The Woods are hungry (Attari & Nurse)

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    • The Woods are hungry (Attari & Nurse)

      Vorstellung

      dark-forest-creepy-night-wallpaper-preview.jpg


      Scarlett warf dem Bürgermeister unzeremoniell ein Horn vor die Füße. Es war voller Blut- vor ein paar Stunden erst hatte man es vom leblosen Haupt seines Besitzers abgetrennt. Eine Chimäre. Gut fünf Meter groß. Mit Zähnen wie Rasierklingen, Klauen so lang wie eine ausgestreckte Männerhand und einem dutzend Augen, die alle in verschiedene Richtungen gestarrt haben. Ausgesehen hatte das Biest wie eine Mischung aus Wolf, übergroßes Federvieh und Antilope. Das Ergebnis von Generationen von Kreuzungen zwischen verschiedenen Kreaturen. Ein schauriger Anblick.

      Drei Stunden haben Scarlett und sein Partner ihr im Wald auflauern müssen, der erste Schuss ist daneben gegangen und als die Lage brenzlig wurde, musste man zu Granaten greifen. Dreckig, verschmutzt und müde hat man der Chimäre auch noch ein Horn abtrennen und das schwere Ding zurück ins Dorf tragen müssen, als Jagdbeweis. Bei Menschen und kleineren Kreaturen musste man einen Kopf oder gleich den ganzen Kadaver zum Auftraggeber schleppen, damit dieser überzeugt sein konnte, dass die Störenfriede auch wirklich beseitigt wurde. War die Bestie zu groß, reichten Zähne, Krallen oder, wie in diesem Fall, ein Horn.

      Der Bürgermeister- ein dürrer, langgesichtiger Mann mit Hakennase- beugte sich rüber, um die "Trophäe" zu inspizieren, verzog dabei die Miene beim Anblick des schmutzigen Gegenstandes und ging nicht näher heran, als nötig. Sein Leibwächter stellte sich als tapferer heraus: er hob das krumme, knochenweiße Ding hoch und betrachtete es von allen Seiten. Dann nickte er schließlich.

      "Das isses, mein Herr. Genau das Horn hat den alten Walter aufgespießt, den Anblick würd´ ich nie vergessen."

      Bei diesen Worten verlor der Bürgermeister etwas an Anspannung und atmete erleichtert aus. Monatelang hatte die Chimäre sein Dorf terrorisiert, ist bei Nacht aus dem Wald gekommen und hatte Vieh gerissen. Ein Mann nach dem anderen hatte versucht, sich dem Biest entgegenzustellen, und jeder einzige ist umgekommen. Als der Druck seitens der Bevölkerung wuchs blieb dem Oberhaupt nichts mehr anderes übrig, als händeringend nach jemandem zu suchen, der sich der Sache annehmen würde. Nie hätte er geglaubt, dass diese zwei jungen Burschen, diese beiden Halbstarken, das Problem in kürzester Zeit lösen würden. Erst gestern sind sie angereist, und heute war das Biest schon erlegt.

      Ein lautes Räuspern riss ihn aus seinen Gedanken.

      "Nun denn", sprach Scarlett. "Kommen wir zu den Zahlen. Wir hatten es mit einem recht gefährlichen Wesen zu tun, ich würde es mindestens auf Klasse A schätzen. Zusätzlich der Aufwand an Vorbereitung und Material... ich glaube, 800 Gulden sind angemessen. Oder, Ferris?"

      Der Mann mit der roten Kapuzenjacke sah selbstgefällig lächelnd zu seinem Partner rüber.

      @Attari
      How bad me be?
    • Vier Herzen hätten in jenem Raum schlagen sollen. Zugehörig den vier Menschen, welche sich um das massive Horn auf dem Boden tummelten. Doch nur drei schlugen tatsächlich in jenem Moment. Des letzteren Schatten Blutes hatte angehalten, schon vor Stunden… Der Körper und die Sinne noch immer fokussiert auf jede potenzielle noch so kleine Gefahr.
      Worte und Räuspern in den Ohren. Kratziger Atem gefolgt von einem tiefen Rasseln, als jener Stoß die trockene Kehle verließ.
      Geruch faden Blutes in der Nase. Herein gebohrt hatte er sich. Gepaart mit dem fürchterlichen Gestank von Blie und Schwefel der Pistole, welcher noch immer überwog. Feine Noten von Mottendiesel und wochenlang nicht gewaschenen Füßen lagen in der Luft um sie. Angewidert rümpfte er die Nase und verbarg den dazu gehörigen Ausdruck mit dem dichten schwarzen Haar vor seinem Gesicht. Primär verdeckte jenes eigentlich die tiefen Narben, welche sein rechtes Gesicht überzogen. Überbleibsel aus seiner Zeit als Biest.
      Matte Erinnerungen an eine Zeit, in welcher ein dichtes Fell seine spielenden Muskeln im Sprint bedeckte. Blut Wein rechtes Auge verklebte und ihm die Hüfte der Sicht nahm. Hinter ihm ertönte das jauchzen seiner altersgleichen Spielkameraden… Man könnte es für ein ausgeartetes Spiel halten, gehörte man zu den unwissenden. Jedoch spielte diese Art nicht wie kleine Hunde es tun würden.
      Die schwächsten Individuen bekamen ohnehin nicht genügend Futter ab. Und der schwächste musste unter Jenen den Hunger der anderen stillen. Das Kollektiv hatte beschlossen, dass Ferris eine intelligente Beute wäre. Ganz unbeträchtlich von Strategie und der Tatsache, dass Ferris älter war als die anderen Jungen und seinen eigenen Jahrgang überlebt hatte…
      Des Schatten helle Augen bewegten sich hinab auf das große Horn. An seiner Basis hing noch immer ein Stück der Haut und des Fells der besiegten Kreatur. Hier auch hatte sich eine Pfütze aus Blut gebildet und verunreinigte den Holzboden des Zimmers. Menschen würden es abwischen und es bald vergessen. Eine Kreatur wie Ferris allerdings würde den stechenden Geruch noch monatelang bemerken. Eigentlich gut, dass sie bald abziehen würden…
      Eigentlich… Für Ferris tat sich ein Zwiespalt auf. Schon länger plagte ihn ein unbändiger Hunger, welchen er gedachte mit den Überresten der Chimäre zu stillen, bevor ein anderer sich großartig daran zu schaffen machte. Diesen Hunger mit Menschennahrung zu stillen war ein nicht zu bewältigendes Übel. Schon einmal hatte er dies versuchen müssen…
      Als der Körper des Bürgermeisters sich in Bewegung setzte, fiel sein ausgedünntes Haar aus ihrer Position. Beachtlich musste er sich denken. Zwei Jünglinge besiegten ohne Problem ein Biest von solchem Schrecken…
      Zwei… Ein Jüngling und etwas was vorgab ein Mensch zu sein. Während der Leibwächter allen Mut zusammen nahm, nur um das tote Ding als jenes zu identifizieren, welches den Männern des Dorfes das Leben geraubt hatte, blieb der Älteste zurück. Die Worte allerdings ließen ihn erleichterter wirken. Ein seltsames Verhalten in den Augen Ferris. Nur weil das schlimmste bitte der hier ansässigen Sippe besiegt worden war, gab es noch lange keinen Grund aufzuatmen. Der Rest der Kreuzungen lief noch frei herum und hatte sich vermutlich nur aus Angst vor dem größten im tiefsten Wald verkrochen. Doch die Beute reichen Gebiete waren und nicht länger besetzte Jagdgründe. Bald würden neue Arten von Angriffswellen kommen. Doch dies sollte nicht ihr Problem sein.
      Als Scarlett seine Stimme erhob, zuckte Ferris auf und warf seinen Blick auf den kleinen Partner, mit welchem er nun schon eine Weile seinen Weg teilte. Wirklich mit einander unterhalten hatten sie sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht… Oder zumindest nicht so, dass Ferris brauchbare Informationen hätte erhalten können.
      „ 850 Gulden und ein ordentliches Bett für die Nacht!“, knurrte der schwarzhaarige Jüngling hervor und fixierte dabei den Bürgermeister mit seinem Blick. Wenn ihre Basis hier wäre, könnte er in der Nacht seinen Hunger stillen und am Morgen mit Scarlett weiter Richtung Süden ziehen.
    • "850?!"

      Der Bürgermeister schien etwas erwidern zu wollen, doch der dunkle Blick, den Ferris ihn zuwarf, ließ ihn augenblicklich verstummen. Eine kurze Weile lang stand er noch nutzlos herum, seufzte schließlich und winkte einen Bediensteten herbei, der sich um die Bezahlung kümmern sollte. Bald schon wurde den Jägern ein Stoffbeutel beachtlicher Größe, der vielversprechend klimperte. Scarlett ließ diesen mit einem zufriedenen Lächeln in seinem Rucksack verschwinden.

      "Angenehm, mit Ihnen Geschäfte zu machen. Wenn es wieder ein Problem geben sollte, rufen Sie uns jederzeit."

      "Ich hoffe ja eher, dass dies unsere letzte Begegnung war," hörte der Mann mit dem roten Mantel das Dorfoberhaupt murmeln. Doch was dieser noch zu sagen hatte kümmerte ihn wenig. Sein Job war erledigt, die Gulden in der Tasche, ein warmes Abendessen und sauberes Bett warteten auf ihn und seinen Begleiter.

      "Ein Bad," ergänzte er laut seinen Gedanken beim Verlassen des Rathauses, "bräuchten wir beide auch, und zwar dringend. Ich will garnicht wissen, wie wir riechen müssen. Hoffentlich haben sie Rosenwasser in dieser Gaststätte. Oder Lavendelöl... Oh, übrigens- gute Leistung, die du heute gebracht hast. Dieses Biest steht nicht mehr auf. Hat aber noch sicher ein paar Geschwisterchen, die jetzt total wild drauf sind, seinen Platz als Bauernschreck einzunehmen."

      Scarlett stieß Ferris kumpelhaft mit dem Ellbogen an und wartete auf eine Reaktion. Er wusste immernoch nicht ganz, wie er mit dem Gestaltenwandler umzugehen hatte. Sie kannten sich schließlich nicht lange- und somit war nicht klar, wie der andere tickte. Weswegen seitens Scarletts eine auf Vorsicht basierende Distanz deutlich spürbar war, nicht zuletzt auch aufgrund seiner negativen Erfahrungen mit früheren "Arbeitskollegen". Eine hatte versucht, ihn bei Nacht auszurauben, ein anderer ist inmitten einer Mission aus Todesangst abgehauen und hatte ihn verletzt zurückgelassen, während nebenan ein wildgewordener Mantikor wütete. Noch ein anderer hatte gar versucht, ihn zu töten, weil er mit einer Lohnaufteilung nicht zufrieden gewesen ist. Kurzum, der Jägerberuf war einer, den man zur eigenen Sicherheit lieber alleine ausführte, war er doch nicht unbedingt bekannt für ausschließlich ehrliche und ehrenhafte Gestalten. Überhaupt war der Blonde sich nicht sicher, weshalb er sich trotz aller Risiken erneut mit jemand anderem zusammengeschlossen hatte.

      Dennoch: sein Lob war durchaus ernst gemeint. Ferris´ Geruchssinn war einfach unschlagbar. Ohne ihn hätte Scarlett wahrscheinlich um einiges länger gebraucht, um die Chimäre ausfindig zu machen- und Zeit war bekanntlich Geld. Je schneller man einem Auftraggeber half, eine unliebsame Kreatur loszuwerden, desto höher war die Bezahlung. Die Summe von heute wäre ohne den Wolfsmenschen sicher geringer ausgefallen.

      Scarlett wippte beim Gehen etwas hin und her, um die Münzen im Rucksack erklingen zu lassen. Leider würde sich der Beutel bald schon leeren, denn so lukrativ wie das Jägerleben war, so war es auch teuer. Munition alleine kostete nicht wenig, insbesondere solche, die speziell zur Monsterjagd angefertigt wurde. Kugeln und Patronen müssen aus Material bestehen, das auch die härtesten Panzer und Schädel durchbohrte, und manche Biester konnte man nur mithilfe bestimmter Metalle wie Silber oder Chrom erlegen. Dazu noch Proviant, Zahlungen an Gaststätten, Waffenpflege, Ausrüstung... und Scarletts teurer Geschmack sowie seine Vorliebe für Kartenspiele, von der er auch nach Jahren nicht losgekommen ist. Aber bitte, es war schließlich ein harter Job! Da durfte ein Mann sich doch auch ein wenig entspannen, damit die Nerven nicht die ganze Zeit blank lagen.

      Der Blonde streckte sich etwas, blinzelte der untergehenden Sonne entgegen. Bis zur Gaststätte war es kein weiter Weg mehr, und dann konnte er sich endlich waschen und die Zähne in einem saftigen Steak vergraben.
      How bad me be?
    • Widerworte?

      Müder Blick lag auf der am Boden hockenden Kreatur, welche sich mit monotonem Blick durch die Forschungsarbeiten von Professor Altstett grub. Schon vor zehn Tagen hatten sie die Grenzen des Jurawaldes überschritten und von den Menschen erschlossenes Terrain betreten… und noch immer folgte das Biest dem Gelehrten unaufhaltsam.
      Etwas nachdenklich tippte der Professor mit dem Stift auf den Rand seines Notizbuches, in welchem er soeben eine grobe Skizze der Kreatur angefertigt hatte und in krakeligere Handschrift ein paar Gedanken daneben verfasst hatte. Man konnte ein solches Biest wohl sonst nur von so nahen erblicken, wenn es kurz davor war einem das Leben zu nehmen. Diese Furcht hatte Professor Altstett längst verlassen. Hätte Jenes ihn fressen wollen, würde es sicherlich nicht solange warten und ihm hinaus aus dem geschützten Wald in die Stadt folgen…
      Er blickte hinab auf die Skizze. Sein Körper war lang und von dichtem schwarzen Fell überzogen. Es wirkte humanoid und auch wenn er es noch nicht dabei beobachtet hatte, so vermutete er die Fähigkeit auf zwei Beinen laufen zu können. Und die Finger mit den langen Krallen… Ein ritschen ertönte. Langsam blickte Altstett auf und musste den Anblick einer weiteren zerfledderten Forschungsarbeit erdulden. Die Klauen der Bestie hatten sich in dem dünnen Papier verfangen. Als er die Hand ruckartig hinaufgezogen hatte, war die Seite zum Teil aus dem Buch gelöst worden.
      „Stop!“, rief er ohne Rücksicht aus. „ Du ruinierst meine ganze Arbeit!“
      Der schwarze Fellball erwiderte ein Knurren, als der Professor plötzlich bei ihm saß und seine Hand von einem weiteren Ruck abhalten wollte. Kaum eine Sekunde später hing die Schnauze des Schwarzen im Gesicht des Professors. Dichter Speichel hatte sich an den gebückten Zähnen gesammelt und das Knurren war lauter geworden, ganz als wolle es sagen.
      „ Du hast mir gar nichts zu sagen, sei dankbar, dass du noch lebst!“

      Die Menschen stellten für Ferris ein einziges Rätsel dar.
      Wo der eine dich gnadenlos hintergehen würde, opferte ein anderer sein letztes Hemd für dich. Sie besaßen keine ersichtliche Struktur in ihrer Gesellschaft oder ihrem Verhalten. Sein Rudel war einfacher gestrickt. Sie waren eine Familie und gehorchten dem stärksten Individuum. Ihr Revier war klar definiert, so wie die Regeln, nach welchem sie lebten.
      Die ersten Eindrücke hatten ihn übermannt. Fremde Gerüche und Klänge. Anblicke, von denen er niemals geträumt hätte. Ohne eine leitende Hand, wäre er sicherlich schreckhaft zurück gerannt.
      Die Menschen hatten ihn Professor Altstett gerufen. Ein Mann der Wissenschaft, welcher es sich zur Aufgabe gemacht hatte die nicht zu bändigenden Wälder zu erforschen und ihre Pflanzenwelt zu erfassen. Sein seltsames euphorisches Verhalten und Gerede darüber, dass Ferris ihm gefolgt war, ließ das junge Biest bleiben und sich mit jedem Tag von seiner Heimat entfernen… Inzwischen kam er gut allein zurecht.
      Der verstummte Bürgermeister hatte einen ähnlichen Ausdruck auf seinem Gesicht, wie Ferris ihn schon oft erblickt hatte. Eine seltsame Mischung aus Angst vor dem Ungewissen in menschlicher Gestalt und Verzweiflung, weil der menschliche Verstand nicht zu erfassen vermochte, was dort vor ihm stand. Die meisten Menschen gaben den erhöhten Forderungen des Gestaltwandlers schnell nach. Wo Scarlett seine Verhandlungen abschloss, legte Ferris die Latte nach oben. Bisher mit erfolg. Keiner hatte ihnen bisher derart beharrlich den vom Wolf verlangten Lohn verweigert!
      Sie bekamen, was sie gefordert hatten.
      „ Ebenfalls…“, murrte Ferris, nachdem Scarlett sich mit etwas wohlklingender Stimme verabschiedete. Der Bürgermeister erntete noch ein stummes Urteil aus den leuchtend blauen Augen, ehe die beiden den Raum verließen. Der Job war erledigt. Eine Nacht und das nächste Mahl gesichert… Während Ferris Gedanken umgehend zu dem Kadaver wanderten, welcher im Wald auf ihn wartete, riss die Stimme seines Partners seine Aufmerksamkeit auf sich.
      „ Du stinkst!“, entgegnete Ferris trocken. „ Warum lobst du? Wir haben vorher ausgemacht, dass wir es gemeinsam erledigen…“ Er schnaubte abfällig. Dieses Verhalten kannte er schon. Menschen lobten einander für vorher abgesprochene Dinge. Auch Altstett hatte ihn gelobt… Immer wieder und wieder…
      Seine Gedanken erregten die Geschwisterchen der Bestie… Oder vielmehr ihre Jungen. Nicht dass er eine soziale Struktur in den Kreisen solch niederer Kreaturen erwartete. Aber wenn Mama tot wäre, müsste es einen neuen Vorherrschenden geben!
      „ Und es war ein Weibchen…“, brummelte er letztlich, ehe er den Ellenbogen in die Seite gestoßen bekam und einen wütenden Blick auf Scarlett warf. „ Warum machst du das?“, fragte er. Generell fragte er dies oft… Nicht nur Scarlett plagte er mit der selben Frage, jeder Mensch, der ihm ein unerklärliches Verhalten gegenüber brachte. Viele taten es ab und glaubten ihn erzürnt zu haben. Wohin gegen andere ihre Freundschaft oder Dankbarkeit bekundeten und der erste Mensch, welchen er getroffen hatte, versuchte ihm die menschliche Psyche zu erklären. Keine Antwort ergab einen Sinn!
      Erneut schnaubte er schwer und blickte hinauf. Über die vereinzelten Häuser der kleinen Gemeinde, die hohen Tannen des Waldes in den Himmel. Hübsch bemalt von einer sich senkenden Sonne. Ein Bekannter und durchaus wohliger Anblick in den hellen Augen der Kreatur. Das leichte Klirren des Geldes und der warme Frühlingswind trugen dazu bei, dass er sich letztlich wieder entspannte.
      Er warf seinen Blick auf den Jungen neben sich. In Sachen Größe taten sie sich nicht viel und vermutlich auch im Alter nicht. Obwohl das Alter des Wolfes nur schwer aus zumachen war. Die Jahre einer Kreatur vergingen anders als die der Menschen und in einem Wald in welchem der Frühling niemals zu enden schien, zählte niemand wie oft die Sonne schon untergegangen war oder wie oft der Winter Einzug gefunden hatte. Ferris könnte erst sieben sein, oder eben schon siebzig. Keiner könnte es ihm sagen.
      Leise schnaufte er, während der Wind sein Haar aus dem Gesicht fegte und seine rechte Gesichtshälfte frei gab. Scarlett wieß keine solch offensichtlichen Narben auf. Auch wenn er wohl nicht bei jeder Jagd glimpflich davon gekommen sein dürfte…
      Das Jägertum war ihm fremd gewesen. Der erste Auftrag war mehr oder weniger ein Versehen gewesen. Von Professor Altstett getrennt und auf sich allein gestellt, begann er wieder mehr als Biest zu wandeln. Seinen Instinkten und dem Hunger zu folgen. Ein Opfer stellte sich als ein solcher Bauernschreck wie diese Chimäre heraus und war gerade als sein Frühstück verendet, als ein paar Bauern ihn zufällig fanden. Sie mussten der Kreatur selbst ein Ende bereiten wollen, als sie erlebten, wie Ferris sein Mahl auseinander nahm und für einen späteren Verzehr verstauen wollte. Den Bauern verdankte er sein erstes eigenes Geld und den Tipp sich nach Geora zu begeben, wo angeblich die besten Schmiede und Waffenhersteller für die Jagd von Monstern lebten. Ferris folgte dem Rat, lernte mehr über das Jägertum und die Tatsache, dass er nur unnötig auffallen würde, würde er weiterhin mit bloßen Händen die Beute erlegen. Er stattete sich selbst aus. Messer und Pistolen, ein leichtes Geschirr aus Leder, welches alle diese unnötigen Waffen hielt. War er allein unterwegs, so gruben sich stets die eigenen Krallen und Zähne in die Biester hinein und die Messer fanden abgesehen von Tarnung keinen Nutzen!
      Erst als er begann mit Scarlett zu jagen, musste er lernen die Dolche zu nutzen und auch zu schießen. Das er in beidem kein Talent war, musste seinem Partner inzwischen durchaus klar sein…
      Die beiden halbwüchsigen Jäger betraten schließlich das Gasthaus und quartierten sich als „Die Jäger, die den Bauernschreck bezwungen haben“ in ein Zimmer ein. Das beste, das dieser Ort zu bieten hatte!
    • Scarlett verschränkte die Arme bei dem Kommentar und zog eine beleidigte Miene.

      "Wie bitte? Ich stand ja auch direkt im Explosionsradius, nachdem ich die Granate geworfen habe, und wurde mit Chimärenfleisch übergossen. Und du riechst übrigens auch mitnichten nach Frühlingsblumen! Eher wie ein übergossener Hund, der sich vorher im Schlamm gewälzt hat."

      Er drehte den Kopf weg, ging aber auf die Frage seines Kumpanen dennoch ein.

      "Das ist eine Geste. So macht man das eben. Der Großteil zwischenmenschlicher Kommunikation findet nonverbal statt. Daran musst du dich gewöhnen..."

      Den Rest des Weges schwieg er, machte erst wieder den Mund auf, als er die Gaststätte betrat und augenblicklich nach einem Steak mit Grünzeug, Kartoffeln und einem großen Glas Wein verlangte. Auf dem Weg zum Tisch jubelten ihm einige Dorfbewohner entgegen und klopften ihm und seinen Begleiter freudig auf die Schulter. Der ein oder andere blieb bei dem Anblick der düsteren Gesichtszüge des Gestaltenwandlers jedoch lieber an seinem Platz.

      "Schau", sprach Scarlett süffisant, "nonverbale Kommunikation! In diesem Fall ein Zeichen des Lobs und Anerkennung. Guten Hunger, Kollege."

      Ohne zu warten biss er in seine Mahlzeit, aß gierig und hastig, als könnte es ihm jeden Moment jemand wegnehmen. Er bat um zwei Nachspeisen (einige wunderten sich, wie in so einen kleinen Körper so viel Essen hineinpasste) und ließ sich mehr Wein einschenken, als sein Glas leer wurde. Ein bisschen mehr, und dann noch ein bisschen... bis er merklich besser gelaunt war, als vorher.

      Eine Gruppe von Leuten hatte sich in einer Ecke zusammengefunden und trällerten etwas vor, begleitet von Geigen- und Akkordeonklängen, und Scarlett pfiff mit, obwohl er die Melodie nur schlecht kannte. Irgendwann wurde ihm das Gefühl des Schweißes und Schmutzes auf seiner Haut jedoch zu viel, und seine Reinlichkeit verlangte von ihm, sich jetzt sofort zu waschen. Er äußerte diesen Wunsch der Wirtin des Hauses, und diese befahl ein paar Dienstmägden auf der Stelle, ein warmes Bad für die ehrenwerten Jäger einzulassen. Als dies getan war, schlurfte der Blonde auf das Zimmer, mit einem so sicheren Schritt, dass man es ihm garnicht ansah, dass er eben noch sechs Gläser Wein leergemacht hatte.

      Oben betrachtete er das Bad. Es war sehr... rustikal, eine einfache, kleinere Holzwanne, an dessen Kante ein weißes Handtuch hing. Immerhin schien alles sauber zu sein, was sich von so einigen Orten, wo er früher gebadet hatte, nicht behaupten ließ.

      Ohne auch nur einen Anflug von Scham zog sich der Mann vor den Augen seines Begleiters aus, die schmutzige Kleidung in einen kleinen Korb am Boden werfend.

      "Schmeiß deine auch gleich da rein", sagte er locker. "Die Wirtin hat mir versprochen, dass sie unser Zeug bis morgen für uns reinigen und trocknen wird. Als Dank, sozusagen."

      Er wühlte noch kurz in seiner Tasche rum, zog bald zwei kleine Fläschchen und ein Stück Honigseife heraus. Er war vielleicht ein Jäger, schlachtete Bestien ab und wühlte in deren Gedärmen rum, aber das sollte noch lange nicht heißen, dass er auf bestimmten Luxus verzichten würde!

      Er öffnete eines der Fläschchen- Jasminöl- und gab einige Tropfen ins Bad, bevor er schließlich selbst ins warme Nass stieg. Seufzte, als das Wasser sich angenehm um seine müden Glieder schmiegte. Einige Sekunden lag er still da, bevor er sich zufrieden summend mit der Seife einrieb, Haut und Haar von Schmutz und unangenehmen Gerüchen befreite. Dabei kam ihm in den Sinn, was Ferris vorher gefragt hatte.

      "Wie meinst du das, 'warum lobst du'? Es ist ebenfalls normal, jemandem gut zuzusprechen, wenn er sich an eine Abmachung gehalten hat. Ich glaube, man nennt das 'positive Konditionierung'. Tut einer etwas so, wie du es von ihm verlangt hast, belohnst du ihn. Durch Worte, oder auch Geschenke... dadurch bestärkst du ihn in seinem Verhalten, sorgst dafür, dass sich derjenige auch in Zukunft so benehmen wird, um auch weiterhin belohnt zu werden. Das machen Eltern, wenn sie ihre Kinder erziehen. Und Erwachsene untereinander, um soziale Normen aufrecht zu erhalten. Derselbe Grund also, weshalb wir Verbrecher einsperren oder hinrichten. Macht man das bei euch so nicht?"

      Nach diesen Worten tauchte Scarlett kurz im Wasser unter, machte sich die Haare nass, bevor er etwas Öl aus dem zweiten Fläschchen darauf verteilte. Die vielen angenehmen Düfte strömten ihm in die Nase und hinterließen ein Gefühl von Wonne und Entspanntheit, und seine Muskeln und vielen blauen Flecken schmerzten gleich viel weniger, als er den Seifenschaum mit kreisenden Bewegungen über die blasse Haut verteilte. Apropos Düfte...

      "Woher weißt du, dass das ein Weibchen war? Kannst du sowas auch riechen?"
      How bad me be?
    • Die erhobene Stimme widerte Ferris sofort an. Scarlett tat dies nicht zum ersten Mal - derart brisant auf einen Fakt zu reagieren. Was machte es ihm schwer die Tatsache seines unangenehmen Geruches anzunehmen?! Zumal Ferris nie behauptet hatte selbst nicht zu stinken…
      „ Benutzt einfach keine Granaten mehr!“, grummelte er zurück. „ Ist ohnehin angenehmer für meine Ohren!“, fügte er in Gedanken an und erwartete keine weitere Konversation. Menschen die eine solche Reaktion zeigten waren danach meist still, zumindest mit ihrer Stimme.
      Wie erklärt, handelte es sich um nonverbalen Kommunikation einer völlig anderen Spezies. Scarlett würde nicht Knurren. Er besaß auch keinen Schweif oder Ohren, die seine Stimmung anzeigte. Kein Fell würde sich sträuben oder Augen die Farbe und der Geruch sich ändern…
      Konnte Ferris die Menschen niemals verstehen wie seine Artgenossen? Einfach weil er ihre angeborenen Eigenheiten nicht einzuordnen wusste?!
      Nachdenklich setzte er sich hin, bestellte aktiv kein Essen und bekam einfach irgendetwas von dem die Wirtin dachte, dass es ihm schmecken könnte vorgesetzt. Letztlich war es nicht einmal Genuss dieses Essen zu sich zu nehmen. Es war nicht mehr als eine Phrase, die er wie die Dolche auf sich nahm. Ferris aß und trank wie ein Mensch. Fast doppelt so viele Gläser wie Scarlett in selber Zeit zu sich nahm. Der Alkohol würde keinen Effekt bei dem Wolf zeigen…
      Ohne weitere Worte erhob auch Ferris sich letztlich vom Tisch und schlürfte wie ein braver Hund hinter seinem Partner her.
      Das Bad war ihm kein geheurer Ort. Nicht nur, weil Professor Altstett ihn etwas unvorsichtig mit einer solchen Einrichtung bekannt gemacht hatte, sondern auch weil er das Verhalten der Menschen in einem „intimen“ Raum noch wundersamer fand.
      In der Türzage kam er zum sehen. Das Bad war klein und dunkel. Dichtes nicht mehr nach Wald anmutendes wohl kleidete die Wände und die Wanne, welche Ferris unbehaglich betrachtete. Seinem Partner folgend legte auch Ferris einfach seiner Kleider ab. Doch anstatt sie einfach in den Korb zu werfen, kniete er sich nieder und faltete die einzelneren Stücke sorgsam, ehe er sie auf die von Scarlett legte. Dabei wandte er den Rücken in Richtung des Blonden, sodass jener einen guten Blick auf die mit Kratzern verseuchte Haut werfen könnte. Eine Narbe besaß der Wolf, welche nicht zu den sonst unförmigen Linien passte. Wo jene aus Kämpfen stammten, sich Krallen, Zähne und Stacheln in haut und Fleisch bohrten, wirkte besagte Narbe zu rein. Gerade zu künstlich auf seiner Haut. Letztlich war sie es auch… Die einzige Wunde, die ihm jemals ein Arzt behandelt hatte… die nicht einfach mit der Zeit verwachsen würde.
      Ferris ohne Scheu folgte seinem Partner an die kleine Wanne. Die Hände zu einfachen Kellen geformt, schöpfte er etwas Wasser und warf sich jenes ins Gesicht, sodass die Haare um Jenes nass wurden.
      Er horchte den Worten seines Partners, während jener ihm die Konditionierung erklärte.
      Scheinbar konnte man alles und jeden konditionieren. Selbst die dümmste Chimäre würde es verstehen.
      "Woher weißt du, dass das ein Weibchen war? Kannst du sowas auch riechen?"
      Ferris strich sein nasses Haar zurück und ließ seinen Blick ruhig auf Scarlett ruhen. Man konnte den Unterschied riechen. Zwischen jemanden, der zur Paarung bereit war und jemanden der es nicht war. Die Begriffe „Weiblich“ und „Männlich“ hatte er nicht gekannt und eine Unterweisung in Biologie ließ ihn mehr den Sinn der Menschen in Frage stellen, als seine eigenen Instinkte, welche ihm sagten, wer angeblich „Weiblich“ und „Männlich“ war.
      Die Menschen mussten es lieben Dinge zu unterteilen. Gut und Böse, Mann und Frau … Alles existierte irgendwie in diesem von ihnen definierten System. Ferris erinnerte sich, was Altstett einst über ihn bemerkt hatte.
      „ Man möchte meinen, dass jemand der intelligent genug ist strategisch perfekte Angriffe auszuführen auch fähig ist Muster und Unterscheidung zu erkennen…“ Er beugte sich vor zu Ferris und blickte in dessen weiß leuchtenden Augen. „ Aber jegliche dieser Arten scheint dir fremd zu sein… Vielleicht weil sie in deiner begrenzten Welt bisher nicht von Nöten waren?“
      Dies nannten sie unter anderem „Wissenschaft“. Wie der Professor es getan hatte, kamen die Menschen und erfassten alles was sie erblickten in ihre Worte, definierten es.
      „ Ja, so etwas lässt sich riechen…“, erklärte er. „ Die Weibchen…“, Man merkte einen leichten Widerstand in Ferris, als er dies sagte. „… riechen wärmer…“ Er zuckte mit den Schultern und blickte Scarlett etwas verloren an. Wie sollte man diesen Unterschied im Duft benennen, der mit nichts in der menschlichen Welt vergleichbar war.
    • Scarlett gähnte und streckte gemütlich die Beine aus, wobei er versehentlich die seines Kollegen streifte. Die Wanne war eben wirklich sehr klein...

      "Ist dem so? Ich habe noch nie von einem Menschen mit einer solchen Fähigkeit gehört. Aber die feinste Nase, die ich im Leben gekannt habe, ist auch in die Parfümerie arbeiten gegangen, und nicht als Jäger."

      Er griff nach einem Eimer mit sauberen Wasser, von dem er sich etwas auf den Kopf goss, um die Seifenreste aus den Haaren zu lösen.

      "Wobei... jetzt, wo ich darüber nachdenke, bin ich mal so einem alten Knacker begegnet. Er konnte Ungeheuer nicht riechen, aber er konnte sie schmecken. Ernsthaft. Wenn so ein Biest irgendetwas hinterlassen hat- Krallen, Fellbüschel, Fußspuren... er hat nur daran lecken brauchen und wusste, was es für eine Spezies war, ungefähre Größe, Alter und Gewicht des Viehs. Kein einziges Mal hat er falsch gelegen. Das war ziemlich beeindruckend- wenn auch ekelhaft."

      Der Mann verzog angewidert das Gesicht als er sich erinnerte, wie der Greis sich im Matsch niedergekniet hat, um an der Spur irgendeines Sumpfmonsters zu kosten. Aus diesem Gedankengang schloss Scarlett, dass Ferris wohl auch so ein Ausnahmetalent war, von denen es nur einige wenige auf der Welt gab. Was für ein glücklicher Zufall, dass ausgerechnet er ihm in die Arme gelaufen ist.

      "Naja, irgendwann hat ihn dann eine ziemlich fiese Darminfektion dahingerafft," beendete der Blonde seine Erzählung.

      Er erhob sich, wusch sich ein letztes Mal ab und stieg vorsichtig aus dem Wasser. Eingewickelt in ein weiches Tuch griff er nach seinem Rucksack, holte frische Bekleidung heraus. Ein dünnes, weißes Hemd und eine weite Hose, in der er die Nacht verbringen konnte. Er warf einen kurzen Blick auf das Bett- seine erschöpften Glieder flehten darum, dass er sich hinlegte. Doch was ihm als nächstes einfiel, schien um einiges verlockender als Schlaf.

      "Ich geh dann nochmal kurz runter. Brauchst nicht auf mich zu warten. In ein, zwei Stunden bin ich wieder da."

      Ohne zu zögern begab er sich voller Vorfreude zurück in den Speisesaal, geschwind hin zu dem Tisch am Fenster, wo vier Männer mit Karten in der Hand auf Holzhockern saßen. Sie brauchten nicht erst überzeugt zu werden, um Scarlett mitspielen zu lassen, sondern rückten einfach nur wortlos auseinander, machten Platz für den Jäger.

      Der Bursche spielte eine Runde nach der anderen, ohne die Zeit im Auge zu behalten. Aus einer Stunde wurden zwei, aus zwei wurden drei, und schließlich war es tiefe Nacht. Die meisten Gäste hatten das Wirtshaus entweder verlassen oder sind in ihren Zimmern verschwunden, das Licht im Lokal schien nurnoch gedämmt. Einer der Spieler warf schließlich das Handtuch, und auch Scarlett beschloss, sein Glück nicht weiter herauszufordern.

      Er hatte 220 Gulden verspielt, dann aber doch noch die Kurve gekriegt und zumindest den Großteil wieder zurückgewonnen. Fortuna stand an dem Tag wohl einfach nicht auf seiner Seite- wobei, eigentlich sollte er doch froh sein, dass er aus einem weiteren Gefecht mit einer Bestie heil rausgekommen ist, mit allen seinen Gliedmaßen am Körper befestigt. Hatte er deswegen so wenig Erfolg in Glücksspielen? Weil er sein ganzes Glück schon bei der Jagd verbrauchte? Er war sich nicht sicher. Dass er inzwischen jedoch äußerst müde war, dass spürte er deutlich. Halbherzig verabschiedete er sich von seinen Mitspielern und schlenderte wieder in sein Zimmer. Es war dunkel, und Scarlett vermutete, dass sein Partner bereits schlief. Der Blonde beschloss, es ihm gleich zu tun, schlich zu seinem Bett herüber und wickelte sich in der Leinendecke ein. In kürzester Zeit war er ins Traumland abgedriftet.
      How bad me be?
    • Die beschränkten Dimensionen der Badewanne würde es zwei hochgewachsenen Menschen unmöglich machen in dieser Platz zu finden. Den beiden Halbwüchsigen reichte er jedoch gerade so aus, dass sie in aller Bequemlichkeit hinein passten. Es wäre ohnehin fraglich, ob zwei andere Personen - sein es nicht gerade Liebhaber - sich eine Wanne teilen würden. Menschen besaßen Scham und Scheue. Was ihre Kleider verdeckten zeigten sie nicht jedem… So sprach zumindest die letzte Erfahrung von Ferris.
      Scarlett allerdings schien dieses Gefühl nicht zu verspüren. Er zeigte keine Reaktion, wann immer das Biest ihn anblickte und auch dessen nackten Körper ließ er unkommentiert.
      Die folgende Geschichte, welche in seinen Ohren Drang warf Verwirrung in ihm auf. Ein Mensch der sie schmücken konnte?! Sicherlich gab es Unterschiede im Fleisch und Anderem, aber ein Mensch könnte diese sicherlich nicht bemerken. Sie realisierten es ja auch nicht, wenn man ihnen billiges Schwein als ausgewähltes Lammfleisch verkaufte. Dieser Greiß aus Scarletts Erzählung konnte kein Mensch gewesen sein!
      Vielleicht ein Biest wie er es auch war und aus ganz eigenen Gründen zu einem Leben unter den Menschen bewegt.
      Ferris verwarf seine Gedanken allerdings, als er hörte wie einfach Jener gestorben sein sollte. Konnte sich ein Biest mit menschlichen Seuchen infizieren?
      Ferris überlegte weiter und blieb seinen Gedanken verschrieben, während sein Partner die Wanne verließ und sich einkleidete und das kleine Bad ins benachbarte Zimmer verließ. Das Biest folgte ihm kurz darauf erst. Im Gegensatz zu Scarlett trug er ein einfaches übergroßes Leinenhemd. Das erste Kleidungsstück, welches sein Leib jemals berührt hatte. Obwohl er es seid jenem Tag nutzte, roch es noch immer nach dem Professor, dem ehemaligen Besitzer, was Ferris sehr mochte. Es war ganz so, als wären sie niemals von einander getrennt worden. Generell verhielt er sich seltsam sentimental gegenüber gewissen Gegenständen, die er vor seiner Zeit als Jäger schon besessen hatte. Hauptsächlich ehemaliges Eigentum des Professors. Darunter auch eines von dessen Büchern.
      Ferris warf sich Stumm auf eines der Betten und ließ das erneute Aufkommen der Spielsachen seines Partners unkommentiert. Solange es nur dessen Lohn war und nicht mehr, interessierte es ihn nicht sonderlich, was jener tat. Letztlich käme es ihm gelegen, wenn er noch einmal hinaus wollte um zu fressen.
      Etwas 30 Minuten nach Scarletts verschwinden erhob Ferris sich. Er nahm sich das Hemd vom Leib und öffnete das Fenster. Beides wäre schwer mit seinen Klauen zu tun. Ein Blick in die Dunkelheit genügte, ehe seine Augen Weiß zu leuchten begannen und ein leises knacken ertönte. Ferris krümmte seinen Rücken, welcher sich sogleich mit dichtem schwarzen Fell überzog. Die umliegenden Schatten schienen sich förmlich nach ihm zu sehnen, als sie über die Wand krochen und ihn einhüllten.
      Letztlich stand ein Biest im Raum. Eine Kreatur von schlanker Natur, schwarz wie Pech und die Augen matt glimmend. Ferris sprang auf den Fensterrahmen und letztlich runter in auf den Weg. In der Dunkelheit huschte er klammheimlich bis in den Wald, wo er an Tempo…
      Schon war die Nacht eingekehrt. Dunkle Wolken hingen tief und versperrten die klare Sicht auf den Mond. Heute müsste er voll sein in seiner Form und den Himmel eigentlich in seiner Pracht dominieren. Doch heute herrschten die Wolken vor, nahmen das letzte natürliche Licht den Menschen weg und ließen der Finsternis und ihren Geschöpfen freien Lauf.
      Stürmisch ward es geworden, als schwere Krallen sich in die feuchte Erde des Waldes gruben. Ein Schatten von unklarer Gestalt für das menschliche Auge durchs Gehölz huschte. Sein Atem schwer gewandt, jeder Schritt ihm einen Stoß entrang. Fein war der Duft der Verwesung zwischen dem Nebel und dem Prominenten jener hohen Kiefern. Feucht und erdig die Umgebung, als wachsame weiße Augen die Bewegungen des Windes verfolgten… Raschelten nur die Äste der Kronen oder hallte auch der Trab einer anderen Kreatur durch die Wälder?
      Ferris Körper spannte sich an, als er sein Tempo erhöhte. Den steinigen Verlauf eines vertrockneten Baches entfernt und entlang einer Reihe von Bäumen, welche er auf dem Rückweg stumm und heimlich vor neugierden Blicken seines Partners markiert hatte. Sie ergaben einen unsichtbaren Zirkel um den Kadaver, welchen er zu Speisen gedachte und sollte die niederen Kreaturen von seiner Anwesenheit in Kenntnis setzen. Doch nichts desto trotz schlich eine junge Chimäre auf die ermordete Mutter zu. Den Kopf gesenkt und die Ohren flach an den Schädel gepresst, vermittelte es einen Eindruck der Einschüchterung vor dem Dufte Ferris. Dennoch nicht genügend um sich von seiner Mahlzeit abhalten zu lassen…
      Schatten ähnlich wie er selbst einer war gab es nur vereinzelt. Sie bevorzugten wesentlich dichtere Wälder abseits von den kultivierten Gebieten der Menschen. Hier im besiedelten Gebiet war es also kaum möglich auf ein Biest seines Kalibers zu treffen. Ganz leicht könnte er allen hier klar machen, dass er fortan die stärkste Kraft wäre und alles Futter pauschal ebenso das seine wäre, wie die undicht bewachsenen und von den Menschen benutzen Wälder um die kleine Dorfgemeinschaft.
      Der Chimäre war der Anblick des mächtigen Haufen Fleisches genug Überzeugung, um sämtliche Umgebung auszublenden und sich auf jenes konzentrieren zu wollen.
      Ihr nähertreten ließ die ersten Parasiten verschwinden…
      „Bei Gefahr lassen sie ihren Hinteren Teil erleuchten, Ferris… so warnen sie einander!“
      Ferris erinnerte sich an viele Dinge, welche Professor Altstett ihn gelehrt hatte oder was der man in seinen unzähligen Feldbüchern aufgeschrieben hatte. Einen Moment hielt er inne und folgte mit seinem Blick den verglimmenden Licht der Parasiten.
      Die Chimäre hatte seine Anwesenheit nicht realisiert. Für sie machte die Feinheit in der Änderung der Geruchsstärke wohl keinen Unterschied, sonst hätte sie längst das weite gesucht…
      Lang waren die Zähne, welche sich in das schon modernde Fleisch rammten. Mit heftigem Ruck riss die Chimäre ein Stück aus dem Kadaver der eigenen Mutter, ehe sie ihre Schnauze in die offene Stelle rammte und mit lautem Geräusch zu fressen begann. Ein Geruch von Blut und ätzendem Speichel stieg in Ferris Nase, während er sich weiter langsam annäherte. Ein Schritt vor den nächsten setzte und letztlich das Unterholz verließ. Wie ein Blitz aus den Wolken schoss er hervor und rammte seine langen Klauen in die Chimäre, die es gewagt hatte seinen Kadaver anzurühren. Er reckte sich und auch seine Zähne landeten gezielt am ungeschützten Nacken. Die Kreatur unter ihm jaulte auf. Obwohl sie größer und schwerer war, hatte sie schon verloren! Ferris wäre nicht mehr abzubekommen. Jaulend tätigte sein Opfer ein paar Schritte zurück, warf den Kopf von rechts nach links und versuchte das kleine Biest zu erreichen.
      Erst als warmes Blut in seinem Mund quoll und sein Atem heftiger wurde, riss Ferris sich zum ersten Mal los. Er keuchte auf und fühlte seinen Feind absacken. Bevor er unter dessen Gewicht begraben worden wäre, sprang er ab und landete sicher auf seinen Pfoten. Der Chimäre waren die Kräfte ausgegangen… um so besser!
      Ferris umrundete das Biest und rammte seine Zähne in die Kehle, wo er sie während des letzten Kampfes verweilen ließ. Erst als der Feind verstummt war, nahm er sich zurück und wandte sich dem ursprünglichen Mahl zu. Wo die Chimäre schon die Arbeit übernommen hatte. Das Loch im Bauch war perfekt und erstarrte Ferris die Arbeit sich selbst durch die dicke Haut zu graben. Er schob seine Schnauze hinein und begann Stück von Muskeln und Innereien heraus zu reißen und zu verspeisen. Die Zeit verging und ehe er sich versah, klagte sein Hunger auch schon nicht mehr. Die Kreatur, die er mit Scarlett erlegt hatte, war fast komplett ausgenommen worden und der anderen fehlten große Stücke vom Bein.
      Ferris erhob sich schließlich und gab seine Beute für die im Unterholz raffenden und wartenden Kreaturen frei.
      Er selbst lief zurück ins Dorf. Vor der Schenke verwandelte er sich erst im Schatten zurück und zog sein Hemd wieder an. Leise trat er durch die Hintertür ein und wandelte über die Flure. Als er das Zimmer erreichte, ging er nicht direkt ins Bett, sondern erst ins Bad und wusch das Blut von seinem Maul…
      Sämtliche Spuren beseitigt, begab er sich letztlich unter die Decke und schloss seine Augen.
    • Scarlett träumte jene Nacht.

      Von den Tiefen der Wälder, die nie von einem menschlichen Wesen betreten worden sind. Orte, an denen die Bäume so hoch und dicht aneinander wuchsen, dass kaum Sonnenlicht mehr durchdrang. Trostlos, einsam, dunkel.

      Er sah die Silhouette einer Frau, die mit leichtem Gang aus dem Gestrüpp hervortrat. Hörte sie etwas sagen- die Worte jedoch nicht ausmachen. Es fühlte sich an, als wäre er unter Wasser, und das Gesprochene erreichte nur gedämpft seine Ohren.

      Mit jeder Sekunde wurde ihre Stimme verzweifelter. Flehender. Sie bewegte sich auf Scarlett zu, streckte ihre Arme aus...

      Dann, plötzlich, vereinzelte Bilder. Ein blutverschmierter Dolch, ein Zirkel aus maskierten Personen, merkwürdige Symbole, ein zum Schreien geöffneter Mund, eine Figur inmitten loderndem Feuer...

      Scarlett riss die Augen auf. Blieb still liegen, bis die Visionen aus seinen Traum sich ineinander mischten, verschwammen und schließlich der Realität Platz machten. Unter ihm knarzende Matratze, der Blick aus dem Fenster des Zimmers gerichtet. Weißes Sonnenlicht erhellte das Zimmer, draußen erklangen die Stimmen der Leute, die ihrem Alltag nachgingen. Das Geräusch von Kutschenrädern und Pferdehufen.

      Eine Weile blieb der Mann noch liegen, bis die Erinnerungen an den Traum irgendwo in den Tiefen seines Unterbewusstseins versanken, und stand schließlich auf. Zog sich seine Kleidung über und schlich ins Bad. Nachdem das Gesicht sauber und der eklige Geschmack aus dem Mund geschrubbt worden ist, lugte er hinüber zum Bett seines Partners.

      Ferris schien noch zu schlafen. Das war Scarlett recht, denn er hatte noch nicht vor, aufzubrechen. Soll sein Kollege sich doch ausruhen, während er in die Stadt gehen und ein paar dringende Besorgungen machen würde. So würde ihm niemand über die Schulter gucken und ihm sagen, dass er sein Geld nicht für unnötigen Schmarn ausgeben soll, wie es seine früheren Partner gerne gemacht haben.

      Ein letztes Mal streckte er sich noch, schlüpfte dann in seine Stiefel und verließ mitsamt Rucksack leise das Zimmer. Das Wirtshaus war wie erwartet leer, würde sich erst zum Abend hin füllen. Draußen dagegen waren die Straßen lebendig wie eh und je, um Scarlett musste gleich ein paar spielenden Kindern ausweichen, die ihm beinahe gegen die Beine gelaufen wären.

      Als erstes suchte er nach einem Waffenhändler, und wurde auch schnell fündig. Das war kein Wunder, denn inzwischen gab es in jedem noch so kleinen Kaff einen Laden, der sich auf Waffen spezialisierte. Anders ging es eben nicht, wenn ständig die Gefahr herrschte, jeden Moment von einem Monster zerfleischt zu werden. Sehr viele nutzten die Gelegenheit, ein lukrarives Geschäft daraus zu machen, unter anderem auch einige Betrüger, die minderwertige Produkte für hohe Preise verkauften. Scarlett konnte sich noch gut an seine Zeit als Novize erinnern, in der er sich allen möglichen Müll andrehen lassen hat: eine Armbrust, die angeblich einem legendären Jäger gehört hatte, ein Dolch, der Drachenhaut durchbohren konnte, Gift einer tausendjährigen Seeschlange... Und ist maßgeblich überrascht gewesen, als sich ersteres als einfaches Massenprodukt, zweiteres als altes Eisen und dritteres als ein Gemisch aus Wasser, Schweineblut und Schwefel herausgestellt hat.

      Inzwischen hatte er natürlich an Erfahrung dazugewonnen und ließ sich keinen Bären mehr aufbinden. Meistens zumindest.

      Jenes Waffengeschäft wurde von einer jungen Frau geführt, die gelangweilt aufschaute, als er den Laden betrat. Er kaufte eine Menge an Munition, Sprengstoff und Pfeile. Gleich nebenan befand sich ein Lebensmittelladen, wo er das Proviant auffüllte, dabei von einigen süßen Leckerbissen ebenfalls nicht die Finger lassen konnte.

      Eigentlich hätte dies alles sein sollen, doch auf dem Weg zurück ins Gasthaus lief er an einem Wanderhändler und dessen Verkaufsstand vorbei. Da war Scarletts Besitz bald um einen funkelnden Ring und eine schöne Taschenuhr erweitert.

      Als er dann endlich angekommen war, wurde er sofort von der Wirtin angesprochen, die offensichtlich gut gelaunt war. Tatsächlich hatten ihre Dienstmägde Ferris und seine Kleidung gründlich gewaschen, und in der heißen Nachtluft ist sie schnell trocken geworden. Außerdem holte die Frau noch einige in ein Tuch eingewickelte Stücke Kuchen und ein paar frische Äpfel hervor, die sie dem Jäger überreichte.

      "Nimm nur, Jungchen. Als Dank für eure Mühen."

      Mühen? Naja, so konnte man es wohl nennen, aber es war ja nicht so, dass sie aus Nächstenliebe auf die Jagd gingen. Eher verdienten sie ihre Lebensgrundlage durch die Angst und Hilflosigkeit der Menschen, die sich nicht wehren konnten. Scarlett dachte nicht, dass sie dafür einen besonderen Dank verdienten, der über ihren Gehalt hinausging. Aber er würde sicher kein gratis Essen ablehnen.

      Er lächelte die Wirtin an, biss etwas vom sauren Apfel ab und machte sich auf nach oben. Ihm fiel auf, dass sein Umhang sowie Ferris' Hose beim Kampf gegen die Chimäre ein paar Risse davongetragen haben. Er würde also wieder zum Nähzeug greifen müssen...
      How bad me be?
    • Den blutigen Spuren voran trottete Ferris in ruhiger Natur durch die Tiefen der Nacht. Im Unterholz scharrten die Neugierden und Wartenden. Das Festmahl war eröffnet, als der große Schatten den Wald verließ und sich wieder als Mensch ausgab.
      Am nächsten Morgen herrschte Aufruhr im Dorf. Man hatte gerissene Schafe gefunden und die Chimären schienen näher denje. Doch es sollte nicht zum Problem der Jäger werden. Der Bürgermeister wusste, dass er eine weitere Jagd der beiden nicht bezahlen konnte. In aller Sicherheit wog er sich „Die Chimären sind klein! Mit Mistgabel und Feuer werden wir sie bezwingen können!“. Diese Worte sprach er zu den Männern des Dorfes…
      Von der Aufregung Scarletts bekam Ferris nichts mit. Die Massen an Fleisch, welche er am Vorabend vertilgt hatte machten ihn müde und schläfrig. Er wusste, dass ohnehin nur eine dumme Kreatur es wagen würde ihn im Schlaf zu überfallen. Das Menschen genau solche dummen Kreaturen waren, würde er in Zukunft noch lernen und verinnerlichen müssen. Sein Partner schien zumindest kein Interesse an einem Überfall zu hegen.
      Als Ferris erwachte, war er allein.
      Das Licht der mittäglichen Sonne durchflutete den kleinen Raum und ließ die Müdigkeit schnell von ihm weichen. Es war kein ungewohnter Anblick mehr…
      Die vier Wände und nur kleine Fenster erlaubten einen Blick hinaus. Der Geruch war muffig, verschlafen und verschwitzt. Ferris schüttelte seinen Kopf. Tief in ihm drin sträubte sich alles dagegen diese Normalität zu akzeptieren. Schon die erste Nacht in menschlich erbautem Gebäude fand er schrecklich.
      Dem Professor klammheimlich nachgelaufen und es irgendwie vor den Augen aller in die kleine Herberge geschafft, kam Ferris sich zum ersten Mal gefangen vor. Obwohl die Wände aus Holz waren, dessen Geruch er erkannte, schloss es ihn ein. Die unsichtbare Mauer ließ keinen Strom von Wind herein, keine Fährte weckte Interesse im seiner Nase. Kein Sonnenstrahl durchbrach die Decke, wie sie es selbst im tiefsten Wald und bei dichtesten Geläub noch von Zeit zu Zeit geschafft hätte.
      Nervös warf die Kreatur ihren Kopf zurück und suchte den Blick des Professors. Das im Moment einzig beruhigende war die Gegenwart seiner Person. Dies schien er ebenfalls zu wissen, weshalb er einen ersten Annäherungsversuch wagte und sogleich mit einem abweisenden Knurren gestraft wurde. Er blieb letztlich auf Abstand, seinen seltsamen Gesellen nicht aufschrecken wollend.
      Über die von der Wissenschaft betitelten Umbrum war nicht viel bekannt. Trotz der sperrlichen Informationen über diese Rasse war Altstett sich sicher einen vor sich zu haben. Wie einige andere Kreaturen galten jene als besonders intelligent. Sie vermochten es stets den Menschen zu entkommen und keine genauen Spuren zu hinterlassen.
      Die dem Hunde ähnliche Kreatur lag am Abend, als Professor Altstett sich zu Bett begab, zusammen gerollt unter den Tisch im Zimmer. Nicht mehr als ein Bündel Fell, welches einwandfrei mit den Schatten im Raum zu verschmelzen schien…
      Es hatte also doch etwas Ruhe finden können…
      Ferris erhob sich, wusch sich erneut und kleidete sich ein. Die schwarze Farbe seiner äußersten Kleidunsgschicht gefiel ihm. Sie wirkte wie sein eigenes Fell, welches er nicht zeigen könnte… Zu letzt packte er seine kleine Tasche wieder und schulterte jene. Sie hielt den wenigen persönlichen Besitz, welchen er in seiner Zeit als Mensch angehäuft hatte. Tatsächlich konnte der sonst eher passive Wolf schnell ausrasten, packte man in falscher Intention nach seinem Besitz. Der letzte Taschendieb, der ihn hatte erleichtern wollen, besaß nun ein Auge weniger...
      Mit einem knarzenden Ton öffnete sich die Türe zu ihrem Zimmer und Ferris zuckre leicht zurück. Er betrachtete Scarlett einen Moment, ehe wieder Ruhe in seinen Körper Einzug fand und er die zuvor geschulterte Tasche wieder absetzte. Seinen Umhang und seine Hosen auf dem Arm des Partners zu sehen, erinnerte ihn daran, dass er fast vergessen hätte seine Kleidung mitzunehmen.
      Er streckte unverblümt die Hand aus und wollte jene entgegen nehmen, dabei erhob er schon die Stimme.
      „ Wollen wir gleich weiter gehen?“
    • Scarlett drückte die Kleidung an sich heran, ehe sein Partner nach ihr greifen konnte.

      "Noch nicht! Schau dir diese Risse an. Was werden denn die Leute von uns denken, wenn wir so rumlaufen? Ich kümmere mich geschwind darum. Eilig haben wir es sowieso nicht, das Geld wird für´s erste reichen."

      Der Mann hielt Ferris demonstrativ den beschädigten Stoff vors Gesicht, bevor er sich aufs Bett niedersetzte und aus einer kleinen Tasche des Rucksacks ein Kästchen mit Nähzeug herauskramte. Er suchte sich Garn in passender Farbe aus, führte ihn in eine Nadel ein und machte sich an die Arbeit. Als erstes war die Hose seines Begleiters an der Reihe.

      "Überhaupt, wir sollten erst einmal etwas Frühstücken. Laut Karte ist die nächstgelegene Stadt anderthalb Tage Fußmarsch entfernt, und ich habe keine Lust, den ganzen Weg über zu verhungern. Übrigens, die Wirtin hat mir eben was zu essen zugesteckt. Da."

      Er nickte Richtung Kuchen. Ob Ferris wohl süßes mochte? Ob er überhaupt irgendwas gerne aß? In der kurzen Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, hatte Scarlett nie gesehen, dass sein Partner sich mit Vergnügen über irgendein Gericht hermachte. Vielleicht war er einfach kein besonders guter Esser. Oder in Wirklichkeit ein Adliger. Einer dieser reichen Edelleute, die bei einfacher, ländlicher Küche ihre Nasen rümpften und sich weigerten, sie auch nur anzurühren. Auf deren Tische nur ganz ausgefallene Sachen landeten, wie mit Granatäpfeln gefüllter Schwan oder Seeschlangenpaste auf Brioche. Das konnte natürlich nicht stimmen. Ferris wirkte nicht annährend wie ein Adliger, mit seinen vielen Narben, grobem Verhalten und unscheinbarer Kleidung. Was aber, wenn er seine Herkunft verschwieg? Ein verschollener Kronprinz, der nach einem Verrat aus seinem Königreich geflohen ist und nun unter anderer Identität durch die Welt wandert mit dem Schwur, irgendwann Rache zu nehmen? So, wie die ganzen Protagonisten aus den Schnulzromanen, für die Scarlett eine heimliche Schwäche hatte? Er selber hatte nicht selten darüber fantasiert, so einem Prinzen auf seinen Reisen zu begegnen und von ihm auf einem noblen Ross in unbekannte Weiten mitgenommen zu werden...

      Der Blonde warf einen Blick auf seinen Begleiter und musterte ihn kurz von Kopf bis Fuß, schüttelte dann den Kopf. Nein, an ihm ist sicher kein Prinz verloren gegangen. Mit oder ohne Ross.

      Als die Risse in Ferris´ Kleidung genäht waren, legte Scarlett sie neben sich auf das Bett und machte sich an die eigene. Sein Kapuzenmantel hatte am meisten gelitten, und der Mann zog besorgt die Augenbrauen zusammen, als er mit der Hand über den roten Samt ging. Aber nein, es war nichts, was er nicht wieder hinbekommen würde.

      Der Mantel hatte schließlich schon schlechtere Zeiten durchgestanden. Wenn man genauer hinsah konnte man erkennen, dass er schon an vielen Stellen genäht worden ist und mehr als nur einmal mit Zähnen, Klauen und Messern skrupelloser Bestien und Banditen in Berührung gekommen ist. Viele würde es wohl wundern, weshalb Scarlett ihn überhaupt noch behielt und sich nicht einfach einen neuen in derselben Farbe kaufte. Der Grund war, dass dieses Kleidungsstück das einzige war, was ihm noch von seiner Mutter übrig geblieben ist. Zusätzlich zu dem Stigma, dass ihn in seinem Heimatdorf überallhin verfolgt hatte. Mutter...

      Er trug stets ihr Andenken, doch dachte nur ungern an sie. Vielleicht, weil sie eine furchtbare Tat begangen hatte. Oder wohl eher, weil er sie trotz dieser Tatsache irgendwie vermisste und sich deswegen schlecht fühlte. Aber konnte man es ihm verübeln? Im Gegensatz zu den Bestien in den Wäldern hatten Menschen das Bedürfnis nach Nähe zu ihrer Familie. Und Scarlett hatte jene zwei Personen, die ihm näher stehen sollten, als jeder andere, nie auch nur kennengelernt. Selbst von der Existenz des Mantels hatte er erst erfahren, als er kurz davor war, sein Haus zu verlassen und in die Welt hinauszugehen. Seine Großmutter hatte einige Tränen vergossen und ihn angefleht, doch noch ein wenig zu bleiben, während sein Großvater nur stumm genickt hat. Als hätte er die ganze Zeit über gewusst, dass dieser Tag bald kommen würde. Jedenfalls hatten die beiden, als es klar wurde, dass Scarlett nicht mehr aufzuhalten war, diesen Mantel aus einer hölzernen, verstaubten Kiste im Keller herausgeholt. Und ihm gesagt, dass seine Mutter diesen für ihn genäht hatte, als sie ihn noch unter ihrem Herzen trug. Dass es ihr Wunsch gewesen ist, dass ihr Sohn diesen trägt, wenn er einmal älter war. Und dann ist sie in den Wäldern verschwunden.

      Bei diesem Gedanken musste der Mann unweigerlich an seinen Traum denken. An die Frau, die darin aus den Tiefen des Forst hervorgekommen ist. Er hatte ihn nicht zum ersten Mal gehabt. Immer dieselbe gedämpfte Stimme, die ihm verzweifelt etwas mitzuteilen versuchte. Wenn er doch nur heraushören konnte, was sie ihm zurief...

      In diesem Moment fiel Scarlett auf, dass er schon eine Weile lang tatenlos mit dem roten Stoff auf dem Schoß herumgesessen und ins Leere gestarrt hatte. Er fasste sich geschwind, blinzelte ein paar Mal und machte sich daran, seine Näharbeit zu vollenden, in der Hoffnung, Ferris wäre sein kleines Blackout nicht aufgefallen. Als er fertig war, warf er sich den Umhang über die Schultern und zog sich die Kapuze über. Drehte sich kurz vorm Spiegel.

      "Also wenn du sonst nichts vorhast, können wir aufbrechen", sprach er, sich den Rucksack überziehend.
      How bad me be?
    • Ferris entwich einmal mehr ein missfallendes Geräusch, welches aus menschlicher Kehle nicht mehr ganz wie ein Knurren klang. Seine Bestienstimme war von heller und klarer Natur, meilenweit zu hören, wenn er sich richtig ins Zeug legte. Die menschlichen Geräusche dagegen wirkten gedämpft und matter in seinem feinen Ohr. Keinesfalls missfiel ihm ihr Klang, es war einfach ein anderer, ungewohnter…
      Vor den eigenen Geräuschen, die er gemacht hatte, nachdem er zum ersten Male seine Gestalt geändert hatte, hatte er sich erschrocken gehabt. Ganz zur Belustigung des zuvor erstaunten Professor Altstett. Jenem waren fast die Augen ausgefallen, als Ferris eine menschliche Form angenommen hatte. Einmal mehr zwang der seltsame Zeitgenosse seinen ersten menschlichen Partner dazu sämtliche Theorien zu überdenken. Das wohl zumindest die Rasse von Ferris in der Lage war ihre Gestalt in die eines Menschen zu wandeln, ließ den Professor nachdenken und zum Schluss kommen, dass er sein ganzes Weltbild überdenken musste. Es gab Ungeheuer wie Hexen, welche von Natur aus aussahen wie Menschen… Aber ein Schatten, der seine Gestalt wandelte…
      Professor Altstett betrachtete das ehemals schwarze Ungeheuer vor sich. Das nötigste unter einem verschmutzten Hemd versteckt, saß es da und betrachtete die kleinen Hände und seine neue Gestalt. Immer wieder warf es in Aufregung und Erstaunen den Kopf hoch, wobei sein schwarzes Haar umher flog. Die blassen Augen des Ungeheuers wirkten in menschlicher Gestalt nicht weniger gruselig als wenn das dichte schwarze Fell sie umgab…
      Sein Gegenüber sah aus wie ein Junge von vielleicht 16 Jahren. Über seine blasse Haut zogen sich stellenweise Narben, welche dem Professor zum Teil auch schon im Fell vorher aufgefallen waren.
      Ihre Reise würde nun andere Züge annehmen können. Der Professor versuchte unbemerkt die Universitätsstadt Siemes zu erreichen. Bisher ein langwieriges und schwieriges Unterfangen, da er mit dem großen Ungeheuer im Gepäck die Hauptrouten zu meiden hatte.
      Aber mit ihm als Mensch…
      Niemand würde auf die Idee kommen, dass dies kein Junge war… Zumindest - Der Professor schoss aus seinen Gedanken, als ein seltsames knacken seine Ohren erfüllte. Der sitzende hatte begonnen auf seinen Nägeln zu kauen und als Blut vom eingerissenen zuverströmen begann zu japsen begonnen. Anstelle aufzuhören machte er allerdings weiter…
      Altstett seufzte. Zumindest äußerlich würde niemand mehr infrage stellen, ob es ein Mensch war. An seinem Verhalten könnte man sicherlich noch arbeiten!
      Der Blick des Ungeheuers verengte sich bei den mütterlichen Worten Scarletts. Kaum jemanden hatte es interessiert, wie er herum gelaufen war. Vor Scarlett hatte nur der Professor sein Verhalten und seine Kleidung scharf kritisiert. Er solle sich nicht zeigen wie ein Wilder!
      Scarletts Hand, welche ihm den Stoff ins Gesicht hielt, erhielt einen Schlag und erneut knurrte er. „ Lass das! Wenn du es unbedingt nähen musst, tu dir keinen Zwang an!“, mit diesen Worten wandte der Wolf sich ab und ließ seine Tasche wieder auf sein Bett sinken, ehe er selbst daneben nieder plumpste. Währned Scarlett erneut seine Stimme erhob, wandte Ferris den Blick zu ihm und zog eine Augenbraue hoch.
      Er blickte ein Kuchen an. Der süße Geschmack sagte ihm ebenso wenig wie die anderen Geschmäcker des menschlichen Essens zu. Im Ende waren ihm etwas wie Präferenzen bezüglich des Essens generell fremd. Da er seine Beute vorher selbst erlegen musste, war er nicht wählerisch gewesen, welches Fleisch er sich in den Magen nahm. Solange es ihm Energie gab und den Hunger stillte, war ihm alles recht gewesen. Der Umstieg auf menschliches Essen zu Beginn seiner Reise zeigte allerdings auf, das er definitiv Ungeheuer dem menschlichen Essen vorzog! Nicht nur weil es seiner natürlichen Nahrung entsprach, sondern auch weil es seinen Hunger stillte.
      Inzwischen bevorzugte er auch billigeres Essen. Da sich auf seinen Gaumen dieses nicht von dem teureren Unterschied, war der Preis das beste Argument. Je weniger Geld für essen draufging, desto mehr hätte er für die anderen Komponenten der Reise übrig!
      Sein Blick wanderte wieder von dem Kuchen, welchen er unangerührt ließ. Sein Magen fühlte noch das Festmahl vom Vorabend in sich und würde diesen Fraß nicht willkommen heißen.
      „ Welches ist die nächste Stadt??“, schoss er plötzlich heraus. Er beugte sich über seine Tasche und holte aus dem Hauptfach das Buch des Professors. Im Einband lag eine Karte. Auf jener war ursprünglich die Etappen der Expedition des Professors eingezeichnet worden, doch nun war Ferris eigenes Reiseziel markiert. Anstatt einfach nur herum zu reisen, hatte der Wolf ein Ziel. Ferris Blick wanderte von der kleinen Karte, auf welcher sein Ziel markiert war, auf. Mit Scarlett hatte er bisher nicht über sich gesprochen. Das er also mehr wollte, als ein paar Aufträge erledigen und Geld zu verdienen, war ihm nicht bekannt. Sein Kumpane wusste also nicht, dass er nach Siemes wollte, da er hoffte dort den Professor zu finden. Immerhin war es auch sein ursprüngliches Ziel gewesen…
      Ferris Blick fiel auf Scarlett zugepackt, welcher ruhig verweilte und auf seinen Mantel sah. Das seltsame rote Kleidungsstück ergab keinen Sinn für den Wolf. Es bot weder Schutz noch Tarnung und dennoch trug Scarlett jene Farbe, seid sie sich kennengelernt hatten. Insgeheim tippte die Bestie auf ein Stück der Erinnerung. Menschen legten solches Verhalten an den Tag, hielten unnötig an Dingen fest, die keinen Sinn erfüllte. Er selbst tat dies immerhin ja auch, seid er mehr wie einer lebte. Die ehemaligen Besitztümer des Professors zu entsorgen kam ihm nicht einmal in den Sinn, wenn sie eigentlich nur sinnloser Ballast wären!
      Während der Genosse seinen Mantel überstreifte und sich eitel im Spiegel betrachtete, packte Ferris das Buch wieder ein und schulterte seine Tasche. Die Karte hielt er noch in der Hand, einen Blick darauf werfend. Siemes. Altstett hatte nur von seiner Heimat erzählt. Gesehen hatte Ferris sie bis heute nicht.
      Die Hauptstadt beherbergte die kaiserliche Universität und galt anscheinend in vieler Munde als Stadt der Träume. Auch der Professor schwärmte von jenem Ort… Die Nähe zur Krone machte es zum perfekten Zentrum des Wissens. Die Straßen seien gefüllt mit Leuten aus aller Welt und überall gäbe es etwas zu entdecken. Und doch sprachen andere eher trocken über jene Stadt. Wer ungefragt kam hätte dort keinen Platz. Ein Träumer würde sich in einem System auf gebildeten und adligen Leuten finden, in denen das einfache Volk keinen Platz hatte…
    • Scarlett funkelte seinen Begleiter entnervt an, die Arme in die Seiten stemmend.

      "Sag mal, was ist eigentlich los mit dir? Kannst du dich nicht in einem normalen Ton unterhalten, statt ständig zu murren und zu knurren? Du bist doch kein Tier! Also wirklich..."

      Dennoch lugte er neugierig über den Rand der Karte, die Ferris mit sich trug. Er hatte sie vorher noch nie gesehen. Generell nichts von den Sachen, die der andere besaß. Manches Mal hatte er sich gewünscht, den Partner danach zu fragen, warum er diesen ganzen Krimskrams mit sich herumschleppte; sah aufgrund von Ferris' barscher Art jedoch davon ab. Wahrscheinlich würde er es ihm nicht erzählen. Und überhaupt, Scarlett selber hatte dem Mann ja auch nicht viel von sich preisgegeben...

      "Die nächste Stadt", antwortete er, "ist Adalgata. Wir gehen gen Norden, diesen Pfad hier entlang, der am Waldrand verläuft."

      Der Blonde zog den Weg mit dem Finger auf der Karte nach.

      "Diese Route wird aufgrund ihrer Nähe zum Forst oft gemieden, aber sie ist die kürzeste. Nehmen wir eine andere, müssen wir einen riesen Umweg machen und drei Tage marschieren. Ich persönlich würde ja ungern wieder in so einem Kaff übernachten."

      Er verzog bei dem Gedanken das Gesicht. Egal, wie viele Bestien er erlegt und wie oft er deren Gestank ertragen musste, an den Geruch von Kuhdung würde er sich nie gewöhnen.

      "In Adalgata bin ich schon mal gewesen. Ist eine ganz nette Handelsstadt, mit gutem Essen und weichen Betten. Ansonsten gibt es dort wenig zu tun, außer Geld auszugeben... Aber wir können uns dort immerhin erholen und eine Weile von unserer Bezahlung leben. Weiter nordöstlich liegt Siemes, aber ob es sich lohnt, dort hinzugehen, ist fraglich. Die ganze Stadt is voll hochnäsiger Bonzen, die den lieben langen Tag umeinanderrennen und einen auf wichtig machen. Wenn ich mit recht erinnere darf man dort nicht mal beherbergt werden, wenn man nicht adlig oder ein Forscher ist, der mit der Universität zusammenarbeitet. Und sündhaft teuer ist das Leben dort auch. Verstehe überhaupt nicht, was die Leute dorthin zieht."

      Naja, irgendwie verstand er es schon. Wer wollte schon nicht in einer Stadt voll Prunk und Pracht leben, deren starke Mauern sie von den Gefahren der Außenwelt schützten? Weit entfernt von den Wäldern, den Bestien ihr Zuhause nannten?

      In Wirklichkeit träumte jeder im einfachen Volk davon, eines morgens an so einem Ort aufzuwachen, an dem man nachts die Augen schließen konnte mit dem Gewissen, den nächsten Tag noch erleben zu können. Siemes triumphierte hierbei natürlich als sicherste Stadt des Kontinents, die nie von jeglichem Unrat befallen wurde. Nicht nur, weil sie, wie auch die meisten anderen großen Städte, nicht unmittelbar in der Nähe eines Waldrandes lag. Auch, weil sie umzingelt war von mehreren kleineren Orten und Siedlungen, deren Bewohner im Falle eines Angriffs als erste zwischen den Zähnen und Klauen der Biester verenden würden. Die Angreifer würden sich an ihnen sattfressen und hätten gar kein Interesse daran, Richtung Hauptstadt durchzudringen.

      Und von diesen Menschen, die als lebender Schutzwall verwendet wurden, verlangte das Königshaus auch noch Steuern. Dafür, dass im Falle eines Bestien oder Räuberangriffs eine handvoll Soldaten in die Dörfer geschickt wurden, um sich der Sache anzunehmen. Dabei machten sie ihren Job mehr schlecht als recht, oder waren überhaupt erst dann zur Stelle, wenn die Hälfte der Bewohner und deren Vieh schon zerfleischt und deren Habseligkeiten geplündert worden sind. Da war es kein Wunder, dass das einfache Volk viel lieber reisende Jäger engagierte, die ihre Arbeit meistens um einiges effizienter und mit langfristigeren Ergebnissen erledigten.

      Zusammen mit seinem Kollegen verließ Scarlett das Wirtshaus und trabte entlang der staubigen Straße, bis das Dorf und ihre Bewohner hinter ihnen immer kleiner wurden und schließlich aus seinem Blickfeld verschwanden. Stattdessen erstreckte sich zu ihrer linken nun der Wald und zu ihrer rechten eine endlos wirkende Ebene.

      Dort, kaum zwanzig Schritte entfernt, graste eine Horde Kaminchen. Eine Art, die sich äußerlich von ihren normalen Artgenossen wenig unterschied, bis auf die Tatsache, dass das Innere ihrer langen Ohren glühte und Funken sprühte. Die Wesen waren ungefährlich, setzten sich jedoch mit Flammen zur wehr, wenn man sie attackierte. Hin und wieder wurden sie für ihr besonderes Fleisch gejagt, und Scarlett überlegte, ob er nicht eines von ihnen schießen und in Adalgata zum Verkauf anbieten sollte, entschied sich aber dagegen.

      Stattdessen griff er in sein Gepäck und holte ein Stück Kuchen heraus, das noch übrig geblieben ist. Vergnügliche schmauste er daran, die Krümel auf seiner Kleidung verteilend.

      Hin und wieder blickte er zu Ferris rüber. Irgendwie war dieses ständige Schweigen doch etwas unangenehm, und der Wunsch nach einer Konversation kam auf. Worüber sollte er aber mit seinem Kollegen sprechen? Über das Wetter? Wohl kaum.

      Scatlett wählte seine nächsten Worte mit bedacht, und fragte schließlich:

      "Was hast du eigentlich für die Zukunft vor? Dich irgendwann niederlassen, ein Handwerk lernen und heiraten? Oder willst du das hier den Rest deines Lebens machen?"
      How bad me be?
    • Ein Tier?
      Ferris farblose Augen funkelten aus dem Schatten, welche seine dunklen Locken auf sein Gesicht warfen, heraus. Ein weißes glimmen, als würde noch immer rabenschwarzes Fell jene umrahmen und den Wolf wie nicht mehr als eine Personifikation der Dunkelheit aussehen lassen.
      Scarlett war ihm ein seltsamer Genosse. Teils direkt in seinem Wort und seine Anliegen klar in den Raum zwischen ihnen stellend und teils nicht zu deuten, weder in seinen Gedanken, noch in seinem Verhalten. Was es dem Wolf unheimlich schwierig machte ihn abzuschätzen. Generell beobachtete Ferris, dass Menschen, mit welchen er eine längere Zeit teilte begannen ihr Verhalten mit dem Fortschritt dieser zu verändern. Ganz so als wurden sie vertrauter mit der Kreatur und nahmen es in Kauf ihn auch mal zu verärgern.
      Als sie sich zusammengeschlossen hatten, tauschten sie nicht einmal direkt ihre Namen aus. Zu Anfang sollte es für beide nicht mehr als eine einfache Reise Gelegenheit bis zur nächsten Etappe sein. Doch irgendwie hatten sie sich danach nicht getrennt. Ferris und wohl auch Scarlett hatten festgestellt, dass sie kein schlechtes Team abgaben und die Effizienz mit welcher sie Aufträge erfüllten sich gesteigert hatte. Ein Wesen wie die Chimäre hätte keiner von ihnen allein bezwingen können… Aber mit geringer Kraft war es möglich und auch die Vergütung war dementsprechend hoch.
      Den neugierigen Blick seines Partners strafte er trotz dessen Protest über dieses Verhalten erneut mit einem Knurren. Doch erlaubte er danach einen Blick auf die Karte, welche seine Reise ab der Trennung des Professors beinhielt. Die davor gemachten Markierungen waren klar ersichtlich nicht die des Wolfes.
      Seine ungeschickten Pranken waren nicht fähig ein Wort zu schreiben und schon allein den Weg zu markieren stellte für Ferris Hände eine Herausforderung dar… Niemals würde er die fein säuberliche Schrift des Professors nachahmen können…
      Das Interesse nun mehr nicht von seinem Gesicht weg zu denken, musste Professor Altstett feststellen, dass auch die einfachen weiß leuchtenden Augen der Kreatur, deren Emotionen klar zu vermitteln mochten. Schon eine Weile betrachtete es auf den Rande des Tisches gestemmt die Hand des älteren Mannes dabei, wie sie den Füller haltend über das Papier flog. Der Gelehrte fasste seine ersten Tage mit der seltsamen Gestalt gerade in einem ersten Bericht zusammen, während jene ihm schon wieder Grund gab neue Dinge zu notieren.
      Er wurde sich mehr und mehr bewusst, was für eine Chance man ihm hier gab. Diese Wesen zu verstehen könnte das Leben aller Menschen erleichtern und ihnen den Weg in eine neue Zukunft bahnen. Dieser Wolf zeigte ihm, das eine Koexistenz möglich sein musste, denn abgesehen von begründbaren Zwischenfälle zeigte er keinerlei Aggressivität oder anderweitig gefährliche Züge in seinem Verhalten.
      Vorsichtig streckte er die Hand nachdem auf dem Tisch ruhenden Kopf aus und strich wie er es bei einem Hund tun würde zwischen den Ohren durch das Fell. Die langen Zotteln waren erstaunlich weich und luden schon fast dazu ein ihn noch mehr zu kraulen. Doch er wusste, dass er die Berührungen mit Vorsicht tun sollte, immerhin war es leicht seinen Geleit zu verschrecken… Doch in diesem Moment genehmigte der Wolf die Berührung, schon fast erschreckend lange… Gewöhnung vielleicht oder fand er es nur angenehm?
      Ferris Blick folgte dem Finger bis hin zur auf der Karte gezeigten Stelle. Adalgata lag unweit seines eigens markierten Zieles, Siemes. Freude und auch Erleichterung kochte in jenem Moment in ihm hoch, als er begriff, wie nah er einer Wiedervereinigung mit dem Professor stand.
      „ Du willst dort also Pause machen?“, fragte Ferris, während er die Karte betrachtete. Es lag weit ab seines Interesses in dieser Stadt mehr Zeit als zwingend nötig zu verschwenden. Was Adalgata in Scarlett zu einem werten Reiseziel machte, war für Ferris unwichtig. Würden sich ihre weg dort also letztlich trennen?
      Als Scarlett über Siemes sprach, sah Ferris ihn nun doch an. Der Wolf legte den Kopf leicht schief. Der Halbwüchsige sprach ganz anders über jenen Ort, als der Professor es getan hatte. Wesentlich negativer. Ferris könnten diese Dinge allerdings egal sein…
      Gemeinsam verließen sie das Wirtshaus. Adalgata sollte im mäßigen Tempo am nächsten Tage erreicht sein, sodass sie nur gezwungen waren eine Nacht unter freiem Himmel zu verbringen. Eigentlich ein gefährliches Unterfangen, jedoch vertretbar für zwei Jäger. Stumm trotteten sie neben einander her, während das löcherige Blätterdächer ein Spiel aus Licht und Schatten auf sie projizierte. Der Wald zu ihrer Linken verlor sich schnell in schierer Dichte und wirkte undurchdringlich für untrainierten Wanderer. Zu ihrer Rechten lagen zunächst noch die Felder des Dorfes, ehe jene einem Weideland und letztlich unberührten Wiesen wichen. Der Wind würde den frischen Duft der dort blühenden Blumen her tragen, jedoch zog er vom Wald aus ins Feld hinein, sodass Ferris Nase mit vertrauten Düften durchflutet wurde. Feuchtes Kiefernholz und die markante Note der Blätter. Im kontrast zu dem leisem Rascheln der Kaminchen, gab der Wald sich still. Nur die Blätter gesellten ihre Töne in die Mischung, wann immer der Wind stark genug war ihnen einen zu entlocken.
      Ferris Blick wanderte hinüber zu den grasenden Tieren, welche sich nicht von den Jägern stören ließen. Der Wolf hätte eigentlich erwartet, dass die Beute Tiere seinen Duft vernahmen, immerhin wehte der Wind ihnen jenen direkt in die Nase. Doch sie reagierten nicht, wie sie es eigentlich sollten. Ein wenig verwundert über das seltsame Verhalten jener, schritt er weiter.
      Hier war es zu still…!
      Scarletts Blick ließ er ungeachtet. Dem Menschen schien hier nichts zu beunruhigen, ganz anders als Ferris, welcher sich mit jedem Schritt weiter in die Wildnis unbehaglicher fühlte. Doch den Grund für diese Ahnung vermochte er nicht auszumachen.
      Die plötzliche Frage seines Partners riss ihn aus dem Konzept, was man seinem Gesicht leicht abzulesen vermochte. Dem Schock folgte Verdutzung und letztlich ein großes Fragezeichen in den Augen.
      „ Das hier?“, er überlegte. „ Das Jagen?“ seine Stimme klang nachdenklich und ein wenig überfragt. Warum die Zukunft planen, wenn man sie ohnehin nicht vorhersagen könnte? Dieses Konzept war ihm fremd. Auch der Professor hatte Pläne geschmiedet… über Dinge gesprochen, die Ferris damals nicht verstanden hatte und sich kaum noch daran erinnerte. Nur Altstetts Gesicht hatte sich in seinen Kopf gebrannt. Ein Ausdruck der Freude mit einem funkeln des Erfolgs in den Augen.
      „ Ich muss jagen…“, sagte er dann. „… bis ich sterbe!“, sein Blick wanderte in die Sonne hoch. „ Aber er wollte, dass ich ihn begleite. Schreiben und lesen lerne und…“ Ferris stoppte abrupt. Der Rest der Worte war ein einziger Salat in seinem Kopf. Begriffe ohne Bedeutung verloren in einem Meer aus unklaren Erinnerungen. Sein Blick senkte sich langsam wieder.
      „ …Zu ihm gehen. Das werde ich tun!“ in seinen letzten Worten lag Sicherheit und der klare Wille dieses Ziel zu erreichen. Es war schon immer so für Ferris gewesen. Sich ein Ziel setzen, jenes erfüllen und dann weiter sehen. Eine Zukunft planen ging nicht, aber man konnte ein Ziel erreichen…!
      Eigene Träume für die Zukunft hatte der Wolf nicht. Die Welt der Menschen war ihm fremd und somit auch all die Möglichkeiten, welche sie ihm zu bieten hatte. Er war sich nicht einmal sicher, ob er sie wahrnehmen wollen würde…
      Seine Augen wanderten zu Scarlett. Ein Handwerk erlernen und heiraten hörte sich menschlich an, passend für ihn, wenn er eines Tages dieses Handwerk ablegen wollte.
      „ Sollte es nicht eher dein Traum sein, eines Tages ein ruhiges und sicheres Leben zu führen? Davon träumen doch alle Menschen, oder?“
    • "Zu ihm?"

      Scarlett hörte auf, an seinem Kuchen rumzukauen und sah seinen Partner verwundert an. Nie hatte dieser etwas von den Menschen erzählt, die ihm nahestanden, und dementsprechend konnten seine Worte einen nur neugierig machen.

      "Ein Freund von dir, nehme ich an. Oder ein Verwandter," sprach der Blonde verständnisvoll.

      Es war irgendwie merkwürdig, darüber nachzudenken, dass Ferris da draußen jemanden hatte, der ihm irgendwie nahestand. Er war schließlich so... rau, unnahbar, distanziert. Aber selbst ein einsamer Wolf brauchte wohl ein Rudel. Wer dieser Mensch wohl war, für den der Mann einen so langen Weg auf sich nahm? Und was für ein Verhältnis hatten sie zueinander?

      Während Scarlett überlegte, vernahm er hinter sich das Klacken von Hufen. Er drehte sich um, bemerkte, wie eine Kutsche ihnen entgegenkam, und ging etwas zur Seite, um ihr aus dem Weg zu gehen. Es war sicher keine einfache Postkutsche... nein, an dem reich verzierten Ebenholz und den sämternen Vorhängen konnte man erahnen, dass es sich um ein Transportmittel der Oberschicht handelte. Der Jäger konnte die Augen verdrehen bei solchem Leichtsinn. Mit so einem Ding auf einem kaum bewanderten Pfad am Waldrand entlangfahren! Da konnte man sich doch gleich ein Schild mit der Aufschrift "Raubt mich bitte aus" umhängen... Aber was nicht sein Problem war ging ihn auch nichts an.

      Somit sagte er nichts, als das schwarze Pferdegespann, geführt von einem alten, gebrechlich aussehenden Kutscher gemächlich an ihm vorbeitrabte. Stattdessen kehrten seine Gedanken zurück zu Ferris.

      Er hatte eine Vermutung über dessen Herkunft, die ziemlich nahe lag. Die Person, über die er sprach, war wohl ein strikter Elternteil oder Lehrer. Und er musste aus ganz guten Verhältnissen stammen, wenn er es sich leisten konnte, Schreiben und Lesen zu lernen, denn für Bildung hatten bei weitem nicht alle Familien das nötige Kleingeld. Die Lernerei ist ihm wahrscheinlich langweilig geworden und er ist bei Nacht und Nebel in die weite Welt hinausgeflüchtet, um mal etwas Neues zu erleben, hat die Jagd für sich entdeckt und sich seitdem damit beschäftigt. Und nun hatte er Gewissensbisse, fühlte sich einsam... und wollte wieder zurückkehren. Das bedeutete wohl, dass sich ihre Wege irgendwann trennen würden, vielleicht sogar sehr bald.

      Scarlett fand es natürlich schade. Ferris' Gabe, was Gerüchte betraf, war schließlich verdammt nützlich. Und der Mann selber war trotz seiner barschen Art kein schlechter Begleiter. Er hatte gehofft, dass ihre Kooperation etwas länger andauern würde. Andererseits war er es auch gewohnt, dass Mitreisende nie allzu lange an seiner Seite blieben.

      Als der andere ihm die Frage nach seinen eigenen Zukunftsplänen stellte, lachte der Blonde nur auf.

      "Klar, ruhig und sicher! So ein Leben führen nur die Leute, die es sich auch leisten können. Alle andere harren in ihren kleinen Städtchen aus und warten auf die nächste Bestieninvasion. Da nehme ich lieber ein Gewehr in die Hand und komme ihnen selber entgegen, als ständig mit Angst und Unsicherheit leben zu müssen. Außerdem stelle ich mir so ein Dasein ziemlich trist vor. Was kann ich denn sonst machen, außer Jagen? Schmied werden, oder Zimmermann? Tagein, tagaus den Hammer schwingen, Möbel und Hufeisen herstellen? Oder mich als Knecht mein Leben lang auf dem Feld abrackern? Nein, da sind mir Chimären und Banditen dann doch lieber."

      Er überlegte kurz, verschenkte die Hände hinterm Kopf.

      "Außer, natürlich, ein junger Königssohn verliebt sich unsterblich in mich, baut mir ein Schloss und überhäuft mich mit Gold und Edelsteinen. Dann würde ich meinen Revolver wohl bis ans Ende meiner Tage an den Nagel hängen. Aber so, wie es im Moment ausschaut, werde ich das hier machen, bis ich alt bin. Oder in den Wäldern umkomme. "

      Danach schwieg der Jäger, versunken in seinen eigenen Gedanken.

      Zu diesem Zeitpunkt hatte die Sonne sich schon beinahe vollständig hinterm Horizont verkrochen, die Welt der Nacht überlassend. Scarlett beschloss, dass es Zeit für eine Pause war. Schließlich wäre es unklug, im Dunkeln weiter zu wandern. Aus dem Wald erklangen keine verdächtigen Geräusche, doch er entschied sich trotzdem dafür, etwas weiter weg von ihm ein Zelt aufzuschlagen. Die Ebene bot dafür mehr als genug Platz. Und bei der schwülen, heißen Luft würden sie wohl kaum in der Nacht frieren.

      "Lass uns für heute Schluss machen," sprach er nach einem ausgiebigen Gähnen.

      Gerade war der Blonde dabei, einen geeigneten Schlaf Platz zu finden, als er plötzlich etwas zu Ohren bekam. Instinktiv horchte er auf, seine Finger glitten zu den Revolvern an seinem Gürtel.

      Einen Moment lang war es still. Dann, aus dem Dickicht heraus, ertönte ein schriller Schrei, gefolgt von verärgerten, lauten Rufen. Wer immer das auch war, sie waren nicht weit von den Jägern entfernt.

      Scarlett überlegte. Einerseits hatten sie keinen Grund, hinzugehen. Dies war nicht ihr Konflikt, und sie hatten keine Verpflichtung, sich einzumischen. Andererseits herrschte die Gefahr unmittelbar in ihrer Nähe, und es wäre klug, ihr entgegenzuwirken, bevor sie es tat...

      Als ein weiterer Schrei aus dem Wald erklang, war der Blonde seinem Partner einen vielsagenden Blick zu.

      "Ich werde mir das ansehen," murmelte er gedämpft und preschte vorsichtig voran. Der Pfad, auf dem sie sich befanden, hatte eine Abzweigung, die scharf nach links abbog. Scarlett folgte ihr, und stieß sogleich mit einem großen Objekt zusammen.

      Eine Kutsche. Eingeschlagenes Fenster und eine sperrangelweit aufgerissen Tür. Hengste, die nervös schnaubten und mit den Hufen im Staub scharrten.

      "Ruhig sollst du sein, hab ich gesagt!"

      Scarletts Blick richtete sich gen Wald. Zwischen den dicht beiananderstehenden Bäumen flackerte ein kleines Feuer. Eine Gruppe aus sich frantisch bewegenden Figuren warf lange Schatten. Sie beachteten ihn nicht, als er sich näher heranschlich.

      "He, Hände hinterm Kopf, habe ich gesagt! Nochmal sowas und ich schieß dich ab, wie ein Wildtier!"

      Noch näher. Still, im Schutz des dichten Laubes, das ihn umgab. Als er das Gefühl hatte, nah dran genug zu sein, lugte er vorsichtig hinter einem hochgewachsenen Strauch hervor.

      Was er sah war eine Gruppe von Menschen, die um ein Lagerfeuer herumstanden. Sechs breitschultrige, schmutzige Männer, unrasiert, mit wilden Augen und rissiger Kleidung, die ihre besten Tage schon lange hinter sich hatte. Bewaffnet bis auf die Zähne.

      Einer von ihnen hatte seine Schusswaffe auf einen Greis gerichtet, der zitternd und zudammengekauert auf dem Boden kniete, die Hände hinter dem ergrauten Kopf zusammengelegt. Ein anderer war dabei, die Handgelenke einer jungen Frau zusammen zu binden. Die Dame bekündete ihr fehlendes Einverständnis dabei lautstark, versuchte verzweifelt, sich zu befreien, war dem Goliath, der sie mit einem eisernen Griff festhielt jedoch hilflos ausgeliefert.

      "Jetzt steh still, verdammt!", zischte er. "Du hörst mit dem Zappeln besser auf wenn du nicht willst, dass wir dem alten Knacker da ein Loch in den Kopf schießen."

      "Man wird euch bestrafen! Mein Vater, er ist ein hoher Beamter von Siemes! Niemals wird er euch damit davonkommen lassen, ihr werdet noch sehen-"

      Die Frau (sie konnte kaum älter sein als 19, stellte Scarlett fest) warf ihren Peinigern einen hasserfüllten Blick entgegen, stellte ihre Fluchtversuche jedoch ein. Trotz ihrer sicher wirkenden Körperhaltung konnte man das Beben in ihrer Stimme deutlich heraushören.

      "Von Siemes, ja? Nun das glaub ihr dir gern...", sprach ein Mann mit einem brauen Bandana und hing hämisch grinsend auf die Dame zu.

      "Bei den Schmuck und Kleidern!"

      Mit einer raschen Handbewegung riss er ihr eine wertvoll aussehende Kette vom Hals. Hielt sie ins Licht des Feuers, betrachtete sie genau und biss ein paar Mal in die bunten Edelsteine, die an ihr hingen.

      "Die sind echt, keine Frage. Wir können allein damit ein kleines Vermögen verdienen, wenn wir sie verkaufen..."

      "Das könnt ihr nicht tun! Diese Kette hat meiner Großtante gehört, sie ist ein Erbstück!"

      "... tja, und jetzt gehört sie uns! Was willst'n dagegen machen, häh? Hol sie dir doch zurück, wenn du es kannst."

      Er hielt den Schmuck vor ihr Gesicht und schüttelte ihn, lachte dabei garstig auf, als sie ihn mit Schimpfwörtern überschüttete.

      "Das Kleid bring sicher genauso viel ein. Aber was machen wir dann mit dem Weiberzimmer?", brummte ein Räuber mit einer auffälligen Narbe im Gesicht. "Verkaufen wir sie als Sklavin? In ein Bordell?"

      Der Gefangenen wich bei diesen Worten alle restliche Farbe aus dem Gesicht und ihre Augen weiteren sich vor Angst.

      "Dummes Rindvieh!", rief der Mann, der sie festhielt und tippte sich auf die Stirn. "Hast du denn nicht gehört was sie gesagt hat? Papa ist ein Beamter in Siemes. Und wenn er sein Küken in ganzen Stücken wiedersehen will, dann wird er uns ein schönes Sümmchen dafür bezahlen müssen. Das wird bei weitem höher sein als das, was uns irgendein Lustmolch aus dem Bordell zahlen kann! Genug, dass wir das alles hier nie wieder machen müssen! "

      Die Räuber begannen daraufhin, sich lautstark darüber zu streiten, wo denn nun was von wem verkauft werden sollte. Und Scarlett verblieb währenddessen still hinter seinem Strauch, die Revolver herausgezogen und die Finger am Abzug.

      Unsicher, was er als nächstes tun sollte...
      How bad me be?
    • Mit reichlich Verwunderung wiederholte Scarlett die Worte seines Weggefährten und stoppte es den Kuchen zu malträtieren. Ganz als könnte er sich nicht vorstellen, dass Ferris einem Menschen nah stand und all die Monate nur unterwegs war um Jene Person zu finden.
      Er zeigte Interesse mit seiner Nachfrage, um es sich um einen Freund oder Verwandten handelte. Der Wolf blickte auf und legte den Kopf ein wenig schief. „ Mein Halt…“, entgegnete er letztlich mit völlig ruhiger Stimme. Ihm war die Welt eine Fremde voller unbekannter Gerüche und Laute. Praktiken machten keinen Sinn. Der einzige Grund und rote Faden in diesem Wirrwarr war jener Mann gewesen…
      Ferris schloss seine Augen, während er langsam weiter schritt. Der Duft des Professors hatte sich in den Kopf des Wolfes gebrannt. Unter Tausenden würde er diesen einen wiederfinden!
      Des Wolfes Ohren spitzen sich, als er die Pferde näher kommen hörte. Bevor er weiter in Gedanken verloren den Weg entlang getrottet wäre, folgte er Scarlett ein paar Schritte an die Seite. Ein herber Geruch der Hengste machte sich in seiner Nase breit, als das Gespann an ihnen vorbei zog. Er dominierte klar, obwohl eine feine und leicht vertraut wirkende Note, jenen geleitete.
      Die Kutsche an sich weckte kein weiteres Interesse in ihm. Auch Scarlett ließ die kurze Begegnung unkommentiert und so zogen die beiden einfach weiter.
      Während sein Gefährte in Gedanken versank, spitze Ferris einmal mehr Seine Sinne. Noch immer zog der Wind vom Feld aus in den Wald hinein und versetzte die Blätter der Bäume in ein Rascheln. Das Gefühl in Ferris Bauch wurde deutlicher, derart, dass er glaubte die Bäume würden reden. Sie tuschelten. Immer wieder versuchte der Wolf zu ignorieren, was sich dort in seinem Kopf ausbreitete.
      „ Das bildest du dir nur ein, Ferris. Niemand starrt dich an und niemand wird dahinter kommen, was du bist!“
      Das Lachen von Scarlett Riss einen Teil seiner Aufmerksamkeit zurück auf ihr Gespräch. In dessen Antwort erklang die Ironie in der Aufteilung dieser Welt in arm und reich. Wie die, die es sich leisten könnten sich in befestigten Städten und Burgen verschanzten und alle anderen auf den nächsten Überfall warteten. Ferris wollte etwas fragen, doch bevor er dazu kam, sprach Scarlett auch schon weiter.
      Sein Traum würde in anderer Manns Ohren unwirklich klingen. Dem Wolf sagte es nichts. Die romantisierte Vorstellung eines Märchenprinzen besaß kein Bildnis in seinem Kopf, von welchem ausgehend er den Worten Scarletts einen Sinn geben könnte. Er wollte fragen, was er mit Prinz meinte, doch ließ es bleiben. Denn die Ernüchterung im letzten Satz verriet ihm, dass sein Gefährte selbst kaum daran glaubte und es wohl, eher ein Scherz war.
      „ Keine Sorge, du stinkst! Keiner würde doch freiwillig fressen wollen!“
      Die Sonne senkte sich und versetzte den Himmel in neue Farben. Rosa und orange breiteten sich über die Endlosigkeit über ihren Köpfen aus. Wolken bekamen im letzten Licht ein Spiel der Schatten aufgetragen. Es wirkte so, als würden sie vor der Finsternis fliehen, welche sich am anderen Ende ausbreitete. Auf den ersten Blick allerdings nur. Von tausenden Sternen geschmückt, fand Ferris, dass der Himmel der Nacht wesentlich schöner war, als das Bildnis des Tages!
      "Lass uns für heute Schluss machen"
      Ferris nickte und wollte schon den Weg verlassen. Im Feld zu kampieren hielt er für intelligenter, als sich auch nur einen Meter tiefer in den Wald zu wagen! Gerade wollte er die Böschung hinab steigen, als er zurück blickte und bemerkte, dass ihm niemand folgte. Scarlett war stehen geblieben und widmete seine Aufmerksamkeit den ungewöhnlichen Geräuschen aus dem Wald. Ferris spitzet selbst erneut die Ohren und horchte selbst. Es klang nicht wie etwas, das ihm gefährlich werden könnte, weshalb er sich nicht darum kümmern wollte.
      Er hatte sich schon lange abgewandt, als der Schrei ertönte und weitere menschlich wirkende Stimme folgten. Kein Biest gäbe solche ineffizienten Töne von sich, zumindest nicht in einer solchen Gegend! Hier mit menschlicher Imitationen zu jagen war das dümmste, was man machen könnte.
      Für Scarlett allerdings gab es Grund genug sich dem ganzen anzunehmen, weshalb sich seine Schritte schon bald von Ferris entfernten, welcher seinen Weg runter ins Feld fortsetzen wollte. Dann allerdings kletterte er wieder hoch.
      Ein Team… Einander den Rücken decken und gemeinsam das Biest bezwingen… hatte man einst zu ihm gesagt. Weise Worte wie er selbst glaubte. Ein Rudel oder eine Partnerschaft war wohl ausgeführt immer erfolgreich als ein einzelnes Individuum!
      Er folgte den Spuren, die Scarlett hinterlassen hatte. Über den Weg und letztlich hinein in den Wald. Selbst die mächtigen Äste der Baumkronen bogen sich hier von unter dem Wind und um tummelten die Ohren des Wolfes mit ihrem Klang. Ferris verharrte und warf einen Blick in die Höhe. Seine Augen leuchteten inzwischen weiß, wie sie es normal taten und seine eigene Imitation der menschlichen Form verlor an Glaubhaftigkeit.
      Erneut bahnte sich ein tuscheln den Weg in seine Ohren. Er verstand kein Wort…
      Als würden die Bäume reden… schoss es ihm durch den Kopf. Er blickte lange in die sich wiegenden Kronen und versuchte ein Worte aus dem Geraschel zu verstehen. Doch es war am Ende sein Verstand, der ihm etwas vorspielte?!
      Wie gebannte blickte er hinauf. Jeder Schritt, den er nahm ließ ihn mehr und mehr im Schatten versinken und seine reale Form annehmen. Ein Bildnis des Schreckens. Rabenschwarzer Wolf und zwei leuchtende Punkte, wie die Sterne am Himmel aus der Finsternis ihr Licht dem Menschen entgegenwerfend, der jenes erblickte
      Ferris knurrte aus tiefster Kehle. Die Töne schienen von überall zu kommen, ganz gleich in welcher Ausrichtung sich seine Ohren auch befanden.
      Töne aus der Ferne drangen in seine Ohren. Das eingebildete tuscheln verschwand. Die Worte wurden klarer mit jedem Stimmwechsel. Der Schatten richtete beide Ohren nach vorn und verwarf die Gedanken der Einbildung für den Moment. Hier gab es keinen Feind!
      Nur Menschen, die einander beraubten und zu morden planten! Wie konnte er sich nur derart gehen lassen?! Sich redende Bäume einbilden?!
      Ferris setzte sich in Bewegung und zischte durch den Wald. Vorbei an der Kutsche, bishin zu der Gruppe von Menschen. Er umkreiste jene, wie einst die Chimäre. Aus leisen Pfoten unterwegs, beachtete niemand das Raubtier, welches der Szene seine Aufmerksamkeit schenkte.
      6 ungepflegte Männer, welche den alten Mann, den er auf der Kutsche gesehen hatte und ein Mädchen dazu zwangen leise zu sein.
      Ferris wurde hellhörig, als das Mädchen etwas von Siemes kreischte. Mein Ziel… dachte er sich umgehend, bevor er weiter zog und einen anderen Blickwinkel erlangte. Die Frau hatte langes helles Haar. Die Frisur in welcher es sich einst befunden haben musste, was gänzlich vernichtet worden. Einer der Männer hielt etwas in der Hand, was einer Haarnadel ähnelte und betrachtete voller Gier in den Augen die reichen Juwelen an dem Schmuckstück. Wenn sie die selbe Herkunft wie der Professor hatte…
      Ferris schlich weiter durch das Unterholz. Es war still. Der Wald gab keinen Ton von sich. Nur die Menschen waren in diesem Moment lauter den je!
      Die Gedanken des Wolfes hingen wieder bei dem seltsamen Gefühl, welches ihn seid Stunden plagte. Die Menschen waren es nicht… Es war der Wald…
      Die Stimme verschwammen in seinem Kopf, als sein Gehör den Fokus änderte und in die Stille lauschte. Erneut war es zu still von Seiten der Natur aus… Ferris wollte sich umdrehen und weiter betrachten, was dort vor sich ging. Sich fast gänzlich zurück gedreht, vernahm er einen Luftstoß aus den Tiefen des Waldes. Ein Schatten Schoß an seinem Auge vorbei. Ehe er reagieren könnte, schlug jenes wie eine Peitsche auf ihn ein. Masse drückte den Wolf zu Boden. Bevor er überhaupt zu realisieren vermochte, was ihn angegriffen hatte, schlang sich etwas kaltes und feuchtes um seinen Rumpf und riss mi einem starken Ruck an ihm.
      Die Menschen bemerkte nicht, was dort im Schatten der Bäume vorging. Erst als ein heller und wütender Aufschrei von Ferris durch die Bäume hallte, rissen sie ihre Köpfe nach oben. Der Wolf rangelte mit dem seltsamen Angreifer…
      „ Was war das?!“, fragte einer der Räuber die streitenden Partner. Sein Blick wanderte über die Dunkelheit. „ Seid doch endlich leise!! Da ist was im Wald!!“
      Ferris kam los! Er wandte sich aus dem festen Griff und ergriff die Flucht. Während er die Gerüche der Menschen sortierte und sich auf den von Scarlett fixierte, nahm er menschliche Form an, nur um seinen Partner, welcher abwartend im Gebüsch kniete über den Haufen zu rennen.
      Schwer keuchend blickten die weißen Augen auf den Halbwüchsigen herab. Die Räuber zückten ihre Waffen. Doch wie zuvor vermochten sie die Geräusche nicht verordnen zu können.
      Ferris Atmung ging schwer.