Fresh Blood [Nihal feat. Pumi]

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    • Fresh Blood [Nihal feat. Pumi]

      Vorstellung --> Fresh Blood [Nihal feat. Pumi]










      Kiev, 1803
      Die Stille beunruhigte ihn. Für gewöhnlich war sie sein Freund, spendete ihm Frieden in einer Welt voller Lärm. Doch nicht heute. Heute stand die Stille für etwas Schreckliches.
      Menschen machten Lärm, insbesondere wenn man sie zu einer Feier einlud. Den ganzen Abend hatte er damit verbracht, Hände zu schütteln, freundlich zu lächeln, Leuten in den Arsch zu kriechen und noch viel mehr Leute zu ertragen, die ihm in den Arsch krochen. Er mochte einen guten Ball, aber das hier war bloß eine Ansammlung von Menschen gewesen, die binnen kürzester Zeit betrunken waren und sich mit ihren nicht vorhandenen Errungenschaften brüsteten. Doch das war nichts im Vergleich zu dem Schlachtfest, in das sich diese Feier verwandeln sollte.
      Er wusste, er sollte es nicht tun. Er könnte sich einfach umdrehen und gehen. Stattdessen schlossen sich seine Finger um den Türknauf. Er wusste, was ihn erwarten würde. Dennoch öffnete er die Tür.
      Es war immer wieder faszinierend, wie viel Blut in einem menschlichen Körper steckte. In diesem Fall klebte es an den Wänden, durchweichte den Teppich. Teure Gemälde waren ruiniert, Büsten und Vasen beschmutzt mit dem brutalen Tod all dieser Menschen.
      Er zwang sich, die zerfleischen Leichen zu ignorieren. Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Mit langen Schritten wanderte er den Flur hinab in den Salon, wo die wahre Brutalität des Abends ihre hässliche Fratze zeigte. Die vielen Leichen machten es schwer, sich durch den Raum zu bewegen, und es war unmöglich, nicht in eine Pfütze Blut zu treten. Im Zentrum dieses Meeres aus Tod und Gewalt kniete ein Mann in schwarzem Anzug. Er war über und über mit Blut getränkt, doch nichts davon seines. Der Mann beugte sich über eine der Leichen, die er beinahe schon liebevoll im Arm hielt. Kurz darauf warf er den Körper von sich wie ein dreckiges Laken.
      "Wo hast du gesteckt? Du hast den ganzen Spaß verpasst", sagte der Mann und erhob sich.
      Sinnloserweise zückte er ein Einstecktuch und wischte sich über die Hände. Es half nichts gegen all das Blut, das teilweise schon getrocknet war.
      "Du weißt genau, dass mir solches Chaos keine Freude bereitet. Und so wie es aussieht, hast du das auch hervorragend ohne mich hinbekommen."
      Ein schiefes Lächeln legte sich auf die Lippen seines Gegenübers. Natürlich war er stolz auf diese Tat.
      "Dir ist bewusst, dass es schwer wird, das hier aufzuräumen?"
      "Ach, das schaffst du schon. Bisher hast du mich doch noch nie enttäuscht."
      Wie gern er ihm dieses Lächeln aus dem Gesicht schlagen würde. Stattdessen schob er mit dem Stiefel einen schlaffen Arm beiseite.
      "Wir sollten trotzdem weiterziehen. So viele fallen auf."
      "Hm. Wenn du das sagst. Ich wollte schon seit einer Weile mal wieder nach Hause. Wie wär's? Kommst du mit? In Transylvanien ist es auch schön ruhig. Darauf legst du doch wert."

      Gegenwart
      Er starrte die sterile weiße Decke an und wartete darauf, dass sein täglicher Gast sich blicken ließ. Sein Leben eintönig zu nennen wäre einfach. Aber es war nicht langweilig. Ja, er hatte die letzten 133 Jahre auf wenigen Quadratmetern verbracht, stets unterirdisch, neuerdings sogar hinter Plexiglas. Er war nicht jagen gegangen, hatte sich nie satttrinken können und keinerlei Kontakt zu den Lebenden gehabt. Aber er hatte hier unten seine Ruhe. Keine Leichen, die er verschwinden lassen musste, niemand verfolgte ihn und verstecken musste er sich auch nicht. Jeden Tag bekam er das, was er zum Überleben brauchte, geliefert. Sein Leben war eintönig, ja, aber es war kein Schlechtes. Und seit einigen Jahren kam der jüngate Spross der van Helsings regelmäßig vorbei, um mit ihm über alles mögliche zu reden.
      Alastair hatte schon bei ihrem ersten Treffen begriffen, was er da vor sich hatte. Es hatte schon andere gegeben, die etwas mehr Interesse an ihm zeigten. Er verstand das, die Menschen waren eben neugierig. Aber dieser kleine van Helsing... er war nicht nur neugierig. Er war genau das, was Alastair brauchte: er war friedfertig. Der alte Abraham hätte ihn auf seine letzten Tage gemocht.
      Als er hörte, wie die Sicherheitsmaßnahmen in Gang gesetzt wurden, um einen Besucher in den Raum vor seinem kleinen Reich zu lassen, tauchte Alastair aus seiner Gedankenwelt wieder auf. Kurz darauf vernahm er den Herzschlag des jungen Henriko. Sein Hunger meldete sich mit all der Gewalt, die ihm die Jahrhunderte gegeben hatten. Nicht, dass das Alasrair interessieren würde. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, das Tier in seinem Inneren zu bändigen.
      "Guten Abend, Henriko", grüßte er den Jungen, kaum dass dieser den Raum betreten hatte.
      Die Plexiglasscheibe trennte sie voneinander, dennoch wusste Alastair genau, was der Mensch heute so gegessen hatte. Er machte sich nicht die Mühe, aufzustehen. Das elegante Sofa, auf dem er lag, stand der Scheibe zugewandt. Außerdem war er noch immer ein bisschen... groggy, so nannte man das heutzutage.
      "Ich hoffe, du hattest einen guten Tag?"
    • Ein Schauer durchlief seinen Körper als der Strahl kalten Wassers in seinen Nacken traf. Mit der Stirn an die hellen Badezimmerfliesen gelehnt ließ Henriko das Wasser eine Weile über seinen Rücken laufen. Er spürte die vielen kleinen Nadelstiche mit denen sich das Gefühl wieder einen Weg zurück in seine Gliedmaßen schlich. Es war draußen derart kalt, dass der Schnee im Garten zu einer eisigen, groben Platte gefroren war.
      Für seinen Vater ein ausgezeichneter Grund um dort zu trainieren. „Unverschönte, reale Bedingungen“ wie er es nannte.
      Riko kannte die Art des Trainings. Doch heute hatte ihm sein älterer Bruder die Ehre erwiesen mit ihm zu tranieren.
      Mit einem Seufzen drehte der blonde Mann den Wasserhahn auf Warm und begann sich zu waschen. Die Seife brannte in den kleinen aber zahlreichen Schürfwunden, die er sich zugezogen hatte. Mit seinem Vater konnte er ihm Nahkampf zwar auch nicht mithalten aber er konnte sich immerhin soweit zur Wehr setzen, dass er ohne allzu viele Blessuren davon kam. Er glich seinem Vater in Größe, Statur und – zu dessen unverhohlener Missgunst - auch im Aussehen. Seinem Bruder jedoch wurde als Kind scheinbar zu viel Mist in die Schuhe geschaufelt, denn dieser überragte ihn um anderthalb Köpfe und bestand eigentlich nur aus Muskeln – und wog dadurch gefühlt eine halbe Tonne…
      Mit einem Handtuch um die Hüften gewickelt trat er aus der Dusche und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Ihn blickten helle blaue Augen an – die gleichen wie die seines Vaters. Nur schauten sie nicht so streng drein – oder so missbilligend – wie sie es heute wieder getan hatten, als er zum fünften Mal von seinem Bruder auf den vereisten Boden befördert worden war. Und noch eines unterschied sie von den Augen seines Vaters. Henriko konnte sich nicht erinnern seinen alten Herren je mit einem Veilchen gesehen zu haben. Unter seinem eigenen rechten Auge schimmerte jedoch bereits das erst blau hervor. °Wundervoll…°
      Er hasste diese Art zu leben. Am liebsten wurde er aus diesem Monster-Versessenen Ort abhauen und irgendwo in einer normalen Stadt, unter normalen Menschen sein normales Leben führen – ohne jeden Tag von irgendwem mit Knüppeln oder Fäusten auf „das Böse in der Welt“ vorbereitet zu werden.
      „Das Böse“ war gar nicht immer so böse. Auch wenn es durchaus ein paar Abkömmlinge gab, die es übertrieben und damit den Ruf aller schädigten. Zumindest hatte ihm Alastair dies so erzählt. Der Gedanke an ihn brachte Henriko aus seinen trübsinnigen Gedanken und erinnerte ihn daran, dass er schon spät dran war und sich beeilen musste um zu der vereinbarten Zeit fertig zu sein.


      Mit noch leicht feuchten Haaren und seinen Schreibutensilien unter dem Arm eilte er die Treppen zu den Katakomben hinunter. Vorbei an alten Backsteinwänden und rostigen Fackelhaltern zu einer modernen Hochsicherheitstür, die mit einem leuchtenden Tastenfeld die Eingabe einer PIN anforderte.
      Es dauerte eine Weile bis dich die Schlösser mit mechanischem Klicken öffneten und die schweren Riegel zu Seite gefahren waren. Diese Zeit nutzte der junge Mann um ein wenig zu Atem zu kommen und einen Versuch zu unternehmen, sich die zotteligen Haare zu richten. Nach all den Jahren machte Alastairs Gegenwart ihn immer noch nervös. Er fühlte sich wie ein neugieriger Schuljunge, der von seinem weisen Lehrer die Ehre erhielt von ihm zu lernen.
      Als sich die Tür endlich aufziehen lies, begrüßte ihn ein entspannt wirkender Alastair von seiner Couch. Mit einem Lächeln erwiderte Henriko dessen Begrüßung. Zumindest ein Gutes hatte es, ein van Helsing zu sein. Wer konnte sonst noch behaupten, allabendliche Unterhaltungen mit einem Vampir zu führen.
      „Das übliche Training und mein Bruder war heute zu Besuch. Vielleicht erinnerst du dich noch an ihn? Ein Tag wie immer, also.“, antwortete er auf dessen Frage und hoffte, dass sein blaues Auge nicht allzu deutlich hervortrat. Er vermied es die gleiche Frage zurückzugeben, fand er es doch etwas unpassend einen Gefangenen zu fragen wie sein Tag gewesen war.
      Stattdessen nahm er seinen gewohnten Platz auf dem alten Ledersessel seines Großvaters ein und öffnete seine Schreibmappe – in der Beziehung war er noch recht altmodisch.
      „Sollen wir da weitermachen wo wir letztes Mal aufgehört hatten – wirksame Methoden einen Werwolf anzulocken - oder möchtest du etwas anderes erzählen oder wissen?“
      Er hob seinen Blick wieder und schaute erwartungsvoll in die grünen Augen seines Gegenüber. So gern er auch die Theorien und das Wissen seiner Groß- und Urgroßeltern bestätigte oder widerlegte, lieber hörte er den Geschichten zu, die der Vampir ihm aus dessen Leben erzählte oder teilte sein eigenes, bescheidenes Wissen über die Welt da draußen, von der Alastair abgeschottet war.

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      ~ When is a monster not a monster? ~

      "Oh, when you love it."
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    • "Ich vergesse nie einen van Helsing, aber ich fürchte, das Talent der Hellsicht besitze ich nicht. Du musst also ein bisschen genauer werden: der Idiot oder der Trottel?"
      Es war faszinierend, was das Erbmaterial des alten Niederländers so alles ausspuckte. Alle van Helsings sahen sich ähnlich, aber hin und wieder gab es einen Ausreißer, der so gar nicht reinpassen wollte. In diesem Fall war es der Idiot: groß, grob und dumm. Sein Kampfstil war stumpfsinnig und vorhersehbar, eben nur auf rohe Gewalt ausgelegt. Keine guten Voraussetzungen für die Jagd nach Vampiren.
      Der Trottel fiel schon eher in die Kategorie 0/8/15 van Helsing, wenn auch etwas schlanker. Eigentlich gute Voraussetzungen, aber der Junge ließ sich zu leicht ablenken. Er hatte versucht, seine fehlende Muskelkraft auszugleichen und sich so ziemlich alle Kampfsportarten der Welt antrainiert. Nur war eine Kata nicht das, was einen Vampir aufhalten würde. Der Trottel hatte seinen Titel daher, dass er immer die falsche Entscheidung traf, wenn es ernst wurde, und er sich immer in seinen eigenen Gedanken verzettelte.
      Teilte Alastair das dem Vater der beiden mit? Nein. Sie brachten Ergebnisse, nur eben nicht die effizientesten. Wenn der Patriarch damit zufrieden war, dann würde Alastair nicht noch mehr seiner Art opfern, nur um etwas zu beweisen.
      Und dann war da noch der kleine Henriko. Er sah aus wie sein Vater und damit überhaupt nicht wie Abraham. Die dunklen Haare waren mit jeder Generation heller geworden, der breite Körperbau verschwunden. Ein moderner van Helsing war schlank und blond. Auch die Kinnpartie war schmaler als die von Abraham. Aber die Augen... die waren immer die gleichen. In Henrikos Fall sogar exakt. Das gleiche klare Blau, das gleiche, neugierige Leuchten. Sein Vorfahre wurde immer als der Böse Jäger dargestellt, der alle Vampire vernichten wollte - Alastair kannte alle Versionen, die sich die Menschen ausgedacht hatten - aber Abraham war mehr als das gewesen. Und dieses Mehr sah Alastair immer öfter auch in dem jungen Henriko. Tatsächlich hatte der sogar die besten Voraussetzungen unter seinen Geschwistern. Er könnte ein herausragender Jäger werden, wenn er es denn wollte. Nur dass seine Natur das Gegenteil war.
      "Eigentlich ist es egal, wer von beiden es war. Du kannst froh sein, dass du nur ein Veilchen abbekommen hast. Wenn ich sie habe treffen lassen, hat das deutlich größeren Schaden angerichtet."
      Kein Vergleich, das wusste Alastair. Gegenüber ihm hielten sich die Auszubildenden nicht zurück. Sie griffen ihn mit aller Gewalt an. Ihren Bruder würden sie niemals so attackieren. Nicht solange er noch einen eigenen Kreislauf hatte jedenfalls. Noch ein Unterschied war, dass Alastair hatte stehen bleiben müssen, damit die beiden einen Treffer landen konnten. Henriko hingegen war ein leichtes Ziel.
      "Ich habe dir schon mehrfach geraten, an deiner Beinarbeit zu arbeiten. Du musst sie nicht treffen, nur dafür sorgen, dass sie dich nicht treffen. Wie predigt euer Vater immer so laut? 'Sei schneller als das Raubtier!' Deine Brüder sind der Meinung, man solle meinesgleichen töten, bevor wir etwas tun können. Keine schlechte Strategie, aber nicht sie einzige. Ein Rudel Werwölfe - und sie kommen immer in Rudeln - kann man so nicht ausschalten. Nicht allein und auch nicht in euren kleinen Jägerverbänden. Man muss das Rudel trennen oder gegen sich selbst richten."
      Alastair musterte den Jungen. Er verlor sich so schnell in allem, was der Vampir ausspuckte.
      "Henriko. Du vergisst schon wieder deine Notizen."
    • Leicht drehte er seinen Kopf ein wenig zur Seite, damit das Auge nicht mehr in direkter Ansicht Alastairs war. Es war also nicht unbemerkt geblieben. Die Augen eines Vampires waren nun einmal nicht mit denen eines Menschen zu vergleichen...
      Die Beschreibung seiner Brüder brachte Henriko ein wenig zum schmunzeln. Der Vampir war wohl der Einzige auf diesem Anwesen, welcher die Lieblingssöhne seines Vaters nicht in den höchsten Tönen lobte. Dennoch kratzte es etwas an Rikos Ego, dass Alastair die Überlegenheit seiner Brüder nicht abstritt.
      Er wollte nicht als schwach in dessen Augen wirken. Vielleicht war er das im Vergleich zu den ausgebildeten Jägern seiner Familie; in der normalen Welt sah das wieder anders aus. Aber das zählte hier nicht.
      Aufgrund Alastairs diplomatischer Art - seien es Lehren betreffend Henriko selbst oder der Kritik einer seiner Vorfahren betreffend - schätze der junge Mann dessen Meinung jedoch sehr. Weshalb er ihm versuchte aufmerksam zuzuhören, während er sich selbst in Erinnerung rief, in welchen Situationen er den Attackierungen seines Bruders hätte ausweichen können.
      Rückblickend betrachtet war die Beschreibung als "Trottel" angemessen für den Muskelberg. Seine Angriffstaktik bestand durchgehend darin seine überlegene Größe und Muskelkraft auszunutzen. Die Verteidigung bestand ebenfalls nur aus Gegenangriffen. Überlegte Taktiken oder Manöver hatte es nicht gegeben. Ein Gegner, der sich weniger darauf fokussierte das Training und die Anwesenden zu verfluchen und sich stattdessen darauf konzentriert hätte, die wenig durchdachten Bewegungen hervorzusehen, wäre deutlich häufiger von Faustschlägen und Tritten verschont geblieben.
      Das blaue Auge, so musste sich Riko eingestehen, hatte er wohl selbst zu verantworten.

      Während er sich vorstellte wie es wohl Aussehen mochte, wenn seine Brüder mit Alastair kämpften, bekam er die weiteren Erklärungen des Vampires kaum noch mit. Er hatte das ein oder andere Technik-Training mitansehen dürfen aber einen richtigen Trainingskampf noch nie.
      Wie sie sich wohl gegen ihn schlugen?
      Vampire waren stärker, schneller und in Falle von Alastair auch definitiv klüger als die Menschen. In den Büchern der Bibliothek stand, dass man sich hüten sollte, in einem Kampf Blut zu vergießen. Der Geruch würde die Monster nur noch rasender machen - angespornt durch ihre niederen Triebe. Allerdings würde der Kampf dann nur noch von den Trieben gesteuert sein und mit der richtigen Strategie konnte man sich einen Vorteil daraus schaffen.
      Henriko war sich bei den Berichten seiner jüngsten Vorverfahren nicht immer so sicher. Alastair schien der Geruch von Blut nicht viel auszumachen. Oft war der junge Mann schon mit aufgerissenen Knien, Schnittverletzungen oder einer mehr schlecht als recht geflickten, blutenden Nase zu den Treffen erschienen.
      Ein nach Blut dürstendes Monster hätte sich dann wohl nicht in gewohnter Ruhe über alte Pflanzengifte unterhalten.
      War es vielleicht etwas anderes, wenn keine Wand zwischen ihnen war? Wenn Blut im Rausch eines Kampfes vergossen und kein dickes Plexiglas zwischen Beute und Jäger existieren würde?
      Würde dann die tiefe, freundliche Stime unmenschlich klingen, die grünen Augen fieberhaft, wie im Wahn glühen und gehetzt hin und her blicken - so wie es in den Berichten stand?
      "Henriko. Du vergisst schon wieder deine Notizen."
      Seine Name holte ihn aus seiner Gedankenwelt. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass erdie ganze Zeit vor sich hingestarrt hatte.
      "Tut mir Leid - ich war in Gedanken."
      Pflichtbewusst wurden die Worte aufgeschrieben, die in seinen abwesenden Geist gesickert waren "Rudel trennen". Es war schon das zweite Notizheft über die haarigen Gestaltwandler. Man sollte meinen, mittlerweile war alles aufgeschrieben was es über die Tierwesen zu wissen gab. Doch der Hausherr war wie besessen von ihnen und wollte jede Schwachstelle, jedes Detail über die Werwölfe erfahren.

      Die nächste Frage seines Vaters bezog sich auf Vampire und Werwölfe allgemein, doch Henriko interessierte es mehr, wie Alastair seine Fähigkeiten beschreiben würde. "Wer würde deiner Meinung nach bei einem Kampf gewinnen; du oder der Werwolf und - warum?"

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    • Konzentration. Das war Henrikos größte Schwäche. Wenn er sich auf eine Aufgabe fokussieren könnte, wäre er so viel effektiver. Leider tendierte er in Richtung seines Bruders 'Trottel', der sich in seinen eigenen Gedanken verhedderte.
      "Diese Frage hat mehrere Antwortmöglichkeiten", begann Alastair und verschränkte seine Arme hinter dem Kopf, "Ein einzelner Werwolf ist leicht zu bekämpfen, insbesondere ohne Vollmond. Sie sind groß, klobig. Stell dir vor, ein Wolf jagt einen Hasen. Ich bin der Hase in diesem Szenario: schneller und flexibler. Sobald ich meine Hand an die Kehle des Wolfes kriege, ist der Kampf vorbei."
      Er gab dem Jungen einen Moment, um seine Notizen zu machen, wobei er sich ziemlich sicher war, dass das keine der Fragen war, deren Antwort den aktuellen Patriarchen interessierte. Der Mann wollte immer nur eines wissen: wo lebt es und wie kann ich es töten. Dass Werwölfe nur drei Nächte im Monat wirklich Wölfe waren und sich meistens von großen Ballungszentren fernhielten, dass sie mit zu den freundlichsten Wesen der Nacht gehörten, interessierte ihn nicht.
      "Ein Rudel ist schwieriger, aber immer noch kein Problem. Nicht heutzutage. Ich bin zwar schon eine Weile nicht mehr auf welche gestoßen, aber zu meiner Zeit schrumpften die Rudel. Aufgrund der Entwicklung der Welt schätze ich, dass ein heutiges Rudel aus nur einem oder zwei Familienverbänden besteht, also zwischen drei und zehn Mitgliedern. Für mich kein Problem, denn ich weiß, wie man ein Rudel gegen sich selbst wendet. Eure Jägertrups allerdings... nein. Sie würden euch zerfetzen. Wenn sie nett sind, lassen sie euch die Infektion. Würde jemand schwer bewaffnet in mein Leben poltern und versuchen, mich zu töten, nur weil ich existiere, wäre ich nicht so freundlich. Werwölfe sind nur gefährlich, wenn sie Fell haben - nette kleine Faustregel - aber selbst dann sind sie händelbar. Du fragst, wer in einem Kampf gewinnen würde? Ich. Allerdings habe ich keinen Grund, einen Wolf zu töten. Sie können gute Gefährten sein. Sehr gute Köche."
      Sie genossen die Stille eines zurückgezogenen Lebens. Etwas, was Alastair nur zu gut verstehen konnte. Er hatte ein paar gute Jahre mit Werwölfen verbracht.
      "Ich bin dran: wie verläuft eine Infektion mit dem Werwolf-Erreger und worin liegt der Unterschied zwischen einem Infizierten und einem geborenen Werwolf? Du sollst hier unten ja was lernen."
    • Die Hälfte der gemachten Notizen würde sein Vater nicht zu Gesicht bekommen. Dies würde nur dazu führen, dass er die Gespräche hier unten als unsinnig abtun und damit untersagen würde.
      Henriko führte im Unwissen seines Vaters Buch über die Dinge, die Alastair ihm erzählte; für die Jagd und das Töten aber nicht nützlich und damit für die van Hellsing-Sippe nicht interessant war. Das letzte Kapitel was er vervollständigt hatte, handelte von der Behandlung eines mit silber vergifteten Werwolfes. Die Kochkünste würden einen Platz in der Beschreibung der Persönlichkeit erhalten.
      Persönlichkeit - auch etwas, dass in den Augen seiner Familie nicht bei den gejagten Kreaturen exisitierte.
      Eine Ansicht die ignoranter und sturköpfiger nicht sein konnte, hatte man einen konkreten beweis doch im eigenen Keller leben.

      "Die Infektion ist wie eine starke Grippe. Beginnt mit Erschöpfung und steigert sich zu hohem Fieber und starken Gliederschmerzen. Nach einer Woche hört die Müdgkeit auf, der Körper fühlt sich noch an als hätte man einen Muskelkater, das Fieber klingt ab. Die Körpertemperatur bleibt aber immer erhöht gegenüber Nicht-Infizierten. Häufig kommt es zu länger andauernden Kopfschmerzen, weil die Synapsen sich erst an den verbesserten Gehör- und Geruchssinn gewöhnen müssen. Bei dem einen dauert er länger als bei anderen.
      Der Hauptunterschied zwischen geborenen und einem infiziertem Werwolf liegt darin, das der geborene Werwolf viel besser mit seiner zweiten Gestalt verbunden ist. Er kann die Verwandlung sogar bis zu einem bestimmten Grad hinauszögern und sich im verwandelten Zustand besser kontrollieren. Er hat keine Schmerzen währenddessen weil der Körper bereits mit den richtigen Veranlagungen ausgestattet ist. Bei einem Infizierten ist jede Verwandlung etwas widernatürliches gegen das sich der eigene Körper wehren möchte.
      Im Menschendasein merkt man den Infizierten den Wolfsanteil kaum äußerlich an - außer die erhöhte Temperatur, die gesteigerten Sinne und natürlich eine Abneigung gegen Sillber. Die Gebürtigen sind häufig etwas wilder. Ihnen fällt es häufig schwer die natürlichen Triebe zu unterdrücken, sind sehr auf ihr Rudel fixiert und werden in der Regel auch älter als die Infizierten."

      Das Wissen, was er vorbetete war Größtenteils gefährlich Unnütz und Henriko war froh, dass es keine Kameras oder gar Mikrofone gab, welche die Gespräche aufzeichneten. Hier unten war es wie in einem Bunker. Es drang nichts nach innen und ebenso nichts nach außen - außer ein wenig Frischluft für die Besucher.

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    • Ein Lächeln legte sich auf Alastairs Lippen. Der junge van Helsing war wissbegierig, so viel stand außer Frage. All diese Informationen hatte der Junge erst vor zwei Tagen von ihm erhalten und doch hatte er es bereits verinnerlicht. Er würde diese beiden Arten von Werwölfen nicht auseinanderhalten können, wenn sie ihm begegneten, aber allein, dass er wusste, worin dieser Unterschied lag, war ein Schritt in die richtige Richtung.
      "Du lernst schnell, kleiner Henriko. Ich gebe zu, ich genieße es, dass meine Worte auf offene Ohren treffen."
      Schon seit einer kleinen Weile ließ Alastair sein Gefallen an diesem Verhalten durchscheinen. Er musste vorsichtig sein, musste wissen wo Henriko die Grenze zog. Nur weil er offener war als der Rest seiner Familie, war er nicht auch dafür, einen alten Vampir aus seinem Keller zu lassen.
      "Ich erinnere mich noch an dieses eine Rudel, in Vermont. Damals lebte kaum jemand dort. Sie hatten den ganzen Wald für sich. Bei Vollmond hörte man ihr Heulen über Meilen hinweg. Und die Aussicht..."
      Vielleicht war er ein bisschen zu melodramatisch, aber er konnte ja schlecht fragen, ob Henriko zufällig wusste wie man diesen Käfig öffnete. Subtext war der Schlüssel. Und wenn Alastair eines war, dann geduldig, immerhin hing er hier schon seit über einhundert Jahren fest, nur um auf den richtigen Moment zu warten. Was waren da ein paar Wochen mehr oder weniger?
      "Ich nehme an, du warst noch nie in Übersee? Es gibt da diese Klippe, direkt an einem beinahe kreisrunden See. Man kann sich einfach vom Rand fallen lassen und wenn man dann ins Wasser taucht... als würde man eine andere Welt betreten. Glasklares Wasser, tief, unberührt... naja, zumindest war es einmal so. Wer weiß, was ihr Menschen mittlerweile damit angestellt habt?"
    • Henriko konnte von vielen Ausflügen in die nächstgelegenen Städte oder in den dichten Wald nahe ihres Anwesens berichten. Weiter reichten seinen persönlichen Erfahrungen nicht. Es hatte früher mal ein paar Reisen zu entfernten Verwandten gegeben. Doch entweder lebten diese nicht mehr - was in hiesigen Kreisen durchaus möglich war - oder sie hatten sich den Unmut der Hauptfamilie zugezogen, weshalb man den Kontakt abgebrochen hatte - was ebenfalls sehr wahrscheinlich sein konnte.
      Fakt war, aufgrund der fehlenden Bereitschaft sich den Jägertrupps seiner Familie anzuschließen, war seine Bewegungsfreiheit auf die ewig langen Regalreihen der Bibliothek beschränkt und seiner Arbeit für die Sicherheitsfirma ging er in den Büros der Innenstadt nach.
      Er konnte sich daher der Sehnsucht nur anschließen, welche aus den Worten des Vampirs klang. Aus diesem großen Käfig, den sein Leben darstellte, auszubrechen war jedoch etwas zu dem ihm noch der Mut fehlte. Er fiel damit schließlich nicht bei einem einfachen Bürokaufmann in Ungnade, sondern bei einem der erfahrensten Jäger der van Helsings. Er wollte sich gar nicht ausmalen wie die Jagd nach ihm aussehen würde... .
      Zudem würde Henriko damit auch unweigerlich dem Kontakt mit Alastair ein Ende setzen und dies wollte er erst recht nicht.
      Er zuckte daher nur Unwissend die Schultern.“Ich kenne es nicht, aber wenn du möchtest, kann ich im Internet für dich danach suchen?“

      An den Seitenrand seines Notizheftes schrieb er die Beschreibung der Orte auf. Er war schließlich auch hier unten um etwas über den Vampir Alastair zu erfahren, auch wenn dies weniger die Interessen seines Vaters betraf als mehr seine Eigenen.
      Im Gegensatz zu dem was Alastair bereits alles über das kurze Leben des jungen van Helsing wusste, war das Wissen über die Persönlichkeit Alastairs noch sehr eingeschränkt.
      Wie alt war der Vampir, welche Zeitalter hatte er erlebt? Welche Seite hatte er im Krieg gewählt, wer waren seine Freunde - wer seine Feinde. Bevorzugte er eine bestimmte Sorte Blut? Welche Länder kannte er noch nicht und warum war er hier unten in den Katakomben eines Anwesens, dessen Eigentümer ihn und seine Art am liebsten vollständig auslöschen würde - und er erzählte ihnen wie sie es am Besten tun konnten.
      Fragen, die Henriko gern beantwortet hätte um hinter das Mysterium dieses Vampires zu kommen.
      Jedes Mal wenn er versuchte eine der vielen Fragen mit in die Unterhaltungen einzubinden, fand Alastair einen Weg unbemerkt auf ein anderes Thema zu lenken oder er ignorierte die Frage indem er einfach nicht darauf antwortete.
      „In welche Städte würdest du nochmal reisen, wenn du könntest?“

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    • "Ach, lass nur. Ich werde es doch sowie so nicht sehen", verwarf Alastair diesen Gedanken mit einem Winken seiner Hand.
      Er würde den Jungen wohl noch eine Weile bearbeiten müssen. Es hatte nicht so gewirkt, als hätte er überhaupt darüber nachgedacht, ihn rauszulassen. Aber das war alles, was Alastair brauchte: einen einzigen Gedanken.
      "In welche Städte würdest du nochmal reisen, wenn du könntest?"
      Alastair lachte leise. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren.
      "Willst du, dass ich in alphabetischer oder chronologischer Reihenfolge antworte?", scherzte er und setzte sich auf.
      Es war das erste Mal an diesem Abend, dass er Henriko direkt ansah. Menschen waren so leicht aus dem Konzept zu bringen, wenn man ihnen in die Augen sah.
      Alastair breitete die Arme auf der Rückenlehne aus und überschlug die Beine. Er nahm den Raum mit seiner Körpersprache ein. Er machte sich nicht gern klein und wenn er schon auf seine Macht verzichten musste, wollte er wenigstens seine Persönlichkeit ausleben dürfen. Zumindest ein bisschen.
      "Washington wäre interessant. Als ich zuletzt dort war, waren die Briten noch an der Macht. Für New York gilt das Gleiche. Rom, Venedig, Florenz - die Italiener hatten einfach Stil, das weiß jeder. Madrid. Oh, Moskau! Wie konnte ich Moskau vergessen? Über den roten Platz laufen und den Kreml bewundern... Amsterdam. Wien. Budapest. Und London! Wunderschöner Ort zu meiner Zeit. Es gab nicht viele Orte, die mich so angezogen haben. War immer mal wieder da. Einmal jedes Jahrhundert eigentlich, immer für ein paar Monate..."
      Alastair ließ die Städte aus, von denen er wusste dass sie nicht mehr existierten. Er hatte es geschafft, sein Alter für beinahe 150 Jahre geheimzuhalten. Länger, eigentlich. Die van Helsings wussten nur, dass er im 15. Jahrhundert schon unterwegs war. Für mehr interessierte man sich hier auch nicht, dank eines gewissen Rumäniers. Der war irgendwann in den 1450ern auf die blutsaugende Seite der Macht gewechselt und Alastair hatte den van Helsings gestattet zu erfahren, dass ihn der Fall Konstantinopels ebenfalls tief getroffen hatte. Sie schätzten ihn also auf etwas unter 600 Jahre alt.
      "Ich bin viel gereist, Henriko. Es war ein Hobby, mit dem man sich die Zeit vertreiben konnte. Man kann nur so viele schlechte Bücher lesen und auf so viele Bälle und Feste gehen. Aber Menschen ändern sich, Länder tun das. Man muss ihnen nur etwas Zeit geben. Deswegen mochte ich London so sehr: es gab immer was Neues zu entdecken. Sie Stadt hat sich so schnell verändert wie das Wetter auf hoher See. Es gibt keinen anderen Ort, der das tut. Kein Rom, kein Wien, kein New York. London ist einzigartig und das ist etwas wundervolles, wenn man so lange lebt wie ich."
    • Lange leben, das war in den Worten eines Vampires etwas anderes als für einen Menschen wie Henriko. Wenn er darüber nachdachte war er in den Augen von Alastair wohl nur ein unerfahrenes Kind und nicht ein erwachsener Mann mit - zugegebenermaßen wenigen Erfahrungen was fremde Länder betraf - aber doch einer Reife, die in seinem Alter nicht üblich war.

      Er wollte gerade eine der weiteren Fragen stellen, die sich wieder in seinem Kopf anstauten, als die mechanischen Geräusche der Tür ihn überrascht aufblicken ließen. Es war selten bis gar nicht vorkommend, dass jemand anderes hier unten war, zumindest nicht zu dieser Zeit.
      Als sein Bruder in sein Blickfeld trat, verdüsterte sich Henrikos Blick zu einer misstrauischen Miene.
      "Was willst du hier?"
      Thomas lächelte ihn unschuldig an. Weder in dessen Gesicht noch an den entblößten Armen war auch nur ein Hinweis auf das abendliche Training zu erkennen. "Was ist das denn für eine Begrüßung, ich wollte nur noch etwas Zeit mit meinem kleinen Lieblingsbruder verbringen." Der hünnenartige Mann schlenderte zu seinem Bruder und schaute interessiert auf die unordentlichen Notizen. Die Anwesenheit des Vampires ignorierte er vollkommen. "Bist du auch schön fleißig?"
      Henriko klappte zügig seine Schreibmappe zu und verschränkte die Hände darüber. "Das siehst du, wenn es fertig sind. Lass mich in Ruhe arbeiten." Die verärgerte Reaktion seines kleinen Bruders amüsierte Thomas nur. Mit einem seiner breiten Arme auf Henrikos Schultern, verwuschelte er ihm mit der anderen Hand unsanft die Haare. "Ach Rikolein, du bist doch nicht sauer wegen den paar Schlägen die du einstecken musstest. Oder störe ich dich etwa bei einem Date mit deinem Blutsauger."

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      ~ When is a monster not a monster? ~

      "Oh, when you love it."
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    • "Höre ich da etwa Eifersucht in deiner Stimme, Thomas?", kam es von Alastair aus dem Glaskasten.
      Der Idiot, wie er ihn betitelt hatte, leistete seinem Ruf alle Ehre. Es war mehr als offensichtlich, dass er nur hier unten war, um Henriko zu provozieren, aufdass er ihm noch einen reindrücken konnte. Interessanterweise hatte Alastair mit seinem Kommentar den Nagel auf den Kopf getroffen, auch wenn sich der bullige van Helsing dessen nicht bewusst war. Er war eifersüchtig, aber nicht etwa auf eine romantische Beziehung oder dergleichen. Nein, der gute Thomas war auf diese Sonderbehandlung neidisch, die Henriko zuteil wurde. Er durfte sich vor einem Großteil des harten Trainings drücken, musste sich nicht um die Instandhaltung von Ausrüstung kümmern und vor allem durfte er die Jagden mehr oder weniger aussitzen. Thomas war für so etwas zwar nicht geschaffen - er war durch und durch Jäger, trotz der fehlenden IQ Punkte - aber allein, dass seinem so nichtsnutzigen Bruder etwas gestattet wurde, was ihm verwehrt blieb, machte ihn wütend.
      Als sich der größere der van Helsing Brüder ihm zuwandte, lächelte Alastair charmant. Wie so viele vor ihm sah auch Thomas auf ihn hinab, weil er ein untotes Monster war.
      "Ich habe dich schon lange nicht mehr gesehen, mein Guter. Was macht das Knie? Damit hattest du doch immer so Probleme, wenn ich mich recht entsinne", sinnierte Alastair.
      Sticheleien zu unterlassen war schwierig, wenn man nur so selten Gelegenheit dazu bekam. So aber hatte Henriko wenigstens eine Information, die ihm weiterhelfen könnte, sollte es tatsächlich zu einer Konfrontation kommen.
      "Oh! Sag bloß, du bringst mir mein Abendessen! Normalerweise muss ich darauf warten, bis Henriko gegangen ist. Papa will ja nicht, dass sein Nachwuchs in Gefahr gerät."
    • Thomas blickte wütend in Richtung des Vampirs, ob aufgrund der provokanten Aussagen oder weil der Vampir es wagte ihn direkt anzusprechen. Er schritt zur Glaswand und baute sich vor dem kleineren Mann auf.
      Ohne die Scheibe würden sie den Atem des Anderen spüren können, so nah standen sie beisammen.
      Offensichtlich sich überlegen fühlend, blickte der ältere van Hellsing auf den Untoten herab, seine Stimme trof förmlich vor Abscheu und Missbilligung. „Meinem Knie geht es gut genug um es mit einem von deiner Sorte problemlos aufzunehmen. Eine deiner kleinen Freundinnen konnte sich bei der letzten Jagd selbst davon überzeugen. Ihr Kopf liegt noch im Kofferraum falls du sie fragen möchtest.“
      Mit einer beiläufigen Bewegung holte er eine kleine Phiole aus seiner Hosentasche und ließ sie zwischen seinen Fingern tanzen. Der Inhalt leuchtete dunkelrot. Henriko kannte sie gut. Er hatte dem Vampir ab und zu eine davon gegeben. Alastair hatte es jedoch vermieden das Blut in seiner Anwesenheit zu sich zu nehmen.
      Die kleine Menge die er morgens und abends erhielt, reichte geradeso aus um ihn nicht allzu sehr zu stärken aber ebenso bei Sinnen zu halten.
      Ein ausgehungerter Vampir war zu nichts Nütze; ein gesättigter Vampir ebensowenig.
      „In manchen Kulturen ist es üblich zu fasten um für jemanden zu trauern. Vielleicht solltest du dir ein Beispiel daran nehmen. Rikolein meint ja du wärest mehr als nur ein mordender Blutsauger.“ Thomas ließ es fast unbeabsichtigt wirken, als die Phiole aus seinen Fingern glitt und auf dem Boden zersprang. Das Grinsen des Hünen verspottete den alten Vampir.

      Mit gemischten Gefühlen beobachtete Henriko das Geschehen zwischen seinem älteren Bruder und Alastair. Er fremdschämte sich für das gehässige Verhalten und war gleichzeitig unglaublich neugierig auf die Reaktionen des Vampirs.

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    • Alastair unterbrach den Blickkontakt mit dem frechen van Helsing keine Sekunde lang. Er stand auf und schritt auf die Plexiglasscheibe zu. Thomas war etwa fünf Zentimeter größer als er selbst, doch wen interessierte das? Alastair war stärker, schneller, älter und er konnte sein Ego besser im Zaum halten.
      Als Thomas die Phiole mit seinem Abendessen - oder besser Frühstück - vorzeigte, regte sich etwas dunkles tief in Alastairs Innerem, doch er gab nicht nach.
      "Meine Freunde sind clever genug, um euch nicht aufzufallen. Eure üblichen Opfer sind kaum älter als ein Jahrhundert. Und was das Fasten angeht...", Alastair lächelte freundlich, "so liegt diese Tradition verwurzelt in Religion. Ich für meinen Teil bin Agnostiker und unterwerfe mich keiner religiösen Weltanschauung."
      Erst jetzt sah er hinab auf den moderaten Blutfleck, der in sich von dem ansonsten reinweißen Boden stark abhob. Der Hunger in seinem Inneren schrie auf. Verschwendung.
      "Das da", sagte Alastair entspannt und deutete auf den Fleck, "Ist jetzt bloß dein Problem geworden. Da sich euer werter Herr Papa weigert, Personal hier runter zu lassen, musst du das wohl aufräumen."
      Der Vampir zuckte mit den Schultern und ließ sich wieder auf dem Sofa nieder.
      "Um deine Frage zu beantworten, Henriko: einen Werwolf anzulocken ist schwierig, aber nicht unmöglich. Bei Vollmond werden sie von ihrem Jagdinstinkt getrieben. Man braucht also nur den Geruch eines großen Beutetieres. Ich empfehle lokale Arten, da die Wölfe daran gewöhnt sind. Ein Rentier beispielsweise würde im Süden nur auffallen und die Wölfe vorsichtig machen. Hirsche und Rehe sind eine Art Universalmittel, schätze ich. Kühe und Schafe gehen auch, aber ein Rudel wird sich davon fernhalten, um die Farmer nicht zu verärgern. Junge Einzelgänger kann man auf diese Weise jedoch ganz gut erwischen."
      Alastair ignorierte den Idioten im Raum schlichtweg und tat so, als haben er und Henriko sich die ganze Zeit über Werwölfe unterhalten. Tat es ihm leid, dass er die Jagd auf Kinder der Nacht erleichterte? Nein. Wenn man sich zu sehr um alle anderen kümmerte, dann war man selbst eher fürher als später der Doofe. Außerdem nahm er den van Helsings und ihrem Verein die Arbeit nicht ab. Diejenigen, die wussten, sich vor den Menschen zu verbergen, hatten es durch sein Tun nicht schwerer. Wenn überhaupt, dann dünnte Alastair die Herde aus und half dabei, die Dummen auszusortieren, sodass der Rest überleben konnte. Es würde immer Raubtiere geben. Die Beute musste nur cleverer sein, um zu überleben. Und die van Helsings waren bei weitem nicht das größte Raubtier in der Savanne. Ein kleiner Ameisenbär, der sich mit ein paar Termiten zufrieden gab. Lächerlich.
    • Geschäftig kritzelte der jüngere Henriko in sein Notizbuch. Er hielt den Kopf gesenkt und versteckte so sein mühsam unterdrücktes Lachen. Das Ego seines Bruders bekam selten solch ...Gleichgültigkeit... entgegengesetzt. Die einzige Reaktion die dieser auf Alastairs Themenwechsel vollbringen konnte war ein wütendes Schnauben, was bei dem hochroten Kopf an einen Stier erinnerte, der aus einem Micky Mouse Heft geschlüpft war. Mit einer ebenso grazilen Bewegung drehte Thomas sich um und stampfte Richtung Ausgang. " Vater will dich sehen! Jetzt."
      Die Worte waren durch die vor Wut knirschenden Zähne kaum zu verstehen, aber Henriko hatte geahnt, dass der Lieblingssohn sich nicht zum Spaß herunterbegeben hatte. Sein Vater war heute nicht in bester Laune gewesen und die Anwesenheit seiner Brüder brachte ihm jedes Mal noch mehr Probleme mit seinem alten Herren ein. Da dieser Warten noch mehr hasste als Henrikos Ansichten zu den gejagten Kreaturen, verabschiedete sich der Blondschopf mit wortloser Geste von Alastair und folgte seinem Bruder. Er hatte wenig Lust von seinem Bruder den Hals umgedreht zu bekommen nur weil er den Vampir wie ein ganz normales Wesen behandelte.

      John van Hellsing, ordentlich gekleidet und mit militärisch kurzem Haarschnitt saß an seinem Schreibtisch - einer langen, massiven Eichenholzplatte - und war dabei verschiedene Kräuter in einem Mörser zu bröseln. Einer Arbeit, die nicht zu dem streng wirkenden Mann passte. Ein kurzer Blick auf die geöffneten Gläschen, welche die Kräuter beinhalteten, brachte Henriko dazu die Augen ungläubig aufzureißen. " Was habt ihr vor?"
      Er kannte die Mischung von Alastair und sie war äußerst wirksam gegen Vampire. Sie schwächte sie auf eine unangenehme Weise. Eigentlich hatte er diese Giftrezeptur noch nicht vollständig ausgearbeit um sie verwenden zu können und hatte zudem gehofft die Notizen über die Pflanzenkunde würde sein Vater weniger interessieren. Er hatte sich offensichtlich getäuscht.
      "Nicht wir ... du Henriko. Schließlich hast du doch ein gutes Verhältnis zu unserem 'Mitbewohner'."

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    • Alastair folgte den beiden Jungen mit den Augen, während sie den Raum verließen. Er fragte sich, was der alte van Helsing von Henriko wollte. Für gewöhnlich wurden ihre Sitzungen nicht unterbrochen, erst recht nicht auf diese Weise. Besonders lange beschäftigte sich Alastair aber nicht mit dieser Frage. Die meisten Vorgänge in diesem Gebäude oder dieser Familie betrafen ihn nicht.
      Das dringendere Problem war der Blutfleck. Alastair konnte sich noch so cool geben, auch er war bloß ein Sklave seiner Instinkte. Menschen konnten gar nicht nachvollziehen, wie es sich anfühlte, über Jahrzehnte hinweg zu verhungern. Ja, die beiden Phiolen, die sie ihm gaben hielten ihn bei Verstand, aber gegen den Hunger halfen sie nicht. Bisher war ihm noch nie eine Phiole untersagt worden. Man hatte ihm immer gerade so genug gegeben, um zu funktionieren.
      Alastair zwang sich, den Blick von der roten Versuchung loszureißen. Das Problem war nicht, dass es außerhalb seiner Reichweite war. Das Problem war, dass es in seiner Reichweite war und das niemand erfahren durfte. Aber er war so hungrig...
      Er verließ seinen angestammten Platz auf dem Sofa und schlenderte in den hinteren Bereich seiner Zelle. Über die Jahre hatte er es sich hier recht gemütlich machen können. Er hatte reichlich zu lesen - besonders amüsant fand er die moderne Vampirliteratur - und mit etwas Innenarchitektur hatte er sich sogar Privatsphäre erschlichen. Die Bücherregale trennten den Raum in einen vorderen und einen hinteren Bereich. Im vorderen stand das Sofa, gut beleuchtet durch den Beobachtungsraum. Im hinteren Teil befanden sich ein abgetrenntes Badezimmer und ein improvisiertes Schlafzimmer, beides im angenehmen Schatten gelegen. Das Bett war ordentlich gemacht, als sich Alastair nun hineinfallen ließ. Den Fleck nicht mehr zu sehen half, der Geruch trieb ihn dennoch in den Wahnsinn.

      Dietrichstein, Rumänien, 1847
      "Dein Benehmen beim Essen lässt wirklich zu wünschen übrig, weißt du das eigentlich?"
      Durch das alte Schloss halten schmatzende Geräusche, untermalt von dem leisen Stöhnen des jungen Mannes, der halb nackt auf dem Tisch lag. Über ihn beugte sich eine breitschultrige Gestalt mit langen, dunklen Haaren in einer samtenen Robe. Ein Stil, der schon vor etwa zweihundert Jahren als alt gegolten hatte.
      Die Gestalt warf den Kopf in den Nacken. Blut troff ihr vom Kinn. Doch wie immer störte sich die Person nicht an der Sauerei, die sie angerichtet hatte.
      "Hier sieht uns doch eh keiner, warum regst du dich so auf?", fragte Vlad und ließ sich in seinen hochlehnigen Stuhl fallen.
      "Weil ich dich sehen muss. Ladies? Das Essen ist fertig."
      Drei Frauen in reinen, weißen Nachtgewändern des letzten Jahrhunderts eilten in den Raum und stürzten sich auf den reglosen Körper wie ausgehungerte Löwen. Immerhin waren sie gnädig genug, ihr Essen mitzunehmen und Alastair dieses Spektakel zu ersparen.
      "Du bist auch ein ziemlich lausiger Ehemann, wenn ich das sagen darf", meinte er und nippte an seinem Weinkelch, der mit dem Blut des jungen Mannes gefüllt war.
      "Warum? Weil ich drei Frauen habe? Das war bei uns früher eben so", entgegnete Vlad.
      "Das könnte mir nicht egaler sein. Nein, du bist ein grauenhafter Ehemann, weil du deine Gattinnen in deinem spartanisch eingerichteten, verfallenden Schloss einsperrst, sie hungern lässt und dir nicht einmal ihre Namen merken kannst."
      "Ich weiß, wie sie heißen!"
      "Ach ja? Wie heißt die Blonde?"
      Vlad verzog das Gesicht. Alastair nippte an seinem Kelch.
      "Die Blonde ist Marishka, Verona und Aleera haben schwarze Haare, wobei die Aleeras eine Nuance heller sind. Sie ist auch die Redensführerin der drei. Marishka ist abenteuerlustig und langweilt sich hier besonders zu Tode - und das will etwas heißen, bedenkt man die Tatsache, dass sie unsterblich ist. Verona würde sich schon mit ein paar Büchern und einem Haustier zufriedengeben, wobei ich von letzterem abrate. Die drei sind so hungrig, dass sie das arme Tier einfach essen würden."
      "Du weißt ja außerordentlich viel über meine Frauen."
      "Steck dir deine Skepsis dorthin, wo der Mond nicht hinscheint, Vlad. Sie sind bessere Gesprächspartner als du und ich interessiere mich eben für diejenigen, die in meiner Umgebung leben. Wir können nicht alle in Selbstmitleid baden."
      "Selbstmitleid?"
      "Ja, Selbstmitleid. Denn ich weigere mich, die Verantwortung für deinen Fehler zu übernehmen. Ich habe dir oft genug gesagt, dass du zu auffällig bist. Es ist mir ein Rätsel, wie du ohne mich überleben konntest. Jeder Anfänger unter den Jägern hätte dich finden können."
      Alastair leerte den Kelch mit einem langen Zug und stellte ihn auf den Tisch.
      "Wenn du mich entschuldigen würdest. Mir ist heute nicht nach Grundsatzdiskussion."
      Seine Schritte hallten von den hohen Wänden des Speisesaals wieder, als er ihn verließ. Er ignorierte das Knurren von hungrigen Vampiren und das Brechen von menschlichen Knochen, als er in den Tiefen des Schlosses verschwand.
    • Es war nicht das erste Mal, dass er sich selbst Blut abnahm. Für jedes Mitglied der Familie lagerten ein paar Liter Blut im Krankenzimmer. Zum Einen für den medizinischen Notfall, zum Anderen als praktisches Lockmittel für die Jagd.
      Es war jedoch etwas anderes dies in der hygienisch reinen Umgebung des Krankenzimmers zu tun oder heimlich auf der Gästetoilette der Firma. Henriko hoffte, dass sich nicht ausgerechnet heute einer seiner Kollegen in die unteren Etagen verirrte. Er sah aus wie jemand der sich den nächsten Schuss setzen wollte, während es sich den Hemdsärmel hochkrempelte und die Staubinde festzog. Wobei eine mögliche Drogenabhängigkeit ihn wohl in weniger Schwierigkeiten bringen würde als das was er wirklich tat. Die vier Ampullen, die zum füllen bereit lagen, waren für Alastair gedacht.
      Es war bereits eine Woche her, dass sein Bruder die Sitzung unterbrochen hatte. Und damit war es auch bereits eine Woche her, dass dem Vampir seine tägliche Ration Blut untersagt wurde. Seit dem war es Henriko verboten worden sich dem Kellergeschoss auch nur zu nähern. Der junge van Helsing musste sich erst gar nicht ausmalen wie es Alastair erging. Er wusste es ganz genau. Die Berichte in der Bibliothek beschrieben ausführlich die Phasen und Stadien in welche der Vampir glitt. Das untersuchte Objekt war damals kein anderer als Alastair selbst gewesen. Diesmal war der Sinn hinter
      dieser Aushungerung jedoch nicht, Erkenntnisse über den Vampir zu gewinnen. Es ging allein darum den Vampir hinter verschlossenen Türen ruhig zu stellen, bis einer der van Helsings ihn wieder benötigte.
      Die Kräuter, welche sein Vater vorbereitet hatte, waren wesentlicher Bestandteil dieses Vorhabens. Teufelsabbiß, Sonnenadonis, Scharbockskraut und andere blutreinigenden Pflanzen würden
      den Vampir für mehrere Tage in krampfartige Zustände und eine Art Fieber verfallen lassen - wenn man dies mit menschlichen Symptomen überhaupt vergleichen konnte. Die Schwächung sorgte dafür, dass der durch Hunger ausgelöste Wahnsinn nur noch wenig Probleme bereitete. Die große Stahltür und die steinernen Wände waren dann mehr als ausreichend um einem tobenden aber ausgelaugten Vampir Einhalt zu gebieten.

      Henriko blickte auf die vier Ampullen, gefüllt mit seinem Blut lagen sie warm in der Hand. Sie fassten ungefähr das dreifache der kleinen Phiolen, welche Alastair sonst erhielt.
      Das hier war etwas anderes als bloß vor unliebsamem Training wegzulaufen... "Ach shit." Der blonde Mann fuhr sich gestresst mit der freien Hand übers Gesicht und schob die Ampullen schließlich in die Seiten seiner Stiefel. Die restlichen Utensilien wickelte er in Papiertücher und warf sie beim rausgehen in den Mülleimer.
      Er beeilte sich nach Hause zu kommen. Sein älterer Bruder empfing ihn kaum war er durch die Tür getreten. Das Misstrauen was ihm entgegen schlug, bestätigte Henriko in seinem Vorhaben nur.
      Die Kräuter entfalteten ihre Wirkung bei einem Vampir nur, wenn ihre Wirkstoffe über das Blut aufgenommen wurden. Und wer war besser dazu geeignet die Quelle zu spielen, wenn nicht der gelehrige Schüler, der das Leid seines Lehrers beenden wollte?
      Der einzige Grund weshalb er an dieser Sache beteiligt wurde, war dass seine Familie ihm selbst nicht traute. Alastair würde Henrikos Ungehorsamkeit nicht als Falle ansehen sondern einfach als wahrscheinlich.
      "Einem von uns würde er nicht trauen und wohl einfach umbringen, bei dir wird er sich zu zügeln wissen." . 'Einer von uns'.. damit gehörte er wohl nicht dazu.
      Die Worte seines Vaters gingen ihm durch den Kopf während er Thomas in die Küche folgte.
      Er fühlte sich als würde er zu seiner Henkersmahlzeit geführt. Unter den Augen seines Bruders trank er den halben Liter Tee, welcher eher einer bitteren Kräuterbrühe glich. Die Wirkung wie auch die Nebenwirkungen der starken Dosierung würden sich heute Nacht bemerkbar machen.

      Mitternacht
      In seiner üblichen Freizeitkleidung - Jeans, Turnschuhen und Kapuzenpulli - machte sich Henriko auf den Weg zu den Kellergeschossen. Die Ampullen waren in seinem Hosenbund gesteckt und unter dem weiten Pulli unsichtbar. Die schwarze Machete an seinem Gürtel schwang indes auffällig hin und her. Völlig unbewaffnet hatte er auch nicht runter gewollt. Selbst Alastair hätte an seinem gesunden Menschenverstand gezweifelt.
      Sein Vater und Bruder blieben außerhalb dem Erfassen von Alastairs Sinnen. Mit den Worten "Komm nicht auf dumme Gedanken." hatte Thomas ihn aus seiner Reichweite gehen lassen. Sein Vater war da pragmatischer. Es gab nur einen Ausgang und den versperrten sie - warum sich Sorgen machen.
      °Nicht auf dumme Gedanken kommen° Es war die Frage welcher Gedanke der dümmere war. Einem halb verhungerten Vampir seine Pulsadern anzubieten oder den van HelsingClan zu betrügen?
      Die Riegel schoben sich mit vertrautem Geräusch zurück und schlossen sich ebenso wieder nachdem Henriko die schwere Tür hinter sich zuzog.
      Seine Augen hatten sich bereits auf dem Weg nach unten an die Dunkelheit gewöhnt, dennoch war das schwache Licht des Tastenfeldes der Tür nicht ausreichend um mehr als nur die groben Umrisse seines Sessels und Alastairs Sofa zu erkennen.

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    • "Wie alt bist du?"
      "So was fragt man einen Gentleman nicht."
      Ihr leises Kichern klang wie Musik in seinen Ohren. Er hätte alles dafür getan, sie jeden Tag zum Lachen bringen zu dürfen.
      "Das gilt doch nur für Damen, Dummerchen. Komm schon, mir kannst du's doch verraten."
      Er drückte ihr sanft einen Kuss auf den Scheitel, schwieg aber.

      Wie lange war es jetzt her? Zeit war ein schwer zu greifendes Konzept, wenn man verhungerte.
      Anfangs hatte er noch auf dem Bett gelegen, sich hin und her gewälzt, sogar ein bisschen gelesen. Doch je mehr Zeit verging, desto unerträglicher wurde es. Mittlerweile lag Alastair unter dem Bett, in der hintersten Ecke des Raumes. Er hatte sich zusammengerollt wie ein verletztes Tier. Ein Teil von ihm wollte nichts lieber, als sterben. Ein anderer Teil wollte jeden einzelnen van Helsing zerfleischen. Es wäre so einfach gewesen. Er hätte die Scheibe zerschlagen, die Tür aufstemmen können. Er hätte den verdammten Lüftungsschacht auseinandernehmen können. Er wäre weg gewesen, bevor sie es merkten. Sie hätten es nicht verhindern können. Es war clever von ihnen, ihn so lahmzulegen.

      "Wo kommst du her?"
      "Aus Rumänien."
      "Nein, ich meine, wo du geboren wurdest."
      "Den Ort gibt's schon gar nicht mehr. Der war auch noch nie auf einer Karte."
      "Nie verrätst du mir was über dich!"
      Sie setzte sich neben ihn auf den Bettrand, ergriff seine Hand und spielte mit seinen Fingern.
      "Du weißt alles über mich, was man wissen muss. Wo ich geboren wurde spielt keine Rolle mehr."
      Er zog sie zu sich heran, küsste sie sanft.
      "Viel wichtiger ist, wo ich jetzt bin."

      Mit einem leichten Tritt schickte Alastair eines der Bücherregale quer durch den Raum. Es krachte laut gegen die verstärkte Betonwand. Holz und Bücher verteilten sich auf dem Boden.
      Warum hatte er sich auf dieses Spiel eingelassen? Er hätte das alles auch allein geschafft! Er brauchte die van Helsings dafür nicht!

      "Vermisst du sie?"
      "Wen?"
      "Deine Eltern. Deine Familie."
      Weiche Finger glitten über seine nackte Brust, zeichneten unsichtbare Linien auf seiner Haut. Sie schmiegte ihr Gesicht an seine Schulter, ihren Körper an den seinen. Sie passten perfekt zueinander.
      "Nein. Ich denke, das kann ich gar nicht mehr."
      "Erinnerst du dich noch an sie?"
      "Ich könnte sie niemals vergessen."
      "Wirst du mich vermissen?"
      "Ich würde, ja. Aber ich muss nicht, wenn du-"
      Ihr Kichern unterbrach ihn und er schwieg. Sie hatten das schon dutzende Male durchgekaut. Er würde sie nicht mit ein bisschen Bettgeflüster überzeugen können. Also akzeptierte er ihre Entscheidung.
      "Den Versuch war's wert."

      Das Öffnen der Tür klang wie eine Explosion. Hunger und anhaltende Stille hatten seine Sinne bis aufs Äußerste geschärft.
      "Dummer Junge", presste Alastair zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
      Seine Stimme war kaum mehr als ein trockenes Knurren. Er wusste, wenn er jetzt den Kopf hob, würde er den gesamten Blutkreislauf des Jungen sehen. Sein Puls war so laut wie ein Presslufthammer. Und der Geruch... er hatte erst vor kurzem geblutet. Keine guten Voraussetzungen, um hier her zu kommen.
      "Du sollstest nicht hier sein. Dein Vater wäre bestimmte nicht froh, von deinem kleinen Abenteuer zu hören."
      Alles in ihm sträubte sich, als er aufstand. Seine Instinkte trieben ihn vorwärts, wollten sich auf die dargebotene Beute stürzen. Sein Körper wollte liegen bleiben, den Betrieb einstellen. Doch Alastair kam weder dem einen, noch dem anderen nach, auch nicht, als er das Herz des Jungen leuchtend vor sich sehen konnte. Alles andere wurde unwichtig.
      Mit so viel Würde, wie ihm noch geblieben war, trat er aus den Schatten an die Plexiglasscheibe heran.
      "Und er würde dich sicherlich töten, wenn er von dem wüsste, was du mir mitgebracht hast."
      Alastairs Blick senkte sich auf die Hüfte des Jungen. Er konnte sie riechen, die Phiolen mit dem ach so kostbaren van Helsing Blut.
      "Warst du je versucht, mein Blut zu trinken?"
      "Ich kann nur noch einmal deine Dummheit betonen..."
    • Jedes einzelne Haar an seinem Körper schien sich aufzustellen, als eine knurrende Stimme die dunkle Stille durchbrach. Es war kaum auszumachen aus welcher Richtung sie kam.
      Als der Vampir als dunkle Silhouette in sein Sichtfeld trat, konnte Henriko kaum dem Drang widerstehen von der Scheibe zurückzuweichen. Sich zu fürchten wäre eine Untertreibung gewesen. Die Stimme ... die Art wie er sich bewegte entsprach nicht mehr dem Wesen, welches Henriko kannte. Sein Herz raste und das Blut in seinen Ohren rauschte laut genug um ihn beim Denken zu stören.
      Er musste ruhig bleiben und irgendwie versuchen einem Raubtier zu erklären, dass es unklug wäre eine Beute zu verspeisen, die ihm auf dem Silbertablet serviert wurde.
      Mit belegter Stimme begann der junge van Helsing zu sprechen in der Hoffnung, auch den Rest seines Körpers aus der Starre zu bewegen.
      "Dumm ist es. Schließlich bin ich auf seine Anweisung hier. Aber das solltest du eigentlich nicht wissen."
      Langsam bewegte er seine Beine dazu in Richtung der Tür zu gehen, welche Zugang zu Alastairs Zimmer gewährte. Sie war noch mit den altern eisernen Ketten verschlossen, wie sie es von Anfang an war. Er zog die kleinen Behälter aus seinem Gürtel. "Und hiervon.. .sollte mein werter Herr Vater nichts wissen."
      Es war mühsam zusammenhängend zu sprechen, während er den Blick von Alastair auf sich spürte. "Ich rate dir, nicht mehr als das zu trinken."
      Mit einem unangenehmen, metalischen Geräusch drehte sich der mitgebrachte Schlüssel in dem alten Schloss. Die Tür war offen und Henriko wünschte sich, schlau genug zu sein um so schnell wie möglich wegzulaufen. Aber Dummheit beschrieb ziemlich genaus das, was er hier tat.

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    • Alastair rührte sich nicht. Er folgte dem Jungen mit den Augen, sah ihn klar und deutlich in der Dunkelheit. Irgendwo in seinem Hirn jubelte etwas auf, als die Tür geöffnet wurde. Das war es doch, was er gewollt hatte. Aber etwas stimmte nicht. Das hier war zu glatt. Warum sollte der Patriarch das hier wollen?
      Alastair wich zurück, drückte sich gegen die hintere Wand. Die Ketten waren ihm schlicht zu laut, als sie sich aus ihren Verankerungen lösten und zu Boden krachten.
      Und dann stand der Junge vor ihm. Alastair konnte sein Herz schlagen sehen, die Angst riechen, die ihm aus jeder Pore drang. Die Verlockung, nach vorn zu stürzen und ihm die Kehle herauszureißen, war überwältigend. Dennoch schaffte es Alastair, seinen Rücken weiterhin gegen die Wand zu drücken und nichts zu tun. Die Phiole in Henrikos Hand schien den Raum zu beleuchten. Sie sang zu ihm.
      "Was erhoffen sie sich davon? Ich habe die ganze Zeit mitgespielt und jetzt wollen sie mich lahmlegen?"
      Er musste sich auf etwas anderes konzentrieren. Wenn er jetzt einen Fehler machte, war alles vorbei und er musste von vorn beginnen. Auf ein weiteres Jahrhundert hatte er gerade allerdings nur wenig Lust.
      "Du weißt, warum sie dich geschickt haben, oder?", er lachte leise, auch wenn es unangenehm in seiner ausgetrockneten Kehle kratzte, "Sie haben sich endlich entschieden. Ich habe das schon kommen sehen. Aber dass sie es auf diese Weise tun... ziemlich unfair."
      Alastair kratzte alles zusammen, was er an Selbstbeherrschung noch hatte. Schritt für Schritt näherte er sich dem Jungen. Er ergriff eine der Phiolen, betrachtete sie eingehend, ehe er sie zurückgab.
      "Du gehörst nicht zu ihnen. Sie sehen dich nicht als einen der ihren an. Sie wollen zwar nicht unbedingt, dass ich dich umbringe, aber sie nehmen es willentlich in Kauf. Denn du bist entbehrlich für sie."
      Sanft legte er dem Jungen eine Hand an die Wange. Er erzählte ihm nichts neues. Henriko hatte das alles gewusst, als er den Raum betreten hatte. Dennoch folgte er den Anweisungen seines Vaters, weil er es einfach nicht anders kannte. Was sollte er denn sonst tun?
      "Sie sehen nicht, dass du der Schlüssel bist..."
      Alastair zog den Jungen an seine Brust, umarmte ihn, wie er schon lange niemanden mehr umarmt hatte. Wäre er nicht so vernebelt von Hunger, hätte er das vielleicht nicht getan.
      "Ich weiß, dass du helfen willst. Ich bin dir dankbar dafür", murmelte er dem Jungen ins Ohr.
      Alastair hatte eine Entscheidung getroffen: er würde seine Gefangenschaft beenden. Er hatte die Machenschaften dieser Familie lange genug ertragen. Jetzt hatten sie den Bogen überspannt.
      "Du musst jetzt eine Wahl treffen, Henriko. Du kannst weiter versuchen, ihnen zu gefallen und scheitern. Du kannst dein Leben weiter so führen, wie bisher und bis zum Ende unglücklich sein. Oder du kannst zu einem van Helsing werden, auf den Abraham stolz wäre. Du könntest die Welt sehen, die Kinder der Nacht kennenlernen. Du könntest den Grafen zu Fall bringen."
      Er ließ den Jungen los. Im nächsten Moment stand er draußen vor der letzten Tür, die ihn von der Außenwelt fernhielt.
      "Ich gebe dir mein Wort, dass heute niemand durch meine Hand sterben wird. Und ich biete dir einen Ausweg. Du hast Zeit, bis deine Blutsverwandten entscheiden, diesen Raum zu stürmen."
    • Es war das erste Mal, dass Henriko dem Vampir so nahe stand ohne eine Glasscheibe zwischen sich zu wissen. Es war anders seine Anwesenheit so zu spüren, seine Stimme ohne den dumpfen Klang zu hören, in die grünen Augen zu sehen, die ihn mit beherrschter Gier anblickten.
      Als Alastair ihm eine der Phiolen aus der hand nahm, meldete sich abermals seine Vernunft. Statt zurückzuweichen glitt jedoch nur seine Hand zu der Machete an seiner Seite. Bereit, wenigstens einen Versuch zu unternehmen sich zu verteidigen - so kläglich er auch sein würde. Doch das war scheinbar nicht notwendig.
      Verwirrt nahm er das Gefäß wieder an sich als Alastair es ihm zurückreichte. Er starrte auf die rote, unberührte Flüssigkeit.
      Die Worte die Alastair sagte und die plötzliche Berührung, ließen den jungen van Helsing seine Angst fast vergessen. Auch wenn er es selbst wusste, die Wahrheit aus dem Munde eines anderen zu hören schmerzte. Warum sprach er das an, obwohl er eigentlich halb wahnsinnig vor Hunger sein sollte?
      Als der blonde Mann sich schließlich in den Armen des Vampirs wiederfand, stoppte jeder logische Erlärungsversuch. Vor Überraschung hätte er fast die gefüllten Ampullen fallen lassen. Wieder war er unfähig sich zu rühren, wieder klopfte ihm sein Herz bis zum Hals. Aber es war anders ... anders als die Angst, die er vorhin verspürt hatte.
      Was passierte hier gerade? Henrikos Gedanken rassten, er hatte Schwierigkeiten das alles zu erfassen.
      Seit er den Raum betreten hatte, lief nichts mehr wie er es geplant hatte.
      Alastair hätte das Blut trinken und einfach verschwinden sollen. Er selbst hätte sich irgendetwas einfallen lassen um seinen Vater von seiner Handlungsunfähigkeit zu überzeugen. Hätte ihm erzählt, dass Alastair sein vergiftetes Blut getrunken hatte um ihn auf eine falsche Fährte zu locken.
      Er hätte ihm auf seine Kosten die Freiheit schenken wollen und jetzt war es genau andersrum. Alastair bot ihm etwas an, was er in seinem Kopf schon so lange mit sich trug - sich aber nie getraut hatte umzusetzen. Aus diesem Haus zu verschwinden, dieser Familie den Rücken zuzuwenden und ein Leben zu führen, welches er nur aus Alastairs Erzählungen kannte.
      Blutsverwandte, eine Bindung, die sich nicht trennen ließ. Der Vampir wählte das Wort so unbewusst wie selbstverständlich.
      Henriko blickte auf den rot blinkenden Knopf der Tür, welcher den stillen Alarm bereits nach oben schickte. Zwei Minuten, vielleicht weniger - so lange benötigte es die steile Treppe runterzueilen ohne sich dabei selbst den Hals zu brechen und den Vorraum zu durchqueren.
      So viel Zeit brauchte er nicht. Seine Beine fühlten sich immer noch weich an als er sich zu dem Vampir stellte und den Code für die Tür eingab. Wortlos legte er eine der Phiolen auf das Tastfeld, den Rest schob er sich wieder in die Tasche. Vielleicht brauchte Alastair sie ja doch. Thomas war vielleicht keine Herausforderung, aber John van Helsing war ...erfahrener.
      "Ich brauche 5 Minuten. Ich warte oben." Er würde hier unten vermutlich nur stören. Sobald Alastair die Aufmerksamkeit seiner Familie hatte, würde er weitere Vorbereitungen treffen um sie davon abzuhalten ihnen zu folgen.

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      ~ When is a monster not a monster? ~

      "Oh, when you love it."
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