Taranoke's Vermächtnis [ Taru & Codren ]

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    • Taranoke's Vermächtnis [ Taru & Codren ]

      TARANOKE'S VERMÄCHTNIS

      Garlingen
      Sieben Jahre Später - Winterzeit
      Flora

      Der Himmel war bedeckt von Grau in Grau, und kein Blau, kein Sonnenstrahl durchbrach die dichte Decke, die sein vielen Wochen das Land mit klirrender Kälte, Eis und Schnee geißelte. Alles wirkte leblos und still, doch täuschte das nur. Das Leben fand an wärmeren Orten statt, wo auch immer sich das Leben zu dieser Zeit verkrochen hatte. Nur wenige wagten sich hervor, oder kümmerten sich nicht um Schnee und Eiseskälte. Manche Kreatur schien diese finstere Jahreszeit zu lieben.
      Ein Pferd, ebenso weiß wie Schnee, trug seine Reiterin sicher durch das Gelände, auch wenn die Hufen sich tief im Neuschnee vergruben. Erst letzte Nacht gab es wieder einen Schneefall, der aber zum Glück nicht so heftig war, die der Schneesturm vor einer Woche, der häufig von den Bergen her ins Tal fiel. Vultjags milde Wintertemperaturen trafen sich mit der kalten Luft aus dem Südwesten, jenseits der Insel, in den Bergen, und daraus entstanden häufig starke Stürme.
      Der Schnee wurde flacher und das Pferd schritt sicherer auf, bis die Reiterin es anhielt, und abstieg.
      Flora sah sich um. In der Ferne die Berge. Sie war etwa eine Stunde geritten, und stand jetzt auf dem verschneiten Acker eines Bauern. Noch vor wenigen Monaten wurde hier die letzte Ernte eingefahren. Jetzt lagen alle Felder wohl behütet unter der Schneedecke, und warteten auf das Tauwetter im Frühling.
      Doch die Bauern ruhten nicht, denn jetzt war die Zeit, Haus und Hof, Arbeitswerkteug und Kleidung auszubessern. Alles musste erledigt sein, damit alle Bauern Garlingens die hohe Anzahl der Felder, die sich kilometerweit erstreckten, bestellen konnten. Und sie versorgten das Vieh, damit es den Winter überstand, der erst seine halbe Zeit erfüllt hatte.
      Sie schnaufte. Ihr Wintermantel war wohlig warm, der Schal ebenso. Fellstiefel und Handschuhe ließen ebenso wie die Mütze auf ihrem Haupt keine Kälte zu.
      Nur ihr Gesicht war frei und ihre Wangen leicht gerötet, während ihr Atem in kleinen Wolken kondensierte und sich verflüchtigte.
      Zwei Stunden zuvor hatte sie noch in ihrem Büro gesessen, und ein Haufen Papierkram erledigt. Es war ein erfolgreiches Jahr gewesen, mit guten Einnahmen. Die Kornkammern welche die Bauern selbst nutzen waren noch etwa zu Dreiviertel gefüllt. Das würde sicher bis zur ersten Ernte reichen, Müller mit Korn und Bäcker mit Mehl zu versorgen. Und die anderen Kornkammern, die das Korn optimal lagernten, waren für den Handel, der auch jetzt noch unerbittlich weiter ging. Das meiste Korn jedoch wurde bereits im Sommer verkauft, und brachte alle nötigen Güter für ihr Land im Tausch, oder füllte die Finanzreserven.
      Sie war zufrieden, und würde sich jetzt erstmal ein paar Wochen Ruhe gönnen.
      Ihr Pferd zog am Zügel, und Flora bemerkte es selbst, das es einen kleinen Busch erspäht hatte, der Früchte trug. Eine Winterkirsche, wie man diesen nannte. Kleine rötliche Früchte die auch jetzt wuchsen. Sie waren nicht giftig, schmeckten aber Bitter für den Menschen, während Tiere damit wohl besser klar kämen. Aber für das Pferd waren es wohl die kleinen Blätter, die leicht violett glänzten. Sicher eine Art Süßigkeit für Pferde. Sie ließ das Pferd los und sofort trabte es darauf zu und fing an zu fressen.
      Flora sah sich um und fand einen Stein der sich als Sitzplatz eignete, wischte den Schnee ab und nahm Platz. Sie hatte eine Ledertasche bei sich und öffnete diese nun. Hervor holte sie ein in Tüchern verpacktes Brot, das noch immer leicht warm war. Vor ihrem Ritt hatte sie es sich aus der Küche gemopst, etwas Käse und Wein aus dem Keller dazu, und ein Stück Wurst. In dieser Hinsicht würde sie sich wohl nie ändern. Aber in der Küche sah man eh darüber hinweg - meistens.
      Dann holte sie noch den Trinkschlach hervor, in dem sich warmer Tee befand, und gleichzeitig auch den Innenraum der Tasche gewärmt hatte, damit Floras Essen hier nicht gefroren war, oder zumindestens eiskalt genossen werden musste. Nur den Wein hatte sie in der Satteltasche verstaut, um ihn kühl zu halten.
      Ein kleines Festmahl in winterlicher Kälte.
      Mit einem Messer schnitt sie etwas Brot ab, ein Stück Wurst und Käse und biss herzhaft hinein. Das beste Brot in Taranoke. Kein Korn ergibiger - kein Mehl feiner und annähernd gut im Geschmack wie dieses hier aus Garlingen.
      Sie schnupperte am Käse - Camisser Ziegenkäse -, sehr würzig und äußerst Geruchsstark. Wenn es den zum Frühstück gab, stank danach das ganze Esszimmer, und die Bediensteten mussten kräftig lüften. Flora mochte ihn trotzdem gern.
      Unweit entfernt auf einem kahlen Baum hoch oben in den Ästen saßen mehrere Krähen, und beäugten das Geschehen mit großem Interesse. Vielleicht gab es ja bald auch etwas für sie zu holen, wenn die Wölfe erstmal fertig waren .......
    • Der Winter mit seiner Kälte und seinen Stürmen hatte Taranoke schon seit einigen Wochen in seinem Griff. Die Händler benötigten Tage für einen Weg von Stunden, das Vieh erfror auf offenem Feld, die Wälder waren so karg, dass man glauben konnte, sie würden sich von dieser Kälte nie erholen. Drinnen scharrten sich die Menschen um ihre Kamine, es wurden offene Feuer gelegt, Hütten standen in weitem Schnee in Flammen, die sonst so dicken und festen Dächer bröckelten unter ihrer Last. Teure Fensterscheiben zeigten hier ihre wahre Qualität. Wer es sich nicht leisten konnte, zog mit seiner Familie in die Ställe, um an der Wärme der dicken Kühe und Schweine teilzunehmen, die gemestet worden waren, um den Winter durchzuhalten. Die Grippe schlug um sich. Wolle machte neben Medizin den meisten Umsatz. Teure Zusätze aus Übersee wurden in riesigen Kisten an Land verschafft und auf die Händler verteilt, die - verirrt in einen Schneesturm - ihr Ziel nicht immer erreichten. Der Schnee häufte sich und mit ihm die Probleme.
      Darunter versuchte Codren Goldfield-Vaisyl die Kontrolle zu behalten. Anders als ihre Schwester hatte sie das Büro noch nicht verlassen, ihr zweites Schlafzimmer, wie sie manchmal scherzte, und das Zimmer, in dem einst Robert Goldfield von seiner Tochter Abschied genommen hatte. Der lange Raum war seitdem umfunktioniert worden und besaß zwar noch den alten, riesigen Schreibtisch, auf dem Codren die Geschäftsbücher zu führen gedachte, aber auch noch zwei kleinere Tische und ein großes Portrait des ehemaligen Herren Goldfield, das über der Tür hing und über den Raum wachte. Die tristen Vorhänge waren durch neue ersetzt worden, genauso wie der Teppich, der in lebendigen Farben etwas Freude in das Zimmer einzuhauchen versuchte. Im Kamin knisterte das Feuer leise vor sich hin, kaum laut genug um das Gemurmel der Bauern zu übertönen, die bei Codren saßen.
      "40 Goldmünzen und 3 Kupfer."
      "Das ist zu viel. Damit kann man eine Goldkuh kaufen. Was ist mit den Hühnern, die haben doch bisher gut gelegt?"
      "Sind alle krank. Machen es nicht mehr lange."
      Ein anderer Bauer nickte bekräftigend. Er trug einen halben Schnurrbart, der ihn aussehen ließ, als habe er vergessen sich vollständig zu rasieren.
      "Was ist mit dem Zuschlag von letztem Jahr? Damit haben wir die überschwemmten Felder ausgeglichen und Flora hat sogar noch was obendrauf gelegt, weil deine Familie schließlich schon ewig hier arbeitet."
      "Aber das war vor einem Jahr! Habt doch Mitleid, wir müssen alle im Wohnzimmer schlafen!"
      Codren verzog die Miene.
      "Aber wir sagen euch jedes Jahr, dass ihr kein Feuer anzünden dürft! Das Holz außen mag vielleicht feucht und schwer brennbar sein, aber den Boden erwischt es sofort! 20 Goldmünzen und im Frühling will ich, dass ihr eure Schweine selber züchtet. Wir können nicht jedes Jahr die teuren Tiere von Übersee holen, weil jeder hierzulande glaubt, sie würden besseres Fleisch geben. So reich sind wir nicht."
      Sie verzeichnete etwas in ihrem Buch, dann legte sie es auf den "Muss noch von Flora unterschrieben werden"-Stapel. Die schiere Anzahl an Dokumenten und Unterlagen, die dort lag, ließ sie wünschen, sie habe nie dazu eingewilligt, diese undankbare Aufgabe zu übernehmen.
      "Das geht nicht. 40 Goldmünzen mindestens! Wie werde ich sonst meine Familie ernähren können! Ich will mit Flora Goldfield sprechen!"
      "Flora ist unpässlich."
      Sie hatte das Mädchen ziehen lassen in dem Wissen, dass sie sowieso nicht viel von Buchführung und Verwaltung hielt, aber jetzt bereute sie es wieder. Ernte und Handel waren nunmal nicht die einzigen Dinge, die auf dem Hof geregelt werden mussten und als offizielle Hausherrin hatte nur Flora die Befugnis, die Dokumente zu signieren.
      "20 Goldmünzen. Noch ein einziges Wort und ich kürze es auf 15."
      Der Mann hob tatsächlich zum Wort an, aber da schnappte sich Codren flink das Buch und drohte an, das eben Aufgeschriebene wieder durchzustreichen. Der Bauer schien es sich zu überlegen, dann brummte er irgendwas, bedankte sich und zog ab. Der nächste wollte gerade das Zimmer betreten, als sie aufstand.
      "Für heute ist's vorbei. Kommt morgen wieder."
      Die Bauern protestierten, ließen sich aber dennoch hinausführen. Codren seufzte, dann schlang sie sich einen Schal um.

      Normalerweise verbrachte Herrolt Vaisyl die Wintertage im Hof und half ihr, die Geschäfte aufrecht zu erhalten. Zumindest hatte er es die letzten Jahre lang getan und wenn sie ihn danach gefragt hatte, warum er so viel Spaß an Transaktionen hatte, hatte er nüchtern erwidert:
      "Habe ich nicht. Holz hält besser warm als Stein."
      Das wagte sie zu bezweifeln, aber sie wollte nicht die grauen Tage in seiner hohen Burg verbringen, wo es außer Soldaten kein anständiges Anzeichen von Leben gab. Diesmal befand er sich allerdings in mehrtägigen Verhandlungen mit Brerandt, um den Preis seines wertvollen Zuhauses zu diskutieren und würde wohl erst in einigen Wochen zu ihnen stoßen. Zeit genug, dass der Winter eh schon bald vorüber war.
      Flora zu finden war nicht schwer, nachdem es nicht arg schneite und der Schnee am Boden noch nicht hart war. Sie lenkte ihr Pferd in dieselben Fußstapfen wie ihre Vorgängerin und fand sie schließlich, in Felle verpackt und glückselig, auf einem der alten Ackern sitzen, das Reittier in ihrer Nähe. Codren stieg ab in dem Wissen, dass ihr Pferd es Seinesgleichen gleich tun und den Busch plündern würde, was es auch gleich tat. Codren ließ sich mit einem Ächzen neben Flora nieder und rieb sich die eingepackten Hände.
      "Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du nur eine Pause machst. Aber wir wissen beide, dass du nicht dazu geschaffen bist, in einem stickigen Raum zu sitzen und Pergamente zu beschreiben. Das enthebt dich aber nicht von deinen Pflichten."
      Sie blickte über die verschneite Landschaft hinweg, die Berge auf ihrer einene Seite, die Wälder auf ihrer anderen. Es war schon etwas beruhigendes, diese vollkommene Ruhe der Natur, wenn man nicht alle paar Sekunden daran dachte, dass irgendwo irgendein Genie sein Haus anzündete, weil ihm zu kalt war.
      "Den Taurin ist das Dach auf den Kopf gefallen. Dreimal darfst du raten, wieso."
      Jedes Jahr die gleiche Geschichte.
      "Sie schlafen wohl alle im Wohnzimmer. Sie können froh sein, dass ihr Haus überhaupt noch steht, da gibt es auch ganz andere."
      Sie hustete.
    • Flora genoss die Ruhe, hörte dem Wind zu, wer gelegendlich eine sanfte Böhe kalter Luft vorantrieb, hörte zeitgleich das Schmatzen des Pferdes, wie es rupfend der Busch aberntete und die Kälte an seinen Beinen zu vergessen schien.
      Ein Vogel hatte sich kurz in ihre Nähe gewagt, und er wurde mit einem Stück Brot belohnt, das er sich schnell schnappte und davon flog.
      Den Käse hätte er sicher liegen lassen. Und die Wurst war bestimmt nicht nach seinem Geschmack.
      Codren war Flora kurze Zeit später bereits gefolgt und kam knapp zwanzig Minuten nach ihr hier an. Flora seufzte. Die Spuren führten zu jedem noch so gutem Versteck.
      Kurz darauf nahm sie neben Flora platz und verbarg nicht die Kälte, die sich an den Händen verbissen hatte.
      Der Trinkschlauch wurde bereits geöffnet und füllte einen kleinen Becher, den Flora an Codren weiterreichte. Lauwarm würde er nicht mehr viel Wärme spenden, und würde wohl eher noch Wärme aufnehmen wollen, bevor das Getränk sich in Eis verwandeln würde.
      "Ich erfülle die Arbeit die nötig ist. Auch wenn ich entsprechende Mitarbeiter dafür angesetzt habe, und auch auf deine Hilfe zurückgreifen kann.", grinste sie. Codren erzählte von einigen Ereignissen, um die Flora später wohl noch reichlich zu lesen bekam. Letztenendes würde sie das Meiste eh einfach signieren, da sie durchaus hohes Vertrauen schenkte, und die Haushaltskassen nicht plötzlich gähnende Leere vorweisen würden.
      "Eigentlich sollten die Bauern doch nach der Ernte dafür sorgen, das ihre Häuser winterfest sind. Wir hatten ein gutes Jahr, und jeder hat seinen Anteil erhalten, genug um alle Arbeiten auszuführen und noch etwas anzusparen. Und jetzt höre ich, das einige sich mehr Mühe machen, ihre warme Behausung gänzlich zu zerstören.", seufzte sie. Im nächsten Jahr würde sie dafür sorgen, das die Bauern mehr Zeit investierten.
      Flora packte die Reste zusammen und richtete sich auf, klopfte ein paar Krümel vom Mantel, die sich später sich noch die Vögel holen würden.
      "Im Winter ist außer dem nicht viel Arbeit im Büro. Ich werde noch eine Großbestellung Felle anordnen. Brerandt ist da der beste Anlaufpunkt. Ein schneller Bote wird noch heute aufbrechen, und mit etwas Glück sind in etwa zwei Wochen ein paar Waagen voll hier, damit sich einige Bauern etwas dicker einpacken können."
      Gerade jene Höfe außerhalb der Ortschaften und Städte waren häufig am schwersten betroffen. Dort gab es kaum Nebengebäude, und der Wind konnte von allen Seiten zwischen den Brettern einfallen.
      Leider waren Felle teuer, und besonders im Winter gefragt. Das würde Flora einiges kosten.
      "Nächsten Monat will ich eine Seereise unternehmen. Für ein paar Tage dem Winter entfliehen und die Seaflower endlich mal auf den großen Ozean segeln lassen. Seit Jahren sieht es nur Flüsse oder Küstengebiete. Falls du nicht mitkommen solltest, werde ich dir die Aufsicht hier überlassen."
      Die Seaflower war das Schiff, welches sie damals von Tain bekommen hatte. Wieder seetauglich gemacht bekam es eine Namenstaufe und Flora nannte sie Seaflower. Sie übernahm ein paar Handelsfahrten und gelegentlich segelte Flora ein paar Tage in Lyxaxus Gewässern umher, von Hafen zu Hafen oder einfach nur der Küste entlang. Aber eine größere Fahrt hatte sie noch nie ausgeführt.

      Ein paar Krähen erhoben sich, krächzten und setzten sich einen Baum weiter. Es waren mehr geworden. Und sie alle beobachteten die zwei Wesen auf der weißen Fläche. Die Pferde interessierten sie nicht. Aber sie warteten. Von hier oben konnten sie gut sehen, wie die Grauwölfe aus den Wäldern sich anschlichen, fast mit dem Schnee verschmolzen dank ihren hellgrauen Felle. Es blieb immer etwas über, wenn die Wölfe sich ihren Anteil geholt haben, und dann kam die Zeit der Krähen.
      Dann begann der Angriff, und mehrere Wölfe sprangen hervor. Die Pferde wieherten auf und flüchteten genau in die entgegengesetzte Richtung, verfolgt von den niedersten Tieren im Rudel, während die stärksten sich um die Menschen kümmern wollten.....
    • Der kleine Becher war schnell ausgetrunken, er wärmte Codren von innen, aber die Kälte rückte schnell nach. Sie beobachtete das weiße Wölkchen, das sich mit jedem Wort vor Flora's Mund bildete und schüttelte frustriert den Kopf.
      "Winterfest sind die Hütten allemal, aber einer kommt immer auf die Idee, dass man auch im Schlafzimmer ein Feuer entfachen könnte, wenn es doch nur wärmer macht. Manchmal denke ich, sie wollen uns mit Absicht nicht zuhören."
      In Zeiten wie diesen wünschte sie sich, in einer der großen Städte zu sein, wo die Bürger einen gewissen Durchschnitt an Bildung hatten und die Bauern weit außerhalb ihre Felder hatten. Dort brannten die Häuser auch bestimmt nicht so schnell.
      "In dieser kalten Zeit willst du aufs Meer hinaus segeln? Du bist ja wahnsinnig geworden, Mädchen. Selbst die Piraten halten ihren Winterschlaf und die haben ganz sicher mehr Speck auf den Rippen als du."
      Ein Geräusch unterbrach sie in ihrem Tadel, das erst die Tiere aufschreckte und dann sie selbst, die bei dem Anblick der nahenden Wölfe aufsprang.
      "Ah! Da geht man ein Mal ohne Waffen aus dem Haus!"
      Sie war sichtlich empört, als sie ihr Gerbermesser herausziehen musste und sich groß machte, als hätte sie in ihrem Leben schon nichts anderes gemacht, als sich Wölfen zu stellen.
      "Bleib bloß hinter mir."
      In dem Wissen, dass Flora sich sowieso nicht daran halten würde, behielt sie ein Auge auf die Wölfe, die sich erst langsam anschlichen und die beiden Frauen dann einkreisten, und dann auf das Mädchen, die sich schon auf einen Angriff bereit machte. Codren machte ein paar laute, tiefe Geräusche in der Hoffnung, dass die Tiere sich doch noch abschrecken lassen würden, aber sie waren mager und hungrig. Nichts würde sie daran hindern ihre Beute anzufallen.
      Der erste Wolf sprang sie knurrend an, dicht gefolgt von dem zweiten, der von etwas weiter rechts sprang. Codren stieß mit ihrer rechten Hand nach vorne, eine Bewegung, die ihr seit sieben Jahren in Fleisch und Blut übergegangen war und mit der sie jetzt selbstsicher in das Maul des Wolfes griff. Die Eisenhand war stark genug, den Kiefer brechen zu lassen, noch ehe das Tier zuschnappen konnte, und sie schwang den Arm herum, um den Wolf gegen seinen Nachbarn zu schleudern. Beide platschten in den Schnee und wirbelten eine weiße Wolke auf.
      "Alles gut bei dir?!"
      Sie konnte die Augen nicht von dem Wolf vor ihr lassen, ohne dass der sie angefallen hätte, aber sie spürte Flora wenigstens in ihrem Rücken.
    • Natürlich fing Codren wieder an zu meckern, wie sie es immer tat. Die Leibwächterin in ihr würde wohl noch als Geist Flora heimsuchen, sollte es jemals einen fähigen Krieger geben, der es schaffen konnte, Codren dauerhaft niederzustrecken.
      Flora wollte gerade erzählen, das es nordwestlich deutlich wärmer war. Nur eine gute Woche musste man segeln, um eine weitere große Insel zu erreichen, die zum Teil noch unerforscht waren.
      Aber da tauchte plötzlich ein hungriges Rudel Wölfe auf, die sich an Pferd und Mensch laben wollten. Codren war nicht die Einzige, die ohne Waffen losgeritten war. Wer hätte hier schon einen Angriff vermutet. Garlingen war inzwischen recht sicher geworden, und nur durch die Wälder wäre man noch in der Lage, unbeobachtet hier einzufallen, aber das würde Tage dauern, sich dort durchzuschlagen, und im Winter erstrecht.
      Den ersten Angiff wehrte Codren gekonnt ab, und verlangte Flora hinter sich zu wissen. Flora aber grinste. "Hey, ich bin nicht gänzlich unbewaffnet, schon vergessen?"
      Einige Wölfe hatten sich bereits um die beiden herumgeschlichen, damit ihre Beute nicht floh. Und ein etwas ungeduldiger sprang alleine vor, um sich den ersten Bissen zu sichern. Flora ging leicht in die Hocke und hielt beide Hände nach vorn. "BLAZE" Ihre Magie verfehlte ihre Wirkung nicht, und eine etwa 1 m große Kugel aus Feuer erschien vor Flora in der Luft. Sofort machte sich Wärme breit, die Codren jedoch kaum bemerkte, das Flora noch hinter ihr stand. Diese Kugel schob sie nun dem Wolf entgegen, der noch im Sprung erwischt wurde. Es gab eine kleine Feuerexplosion und ein verpuffendes Geräusch, als wäre gerade eine große Ölschale entzündet wurden. Der Wolf heulte auf und wurde gestoppt und fiel brennend zu Boden, wo er sich kurz wand ehe sein Leib durch die Hitze verstarb. Das schwarze Etwas zischte und qualmte noch etwas, wie ausgebranntes Holz.
      "BLAZE" wiederholte Flora ihren Zauber und formte die Kugel dann zu einer kleinen Mauer, die wie ein Schild davor schützen sollte, das die Tiere näher kamen. Tatsächlich zeigte es Wirkung, denn Feuer konnte den Tieren Angst einjagen. Die Wölfe zögerten. Flora konnte diese Mauer aber nur eine Minute halten, länger hielt der Zauber nicht an. Sie müsste ihn darauf erneuern. Und irgendwann würde ihre Reserven schwinden. Sollte sie die Wölfe direkt angreifen und vertreiben? All zu lange durften beide nicht warten, da die Pferde ebenfalls in Gefahr waren. Ein Pferd machte sich bemerkbar, offenbar wurde es verletzt. Flora war gut eine Stunde geritten. Zu Fuß würden sie sicher vier oder fünf Stunden brauchen.
      "Codren ... die Pferde ...!"
    • Ein dritter Wolf sprang nach vorne, um sich für die Wunden seiner Gefährten zu rächen. Codren streckte ihr Gerbermesser vor sich aus, zielte für einen Augenblick und rammte es dann von unten in seinen Kopf. Das Tier winselte auf und erschlaffte dann, ein Schwall Blut spritzte über Codren's Beine.
      "Ach! Die schönen Felle!"
      Sie versuchte es mit den Händen abzuwischen, aber sie verrieb es nur. Flora's Schrei lenkte sie dafür wieder ab und sie sah in der Entfernung mit Grauen, wie eines der Pferde im Schnee versank und die Wölfe sich darauf stürzten. Ihr Unmut hätte kaum größer sein können.
      "O nein, die waren teuer!!!"
      Sie rannte los, deutlich verlangsamt, nachdem hinter dem Acker der Schnee wieder höher lag. Mit den Armen wedelnd fing sie an zu springen.
      "H E Y! Weg da!!"
      Die Wölfe blickten zu ihr auf, knurrten. Sie verharrten bei dem sich windenden Pferd, dann stoben sie plötzlich auseinander, als Codren direkt bei ihnen war, und knurrten sie aus der Entfernung an. Sie drehte sich nach allen Richtungen, um sie jederzeit im Blick zu haben und fuchtelte wild mit den Armen.
      "Sucht euch was anderes zu fressen! Aber nicht mich!"
      Ihr Rufen und Rumgehampel zeigte erst Wirkung, als sie in die Richtung des einen stürmte und der einen Satz nach hinten machte, sie trotzdem noch anknurrte, aber dann den Rückzug antrat. Ein anderer sprang sie von hinten an und riss an ihren Fellen, aber sein Biss war eher halbherzig und sie konnte ihn schnell von sich befördern.
      "Weg, hab ich gesagt!"
      Ein paar weitere Rufe, ein bisschen Rumgerenne und weite Gestikulationen später verabschiedete sich auch der letzte Wolf und Codren rannte zu dem Pferd, schon ganz außer Atem, um seine Wunden zu begutachten. Irgendwie schaffte das Tier es, wieder auf die Beine zu kommen und rannte dann noch ein Stück weiter weg, bevor es erschöpft stehen blieb und ängstlich schnaubte. Codren entschied sich dazu, erstmal nach Flora zu sehen, denn wenngleich die Tiere aus Camisse stammten und über 100 Goldmünzen das Stück kosteten, war Flora doch unbezahlbar.
    • Sekunden verstrichen, nachdem Codren das Pferd vor schlimmeren bewahrt hatte, und Flora folgte stapfend durch den tieferen Schnee, während die restlichen Wölfe wohl entschieden haben, das ihr Überleben an anderer Stelle sicherer wäre. Ein paar mal knurrten sie noch, dann zogen sie in Richtung Wald davon.
      Schnaufend kam Flora dann bei Codren an und begab sich sogleich weiter zum Pferd, um die Verletzungen zu heilen. Weder die Tiere noch sie selbst wollten erfrieren, und heute würden alle wohlbehalten heimkehren.
      Nachdem das Pferd versorgt und Codren das andere eingefangen hatte, ritten sie zurück zum Haus. Kurz darauf saß Flora schon im großen Kaminzimmer und hielt eine dampfende Tasse Tee in den Händen. Ein Diener tischte noch etwas Gebäck auf und zog sich dann zurück. Ein anderer ließ das Feuer noch etwas aufflammen, zog sich danach ebenfalls zurück. Flora lehnte sich entspannt zurück. Die Winter waren immer so hart in Garlingen. Jetzt beneidete sie Vultjag, der nur nachts mit Bodenfrost und gelegentlichem Schneefall zu kämpfen hatte, welche schon am frühen Morgen wieder verschwunden wäre. Und die Insel, welche sie mit dem Schiff ansteuern wollte, war noch etwas wärmer. Dort konnte man auch zu dieser Jahreszeit nachts ohne Mantel draußen sein.
      Natürlich musste Codren wieder die noch anfallenden Arbeiten erwähnen.
      "Später ist auch noch Zeit für einen Stempel und etwas Gekritzel. Jetzt solltest du dich auch am entspannen. Du benimmst dich von Jahr zu Jahr mehr wie mein Vater.", kicherte Flora.
      Vor den Fenstern rieselte bereits wieder etwas Schnee hinab.


      Mehyve
      Südwestliches Gefechtslager von Haus Goss
      Lady Awara GossLady Awara Goss.jpg

      Das sah nicht gut aus. Vertrieben hatte man Haus Goss schon vor drei Jahren aus den Gewässern südlich vor Mehyves Küste. Alle ihre Schiffe und jene Piraten, die sie noch anheuern und bezahlen konnte, wurden auf den Grund des Meeres befördert, eingenommen oder die Crew hatte gemeutert und war übergelaufen, weil ihnen ihr Leben wichtiger war als die Treue. Sie floh mit allem was sie hatte aus ihrer Küstenheimant und schloss sich nun mit ihren Streitkräften Haus Vermell und seinem Unterfangen an Land an. Hier hoffte sie von größerem Nutzen zu sein. Die Zuteilung über die südlichen Bereiche zu wachen schien schon fast löblich gewesen. Doch in den letzten Tagen hatten sie zwei Dörfer gegen den Feind verloren, der überraschend stark angegriffen hatte. Nur mit Mühe schafften sie es, den Feind von weiteren Eroberungen abzuhalten.
      Das Dorf, an dem ihr Lager nun lag, war wichtig. Es war ein Handelsanlaufpunkt und besaß einige Minen ein paar Kilometer weiter nördlich, und außerdem gab es hier Weideland für Pferd und Vieh. Damit konnte sich eine Armee gut versorgen. Wenn sie das jetzt auch noch verlieren würde, wäre Scarlett sicher nicht erfreut. Ein Bote war bereits unterwegs und würde Verstärkung anfordern, aber das könnte noch Tage dauern.
      Awara saß in ihrem Zelt vor einem Tisch mit einigen Karten darauf. Vier Steine hielten sie geöffnet und eine Öllampe schaukelte an der Decke hin und her, während das Zelt im Wind raschelte. Ein kühler Wind vom Süden, der sich im Zelt bemerkbar machte. Die Feuerschalen spendeten zusätzlich Licht und etwas Wärme.
      Draußen saßen die Soldaten vor Feuern, in dichte Felle gehüllt, da der Wind auch etwas Frost mit sich führte. Hier in diesem Teil Mehyves gab es durchaus Schnee im Winter.
      Sie schlug mit der Faust auf den Tisch, so das ihre Teilhaber an dieser Sitzung kurz zuckten.
      "Wieso sitzen wir hier im Süden fest und wieso haben wir zwei Dörfer verloren?", fragte sie genervt. Natürlich wollte sie wissen, warum der Feind urplötzlich dermaßen an Kampfstärke erhalten hatte, ohne das jemand das mitbekommen hatte. Zudem schienen falsche Informationen unterwegs gewesen zu sein. Von wegen, der Feind verlegt seine Truppen. Die die man reiten sah, war in Wahrheit die Verstärkung gewesen. Sie hatte wohl einen Schlenker gemacht und es so aussehen lassen, als würden sie Richtung osten ziehen.
      "General, wie steht es um die Verteidigungsanlagen von Luma? Habt ihr meine Anweisungen zum Ausbau umgesetzt?", fragte sie den Truppen General von diesem Teil der Armee, der für die Verteidigung festgelegt wurde. Ein anderer General, genauer eine Generälin, war für eine Offensive bereit und befehligte Kavallerie und einen Teil der Infanterie. Hauptteil Infanterie und Schützen waren für die Verteidigung bereit gestellt.
      Die Generälin schnaubte und warf sich dazwischen. "Mylady, selbst wenn Moreg es nicht umgesetzt hätte, werde ich dafür sorgen, das kein Feind die Dorfmauern erreicht. Verlasst euch auf meinen Hammer!"
      Neesa Arbe, eine fähige Kriegerin und sehr von ihren Fähigkeiten überzeugt blickte herausvordernd zum General Moreg hinüber. Sie hoffte, das er schlechte Kunde hätte. Aber nur weil sie dann mehr Anerkennung bekäme. Sie war ihm unterstellt, hielt den alten Mann aber für einen Versager. Seine Kundschafter waren es schließlich, die vorhandene Truppen nicht von neuen unterscheiden konnten.
      Awara ging nicht groß darauf ein, sah nur kurz zu Neesa und dann erwartungsvoll zu Moreg. Der Feind lagerte schließlich nur zwei Stunden Marsch entfernt. Ein Angriff war jederzeit möglich. Und bis auch die Wachen und die nötigsten für anfallende Aufgaben, waren alle in ihren Zelten oder in den Dorfgebäuden verschwunden und schützen sich vor dem eisigen Südwind.
    • Zurück im heimlichen Hof schlotterten Codren so sehr die Beine, dass sie sich eine zusätzliche Decke nehmen musste, mit der sie vor dem Feuer immer noch zitterte. Sie schniefte ein paar Mal und wollte sich mit der Arbeit ablenken, was Flora natürlich gar nicht gefiel.
      "Du bist ja lustig. Es sind schon drei Ställe diesen Winter abgebrannt und wenn wir wieder so eine Überschwemmung wie dieses Jahr bekommen, dann wird es nächsten Winter sehr knapp mit dem Geld werden. Du hast ja schließlich selbst gesehen, wie leicht das Getreide sich aus der Erde heben lässt, besonders wenn von den Bergen so viel Wasser kommt. Wir haben keine Zeit zum entspannen, wir sollten viel lieber jetzt noch…"
      Sie verstummte für einen Moment und setzte dann deutlich kleinlauter nach:
      "Ich höre mich wirklich wie dein Vater an, oder?", womit das Thema sich erledigt hatte.

      General Ludius Moreg war ein kleiner Mann, dessen Rücken vom Gewicht der Zeit plattgedrückt worden war. Die Falten in seinem Gesicht zerfurchten seine Haut wie eine unregelmäßige Hügellandschaft und seine dünnen, grauen Haare hingen ihm zu beiden Seiten hinab, obwohl er sie stets in einem Zopf trug. Sein Blick war kränklich und müde, der Mund stand ihm stets ein bisschen offen, nachdem er in jüngeren Jahren einen Betäubungspfeil weggesteckt hatte, der seine linke Gesichtshälfte permanent erschlaffen ließ und wodurch ihm manchmal unbewusst der Speichel aus dem herabhängendem Mundwinkel drang. Wenn er sprach, drangen seine Worte wie riesige, unförmige Felsbrocken hervor, die man mit aller Mühe anzustoßen versuchte, die sich aber trotzdem nur langsam in Bewegung setzten. Wer General Moreg nicht kannte, oder noch nie von ihm gehört hatte, würde ihn für einen alten, senilen Mann halten. Der Rest wusste, dass hinter der brüchigen Fassade ein wacher Geist lag.
      "Wir haben vor der Mauer einen Zaun aus Pfählen errichtet, er wird Angreifer verlangsamen oder zwingen, sich aufzuteilen."
      Mit einem nach links gebogenem Zeigefinger deutete er auf den entsprechenden Punkt auf der Karte und fuhr die Stelle, wo der Zaun stand, nach.
      "Den Weg zur Miene habe ich mit Wachen besetzt, die den Auftrag haben, bei einem Angriff sofort den Tunnel zum Dorf zu sperren. Wenn wir wollen, können wir ihn sogar einstürzen lassen, aber sowas wieder aufzubauen, kostet viel Geld."
      Sein trüber Blick wanderte zu Generälin Arbe, die er für einen Moment anstarrte.
      "Genauso wie Soldatenopfer viel Geld kosten."
      Ernst wandte er sich wieder der Karte zu.
      "Die Mauer kann nicht weiter verstärkt werden, weil es kein so dicker Stein ist wie bei den großen Städten, sondern lediglich ein Gerüst. Allerdings haben wir zwei Ställe hier und hier zu Baracken umgewandelt, die im Zweifel auch als Zufluchtsort für die Bewohner genutzt werden können. Der Stall hier ist neben einem Kanal, der das Wasser umleitet und den man nur über diese Brücke überqueren kann. Unsere Soldaten können sich dort verschanzen und die Feinde mit Fernkampfwaffen zurückdrängen. Der andere Stall ist in der Nähe der Kirche und wurde mit zusätzlicher Munition und Waffen ausgerüstet. Wir gehen nicht davon aus, dass die Feinde es so weit schaffen würden, aber wenn doch erwartet sie eine Salve geballter Kraft."
      Er lehnte sich zurück, zufrieden damit aus so einem kümmerlichen Dorf etwas anständiges gemacht zu haben, aber auch erschöpft davon, seinen lahmenden Mund zur Bewegung gezwungen zu haben. Er machte sich nicht viel aus den missmutigen Geräuschen der Generälin, weil letzten Endes nur Lady Goss zählte, die eine direkte Verbindung zu Vermell hatte und wahrscheinlich die einzige war, die ihm eine angemessene Rente beschaffen könnte.
    • Südliches Gefechtslager von Haus Goss

      Awara hörte sich die Informationen an und schien vorerst zufrieden zu sein. Man hatte das beste draus gemacht und dem Feind zumindestens den Einfall erschwert, wenn er angreifen sollte, und das könnte ihm zusätzliche Verluste bescheren. Selbst Neesa schien beeindruckt, das der General diese ganzen Wörter ohne all zu große Atempause und Kleckerlätzchen in die Welt hinausatmen konnte. Vielleicht war seine Verteidigung ebenfalls so überraschend. Vielleicht sollte sie dem Feind eine Lücke schenken, nur um das zu prüfen. Aber sie schwor bei ihrem Hammer, das kein Gegner die Mauern erreichen würde.
      Nach einer weiteren Stunde und einem gequälten General, der sich endlich zurückziehen konnte, marschierte Neesa zu ihren Truppen und gab weitere Anweisungen.
      Doch ein Angriff des Feindes blieb aus. Auch die Verstärkung ließ noch auf sich warten und kam auch am vierten Tage nicht am Gefechtslager an.
      Awara machte sich langsam sorgen. Kundschafter berichteten, das die Truppen des Gegners noch immer im Lager saßen, und keine Anstalten machten, sich für eine Schlacht zu rüsten. Ein paar Reiter waren aktiv, hier und da bewegte sich ein Wachmann auf seinem Posten. Ansonsten flackerten nur einige Feuer und aus dem inneren Bereichen des Lagers waren die einzigen Bewegungen jene Rauchwolken, die von weiteren Feuerstellen aufstiegen.
      Awara fragte sich, auf was sie warteten. Sie hätten unlängst angreifen können. Stattdessen ließ man ihr genug Zeit, die Ortschaft zu festigen.
      Neesa schickte am fünften Tage in der Früh einen weiteren Späher zu Pferd aus, um nach der Verstärkung ausschau zu halten. Gegen Mittag sollte er wieder im Lager eintreffen. Doch auch am Nachmittag fehlte von ihm noch jede Spur.
      "Verdammt. Irgendetwas stimmt hier nicht. Robon? Hol mir die Späher von Ludius her. Ich werde sie nochmal genau ausfragen müssen.", knurrte Neesa.
      "Sofort, General!"


      Haus Goldfield

      Die letzten vier Tage waren nochmal mit etwas zusätzlicher Arbeit getränkt gewesen. Zwei weitere Hütten mussten Feuerschäden melden, und ein Bauer kam dabei sogar ums Leben. Seine Frau blieb mit fünf Kindern zurück. Zum Glück waren sie alle alt genug, um im Frühjahr Hof und Felder zu führen und zu bestellen. Trotzdem würde es der Familie zunächst schwer fallen. Die Trauer musste bis dahin überwunden sein. Flora bot an beim Wiederaufbau Hilfe zu schicken und die Kosten zu tragen. Zusätzlich beauftragte sie Codren, mit den Soldaten aus Bearhold alle Ortschaften und Höfe aufzusuchen, und nochmals genaue Anweisungen und Strafen für Missachtungen auszurufen. Die Soldaten waren so eine Weile beschäftigt, bis alle Anwohner informiert wären. Der Schnee der letzten Tage würde es erschweren, durch das Land zu reisen.
      Nebenbei hatte Flora jedoch auf ihre Seereise vorbereiten lassen. Das Schiff wartete am Flusshafen und die Reise dorthin würde sich auch drei Tage dauern. Da ansonsten keine weiteren Dinge anlagen, konnte sie sich zumindestens nun darauf konzentrieren.
      Eine große Reisekiste hatte sie fertiggepackt und bereits auf eine Kutsche verladen lassen. Sie selbst saß noch im Büro und spähte aus dem Fenster. Ein sonniger Tag, der Himmel zum Großteil klar und blau, durchzogen mit Wolken in Weiß und Grau. Der Wind wehte sie in die Berge.
      Sie fragte sich, wo Codren war. War sie noch unterwegs zu einigen Höfen gewesen? Sie war schon früh aus dem Haus gegangen. Auch ob Codren mitreisen würde, oder das Haus bewachen würde, stand noch nicht fest.
      Sie spähte zur Pendeluhr, die in einer der Ecke der Innenwand stand. Ihr Stundenzeiger stand auf 2 Uhr. Flora wollte unlängst aufgebrochen sein. Ein paar Minuten würde sie noch warten, dann würde sie ohne Codren aufbrechen und ihr eine Nachricht hinterlassen.
      "Hmmmmm, ob sie in eine Schneewehe feststeckt?"
    • Anders als Flora es sich wahrscheinlich wünschte, nahm die Arbeit eher noch zu als ab. Die Geschäftsbücher für dieses Jahr waren noch nicht einmal vollständig geschrieben, als Codren schon auf Streifzug durch das Land ziehen musste, um den Bauern eine predigt darüber zu halten, wie unzertrennlich Feuer und Holz doch waren. Sie nutzte die Gelegenheit um die Kornspeicher zu überprüfen und das Vieh zu zählen, während sie sich schon eine Liste darüber machte, was im neuen Jahr alles renoviert werden müsste. Sie würden sich bald überlegen müssen, die Bauernhöfe - oder zumindest die Ställe - mit Außenwänden aus Stein zu verstärken, damit sie nicht jedes Jahr solche Verluste machen würden. Auf lange Zeit würde das sicher von Nutzem sein, aber so ein Umbau würde bei der Anzahl an Höfen ein Vermögen kosten. Das konnten sie nicht binnen einem Jahr in die Wege leiten.
      Als Codren den Rückzug antrat, tat sie das weniger, weil ihre Aufgabe erledigt war, sondern viel eher weil sie Schnee in den Schuhen hatte und sie ihre Fingerspitzen nicht mehr fühlen konnte. Die Soldaten in ihrer Begleitung wirkten enttäuscht darüber, dass sie abziehen mussten bevor alles erledigt war, aber innerlich freuten auch sie sich auf einen Kamin und etwas Warmes zu trinken. So wurden sie aus ihren Diensten entlassen und Codren kehrte allein Nachhause zurück. Das Buch, in das sie ihre Notizen geschrieben hatte, landete mit einem lauten Knall auf dem kleinen Tisch neben der Tür.
      "Flora?"
      Sie fand sie im Wohnzimmer und blieb an der Tür stehen, um den Boden nicht dreckig zu machen.
      "Da bist du. Wie spät ist es?"
      Ihr Blick wanderte zur Uhr.
      "Ach du meine Güte. Das kommt davon, wenn die Wege alle voller Schnee ist und niemand sich darum kümmert."
      Sie ging ins Nebenzimmer, um sich missmutig ihrer Garnitur zu entledigen.
      "Weißt du was ich denke, was das Problem ist?", rief sie zu Flora, während sie den Schnee aus ihren Sachen schüttelte. "Die Bauern benutzen alle ihren Lohn, um noch mehr Schweine und noch mehr Wolle zu kaufen. Niemand kümmert sich darum ihre Häuser auf Stand zu halten und bei dem ganzen alten, morschen Holz ist es dann kein Wunder mehr, dass es so gut zu brennen anfängt."
      Sie ächzte beim Aufrichten, hustete ein paar Mal und schniefte kräftig. Als sie bei Flora ankam, zitterte sie am ganzen Körper und musste sich eine Decke umlegen.
      "Das kommt von den ganzen neuen Händlern, die bei Lyxaxu anlegen und ihren Krempel verkaufen. Irgendwelchen unnützen Krimskrams, Bücher mit Bildern drin und Steine die leuchten, wenn man sie nur ins Licht hält. Sie verdrehen den Leuten den Kopf und dann gibt jeder für so einen Schwachsinn sein Geld aus, anstatt sich frisches Holz zu leisten."
      Sie schniefte erneut, hustete und merkte dann erst, dass Flora nicht bei der Sache zu sein schien.
      "Du siehst so unruhig aus. Willst du irgendwo hin?"
    • Flora horchte auf, als Codren zurückkehrte und das Haus betrat. Gleich darauf begann sie auch schon mit ihren Mutmaßungen, was die Bauern mit ihrem Anteil trieben. Mehr Nutzvieh und Krempel, wie Codren es nannte, benötigten sie nicht, da sie ansonsten alles hatten. Sicher war es ihnen erlaubt, auch Dinge zu kaufe, an denen sie sich erfreuen konnten. Leute aus reichem Hause sammelten auch allerlei, um es sich wieder und wieder anzuschauen, oder Gästen etwas fürs Auge zu bieten, ihren Reichtum so zu präsentieren.
      Flora seufzte. "Lyxaxu also. Neue Waren aus Übersee vermute ich mal. Und die Händler, insbesondere jene aus Lyxaxu selbst, karren das Zeug dann von Ortschaft zu Ortschaft. Da ist ein großer Anreiz dafür Geld auszugeben, da es selten Waren sind, und eventuell ihren Wert steigern, oder als Tauschmaterial betrachtet werden könnten. Und Tain verdient sich quasi eine goldene Nase an den Abgaben.", erwiderte Flora. Auch der Teil mit dem Holz ließ ihren Kopf arbeiten. Morsche Ställe oder Häuser waren allgemein nicht sicher. Ein schwerer Herbssturm im kommenden Jahr und die Leute kommen nicht wegen Feuer, sondern wegen Wind dahergelaufen, beschweren sich und wollen Geld für den Wiederaufbau. Und Holz gab es genug in den Wäldern, auch wenn es qualitativ nicht an das Raboneholz kam, das Brerandt sich schon vor Jahrhunderten gekrallt hatte. Codren hatte recht. Spätestens im nächsten Jahr gäbe es eine Anordnung. Der Anteil der ersten Etnte würde vollständig in den Erhalt der Höfe fließen. Die Bauern würden bis zum zweiten Anteil warten müssen, ehe sie sich wieder diesen Krempel kaufen könnten. Das bedeutete auch, das Flora Handwerker aus Camisse holen müsste, und um die Kosten zu drücken, gäbe es Ware für Umsonst. Ein Tauschgeschäft. Die Elfen hätten sicher wenig Interesse daran, aber Brerandt besaß fähige Holzfäller und auch da müsste Flora eine Hundertschaft anfordern, um ausreichend Holz zu schlagen, während die Bauern sich um ihre Felder kümmerten.
      "Hmmm, wir Steuern auf Probleme zu, die wir lange Zeit ignoriert hatten. Jetzt müssen wir sie auf einen Schlag lösen. Dennoch, um auf deine Frage zu antworten, hast du vergessen, das heute eine Schiffsreise ansteht? Vielleicht weil du etwas sehr beschäftigt warst. Stellt sich mir auch die Frage, ob du mit mir kommt, und Taranoke samt Winter für ein paar Wochen den Rücken kehrst. Falls ja, dann spute dich und packe deine Reisetruhe. Die Kutsche ist bereits Abfahrt bereit. Oder bleib, und kümmer dich um Haus und alle anfallenden Angelegenheiten."
      Natürlich könnte sie auch zu ihrem Mann reisen.
      Auch wenn es so wirkte, so floh Flora keinesfalls vor ihren Pflichten und den Problemen. Diese würde sie dann angehen, wenn es wieder wärmer war. Und dann hätte sie kaum Gelegenheite für eine Schiffsreise, weshalb sie jetzt im Winter stattfinden sollte.
      Zuerst würde sie den Hafen von Walces anlaufen, und dort nochmals frische Waren an Bord nehmen, ehe sie auf den Ozean hinaus segeln würde.
    • Codren ließ sich mit einem Seufzen auf einem Sessel nieder und schlang die Decke fest um ihren Körper. Die Schiffsreise, natürlich, die hatte sie ganz vergessen.
      "Ich halte es immer noch für ein Wagnis bei dieser Kälte raus auf die See zu fahren, aber das weißt du ja schon."
      Sie ließ sich die Sache für einen kurzen Moment durch den Kopf gehen, noch einmal seitdem sie es sich seit Flora's Bekanntmachung überlegt hatte. Aber die vielen Aufgaben, die zu erledigen sie nur noch den Winter hatte, bevor im Frühjahr die neue Ernte ausgesäht werden würde, ließen sie den Kopf schütteln.
      "Ich kann nicht. Die Geschäftsbücher für dieses Jahr sind kaum fertig, die Inventur noch nicht begonnen und das Geld nicht gezählt, geschweige denn von einer fertigen Aufstellung darüber, was wir im Frühjahr alles reparieren müssen. Das muss alles noch passieren bevor der Schnee schmilzt und die Bauern wieder anfangen zu sähen, denn dann sind wir wieder mit dem Getreide beschäftigt. Es ist alles noch viel umfangreicher geworden, seitdem Rodien letztes Jahr verstorben ist, aber einen guten Buchführer zu finden ist genauso unwahrscheinlich wie ein schadenfreier Winter."
      Rodien war einer der langjährigen Angestellten von Robert Goldfield gewesen, der im Sommer an Altersschwäche gestorben war und damit nur Codren zurückgelassen hatte, die genügend Ahnung von dem Handwerk hatte, um es unbeaufsichtigt fehlerfrei ausführen zu können. Sie hatte schon letztes Jahr darüber nachgedacht einen Lehrling einzustellen, aber die Geduld dafür, ihm sämtliche Vorgänge beizubringen, konnte sie im Winter bei Weitem nicht aufbringen. Es wäre eine Überlegung für den Frühling, aber im Moment war sie die einzige, die dafür sorgte, dass der Tresor voll blieb und der Inhalt bis zur letzten Münze niedergeschrieben war, deswegen konnte sie jetzt nicht für ein paar Wochen fort.
      Sie rieb sich die Nase und schniefte.
      "Abgesehen davon glaube ich nicht, dass mir die Schifffahrt gut tun wird. Ich war seit 7 Jahren nicht mehr auf einem Schiff und kann sehr gut die nächsten 7 Jahre darauf verzichten."

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    • Flora schmunzelte. Ja, es war tatsächlich schon einige Jahre her, und es war fast erschreckend, wie schnell die Zeit verstrichen war, seit sie damals auf einen kleinen Elfen trafen, um mit ihm gemeinsam nach seiner Königin zu suchen, und einen Krieg fanden und eine Invasion Rawans verhinderten. Von der kurzen Seefahrt ganz zu schweigen. Mit Piraten und anderem Gesindel der Meere sollte man wirklich nichts zu tun haben.
      "Fürchtest du einen weiteren Piratenangriff?", grinste Flora schief. Aber Codren hatte gute Argumente geliefert, die gegen eine Reise sprachen. Flora sollte die Reise besser nutzen, in Lyxaxu einen fähigen Buchhalter zu finden.
      Sie seufzte. "Ich breche nun auf und lege mein Haus in deine Obhut. Ich werde in Walces halt machen, und mich mal nach etwas Unterstützung umsehen. Vielleicht hast du bald eine Möglichkeit jemanden in unsere Buchführung einzuweisen. Aber bleib wenigstens die nächste Stunde in Ruhe vor dem Kamin sitzen. Ansonsten kann doch keiner deine Gekritzel lesen, so wie du zitterst, hehe."
      Mit diesen Worten verabschiedete sich Flora und verschwendete keine weitere Zeit, begab sich zur Kutsche und lehnte sich entspannt zurück. Die Peitsche schnallte und mit einem Ruck zogen die Pferde den Wagen hinter sich her. Schon Minuten später war er außerhalb der Sichtweite.
      Codren war jetzt für einige Wochen Herrin hier im Hause ... sogar im ganzen Lande. Einem von Eis und Schnee geplagtem Lande. Nur die Geschäftsbücher herrschten über Codren, und zwangen sie zur Sklavenarbeit.



      Östlicher Bergabschnitt Seneswall
      Unbekannte Gestalt

      Der Wind pfiff hier oben sein eigenes Lied, und das fühlte sich nicht besser an, wie Musik von einem betrunkenen Seemann, der verzweifelt versuchte mit seinen rauen Stimme noch ein paar verständliche Worte über seine Zunge rutschen zu lassen. Der Blick ins Tal war zunächst etwas diesig gewesen, aber es dauert nicht lange, bis sich die grauen Wolken verzogen und irgendwo weiter nördlich im Gebirge zur Ruhe kamen. Dennoch fraß sich die Kälte bis in die Knochen jener Gestalt, die sich nahe eines Vorsprungs aufhielt, einen Wanderstab abstützend fest umklammerte und ins Tal spähte. Das Gesicht vermummt, nur die Augen spähten unter warmer Wolle hervor, an der sich etwas Eis gebildet hatte. Er bewegte kurz die Finger, so als wollte er prüfen, ob seine Hände noch lebendig waren, fühlte er sie trotz dicken Handschuhen kaum noch. Der Schnee knirschte unter den dicken Sohlen seiner Stiefel, die sich hinterm Saum eines Mantels verbargen, der eher nach einer Robe aussah.
      Der Himmel klarte auf und seine Augen sahen hinauf, weiteten sich voller Ehrfurcht und Erstaunen, als das Licht der Sonne das winterliche Tal in grellem Weiß erstrahlen ließ.
      "Bei ... Arana .... ein Zeichen eurer Macht, oh große Göttin des Lichts und der Wärme.", knirschte er unter der Kälte hervor, und hätte sie beinahe vergessen. Kurz sank er auf ein Knie, ehe er sich wieder erhob.
      "Ich muss ins Tal hinab. Hier oben greift bereits die eisige Klaue der Finsternis nach mir ..."
      Nach einem kurzen Blick über die Landschaft die sich weit erstreckte, wandte er sich ab, begab sich zurück zur Höhle, durch die er gewandert kam, und folgte dem Pfad, der immer tiefer in Richtung Tal führte. Wie lange hatte er wohl die schützende Höhle noch um sich, ehe er der gnadenlosen Wildnis ausgeliefert wäre? Sein Weg war klar - das Ziel in greifbarer Nähe. Eine letzte Prüfung auferlegt von den Göttern, nein, nur von einer Göttin. Arana .... der Sonnengöttin, die jeden Tag aufs neue nach ihren Kindern schaut, um zu sehen, ob es ihnen gut ergeht. Neue Kräfte schienen den Mann voranzutreiben, und er wirkte, als sein er gerade um Jahre jünger geworden, wobei von einem Hohen Alter keine Rede war. Ehrwürdig würde er es nennen. Würdig ... würdig genug der Göttin Arana zu begegnen, und ihren Segen zu erhalten.
    • Bevor Flora das Zimmer verließ, hob Codren die Hand.
      "Lass dich nicht ärgern. Sonst komme ich vorbei und verpass denjenigen einen Tritt in den Allerwertesten."
      Aber das Angebot war nur halb ernst gemeint, denn sie fühlte sich außerstande das Haus noch einmal zu verlassen. Tatsächlich schlief sie vor dem Kamin ein, kurz nachdem sie gelauscht hatte wie Flora nach draußen ging.

      Ein paar Tagesritte weiter, in der Burg Marbella, langjährige Heimat der Brerandt Familie, öffnete man zur selben Zeit die Tore und entließ eine kleine Gruppe Männer, an deren Spitze der Burgherr von Vaisyl persönlich ritt. Er war ein Mann von mittelgroßer Statur und schlanken Hüften, mit sehnigen Armen und Beinen, die ihn ein wenig drahtig wirken ließen. Er hatte die Angewohnheit in der Öffentlichkeit stets mit ausgestreckter Brust und einem erhobenem Kinn herumzulaufen, wodurch man ihn am Besten erkennen konnte, denn in diesem Moment war er eingepackt in eine Ledergarnitur mit drei Schichten Fellen darüber. Die Wachen an den Toren sprachen ihre gewöhnlichen Höflichkeitsfloskeln aus, Herrolt hob die Hand zum Abschied und um seinen Leuten ein Zeichen zu geben, dann setzte sich der Pack in Bewegung, um den Abhang zur Stadt in quälender Langsamkeit zu meistern.
      Die Verhandlungen waren nicht wirklich erfolgreich gewesen. Brerandt wollte sich das Eigentum der Burg nicht erkaufen lassen und Herrolt sich dafür nicht verpflichten lassen, den Rest seines Lebens unter der direkten Aufsicht von Orin zu verbringen und so hatten sie sich im Zwiespalt getrennt, mit dem Herrolt nun nachhause zu ziehen gedachte. Aber eigentlich wollte er dort nicht hin; Es zog ihn vielmehr vor den großen, warmen Kamin des Wohnzimmers von Garlingen, wo er sich entspannte Ruhe erhoffte und den Pflichten seiner Position entgehen wollte. Außerdem hatte er während der Unterredung mit Orin öfter an Goldfield gedacht und es hatte sich ein Gedanke in ihm gepflanzt, den er nun nicht mehr so einfach abwerfen konnte. Bisher hatten Goldfield und er nur rein oberflächlich die Vorteile ihres Bündnisses ausgenutzt, doch nun würde sich herausstellen, ob es nicht sogar einen größeren Nutzen dabei geben könnte.
    • Drei Tage später in Garlingen - östliches Gebiet
      Unbekannte Gestalt

      Mühsam war er gewesen, der Abstieg von den Bergen in Richtung Tal. Ich Stück weit hatte ihm eine Höhle vor kaltem Wind und Schnee Schutz gewährt, aber den größten Teil musste der Wanderer dann wieder einem Pass folgen, der den freien Blick zum Himmel gewährte. Immer wieder rastete der Wanderer, der die spärlichen Reste des halb gefrorenen Brotes verzehrte, alles was ihm als Mahlzeit zur Verfügung stand. Seinen Trinkschlauch füllte er mit Schnee, hielt im nahn am Körper und erhielt so mehrmals am Tag ein wenig warmes Wasser. Seine Beine waren kalt und schwer, die Füße taub und nass. Diese Jahreszeit war sicher nicht die beste Zeit gewesen, um in dieses Land zu reisen. Doch es war notwendig und duldete keinen weiteren Aufschub mehr.
      Nach tagelangem Marsch erreichte er das Tal und bald darauf einen Hof, bei dem er eine Nacht unter kam, eine warme Suppe genoss und frisches Brot, das ihm sehr gut mundete.
      Gestärkt mit trockner Kleidung, mit Tee gefülltem Schlauch und frischen Brotscheiben in einem Tuch gehüllt, brach er schon frühzeitig wieder auf. Er hatte noch einen langen Weg vor sich. Der Bauer verwies ihn auf die Straße, die ein gutes Stück nordwestlich zur Stadt Gedu führte. Wäre er erstmal dort hätte er den halben Weg bis zum Sitz der Familie Goldfield geschafft.
      Er war sehr erfreut über diese Informationen und äußerst motiviert etwas schneller zu gehen. Sein Blick wandte sich immer zum Himmel empor. Wolken schoben sich ständig vor die Sonne, doch Arana vertrieb sie mit ihrer Macht. Sie schien ihm wohlgesonnen zu sein, und erwartete wohl schon seine Ankunft.
      Unterwegs schien das Glück noch weiter zu steigen, denn ein Händler kreuzte seinen Weg, und nahm ihn auf seinem Karren mit. Das würde sicher zwei Tage Fußmarsch ersparen. Ein herrlicher Tag.



      Südwestliches Gefechtslager von Haus Goss

      Die Situation blieb auch Tage später noch ungewiss und voller Rätsel. Jeder Bote der ausgeschickt wurde, verschwand ohne eine Spur zu hinterlassen. Es schien fast so, als sei das Dorf Luma vom Rest der Welt abgeschnitten.
      Das Ausfragen der Späher vor einigen Tage hatte auch nichts weiter gebracht. Alles war so wie sie es berichtet hatten. Der Feind hatte sein Lager nur wenige Stunden Fußmarsch entfernt und tat keine Anstalten es zu verlassen.
      Neesa fragte sich, ob bereits Truppen des Feindes irgendwo weiter nördlich in Stellung standen. Awara selbst wurde auch immer ungeduldiger, und ordnete an, das mehrere Späher nach norden reiten und die Sache prüfen sollten. Aber mit Abständen. Wenn einem Späher was geschehen sollte, könnten die Nachfolgenden Meldung machen.
      Eine Stunde später kehrte ein Reiter zurück und Neesa hätte ihn schon fast vom Pferd gerissen und verschlungen, so begierig war sie auf seinen Bereicht.
      "Herrin, weiter nördlich wurden meine Kameraden überfallen. Mich hätte es auch fast erwischt, jedoch schaffte ich es rechtzeitig zu fliehen. Es scheint eine Söldnergruppe zu sein, die sehr gut organisiert ist. Jedoch scheint es keine aus Vultjag zu sein. Auch keine Soldaten aus mehyvischen Reihen konnte ich erspähen. Vielleicht waren sie im Hintergrund versteckt."
      "Eine Söldnertruppe sagst du? Und du bist sicher das es keine Vultjags sind? Vielleicht Camisser? Oder Banditen?", knirschte Neesa.
      "Ich weiß es nicht, Herrin. Sie hatte helle Rüstungen, mit denern sie sich auch gut im Schnee tarnen konnten. Selbst ich hatte soie spät bemerkt. Es war auch ein Zauberer unter ihnen, der mit Feuerblitzen um sich warf."
      "Feuermagie? Klingt eher nach Zaina. Aber die würde wohl kaum ihren lausingen Hintern in die Wildnis schieben um Späher abzufackeln. Nun gut, ruh dich aus. Ich werde Lady Goss berichten."
      Frustriert stampfte sie zum Zelt der Lady. Hatte der Feind sich Söldner dazugeholt, oder war es eine eigenständige Gruppe? Jedenfalls hinderten sie jeden daran, den Bereich zu verlassen. Vielleicht sollten sie einige Boten auf längeren Umwegen entsenden. Oder das Söldnerlager angreifen. Neesa würde keine Sekunde zögern. Sie war das Warten satt. Der Feind hockte in seinen Zelten und tat gar nichts, und sie saß hier in diesem Dorf und drehte fast durch vor Anspannung.
      Nur Ludius war sicher die Ruhe selbst. Er saß bestimmt gerade wieder in seinem Zelt und trank Wein, speiste edel mit gebratenem Fleisch am Spieß und krauelte sich die Wampe, während eine Dienerin ihm den Sabber vom fetten Wanzt wischte.
    • Codren hatte sich die Grippe eingefangen. Mit jedem voranschreitendem Tag schniefte sie mehr, sie hustete vor dem Kamin, vor den Geschäftsbüchern, beim Essen und beim Schlafen und als wäre das noch nicht genug gewesen, legte sich ein dicker Bausch aus Wolle in ihren Kopf, der keine Gedanken hindurchließ und ihren Kopf schwer machte. Sie ging nicht mehr hinaus, seitdem sie sogar noch bei größtem Feuer am ganzen Körper schlotterte und erledigte ihre Arbeiten durch Bauern, die sich eine Münze hinzuverdiehnen wollten. Helin, eine alte Dienstmagd, der das Kommando über die Bediensteten erteilt worden war, sagte ihr sie würde nach einem Arzt rufen lassen, aber Codren winkte empört - und schniefend - ab. Ärzte seien sündhaft teuer und wenn sie eine erfolgreiche Ernte im Herbst hinter sich hätten, würde sie darüber nachdenken, nach jemandem schicken zu lassen. Helin, in ihrer Gewissenhaftigkeit als langjährige Dienstmagd, ließ trotzdem nach einem Arzt bestellen und ließ ausrichten, er möge sich als Tierarzt tarnen, da die Patientin ein wenig unpässlich sei. Trotz ihres Aufwands würde es bei dem Schnee aber mindestens eine Woche dauern, bis überhaupt ein Arzt erreicht war. So versuchte sie selbst ihr Bestes durch warme Tücher, Balsam und Kräutersuppe, was Codren notgedrungen über sich ergehen lassen musste.


      Südliches Gefechtslager von Haus Goss

      General Ludius Moreg verbrachte den Tag in seinem Zelt, empfing seine Boten, die von den Bauten in Luma berichteten und schickte sie mit neuen Anweisungen los, je nachdem, was Lady Goss wohl später von ihm hören wollte. Er beorderte Soldaten zu sich, gab den Offizieren neue Anweisungen und hörte sich die Berichte an, die sowieso alle gleich waren: Kein Feind in Sicht, man würde weiter Ausschau halten, die Soldaten seien für den Kampf bereit. Doch General Moreg erkannte die Wahrheit hinter diesen Floskeln: Der Feind war ihnen einen Schritt voraus und die Soldaten betranken sich die Nächte durch mit Bier, das sie von irgendwo hereingeschmuggelt bekamen, anstatt sich an die Vorschriften zu halten. Er war schließlich selbst einmal ein Fußsoldat gewesen und wusste wie es ablief, wenn keine Offiziere in der Nähe waren. So beschloss er an einem Nachmittag das einzig richtige zu tun und sein Zelt zu verlassen, um Lady Goss seinen Rat anzubieten.

      General Moreg war längst über das Alter des Kämpfens hinaus. Er bewegte sich mit einem Gehstock voran, da sein linkes Bein lahmte, und hatte eine fürchterlich krumme Haltung, die ihm gleichzeitig angenehm war und Rückenschmerzen verursachte. Er war langsam, seine Knochen waren steif, seine Muskeln träge und wenn er einer von diesen jungen Offizieren gewesen wäre, würde man ihn sofort aus der Armee werfen. Doch er war kein Offizier sondern ein General und je höher man bekanntlich aufstieg, desto weniger wurden die körperlichen Eigenschaften gefragt, sondern die geistigen, bei denen der General durch jahrzehntelange Erfahrung und erfolgreiche Streifzüge punkten konnte. Er hatte ein weitreichendes Verständnis von Kriegsführung und seine Taktiken beruhten auf den Erfolgen von Generationen an Generälen, deren Wissen er sich im Laufe seiner Karriere zunehmend angeeignet hatte. Man konnte durchaus sagen, dass der General sich für die Position bis an sein Lebensende qualifiziert hatte.
      Dementsprechend lange brauchte er allerdings, um das Lager zu durchqueren und zu dem breiten Zelt zu schlurfen, welches inmitten eines kleinen Platzes stand, der groß genug war, dass sich sämtliche Soldaten dort versammeln konnten. Er beobachtete gerade noch, wie Generälin Arbe sich durch den Eingang schob, aber das hielt ihn nicht auf, selbst nachzuziehen. Der Jungspund sollte gefälligst den älteren Platz machen.
      "Lady Goss", begrüßte er seine Vorgesetzte sogleich, noch während er sich überhaupt durch den Eingang zwängte. Er atmete schwer, in seinem Mundwinkel glitzerte der Speichel.
      "Wir können nicht weiter herumsitzen. Ich muss darauf bestehen, dass wir uns dem Feind stellen, noch bevor er eine Gelegenheit für einen Überraschungsangriff hat."
      Er ignorierte Generälin Arbe, die sogar ein Stück größer war als er, und schlurfte zu dem nächstgelegenen Stuhl, auf den er sich geräuschvoll fallen ließ. Den Gehstock behielt er in der Hand.
    • Vier Tage später am Hofe von Haus Goldfield
      Unbekannte Gestalt

      Trotz der warmen Übernachtungsmöglichkeiten, und dem frischen Brot, der ein oder anderen Suppe, die er noch mit auf die Reise nehmen konnte, war er froh, nun endlich am Ziel angekommen zu sein. Der gestrige Tag war von einem Schneegestöber erfüllt gewesen, und fast hätte er seinen Weg abbrechen und in der Wildnis verharren müssen, weil er kaum noch den Weg vor Augen fand. Dennoch schien das Glück ihn bis hier her geführt zu haben.
      Mit kalten Füßen stapfte er durch den Schnee, immer auf seinen Stab stützend, dessen Spitze in ein Tuch gehüllt war, sowie auch der Rest, was das kalte Metall von den Händen isolierte, auch wenn er Handschuhe trug.
      Der Himmel zeugte von einem dunklem Grau, das sicher bald wieder diese Weiße Pest im Land verteilen würde. In den Bergen konnte man bereits Stumböhen im Gipfelbereich erspähen. Wenn der Wind sich drehen würde, dann gäbe es in wenigen Stunden einen Sturm im Tal.
      Und die Leute hier? Vergeblich versuchten sie die Wege freizuschaufeln, doch schon morgen konnte alles unter einer neuen Schneeschicht wieder vergraben sein.
      Dann erblickte er das Haus und erstarrte kurz. "Welch edles Haus, einer Göttin würdig.", flüsterte er und seine Augen quollen fast hervor, als wollten sie zuerst das Gemäuer berühren, magisch von ihm angezogen. Das graue Dach stach leicht empor, war es doch von Schnee und Eis bedeckt. Aus den Kaminen zog Rauch empor, was darauf hindeutete, das man im Inneren gut heitzte und eine angenehme Temperatur vorherrschen musste.
      "Kann ich ihnen helfen, werter Wanderer?", fragte plötzlich eine Stimme. Der Mann erschrak, hatte er ihn nicht bemerkt, so sehr war sein Blick auf das Haus gerichtet gewesen.
      "Wie..? Ja, natürlich. Ich wünsche die Hausherrin zu sprechen. Gewährt mir Durchgang zum Haus.", antwortete der Wanderer. Der Bedienstete, ein mittelalter Mann mit Schneeschaufel, rieb sich den Schnauzer. Der Vermummte wirkte nicht gerade gefährlich, aber auch nicht vertrauensselig.
      "Und mit wem haben wir die Ehre? Weshalb wollt ihr die Hausherrin sprechen?"
      Die Gestalt legte die Stirn in verärgerte Falten, was man zum Glück nicht sehen konnte. Die Stimme jedoch verriet Ungeduld.
      "Weshalb? Sie ist der Grund für meine Existenz ... meine Bestimmung. Sie ist das Licht, das mich leitet. Mich, Uzin Avadel, den Lichtpriester von Arana! Wagt es nicht, mich noch länger aufzuhalten, guter Mann. Bringt mich umgehend zum Haus! Es ist von größter Wichtigkeit .... und außerdem, es ist sehr kalt, .. und ich habe Hunger. Wollt ihr, das ich hier erfriere? Sputet euch gefälligst!"
      Der andere schniefte und rieb sich erneut über den Schnauzer, gefolgt von einem mürrischem Brummen. "Folgt mir, Herr..."
      Am Haus angekommen ließ man Uzin sogleich eintreten, und er konnte es kaum erwarten das Innere zu sehen, die Wärme zu spüren, die täglich vom Himmel als Segen der Göttin das Land umschlang. Auch wenn der Winter seine kalten Klauen ausgefahren hat und alles verdarb, was die Göttin segnete.
      "Ich melde einen Gast. Er wünscht die Hausherrin zu sprechen.", sagte der Mann zu einer Magd, die sofort davon eilte, um Codren zu informieren, die zur Zeit hier das Sagen hatte. Sie würde alles weitere besprechen und anordnen.
      Dem Mann bot man unterdessen an, auf einer der Sitzgelegenheiten im Eingangsbereich Platz zu nehmen. Dort konnte er warten und sich erstmal aufwärmen.
      Uzin nickte, und begab sich zu einer Bank, setzte sich jedoch nicht, sondern fing an, den Mantel und die Felle abzulegen, seinen Stab auszuwickeln und stand dann in ganzer weißer Pracht im Empfangsbereich und versprühte seine Würde.
      Uzin Avadel.jpg
      Edel gekleidet, wie er da stand, wirkte er fast wie ein Herrscher, vor dem man niederknien sollte. Oder wie ein Kleriker, der gleich fromme Worte und Segen verteilen würde. Er erwartete wohl jene Person, die einst den Herrscher Vultjag vernichtet hatte. Doch diese war bereits vor Tagen aufgebrochen, um Taranoke zu verlassen.



      Südwestliches Gefechtslager von Haus Goss

      Neesa hatte sich geirrt. Der Fette folgte ihr sogleich durch das Zelt und ließ seinen ebenso fetten Viehhintern auf einen Stuhl nieder, der bedrohlich knarzte. Vielleicht waren es auch seine Knochen, die sich entspannte, da sie nun nicht mehr sein Gewicht tragen mussten. Er war doch nur noch hier, weil er mit Erfahrungen glänzen konnte. Körperlich taugte er höchstens noch als Schild, um die Lady Goss vor einem Pfeilhagel zu bewahren.
      "Ah, General, ich grüße euch auch.", murrte Neesa. Lady Goss nickte beiden zu. Sie saß in Fell gehüllt und hatte einen großen Becher Tee in der Hand, der sie von innen wärmen sollte.
      Ludius hatte natürlich gleich seine Belange vorgetragen, und Neesa musste zugeben, das auch er nicht länger hier still verharren wollte. Wobei er es sicher tat, aber die Soldaten nicht.
      "Wir scheinen einer Meinung zu sein, in die Offensive zu gehen. Jedoch sehe ich woanders Handlungsbedarf.", warf Arbe ein und sah zu Goss. Die sah abweckselnd zu beiden und wollte zunächst von Neesa wissen, was sie damit meinte. Sie berichtete vom Späher, der einer möglichen Söldnertruppe entkommen war, die bisher alle Boten erfolgreich aufgehalten und verschwinden lassen hatte. Ob sie jedoch von Mehyves Seite oder eigenständig agieren ist ungewiss. Wenn jedoch jemals Verstärkung eintreffen sollte, so mussten sie dieses Ärgernis beseitigen. Den Hauptfeind jetzt anzugreifen könnte höhere Verluste bedeuten, und dieser kann Verstärkung ordern, und seine widerum ausgleichen.
      "Ich stimme dem zu. Es könnte brisant werden, wenn wir gegen die falsche Stelle aufmarschieren. Was meint ihr dazu, General? Sollten wir einen kleinen Trupp entsenden, um herauszufinden, wie stark der mögliche Gegner ist?", fragte Goss. Nur eine Entscheidung war jetzt richtig. Fragte sich nur welche.
    • Egal was Helin auch sagte, Codren würde sich zu einer Sache nicht drängen lassen, und das war im Bett zu bleiben. Diesem Umstand war es wohl zu verdanken, dass sie in den nächsten Tagen neben ihren Kopfschmerzen und dem Husten und dem Schnupfen auch noch Rückenschmerzen bekam, weil sie sich den Tag über im Arbeitszimmer abschottete und nur einen Dienstboten namens Wilk hereinließ, damit er ihr das Essen brachte und das Feuer schüren konnte. Sie bemühte sich auch nicht mehr, richtige Kleidung anzuziehen - sie empfing sowieso keine Bauern mehr. Jeder, der ein Anliegen hatte, sollte einen Brief schreiben und wer nicht schreiben konnte sollte einen Boten senden, der es Wilk erzählte, welcher es wiederrum zusammentrug und täglich eine Liste hereinbrachte mit Angelegenheiten, die das Oberhaupt von Goldfield forderten. Entsprechend wenig war sie darauf vorbereitet, als tatsächlicher Besuch ins Haus kam.
      Als Helin ihr davon berichtete, winkte sie zunächst ab. Sie empfing keine Bauern und das würde auch so bleiben, bis ihr Zustand sich gebessert hätte. Aber bei dem Gast handele es sich nicht um einen Bauern, sondern wohl um einen alten Wanderer, der unbedingt die Hausherrin sehen wollte und nur Codren würde dafür befugt sein, ihm von der Abwesenheit von Flora zu berichten, erwiderte ihr Helin. Also hatte Codren keine Wahl: Sie musste sich die Stufen der gewundenen Treppe nach unten schleppen und diesen Gast persönlich heimschicken.
      Was sie allerdings vorfand glich eher einem König, als einem einfachen Gast. Gekleidet in feinste Seide und bis auf das letzte Barthaar gepflegt stand er vor der Eingangstür und sah so aus, als würde er darauf warten, dass man ihm eine Sänfte brachte und ihn zu seinem Thron trug. Stattdessen aber erschien Codren, in drei Lagen Felle gekleidet und in einer dunkelgrünen Robe, die ihr über den Boden hinterherschleifte, mit roten Augen und roter Nase. Sie blieb weit entfernt von ihm stehen aber immer noch nah genug, dass er sie verstehen konnte und musste ihn für einen Moment anstarren, damit sie sich vergewisserte, dass er keine Halluzination war. Es würde sie nicht wundern bei dem wenig Schlaf, den sie in den letzten Tagen bekommen hatte.
      "... Ich bin die Hausherrin, während die eigentliche Herrin auf Reisen ist. Wir empfangen zur Zeit keine Besuche. Wenn Ihr sie unbedingt sehen müsst, dann kommt in einem Monat wieder. Vielleicht eher in zwei."
      Sie schniefte ein paar Mal und bemühte sich darum, die stolze Haltung des Mannes nachzuahmen, was ihr nicht annähernd so authentisch gelang wie ihm.


      Südliches Gefechtslager von Haus Goss

      General Moreg hatte Generälin Arbe freundlicherweise den Vortritt gelassen, was die Folge hatte, dass ein dünner, wässriger Faden sich zu seiner linken Brust herabsenkte und dort bald eine Verbindung zwischen seinem linken Mundwinkel und dem Stoff seiner Kleidung herstellte. Der Faden riss, als er selbst zu reden begann.
      "Ich bin derselben Meinung wie Generälin Arbe, wir können nicht herumsitzen und darauf warten, dass unsere Soldaten hinterrücks ermordet werden. Wir haben schon lange genug den Anschein erweckt, dass wir uns hier in eine vollständige Defensive begeben haben, wenn wir jetzt geschickt zuschlagen, werden sie es nicht kommen sehen. Die Alternative besteht darin auf einen möglichen Überraschungsangriff zu warten, der nicht nur dieselbe Anzahl an Opfern fordert, sondern auch noch unser Lager anschlägt. Wenn wir schon die Möglichkeit haben einen Kampf in neutralem Gebiet zu führen, sollten wir das unverzüglich wahrnehmen."
    • Uzin Avadel

      Als Codren sich zur Treppe begab, um diese hinabzuschreiten, stand Uzin bereits erwartungsvoll im Raum und starrte jene erhabene Person an, von der er glaubte, es sei jene, weswegen er hier war. Aber schnell bemerkte er das etwas nicht stimmte. Und dann stellte die Dame die Dinge ins rechte Licht und eine leichte Verärgerung mischte sich unter die enttäuschten Gesichtszüge.
      "Unmöglich. Die Zeichen waren so klar und deutlich gewesen. Meine Reise führte mich zur erhabenen Verkörperung Aranas, hier an diesen Ort. Tage und Nächte pilgerte ich durch die Wildnis, so wie es im Pfad des reinen Lichtes beschrieben steht, und das zu einer Jahreszeit, wo der kalte Tod nach warmen Leben giert. Und jetzt erfahre ich, das die Hausherrin für Wochen oder gar Monate auf Reisen gegangen ist?", knurrte er und seufzte. Fest griff er seinen Stab, so das die Knochen seiner Hand weiß hervorstachen, ehe er sich wieder entspannte.
      "Nun gut. Zunächst stelle ich mich denn vor. Mein Name ist Uzin Avadel, und ich bin der Lichtpriester von Arana. Ich studierte schon in jungen Jahren Schriften der alten Mönche des Lichtes, die einst auf Taranoke lebten, noch vor der Zeit der Besiedlung unseres Volkes. Als ich vor sieben Jahren den großen Krieg verfolgte, hörte ich Geschichten von einer Frau, die den Herrscher der Wüste zu jenem machte, was er beherrschte .... Staub! Dabei soll ihr Licht allen Mut, Wärme und Kraft gespendet, und all jene die feindlich gesinnt waren in Demut versetzt und geschwächt haben. Meine Neugier wurde geweckt und ich reiste umher, hörte mir jene Lieder und Geschichten dazu an, trug alle Informationen zusammen und studierte sie. Das Endergebnis erfüllte mich mit Ehrfurcht und Stolz. So verkünde ich die Reinkarnation Aranas in Form von Flora Goldfield, der einzig waren Göttin Taranokes! Der Pfad des Lichtes wird erneut beschritten werden."
      Er stellte sich vor und nannte auch den Grund seiner Anwesendheit, hob am Ende seiner Worte den Stab an, dessen eingearbeiteter Edelstein in der Spitze anfing ein wenig zu erleuchten. Eine merkwürdige Aura schien den Empfangsbereich zu füllen, beinahe wie eine warme Decke, die ein wohliges Gefühl vermittelte. Jedoch nur kurz für wenige Sekunden, bis er den Stab wieder senkte und einen neutralen Blick hielt, der dennoch erwartete, das die Vertretung der Göttin mit etwas mehr Achtung ihm gegenübertrat.
      Und natürlich würde er eine Nachricht hinterlassen. Schließlich war er eine wichtige Person, die eine noch viel wichtigere sehen wollte. Sobald sie wieder dieses Haus betreten würde, würde er sie erneut aufsuchen kommen.
      Sein Magenknurren schien jedoch alles andere als demütig zu sein, und machte sich ein wenig zu deutlich hörbar.
      "Und außerdem ... habe ich wohl etwas Hunger. Seit heute früh habe ich keine Zeit mehr für Pausen verschwendet und hatte die letzten Kilometer bis hierher mit letzten Kräften zurückgelegt. Zeigt besser etwas Gastfreundlichkeit, oder wollt ihr einen alten Mann entkräftet zurück in die Schneeverwehte Wildnis jagen?"
      Ein Nein hätte er vermutlich auch nicht toleriert.



      Südwestliches Gefechtslager von Haus Goss

      Zum erstenmal schienen die Generäle Arbe und Moreg vollständig einer Meinung zu sein. Neesa wollte unbedingt eine Schlacht schlagen, und Ludius Schäden am Dorf und den Verteidigungsanlagen verhindern, dieses einzig auf kommende Verluste legen. So konnte man dem Gegner zeigen, das ihre Wartetaktik keine zermürbenden Auswirkungen hätte, sondern alle nur noch mehr anstachelte zu kämpfen.
      Lady Goss stimmte dem Plan letztenendes zu, da ihr sonst auch nichts weiter dazu einfiel. Sie selbst war es leid nur abzuwarten, täglich dieselben Informationen zu erhalten, das der Feind nur wenig Aktivität in seinem Lager ausführt, aber jederzeit das Gebiet verlassen konnte, wenn es zu anstrengend wurde. Diese Option hatte Goss nicht, denn das Dorf musste gehalten werden. Es gab nur noch wenig Bollwerke gegen Zainas Truppen, um irgendwie noch Gebiete im Süden für Vermell zu halten. Und ohne Verstärkung würden wohl so schnell auch keine weiteren Truppen nachrücken, sofern es keine Gründe gäbe. Sie waren häufig im Norden in starke Gefechte involiert, bei dem es kein richtiges Vorasnkommen gab, aber auch kaum Schritte zurück. Ein Hin und her seit Jahren, trotz Vorbereitung und Planung von Vermell. Die Berge waren sehr umkämpft, da Vermell nur auf gelagerte Reserven von Eisenrot zurückgreifen konnte, oder wenn man Waffen vom Adel plündern konnte. Scarlett ließ jedoch auch in ihren Bergbereichen eifrig nach diesem Erz suchen, bisher jedoch erfolglos.

      Und so kam es das schon Stunden später eine ausreichend große Kampftruppe aufgestellt und entsendet wurde. Moreg würde natürlich nicht mit kommen, das war Neesas Aufgabe, dem Feind direkt in die Augen zu sehen. Der Fettsasck würde vermutlich eh vom Pferd fallen oder sein Sabber zu einem Eiszapfen gefrieren lassen, an dem er dann selbst erfrieren würde.
      Für diese Aktion wurden alle Pferde eingesetzt die sie hatten. Bis auf ein paar für die höheren Offiziere und Lady Goss zur Flucht, falls es soweit kommen sollte. Das bedeutete auch das ein Viertel der Soldaten das Dorf nicht verteidigen würde, sollte der Feind ggf. darauf gewartet haben. Rund zweihundert Reiter preschten nun durch die verschneite Landschaft und näherten sich der besagten Position, welche der Späher angegeben hatte. Spuren fand man keine mehr, da es vor zwei Stunden auch noch angefangen hatte zu schneien, und sicher ein paar weitere cm Neuschnee den Boden bedeckten. Und trotz der Kälte flammte das Feuer des Krieges im Herzen der Generälin auf, und vertrieb die Kälte zur Gänze.
      "Vorwärts, der Feind muss ganz in der Nähe sein. Haltet die Augen offen und haltet die Formationen.", brüllte sie und ritt weiter. Natürlich gab es bereits Anweisungen das einzelne Offiziere andere Formationen ihren Reitergruppen befehlen sollten, sofern ein Angriff erfolgen sollte. Schützen in die hinteren Reihen, die schwer gepanzerte Lanzenträger in einer Reihe an die Front, der Rest in Rotten dahinter.
      Doch der erwartete Feind blieb vorerst aus.
      Dafür nahm der Wind und der Schneefall etwas zu und die Sicht vergingerte sich auf einige hundert Meter. Ein Sturm würde es wohl nicht werden, aber das Wetter bot dem Feind nun gute VErsteckmöglichkeiten, und erschwerte das vorankommen der Reiter.
    • Codren blickte missmutig drein. Das hatte sie gerade noch gebraucht: Ein Fremder im Haus, der sich als Lichtpriester ausgab, aber wahrscheinlich nur ein Anhänger von Flora war. In den letzten Jahren war es schließlich nicht wenig vorgekommen, dass Flora Liebesbezeugungen von irgendwelchen fremden Männern erhielt, die sie vergötterten und schworen, sie zu ehren, so wie es ihrer würdig war. Er war wahrscheinlich nur einer von vielen, die sich die Deckung des vielen Schnees zu eigen gemacht hatten, wobei er damit schon etwas spät kam.
      "Interessant", brummte sie gleichgültig auf die Vorstellung dieses Herrn Avadel und zog das Fell um ihren Hals enger. "Und ich bin die Königin von Arsenien."
      Sie seufzte schwermütig, denn es war klar, dass sie einen so alten Mann nicht wieder hinaus in den Schnee schicken konnte. Sie sah zu, wie er seine kleine Demonstration mit seinem Stab vollführte, dessen Spitze sie an diese kleinen Funkelsteine erinnerte, die ein fahrender Händler ihr im Herbst aufzuzwingen versucht hatte. Ihre Nase war zu voll und ihr Kopf zu schwer, als dass sie die Aura, die von ihm ausging, gespührt hätte.
      "Ihr könnt hier übernachten. Wenn die Sonne wieder scheint, wird Euch auch der Rückweg nicht so schwer fallen."
      Sie winkte ihm zu ihr zu folgen, was unter dem vielen Stoff als undeutliche Geste erkennbar wurde, und schlurfte dann mit einer schwermütigen Langsamkeit den Gang entlang, bis sie die hohe Tür zu dem Speisesaal erreichte und ihn eintreten ließ.
      Eine halbe Stunde später befand sich vor ihm eine großzügige Auswahl an Fleisch, Zwiebeln, Kartoffeln, Äpfeln, Brei und Muß und natürlich Brot, das bei keiner Speise fehlen durfte. Vor Codren, die am anderen Ende des Tisches saß, stand eine einzige Schüssel mit dunkelgrauem Brei, in dem ein paar Kräuter schwammen.
      "Helin."
      Die Magd kam herbeigeeilt, Codren hustete erst und zischte dann:
      "Bekomme ich denn nichts richtiges zu essen?"
      "Das ist etwas richtiges. Da ist Hafer drin."
      "Ich meine Fleisch, Steak, Schinken, Wurst, das, was auch er alles bekommen hat."
      "Es ist nur zu Eurem Besten."
      "Er wird noch denken wir haben sein Essen vergiftet!"
      "Da macht Euch mal keine Sorgen."
      Helin eilte wieder geschäftig von dannen und Codren blickte ihr hilflos hinterher, denn sie war zufrieden damit zu sitzen und würde sich wahrscheinlich in den nächsten paar Minuten nicht so würdevoll erheben können, wie der Herr Avadel sich vorhin gesetzt hatte.
      "... Ihr seid also ein "Lichtpriester", habe ich das richtig verstanden? In den letzten Jahren sind viele sogenannte Lichtpriester vorbeigekommen, die sich alle als Propheten der Göttin Arana ausgaben, um der Hausherrin zu gefallen. Was bringt Euch also auf die Idee, es mit dem gleichen Trick zu versuchen? Er ist mittlerweile ziemlich veraltet, müsst Ihr wissen. Anfangs hatten wir einen regelrechten Sturm von Priestern."
      Sie stocherte lustlos in ihrer Brühe.