Das Leben, ein Lied

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    • Den heißen Becher Café-to-go in der einen Hand, die Unterlagen in der anderen lief ein rothaariger Mann durch die Straßen der Stadt. Ein eisiger Wind wehte, doch durch den Schal, den dunklen Mantel und die dicken Socken fror der Schönling nicht. In der Stadt herrschte reges Treiben und Oliver, so hieß der junge Mann, der sämtliche Blicke der jungen Mädchen auf sich zog, hatte noch einige Besorgungen zu erledigen. Doch da Stress Gift war, so fand er, und er stets die Zeit im Blick hatte, blieb er hin und wieder an dem ein oder anderen Schaufenster stehen. Bald hatte seine Arbeitskollegin Geburtstag. Jene Kollegin, die den Schreibkram erledigte und mit der er vor gut einem halben Jahr eine Lisaison eingegangen war. Jene Kollegin, die sich trotz aller Widerworte eine ernstere Beziehung wünschte. Doch sie war nicht die Richtige. Dennoch hatte sie ihn zu seinem Geburtstag eingeladen, und Oliver vermutete schon, dass sonst niemand eingeladen war. Es waren hauptsächlich Schaufenster von teuren Juwelieren, die seine Zeit in Anspruch nahmen. Ein Stück schöner, als das andere, keine Frage, aber dennoch sehr teuer, worum sich der junge Geschäftsmann allerdings nicht sorgte.
      Während er nach teuren Ketten, Armbändern und -uhren Ausschau hielt, sah man gefühlt an jeder Straßenecke einen Bettler. Männer, Frauen, auf alten, zerfetzten Decken kniend. Manche hatten noch ihre Hunde dabei, andere gaben wiederum nur stöhnende Laute von sich. Einem der Männer fehlte sogar ein Bein, dem anderen ein Arm. Trotz der fehlenden Extremitäten war in den Augen des 27-Jährigen alles nur Show. Obdachlosigkeit? Nur enstanden aus Faulheit! Nach seiner Meinung musste niemand auf der Straße leben, und seinen Unterhalt durch Belästigung anderer Leute verdienen. Mit dieser Meinung schenkte er den Frauen und Männern keines Blickes, ging mit erhobenem Haupt an ihnen vorbei. Lediglich die Hunde waren es, die ihm leidtaten. Eigentlich fürchtete er Hunde, vorallem jene, die höher waren als sein Knie. Dennoch empfand er Mitleid, dass die Hunde aufgrund der Faulheit ihrer Frauchen und Herrchen, ebenfalls den eisigen Temperaturen ausgesetzt wurden, nur um Mitleid zu erregen und mehr Spenden zu erhalten. Er vermutete hinter gut allen Gesichtern eine Sekte. Armut? Pah! Vermutlich nur die wenigsten. Er hatte kein Verständnis dafür, und würde sich vermutlich niemals in die Lage der Einzelnen versetzen können, aber vorallem dies auch nicht beabsichtigen.
      So ging er weiter seines Weges, trank immer wieder einen kurzen Schluck von seinem heißen Kaffee, welcher heute etwas bitter zu schmecken schien, denn jedes Mal verzog er angewidert das Gesicht. Viele Menschen streiften seinen Weg. Einige schienen es eilig zu haben, andere schienen glücklich und ausgelassen, andere genervt und gestresst. Doch je weiter er dem großen Einkaufzentrum kam, hörte er deutlicher eine Stimme. Eine wunderschöne Stimme. Schon von Weitem sah er, dass sich Grüppchen gebildet hatten, die aufmerksam dem wunderschönen Gesang der Frau lauschten. Normalerweise interessierte sich Oliver genauso wenig für Straßenmusiker wie für Bettler, doch zumindest - so fand er - taten sie etwas für ihr Geld, und viele von ihnen hatten ein wahres und unentdecktes Talent. So auch diese Frau. Er wollte weitergehen, denn die Zeiger liefen weiter, und allmählich musste er sich sputen. Doch er konnte nicht anders, als stehen zu bleiben und über einige der Köpfe hinwegzusehen. Im Mittelpunkt des Geschehens stand eine wunderschöne junge Frau. Sie war sicher genauso schön wie ihre Stimme. Ihre langen Haare schmiegten sich wie ein Seidengewand um ihr blasses Gesicht, ihre großen Augen und die Lippen, die zum Küssen einluden. Irgendetwas hatte diese Frau - mal abesehen von ihrer atemberaubenden Stimme und ihrem attraktiven Aussehen -, was den Student nicht weitergehen ließ. Während er stehen blieb, und immer wieder an seinem Café-to-go nippte, lauschte er dem Gesang und den Gitarrenklängen der Unbekannten. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte er sie an. Und da war es, dieses unwiderstehliche Lächeln und dieser ganz besondere Moment. Zumindest für Oliver.

      Liebe ist...
      jemanden so zu sehen wie er ist.
      Nicht, wie man ihn gerne hätte.
    • Lucia


      Zum mittlerweile sicherlich zehnten Mal versuchte sie den einfachen roten Wollschal enger um ihren Hals zu wickeln, mit dem gleichen Erfolg der vorangegangenen Male... Ihr war noch immer kalt. Nicht einmal die drei Lagen ihrer Kleidung aus T-Shirt, Strickpully und alten hellbraunen Polyestermantel konnten daran etwas ändern, obwohl sie den Stoff eng um ihren Körper gewickelt hatten. Leider wies auch ihre ausgeleierte Jeanshose schon ein paar Risse auf, die dem eisigen Wind Einlass gewärten und ihre Knie schlottern ließen. Zittertend hauchte sie den warmen Atem gegen die Fingerspitzen die aus den schwarzen Pulswärmern herausragten und rieb sie dann schnell gegen einander.
      Warum musste es heute denn auch schon wieder so kalt werden? Hoffentlich war dieser elende Winter bald vorrüber, auf dass sie sich wieder im warmen Sonnenlicht baden konnte, doch für den Moment galt es andere Wege zu finden, sich aufzuwärmen. Ein letztes Mal blickte sie sich noch auf der Straße um. Die Geschäfte standen hier etwas enger und auch die Hauswände zogen sich deutlich weiter in die Höhe. Beides zusammen sorgte für einen angenehmen Hall und trug ihre Stimme auch viele Meter weit, obwohl sie weder über Mikro noch verstärker verfügte. Aus eben diesem Grund war dieser Platz leider oft schon besetzt, weswegen sie auch heute wieder noch lange vor Sonnenaufgang hergekommen war, um sich den heißbegehrten Platz zu sichern. Natürlich waren um diese Zeit noch keine Menschen auf den Straßen unterwegs. Warum auch? Die meisten Geschäfte hatten noch nicht einmal geöffnet. Aber Lucia nutzte die zeit dann immer dafür ihre Stücke zu üben, oder neue Songideen auszuprobieren.
      Leider hatte die heutige Kälte ihre Finger schneller als üblich steif werden lassen und sie hatte das Gefühl über ihr Gitarrenspiel verloren. "Kommt schon, wacht wieder auf." Flüsterte sie den kalten Gliedmaßen zu und hauchte ihnen ein weiteres Mal warmen Atem entgegen. "Wir verlieren zahlende Kundschaft."
      Unglücklich hoben sich ihre Rehbraunen Augen über die Fingeruppen hinweg und musterten die unzähligen Passanten, die der jungen Frau maximal einen kurzen Seitenblick schenkten, bevor sie sich desinteressiert abwendeten und die Schnäppchenjadgt erneut aufnahmen. Das durfte so nicht weiter gehen. Diese Pause dauerte schon viel zu lange!
      Beinahe schon aggressiv rieb sie die eisigen Finger gegeneinander und hauchte Gleichzeitig zwischen die Reibefläche. Sie musste schnell wieder das Spielen aufnehmen, ansonsten würde sie heute nicht einmal ihren Durchschnitt von siebzig Dollarn erreichen können. Wie wollte sie dann ihre Miete nächste Woche bezahlen? Allein diese grausige Aussicht schien ihre Finger von selbst wieder zu wärmen und endlich sah sie sich wieder in de Lage die Fingerkuppen gegen die straffen Saiten ihrer Gitarre zu legen. Das Musikstück begleitete sie schon ihr halbes Leben. Dutzende Kratzer und andere Fehler im Holz bewiesen, dass Frau und Gitarre schon viel gemeinsam erlebt haben mussten. Lucia wusste auch schon gar nicht mehr, wie oft sie gerissene Saiten ersetzen musste. Für sie war das Insrument schon lange zu einem guten Freund geworden, den sie liebevoll pflegte und nie wieder missen wollte. Er hatte ihr schon so oft aus der Krise geholfen und hoffentlich würde er dies auch heute wieder schaffen.
      Die ersten Töne waren eine leise ansteigende Melodie, welche sie mit sanftem Zupfen an den Saiten erzeugte. Sie genoss das Gefühl der Vibration unter ihren Fingern und wie sie durch den hölzernen Klangkörper an ihren eng angeschmiegten Körper übertragen wurde. Ein Rhythmus der ihrer Stimme den richtigen Einstieg zu ermöglichen schien. Die ersten Worte waren nur ein versichtiges Flüstern, ein Hauchen, dass sich aum ihre Lippen traute. Doch umso mehr sie sich in den Song vertiefen konnte, desto sicherer wurden ihre geübten Stimmbänder. Bald schon erhellte ihre glockenklare Stimme die gesamte Gasse, schlich sich in die Ohren der dutzenden passanten und lockte nicht wenige von ihnen an den offenen Gitarrenkasten vor ihren Füßen.
      Das Klimpern von Münzen ließ ihr Herz hüpfen und sie nickte dem freundlichen Spender kurz lächelnd zu, ohne die Melodie ihres Songs zu unterbrechen. Mehr noch als das Geräuch von fallenden Geldstücken liebte sie allerdings das Glitzern in den Augen ihrer kleinen Audienz, die sich in einem kleinen Halbkreis um die junge Braunhaaruge scharte und begeistert an den vollen Lippen der Singen hingen. Unvermittelt wurde ihre Stimme noch heller, als würde sie dem glücklichen Lächeln auf ihren Lippen einen Tonzuordnen wollen. Ihr Herz fand den Rhythmus des Liedes und das Kribbeln in ihrem Körper sorgte dafür, dass ihre Finger kein zweites Mal zu Eiszapfen mutierten.
      Sie ging voll in ihrem Element auf und wiegte den Körper mit dem Takt der Melodie, schloss immer wieder genießend die Lider, bevor sie die Augen wieder durch die lächelnden Zuschauer schweifen ließ. Allerdings blieben ihre Iriden dieses mal unvermittelt an einem Gesicht hängen. Sie hatte den jungen Mann noch nie in ihrem Leben gesehen und trotzdem gelang es ihr nicht seinen eisblauen Augen zu entkommen, die sie anfunkelten wie teure Kristalle. Beinahe hätte sie sich an ihrer nächsten Songzeile verschluckt, als sein Lächeln ihr Herz unvermitteln zum tanzen brachte. Was sollte das?
      Sie gab sich Mühe, sich wieder auf die Melodie in ihrer Kehle und unter ihren Fingern zu konzentrieren, während sie sein Lächeln zart erwiderte. Aber ihre Augen lagen noch immer unverändert auf seiner blassen und doch wunderschönen Erscheinung, die etwa einen Kopf über den Rest der Zuhörerschaft hinausragte. Das orangrote Haar wiegte sich sanft im kühlen Wind und schlich sich immer wieder vor die glänzenden Seelenspiegel, die Lucia nicht aus ihrem Bann zu lassen schienen. Der Leichte Bart um Mund Kinn betonte die kantigen und ausgebprägten Gesichtszüge und um spielte die tiefen Grübchen am Ende seiner nach oben gezogenen Mundwinkel. Umso länger er sie so musterte, desto weniger schien sie in der Lage sich von ihm abzuwenden.
      Es kam einem Wunder gleich, dass sie ihr Lied trotzdem ohne weiteren Unterbrechungen beenden konnte. Das durchdringende Klatschen kommentierte sie mit einer leichten Verbeugung und einem gemurmelten Danke. Doch selbst das folgende Klimpern mehrerer Münzen konnte sie nicht davon abhalten nach den blauen Augenkristallen in der Menge zu suchen. Ob er noch da war?
    • Wie ein Engel ohne Flügel stand sie da und faszinierte jeden Einzelnen mit ihrer wundervollen Stimme. Paare lagen sich in den Armen, Kinder staunten mit ihren großen braunen Augen und die älteren Damen neben ihm tuschelten. Nur sehr leise konnte Oliver ihre Stimmen vernehmen. Vermutlich sprachen sie so leise, um diesen bezaubernden Augenblick nicht zu zerstören.
      "Das Mädchen hat wirklich Talent", sagte die eine der älteren Damen. Ihre unter schwarzen Wollhandschuhen versteckten Hände hielt sie an den Griffen ihres Rollators fest. An einem der Griffe war die Leine befestigt, an dessen Ende ein kleiner Hund neugierig zu dem Rothaarigen aufschaute. Eigentlich sah der Hund mehr wie eine Ratte aus, daher jagte er dem 27-Jährigen auch keine Angst ein.
      "Ja, das arme Ding steht sehr oft hier, bei den eisigen Temperaturen...", sagte die andere, etwas jünger wirkende Frau. Sie hatte schulterlanges, lockiges Haar, trug eine randlose Brille und hatte diesen "ich bin auf dem Sprung"-Ausdruck, den manche Menschen immer und in jeder Situation mit sich brachten. Menschen, die einfach nie Ruhe finden konnten. Vielleicht war es der Autoschlüssel oder ihre Geldbörse, die diesen Ausdruck verstärkten.
      "So, meine Liebe... Ich muss los!", sagte sie kurz darauf und verabschiedete sich von ihrer guten Freundin. Vielleicht auch nur Bekannten oder Nachbarin. Das spielte keine Rolle.
      Oliver schaute wieder zu der jungen Frau, die seinen Blick inzwischen gefunden hatte. Sie hatte etwas magisches. Etwas, dass der Student einfach nicht beschreiben konnte. Ohne auch nur ein Wort mit ihr gesprochen zu haben, verspürte er den unweigerlichen Drang, sie kennenzulernen. Herauszufinden, welcher Mensch es war, der sich hinter dieser engelsgleichen Stimme verbarg.
      "Sie ist wundervoll, nicht wahr?", sprach die ältere Dame. Oliver drehte den Kopf zur Seite und sofort fiel ihm der kleine Hund auf. Er hatte beiges Fell und war schon ganz grau um seine Schnauze. Das Fell wirkte recht zottelig und glanzlos. Außerdem schien er ziemlich übergewichtig. Er roch an der feinen Hose des 27-Jährigen, der in die eisblauen Augen der älteren Dame sah und freundlich lächelte.
      "Ja, das ist sie", antwortete er. "Verzeihen Sie, Miss. Ich hatte Ihr Gespräch vorhin belauscht... Sie ist öfter hier?"
      Die ältere Dame nickte und erwiderte Olivers Lächeln.
      "Oh ja, mein Lieber. Sie ist fast jeden Tag hier, oder da... ein paar Straßen weiter. Ich gehe jeden Tag mit Scottie spazieren... und ich sehe sie schon in Herrgottsfrühe mit ihrer Gitarre."
      Dass sie sich tatsächlich jeden Tag in Eiseskälte hinstellte, um die Menschen mit ihrer Stimme zu begeistern - was sie ja ganz offensichtlich tat - beeindruckte den Studenten. Scottie stellte sich derweil an dem Bein des Mannes hoch, um ihn zu begrüßen. Dies entlockte dem Mann ein Lächeln.
      "Ach, Scottie, nein! Der nette junge Mann trägt feine Kleidung! Das macht man nicht!", schellte sie mit dem Rüden wie mit einem kleinen Kind.
      "Oh, keine Sorge. Das stört mich nicht", antwortete der Rothaarige und kniete sich zu dem Mischling herab, sodass sein Kopf kurz unter denen der anderen Zuhörer verschwand. Diesen Hund brauchte man nicht zu fürchten. Er war klein, stinkig und harmlos. Sachte strich er über den Kopf des Hundes, der sich überschwänglich über die Zuwendung freute.
      "Er mag alles und jeden", sagte die alte Dame und musste leise lachen, während die sanften Klänge sich langsam dem Ende zuneigten. Nach einem kurzen Moment erhob sich der Schönling wieder und schenkte seine Aufmerksamkeit der alten Dame.
      "Es war nett, Sie kennenzulernen, Miss."
      "Oh, die Freude ist ganz auf meiner Seite. So nette junge Männer trifft man ja nur noch selten heutzutage. Und dann noch so hübsche..."
      "Ich danke Ihnen."
      Die Frau zog mit ihrem Hund weiter und das Feld lichtete sich langsam. Wie die Sonne nach einem langen Weg der Dunkelheit stand sie da. Erneut trafen sich ihre Blicke und Oliver ging ungeniert auf die schöne Braunhaarige zu. Er wusste, um seine Wirkung bei der Frauenwelt, und darum zeigte er auch keine Scheu. Körbe hatte er eigentlich noch nie einstecken müssen, doch selbst wenn, dann war es einen Versuch wert.
      "Du singst wirklich wundervoll", sagte er lächelnd und sah sie einen Moment länger, als unbedingt nötig an, ehe er kurz zusammenfuhr und sich eilig die Unterlagen unter seine Achselhöhle klemmte, während ihm der Café-to-go-Becher fast aus der Hand fiel. Er reichte ihr die freie Hand und sagte lächelnd: "Sorry! Mein Name ist Oliver. Und du heißt?"

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    • Lucia


      Obwohl sie sich auf ihre Lied konzetrieren sollte, entging der jungen Frau nicht, wie der junge Schönling eine Unterredung mit zwei älteren Damen fühlte. Hinter den anderen Menschen, konnte sie die beiden Frauen nur schwerlich ausmachen, aber sie erkannte das helle Fellknäuel, dass zwischen den dutzenden Beinpaaren umher wuselte. Schon mehr als einmal hatte sie den quirligen kleinen Hund mit dem passenen Damen Scottie streicheln dürfen und seither auch nie die Freundlichkeit seiner Besitzerin vergessen. Die alte Dame mit Rollator durchquerte diese Straße fast jeden Tag mit ihrem kleinen Vierbeiner und ließ ab und an einmal ein paar Münzen in Lucias Gitarrenkoffer fallen. Genauso wie ihre ältere Freundin, mit der sie sich nicht selten einmal zum Bummeln zu treffen schien. Gemeinsam waren die beiden alten Damen einfach eine wahre Freude und Lucia freute sich immer wieder, beide unter ihrem sonstigen Publikum zu erkennen.
      Die blauen Kristalle verscwhanden aus ihrem Sichfeld, als sich ihr Besitzer zum aufgeregten Scottie herunter beugte. Leider standen die restlichem Menschen in der Straße mittlerweile zu eng, als dass sie das Treiben von Mensch und Tier hätte beobachten können, dennoch war sie sich sicher, dass der Rothaarige liebvoll mit dem aufgeweckten Hund umging. Das Lächeln auf ihren Lippen wurde breiter und die letzten Töne des Songs tanzten beschwingt über ihre Zunge. Sie verstand selbst nicht genau, was sie eigtnlich so glücklich machte, aber etwas in den hellen Augen des Mannes schien etwas in ihrem Inneren zu wecken, dass zuvor noch nie das helle Tageslicht gesehen hatte und sich nun in der angenehmen Wärme badete wie ein neugeborenes Fohlen.
      Er war noch da! Kaum hatte sich die junge Frau aus ihrer Verbäugung erhoben, begegnete sie wieder dem Glänzen seiner hellblauen Regenbogenhäute, welche mit der matten Wintersonne um die Wette strahlten. Für Lucia stand der Sieger bereits fest.
      Nachdem sich die Menge langsam um sie auflöste und ihr Publimkum sich wieder anderen Beschäftigungen zuwendete, war es der Braunhaarigen endlich gestatten einen genaueren Blick auf das Erscheinungsbild des hochgewachsenen jungen Mannes zu werfen. Hinter den anderen Menschen war es ihr nicht aufgefallen, aber nun viel ihr schnell auf, dass weder sein dunkler Mantel noch die feine Hose um seinen langen Beinen billig gewesen sein konnten. Die natürlich gestrafften Schultern, ein Stapel Unterlagen in einer Hand, während sich die Finger der anderen um einen Cafe-to-go-Becher schlossen. Alles an ihm schrie: Businessman! Lucia hatte in ihrer Zeit als Straßensängerin schon mehr als genug teure Unternehmer kennen gelernt, doch die meisten von ihnen schenkten ihr maximal eine kurz gehobene Augenbraue, ein paar wenige ließen etwas ihres Wechselgeldes in ihren Koffer fallen und der Rest ignorierte sie unbeeindruckt, während sie ihrem stresiigen Geschäftsleben folgten. Noch nie hatte sie einer von ihnen so herzlich angelächelt. Noch nie hatte sie einer on ihnen so in den Bann gezogen...
      Ihr Herz geriet ins Stocken, als er plötzlich einen Fuß vor den anderen setzte und unerschrocken auf sie zukam. Die Bewegungen seiner breiten Schultern bei jedem Schritt, zogen die Zwanzigjährige kurz in ihren Bann, bevor sich ihre braunen Seelenspiegel wieder an den blauen Eiskristallen festsaugten, die einen wundervollen Kontrast zum Rotton seiner leicht gelockten Haare bildeten.
      Lucia verharrte wie versteinert an Ort und Stelle und ließ den jungen Mann einfach auf sich zu kommen, versuchte den schnellen Stepptanz ihres aufgeregten Herzens zu ignorieren.
      Seine Stimme, ein dunkler Bariton, strich über ihre Haut wie eine wärmende Wolldecke und der Duft nach frischen Kiefernnadeln der sie umfing, gab ih rdas wohlige gefühl mitten im Wald nahe eines leise knisternden Lagerfeuers zu hocken. Sie hätte nichts dagegen, würde er dabei neben ihr sitzen. "Danke." Im Gegensatz zu ihm, fehlte ihrer Stimme deutlich Kraft und Lautstärke, als hätte sie beim letzten Song sämtlichen Atem aus den Lungen verbraucht. Als er sich ihr dann auch noch seltsam hastig vorstellte und seine große - und sicher warme - Hand in ihre Richtung ausstreckte, war auch der letzte Hauch Sauarstoff aus ihrer Brust verpufft.
      Er war lange nicht der erste Mann, der nach einem Song so auf sie zugekommen war. Die meisten hatten ihr seltsame Komplimente gemacht. Sie mit einem gefallenen Engel, einer unerkannten Gottheit oder niedlichen Tieren verglichen. Sie hatte die Anspielungen nie wirklich verstehen können, doch die direkte und offene Art des Mannes vor ihr war etwas Neues. Etwas Aufregendes.
      Sie ermahnte ihr laut klopfendes Herz zur Ruhe auf und saugte die kalte Winterluft durch ihre Nasenflügel auf. Wenn sie Oliver - wie gut dieser Name doch zu ihm passte - noch länger auf eine Antwort warten ließ, würde er sie vielleicht noch für kaputt oder bescheuert halten. "Mein Name ist Lucia, freut mich dich kennen zu lernen Oliver."
      Sie wollte ihre Hand in seine legen, als sie den überdimensionierten Pulswärmer um ihre Hand erkannte und ihn hastig über die Finger zog. Es wäre undfreunlich seinen Handschlag mit hanschuhen anzunehmen, auch wenn diese nur knapp bis zu den Wingerwurzeln reichen mochten. Wie erwartet verschwand ihre schmale Hand fast vollständig in seinen langen un warmen Fingern... hoffentlich waren ihre Handflächen nicht zu verschwitzt.
      "Ich freue mich sehr, dass dir das Lied gefallen hat." Nachdem sich ihre Haut wieder voneinander getrennt hatte, schob Lucia hastig die rechte Hand zurück in den Pulswärmer, bevor die beißende kälte ihren Unterarm hochklettern konnte. "Aber du hättest dir nicht die Mühe machen müssen, mir das so direkt zu sagen." Kurz nickte sie zu den Unterlagen, die er sich zuvor schnell unter die Achseln geschoben hatte. "Du scheinst eigentlich recht beschäftigt zu sein." Sie hob das Braun ihrer Augen wieder zu seinen hellen Iriden. Er müsste ein paar Jahre älter sein als sie, aber ihr fiel es schwer, sein genaues Alter zu bestimmen. Mitte Zwanzig vielleicht? Älter? War das überhaupt wichtig? "Aber ich freue mich trotzdem ungemein, dass du dir die Zeit genommen hast." sie setzte das gleiche Lächeln auf, wie schon zuvor während des Songs. "Irgendwie bist du mir unter den anderen aufgefallen und ich habe mich direkt gefragt, welche Person wohl hinter diesem Blau deiner Augen steckt." Ihr war es noch nie schwer gefallen, solche Gedanken ehrlich auszudrücken und sie hatte auch nicht vor, sich in dieser Sache vor ihm zu verheimlichen. Dass einzige was ihr im Moment ein paar Sorgen machte: Hoffentlich fiel ihm der schäbige Anblick ihrer Klamotten nicht auf.
    • Die schöne Sängerin nahm Olivers Hand entgegen. Würde man ihn fragen, so würde er antworten, dass es eine magische Begegnung war, und dass ihn ein Gefühl der Geborgenheit überkommen hatte, als er in ihre Augen sah. Sehr besondere Augen... mit einem tiefen Ausdruck darin. Egal wie lange und gut er seine Arbeitskollegin kannte - diesen Ausdruck hatte er in ihren Augen vergeblich gesucht, und doch nie gefunden. Abermals verlor sich der Student zu lange in diesen großen und wunderschönen Augen. Dann antwortete er so sicher, als hätte er sich die Worte schon Wochen vorher zurechtgelegt: "Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Lucia. Lucia... ein sehr schöner Name übrigens."
      Dann schwieg er und lauschte dabei nur allzu gerne ihren Worten, gewählt aus Liebreiz und Neugier. Während er zuhörte, lag ein Lächeln auf seinen Lippen. Er sah der jungen Frau direkt in die Augen.
      "Nun ja... zwar bin ich ein viel beschäftigter Mann... vielleicht sind diese Unterlagen und der Kaffee auch nur Tarnung, und eigentlich bin ich arbeitslos und lebe noch bei Mutti... aber das kannst du nur herausfinden, wenn du einen Kaffee mit mir trinken gehst", sagte er. Sein Lächeln wandelnde sich dabei in ein forderndes Schmunzeln. "Ich meine... es ist besser, als dir jetzt fünf oder zehn Dollar in deinen Gitarrenkoffer zu werfen. Da wäre sogar noch ein Essen drin", scherzte er. "Und außerdem ist es eiskalt, und du ziemlich durchgefroren."
      Die Kurze Berührung und das leichte Zittern, welches Lucia vielleicht selbst garnicht aufgefallen waren, hatten die Zwanzigjährige verraten. Zwar passte ein Stelldichein nun wirklich nicht in den Zeitplan des viel beschäftigten, angehenden Geschäftsführers, aber irgendetwas sagte ihm, dass diese Frau es wert war, möglichen Ärger mit seinem Vater zu riskieren.
      "Ich kenne ein ganz nettes Café, gleich um die Ecke", bot er ihr nochmals an, in der Hoffnung, dass sie das Angebot annehmen würde. "Es gibt dort die besten Croissants, die du je gegessen hast, und je essen wirst!"

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    • Lucia


      Es waren nicht nur die hellen Augen, sondern auch der klare Klang seiner Stimme, die die junge Frau immer mehr in den Bann des jungen Mannes zogen. Wie ein Hypnotiseur umgarnte er Lucia mit samtweichen Bariton und umfing ihren Geist mit dem strahlenden Eis seiner Iriden. Beides zusammen machte es ihr unmöglich, sein Angebot abzulehnen, dennoch konnte sie sich einen kurzen neckenden Kommentar nicht unterdrücken. "Ob es eine gute Idee ist, mich von einem Arbeitslosen einladen zu lassen, der noch bai Mama wohnt?", spielte sie auf seine vorangegangenen Worte an und lachte keine Sekunde später über den eigenen Witz.
      Sie wusste genau welches Café er meine. Sie war schon hunderte Male an dem kleinen Laden vorbei gelaufen und wurde immer wieder aufs neue vom betörenden Duft gelockt. Es war nicht viel teurer als andere Cafés in der Stadt aber es war leider auch nicht billig genug, damit sich Lucia unbedacht etwas dort leisten konnte, weswegen sie bisher wirklich nur an dem Geschäft vorbei gelaufen war, ohne es auch nur ein einziges Mal zu betreten. Dabei waren die leckeren Gerüche so lockend, dass sie zuletzt regelmäßig einen Umweg machte, um sich vom Duft nicht weiter quälen zu lassen.
      Der Umstand das Oliver sie nun tatsächlich dorthin einlud, ließ ihr Herz vor Freude hüpfen, aber ihrer Mimik gestattete sie nur ein höfliches Lächeln. "Das klingt wirklich gut", stellte sie dabei fest und musterte als nächstes ihre kalten Finger. Das Zittern ihres Körpers war schon so allgegenwärtig geworden, dass es ihr selbst nicht einmal mehr auffiel. Dem hübschen Rothaarigen hingegen schien es keineswegs entgangen zu sein. "Und die Sache mit dem Aufwärmen klingt auch wie Musik in meinen Ohren." Sie hob die Augen wieder zu dem jungen Mann und nickte letztendlich entschlossen. "Deswegen nehme ich gerne dein Angebot an. Mal sehen ob du mit den Croissants Recht behältst."
      Hastig beugte sie sich zu ihrem Gitarrenkoffer hinunter. Ihr geübtes Auge zählte die Münzen in Windeseile zu fünfzehn Dollar zusammen. Für einen Song war das ein ziemlich guter Umsatz! Aber sie ließ sich die Freude über den Erfolg nicht anmerken und sammelte stattdessen das Klimpergelt mit dünnen Fingern auf. Sie kannte Oliver noch nicht lange, aber schon jetzt wollte sie in seinen Augen keineswegs so mittellos und verarmt wirken, wie sie es nun einmal war. Es gab tatsächlich niemanden, dem sie offen ihre finanzielle Situation darlegte, niemanden außer ihrer besten Freundin Mel, die sich aus solchen Sachen nichts machte. Lucia wollte nicht als eine arme Kirchenmaus gesehen werden. Sie wollte nicht, dass man sie alleine aus diesem Grund als weniger wertig ansah. Und vor allem vor dieser neuen Interessanten Bekanntschaft, wollte sie weder schwach noch ärmlich wirken.
      Also raffte sie die Münzen zusammen und ließ sie alle in eine kleine Geldbörse mit Blumenmuster fallen, welche sie zuvor aus ihrer Manteltasche gezaubert hatte. Mit ihren restlichen Einnahmen der ersten Songs heute morgen, dürfte sie jetzt schon fast siebzig Dollar zusammen haben und wenn ihr Oliver wirklich ein Kaffee und etwas Gebäck spendierte, würde sie heute Abend auch beim Essen etwas sparen können. Ein guter Umsatz, wenn man bedachte, dass der Tag noch nicht rum war.
      Die Erkenntnis ließ ihr lächeln breiter werden, während sie den schweren Münzbeutel zurück in ihre Tasche gleiten ließ und den Gurt ihrer Gitarre über den Kopf zog. Mit geübten Bewegungen legte sie das hölzerne Instrument in seinen Koffer zurück und schloss behutsam den Deckel. Nachdem sie sich das gesamte Gebilde gleich einem Rucksack auf den Rücken gehoben hatte, hob sich ihr Blick erwartungsvoll zu Oliver. "Ich wäre bereit."
    • Sie konnte schlagfertige Antworten geben - das musste man ihr lassen. Und Oliver mochte genau solche Dinge bei einer Frau. Sich nichts gefallen lassen, für seine Meinung einstehen und etwas im Leben erreichen wollen - ein Ziel zu haben, welches man verfolgt, mit Mut und eisernem Blick. Dabei war es doch Oliver, der auf die "Bitte"... eigentlich war es viel mehr ein Befehl seiner Eltern, besonders aber seines Vaters, das Archäologie-Studium erst garnicht ins Auge zu fassen. Dabei hatte sich der heutige Wirtschaftsstudent nichts sehnlicher gewünscht als Forscher einer vergessenen Welt zu sein. Auch heute fragt er sich noch des öfteren, ob es der richtige Weg war, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.
      Als die schöne Lucia alles zusammengepackt hatte, nahm Oliver ihr den Gitarrenkoffer ab. Er wirkte recht schwer, und er war eben noch ein Gentleman. Kurz berührte er dabei ihre frostige Hand, was ihm ein zuckersüßes Lächeln entlockte. Doch er hielt den Blickkontakt nur kurz aufrecht.
      "Lass mich das tragen. Du schleppst den Koffer sicher jeden Tag mit dir herum", sagte er, um seine Tat nicht unkommentiert zu lassen. Dabei hatte er seine Akten wieder unter die rechte Achselhöhle geklemmt und seinen Café-to-go-Becher in dem nächsten Mülleimer, der im Boden neben einer Metallbank befestigt war, entsorgt.
      Gemeinsam gingen die beiden dem gemütlich wirkenden Café entgegen. Da es nur wenige Meter waren, hatten die beiden kaum Gelegenheit sich zu unterhalten. Doch den kurzen Moment des Schweigens nutzte Oliver, um sich das ein oder andere passende Wort zurecht zu legen. So wie auch vor einem wichtigen Meeting... dem wichtigsten des heutigen Tages wohlbemerkt.
      Schon als man vor der Glastür des Eckcafés stand, zog einem der wohltuende Geruch von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase. Der betörende Geruch des noch warmen Gebäcks und vielerlei anderer Köstlichkeiten, ließ einem das Wasser im Munde zusammenlaufen.
      Er ließ Lucia den Vortritt und trat nach ihr mit dem Gitarrenkoffer ein. Es war ein kleines, aber sehr gemütliches Café mit Sitzbänken, Sesseln, kleinen runden und größeren länglichen Tischen. Die Sitzbänke waren mit roten, gepolsterten Stoff überzogen. Darauf lagen passende, ebenfalls rotfarbige Kissen, die zum Verweilen einluden. Der Boden war mit Parkett belegt und die Flammen des Kachelofens spendeten Wärme in diesen kalten Tagen. Hinter dem Tresen kam ein kleiner, stämmiger Mann hervor. Er hatte kaum noch erkennbares grau meliertes Haar und einen dicken Schnurrbart. Durch seine Brillengläser strahlte er Oliver und seine Begleitung förmlich an.
      "Hallo, mein Freund! Was führt dich so früh schon her?", fragte er und klopfte dem Rothaarigen auf die Schulter.
      "Guten Morgen, Roberto. Schön, dich zu sehen. Ja... ich bin heute nicht allein...", sagte ich und warf einen kurzen und lächelnden Blick zu der schönen Dame neben sich. Roberto war es gewohnt, dass sich Oliver erst um die Mittagszeit sehen ließ. Oft saß er zwei Stunden in der hintersten Ecke des Cafés, mit seinem Laptop vor sich und einem riesigen Blätter-Chaos neben sich.
      "Oh ja, das sehe ich", sagte der Inhaber des Cafés mit einem Schmunzeln und wandte sich an die junge Frau, deren Stimme er manchmal bis in sein Café hinein hörte. "Du bist das Mädchen, das immer draußen singt, nicht wahr? Ganz toll machst du das", sagte er und stellte sich kurz darauf als Roberto vor. "Setzt euch. Ich komme sofort", sagte er dann und deutete auf den Stammplatz von Oliver, was den Studenten schmunzeln ließ. Wie gut sein alter Freund ihn doch kannte. Der Rothaarige legte den Gitarrenkoffer auf der Sitzbank ab und ging dann zu der schönen Lucia. Er stellte sich hinter sie und griff nach der Schulterpartie der wesentlich kleinen Frau: "Ich hole deinen Mantel."
      Nachdem sie ihm den Mantel gereicht hatte, ging er zum Gaderobenständer und hing ihren sowie seinen eigenen Mantel auf, ehe er wieder zu der Musikerin zurückkehrte. Er setzte sich auf seinen Stammplatz und wartete darauf, welchen Platz Lucia wählen würde.

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    • Lucia


      Eigentlich war es ihr Plan gewesen, ihren Gitarrenkoffer über ihren Rücken zu schnallen, aber Oliver kam ihr zuvor. Sie zuckte kurz erschrocken zusammen, als ihre ausgekühlten Fingerspitzen mit seiner warmen Hand in Berührung kamen und lächelte schließlich leicht verlegen, als er ihr das Instrument abnahm. "D-danke", murmelte sie leise. Zuerst hatte sie noch protestieren wollen, aber sein Lächeln hatte jede Form der Widerworte in ihrer Kehle erstickt... Ein wahrer Gentleman also, was?
      Als sie sich schließlich zum Café aufmachten, hielt sie sich ein, zwei Schritte hinter ihm, beobachtete seinen breiten Rücken und wie er ihren Gitarrenkoffer unbeeindruckt in einer Hand trug. Ob er trainierte? Sie konnte nicht behaupten, dass er übertrieben muskulös aussah, wie einige der Bodybuilder, die immer wieder aus den Fittnessstudios in der Stadt getrampelt kamen und eine dreijährige Ausbildung im perfekten Posen hinter sich zu haben schienen. Aber gerade schwach und schlacksig wirke er auch nicht... Warum wollte sie nur so gern wissen, wie er unter diesem Mantel aussah? Vielleicht sogar unter seinem Hem- Sie schüttelte heftig den Kopf, um sich vom Beenden ihrer eigenen Gedanken abzuhalten. Sie kannte diesen Mann erst seit wenigen Minuten! Sie musste verrückt geworden sein!
      Kaum hatten sie den Eingang des Cafés erreicht, war sie wieder voll auf im Hier und Jetzt angekommen. Das Aroma von frisch gemahlenen Kaffeebohnen schmeichelte ihre Nase, genauso wie der Duft nach kross gebacknen Buttercroussants und anderem süßem Gebäck. Hunger und Appetit füllten ihren Mund mit Speichel, den sie mühevoll hinunterschlucken musste, um am Ende nicht noch zu sabbern. So oft war sie schon an diesem Laden vorbeigelaufen. So oft hatte sie schon Passanten und Bekannte davon schwärmen hören. So oft hatte sie hier schon einmal essen wollen und heute wäre es endlich so weit. Das Kind in ihr wäre am liebsten glücklich lachend zwischen den einzelnen Tischen herum gesprungen und getanzt. Lucia biss sich auf die Zungenspitze, um es zu zügeln.
      Wie ein neugieriger Welpe in fremder Umgebung ließ sie die großen Augen über die einzelnen Sitzplätze, Tische und Gäste gleiten. Der ganze Raum war in ein ruhiges Summen gehüllt, dass durch die Mischung der dutzenden Gespräche entstand. Doch niemand war wirklich laut und somit trug auch diese Geräuschkullisse perfekt zum Stil des Cafés bei. Genauso wie die ruhige und doch beschwingte Musik im Hintergrund, die der jungen Frau umgehend ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Hier drinnen war es genau so, wie sie es sich von draußen immer vorgestellt hatte.
      Erst viel zu spät bemerkte sie, dass jemand auf die beiden zugekommen war und als sie sich endlich der Stimme zuwendete, blickte sie einem amüsiert auf und ab wackelnden Schnurrbart über lächelnden Lippen entgegen. Hatte er gerade mit ihr geredet? "Ehm..." Sie hatte nicht wirklich aufgepasst, viel zu sehr hatte sie die Atmosphäre des kleinen Cafés verschluckt, dennoch gelang es ihr nach kurzem Grübeln die zuletzt ausgetauschten Gesprächsfetzen der beiden Männer wieder zusammen zu setzen. "Ja... Ja, das bin ich." Sein Kompliment verwandelte ihre Verlegenheit in ein dankbares Lächeln. "Vielen Dank. Und ich hatte schon befürchtet, ich würde Sie und Ihre Gäste mit meiner Musik stören." Tatsächlich hatte sie sich eine Zeit lang über diese Dinge Gedanken gemacht, aber so lange keine Beschwerde kam, würde sie ihren hart erkämpften Platz nicht so einfach aufgeben. Aber natürlich hätte sie sich sofort zurückgezogen, hätte sich jemand dazu geäußert. Nun vom Cafébesitzer persönlich zu erfahren, dass ihm ihre Musik und ihr Gesang gefiel, war mehr als nur erleichternd. "Freut mich im Übrigen sehr, Sie kennen zu lernen, Roberto. Mein Name ist Lucia."
      Oliver hatte also einen Stammplatz? Sie musterte den Rothaarigen kurz interessiert und auch etwas verwundert. Wieso waren sie sich noch nie eher begegnet, wenn er doch so oft zu diesem Café kam? Sie folgte ihm stumm zu besagten Stammplatz und glaubte umgehend zu verstehen. Der Ältere wusste auf jeden Fall wie man es sich gemütlich machte, immerhin lud die kleine Sitzbank in der hinteren Ecke des Raumes gerade dazu ein, sich Stunden lang auf sie zu fläzen. Hier war man weit weg, vom Eingang und eventuellen kalten Winden, gleichzeitig konnte man aber auch das gesamte Geschehen des Caféinnenbereichs im Auge behalten, ohne selbst direkt ins Auge zu fallen. Hier hätte Oliver ihre Stimme niemals hören können, egal wie viel Elan sie auch in einen ihrer Songs packen mochte und auch sie könnte ihn bei ihren flüchtigen und neidvollen Blicken in den Laden nicht entdecken.
      Gerade wollte sie ihm ein Kompliment zur Platzwahl machen, als seine Hände auf ihren Schultern sie merklich erstarren ließen. Ein Kribbeln breitete sich von der Stelle aus aus, an der er sie berührte. Sie war nur dazu in der Lage ein steifes Nicken zu zeigen, bevor sie ihm ihre Jacke übergab. Zum Glück war es hier drin wirklich angenehm warm, weswegen sie auch nach dem Verlust des Kleidungsstücks kein bisschen fror. Sie schenkte dem Kachelofen in der Mitte der Räumlichkeit einen verliebten Blick, das gemütliche Knacken in den Flammen war reine Musik in ihren Ohren.
      Er hatte nicht nur ihren Mantel aufgehängt, sondern sich auch seines eigenen entledigt und.... was sollte sie sagen...? Sie wurde nicht enttäuscht. Das Hemd, das sich nun offenbarte gab sich keineswegs Mühe damit, seine drahtigen und doch ausgeprägten Muskelansätze zu verbergen. Sie musste sich beherrschen, um nicht zu starren.
      "Danke, dass du mich hierher eingeladen hast", murmelte sie schließlich und fixierte ihren Blick auf den hölzernen Tisch vor sich, während sie sich knapp einen halben Meter neben ihn setzte. Die rote Polsterung der Sitzback fing sie sofort weich auf und lud zum langen Verweilen ein, genauso wie die kuschligen Kissen, gegen die sich ihr geschundener Rücken lehnte. Beinahe wäre ihr ein erleichtertes Stöhnen über die Lippen gerutscht. Gerade noch rechtzeitig biss sie sich auf die Unterlippe und schloss damit die Pforte.
      Sie konnte spüren, wie auch zunehmend das Leben in ihre halb erfroherenen Finger zurückkehrte und endlich konnte sie ihre Pulswärmer ablegen, ohne direkt dem Kältetod zu erliegen. Behutsam legte sie den Strickstoff neben sich auf die Polster und musterte dann Oliver. "Also... du kommst oft hierher?", wollte sie interessiert wissen und ließ ihre rehbraunen Augen zu Roberto wandern, der sich hinter der Theke beschäftigt zeigte. Alleine der Anblick des kleinen und heiter lächelnden Mannes, ließ auch ihre Mundwinkel nach oben wandern. Kein anderer Eigentümer hätte besser in dieses Café und den ganzen Stil gepasst. "Wie viele Mädchen hast du denn schon hierher eingeladen?" Sie wusste nicht genau, welcher Teil ihres Hirns das gerade wissen wollte, aber sie spührte wie auch ihre eigene Neugierde wuchs, obwohl sie sonst ganz sicher nicht solche neckenden Fragen parat hatte... Nun, bisher war es aber auch noch kaum einem Kerl gelungen, sie erfolgreich irgendwohin einzuladen. So gesehen, war der gesamte heutige Tag eine absolute Premiäre.
    • Die schöne Lucia setzte sich neben Oliver, und dieser schien froh darüber, dass sie sich genau diesen Platz ausgesucht hatte. Er drehte sich halb zu ihr, sodass er sie genaustens beobachten konnte. Jetzt, wo sie den Mantel abgelegt hatte, wirkte sie noch schöner als zuvor. Ihr langes Haar, ihre großen Augen und die leichte Nervosität, die Oliver nicht verborgen blieb... es passte alles zusammen, was dem Studenten immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zauberte.
      Auf die Frage hin, wie viele Frauen er bereits in das Café eingeladen hatte, lachte er kurz und leise.
      "Eigentlich bis auf meine einzige Freundin, den Laptop, schon lange niemanden mehr", antwortete er wahrheitsgemäß. Selbst seine Arbeitskollegin hatte er schon lange nicht mehr in dieses Café eingeladen. Und dennoch war er oft hier. Im Nachhinein fragte er sich, warum Lucia ihm erst am heutigen Tag aufgefallen war. Vermutlich war er zu sehr in seine Arbeit vertieft gewesen oder ihre Wege hatten sich nicht gekreuzt. Doch heute hatte der Zufall sie zusammengeführt. Und Oliver war heilfroh darüber.
      Ehe der smarte Rothaarige seine Frage stellen konnte, kam auch schon der kleine, dickliche Roberto, der die Bestellung der beiden aufnahm. Oliver nahm es sich heraus für die beiden das extra große Frühstücks-Menü zu bestellen, welches neben frisch gebackenen, oft noch warmen Brötchen, die versprochenen und unvergleichlich leckeren Croissants beinhaltete, aber auch Spiegeleier mit Bacon, Butter, Marmelade, verschiedene Wurstsorten... eigentlich alles, was das Frühstücks-Herz begehrte. So auch heißen Kaffee, Kakao, oder Cappuccino, ganz nach Wahl. Ein frisch gepresster Orangensaft war standardmäßig immer mit dabei. Nachdem Roberto das gewünschte heiße Getränk von Lucia auf seinem kleinen Zettel notiert hatte, verschwand er hinter der Theke. Dass Oliver seinen Kaffee immer schwarz trank, das wusste der gebütige Italiener bereits.
      Oliver wandte sich wieder Lucia zu und fragte lächelnd: "Nun, Lucia... erzähl mir etwas von dir. Woher kommst du? Was verbirgt sich noch hinter dieser Frau, außer einem schönen Gesicht und einer bezaubernden Stimme?"
      Seine Mundwinkel zog er zu einem Schmunzeln, während er die Augenbrauen fragend in die Höhe zog.

      Liebe ist...
      jemanden so zu sehen wie er ist.
      Nicht, wie man ihn gerne hätte.
    • Lucia


      Offenbar war es nicht so einfach, den jungen Rothaarigen aus dem Konzept zu bringen. So beantwortete er Lucias neckende Frage mit einem heiteren Lachen und reichlich Witz. "Es ist mir neu, dass man mit einem Laptop so eine gute Freundschaft aufbauen kann, dass man ihn regelmäßig zu einem Date ausführt", konterte die Braunhaarige lächelnd. Sein Lachen war absolut ansteckend, während die feinen Grübschen um seine Mundwinkel sie tief in ihren Bann zogen. Es sollte verboten sein, so gut auszusehen und sein Charakter nahm sie sogar umso mehr gefangen. Sie kannte ihn erst einige Minuten lang und schon war sie sich absolut sicher: Mit diesem Mann könnte sie lange und angeregt reden, ohne sich auch nur einen Moment lang zu langweilen. Sie mochte ihn.
      Und sie mochte auch dieses Café umso mehr, desto länger sie hier sein durfte. Bald schon kam Robertos buschiger Bart wieder auf sie zugewackelt, bevor der Ältere beide nach ihrer Bestellung fragte. Lucia war Oliver dankbar, dass er für sie übernahm. Nachdem der junge Mann schon oft hier gewesen war, musste er wohl am besten wissen was am besten schmeckte, zudem war es für sie schwierig sich für ein Gericht auf der Speisekarte zu entscheiden. Einerseits weil sie nicht wusste, was am besten schmeckte, andererseits weil sie ihre Auswahl sicherlich anhand des Preises getroffen hätte. Man hatte sie zwar eingeladen, aber dennoch würde sie sich es niemals erlauben, ein teures Menü auszuwählen, entsprechend erleichternd war es, als Oliver ihr diese Wahl abnahm.
      "Und deine Getränkwahl, junge Dame?"
      Nun geriet sie doch kurz ins Grübeln und studierte die Namen der drei zur Auswahl stehenden Getränke. "Hm... ich... nehme eine Heiße Schokolade, bitte."
      Roberto nickte seelisch und notierte die Auswahl auf seinem Bestellzettel, bevor er sich mit einem kurzen Nicken verabschiedete und erneut hinter der Theke verschwand.
      Lucias braune Augen huschten zu ihrem Sitznachbarn. Sie befürchtete, dass er ihre Auswahl für kindisch halten würde, aber koffeinierte Getränke waren noch nie etwas für die junge Musikerin gewesen, obwohl sie damit wohl stark auzs dem Rahmen fiel. doch sie hatte noch nie einen besonderen Wachmacher am frühen Morgen gebraucht, oder einen zusätzlichen energieschub anm Abend, um ihre Kreativität anzuspornen. Im Gegenteil: Wenn die junge Frau mit Kaffee und ähnlichen Getränken in Kontakt kam, geriet sie auf peinliche Art und Weise außer Kontrolle. Vor zwei Jahren hatte ihr Melinda mal etwas von ihrem Morgenkaffe angeboten, nachdem Lucia eine ganze Nacht lang an einem Songtext gesessen hatte, obwohl sie am nächsten tag eigentlich arbeiten musste. Die Wirkung des Heißgetränkes hatte sie für nächsten acht Stunden die Kontrolle über ihren eigentlich übermüdeten Körper übernommen und es ihr unmöglich gemacht, sich auch nur für eine Minute ruhig hinzusetzen. Seither war Koffein ein rotes Tuch für die junge Frau. Kakao beziehungsweise heiße Schokolade ließ ihr Herz allerdings schon alleine durch den entstehenden Geruch höher schlagen.
      Kaum begann Oliver mit einer näheren Befragung zu ihr, war auch schon die kindische Auswahl ihres Heißgetränks vergessen. Sie gab sich Mühe, ihr Lächeln aufrecht zu erhalten, während ihr eigentlich aufgewärmter Körper wieder leicht zu zittern begann. Sie realisierte verwundert, wie ungern sie dem jungen Rothaarigen von ihrer ärmlichen Herkunft berichten wollte. Nun, sie erzählten niemanden gerne, dass sie ohne ihre Straßenmusik wohl kaum über die Runden kommen würde, doch vor allem bei dem gut aussehenden Oliver fiel es ihr schwer, die aufkommende Nervosität hinunterzuschlucken.
      "Viel gibt es da wirklich nicht zu berichgten." Das entzückende Schmunzeln auf seinen Lippen machte es ihr leichter, selbst ein Lächeln aufzusetzen. "Ich komme aus einer Kleinstadt nicht weit von hier und lebe nun seit knapp zwei Jahren hier, während ich den Großteil meiner Zeit der Musik widme." Kurz nickte sie zum Gitarrenkoffer, den der Ältere zuvor vorsichtig gegen die Sitzbank gelehnt hatte. "Bisher ist die Straße meine Bühne, auf der ich mich austoben und ausprobieren kann. Ich liebe es für die Menschen zu musizieren und zu Singen und mein Ziel ist es, mehr mit dieser Leidenschaft zu erreichen. Ich will es auf die nächste Ebende und Bühne schaffen." Sie durfte ihm nicht erzählen, dass sie noch unglaublich weit von diesem Traum entfernt war und dass sie sich ohne ihre Lieder nicht einmal ein Brötschen zum Frühstück leisten konnte, geschweige denn ein Dach über dem Kopf. Zum Glück trug sie heute einen ihrer besten Pullis. Der milde Violettton des Stoffes wirkte noch nicht vollkommen blass und ausgewaschen und die Nähte waren weder aufgerissen noch fünfmal neu zusammengenäht worden. Und selbst die kleinen Risse in de Jeanshose könnte man als moderne modische Elemente interpretieren. Sie hasste es, wenn man sie wegen ihrer Armut bemittleidete oder noch schlimmer... sie deswegen missachtete und ignorierte. Auf keinen Fall wollte sie, dass Oliver sie in diesem Licht betrachtete, vor allem, da sie sich sicher war, dass er aus einer anderen Welt stammen musste. "Und wie sieht es bei dir aus?", wollte sie eben jene Theorie bestätigen. "Was steckt hinter diesen himmelblauen Augen und den freundlichen Grübschen?" Sie lächelte ihn breit und neugierig an.
    • Aufmerksam lauschte Oliver ihren Worten. Auch wenn er sie kaum kannte, so hörte er ihr doch gerne zu. Sie war eine wunderschöne, zweifellos interessante Frau, und auch wenn es nicht besonders viel gab, dass sie über ihr Leben erzählen konnte, so fand er das Bild von einer ambitionierten Straßenmusikerin doch sehr interessant. Vielleicht mit einem zweiten Standbein in der Medizin, oder der Politik? Doch er wollte nicht nur von der Arbeit sprechen. Als sie dann die gleiche Frage an ihn richtete und ihm ganz nebenbei ein charmantes Kompliment machte, lehnte sich der Rothaarige schmunzelnd zurück.
      "Ach, ich denke, das Leben einer talentierten Straßenmusikerin ist wesentlich aufregender als meines. Ich studiere Wirtschaftswissenschaften und arbeite nebenbei in dem Unternehmen meines Vaters. Sicher hast du jetzt das langweilige Bild eines Bürofutzis im Kopf, nicht wahr?"
      Er musste leise lachen. Nur kurz, aber intensiv. "Eigentlich wollte ich Archäologie studieren. Das wäre sicher aufregender gewesen."
      Ein wenig Enttäuschung schwang deutlich in seinem Tonfall mit. Er mochte die Arbeit und seine Kollegen, doch nicht selten bedauerte er die Entscheidung, dem Willen seines Vaters Folge geleistet zu haben und nicht seinen eigenen Weg gegangen zu sein. Würde er einmal selbst Kinder haben, dann würde er Möglichkeiten aufzeigen, doch niemals seinen eigenen Willen aufdrängen. Dennoch hegte er keinen Zorn gegen seinen Vater. Oliver sah es viel mehr als Gefallen - ja gar als Herzenswunsch, welchen er seinem alten Herrn erfüllt hatte.
      Roberto kam nun mit dem Frühstücksbuffet, bestehend aus einem gflochteten Korb, gefüllt mit noch warmen Brötchen, den berüchtigten Croissants, Marmelade, Erdnussbutter, frisch gebackene Spiegeleier mit knackigem Bacon. Einfach alles was das Herz begehrte. Neben die beiden Warmgetränke stellte er die beiden hohen Gläser und füllte den frisch gespressten Orangensaft ein.
      "Lasst es euch schmecken, meine beiden Lieben!", sagte der herzliche Italiener und ließ die beiden kurz darauf allein.
      Oliver wünschte der schönen Lucia einen guten Appetit, ehe er nach einem hellen Brötchen griff und es aufschnitt. Die Spiegeleier und den Bacon ließ er zunächst noch unberührt.
      "Hast du Geschwister?", wollte er dann wissen und trank einen Schluck seines noch dampfenden Kaffees, ehe er Butter auf eine der beiden Hälften des Brötchens auftrug. Und das auffällig sorgfältig.

      Liebe ist...
      jemanden so zu sehen wie er ist.
      Nicht, wie man ihn gerne hätte.
    • Lucia


      Einen Moment lang befürchtete sie, er würde sie noch weiter aushorchen, würde sie nach einem anderen Job, ihrem Elternhaus oder noch schlimmer ihrer Wohnsituation befragen, aber zu ihrem Glück war er am Ende doch nicht so neugierig. Sie unterdrückte ein erleichtertes Seufzen und schenkte ihrem Sitznachbarn dafür all ihre Aufmerksamkeit als er selbst zu erzählen begann.
      "Archälogie?" Sie neigte den Kopf und legte nachdenklich Daumen und Zeigefinger an ihr Kinn. Sie könnte sich selbst nie vorstellen, den lieben langen Tag alte Bauwerke, Knochen und besondere Gesteinsschichten auszubuddeln. Sicherlich ließen sich dabei viele interssante Dinge finden, aber abgesehen von dem vielen Umherreisen, dass der Job sicherlich mit sich brachte, könnte sie diesem Beruf sicherlich nicht viel abgewinnen. Vielleicht fehlte ihr dazu auch einfach nur die Geduld. Aber wenn sie so den jungen Rothaarigen musterte und das helle Funkeln in seinen himmelblauen Augen, kaum dass er von diesem Traum berichtete... Sie war sich sicher, dass dieser junge Mann viel besser ine tiefe Ausgrabungs-Grube passte als in irgendein Großraumbüro der ganzen Welt. "Also hast du vor die Archäologie wegen dem Unternehmen deines Vaters aufzugeben?" Ihr war die leise Enttäuschung in seiner Stimme keineswegs entgangen und tatsächlich machte diese auch Lucia etwas betroffen. Obvon ihm erwartet wurde, dass er besagtes Unternehmen übernahm? Sie hatte keine Ahnung, wie das Leben von vermögenden Menschen, mit Macht und Unternehmensstärke genau aussehen mochte, aber auch ihr war immer bewusst gewesen, dass auch sie ihre eigenen Probleme haben mussten. Vielleicht hatte sie es sogar noch einfacher, immerhin konnte sie ihrem Traum eisern nachlaufen, auch wenn ihr Leben selbst manchmal wie ein einziger Trümmerhaufen erschien... letztendlich war sie immerhin "frei". "Das ist irgendwie schade..." Ihr Lächeln wisch einem bedauernden Gesichtsausdruck. Warum ging es ihr so ans Herz diesen jungen Mann so unglücklich zu sehen, obwohl sie ihn doch kaum kannte... Doch das Lächekn dass er sich auf die Lippen gekleistert hatte erreichte leider nicht mehr seine hellen Augen. Das Strahlen war aus ihnen verschwunden, als hätten sich dunkle Wolken vor den klaren Sommerhimmel geschoben.
      Bevor sie sich weitere Sorgen machen konnte, wurden sie Roberto unterbrochen. Trotz der etwas angeschlagenen Stimmung, gelang es dem fröhlichen Café-Besitzer umgehend wieder, die Laune zu heben. Alleine der belebende Duft nach frischen Croissants, fruchtigem Orangensaft, herzhaftem Bacon und heißer Schokolade ließ reine Glückshormone in ihr aufsteigen. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal so ein reichlisches Frühstück vor sich gesehen hatte. Tatsächlich fragte sie sich, ob sie schon je in ihrem leben hatte so üppig frühstücken können. "Vielen Dank!" Ihre gute Laune war umgehend zurückgekehrt. Natürlich war das zwischen ihr und Oliver noch lange nicht vergessen, aber im Moment sollte sie die Freuden des Moments in vollen Zügen auskosten. Vor allem die Sache mit dem "auskosten" schien ihr Magen lautstark zu bestätigen. Etwas peinlich berührt drückte sie ihre handfläsche gegen das ungeduldig grummelnde Organ und schenkte ihrem Sitznachbarn einen beschämten Blick. "Tut mir leid... ich hatte heute noch keine Zeit zu frühstücken." Das war eine Lüge. Sie hatte mit Absicht auf ihr Frühstück verzichtet. Bald müsste sie wieder die Miete bezahlen und sie war - wie immer - mal wieder knapp bei Kasse, also ließ sie wie üblich die ein oder andere Malzeit aus, ein Umstand der ihren Magen erneut zu einer lautstarken Beschwerde verleitete. "O-okay... ich fange dann mal an. Guten Appetit."
      Zunächst gab sie sich noch zögerlich während sie in die erste Scheibe Speck biss, doch kaum verteilte sich der Geschmack in ihrem Mund, wurde die Vorsicht von Gier überlagert. Sie war natürlich immer noch darauf bedacht, nicht zu schlingen aber sie konnte nicht verleugnen, dass ein beschmiertes Brötchen nach dem anderen im Wechsel mit Bacon und Rührei in ihren Mund wanderten. Zwischendurch ein Bissen vom fluffigen Croisant. Oh Gott! Was für eine Offenbarung der Geschmackskunst! Oliver hatte nicht gelogen... Diese Croissants waren das beste was sie je zwischen die Zähne bekommen hatte.
      Beinahe hätte sie sich an ihrer heißen Schokolade verschluckt, die sie genießerisch einschlürfte, als er plötzlich wieder das Wort an sie richtete. Sie musste einmal Husten und richtete sich dann gerade auf, bevor sie wieder zu ihm aufsah. "Ob ich Geschwister habe?" Diese Frage war nicht einmal so leicht zu beantworten, da sie theoretisch nicht wusste, ob sie noch lebende leibliche Verwandschaft besaß. Aber wenn sie die Frage aus dem Herzen heraus beantworten müsste: "Ja, habe ich. Zwei jüngere Brüder und eine kleine Schwester", berichtete sie mit einem Lächeln auf den Lippen. "Der Älteste fängt nächstes Jahr mit Studieren an und die Jüngste ist vor kurzem erst in die Schule gekommen." Ihre Mundwinkel wanderten direkt weiter in die Höhe, als sie an die kleine Carol denken musste. "Und der Mittlere hat gerade die Mittelstufe bestanden. Allerdings habe ich sie alle über drei Monate lang nicht mehr gesehen, da sie nur schwer hierher kommen können und ich habe in den letzten Wochen keine Zeit gefunden zurück in mein Elternhaus zu gehen." Einen Umstand den sie ehrlich bedauerte. Auch wenn Magaret und Devin nur ihre Pflegeeltern sein mochten, liebte sie die beiden über alles andere in der Welt, genauso wie ihre drei Geschwister, die gemeinsam mit ihr in dem kleinen aber absolut herzlichen und warmen Haus aufgewachsen waren. "Wie sieht es bei dir aus?" Sie nahm einen weiteren Bissen vom Croissant und ließ ihn genüsslich auf der Zunge zergehen, bevor sie weiter sprach. "Hast du auch Geschwister?"
    • War es wirklich Bedauern, was die junge Frau neben dem Rotschopf zum Ausdruck brachte? Amüsiert lächelte der angehende Geschäftsmann über diesen Gedanken, denn bedauert hatte ihn noch niemand. Er hatte Geld, sah gut aus... er konnte jede Frau haben, wenn ihm danach beliebte und er bewohnte eine sehr schönes Apartment. Das Wichtigste aber war, dass es ihm gut ging. Er war gesund, hatte keine Gebrechen und er genoss das Leben, auch wenn es in den letzten Monaten überwiegend von Stress und Hektik gezeichnet war. Wirklich beschweren konnte er sich wahrlich nicht. Dass er seinen Traum von einem Archäologie-Studium aufgegeben hatte, das war seine Entscheidung. Er erwartete keinesfalls Mitgefühl oder gar Mitleid. Sicher hätte er sich auch gegen den Willen seines Vaters stellen können, doch es war ihm wichtiger, seinen alten Herrn stolz zu wissen. Vielleicht würde er diese Entscheidung irgendwann bereuen... doch für den Moment war es ok. Er versuchte alles daran, seinem Vater alle Ehre zu machen und das mühsam aufgebaute Unternehmen erhobenen Hauptes weiterzuführen. Es war noch ein langer und steiniger Weg, aber Oliver war bereit, genau diesen Weg zu gehen. Gerade wollte er etwas auf ihr Gesagtes erwidern, doch da kam schon Roberto mit allerlei Leckereien. Noch glücklicher als der Duft von frischen Brötchen und heißem Bacon, machte ihn der Gesichtsausdruck der jungen Frau und das atemberaubende Funkeln in ihren Augen. Sofort schlug sie zu und es war eine wahrhaftige Freude, ihr zuzusehen.
      "Guten Appetit", wünschte auch Oliver mit einem Schmunzeln und aß wesentlich langsamer als die junge Frau neben ihm. Doch er ließ sich gerne Zeit beim Essen. Schon früh hatte seine irisch stämmige Mutter ihm eingetrichtert, dass zu hastiges Essen ungesund sei. Demzufolge ließ sich Oliver noch heute Zeit und genoss jeden Bissen.
      "Es freut mich, wenn es dir schmeckt...", sagte er noch immer mit einem Schmunzeln und nahm einen Schluck des dampfenden Kaffees. Dass es ihr schmeckte, war kaum zu übersehen.
      Als Lucia dann die Frage nach seinen Geschwistern stellte, lächelte Oliver. "Eine Schwester. Ihr Name ist Enya. Sie studiert Medizin", sagte er. Er dachte gerne an seine Schwester, die er zugegebenermaßen ebenfalls einige Monate nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Er mochte an ihr, dass sie nicht abgehoben war, trotz ihrer ausgesprochen guten Resonanzen. Sie war ein Mensch wie Du und ich. Völlig am Boden geblieben und hilfsbereit. Das musste sie wohl auch sein.
      Die beiden ließen sich das Frühstück schmecken und redeten noch eine ganze Weile über belanglose, aber auch private Themen. Dass Lucia vielen Fragen gekonnt ausgewichen war, das hatte der Rothaarige gar nicht bemerkt. Hatte er schon die rosarote Brille auf?
      Die Zeit verging im Flug und ein kurzer Blick auf Olivers Armbanduhr verriet, dass er bereits zwei Stunden zu spät zu einem Meeting war. Doch die junge Frau war es ihm wert. Er beglich die Rechnung bei Roberto und wandte sich daraufhin der schönen Lucia zu.
      "Es hat wirklich Spaß gemacht... was hältst du davon, wenn wir morgen Abend ins Kino gehen? Ich lade dich ein... ich denke ein wenig Abwechslung wird uns gut tun."
      Schmunzelnd wartete er gespannt auf ihre Antwort.

      Liebe ist...
      jemanden so zu sehen wie er ist.
      Nicht, wie man ihn gerne hätte.
    • Lucia


      Ihre Bewegungen wurden langsamer, als sich allmählich das Gefühl der Sättigung einstellte. Wann hatte sie das letzte Mal so gut gegessen? während sie versuchte sich zurückzuerinnern, beantwortete Oliver ihre Frage, wobei Lucia das leise Schmunzeln auf seinen Lippen nicht entgehen wollte. "Also ist sie deine kleine Schwester, richtig?", vermutete die Straßenmusikerin. "Ich würde sie gerne einmal kennen lernen." So wie der junge Mann dreinschaute, musste er seine Schwester ähnlich herzlich lieben, wie Lucia ihre eigenen Geschwister. Ob sich die beiden deswegen so gut verstanden? Weil sie ähnliche Werte im Leben vertraten? Immerhin schien Oliver ach alles andere als abgehoben zu sein, obwohl er als Firmenerbe sicherlich keine Geldprobleme haben dürfte. Doch auch wenn er trotz seines scheinbaren Reichtums nicht offen damit prahlte und ärmere Leute in seiner Umgebung mit Verachtung in den Augen betrachtete... wie würde er wohl reagieren, sollte er erfahren aus welchem tiefen Loch Lucia stammte. Er nahm offensichtlich an, dass ihre Straßenmusik nur ein Hobby war, er schien nicht einmal zu ahnen, dass ihre Lieder die einzige Einnahmequelle der jungen Frau darstellten.
      Etwas beschämt ließ sie ihren Blick auf den fluffigen Croisant fallen. Plötzlich fühlte sich der weiche Blätterteig in ihrem Mund deutlich weniger erfüllend an, dabei war sie selbst für ihre düsteren Gedanken verantwortlich. Alles würde gut sein, so lang der Rothaarige nichts von ihrem "kleinen Geheimnis" erfuhr. Sie mochte ihn erst seit knapp einer halben Stunde kennen, aber sie wollte unbedingt mehr Zeit mit ihm verbringen, sich mit ihm anfreunden, ihn besser kennen lernen... vielleicht sogar auch mehr? Ihr stümisches Herz machte aufgeregte Purzelbäume, während sie ihre eigenen Gedanken versuchte zu bändigen. Sie kannten sich doch erst seit kurzem! Sie dürfte keine voreiligen Schlüsse ziehen.
      Über das restliche Frühstück hinweg, bemühte sich die Braunhaarige um ihr gewohnt heiteres Auftreten und sperrte all die düsteren Gedanken von zuvor aus ihrem Hirn aus. Dennoch verging die Zeit während ihrer Gespräche wie im Flug und Lucia musste nicht lange überlegen, um Oliver eine Antwort zu geben. "Sehr gerne!" Sie war selbst etwas über ihre Reaktion überrascht. Noch bevor sie wirklich über sein Angebot hatte nachdenken können, waren die Worte schon aus ihr herausgesprudelt. Etwas peinlich berührt legten sich ihre schmalen Finger gegen die warme Haut ihrer hellen Lippen. "Ich meine... Es würde mich wirklich sehr freuen, dich noch einmal wiedersehen zu können. Ein Kinobesuch klingt da sehr verlockend." Hitze wanderte über ihre Wangen und befeuerte sogar ihre zumeist frierenden Ohren. Sie hatte die Wirkung des Rothaarigen unterschätzt, welcher sie innerhalb kürzester Zeit erfolgreich in seinen Bann hatte ziehen können. Aber sie bereute ihre Antwort nicht, stattdessen blickte sie ihrem nächsten Aufeinandertreffen bereits vorfreudig entgegen... wenn es da nicht ein kleines Problem gäbe... Unbemerkt strichen ihre Hände über den rauen Stoff ihrer abgetragenen Jeanshose bevor sich ihre Finger im weichen Saum ihres Strickpullis verkrallten. Das hier war so ziemlich das einzige vorzeigbare Outfit, dass sie noch besaß und Geld für ein neues besaß sie nicht, zugleich könnte sie aber auch nicht in diesen Klamotten beim morgigen Treffen aufkreuzen. Ob ihr Mel eines ihrer schlichteren Kleider leihen könnte? Zwar war Lucias WG-Mitbewohnerin etwas kleiner als sie selbst, aber ihre Figuren ähnelten sich. Sie würde die Schwarzhaarige direkt heute Abend um Hilfe bitten, so viel stand fest. Irgendeine Lösung würde sie schon finden, ganz sicher!
      Neuen Mut gefasst blickte sie ihrem Gegenüber lächend entgegen. "Wann und wo wollen wir uns treffen?" Sie war erst ein einziges mal vor vielen Jahren im Kino gewesen, gemeinsam mit ihren Pflegeeltern. Magaret und Devin hatten damals einen Teil ihrer Ersparnisse geopfert, um dem zu der Zeit noch jungen Mädchen einen neu erschienen Kinderfilm auf der großen Leinwand präsentieren zu können. Lucia konnte sich kaum noch an den Inhalt des Filmes erinnern, aber das heitere Lachen ihrer Eltern, den erfüllenden Geruch nach salzigem Popkorn und der süße Geschmack ihres Colagetränks würde auf ewig in ihrer Erinnerung verweilen.
      Nachdem die beiden Ort und Zeit vereinbart hatten schien leider endlich die Zeit des Abschieds angebrochen zu sein. Sie war selbst über ihre tiefe Enttäuschung verwundert, zwang sich aber dennoch zu einem breiten Lächeln als sie mit hell strahlenden Rehaugen zum Größeren aufsah. "Ich danke dir vielmals für deine Einladung. Es hat fantastisch geschmeckt und noch mehr hat es mich gefreut, dich kennen zu lernen, Oliver." Sie erhob sich vom weichen Sitzpolster und griff sich ihren naheliegenden Gitarrenkoffer, um sich das Instrument über die Schulter zu legen. "Aber ich möchte dich wirklich nicht weiter von deinen Verpflichtungen abhalten." Sie nickte kurz zu seinen Unterlagen, die die ganze Zeit über am Rand des Tisches gelegen hatten. Eigentlich musste er auf dem Weg zur Arbeit gewesen sein, bevor er bei ihr Halt gemacht hatte. Ihr Herz machte einen kleinen Salto, als sie begriff, dass ihr Gesang ihn so sehr eingenommen haben musste, dass er für eine Zeit lang sogar seinen Job vergessen hatte. Der heutige Tag hatte einen deutlich besseren Verlauf genommen, als sie es sich jeh hätte erhoffen können.