der besten Verfassung am großen Tag zu sein. Leider muss ich dabei trotzdem miteinkalkulieren, dass der Wochenkauf getätigt werden muss. Mittags bekommen die Kleinen immerhin was in der Schule oder halt im Kindergarten, aber eine fünfköpfige Familie zu versorgen scheint selbst dann noch ausreichend Arbeit anzubieten, um sich spätestens am Abend wie eine halbe Leiche zu fühlen. Wenn doch nur der Basar nicht so voll wäre, dass man sich wie ein Pinguin fühlt, der in Tippelschritten mit vollen Tüten vor sich hin dackelt. Ein Glück, dass ich bereits die Sheep Alley ins Visier gefasst habe, und damit auch mein sehnlichst vermisstes Bett…

      Gleich am Morgen nach unserer scheußlichen Bekanntschaft, war das Erste, das ich den Kleinen erklärt habe, nie und nimmer das Fenster in meinem Zimmer zu öffnen. Die Nachbarin sei ein sehr schlechter Mensch und wir müssen ihr unbedingt aus dem Weg gehen. Leia als Ältere ist vor allem dafür zuständig, dass die Knirpse nichts Unanständiges in der Wohnung anstellen, wenn ich mal nicht darauf achten kann. Dabei tut es mir immer im Herzen weh, von ihr das zu verlangen, was Anaelle eigentlich machen sollte, ist Erstere doch selber noch ein Kind. Sie ist die Vernünftigste von allen und für ihr Alter viel zu erwachsen – nicht, weil das an ihrer Person liegt, sondern weil sie irgendwann offenbar für sich akzeptiert hat, dass das so sein muss und es im Sinne der Familie ist. Letztendlich ist sie aber auch nur eine elfjährige, in einer Rolle die ihr gar nicht erst gehören darf und weshalb es nur natürlich ist, dass ihr Dinge entgehen. In der Annahme, die Zwerge würden in meinem Zimmer auf dem Boden spielen, hat sie zu ihren Kopfhörern gegriffen um Musik zu hören, nicht wissend, dass Renan die ersten Frechheiten von seinen Freunden angelernt bekommen hat, und auch, wie man andere besonders gut nerven kann. Motiviert durch die vielen Warnungen, welche ich ihnen deinetwegen erteilt habe, und das Erkennen deines offenstehenden Fensters, ist er auf die Idee gekommen, es dir gleichzutun und mit Igor gemeinsam aus einem leeren Block Papierknäuele zu schöpfen. Am Ende sind es an die fünfzig Stück, die sie dir nach und nach hineinwerfen, heimlich laut kichernd und unter der Fensterbank versteckend, dass Leia auch ja nichts bemerkt, und du erst recht nicht. Renans Verständnis nach verdienst du es so zu behandelt zu werden, schließlich habe ich ihnen oft genug erklärt, was du bist. Also wird es doch bestimmt nicht so schlimm sein, dir ein wenig auf den Zeiger zu gehen, oder?
    • Samstag, 28. März, 20:15 Uhr. | schwarzes Kleid & schwarze Stiefel
      Juan

      Das ganze Geschehen vor vor einer Woche interessiert mich eigentlich nicht mehr, ich habe nicht weiter darüber nach gedacht, habe mich viel mehr darauf konzentriert weiter zu leben. Nach diesem Vorfall habe ich lediglich für mich selbst fest stellen müssen, dass es mein Leben jetzt nicht irgendwie bereicherte, nur weil wir eine Auseinandersetzung hatten und ich dich kennen lernen musste. Die ersten zwei Tage danach habe ich kurz mit dem Gedanken gespielt doch noch Rache zu nehmen, aber auch nur, weil Kuro sich anfing komisch zu benehmen. Der Kater wollte nicht mehr aus der Wohnung, blieb dicht ständig bei mir und wollte gar nicht mehr raus treten, da bekam ich kurz die Sorge, der Vorfall hätte deutliche psychische Spuren bei ihm hinterlassen, aber dem war nicht so, denn schon am dritten Tag verschwand Kuro wieder und zog über die Dächer, wie es sonst immer der Fall war. Froh war ich wirklich darüber, denn ich weiß wirklich nicht, was ich getan hätte, wenn er jetzt kaputt wäre, oder vollkommen verstört, aber so hattest du noch Glück und konntest in meinem Kopf quasi wieder in Vergessenheit treten.

      Die Absätze sind deutlich zu hören, als ich meine Sachen zusammen sammle, um die Wohnung gleich zu verlassen, dabei werfe ich einen Blick zu meinem Kater, der aus dem Küchenfenster nach draußen sieht und seufze, denn kurz überkommt mich dann doch die Erinnerung an das letzte Geschehen. Ich solle Katzen fressen.. Das habe ich am Telefon natürlich meinen Eltern erzählt, die paar Tage nach dem Geschehen lachte selbst ich über diese Worte, genauso wie meine Familie, aber gleichzeitig war ich immer noch entsetzt, wie viel Hass wohl in dir stecken muss, dass du von so etwas ausgehst. Kurz überlege ich Kuro vielleicht nicht allein zu lassen, aber ich habe eine Verabredung, die ich wirklich wahr nehmen möchte. Kino, Essen in einem der teuersten Restaurants der Stadt, um anschließend in einem der besten Hotels zu übernachten, ich mochte den Gedanken am Fenster von hinten genommen zu werden, während ich auf die Stadt runter blickte. Es fühlte sich bisher immer so an, als würde die ganze Stadt mir gehören, als würde ich ganz oben angekommen sein, doch ich bin mir selbst dessen bewusst, dass ich es nicht bin. Ich freue mich dennoch, der Spa-Bereich ist dort wunderschön und mit viel Glück werde ich am Morgen alleine in einem großen Bett aufwachen und genügend Zeit haben, um noch in die Sauna zu gehen. Ich kann schon sagen, dass mir das Leben so gefällt, es macht mit letztendlich auch nichts mehr aus hier zu wohnen, in dieser Gegend, es war unauffällig und ich musste mich unauffällig verhalten, jedenfalls in manchen Hinsichten, man durfte nicht herausfinden, wer ich wirklich war aber bisher gelingt es mir sehr gut und genau so kann es bleiben.
      Ich will gerade meine Schlüssel einpacken, als mein Handy vibriert, vermutlich steht meine Abholung schon unten, ich blicke dennoch auf das Display und stelle fest, dass es besser war es getan zu haben. 'Ich muss es absagen, tut mir leid'. Ich runzle meine Stirn und kann nicht ganz glauben, was ich da lese, werde ich hier etwa versetzt? Nein, nein so funktioniert es hier nicht. Kurzerhand wähle ich die Nummer, die mir schrieb, doch ich werde weggedrückt. 'Ich kann nicht sprechen.. Wir müssen es verschieben, ich bin vermutlich aufgeflogen'. Ah, er meint seine Frau, ja gut, schade für ihn, aber hier ging es um mein Geld, um meine Nacht, um meinen Ausblick aus dem vorletzten Stockwerk! Ich bin ein wenig wütend und schreibe direkt zurück, noch bevor ich meine Nachricht abschicken kann folgt schon die nächste. 'Ich bezahle dir die Nacht'. Gut, wenigstens das Geld bekomme ich, weshalb ich seufze und die Nachricht gleich wieder lösche, um ein kurzes ok zu schreiben. Der Mann soll seine Probleme mit seiner Frau selbst regeln, da bin ich nicht der richtige Ansprechpartner und vor allem auch niemand, den es wirklich interessiert.. "Sieht fast so aus, als würde ich doch mit dir hier bleiben", spreche ich zu meinem Kater, der sein Kopf zu mir dreht, als ich meine Stiefel wieder ausziehe. "Pizza und unsere Serie?". Ich bin vermutlich verrückt, weil ich mit dem Tier spreche, aber Kuro springt von der Fensterbank runter und läuft in das kleine Schlafzimmer, ich folge ihm, um meine Schuhe wieder zu verstauen.
      Eine kleine Überraschung wartet auf mich, als ich das Zimmer betrete, denn ich finde auf dem Boden vor dem offenen Fenster etwas, was mir merkwürdig erscheint. Die Stiefel werden abgestellt und barfuß trete ich an das Fenster, um eine dieser Papierkugeln in die Hand zu nehmen und sie zu begutachten. Wie kommt es her? Ich bin verwirrt und blicke raus, erkenne jedoch nur das offene Fenster gegenüber. War das gerade ein Kichern? Es hört sich an, als würden es Kinder sein, aber wie kommen sie auf die Idee, solche Kugeln hier rein zu schmeißen? Wirklich sauer bin ich nicht, eher verwirrt, aber ich beschließe herauszufinden, was es hiermit auf sich hat, so etwas tun doch nur Kinder, oder nicht? "Oh, was ist das denn?", fragte ich ein wenig laut in den Raum hinein am Fenster, als würde ich mich über die Kugeln wirklich gerade erst wundern. "Wer hat denn so etwas hier hin geschmissen? Und das sind gleich so viele!". Ich wartete auf ein Kichern, oder vielleicht eine Kinderstimme, oder hat es der Kerl gegenüber doch selber gemacht?
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • „Psst! Sei‘ leise!“, ertönt es scharf flüsternd von unterhalb der Fensterbank. Sie haben mitbekommen, dass du aufgekreuzt bist und das Feuer eingestellt, wachsam und mit einem kleinem bisschen an Vorfreude, was du wohl zu tun gedenkst, ob es dir bereits aufgefallen ist und wie du reagieren wirst. Die Neugierde zu verbergen stellt sich dabei als die größte Herausforderung dar, so kommt der ältere Renan, der seinen Bruder mahnt, ja vorsichtig zu sein, selber nicht drum umher, den im Sonnenuntergang noch immer gut erkennbaren dunklen Kopf anzuheben, dass die halbe nackte Stirn leicht schimmert. Gelegentlich sammelt sich sein Mut ausreichend genug, um auch mit den Augen ein Stück höher zu rutschen, bis dein Antlitz gut genug zu sehen ist. Schwarzes Kleid, so groß wie Seko, zwei Augen, Nase und Mund sind auch da; menschlich – irgendwie langweilig. Die Courage des großen Bruders animiert schließlich auch Igor dazu, den Blick nach vorne zu wagen, und obwohl du einen so ungewöhnlichen und unscheinbaren Eindruck im ersten Moment erweckst, so sind es trotzdem meine an sie gerichteten Worte, und der Glaube, das ja zumindest etwas daran stimmen muss, Nervenkitzel genug, um weiterzumachen. Aber vor allem dass du so schockiert und fassungslos und entsetzt und ungläubig, laut zu verstehen gibst, dass dein Zimmer tatsächlich zu einem Papierkugelbad umfunktioniert wurde, hat die Operation ‚Monsternachbarin nerven‘ zu einem vollen Erfolg gemacht. Das erneute Kichern lässt nicht lange auf sich warten, und der nächste geworfene Knäuel des Kleineren, in der Annahme sie können weitermachen, ebenfalls nicht. „Du Idiot, geh runter!“, zischt Renan ihn an und das Versteckspiel geht von neuem los.
    • Juan

      Ich warte, ob ich irgendetwas mitbekomme, ob sich irgendjemand meldet, auf dessen Kappe das hier geht. Lange muss ich nicht auf die andere Seite blicken, denn relativ schnell ist ein dunkler Kopf zu erkennen. Die Sonne ist schon gut am untergehen, aber das Licht reicht vollkommen aus, um zu erkennen, dass der Verursacher noch immer da ist. Ein Schmunzeln bildet sich auf meinen Lippen, während ich weiter auf eine weitere Reaktion warte und meine Augen nicht von dem Fenster gegenüber weichen. Ich erkenne bald schon zwei Augen, die mich ansehen, die wohl ein Blick darauf werfen, wer da vor ihnen steht, der Anblick ist kurz, reicht jedoch aus, um festzustellen, dass es nicht der Kerl ist, mit dem ich mich letztens gestritten habe, nein, es ist tatsächlich ein Kind. Hat der Kerl etwa wirklich Kinder engagiert, um mir auf die Nerven zu gehen? Warum jetzt? Wusste er etwa, dass ich eigentlich nicht da sein wollte? Ich lehne mich an meine Fensterbank, der Ausschnitt ist ein wenig tief, dieser gibt einiges preis, aber vor mir befinden sich zwei Kinder, außerdem sorge ich mich nicht wirklich darum, was man sehen kann. "Wie soll ich das nur weg räumen?", frage ich gespielt entsetzt, um das kleine Spiel mitzuspielen. Ich kenne mich mit Kindern wenig aus, muss mich selbst um keine kümmern, aber aufgrund meiner jüngeren zwei Schwestern weiß ich noch ein wenig, wie man mit ihnen umgehen soll und ich kann mir gut vorstellen, dass meine gespielte Fassungslosigkeit den Kleinen, auf der anderen Seite, sehr amüsiert.
      Auf das Kichern muss ich nicht lange warten, irgendwie bessert es sogar meine Laune auf, die gerade eben noch ziemlich gesunken war. Kinder sind manchmal etwas tolles und die Papierkugeln, ja, die kann ich gleich weg räumen, das war jetzt kein Problem, außerdem stelle ich fest, dass Kuro Spaß mit ihnen hatte, denn er fing an sich in ihnen zu wälzen und möglichst viele mit seinen Pfoten zu ergreifen. Eine nächste Kugel fliegt zu mir, landet in meinem Ausschnitt, was mir ein noch größeres Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Die Worte, die von jemanden folgen, deuten an, dass es sich wohl nicht nur um ein Kind hier handle, wohnen sie da? Oder wurden sie mit ein wenig Kleingeld dafür bezahlt? So viel Spaß, wie sie zu haben scheinen kann es keine Aufgabe sein, die sie aufgetragen bekommen haben, oder? "Was mache ich jetzt nur? Kuro, sieh dir mal den ganzen Dreck hier an!". Der Kater mustert mich kurz, weil er nicht versteht, was ich von ihm will, aber das muss er nicht, wichtig ist, dass er seinen Spaß mit den Kugeln hat und ich nun deutlich besser drauf bin. "Wenn doch nur wüsste, wer es angerichtet hat! Der muss definitiv bestraft werden".
      Ich wartete, ob sich noch etwas regen würde da drüben, ob nicht noch etwas passieren wird, ob sich die beiden Jungs noch bewegen werden, wenn es denn nicht mehr, als nur zwei sind. Was mir letztlich aufgefallen war, war der definitiv dunkle Kopf, den ich vorhin sehen konnte, die Hautfarbe ähnelte der, die der Kerl trug, mit dem ich mich letzte Woche gestritten habe. Deine Kinder? Oder vielleicht doch nur Geschwister? Du hast jung ausgesehen, aber das muss ja nichts heißen!
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Deine weitere Entrüstung nehmen die Zwei mehr als positiv auf, und es bestärkt Renan darin, dass du ihnen nichts anhaben könntest. Wie denn auch? Zwar trennen euch nur wenige Fußschritte Luftlinie voneinander, aber die tödliche Höhe gibt ihnen ausreichend Sicherheit, um sich nicht vor dir fürchten zu müssen. Zudem könntest du gewöhnlicher kaum aussehen, und wenn wirklich mal etwas sein sollte, kann man ja immer noch schnell das Fenster zu machen oder Leia zu sich rufen. Alles im allem also ein garantierter Sieg in voller Manier für die Zwerge. Selbst der unvorsichtige Wurf Igors wird auf gleiche Weise von dir kommentiert und bis auf einer leeren Drohung ist es dann auch schon gewesen. In jedem Fall war nichts dabei, was die Beiden sich in ihrer blühenden Fantasie die vergangenen Tage über ausgemalt haben, als von einer gefährlichen Nachbarin die Rede war. Die Zuversicht, gepaart mit dem kindlichen Stolz, der sich aus einer gelungenen Missetat ergibt, sowie die zu erhaltenen Lorbeeren, die erst so richtig an Bedeutung gewinnen, würden sie sich dir offenbaren, sind letztlich Grund genug, um den Schritt zu wagen. Mit dem frechsten und gleichzeitig zufriedensten Gesichtsausdruck das ein Kind je preisgeben könnte, richten die breit grinsenden Brüder sich auf, und schauen geradewegs in deine Richtung, als wollen sie jeden Moment ihre Ehrenmedaillen bei dir abholen. Dabei überrascht es sie zunächst noch, als sie dich runtergelehnt vor sich sehen, und wie du offenbar unsere Wohnung schon längst fest ins Auge gefasst hast, aber letztendlich überwiegt deren Freude über das geglückte Vergehen. „Wir waren das!“, erklärt Renan stolz - „Ja, wir war’n das!“, pflichtet Igor ihm bei, ehe der Ältere fortfährt: „Selbst schuld, dein Fenster war offen!“
    • Juan

      Es zaubert mir wirklich ein Lächeln auf die Lippen, dass die Jungs scheinbar Spaß hatten, die kleine Sauerei war nichts, wenn sie ein wenig Spaß hatten. Ich habe schon länger nichts mehr mit Kindern zu tun gehabt, vor allem seit ich aus meinem Dorf ausgezogen war waren sie wie verschwunden für mich, interessieren mich aber auch sonst nicht so wirklich, doch die beiden hier waren wirklich süß, wie alt sie wohl waren? Bestimmt sechs, oder vielleicht sieben, da kam man auch auf solche Ideen und war wirklich stolz, so etwas gemacht zu haben. Meine Worte bringen auch Resultate, denn kurzerhand beschließen die beiden sich zu zeigen, erheben sich und verraten mir, dass es doch zwei Jungs sind, die auf die Idee kamen in mein offenes Fenster Papierkugeln rein zu werfen. Sie sind so stolz, dass man ihnen wirklich nicht böse sein kann, ich kann ihnen nicht einmal etwas böses dazu sagen, sie haben ihren Spaß, wie man unschwer erkennen kann, sagen noch dazu, ich sei selbst schuld, wenn ich mein Fenster offen lasse. Das Schmunzeln bleibt auf meinen Lippen, ich schüttle kurz den Kopf. "Und wessen Idee war es?", frage ich und mustere die beiden noch einmal. Sie sehen dir ähnlich, fast schon wie aus dem Gesicht geschnitten, die selbe Nase, die selben Augen, aber ich möchte dennoch wissen, ob du nicht dahinter steckst, ob es nicht deine Idee war.
      "Ihr wisst schon, dass man so etwas normalerweise nicht tut?", ich hebe meine Augenbraue kurz hoch, aber mein Schmunzeln will nicht von den Lippen schwinden, wie soll man die beiden jetzt irgendwie bestrafen? Dafür waren sie wirklich zu stolz und zu süß. "Aber ich gebe mich geschlagen, ihr habt gewonnen.. Was habt ihr euch denn als Gewinn vorgestellt?", frage ich, obwohl ich nicht glaube, dass die beiden sich wirklich einen Gewinn davon versprachen.
      Kuro taucht neben mir auf, quetscht sich zu mir auf die Fensterbank und bleibt vor meinem Ausschnitt sitzen, damit ich ihn kraulen kann, wie immer. Er kommt ja auch meist nur dann, wenn es ihm danach ist, nicht, wenn ich möchte, aber ich will ja nicht so sein und nehme meine Hand, um ihn ein wenig zu kraulen und dabei die beiden Jungs zu beobachten. Neugierig blickt der Kater rüber zu den beiden Kindern, legt den Kopf ein wenig schief, aber er bleibt bei mir sitzen und wartet, ob ich mich bewegen werde. "Das Spielen am offenen Fenster ist gefährlich.. Ich glaube, ihr solltet nicht einfach so ans Fenster, oder? Aber ich verrate niemandem etwas, solange ihr es wieder zu macht und euch auf die nächste Schlacht vorbereitet, hm?". Ja, der Umgang mit Kindern war mir fremd, ziemlich fremd, aber ich würde es nicht gern sehen, wenn meine am offenen Fenster spielen würden, was, wenn einer sich zu weit vor lehnt? Ein Gedanke, den ich nicht gern hatte, den ich vor allem nicht weiter zuließ, stattdessen wartete ich auf die beiden Herrschaften vor mir. "Ich gebe mich auch geschlagen".
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • „Renans.“ – „Halt die Klappe!“, grinst der Ältere verlegen zur Seite, sich vollends bewusst, dass die ganze Planung und Ausführung von ihm ausging, obwohl es ihm lieber gewesen ist, die Brüder würden als kollektiv vor dir auftreten, und nicht, dass Igor praktisch, unschuldig und ehrlich wie er ist, direkt mit der ganzen Wahrheit auspackt. Deine anschließende Bemerkung, ihr Handeln gehöre sich eigentlich nicht, nehmen sie dabei erneut kichernd zur Kenntnis. „Na und?“, fragt der freche Renan kleinlaut zurück, die Hand am Rücken nach etwas suchend, was nicht da ist und ihn nur ein wenig von dir ablenken soll. Dein Schmunzeln und die hochgezogene Augenbraue lassen dich nicht so streng wirken wie es Renans Erzieherin üblicherweise ist, und vermitteln den Eindruck, du seist freundlicher und umgänglich. Dies bestätigt sich, als du die Zwei überraschend als Sieger darstellst und auch noch einen Preis anbietest. „Wir bekommen was?!“ – „Ich will ein Eis!“, ruft Igor. – „Ich auch!“ Ohne zu zögern stellen sie dir ihre Forderungen, Schlachtschulden sind schließlich Ehrenschulden, und an die hat man sich auch zu halten, oder so ähnlich.
      Davon überzeugt, die Belohnung wird an sie in Kürze überreicht, blicken sie zunächst noch mit großen Augen auf den kleinen Vierbeiner, der sich zu dir gesellt hat. „Whoa, das ist er…“, flüstert Renan dem Jüngeren zu als das Duo diesen zu Gesicht bekommt, fasziniert und gleichzeitig in leichter Ehrfurcht, nachdem sie realisieren, dass an meinen Worten vielleicht tatsächlich etwas dran sein könnte. Wie kann das aber sein, wenn du doch so nett zu ihnen bist? Du hast schon Recht; würde Leia die Zwei dabei beobachten, wie sie vor dem Fenster stehen – insbesondere Igor, der bei seinen kleinen Beinchen noch einen extra Stuhl unter sich stellen musste -, dann wäre bereits schon lange Schluss mit dem Spielchen. Bevor sie sich aber zurückziehen, steht einmal sowohl der Hauptgewinn an, und dann noch eine Frage, die sie brennend interessiert: „Ey“, beginnt Renan dich anzusprechen, „stimmt es, dass du Katzen isst?“
    • Juan

      Ich fand schon einmal heraus, wie der größere, scheinbar ältere heißt und notiere mir den Namen im Gedächtnis, vielleicht wird er eines Tages von Nutzen sein, das kann ich jetzt noch nicht wissen. Die beiden Racker vor mir scheinen wirklich stolz darauf zu sein, dass sie es geschafft haben mich zu ärgern, auch wenn ich mir noch nicht sicher bin, warum es ihnen so wichtig ist. Wirklich streng will ich nicht erscheinen, ich will auch nicht mit den beiden meckern, dafür finde ich sie zu süß und die Aktion viel zu amüsant, aber den beiden muss definitiv klar gemacht werden, dass sie nicht am offenen Fenster stehen dürfen, da darf einfach nichts passieren. Meine Idee, ihnen den Sieg zu überlassen und einen Preis anzubieten gefällt den beiden Herren scheinbar, sofort einigen sie sich darauf ein Eis zu bekommen, da muss ich aber kurz nach denken, ob ich denn Eis überhaupt zuhause habe. Kurz blicke ich hinein, um durch die offene Tür in die Küche zu sehen, ich denke nicht, dass ich Eis hier habe, aber ich habe Geld, Bargeld, damit kann man sich Eis kaufen! "Ich glaube, Eis ist hier nicht vorhanden", erkläre ich den beiden Jungs und sehe zu ihnen. "Aber ich muss ja fair bleiben..", schließlich möchte ich die beiden nicht verärgern. "Ich gebe euch etwas Geld und ihr holt euch Eis, ist das ein Deal?". Vor allem werden die beiden gut selbst wissen, dass sie möchten und vor allem dürfen, aber da frage ich mich, ob sie alleine in dieser Wohnung sind. Gibt es keinen Erwachsenen, der auf sie aufpasst? Sie scheinen vielleicht maximal sechs Jahre alt zu sein, jedenfalls der ältere der beiden, vielleicht auch sieben, ich bin nicht gut darin, Kinderalter zu schätzen, das ist aber auch eine wirklich schwierige Sache. Was ich jedenfalls sagen kann ist, dass sie definitiv zu jung sind, um alleine in der Wohnung zu sein, doch meine Gedanken unterbricht der Kater, der scheinbar bei den Jungs Aufsehen erregt.
      Ich bekomme das Flüstern nicht ganz mit, kraule aber mein Fellknäul vor mir und nehme das Schnurren wahr, welches mir andeutet, dass ich die richtige Stelle gefunden habe. Schon wieder nehme ich aber diese Anschuldigung wahr, die mir schon andeutet, dass die beiden Jungs irgendwie zu dir gehören müssen, auch wenn das Aussehen dafür schon ausgereicht hat. "Wer erzählt denn so einen Schwachsinn?", frage ich irritiert und schüttle mit dem Kopf. Dämliches Arschloch..Ich würde dir gerne noch andere Worte an den Kopf werfen, aber du bist hier gar nicht zu sehen.. "Ich esse nicht einmal Fleisch.. Und Katzen stehen ganz sicher nicht auf meinem Speiseplan". Mich reizt innerlich diese Frage ein wenig, aber ich lasse mir nichts anmerken, will die Kinder jetzt auch nicht verunsichern. "Ich werfe euch das Geld für das Eis zu und ihr macht das Fenster zu, okay?". Kuro beschwert sich, als ich mich von ihm abwende und ihn auf der Fensterbank alleine lasse, aber ich brauche mein Portemonnaie und laufe dafür ins Wohnzimmer, um die kleine Handtasche zu ergreifen, die ich vorhin noch mit nehmen wollte. Zwanzig Dollar sollten fürs Eis reichen, oder nicht? Ich habe es nicht kleiner und nehme den Schein, um zurück zum Fenster zu laufen. Irgendwie muss er jetzt darüber, aber die Papierkugeln sind scheinbar auch gut geflogen, so wird ein Stück Papier genommen, der Schein gefaltet, in die Mitte des Papiers gelegt, welches zu einer Kugel zerknüllt wird, um gut geworfen werden zu können.
      "Seid ihr eigentlich alleine da? Ist kein Erwachsener anwesend?", frage ich die beiden Kinder, als ich zurück am Fenster stehe, um diesen Gedanken noch zu Ende zu bringen. Ich deute den beiden auch die Kugel an, bevor ich sie in das offene Fenster rein werfe, um ihnen ihr Gewinn zu überbringen. "Ich denke, dass sollte fürs Eis reichen".
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • „Deal!“, ruft Renan erfreut zurück, jetzt schon darüber grübelnd, welche Sorte er sich wohl genehmigen wird. Die Entscheidungsfreiheit ist ihm dann doch wertvoller als der schnelle Genuss, da lässt es sich einfacher darüber hinwegsehen, dass du ihnen nicht direkt das geben kannst, was zugesichert wurde. Trotz allem hast du in jedem Fall die Sympathiepunkte auf ganzer Linie für dich beanspruchen können, obwohl es ihnen nicht ganz schmeckt, dass du meine Erklärungen als Schwachsinn abstempelst – wobei das letzten Endes nichts weiter als eine bloße Nebensächlichkeit ist, denn dafür befinden die Beiden sich in einer viel zu guten Stimmung. Deren strahlenden Gesichter weichen nicht im Geringsten, genauso wenig wie sich ihre Lippen öffnen, als du fragst, wer für das Gerücht überhaupt verantwortlich sei. Für sie ist es in dem Moment völlig gleich, ob du nun Vegetarierin bist oder nicht, oder ob du Katzen zu dir nimmst oder nicht, wichtig ist erstmal nur der Preis. „Ist gut!“, akzeptieren die Zwerge deine Auflage, das Fenster sodann zu schließen, geduldig wartend, bis du ihnen das Geld in einem der vielen Bällchen zurückwirfst und abschließend eine weitere Frage stellst, die keiner Antwort mehr bedarf, als Leia plötzlich vom Nebenzimmer nachgehen sieht und erschreckt feststellen muss, was die Kleinen in den wenigen Minuten ihrer Abwesenheit angestellt haben. Geschwind eilt sie zur Front, packt Igor direkt und setzt ihn sicher auf dem Boden ab, ehe sie zur Klinke greift, dir einen abschließenden, misstrauischen Blick zuwirft, und das Fenster schließt, abermals mitsamt des zugezogenen Vorhangs, der dir die Sicht versperrt.


      Sonntag, 29. März 2020, 20:58 Uhr. Meine Schwester hat mir noch am gestrigen Abend nach meiner wenig später erfolgten Ankunft von dem Ereignis mit dir erzählt. Kurz stand ich schon davor, dir deshalb direkt ins Fenster reinzubrüllen, dass du dich ja von ihnen fernhalten sollst, neben ein paar weiteren unklugen Dingen, die ich vermutlich im Eifer des Wortkampfes an dich gerichtet hätte, aber vermutlich wäre es genau das gewesen: unklug. Das Ergebnis deiner Begegnung mit den Giftzwergen war lediglich ein vermeintlicher Gewinn von 20 Dollar, zwei glückliche Brüder und ein mehr oder weniger aufgezwungener Nachmittag in einer Eisdiele. Die Zeit dazwischen habe ich halb unwillkürlich damit verbracht, für mich selber zu erschließen, wie ich mit dir umgehen sollte. Die graue Katze von letzter Woche lebt noch, und eigentlich sollte es mir doch egal sein, was du deinem Magen alles antust. Und mag ja sein dass deine Geschmacksknospen eine mehr als perverse Vorliebe besitzen, aber Kinder, das würde ich nicht mal dir zutrauen. Irgendwie bescheuert, dass ich das überhaupt so ernstgenommen habe. Wahrscheinlich geschah das einfach aus dem Affekt heraus – warum zur Hölle landet auch so ein streunender Kater direkt vor mir sitzend in meiner Wohnung? Ich seufze laut, es ist schon wieder ein Sonntag. Igor schläft wie gewohnt auf meinem Bett, Renan auf Anaelles, und Leia dürfte auch inzwischen soweit sein. Morgen ist ein bedeutender Tag für die Jüngsten, und für mich heißt das gleichzeitig, dass mir in Zukunft etwas Arbeit abgenommen wird. Also kann ich mich fortan besser auf mich selber konzentrieren; das Ziel bleibt nach wie vor der Kampf kommende Woche, der Tag, an dem ich in der Form meines Lebens zu sein habe. Der Haushalt ist diesmal früher erledigt, mein Geist wirkt frisch und die Augen gleiten rüber zum zugeschlossenen Fenster. Hm.

      „Ey!“, rufe ich zu dir rein und schnipse gleichzeitig in deine Richtung, nicht ganz sicher, ob ich mich gerade zum Affen mache oder es gleich komplett lassen sollte. Auf der breiten Fensterbank sitze ich mit dem Becken halb darauf, der Oberkörper zu deiner Wohnung gewandt, während das linke Bein neben mir fest auf dem Parkettboden platziert ist, jederzeit bereit, die Fliege zu machen, sollte ich es mir mittendrin doch noch anders überlegen.


      Kleidung: Shirt, Hose, Socken
    • Juan

      Wenn man jemanden glücklich gemacht hat, kann man doch davon ausgehen, dass es ein guter Tag ist, oder nicht? Ich war zuerst enttäuscht, dass meine Verabredung abgesagt hat, aber letztendlich haben es die beiden Jungs von gegenüber wieder gut gemacht, indem ich sie einfach nur zum lächeln gebracht habe. Sie scheinen glücklich über die zwanzig Dollar zu sein, ich habe noch gefragt, ob es keinen Erwachsenen gibt, denn die Sorge, sie würden da gerade wirklich allein sein, überkommt mich. Letztendlich gibt es keine verbale Antwort, aber dafür ein weiteres Gesicht, eine junge Dame erscheint und bevor ich überhaupt etwas sagen kann, ergreift sie die Jungs, schließt das Fenster und schließt die Gardinen. Gut, jetzt weiß ich, dass die beiden Racker in Sicherheit sind, aber das junge Mädchen konnte auch nicht sonderlich viel älter sein, oder nicht? Es wirkte nicht so, aber damit wäre die Annahme, es seien deine Kinder, fast schon raus, immerhin schätze ich dich auf höchstens Mitte zwanzig, oder du hast sehr früh damit begonnen, dich um deinen Nachwuchs zu kümmern.
      Kurz bleibe ich noch im Fenster stehen, gehe das Ereignis von gerade eben noch einmal durch, bevor ich mich auch wieder rein bewege, um die Papierkugeln aufzusammeln. Ein Lächeln erscheint wieder auf meinen Lippen, irgendwie mag ich die beiden Jungs, es hat bisher keiner Papierkugeln in meine Wohnung geworfen.
      Sonntag, 29. März 2020, 20:59 Uhr.| Graue Jogginghose, grauer BH, graue Strickjacke
      Es ist Sonntag und damit habe ich mir eigentlich Entspannung versprochen, die mir jedoch fehlt. Irgendwie ist es mir langweilig, auch wenn ich absichtlich keine Verabredung für heute gesetzt habe, denn eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass ich gestern ausgehen würde, ich ahnte ja nicht, dass meine Verabredung absagen wird. Er hatte mir das Geld noch gestern überwiesen, aber sich seit dem nicht mehr gemeldet und so wartete ich auf irgendetwas, um meine Langeweile zu bekämpfen, oder die Zeit ein wenig schneller zu drehen, um gleich schlafen gehen zu können. Ich freue mich auf morgen, ich habe mir einen Friseurtermin gemacht, die Nägel werden auch gleich mit gemacht, ein entspannter Vormittag für mich, bevor es Abends wo anders hin gehen wird, aber dafür muss die Zeit heute ein wenig schneller vorbei laufen. Mit Kuro habe ich schon gemeinsam die neue Folge unserer Lieblingsserie gesehen, wir dürfen bis nächste Woche warten, um zu erfahren, oder Maria sich trennen wird, oder nicht, dass man auch immer so auf Spannung gehalten wird.. Theoretisch ist das Netz voll mit Serien, mein Bücherregal voll mit Büchern, die ich noch nicht gelesen habe, aber ich liege dennoch auf meinem Bett und kann mich irgendwie nicht dazu aufraffen irgendetwas zu tun. Vielleicht könnte mir ein Bad gut tun? Ja, das ist schon eine gute Idee. Oder Bad und Pizza? Meine Hand fährt weiter durch das graue Fell meines Katers, der neben mir liegt und ein wenig entspannt, ich weiß, dass er nur ungern mit ins Bad kommen wird, so will ich noch nicht direkt aufstehen, um ihn nicht zu stören. Kuro mag kein Wasser, er mag es auch nicht ein Mal im Quartal gebadet zu werden, wenn er beschließt sich irgendwo herum zu treiben, wo er dreckig wird, manchmal kann er sich halt nicht selbst sauber machen. Er mag auch kein Regen, in der Regenzeit sehe ich ihn ständig in der Wohnung, dafür ist er in den warmen Nächten gerne manchmal auch tagelang weg..
      Ich höre einen Ruf von draußen, reagiere aber nicht sofort, denn hier in dieser Straße ist es oft laut, hier schreien Menschen einfach so zwischendurch. Meine Augen blicken zu dem geschlossenen Fenster, ich nehme nur unbewusst jemanden wahr, denke aber nicht daran, dass du es sein könntest. Doch das Schnipsen lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf das Fenster, lässt meinen Kopf heben, um dich draußen sitzen zu sehen, meinst du jetzt mich? Hast du vor mir einen Vortrag darüber zu halten, warum ich meinen Kater noch nicht aufgefressen habe? Kuro blickt auf, bewegt sich vom Bett, denn das Schnipsen macht ihn neugierig, ihn machen so viele Geräusche neugierig.. Dein Blick ist auf mein Fenster gerichtet, kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich will nicht aufstehen, ich will auch nicht mit dir reden, aber mein Kater beschließt jetzt raus zu wollen, eine seiner typischen Launen. Mit der Pfote berührt er mehrmals die Scheibe und blickt zu mir, um mit dem Miauen anzudeuten, dass ich mich gefälligst bewegen soll, um ihn raus zu lassen. Ich pariere, erhebe mich, richte meine Strickjacke, öffne das Fenster und lasse den Kater raus, der wieder verschwindet. Meine Augen blicken zu dir, ich hebe eine meiner Augenbrauen hoch, um dich zu mustern. "Was willst du?", ich wirke neutral, auch wenn ich gerne unfreundlicher wäre. "Willst du mir einen Vortrag darüber halten, wie ich meine Katze vorbereiten soll, um sie richtig zu fressen?".
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Was die Bengel mir heute beim Eis essen erzählt haben, stimmt tatsächlich, so sehe ich mit meinen eigenen Augen den kleinen Kater aus deinem geöffneten Fenster hervortreten und ins Freie laufen. Doch ist es gleich deine zickige Attitude, die mich meine Entscheidung bereuen lässt, das Gespräch erst gesucht zu haben. ‚Was willst du‘, huh? Das erinnert mich direkt an unsere erste “Unterhaltung“, und wie du mir gedroht hast, bevor ich auch nur überhaupt die Gelegenheit bekam, etwas zu sagen oder mich zu erklären. Aber gut, ich bin jetzt hier, du bist es auch, und wenn das schon geschafft ist – was man, bei aller Liebe, nicht unbedingt für selbstverständlich halten muss -, dann kann ich mich auch sicherlich zu ein paar Wortwechseln durchringen, obwohl es mir gerade wieder seltsam heftig in den Lippen juckt, das Katerthema anzusprechen. Aber gut, wird schon schiefgehen, irgendwie. „Nein.“
      Wow, dein Ernst, Seko? Genauer ging die Antwort nicht? Wobei, eigentlich… immerhin! Positiv bleiben, das war doch kein so verkehrter Start. Innerlich versuche ich mich für den zweiten Anlauf zu sammeln – ein Kraftakt, der mir schwerer als die härteste Trainingseinheit erscheint. Diese hochgezogene Augenbraue pisst mich so an, scheiße, warum ziehst du deine Augenbraue so hoch? Ganz cool, ich darf nicht vergessen, dass du ‘n bisschen nett zu den Bengeln gewesen bist. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass du meinen Geschwistern ein kleines Geschenk gemacht hast. Du wirst sicher nachvollziehen können, warum ich das nicht so ganz glauben konnte…“, sage ich zu dir in einem eher schludrigen Tonfall, gedanklich dabei schon mit Krämpfen versuchend, die unwichtigsten Ergänzungen möglichst raus zu filtern - wie zum Beispiel, dass du eine katzenfressende Hexe bist -, um einer weiteren Hässlichkeit zu entgehen. So unangenehme Gespräche zu beginnen, ist echt ekelhaft. Das letzte Mal bei mir war vielleicht, als ich selber noch zur Schule ging und mich vorm Lehrer wegen nichtgemachter Hausaufgaben verantworten musste, was weiß ich. Das jetzt ist aber etwas völlig anderes.
      Kurz beuge ich mich in den Raum runter, einen kleinen Augenblick dauert es, ehe mein Körper wieder zu sehen ist, diesmal mit einem Kissen in der Hand, welches du mir noch vor ein paar Tagen rüber geschmissen hast. Mit einem schnellen Wurf lasse ich es wieder in deinen Besitz übergehen. „Das Geld bekommst du noch. Wir brauchen keins“, will ich dir streng dreinblickend klarmachen.
    • Juan

      Ich hoffe wirklich nicht, dass du vor hast mich wieder wegen deiner komischen Einbildung, ich würde Katzen fressen, ansprechen, sonst ist mein Fenster gleich ganz schnell wieder zu. Ja, ich habe Langeweile und weiß nicht, was ich tun soll, oder will, aber ich habe keine Lust mich wieder hier an diesem Fenster zu streiten, denn das letzte Mal habe ich nicht gut in Erinnerung, da hast du nämlich meinem Kater weh getan. Kaum frage ich dich, ob das auch wieder das heutige Thema ist kriege ich ein kurzes nein als Antwort, was ich nicht so ganz glauben mag, immerhin hast du den Kindern auch solch ein Schwachsinn erzählt, doch ich warte mit gehobener Augenbraue, während ich mir die Zeit nehme dich zu mustern. Die Kinder müssen definitiv deine sein, oder deine Geschwister, ihr seid euch sehr ähnlich im Gesicht und eigentlich muss ich fest stellen, dass du vielleicht ein wenig süß wärst, wenn du meinem Kater nicht weh getan hättest. Du sprichst, ich höre dir zu, filter gleich das heraus, was ich wissen wollte. Geschwister! Ja, okay, scheinbar drei Stück, die Information merke ich mir, speichere sie mir ab, höre dir weiter zu. Du sprichst sicherlich von dem Gewinn, welchen die Jungs sich verdient haben, aber ich kann nicht ganz nachvollziehen, ob du zufrieden, oder eher weniger begeistert davon bist. Ich kreuze meine Arme unter der Brust, lehne mich gegen den Fensterrahmen an, blicke aber noch immer zu dir. "Weil du denkst, ich würde sie eher auffressen? Irgendwie musste ich sie davon abhalten am offenen Fenster zu spielen", verrate ich schulterzuckend und beobachte, wie du dich runter beugst, um nach etwas zu greifen. Kurz überlege ich das Fenster zu schließen, weil ich dir zutraue mich mit Eiern oder irgendwelchem ekeligen Zeug zu bewerfen, doch ich entdecke mein Kissen und bin beruhigt, dass ich nicht über reagiert habe.
      Das Kissen fange ich auf, löse dafür meine Arme von unter der Brust, werfe es aber weiter in den Raum hinein, ich werde es waschen müssen, vor allem überprüfen, ob du nicht eine Knopfkamera dort versteckt hast, würde ich dir sofort zutrauen, doch das kann noch warten. Scheinbar gefällt dir meine Geste aber nicht, hast ein Problem damit, dass ich den Kindern Geld gegeben habe. Ich schüttle mit dem Kopf. "Lass stecken", ich brauche die zwanzig Dollar jetzt wirklich nicht, außerdem haben sich die Kleinen wirklich gefreut. "Es war für die Kinder, nicht für dich..". Da bringt es auch nichts, dass du versuchst streng zu gucken. "Sie haben es sich verdient.. Pass lieber auf, dass sie nicht am offenen Fenster spielen.. Und nicht solch einen Schwachsinn glauben ich würde Katzen fressen". Das würde ich so schnell nicht vergessen. "Haben sie wenigstens ihr Eis bekommen?".
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."