in umbra lucis (akira & laska)

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    • in umbra lucis (akira & laska)

      Die Hand an ihrem Arm war unnachgiebig und sobald Roh nur ein wenig zu langsam ging, drückte sie zu. Sie konnte die einzelnen Finger durch den dicken Sweatshirt-Stoff spüren und hasste sie alle. Wenn Roh dann noch langsamer ging oder vorgab zu stolpern, drückte die Hand sie nach vorne und wenn sie dann von dem Stoß noch mehr straucheln musste, kam eine andere Hand hinzu und die Schwarzhaarige wurde ohne ein Wort zu verlieren, einfach weitergetragen. Sie hatten keine Zeit für ihre Spielchen und seit beinahe zwei Jahrzehnten waren es tagtäglich dieselben kleinen Spiele. Roh drehte ihren Kopf, sah aus den Augenwinkeln einen Schatten vorbeihuschen. Das Rauschen und Flüstern war nur dumpf, zu hell waren die Deckenleuchten. Das stumme Testobjekt kniff die Augen zusammen und drehte den Kopf zur Seite, während die Arme unter ihren Achseln sie den Gang entlangtrugen. Der Schatten hechtete ihr nach und nur langsam schien Roh zu verstehen. Die Worte waren undeutlich, aber sie wurden immer lauter. Lauf weg? Sie schüttelte irritiert den Kopf. Als hätte sie das nicht schon tausende Male versucht. Auch wenn es ihr durch ein Wunder gelang, den Körper ohne Zwischenfälle zu wechseln, hatte sie es noch nie bis zur Flucht selbst geschafft. Roh schnaufte und sofort spürte sie einen Zug an ihrem Arm. „Was denn? Darf man hier nicht einmal mehr atmen?“, brummte sie genervt und das Violett ihrer Augen sah dumpf von unten hinauf. Wie sehr hasste sie diese Männer. Es waren immer Männer, die sie von ihrem Zimmer zu den Forschungsräumen brachten und einer war schlimmer als der andere. Sie wünschte sich so sehr, dass sie einfach fortlaufen könne. Roh sah aus den Augenwinkeln immer mehr Schatten auftauchen, die es schwer hatten, sich durch das krankenhausartige Licht Gehör zu verschaffen. Doch Roh brauchte nicht verstehen, was sie sagten. Das weiße Rauschen in ihren Ohren schwoll zu einem statischen Wellenbrechen an und Roh wurde nervös. Wenn sie sie warnen wollten, dann war … Ein ohrenbetäubendes Geräusch erreichte sie zugleich mit dem weißen Blitz und Staub, Steinen - die Wände kamen in kleinen Stücken nieder. Es passierte so viel während eines Wimpernschlags, dass Roh in sich zusammenzuckte. Hinter ihnen spürte Roh die Hitze auf sie zu kommen und drehte ihren Kopf, ihr Herz zog sich zusammen. LAUF WEG. LAUF WEG. LAUF WEG. Und bevor die Aufseher die Lage überblickt hatten, riss sich Experiment 716 los. Die kräftigen Finger der Männer versuchten sich in ihrer Kleidung zu verfangen, doch Roh war schneller und wand sich aus ihrem Griff. Und rannte. Weitere Wände stürzten ein, während die Schatten ihren Weg begleiteten und Roh gehetzt nach Luft schnappte. „Shit. Shit. Shit!“ Als müsste sich Roh beweisen, dass sie nach Tagen Schweigen oder Flüstern noch eine Stimme hatte, stieß sie die verschiedensten Flüche aus. Die meisten kannte sie von Experimenten, denen mehr Jahre zwischen normalen Menschen vergönnt gewesen waren. Sie entdeckte ein Fenster, welches weit offenstand, warf einen Blick zurück – die Aufseher versuchten ihr hinterherzuhechten, aber sie waren zu grobschlächtig und die Wände nachgiebiger als sie. Sie fielen wie Domino-Steine und Roh hätten diesen Anblick liebend gerne länger genossen. Die Flammen schlängelten sich jedoch den Gang entlang, Roh konnte Schreie hören, angsterfüllte und wütende. Und ein Lachen. Hatte es der Feuerteufel also doch geschafft. Roh zögerte nicht länger und sprang. Sie riss die Augen auf, erwartete einen Aufprall und schaffte es doch, nur ein wenig angeknackst aufzukommen und sich langsam aufzurappeln. Hustend humpelte Roh so schnell es ging fort von dem weißen Gebäude fort, welches wie ein Gott über ihr ragte und aus seinen Löchern rauchte.

      Sie wusste nicht, wie lange sie gelaufen war. Aber sobald die Bäume ihre Gestalt versteckten, lief sie langsamer, warf nur noch hin und wieder einen Blick nach hinten. Die Sonne brach durch die Blätter und Roh konnte zum ersten Mal seit Langem den Wind wieder um ihre Nase spüren. Ein tiefer Atemzug und ihre Lungen waren mit frischer Luft gefüllt und Roh lief langsam weiter. Erst ein Knacken ließ sie innehalten und sie drehte sich nach rechts, sah direkt in das Gesicht eines jungen Mannes und erschrak. Sie erstarrte zur Salzsäule und hob die Hände. „Ich tue dir nichts!“, rief sie aus und senkte ihren Blick. Meine Augen. Sie werden ihm Angst machen. Er wird die Polizei rufen! Durch Rohs Kopf jagten die verschiedenen Möglichkeiten, die sie hatte und wenige schienen gut für sie auszugehen. Sie ging langsam einen Schritt zurück, behielt den Mann im Auge.
    • Der eigene Kopf befand sich oft in andere Hemisphären - gleich wie die Gedanken, die es nun einmal nicht einzuzäunen galt. Tybalt war sich sicher, dass er eigentlich mit Absicht einen Abstecher in den Wald geplant hatte, einfach nur, weil er die Wahl hatte, weil es keinen kümmerte, wohin er ging, solange er wieder in einem Stück nach Hause fand, allerdings wartete dort auch nicht mehr als ungelesene Post und gähnende Leere, ein paar Pflanzen von denen er sich nicht sicher war, ob sie lebten oder starben und schlussendlich noch er selbst, seine eigene Reflektion im Spiegel. Hätte er sich ein ruhigeres Leben ausgesucht, dann würde in seiner Wohnung vermutlich auch nur ein Staubkorn durch die Gegend fliegen und Tybalt heißen, aber wen kümmerte all das auch? Frischluft war noch immer eine gute Erholung, zumindest glaubte der Schwarzhaarige daran und wusste auch sogleich, wo er sich diese am besten beschaffen konnte - dass er sich allerdings die Mühe machte, die Stadt zu verlassen und den eigenen Schleier über seinen Augen zu lüften, nur um die Welt zu sehen, wäre vermutlich nicht nötig gewesen. Manch einer würde sich vermutlich mit Lappalien plagen, sich fragen, was genau es war, dass er mit dem Rest seines freien Tages anstellen würde, aber das wäre doch noch langweiliger als sein eigentliches Leben, nicht? Wieso sich auch der Normalität widmen, wenn er sich aus der eigenen Komfortzone reißen konnte, seine teuren Schuhe auf dreckigen, unebenen Boden stellte und die Welt in einem ganz anderen Blickwinkel betrachten durfte?

      Wäre er Künstler geworden, dann hätte er die Landschaft vermutlich gezeichnet, seiner Kreativität freien Lauf gelassen, aber das wäre - dementsprechend - nicht er. In Wahrheit war auch Tybalt nichts weiter als ein Heuchler, der beinahe schon krankhaft jedem gefallen wollte, oder aber sich eben genau das einbildete und sich ein falsches Bild von sich selbst machte. Was auch immer es war, ob es nun die brechenden Äste oder der zerrüttete Dreck waren, eigentlich hätte er die Augen - oder zumindest das eine, das funktionierte - weit aufreißen müssen, kaum hörte er Geräusche, die sich nach etwas anhörten, das wie aufgebracht durch den Wald rannte, aber er ignorierte all das, zumindest so lange er konnte. Was sollte auch passieren? Ein wildes Tier, das ihn anfallen würde, würde sich nicht extra den Weg durch den gesamten Dickicht bahnen, nur um das mickrige Fleisch von seinen müden Knochen zu reißen und es dann zu verschmähen, weil die hagere Gestalt vielleicht doch etwas mehr auf den Knochen haben könnte. Das, was er erhaschte - und dafür nicht nur ihm Augenwinkel - ließ ihn allerdings nicht sonderlich aufatmen. Violette Iriden starrten ihn an und die Gestalt, zu der sie gehörten, war wohl oder übel nicht farbenfroher als er selbst. Was genau ...? Nein, er bildete sich vermutlich irgendwelche Dinge ein, der Winkel, in dem er stand war nicht richtig, die Sonneneinstrahlung war vermutlich auch daran schuld und er starrte in ein Paar braune oder blaue Augen. Tybalt war allerdings auch derjenige, der schon alsbald seine Hände hob. "Das ... hab' ich auch gar nicht erwartet", gab er zu verstehen, nun da sie beide einen gesunden Abstand zwischen ihnen beiden wussten. "Ist alles in Ordnung? Kann ich ... kann ich dir helfen?" Irgendwie sah sie aufgeregt aus, aber warum auch?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Roh konnte nicht genug von dem Mann vor ihr sehen. Ihre Augen waren auf den Boden vor ihr geheftet - das Licht der Sonne sollte ihr Gesicht nicht treffen. Viel zu schnell würde die Stimmung kippen. Zumindest seine Schuhen waren schöner als die der Wachen oder der ForscherInnen. Sie glänzten, wenn man von dem Dreck des Waldes absah. Noch immer mit erhobenen Händen sah sie zwischen den dichten Wimpern ein Stück nach oben, seine dunkle Hose hoch, die allein schon, weil sie aus keinem grell-leuchtendem Weiß war, einen Vorteil gegenüber denen der Aufseher hatte. Rohs Schultern sackten etwas entspannter und vermutlich auch erschöpft - auch wenn sie es nicht zugeben würde - herab, als allen immerhin klar war, dass sie keine Gefahr darstellte. Jedenfalls jetzt nicht, per se war das eine andere Sache. Doch war ihr Gegenüber eine? Roh zog die Kapuze ihres dunkelgrauen Hoodies über die schwarzen Haare und zog ihn sich etwas tiefer ins Gesicht. Die Kleidung in der Einrichtung war genauso trostlos wie alles andere an ihr. Grauer Hoodie, schwarzes T-Shirt, schwarze Jogginghose. Eine Uniform, die nicht trister und nichtsaussagender sein konnte. Sie schämte sich beinahe im direkten Vergleich zu der Kleidung, die der junge Mann trug. Sie hob ihren Kopf langsam etwas an und warf einen gehetzten Blick nach hinten. Dann sah sie zurück nach vorne und lehnte sich leicht an den Baum neben ihr, ihr linkes Bein hielt sie vorsichtig über den Boden. "Ich ... ich hab mir den Knöchel verstaucht", sagte sie zögernd und schüttelte leicht den Kopf. Sie hatte keine Zeit für eine Geschichte oder für Höflichkeit. Zumal Roh ihrem Namen gleich nie durch eine gute Schule gegangen war. Auch wenn sie es gewollt hätte, hätte sie nicht vorsichtig vor sich gehen können. "Ich muss hier weg. Kannst ... kannst du mich einfach her wegbringen? In die nächste Stadt, wirklich irgendetwas reicht." Sie konnte den Rauch allmählich auch hier riechen, die Zeit und die Natur waren nicht auf ihrer Seite. Sobald klar war, dass mindestens ein Experiment das Gelände verlassen hatte, waren die Tore der Hölle für Roh offen. Nach einem weiteren Blick nach hinten, traute Roh sich, das Gesicht des Mannes zu mustern. Seine Stimme war angenehm, das komplette Gegenteil von den keifenden Stimmen, die sie sonst kannte. Sie fasste zwar kein Vertrauen, aber sie erwartete auch keinen Kampf. Als sie seine Augen erreichte, stockte sie. "Du .. deine Augen?" Einer von ihnen? Hier? Es gab welche von ihnen draußen?! Eine Freude stieg in Roh auf, die sie so nicht von sich kannte, doch als sie sich einen Schritt humpelnd in seine Richtung bewegte, sah sie, dass das helle Auge ihr nicht folgte. Es konnte nicht. Erneut erstarrt blieb sie stehen und senkte sofort wieder den Blick. Fuck.
    • Tybalt hatte keine Ahnung, wer sie war, wieso sie vor ihm stand oder warum sie ihm keines Blickes würdigte, doch selbst dieser Antwort bedurfte es nicht. Diese Situation allein fühlte sich falsch an, die bloße Begegnung und das Aufeinanderprallen zweier Welten - ihrer Welten - war verrückt genug. Zugegeben, er selbst fühlte sich so, als würde das gefesselte Herz in seiner Brust höher schlagen, einzig und allein deswegen, weil ein gewisser Adrenalinpegel in seinem Inneren anstieg und er sich selbst erst bewusst wurde, mit welchem Feuer er hier zu spielen begann. In Wahrheit war Tybalt Cristo nicht mehr als ein einfacher Mensch, der sich lediglich dadurch von der Masse abhob, wenn sein milchiges Auge durch rabenschwarze Strähnen stach, oder aber dadurch, dass seine Rastlosigkeit, seine Insomnie, tiefe Kerben und Spuren an ihm hinterließen, die sich oftmals durch dunkle Augenringe auszeichneten. Sah er nun wirklich so unansehnlich aus, dass die violetten Augen, die er noch immer nicht als solche wahrnehmen wollte, sich von ihm abwandten und er des ihren Blickes nicht wert war? "Das ... hm. Brauchst du einen Arzt? Oder soll ich dir einfach nur meine Schulter borgen, damit du dich abstützen kannst?", hinterfragte Tybalt, als er die lauwarme, schlecht aufgebrühte Erklärung der jungen Frau vernahm, die wohl oder übel gar nicht erst über ihre eigentlichen Umstände reden wollte. Das, wie auch sonst so vieles, störte ihn gerade noch am aller wenigsten. Von hier weg, aus dem Wald, der sich alsbald mit einem anderen Geruch füllte, der nichts Gutes bedeutete, huh? Machte er sich strafbar, wenn er ihr einfach nur unwissend seine Hilf anbot? Wen kümmerte das auch? Wer würde schon von jemandem wie ihm erwarten, dass er wissentlich gehandelt hatte und wer würde überhaupt herausfinden, wie einer von ihnen beiden von A nach B kam, wenn sie sich beeilten? "Ich meine, ich kann dir zumindest den Weg in die Stadt zeigen?", bot er ihr an, dennoch, kaum fielen eben jene Worte über seine Lippen, schien sie aufzusehen, näherzukommen und ihn - einen stinknormalen Menschen - genauer zu betrachten. Was war Angst, wenn man sie nicht in Worte fassen konnte und was war Faszination, wenn sie sich gerade in fremden Augen widerspiegelte? In Wahrheit zerfraß sich doch der Sand der Zeit an ihnen beiden. "Kein Grund zum Unmut", bemerkte Tybalt mit einem Lächeln, als sie beinahe schon enttäuscht den Blick von ihm abwandte. "Ein blindes Auge bedeutet nicht, dass ich gar nichts sehe", erklärte er und, als ob er demonstrieren müsse, dass dem wirklich so war, bewegte er eine seiner Hände vor dem Auge, das wohl kaum eine Reaktion darauf zeigte. Was hatte sie sich auch erwartet? "Mh, also, wenn wir den Weg nehmen, aus dem ich gekommen bin, dann ist die Stadt nicht weit von hier." Nicht, dass er auf die Fremde warten musste, oder ihr nicht helfen sollte, aber alsbald nahm der junge Mann die Beine in die Hand und wandte sich von ihr ab. "Immer mir nach, würde ich behaupten?"
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    • Roh versuchte so viel von dem Mann vor ihr zu erhaschen, ohne zu viel von sich preis zu geben. Ein viel zu schwieriges Spiel mit viel zu dünnen Grenzen für jemanden, der den Flammen so knapp entkommen war. Ohnehin begann ihr Herz immer schneller gegen ihre Brust zu schlagen. Hinter ihr wütete das Chaos und sie konnte es in ihren Knochen spüren. Sie musste fort von hier und doch hielt ein pochender Schmerz sie zurück. Und wer wusste schon, wie weit und wie schnell eine junge Frau lief, die noch nie Waldgrund unter den Füßen gespürt hatte. Sie brauchte Hilfe, darum kam sie nicht herum. Rohs Kopf drehte sich gehetzt, als ihr Gegenüber eine Hilfe vorschlug, die ihr jedoch einen Schauer über den Rücken jagte. "Keine Ärzte, bitte keine Ärzte. Ich muss nur weg von hier, dann ... dann wird alles gut", bekräftige sie fest. Sie würden sie nur zurückbringen, sobald Roh die Augen aufschlug. Ohnehin dankte Roh irgendeinem Gott, dass die Sonne sie bisher nicht enttarnt hatte. Wenn ihr diese allmächtige Macht schon so einen von Leid und Schmerz gepflasterten Start ins Leben beschert hatte, sollte ihr jetzt auch gefälligst geholfen werden, wenn sie ihre Zukunft in die eigene Hand nahm. Sie nickte, war wieder im Hier und Jetzt. Sie würde mit dem Mann zumindest zur Stadt kommen und dann würde sie sich eine Sonnenbrille stehlen müssen, oder eine tiefe Mütze ... unzählige Gedanken rasten unkontrolliert in Rohs Kopf und so wurde sie auch unvorsichtiger und als sie dachte, sie hätte einen Lichtschatten vor sich und es gebe noch viel mehr von ihnen in Freiheit, drehte sie ihren Kopf zu hoch. Erschrocken senkte sie den Blick erneut und hoffte, dass er nichts gesehen hatte. Nichts von dem verdammten Violet, was sie noch nie so verachtet hatte. Doch hatte sie zumindest sein Lächeln gesehen ... und wie lange hatte ihr niemand wohlgesinnt zugelächelt? Missbilligende Fratzen und tote Sicheln waren das, was Roh für gewöhnlich so entgegen leuchtete. Verwundert zog sie die Stirn kraus, als sie nicht fortgejagt, angeschrien wurde und blinzelte vorsichtig nach oben. "Das ... das meinte ich gar nicht. Für einen Moment habe ich nur gedacht, du .. wärst ein Lichtschatten. Man sieht ohnehin nicht unbedingt mit den Augen ..." Ihre Stimme war leise, vorsichtig und sie ging langsam und etwas steif hinter ihm her. Was für eine Wahl hatte sie auch? Vielleicht würde sie die Stadt von sich aus finden und dann? Sie war verloren, so frisch auf der Welt, als hätte sie gerade zum ersten Mal die Augen aufgeschlagen. All die Geschichten von draußen haben so unterschiedliche Bilder gemalt; von kleinen dreckigen versteckten Zimmern bis zu großen vornehmen Gebäuden. Es braucht nicht viel mehr als ein wenig Pech und einer von uns wird in die eigene Familie geboren. Und nie hatte jemand die große weite Welt gesehen. Roh sah auf und folgte der hohen Gestalt des Mannes. Sie reichte ihm vielleicht bis zu der Schulter, aber sie trugen das gleiche Schwarz in den Haaren. Kurz wunderte sie sich beim Mustern seines Rückens, was ein gewöhnlicher Mensch so tun würde, wenn ein Fremder half und man ihm hinterher humpelte. Ihr fielen nicht viele Dinge ein - hatte sie diese Situation doch noch nie in einem Buch gelesen oder im Geheimen von den Schatten gehört. Namen! Gewöhnliche Menschen haben richtige Namen! Roh holte auf und als sie auf Höhe des Mannes lief, räusperte sie sich. "Du hast einen Namen, oder? Darf ich den wissen? Meiner ist Roh", deklarierte sie beinahe feierlich, als hätte sie das Ultimatum des Smalltalks erreicht. Und wäre sie ehrlich gewesen, hätte sie hinzugefügt, dass sie gar nicht wusste, ob Roh überhaupt ein Name war, aber er klang schöner als Experiment 716 und sie war sogar etwas aufgeregt, sich mit ihm vorzustellen.
    • Eines stand fest: Diese Welt war voller krummer Gestalten, die allerhand Farben und Formen annahmen und oftmals hinter so vielen Schleiern, die sie sich alle selbst auferlegten, gar nicht erst sichtbar waren. Tybalt war keiner, der eine aufrichtige Antwort, ein schönes Leben oder aber eine helfende Hand verschmähen würde - vermutlich lag es wohl auch genau deswegen in seiner Natur, seine beiden bleichen Hände metaphorisch auszustrecken, um denjenigen Hilfe anzubieten, die sich selbst nicht mehr zu helfen wussten. Zumindest nicht mehr als sie es ohnehin schon taten. Selten half man einander, einfach deswegen, weil der eigene Übermut und die Selbstsucht überwog, weil man sich selbst als ein Objekt kannte, das einen gewissen Marktwert besaß, unter welchem man sich nicht verkaufen wollte und Tybalt war derjenige, der sich wunderte, seit wann sie alle aufgehört hatten, sich selbst und ihre Umwelt zu lieben und warum sie stattdessen den Hass in sich selbst und allen anderen keimen ließen, die sie umgaben. "Mach dir keine Sorgen, ich bring' dich nirgendwo hin, wo du nicht sein willst", gab der Schwarzhaarige von sich, der eigentlich ganz andere Töne anschlagen sollte, der sich hier vielleicht gar nicht aufhalten durfte und doch, beinahe schon augenscheinlich, gar nicht daran interessiert war, was er durfte, sollte oder gar konnte. Am Zahn der Zeit verzehrte sich alles, aber selbst sein eigenes Leben - seine langweilige Misere, die er so liebgewonnen hatte - war ihm wohl nicht schade genug, um sich selbst so tief in einen Brunnen zu werfen, dass er es nun mit einem Lichtschatten zu tun hatte. Vollkommen egal war es, was er kannte oder wusste, wovon er behauptete, es zu wissen - die Welt war klein und der Schmerz in ihr enorm. "Ah, nein. Ich bin ein stinknormaler Mensch, der sich nicht großartig von der Masse abhebt", gestand er, beinahe schon beschämt darüber, der Fremden nicht das vermitteln zu können, das sie eigentlich über seine Lippen perlen hören wollte. "Und damit könntest du recht haben, auch, wenn ich vermutlich nicht gleich denke wie du." In Wahrheit waren sie nichts weiter als Heuchler, getränkt in Pech und zerfressen von ihren eigenen Lügen. Sie alle pickten sich die Körner aus dem Mosaik, die für sie aus der Wahrheit bestanden und zeichneten damit ihr eigenes, groteskes Bild einer untergehenden Welt. Wann war es auch nicht so gewesen, dass sie allesamt mit sich selbst in einem inneren Krieg gefangen waren? "Der Höflichkeit halber hätte ich mich eigentlich schon vorher vorstellen sollen, also warum nicht?" Die Fremde bekam einen Namen - Roh also, simpel und nicht zu aufwändig, drei Buchstaben, dafür allerdings überhaupt nicht geläufig. "Roh also? Freut mich, ich heiße Tybalt", erwiderte er. Nun, da sie auf gleicher Höhe waren, schien es wohl eigentlich angebracht, das Tempo zu halten und ihr nicht davonzurennen, hm? "Weißt du eigentlich, wo genau du hin willst?"
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    • Es gab eigentlich nur einen Ort, wo Roh nicht mehr sein wollte. Und von dem entfernten sie sich allmählich und in derselben Geschwindigkeit entspannten sich ihre Muskeln und ihr Haupt trug sich mit einem Mal viel höher. Deswegen sagte sie auch nichts, bis sie ihm näher war und seine Worte weiterhin beruhigend auf sie einprasselten. Bisher war ihr nichts von dem passiert, was sie erwartet hatte. Warum sollte sie also nicht das nehmen, was auf sie zukam, wenn ohnehin nur dieser einzige Weg offen stand? "Du weißt gar nicht, wie lange ich mir gewünscht hab, ein stinknormaler Mensch zu sein ...", antwortete Roh, beinahe matt und zog ihre Kapuze vom Kopf. Die schwarzen kurzen Haare standen in alle Richtungen ab und sie glättete sie rudimentär. Neben seinen verloren Rohs Haare jeglichen Vergleich und sie wettete mit sich selbst, dass sich das Schwarz seiner Haare wie Seide zwischen den Fingern anfühlte und nicht wie Stroh. "Tybalt, ich glaube, den Namen habe ich schon einmal gelesen", antwortete Roh, nicht wissend, dass man eigentlich von Namen hörte. Aber man sprach eben nicht viel mit Experimenten und schon gar nicht verriet man ihnen seinen Namen. In ihrem Zuhause hatte alles eine Nummer. Zimmer, Gebäude, Experimente, Wärter. Eine Zahlenreihe, die sich die Jahre immer verlängert hatte. Nur ihre war gleich geblieben. Sie sah auf und zuckte mit den Schultern. Diese Frage war nicht mit einfachen Ziffern zu beantworten und eigentlich reichten auch Worte nicht aus. Vor allem Rohs nicht. "Nö. Ich weiß nicht einmal, wo ich bin", antwortete sie also mit den einfachsten Worten, die sie für ihre Misere hatte. Sie konnte einem Fremden ja nicht ausbreiten, warum sie einfach ins Nichts verschwinden wollte. Sie war noch immer nicht in Sicherheit, sie hatte noch immer keine Ahnung, ob er sie nicht in die nächste Polizeiwache führte. Leise seufzend zog sich Roh den Hoodie enger um den Körper und sah zu Tybalt. "Weißt du, wo es irgendwo Schlafplätze gibt? Seit heute habe ich keinen mehr ... ich suche einfach einen Ort, wo ich sicher bin. Halbwegs." Und wenn er sie der Polizei überlies, dann hatte sie immerhin diesen Moment, um zu träumen, wie wohl eine Welt für sie aussah, in der sie nicht vor Waffenläufen stand oder unter Wasser gedrückt wurde. Sie könnte nie wirklich unter Menschen leben, aber sie könnte es versuchen und erahnen, wie es war, nicht gefürchtet oder von oben herab betrachtet zu werden. Man hatte ihr immer und immer wieder gesagt, dass die Menschen sie hassten, dass es ohnehin keinen besseren Ort für sie gab. Aber sie wollte es doch immerhin versuchen.
    • Wieso auch ließ er sich auf Dinge ein, die er gar nicht erst verstand? Tybalt war sich sicher, dass es eine durchaus bessere Erklärung gab, aber im Moment waren es wohl die vielen Fragen über das Unbekannte, die sich in seinem Kopf festfraßen und ihm keine Ruhe ließen. Die unumstrittene Wahrheit war nun einmal, dass er sich vermutlich strafbar machte, dass es sowieso keinen Ausweg aus seiner Situation gab und dass sie abertausenden Fragen, die nicht nur er sich stelle, allesamt keinen Sinn machten, wenn man das Herz nicht auf der Zunge trug. "Nein, vermutlich nicht - aber dafür kenne ich dich erst seit, vielleicht, fünf Minuten", stellte er fest. Dabei hatte Roh aber nicht Unrecht - selten wurde publik, was genau mit den Lichtschatten geschah, aber eines war klar: Wer auch immer es war, lebte kein langes, erfreuliches Leben in Freiheit, sofern man nicht wusste, ihn oder sie zu verstehen. Roh schien also eine von vielen, ein gefallener Stern, der nicht mehr wollte, als nicht länger in einem Käfig zu hausen. "Gelesen? Hm, das höre ich auch zum ersten Mal." Ein leichtes Schmunzeln zeichnete sich auf seinen Zügen ab, aber das war in Tybalts Fall noch nie schwer gewesen - ein Kind der Traurigkeit wollte weder er noch sein Bruder sein und die unbescholtene Wahrheit war, dass er, vor allem im Vergleich zu diversen Pechvögeln, kein schlechtes Leben hatte. "Du ... ah, das macht vielleicht doch Sinn", in Wahrheit wusste Roh vermutlich auch gar nicht erst, wieso sie hier draußen herum dümpelte und was es war, dass sie mit dem Rest ihres freien Lebens anstellen sollte, oder? Nun, zugegeben, Tybalt war auch derjenige, der sich des Besseren besonnen sollte, seine Vernunft für ihn sprechen lassen sollte und Roh loswerden müsste, damit er weiterhin sein eigenes, idyllisches Leben führen konnte, ohne einer Straftat bezichtigt zu werden, kaum fand man sie beide. "Hm, meine Wohnung ist in der Stadt und ich kann dir zumindest eine Couch anbieten, bis du weißt, wohin du willst?", schlug er plötzlich vor, jetzt, da er sich die Finger ohnehin schon dreckig machte. Womöglich war Tybalt aber auch einfach zu naiv, als sich den Regeln dieser Welt zu beugen. "Nur wenn du möchtest - ansonsten lässt sich sicher auch etwas anderes finden."
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    • Immer wieder musste Roh über die Worte von Tybalt schmunzeln. Hier prallten Welten aufeinander und Roh spürte das Knistern der sich verschmelzenden Sphären, die sich vermutlich noch nie so getroffen hatten. Rohs Begegnungen mit Menschen waren zu jeder Zeit durch Gewalt, Hohn und Spott geprägt gewesen. Selbst seine Korrekturen ihrer wirren Worte fühlten sich nicht nach Häme an. "Und obwohl wir uns erst seit fünf Minuten kennen, bist du mit Abstand mein längster Gesprächspartner", behauptete die Schwarzhaarige und sah noch immer hier und da über ihre Schulter. Ihr hoffnungsvoller Start durfte nicht zuerst durch Sirenen oder Hundegebell gestört werden und dann in einer Zwangsjacke enden. Sie hasste diese Dinger ... aber wenn sie genug Zeit gehabt hatte, hielt auch eine Zwangsjacke einen Schatten nicht auf. Den Blick wieder nach vorne gerichtet während ihres kurzen und für sie schon ausgesprochen langen Gespräches versuchte Roh, sich die Eindrücke des Waldes einzuprägen. Das Laub knirschte unter ihren Schuhen und wie von einer Hand sanft nach oben gedrückt, hob Roh den Blick und sogar das Kinn gen Himmel und vertraute darauf, dass Tybalt sie schon vor Bäumen rettete. "Eine Coach ist wie ein doppelter Sessel, oder? Das klingt fantastisch! Ich bleibe gerne bei dir. Also eigentlich habe ich auch keine andere Wahl - oder gibt es viele, wie dich? Man hat uns erzählt, die Menschen schlagen auf uns ein, wenn sie uns sehen oder schlimmeres. Und es gibt viel Schlimmeres." Eine Demonstration dieser Grausamkeit hatte Roh jahrelang erdulden müssen oder viel eher hatte man von ihr erwartet, dass sie es kampflos erdulde. Ihr Blick senkte sich und strich über die Züge des Mannes neben ihr. Das satte Violett traf das milchige Weiß und ein Grinsen legte sich auf ihre Lippen. Wenn alle Menschen so waren, wusste Roh nicht, warum sie ihr Leben lang die Protagonisten ihrer Albträume waren.
      Der Weg durch den Wald verlief erstaunlich ruhig, nur in der Ferne hörte Roh noch die Sirenen der Feuerwehr, doch anscheinend war sie schnell genug gelaufen. "Tybalt, richtig? Bist du gar nicht neugierig?" Sie ging einen Schritt vor, passte dabei auf ihr angeknackstes Bein auf und sah zu Tybalt hoch, mittlerweile ohne Angst, ihre Augen in der Sonne zu zeigen. "Ich meine ... die Propaganda, die gab es doch nicht nur bei uns? Hast du keine Angst vor mir?" Roh konnte nicht verstehen, dass alles was sie gelernt hatte, nicht zutraf. Oder war Tybalt doch besonderer, als er es ihr gebeichtet hatte?
    • Es gab genug Bezeichnungen dafür, was in Wahrheit wirklich richtig oder falsch war, aber Tybalt war sich dessen sicher, dass jeder von ihnen nicht genug mit sich selbst anzufangen wusste, um zu verstehen, wie die Welt lief und das sie eben das nicht im Kreis tat. Was war die Wahrheit, was war die Wahrscheinlichkeit und warum verbrachten sie allesamt ihre Zeit damit, sich selbst jene Angst einzuverleiben, die beinahe komplett unbegründet war? "Das hört sich irgendwie traurig an", gab er an Roh zurück, als wollte er solche Dinge gar nicht erst hören - als hätte er sich damit abgefunden, dass nicht alles im Leben schön sein konnte, schenkte er der jungen Frau jedoch ein Lächeln. Wie lange hatte sie vor sich hingelebt, an einem Ort den er gar nicht kannte, aber den sie als ihre eigenen, vertrauten vier Wände beschreiben würde? War die Wahrheit es denn wert, unverblümt in die Öffentlichkeit entlassen zu werden und war es die Schmerzen wert, das eigene Leben für eine endlos wirkende Ewigkeit vorantreiben zu lassen? Tybalt fühlte sich wie in einer Nussschale, die auf dem offenen Meer davontrieb, sich einen Weg suchte, der ins große Nichts führte - so war sein Leben schon immer gewesen. "Ungefähr? Es kommt auf die Größe an, ich würde meine Couch eher als dreifachen Sessel beschreiben, wenn du so darüber nachdenkst", erläuterte der Schwarzhaarige mit einem Schmunzeln auf den Zügen. Wieso ließ er sich auf jemanden ein, der in dieser fremden Welt nichts verloren hatte? Vermutlich, weil es nicht reichte, länger in Langeweile zu leben. "Menschen sind verschieden. Ich glaube nicht, dass ein Großteil dieser Welt sich wirklich Gedanken über Lichtschatten macht, oder sich damit befassen will, ob sie euch verletzen oder nicht - und manche von ihnen würden die Möglichkeit, einen von euch kennenzulernen, wohl nie und nimmer ausschlagen." Tybalt war wohl einer von ihnen, jemand der keine Angst vor dem Unbekannten besaß sondern sich viel lieber darauf einließ, einfach um in seiner kleinen, vorantreibenden Nussschale ohne Paddel oder ähnliches, doch noch leben zu können. Der Wald verschwand allmählich, gleich wie das Laub unter ihren Füßen - die Stadt war ohnehin nicht mehr weit. "Neugierig? Worüber?", fragte er, lachend, als hätte Roh ihm gerade eine der komischsten Fragen gestellt, die er jemals in seinem Leben vernehmen würde. "Hm, nein. Menschen begegnen dem Unbekannten auf zwei Arten - mit Angst oder mit Neugierde, ich glaube, ich bin Zweiteres."
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Traurig oder nicht, Roh war der festen Überzeugung, dieses Leben hinter sich gelassen zu haben. Zumindest jetzt in diesem Augenblick und wenn der rabenschwarze Lichtschatten etwas gelernt hatte, dann dass man nur im Moment, Wimpernschlag für Wimpernschlag, existierte. Und gerade war sie frei und außer ihrem Hunger, den aufgeplatzten Lungenbläschen in ihrer Lunge und dem verstauchten Knöchel war sie gesund und vor allem putzmunter. Es hatte schon schlimmere Tage gegeben und an denen hatte sie nicht den Waldboden und dann einen Feldweg gespürt. "Ich sage jetzt nicht, dass ich mich nicht daran erinnern kann, jemals eine Coach gesehen zu haben. Das wäre dann auch traurig, oder? Aber es wäre wahr. Danke, dass ich mit zu dir darf und vermutlich auch danke, dass du nicht die Polizei gerufen hast." Um zu unterstreichen, dass ihr eigenes Schicksal ihr selbst nur einen Witz wert war, grinste Roh Tybalt entgegen. Sie war seitdem sie Worte formen konnte in der Gewalt von rohen Händen und schon längst hatte sie die Stufe des Selbstmitleids überwunden. Es gab viele Wege zu überleben und Roh hatte sie beinahe alle immerhin einmal gewählt. "Wie soll sich diese Welt auch Gedanken über uns machen oder uns kennenlernen, wenn ihr uns wegsperrt? Also nicht du ihr, aber ihr Menschen eben." Sie zuckte mit den Schultern. "Die Wärter haben uns immer eingeredet, dass wir etwas anderes wären. Aber die Worte, die sie für uns benutzt haben, habe ich nie für mich angenommen." Roh wusste also nicht, was sie war. Sie sah aus wie ein Mensch und ihr Inneres war das eines Menschen, aber sie hatten sie stetig mit dieser Abscheu und Neugier angesehen ... sie konnte doch kein Mensch sein, wenn man dies alles zuließ. Bei seinem Lachen grinste ihm Roh entgegen. Lachen klang so schön, wenn man es nicht aus Panik oder Wahnsinn tat. "Okay, warum bist du dann nicht neugierig? Vielleicht kann ich Feuer spucken oder ..." Roh und Tybalt waren weitergegangen und mitten in Rohs übermütigen Satz raste ein Auto an ihnen vorbei und Roh sprang erschrocken nach hinten. Unter dem Kragen ihres Hoodies und an den Ärmeln entkam schwarzer wabender Nebel, breitete sich langsam über ihre blasse Haut. Doch sobald Roh sich die Kapuze über den Kopf und dann tief übers Gesicht zog und tief einatmete, war die Erscheinung auch schon wie ein Tagtraum verschwunden. "Sorry, shit das sollte eigentlich nicht passieren. Ehm ... moment, ich könnte mein Gesicht an deinem Arm verstecken? Oder fällt das auf? Hast du eine Sonnenbrille?" Die Freiheit war so nah und ruhelos blickte Roh in die Ferne. Sie mussten nur in die Sicherheit seiner Wohnung kommen und dann einen Plan ausklügeln. Sie wäre so nah.
    • Tybalt war wohl eher derjenige, der ein komplett unverwandtes Leben hinter sich ließ, der sich auf Dinge einließ, auf die er sich gar nicht erst einlassen sollte und doch schien er es wohl gar nicht erst einzusehen, nicht er selbst zu sein oder dieser Welt nicht mit einem Lächeln zu trotzen. Die Wahrheit war, so unverwandt sie auch klang, dass nichts von alledem, von dem er glaubte, es würde geschehen, auf sich ruhen lassen zu können. Was war es auch wert, die eigenen Augen von der Welt abzuwenden und der Gefahr nicht in Auge zu blicken? "Dann wird es aller höchste Zeit, dass du eine siehst! Und, du musst dich absolut nicht bei mir bedanken, davon hättest du ja auch nichts", ließ Tybalt die Schwarzhaarige wissen. Roh wirkte auf ihn wie ein verdorbenes Herbstblatt im Sommerwind, das mit aller Müh und Not noch den gesamten Winter und Frühling über an einem Ast festgehalten hatte, sich aber plötzlich nicht mehr in der Lage dazu befand und von einer starken Windböe losgerissen wurde, in der Hoffnung, sie würde sich von selbst irgendwie fangen. War es nicht so? Bildete er sich das alles nur ein, um sich die vorherrschende Situation schöner zu reden, als sie wirklich war? "Die Andere, nicht die Lichtschatten - ich verstehe schon. Hm, aber das ist ein gutes Argument." Konnten sie nicht in Harmonie leben, dann suchte man sich eben Dinge, die einen in seinem Leben an andere Orte brachten - Orte an denen man zumindest versuchte, einen Sinn in den Dingen zu finden, die man von Anfang an nicht verstand, oder? "Ihr seid anders, aber das bin ich auch, auf meine eigene Art und Weise. Allerdings glaube ich kaum, dass es etwas Schlechtes ist, anders zu sein und aus der Masse zu stechen. Im Endeffekt sind wir, auch wenn wir es oft nicht wahrhaben wollen, noch immer die Gleichen." Schlussendlich bahnte sich das Ende des Waldes an, die Sonne schien Tybalt beinahe schon ins Gesicht und er selbst fragte sich nur, wieso er sich auf all das einließ und wieso er es ausgerechnet jetzt tat, obwohl er doch ohnehin wusste, dass sich all das, das er mit bloßem Auge nicht sehen konnte, offenbaren würde. "Manche Dinge bleiben wohl lieber ungefragt ... naja, oder sie offenbaren sich mir früher oder später", lachte der Schwarzhaarige amüsiert über das plötzliche Auftreten der fremden Kräfte, die er überall erwartet hatte, nur nicht vor seinen eigenen Augen. Es schien also beinahe so, als würde selbst Roh nicht sonderlich begreifen, wie sie eben jene unter Kontrolle brachte, oder verschätzte er sich? "Mh, Kopf hoch. Sonnenbrille kann ich dir keine anbieten, aber ..." Tybalt drehte sich zu Roh um und zog ihr die Kapuze etwas tiefer in ihr Gesicht, bevor er ihr danach seinen Arm anbot. "Ich glaube aber, das reicht auch für's Erste, zumindest bis wir bei mir sind."
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Es war schwer für Roh, Tybalts Worten zu folgen und zugleich die Eindrücke dieser Welt in sich aufzusaugen. Jedes Rascheln war ein Neues und erinnerte fern an die steifen Papierdecken auf den Untersuchungsliegen. Jedes Knirschen unter ihren dünnen Schuhen fühlte sich wie das Brechen eines Knochens unter ihrer Ferse an. Es würde lange dauern, all die Töne und Eindrücke neu zuzuordnen - das hatte Roh im Gefühl, ohne zu wissen, woran das lag und was man ihr alles vom Leben genommen hatte. "Und doch sind manche nochmal anders anders, so anders, dass es Angst macht, in ihrer Nähe zu stehen. Wenn ich neben dir stehe, denke ich nicht daran, Angst haben zu müssen", überlegte Roh laut. Sie hatte es sich angewöhnt, in ihrem eigenen Zimmer laut zu denken - sonst verstrichen an manchen Tagen etliche Stunden, bevor sie ein einziges Wort hervorbrachte. Und wenn Roh schon ihren richtigen Namen vergessen hatte, sollte sie immerhin nicht ihre eigen Stimme vergessen. Sie sah zu Tybalt auf, musterte seine hochgewachsene Gestalt. Von den Frauen in der Anstalt war Roh immer einer der größten gewesen, aber neben Tybalt fühlte sie sich schon fast zart. Sie versuchte einen Grund zu finden, warum jemand wie Tybalt anders war. Wirkte er doch ein Mensch, wie sie sie vorgestellt hatte. Vielleicht sprach er merkwürdig, aber was hieß das schon, wenn es von einer jungen Frau kam, die ihr Leben lang nur Befehle und kalte Anweisungen gehört hatte? Und was wusste schon genau diese Person überhaupt von normalen Menschen? Sie schüttelte amüsiert den Kopf. "Aber du hast recht, bestimmt. Ich bin nicht gerade die größte Menschenexpertin, wie man sieht", gab schief lächelnd sie zu und schon bald war das nicht einmal ihr größtes Problem. Sie zog eilig die Ärmel herunter, obwohl er doch schon alles gesehen haben musste. Ihre Wangen waren gerötet. "Kopf lieber runter, meinst du", grinste sie, als Tybalt ihr die Kapuze tiefer über die Augen zog. Sie konnte sein Gesicht von nahem sehen, wenn sie unter dem Rand hervorlugte und sie wusste nicht warum, aber sein Blick entspannte sie sehr und sie nickte. Als würde sie ein Gemälde ansehen, welches sie langsam wieder erdete. "Ist es denn weit? Langsam pocht mein Fuß ganz schön ..", gab Roh zu, bevor sie ihr ohnehin schon zum Teil verdecktes Gesicht an seinen Armäl schmiegte. Sie hoffte immerhin, dass der Weg nicht lang war. Vor allem da sie den Weg kaum sah und wenig von der aufregenden Welt um sich herum wahrnehmen konnte. Es war so verlockend, aufzusehen und die Lichter der Stadt und die Menschen zu betrachten. Sie schluckte. Wenn sie das tat, wäre das auch ihr letzter Moment in Freiheit. Also hielt sie ihren Kopf gesenkt und erst als Tybalt irgendwann stehen blieb, drückte sie seinen Arm etwas fester und lugte zu ihm nach oben.