Once upon a time [Juvia & Ray]

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    • Once upon a time [Juvia & Ray]





      Vorstellung

      @Juvia


      "Es war einmal, in einem fernen, fremden Land...."

      ....eine Königin, die mit wehenden Gewändern an das marmorne Geländer ihres Balkons lehnte und hinab auf das Reich blickte, das sie an sich gerissen hatte.
      Eleanor leckte sich genüsslich über die Lippen, als sie hinabblickte, auf die nächtliche Hauptstadt in ihrer vollen Pracht, aber auch in ihrer vollen Grausamkeit. Sie sah auf die einzelnen Straßen, dünne, schwarze, sich kaum von der Finsternis abhebende Linien, die alle ihre Geheimnisse in ihrem Herzchen trugen. Dort, wo die fahle Welle Licht sich jedes Mal unterbrach, während Eleanor ihren Blick über das Reich schweifen ließ, machte ihr Herz einen kleinen Sprung, in dem Wissen, dass dort unten womöglich etwas geschah.
      Es war kurz vor Mitternacht, bis auf Bordsteinschwalben und die nächtlichen Kreaturen ihres Reiches, würde sich niemand sonst trauen, sich nun auf die Straßen zu begeben. Niemand würde sich trauen, der sein Herz am rechten Flecke trug und es wagte, sich ein rechtschaffener Bürger zu nennen.
      "Spieglein, Spieglein, an der Wand....wer ist die grausamste im ganzen Land?", summte sie fröhlich vor sich hin, ohne auch nur den Hauch einer Antwort zu erwarten. Ein nahezu diabolisches Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, als sie den Kelch aufhob, der neben ihr auf dem Geländer ruhte, ihre blutroten Lippen ansetzte und genüsslich daraus trank.
      "Mein Reich", hauchte sie in die nächtliche Stille hinein und genoss den Anblick aus vollen Zügen. Wenn sie erst einmal das Rotkäppchen gefasst hatte, wäre das Warten vorbei, das schon seit jeher an ihren Nerven zehrte.
      Das warten, nach der vollkommenen Macht, das Warten, nach dem Blutbad, das sie sich schon seit Anbeginn der Zeit erhoffte. Alles hatte ein Ende, sowie die Regentschaft Kaisers Aries. Endlich ward die Zeit gekommen, in der Niemand mehr ihr das Wasser reichen könnte und sich alle ehrfürchtig vor Königin Eleanor verbeugen werden.
      Voller Euphorie, vollbrachte sie eine Umdrehung um die eigene Achse, einmal und dann sogar ein zweites und ein drittes Mal, bevor sie atemlos stehenblieb und sich die pechschwarzen Haare aus dem Gesicht strich.
      "Ihr seid nicht mehr die jüngste", krächzte eine männliche Stimme ins nächtliche Schweigen, die Stille und Eleanors Ruhe durchbrechend. Achtlos warf sie den Kelch mitsamt der purpurfarbenen Flüssigkeit zu Boden, stieß ihn wütend mit dem Fuß beiseite und durchmaß mit wenigen Schritten den Abstand zwischen Balkon und ihren Gemächern, dort, wo der Spiegel über die restliche Einrichtung thronte. Gegenüber ihres Waschzubers, dem königlichen Bett und ihrer goldenen Kommode, an der sie gewöhnlich Platz nahm, während die Dienerinnen ihr nach dem Einkleiden die Haare frisierten - dort hing der Spiegel in seiner vollen Pracht.
      Mit verschränkten Armen und einem dünnen Lächeln auf den Lippen, stellte sie sich breitbeinig vor dem Spiegel, bevor sie mit einer schnellen Handbewegung dem Spiegel bedeutete, ihr die Sicht auf ihr ganz persönliches Haustier zu gewähren.
      Eleanor kam nicht umhin, doch der Anblick des Zauberers in ihrem Spiegel, erfüllte sie mit einer wahnsinnigen Glückseligkeit, das ein ehrliches Lachen ihrer Kehle entwich.
      "Jamal, Jamal...Na du bist mir einer", seufzte sie und trat an die gläserne Oberfläche, hinter der, Jamal, der Sohn des einzig wahren königlichen Wesirs aus Agrabah, gefangen war....Und dort, wo auch das Rotkäppchen bald das Ende ihrer Tage abwarten würde.
      "Nanu. Sprachlos bist du geworden?", scherzte sie und strich seichte über den Rahmen des Spiegels.
      "Jedes Mal, wenn ich dein arrogantes Gesicht in meinem Spiegel sehe, kann ich schon fast den Hund riechen, der auch bald da driin gefangen sein wird. Jedoch kann ich dir versprechen, dass dein Aufenthalt nicht schöner wird, wenn du dich in meine intimen Momente einmischt", knurrte sie bedrohlich.
      Jamal war die Spielchen seiner zwangsgewordenen Mitbewohnerin leid. Er hatte es satt, jede Bewegung der Spiegelkönigin verfolgen zu können, ohne etwas dagegen anrichten zu können, ohne niemanden davon berichten zu können, was ihre nächste Gräueltat war. Er war es satt, sich von ihr verspotten zu lassen und ihr als gutaussehende Unterhaltung zu dienen, er....Er wusste nicht, wo sein Hass überhaupt je aufhören konnte.
      "Spart es Euch, Eure Majestät", knurrte Jamals melodische Stimme aus dem Spiegel, bevor er Eleanor den Rücken zukehrte und die Oberfläche des Spiegels nur noch die strahlend blauen Augen der wahnsinnigen Königin widerspiegelten.
      Gerade als Eleanor noch etwas erwidern wollte, öffnete sich die schwere Holztür, um Lionel und eine der Kammerzofen Einlass zu gewähren. Innerlich seufzend zog sie das schwarze Nachtgewand enger um ihren kurvigen Körper. Mit eleganten Schritten und einem warmen Lächeln trat sie auf Lionel zu.
      Ein kurzes Nicken reichte, um der Zofe zu versichern, dass es Zeit war, zu verschwinden.
      "Eure Majest-", Lionel setzte an, wurde obgleich sowohl in seiner höflichen Begrüßung als auch in seiner Verbeugung unterbrochen.
      "Spar' dir die Höflichkeiten. Es ist kurz vor Mitternacht. Wer die Gemächer seiner Königin um kurz vor Mitternacht betritt, möchte entweder die Macht seiner Königin vergrößern oder diese Königin verführen", hauchte sie, um ihren königlichen Berater tigernd.
      Mit zuckenden Fingern griff sie nach seiner Wange, strich sanft über diese. Die schwarzhaarige Schönheit verkleinerte den letzten Abstand zwischen ihrer Rechter Hand und sich selbst, eine seiner hellen Strähnen zwischen ihren Fingern zwirbelnd.
      "Möchtest du mich etwa verführen, Lionel?", grinste sie spöttisch. Jeder andere hätte seine Hand bereits verloren, doch nicht Lionel, der ihre Hand abweisend ergriff, bevor sie ihn weiter berühren konnte.
      "Lass den Mist, Eleanor", murrte er entnervt und schob seine Anbeterin ein wenig auf Abstand. Schmollend verdrehte sie die Augen und nahm mit überschlagenen Beinen vor ihrem Berater Platz.
      "Ich hoffe du hast etwas wichtiges zu sagen, wenn du mich nicht schon verführen willst. Ansonsten hast du gerade einen sehr intimen und wichtigen Moment, zwischen mir, meiner Macht und mich, unterbrochen", grinste sie ihm zwinkernd zu.
      Ein weiteres Augenverdrehen des Beraters war Antwort genug, dass es sich um eine wichtige Information handelte.


      Lionel räusperte sich, ehe er sich vor Eleanors Bett hinkniete, eine Karte aus seinem Wams zog und diese sorgfältig ausbreitete. Sie erstreckte sich über mehrere Seite, die er sanft glatt streichen musste, sodass die letzten Grenzen des Reiches erkennbar waren sowie die anliegenden Ortschaften.
      "Es hat eine Weile gebraucht, doch ich habe sie gefunden." Ohne seine weiteren Worte abzuwarten, sprang Eleanor auf, um gleich daraufhin wieder neben Lionel auf die Knie zu fallen.
      Grob zerrte sie an der Karte, mit strahlenden, blauen Augen, bevor sie ihren Beratern an den Schultern packte. Sie war kurz davor ihn zu schütteln, wenn er nicht sofort weitersprach.
      "Seichte", warnte er sie mit ruhiger Stimme, ergriff ihre Hände und hielt diese fest.
      "An der Grenze der westlichen Wälder, in der Nähe von Dorf Daggerhorn...einige Jäger haben von einer Hütte in den tiefen des WOncaldes berichtet. Mehrere Augenzeugen sollen dort eine junge Frau mit einem roten Umhang erblickt haben. Eros hat diese bereits erspäht. Vier Soldaten habe ich bereits vorgeschickt, der General und ich werden in wenigen Minuten selbst aufbrechen", erklärte er seiner Königin ruhig. Der Spiegel mochte Eleanor jung und munter halten, doch nicht einmal die Magie aus der Anderswelt konnte seine Königin davor bewahren, an einem selbst verursachten Herzinfarkt zu sterben.
      Ohne ihren Ärger auf sich zu ziehen, zog er sie vorsichtig wieder auf die Beine, strich ihr die wirren Haare aus dem Gesicht und nickte ihr zuversichtlich zu.
      "Wir werden sie kriegen. Vertraue mir."
      Eleanor selbst hatte erneut die Kontrolle über sich verlassen. Für einen Augenblick musterten ihre Augen das Gesicht des Beraters, suchten nach einem Anflug von Zweifel, nach irgendetwas, doch alles, was sie in seinen Augen sehen konnte, war Zuversichtlichkeit und Aufbruch. Wenn Eleanor es nicht besser wusste, hätte sie behauptet, dass Lionel gelogen hatte, doch das hatte er noch nie.
      Verdammt, dachte sie innerlich, aufgewühlt durch ihre eigenen Gefühle, ehe sie sich aus seinem Griff befreite und ihrer königlichen, rechten Hand, den Rücken zukehrte. Ihrem einzigen Freund.
      Eleanor hasste es, ihn gehen lassen zu müssen. Auch wenn sie es nie zugeben würde, hielt sie kaum einen Tag ohne ihrem Anker aus, doch sie hatte keine andere Wahl, als ihn gehen zu lassen.
      "Eleanor-"
      "Geh."
      Sie musste sich nicht umdrehen, sie wollte sich nicht umdrehen, um den Blick in seinen Augen zu sehen, den Blick von jemanden, der still und heimlich, ohne es je offensichtlich darauf auszusetzen oder es je anzusprechen, einen für das eigene Elend bemitleidete.

      Eleanor brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass er sich trotz allem vor ihr verneigte, bevor die schwere Tür ins Schloss fiel.
      Hier stand sie nun wieder, wie zuvor auch.
      Die dünnen Stoffe ihrer Kleider wehten rhythmisch um ihren Körper, während Eleanor voller Leidenschaft und Machthunger auf vollkommene Finsternis blickte, auf das schleierhafte Schwarz, das sich nun vollkommen über das Land der Spiegel und der Hauptstadt gelegt hatte.
      Mit den ersten Glockenschlägen, die Mitternacht ankündigten und einem schmerzenden Herzen sah sie Lionel und den obersten General Alexios, aus dem Palast reiten. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus, sodass sie für einige Augenblicke die Augen schließen musste.
      Viel Erfolg. Der Wind trug mit zischendem Wehen ihr Hauchen davon, während sie an Ort und Stelle für eine ganze Weile noch verharrte.
      Die Spiegelkönigin hatte nicht wissen können, dass es das letzte Mal war, dass sie die königliche Rechte Hand sehen würde.


      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Valerie Burke, Derek & Miles Harrison

      Der Schnee tobte an den Fenstern eines kleinen rustikalen Hauses tief in den Wäldern Daggerhorns, von dem jeder des Dorfes wusste, das man diesem nicht zu nahekommen dürfte, da dort keine normale Familie hauste. Ein kleiner Raubtierzähniger Junge mit Wolfsohren und einer dazu passenden Rute, der auf dem hölzernen Boden mit einer Ratte spielte, die er versuchte in die Enge zu treiben, zu fangen und vielleicht auch zu verspeisen. Hasen waren ihm wesentlich lieber natürlich, aber die waren zu der Jahreszeit so schwer zu finden. Seine Mutter stand in der Nähe – das Geschirr abwaschend -und sah unentwegt aus dem Fenster. Ihr blassbraunes Haar hing nur teils aus ihrem roten Cape heraus, dessen Kapuze normalerweise erfolgreich ihre ebenfalls pelzigen Wolfsohren, die durch das Haar hervorstachen, verbergen konnten. „Er ist spät dran..“, grummelte sie und verzog dabei das Gesicht, ehe sie genervt ausschnaubte. „Er ist nie pünktlich! Er kann echt was erleben, das kannst du aber wissen!“, schimpfte sie gereizt und sah zu ihrem Sohn, der nun versuchte, der Ratte hinterher unter der Couch zu folgen. „Derek. Was machst du da? Wenn du die Ratte einkesseln willst, darfst du ihr nicht folgen. Du musst ihr schon eine Falle stellen~“, erklärte sie schmunzelnd, während sie das abgewaschene Geschirr begann abzutrocknen. In dem Moment knarzte es auf der Veranda und schon ging die Tür auf. Dabei drang ein Teil des Schneesturms hinein, bis die Person die Türe hinter sich wieder schloss. „Bin wieder da~“ – „Papa!!“, rief Derek fröhlich und rannte auf diesen zu, der den lachenden Jungen sofort hochhob. Valerie hingegen sah trotzig in dessen Schnee überdeckten Gesichts, während sie auf ihn zutrat und ihm den Schnee abklopfte. „Du bist zu spät! Wie immer! Wir haben schon gegessen und das nur weil du dich wieder sonst wo rumgetrieben hast.“ Bei seinem Blick zu ihr jedoch sah sie verlegen zur Seite. „Schau mich nicht so an. Ich bin sauer! Also versuch gar nicht erst mich um den Finger zu wickeln. Immer muss ich auf dich warten. Immer bin ich mit Derek so lange alleine. Wann… kommst du endlich mal pünktlich? Wann… bist du endlich richtig an unserer Seite, anstatt irgendwas gegen die Königin unternehmen zu wollen? Derek und ich wollen dich hier bei uns haben!“ – „Val..“ Allein das Aussprechen ihres Namens fühlte sich an, als würde ihr Herz in tausende Stücke zerspringen und ihr Blick wurde ganz glasig, als sie ihrem Liebsten wieder ins Gesicht sah. „..Geh nicht fort. Bitte….“, hauchte sie schwach, während sie eine seiner Hände an ihrer Wange spürte. Doch genau dann, als sie diese ebenfalls berührte, begann sich seine Silhouette immer mehr und mehr aufzulösen. „NEIN! BLEIB HIER!!“, schrie sie als er nur noch eine Art Nebelschwaden war, der im nächsten Wimperschlag vollkommen verblasst war..

      Mit einem erschrockenen Aufschrei fuhr Valerie in ihrem Bett hoch – schweißgebadet und schwer am Atmen. Sie hielt sich die Brust, die so sehr schmerzte. Seine Stimme in ihren Ohren schien noch immer zu vibrieren, obgleich es nur ein Traum war. Es war noch tief in der Nacht. Es herrschte tatsächlich ein Schneesturm in dem Dorf, in dem sie mit ihrem kleinen Sohn lebte. Doch die Person, die fehlte, um ihre kleine Familie zu vervollständigen, war schon seit Jahren tot. Und allmählich glaubte sie seine Stimme zu vergessen. Sie wusste noch genau wie er aussah. Doch im Vergleich zu früher, als sie jeden Tag von ihm träumte und sie immer so viel geredet hatten.. sprach er jetzt kaum noch mit ihr. Es war als ob ihr Unterbewusstsein nicht mehr wusste, was er sagen würde. Nicht mehr wusste, wie seine Stimme klingen würde, wenn er mit ihr sprechen würde. Warum nur.. musste ihre Liebe auf einem so dünnen Eis gestanden haben? Leise weinend drückte sie sich ihre Decke an ihren Körper, um sich wenigstens einbilden zu können, dass er es sei, an den sie sich drückte. Doch mehr würde er nie wieder sein können als eine Einbildung, die ihr helfen sollte, den Schmerz zu überdecken. „Hey..“, erklang plötzlich eine Stimme in der Dunkelheit, doch Valerie sah gar nicht erst auf. Sie wusste sehr wohl, wer es war. Und wusste auch, wer kurz darauf in ihr Bett gestiegen kam und sie in die Arme nahm. „Ich.. kann ihn nie aufhalten zu verschwinden. Nie.. Wann hört es endlich auf so wehzutun, Miles?“ Der Rotschopf mit den grünen Augen, der seit über einem Jahr an ihrer Seite und der ihres Sohnes war, strich behutsam ihren Haarschopf. „Ich weiß es nicht. Vielleicht nie. Aber du lebst weiter und tust Alles, damit euer Sohn eine Zukunft haben kann. Das ist das Wichtigste, nicht wahr? Außerdem“ Er löste sich langsam und strich ihr die Tränen aus dem Gesicht. „wenn es weiterhin wehtut, bedeutet es ja nur, dass du ihn nicht vergessen wirst. Ich meine.. hätten wir bei uns so eine Technologie wie hier, hättest du wenigstens ein Bild von ihm gehabt oder sogar ein Video. Mehr als dieser Anhänger da.“ Dabei deutete er auf die Kette, die um ihren Hals hing. „Ohne so Etwas.. verblasst die Erinnerung irgendwann. Darum… meiner Meinung nach, klammere dich solange es geht an den Schmerz, damit die Erinnerung bleibt. Und irgendwann, wenn du bereit bist loszulassen, dann.. stell dich der Tatsache, dass er irgendwann nur noch ein Schatten deiner Erinnerung bleiben wird, den jedoch immer bei dir tragen wirst.“ Schniefend nickte sie und schüttelte kurz danach den Kopf. „Das ist so lächerlich, dass ich beinahe jede Nacht deshalb weine.“ Sie rieb sich über die Augen. „Lächerlich? Nonsens. Es ist doch normale, nach allem was war. Bin nur froh, dass ich euch fand und nicht die königliche Armee.“ Sie erschauderte bei diesen Worten sofort. „Sag sowas nicht! Es wäre grauenvoll, wenn… Vielleicht sollten wir doch lieber in einen anderen Ort ziehen, damit sie uns nicht so leicht finden.“ – „Jetzt wirst du aber paranoid.“ Er lachte auf. „Sie haben dich all die Jahre nicht gefunden, warum also jetzt? Dein Traum macht dir zu sehr zu schaffen. Soll ich lieber bei dir bleiben den Rest der Nacht? Dann kommst du vielleicht endlich mal runter von deiner Paranoia haha“ Schmollend schlug sie ihn in den Magen, weshalb er schmerzvoll zischte und sich krümmte. „Dass du jedes Mal.. so brutal gleich werden musst.. Das tut weh verdammt!“ – „Ich kann ja mal ernst machen, wenn du meine ernstgemeinte Sorge als Paranoia darstellst!“, gab sie grimmig grinsend zurück. „Und du bist echt eine Mimose, wenn du nicht mal den leichten Schlag aushältst.“ – „Du hast keine Ahnung wie du deine Kraft kontrollierst, fürchte ich. Ein Wunder, dass du beim Klopfen an Türen diese nicht gleich auseinanderreißt.“ – „Mimose…“, brummte Valerie Augen rollend und legte sich wieder hin – mit dem Rücken zu Miles gewandt, der sich neben sie legte und mit hinter dem Kopf verschränkten Armen die Decke betrachtete. „Vielleicht wär‘ es auch ganz gut, wenn du einfach einen anderen Mann in deinem Leben zulässt. Könnte dein Herz wieder flicken, denke ich.“ Sofort bekam er ein Kissen ins Gesicht geschlagen, das Federn warf und er zwei davon aus dem Mund spucken musste. „Was denn? Ist doch wahr. Die ganze Zeit nur einem nachzuweinen, ist doch traurig.“ Doch sie schwieg darauf nur, denn er wusste ja eigentlich genau, was ihre Einstellung dazu war, egal wie oft er ihr das vorschlug. Und als ihr Atem nach einer Weile wieder regelmäßiger ging, wusste er, dass sie wieder eingeschlafen war. So, wie jede Nacht, wenn sie geredet hatten.

    • Es waren zunächst einige Stunden, Tage und anschließend wurden es Wochen, seit die königliche rechte Hand der Spiegelkönigin aufgebrochen war, um das Rotkäppchen und das Wunder, das das Rotkäppchen ihren Sohn nennen durfte, gefangen zu nehmen. Die Spiegelkönigin tigerte schon seit jeher durch ihre Gemächer und ward seit mehreren Wochen nicht mehr im Volke gesehen worden, sodass im Lande kurzzeitig die Hoffnung ausgebrochen war, Königin Eleanor sei verstorben.
      "Ganz schön unruhig, mein Herzchen. Ich frage mich, wie lange es noch dauern wird, bis dein teuerster General dir einen Raben zukommen lässt und dir berichtet, dass dein Blauperückenschaf dahingeschieden ist. Vielleicht wird auch nie eine Nachricht ankommen, wenn mein Herz alle zum Abendessen verspeist hat."
      Eleanor hatte seit Tagen nicht geschlafen. Seit Tagen hatte sie sich nicht vom Fleck gerührt, sondern saß immer noch an derselben Stelle wie zuvor auch und schrieb immer noch verzweifelt an den Brief, den sie schon vor langer Zeit mit einem Raben hätte losschicken wollen.
      Aus ihren Gedanken gerissen, hob Eleanor wütend den Blick und starrte auf den Spiegel, den Drang etwas dagegen zu werfen, gerade noch unterdrückend.
      "Verflucht seist du Jamal. Wenn ich die Macht darauf haben würde, würde ich dem Spiegel nicht weiter gewähren, mir dein Gesicht zu zeigen. Verschwinde aus meinen Gemächern", knurrte die Spiegelkönigin und zog das Nachtgewand, das ihren Körper nur spärlich bedeckte, enger um ihren Leib.
      "Ich würde nur allzu sehr aus deinen Gemächern fliehen wollen, hätte mich eine besessene Königin nicht in ihrem Spiegel als Trophäe aufbewahrt", konterte der ehemalige Wesirs-Sohn lasziv und streckte sich.
      Eleanor verlor die Geduld, sodass sie unbeabsichtigt ihre Schreibfeder mit ihren eigenen Händen zermalmte und letztendlich auf den Boden warf, ehe sie mit weniger als einem Wimpernzucken den Abstand zwischen Schreibtisch und Spiegel durchmaß. Sanft, um den Spiegel nicht zu verärgern, legte sie ihre Hand darauf und strich über das, was die Spiegelung Jamals war.
      "Eines Tages werde ich persönlich in den Spiegel steigen und dir diesen schönen, dünnen Hals umdrehen, bevor ich deinen Kopf vor meinem Palast den Raben zum Fraß gebe. Doch bis dahin, werde ich dich weiter erdulden, da du mir von Nutzen bist." Überrascht über die erwidernde Geste Jamals, der ebenfalls seine Hand auf die kalte Oberfläche des Spiegels legte, auf Eleanors Handfläche, wäre sie fast zurückgewichen. Seine Energie und die Wut, die in dem Prinzen brodelte, konnte Eleanor spüren. Es war schon fast, als könnte sie die immer weiter weichende Wärme und Menschlichkeit aus seinem Körper fühlen.
      "Eines Tages werde ich aus dem Spiegel steigen und deinen schönen Körper zu einer Wunderlampe brechen und drehen." Er lächelte so warm, dass man hätte meinen können, er wäre der Spiegelkönigin verfallen.
      Eleanor war gerührt. Es war eine derart schöne Feindschaft, wie sie es kaum geben konnte, so schön, dass es ihr nahezu kalt den Rücken hinablief. Wenn sie in Jamals Gesicht sah, das warme, diabolische Grinsen, dass sich gerade nur das Grausamste mit ihr vorstellte, sah sie sich selbst. Er war ihr Spiegelbild. Sie und er teilten denselben Hass und dasselbe Lächeln. Zufrieden senkte sie den Blick und machte auf den Absatz kehrt.
      "Sieh zu, dass du dich nicht von deinem Hass blenden lässt, Wunderlampenjunge. Ein geblendeter Feind wäre mir nicht ebenbürtig. Ein ebenbürtiger Feind ist für mich weniger wert, als eine Küchenschabe und das wäre nur allzu....Schade." Eleanor war schon nahezu guten Gemütes, als es an ihrer Tür klopfte und jemand ohne Gewähr auf Einlass die Gemächer betrat.
      Das konnte nur...
      Federleicht wirbelte Eleanor herum und erstarrte.
      Vor ihr Stand nicht Lionel.
      Es war der Hauptgeneral Alexios, der mit gesenktem Blick vor ihr auf die Knie fiel.
      "Eure Majestät...."
      Panik ergriff Eleanor, sodass die Spiegelkönigin wie nie zuvor das Gesicht vor ihren Untertanen verlor.
      "Wir haben die königliche rechte Hand verloren."
      Ihr wurde schwarz vor Augen.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Naru, Nera & Hades

      “Oh nein, da scheine ich ja zu einem vollkommen unpassenden Zeitpunkt erschienen zu sein, was? Der Verlust eines geliebten Partners ist immer hart, was~“, trällerte die Stimme eines jungen Mädchens durch den Raum, ehe die Kommode Eleanors in blauen Flammen stand und sich daraus eine Silhouette bildete, die mit übereinander geschlagenen Beinen darauf Platz nahm. Ein junges Mädchen mit stechenden unterschiedlich farbigen Augen, das nicht gerade wenig Haut zeigte, auch wenn die Art ihrer Kleidung eher einer Natur entsprach, die hierzulande als äußerst ungewöhnlich erschien. Ihr selbstsicheres, beinahe raubtierhaftes Grinsen war ebenso ungewöhnlich, besonders in diesen Kammern und besonders entgegen zu Eleanor, die von allen im Lande ausschließlich gefürchtet wurde. „Tja, was soll’s. Ist halt das Problem mit euch Sterblichen. Selbst schuld, wenn ihr euch für endliches Leben entscheidet, nich~“, ergänzte das Mädchen Achseln zuckend und blickte provozierend zu der aufgelösten Königin. „Oh, schaut doch nicht so drein. Dadurch bekommt Ihr nur wieder Falten und habt erneut diese hässlich-groteske Fraske, Eure Majestääääät~ kihihihihi“, kicherte das Mädchen amüsiert. „Ich bin nur eine Art einfache Botin, auch wenn dieser Job weit unter meiner Würde ist, wie ich finde. Aber was soll man machen, wenn man der jüngste Spross einer edlen Blutlinie ist, nich?“ Sie sprang von der Kommode herunter und ging wie selbstverständlich zum Spiegel, dessen Inneres ihr nicht verborgen blieb. Sie schmunzelte den Sohn des ehemaligen Großwesirs verschmitzt an. „Was eine Tragödie, ein so hübsches Geschöpf in einem Spiegel gefangen zu halten. ...Wiiiiiiiiiiiie auch immer“ Sie wirbelte herum, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und grinste Eleanor unbeeindruckt an. „Ich soll ja Euren nächsten Besuch ankündigen. Mein Vater hält sehr viel von Höflichkeit, auch wenn eher auf seine exzentrische Art~ Und so… ohne große Umschweife.. kündige ich Euren hohen Besuch an. Meinen Vater, den Herrn der Unterwelt, Gott der lebenden Toten und der verlorenen Seelen: HADES!“ – „Nera... Vater hat gesagt, dass er erst in 20 Minuten kommen kann. Wieder nicht zugehört?“, bemerkte nun eine andere Silhouette, die aus violetten Flammen stieg und wesentlich zeitgemäßer gekleidet war. Dabei handelte es sich um einen Jungen, der etwas älter schien als das Mädchen und auch wesentlich vernünftiger, allerdings durchaus vertraut mit ihr umging. „Ach, stimmt ja! Er musste wieder mal auf Toilette. Ich hab‘ gleich gesagt, dass er das Moussaka nicht essen sollte. Der bekommt davon doch immer Magenverstimmungen.“ Der Junge räusperte sich streng. „Nicht gerade der passende Ort, DAS zu bereden, meinst du nicht auch?“ Er drehte sich zur Königin und verneigte sich, wenn auch nur flüchtig, vor ihr. „Verzeiht das Benehmen meiner Schwester, sie ist noch sehr unreif für ihre 280 Jahre.“ – „Du meinst wohl eher: Sie kommt nach unserem Vater. Darauf verzichtest du doch sonst nie, das zu betonen~“, verbesserte Nera ihren Bruder, der lediglich mit den Augen rollte. „Wie dem auch sei. Unser Vater möchte eine Audienz bei Euch und es wäre in Eurem Interesse ihn entsprechend zu empfangen.“ – „Er kann nämlich sehr schnell an die Decke gehen kihihihihi“ – „Hast du nichts Besseres zu tun, als mir dauernd ins Wort zu fallen oder Dinge zu sagen, die du für dich behalten könntest?!“ – „Nope~ Es macht zu großen Spaß, dich zu ärgern kihihihihi“ – „Wir sind bei einem potenziellen Klienten und du benimmst dich wie ein Kleinkind! Unfassbar, dass Vater dir diese Aufgabe der Ankündigung auch nur geglaubt hatte, anvertrauen zu können!“ – „Ich bin halt süß und niedlich und sowieso immer der Liebling von Vater gewesen~ Blöd gelaufen, wenn man nur Ausrangierware ist kihihihi“ – „Du kleine Kröte!“ Doch gerade als er sie packen wollte, erbebte der Boden, schwarzer Rauch gemischt mit bläulich züngelnden Flammen überzogen den marmornen Boden, ehe eine wesentlich größere und eleganter wirkende Person erschien, deren Gesicht geradewegs wirkte, als ob es aus Porzellan sei. „Da bin ich, da bin ich~ Da mach ich noch schnell einen Abstecher in die Bäder Roms und schon treibt ihr zwei meine Kundschaft in den Wahnsinn. Unglaublich. Ich glaube ich muss mal über eure Befugnisse reden, wenn ihr derart über die Strenge schlagt.“ Er schwebte geradezu zu Eleanor herüber, nahm ihre Hand in seine und küsste den Handrücken mit einem charmanten Lächeln im Gesicht. „Hades, Gott der Unterwelt und der Toten. Es ist mir eine Ehre eine so eiskalte Schönheit meine Klientin nennen zu dürfen. Natürlich musst du dazu erstmal zustimmen, aber was bleibt dir schon für eine Wahl, so machtlos wie du nun bist im Angesicht des bitteren Verlusts und der Verzweiflung, dass die angestrebte Macht dir immer und immer wieder aus den Händen gleitet und es immer wird.“


      Valerie Burke, Derek & Miles Harrison

      Seit einigen Tagen bereits ging Valery immer wieder zu einem großen Baum mitten in dem dichten Wald, während sie eigentlich ihre Backwaren ausliefern sollte. Immer wieder, um zu überprüfen, dass das Siegel, das das Tor zwischen beide Welten verbergen sollte, nicht schwächer geworden war. Denn leider konnte sie den Durchgang nicht völlig verschwinden lassen, so gerne sie es auch wollte. Dazu waren ihre Fähigkeiten zu schwach. Immer wieder fluchte sie darüber, dass sie sich von Jamal nicht mehr hatte beibringen lassen und sich nur darüber lustig gemacht hatte, dass sie nie zaubern können müsste. So viel dazu, was? Beunruhigender Weise war das Siegel tatsächlich schwächer geworden. Nachdem Miles in diese Welt gekommen war, war es bereits am Schwächeln gewesen, doch sie konnte es wieder reparieren. Doch mittlerweile schien es seit einiger Zeit mit jeder Minute schwächer zu werden und das, obwohl sie es tagtäglich erneuerte. Es war wohl keine dauerhafte Lösung, wenn sie keinen darum bitten könnte, ihr zu helfen, der sich mit Magie so gut auskannte, wie... wie...
      Sie schluckte schwer, als ihre Gedanken zu ihrem verstorbenen Liebsten wanderten und krallte sich in die Handflächen – den Kopf leicht gesenkt, sodass der Wind ihr das Haar ins Gesicht wehte, das nicht von ihrem roten Kaputzenumhang bedeckt wurde. Plötzlich knackste Etwas hinter ihr und sie fuhr ruckartig herum, doch noch ehe sie sich auf einen Angriff hatte wappnen können... sprang ein kleiner Hase aus einem Gebüsch und hopste an ihr vorbei davon. Ihr angespannter Körper entspannte sich jäh und sie atmete kurz erleichtert durch. Wurde sie langsam paranoid? Aber sie bekam seit Tagen das Gefühl nicht los, dass Etwas nicht stimmte, dass Etwas geschehen würde.. dass man sie finden würde ...bald. Sie schüttelte sich und lehnte sich mit dem Rücken an die dicke Buche hinter ihr – erschöpft durch die Wipfel der Bäume, durch die nur dezentes Sonnenlicht durchschien, blickend. Wieder raschelte es, aber nun zu ihren Füßen, sodass sie sich dieses Mal nicht erschrak, sondern sich nur fragte, welches dumme Waldtierchen sich traute ihr derart zu nahe zu kommen und ob es wusste, dass es nun ihr kleiner Snack werden würde. Sie blickte hinunter und sah zwei kleine gefiederte Vögelchen sich um einen Wurm streiten, der sich wohl in Etwas gefangen sah, dass nach einem Stück Stoff aussah. Stirnrunzelnd ging sie in die Hocke und die Vögel ließen jäh von dem Wurm ab und flogen eilig davon, doch das war ihr gerade gleich. Sie hatte zwar ein wenig Hunger, aber gerade stieg ihre Neugier bezüglich des Stück Stoffs zu sehr an, als dass sie sich mit etwas Anderem hätte befassen können. So tief in den Wald gingen immerhin nur eingefleischte Jäger und sonst niemand. Und wie groß war die Chance, dass genau hier, genau bei DIESEM Baum ein Stück dunklen Stoffes lag? Sie half dem Wurm aus seiner Gefangenschaft, legte ihn zurück zu Boden und nahm den Stoff an sich, der, wie sie nun erkannte, eine ganz spezielle Duftnote besaß. Sie schnupperte intensiver daran. Irgendwie kam ihr dieser Geruch sehr vertraut vor. Ein Geruch, der in ihr ein unbehagliches Gefühl auslöste. Ein eiskalter Schauer fuhr ihr über den Rücken. Ihre Finger, die den Stoff hielten, begannen zu zittern, als ihr das Bild von Pferden vor Augen kam, das von Soldaten der Königin der Anderswelt handelte, die durch Dörfer wüteten, um sie und Derek zu finden – geführt von ihrem treusten General, den sie jedoch nur aus Erzählungen kannte, aber bisher nur aus der Ferne einst gesehen hatte. Was wohl besser für ihn war. Doch dieser Geruch... Dieser Geruch passte genau zu diesem Moment als sie den Soldaten und diesem General vor Jahren um Haaresbreite entkommen konnte. Sie hatte es gewusst, nicht wahr? Sie waren hier längst nicht mehr sicher. Sie müssten so schnell es ginge von hier verschwinden! Aber vorher müsste sie herausfinden, in welche Richtung der Besitzer dieses Stück Stoffes gegangen war. Vielleicht war er ja in eine vollkommen andere Richtung gegangen, was ihr Glück wäre. Wenn nein, dann könnte es sein, dass sie Derek längst hatten ausfindig machen können!
      Wieder an dem Stoff schnuppernd, ging sie kurz darauf tiefer in die Hocke und schnupperte am Boden – den Korb mit den Backwaren zur Seite stellend. Als sie den Geruch aufgenommen und die nicht mehr wirklich sichtbaren Fußspuren bemerkt hatte, folgte sie diesen allmählich durch das unter ihren Füßen und Händen raschelnde Blätterwerk, ehe sie bei der Lichtung innehielt, die zu IHREM Dorf führte und der Geruch in diese Richtung wesentlich stärker geworden zu sein schien. Sie schluckte, rannte zu dem Baum zurück, schnappte sich ihren Korb und warf dem Baum noch einen finsteren Blick zu, ehe sie die Füße in die Hände nahm und den Wald wenig später hinter sich ließ, um ins Dorf zurückzulaufen. Seit Tagen hatte sie schon dieses unwohle Gefühl und nun bestätigte es sich, dass sie hier nicht länger unter sich waren. Sie müsste Miles und Derek holen und dann so schnell wie möglich zum Hafen in der nahegelegenen Stadt gehen, in der sie das nächste Schiff nehmen und zum weiter entfernten Festland fahren würden. Und das möglichst ohne Kollateralschäden.

    • Eleanor

      Wir haben die königliche rechte Hand verloren.
      Zuerst wurde Eleanor schwarz vor Augen, ehe sie sich wieder fasste und ihre Handfläche das Gesicht des obersten Generals Alexios mit voller Wucht traf. Der erstarrte General zuckte nicht einmal mit der Wimper, als die furchterregende Königin diesen am Kragen packte und auf die Beine zog.
      "Ihr habt ihn verloren?", hauchte sie in sein Ohr mit einem Schwung Verzweiflung in ihrer Stimme. Nicht eine einzige Schweißperle zierte die Stirn des Generals, als er sich ein wenig zu Eleanor vorlehnte und starr nickte.
      "Ja, Eure Majestät."
      Mit einem Zischen löste Eleanor innerhalb weniger Augenblicke ihre Haarnadel aus dem Kopf, doch bevor der versteckte Dolch sein Zeil treffen konnte, ertönte Jamals lachen aus dem Spiegel.
      "Spieglein, Spieglein an der Wand, wird Eleanor die größte Witwe im ganzen Land?" Ruckartig warf sie den General wieder zu Boden und fuhr zu dem Spiegel herum.
      In solchen Momente fühlte sich Eleanor eher, als würde sie über eine Kinderkrippe regieren und sie ruhig dem Schönling aus den Landen des Sandes den Hals umdrehen könnte. Aber sie brauchte ihn, seine Seele und sein Leben.
      Ohne Jamal weiter Beachtung zu schenken, baute sie sich erneut vor Alexios auf.
      "Sprecht", knurrte sie, die finsteren Augen zu ihren Füßen gerichtet. Aus der Perspektive des Generals sah die schöne Königin eher wie eine Furie aus der Unterwelt oder einem Panther aus der Hölle, mit den flammenden Augen, dem dünnen Lächeln, das ihm alle Knochen brechen wollte und den wilden, pechschwarzen Wellen die ihr Gesicht wie ein wildes Meer aus dunkler Magie umrahmten.
      "Wir sind der Spur gefolgt, die wir erhalten haben und sind zum früheren Wohnsitz des Rotkäppchens angekommen, als seine königliche Rechte Hand Lionel eine neue Fährte aufnahm. Er verschwand spurlos in den Wäldern Daggerhorns. Wir haben jeden Fleck durchsucht und selbst unter jedem Baum geschaut. Magifizierte Späher haben auf der Suche nach O'Mara geholfen, jedoch nichts gefunden. Nicht eine Spur Magie, nicht eine Spur Stoff. Ich fürchte, ich habe Euch enttäuscht, Eure Majestät."
      Magifizierte Späher und die Garde der Königin schienen wohl alle nicht mehr zu gebrauchen zu sein. Bevor Eleanor erneut die Stimme erheben konnte, ertönte erneut ein Lachen, doch dieses Mal entsprang es nicht der Kehle des Wahnsinnigen in ihrem Spiegel.
      Jemand anderes war eingetreten. Eleanor drehte sich um und erblickte zu ihrer Überraschung zwei fremde, wild durcheinander sprechende Gestalten. Hades. Vater. Toilette. Klienten, Termine. Sie verstand kein Wort davon und würde auch keines verstehen wollen.
      "Genug!" Ihre Stimme durchfuhr die gesamte Etage und sorgte für einen Augenblick Stille. Sie regierte eindeutig über das Wunderland. Fehler im Protokoll.
      "Ihr wagt es in meine Gemächer einzudrängen, meine Zeit zu vergeuden und anschließend nicht nur mich, sondern auch euch lächerlich zu machen? Verschwindet und sagt Eurem Hades, er soll auf seinem Thron bleiben. Ich habe keine Audienz mit diesem Herr der Fliegen", murrte sie und kehrte Ihnen den Rücken zu.
      "Verschwindet", bedeutete sie Alexios, der bereits seit seinem Eintreten darauf vorbereitet gewesen war, entweder nie wieder hier herauszukommen oder dem Kommando der Königin innerhalb weniger Augenblicke nachzukommen.
      Dieses Mal hörte sie den Neuankömmling, bevor er sie wie die anderen beiden aus dem Hinterhalt überraschen konnte.
      Er war anders. Das sah Eleanor auf den ersten Blick. Er strahlte nichts weiter als Eleganz und Dunkelheit aus, dieser Herr der Fliegen. Seine Gewänder schienen wie Shatten um ihn zu fliegen, während sie sich jedoch gleichzeitig um seinen teils verrucht bekleideten Körper schmiegten. Sie könnte schwören, einige seiner Strähnen waren noch nass, als er ihre Hand nahm und sanft einen Kuss auf ihren Handrücken hauchte.
      Er war wunderschön und Eleanor erfüllte das mit Wärme. Es gefiel ihr. Sein schönes, makelloses Gesicht, wie eins, das sie gerne zeichnen würde.
      So ein vorlauter schöner Mann.
      Sie wollte ihn zerstören.
      Fast hätte sie geseufzt, bevor sie eine ihrer wohlgeformten Augenbrauen hob und eine seiner langen Strähnen auf ihrem Dolch zwirbelte.
      "Hört, hört. Der Gott der Unterwelt ist aus den Schatten gekrochen, um sich über eine schöne Königin zu amüsieren. Wie töricht, das kann nur von der Unsterblichkeit sprießen", seufzte sie, die Strähne immer weiter einrollend, bis sie direkt vor ihm stehen blieb.
      "Welch' eine Ehre es Euch auch sein mag, ich fürchte Ihr habt keine Wahl als Euch an meinem Hof benehmen zu müssen....Jeder Hof hat seine Regeln, nicht wahr?" Ihr Atem berührte seine makellose Haut, als sie sich zu dem Fremden hinbeugte und ihm den Tadel ins Ohr raunte.
      "Benehmt Euch. Welch' grauenvolles Beispiel als Elternteil, einer Königin nicht die formelle Ansprache zu gewähren, die ihr zusteht, mein Gott der Thermen", knurrte sie, einen Blick auf die Gören im Hintergrund, bevor sie die makellose Haut an seinem Hals mit einem Schnitt überzog, zuerst einem leichten und dann schnitt sie durch sein Fleisch, wie durch Abendessen.
      Mit einem Lächeln ließ sie ab, ließ den Dolch jedoch stecken und winkte ab.
      "Nein, danke. Ich habe genug Leute des Wahnsinns um mich herum und im Spiegel habe ich auch nicht so viel Platz."
      Dieser Schönling sollte sein Angebot nehmen und lieber ein Freudencabaret im Wunderland aufsuchen, dachte Eleanor. Ihr Interesse galt eher seinen Knochen als irgendeinem Angebot.



      Lionel O'Mara

      Wochen waren vergangen, seit die rechte Hand der Königin den verwunschenen Wald um Daggerhorn betreten und seine Armee verloren hatte. Zuerst seine Soldaten, dann seinen Weg und letztendlich seine Sinne. Erschöpft hatte er sich auf einer der helleren Lichtungen niedergelassen und seine müden Glieder an das Holz der alten Eiche gelehnt. Nicht einmal Eros konnte ihn hören, fühlen, geschweige denn sehen. Eros war nicht länger in Lioels Nähe und auch nicht weiter ein Teil seiner Seele.
      Seufzend hatte er das letzte Schlückchen Wasser getrunken und die Augen geschlossen, ehe er diese wieder aufriss. "Eleanor"
      Der Name seiner Königin nichts weiter als ein Hauch auf seinen Lippen.
      "Verzeih mir", hatte er geseufzt, bevor er hoch in den Himmel sah. Über ihn ragten dunkle, finstere Baumkronen, den Blick auf eben diesem Himmel den er sich seit Wochen zu sehen gewünscht hatte, immer noch verwehrend. Bald würde ihn der Tod holen, in Form von Hunger oder eines wilden Tieres, vielleicht raubte ihm aber auch einfach nur der gesamte Wald seine letzte Energie aus.
      "Ich ging bei finst'rer Nacht. :|
      Die Nacht, die war so dunkel,
      kein Sternlein war zu sehn."
      Langsam strichen die Worte, mehr gekrächzt als gesungen und letztendlich nur noch ein leises Flüstern, während Lionel den schleichenden Nebel von den wuchtigen Schatten der Nacht nicht weiter unterscheiden konnte.
      "Die Wunden tun mir weh. :|
      Zu dir, verrücktes Mädchen,
      da komm' ich nimmermeh'"

      Er würde sie nie wieder sehen, nicht in diesem Leben. Lionel verstummte und grub die Hand zu einer schwach geballten Faust. Für einen Moment überkam ihn das Gefühl Magie zu fühlen, wie sie seichte in Begleitung des Nebels durch den Boden schlich und dem toten Wald etwas Leben verlieh. Er glaubte es für einen Augenblick durch seine Adern pulsieren zu fühlen, wie eine neu entsprungene Quelle.
      Ehe das Bild erlöschte.
      Seine Lider wurden schwerer, er schloss die Augen.
      Vor seinem Inneren Auge breitete sich die endlose Weite glatter Oberflächen, die an einen vereisten Fluss oder See im Winter erinnerten. Am Rande des Horizonts, wo nichts als glänzende Tiefe folgte, saß das schwarzhaarige Mädchen, das schon seit er denken konnte, Muster mit einer Haarnadel in das Glas ritzte.
      Als es seine Schritte hörte, sah es auf, das strahlende Lächeln im Gesicht, das er so gern hatte.
      "Da bist du ja", lächelte sie und hielt ihm die Hand hin, die er eilig ergriff. Er verschränkte seine Finger mit den ihren, lehnte sich zu ihr vor und sah in ihre wunderschönen Augen...Nichts. Schwärze.
      Das Bild vor seinem Inneren Auge verschwand, als der Blitz, der urplötzliche Schwall an Magie ihn traf. Lionel versuchte die Augen zu öffnen, die Umgebung wahrzunehmen, doc nichts dergleichen war mehr möglich. Er konnte vor seinem Inneren Auge erkennen, wie gewaltige Quellen Licht auf die Lichtung getreten waren. Er konnte die Magie auf der plötzlich monddurchfluteten Lichtung zuerst nur spüren, dann konnte er selbst vor seinem inneren Auge die Wirbel blauer Fünkchen Magie, die sich letztendlich zu einem Portal entfalteten und Lionel regelrecht verschlangen, als er die Hand danach ausstreckte.
      Als Lionel am nächsten Morgen erwachte, war alles anders. Er hing mit seinem Wams der königlichen Garde tief im Wald an einem Baum fest. Die gesamte Umgebung um ihn herum drehte sich, der verwunschene Wald war verschwunden und...
      Lionel wäre beinahe mit jemanden zusammengestoßen.
      Seit seiner Ankunft in dieser Welt war er stets in Gedanken versunken. Vor ihm waren tausend Wege, tausend Fragen und mögliche und noch doppelt so viele Risiken umgaben ihn.
      Das Stück Stoff, das hier eine Jacke genannt wurde, blieb am Korb des recht traditionell wirkenden Mädchens, hängen. Entschuldigend fuhr er herum, um den Strick aus den Korbflechten zu lösen, als er verharrte.
      "Verzeihung, ich...wollte sie nicht bedrängen", lächelte er entschuldigend, während er etwas unbeholfen an seiner Jacke riss und sich befreite. Mit einem Kratzen am Hinterkopf blickte er etwas beschämt auf seine dreckigen und zerfledderten Stiefel, die ihm einmal im Krieg gedient hatte. Etwas, das er nicht über's Herz gebracht hatte, auszutauschen.
      Er ermahnte sich. Einer gut bürgerlichen Frau mit solch einer Unhöflichen und beschämten Geste zu antworten entsprach nicht seinem Rang, jedoch hatte Lionel die Etikette hier immer noch nicht durchleuchtet.
      Anfangs unentschlossen sah er auf und blickte mit einem ehrlichen Lächeln in das Gesicht des Mädchens.
      "Ich wollte Euren Korb nicht -"
      Lionel erstarrte für einen Augenblick, ehe er den letzten Abstand zwischen sich und der Frau durchmaß.
      Na sieh mal einer an! Der Jäger hat erfolgreich aus dem Wald gefunden.
      Vor ihm stand das Rotkäppchen. Das Rotkäppchen, das er nun mehr denn je brauchte.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Hades

      Hades zog schmunzelnd eine Braue hoch, als dieses ältere, wenn auch jung ansehende Frauenzimmer eine seiner Strähnen auf ihrem Dolch zwirbelte. Sie traute sich tatsächlich ihm näher zu kommen, ohne dass auch nur der Hauch einer Furcht in ihren Augen zu erkennen war. Das war äußerst ungewöhnlich und amüsant zugleich. „Du bist tatsächlich, wie die Gerüchte verlauten lassen. Kalt, berechnend, gnadenlos und äußerst... reizvoll.“ Seine Augen sahen tief in die ihren, als sie ihm so nahe war. „Wie töricht von mir zu glauben, dass du gar unter meiner Stellung ständest. Aber zugegeben, du hast recht. Anerkennung sollte jenen gezollt werden, denen Anerkennung gebührt, nicht wahr.“ Er lehnte sich nun zu ihrem Ohr. „Dann solltet IHR mal beginnen Euch diese zu verdienen, Eure eisige Majestät.“
      Ein schallendes Lachen erklang in dem Zimmer, während sich Hades zurücklehnte und der Dolch in seinem Hals sich lediglich von Flammen entfacht zu Staub zerfiel und sich seine Wunde wieder schloss, als sie sie nie dagewesen. Nicht einmal gezuckt hatte er deswegen. „Gott der Thermen, sehr gut, sehr gut. Wirklich, gefällt mir. Gar nicht so unkreativ für so eine spießige Herrscherin.“ Er sah zu seinen Kindern, eines äußerst belustigt und das andere eher verächtlich dreinblickend. „Ihr könnt jetzt gehen. Den Rest erledige ich lieber in Person und unter 4 Augen, anstatt dass ihr mir im Nacken sitzt.“ – „Willst du sie verfüüüüüühren~?“, fragte sein jüngster Spross mit diebischem Grinsen. „Nera.. Lass Vater seiner Arbeit nachgehen. DU hast noch genug Pflichten, denen du nachkommen solltest.“ – „Ah. Das ist mein Stichwort. Byelili~“ Im nächsten Augenblick verpuffte sie bereits in einem dunklen Rauchschwaden. „Diese kleine Mistkröte!“, schimpfte Naru und verschwand ebenfalls in einem undefinierbarem grau-violetten Rauchschwaden. „So, meine Schöne. Nun sollten wir erst einmal reden, meinst du.. ah. Ihr nicht auch?“, begann Hades schmunzelnd, trat durch den Saal, nahm sich eine Birne von dem Obstteller und biss genüsslich hinein, ehe er es sich auf der luxuriösen Couch niederließ und sie erwartungsverheißend ansah. „Ich komme mal gleich zur Sache. Ich bereite mich derzeit auf einen langatmigen Kampf vor. Du weißt schon. Gladiatoren hier, Möchtegernhelden da, verwüstete Städte und Länder dort, Angstschreie und Panik und der ganze Krimskrams. Doch leider habe ich so einen kleinen vollkommen unbedeutenden Widersacher, der mir ein Dorn im Auge ist. Ihn selbst zu zerstören geht nicht wirklich, da ich damit den Groll meines.. ist ja auch nicht von Bedeutung. Was von Bedeutung ist, ist dass ich mir nun ein Heer aus unbestechlichen und mächtigen Verbündeten schaffe. Und DU bist eine von jenen, die ich dafür anheuern möchte. Natürlich nicht zum Nulltarif, wenn du verstehst.“ Ein verruchtes Grinsen stahl sich über sein perfektes Gesicht. „Ich biete dir im Gegenzug Etwas, wonach du dir schon seit langer Zeit die Finger leckst. Etwas, das dich so mächtig macht, wie kein anderes Wesen in dieser Welt. Aber hey, wenn du lieber auf einen Schub deiner Macht verzichten möchtest, verstehe ich das natürlich. Nein, das tue ich nicht, aber ich akzeptiere es dann wohl notgedrungen.“, meinte er recht resignierend wirkend und aß genüsslich von dem Obst weiter, wobei sein Blick kurz zu dem Spiegel huschte. „Sag.. wenn du schon kein Interesse hast, wie wäre es dann mit dem Burschen, den du da gefangen hältst? Er wäre auch keine so üble Bereicherung meines Heers. Und sicher durchaus hilfsbereiter~“ Er schnipste mit den Fingern und schon stand Jamal leibhaftig in deren Mitte, ohne dass er an den Spiegel gebunden war. „Und? Hast du meinen Vorschlag gehört, Junge? Was sagst du? Überlege es gut. Lehnst du ab, landest du wieder im Spiegel~“


      Valery

      Valery war so panisch, während sie beim Ausliefern der duftenden Backwaren unbeholfen am Handy herumtippte. Oh, wie sie diese Teile verabscheute! Aber anders konnte sie Miles auf die Schnelle nicht Bescheid geben, was sie herausgefunden hatte und wie sie nun vorhatte vorzugehen. Leider war er gerade mitten im Wald, weshalb die Verbindung so mies war, dass er nur Bruchstücke verstanden hatte und sie fluchend mit dem Handy auf ihrem Weg zu ihrer nächsten Kundin schimpfte – dabei in Richtung der örtlichen Grundschule laufend, da sie Derek keine Minute länger unbeaufsichtigt lassen würde, wenn sich in der Gegend die Schergen der Königin herumtrieben. Plötzlich stieß sie mit jemandem zusammen, der wohl nicht auf seine Schritte geachtet hatte, und nun sogar an ihrem Korb hängen geblieben war. „Oh! Oh, nein Vorsicht. Sonst reißt noch Ihre Jacke.“, meinte sie bedacht, sah aber immer wieder mal auf ihre Uhr, ehe der Mann, der sich zu ihr herumgedreht hatte, um sich zu befreien, ihr bedrohlich nahe war. „Nein, ach, nicht so wild wirklich ehehe Hauptsache Ihrer uhm.. Jacke geht es gut.“ Auf einmal jedoch trat er ihr noch näher, sodass er kaum Raum zwischen ihnen zuließ. Sie wollte gerade auf Abstand gehen und ihm einen warnenden Blick zuwerfen, da rümpfte sie die Nase, da ein bekannter Geruch in diese drang. Derselbe Geruch, wie der von dem Stück Stoff, dem sie zuvor gefolgt war. Mit aufgerissenen Augen sah sie in sein Gesicht, das wiederum ebenfalls Wiedererkennung verheißen ließ. Sofort machte sie einen Satz zurück und drückte den Korb mit den leckeren Kuchen an sich. Okay, tief durchatmen. Das war einfach nur das schlimmste Szenario, das hätte passieren können. Was soll’s. Sie hatte immerhin gewusst, dass es irgendwann passieren könnte, also.. tief durchatmen und dann Derek holen und das so schnell es ginge!
      Und so lächelte sie diesen Mann süßlich an. „Oh, Verzeihung. Ich hab’s nicht so mit körperlicher Nähe. Und wie Sie sicher gesehen haben, bin ich ein wenig in Eile. Mein Chef macht mir noch die Hölle heiß, wenn die Kuchen nicht pünktlich ausgeliefert werden. Also.. dann. Einen schönen Tag noch.“ Sie drehte ihm den Rücken zu und schritt eilig durch die Menschenmenge davon. Dabei sah sie immer wieder mal über die Schulter zurück. Ihr entging nicht, dass er ihr folgte. Herrlich! Einfach herrlich! Wie sollte sie so Derek holen und.. genau. Miles. Wehe er ging jetzt nicht ans Handy, verdammt! Sie nahm ihres heraus und rief ihn an, den Mann hinter ihr immer wieder mal in Augenschein nehmend. Sie würde ihn früher oder später schon abschütteln können. Im Notfall müsste er ihr eben den ganzen Tag über folgen, wie sie Kuchen auslieferte. Irgendwann würde er schon die Geduld verlieren. „Ja? Val? Ist was passiert??“ – „Kannst du laut sagen. Code Red. Wenn du verstehst.“ – „Nope. Keine Ahnung was du meinst. Oh. Oh, warte Mal! Meinst du wie aus diesen coolen Action Filmen, wenn die Code Red sagen und damit das schlimmste Szena------ WOW warte!! Heißt das, das was ich denke, dass es heißt???“ – „So ziemlich, ja.“ – „Die machen euren Laden dicht???????“ Valery war genervt. War das gerade sein ernst?! „NEIN VERDAMMT! Schalt bitte mal dein Köpfchen gerade ein!“ Sie atmete tief durch. „Also folgendes. DU lässt alles stehen und liegen und holst Derek SOFORT von der Schule. Ihr taucht unter, okay?“ – „Was?? Wieso?!“ – „Muss ich es dir echt aufmalen...?“, fragte sie – sich die Schläfe reibend. „Du meinst doch nicht etwa.. du hattest vorhin so eine seltsame Nachricht geschrieben, dass wir weg sollen. Hat es damit zu tun?“ – „So ziemlich, ja. Nur vorerst muss ich das, wovon ich geredet hab, erstmal abschütteln. Der ist hartnäckig!“ Nun schien Miles endlich zu verstehen und wurde ernst. „Bin unterwegs. Ich such uns einen Unterschlupf in der Nähe des Hafens. Komm dorthin, sobald du dazu in der Lage bist, ja? Und Val?“ – „Mh?“ – „Pass auf dich auf. Derek soll keine Waise werden..“ – „Wird er schon nicht. Du unterschätzt mich in letzter Zeit des Öfteren, kann das sein?“ Sie hörte ihn kichern, ehe er auflegte und sie das Handy in ihrem Korb verschwinden ließ.

    • Eleanor

      Lächerlich. Vollkommen lächerlich, diese Show!, dachte Eleanor empört, ehe sie die Augen verdrehte und sich nicht die Mühe machte, die beiden Gören zu verabschieden. Da sollten die Priester mal halblang machen. Sie wusste, dass nicht Esmeralda, die Ausgeburt der Hölle war. Sie hatte es schon immer gewusst. Zwei waren soeben vor ihr gestanden. Mit wehenden Gewändern wandte sie sich wieder Hades zu, der sie zu umgarnen begonnen und eine neue einstudierte Rede vor ihr vorzutragen begonnen hatte.
      Erst als sie tief in ihrem Inneren darüber nachdachte, begann sich ein Puzzle vor Eleanors Augen aufzubreiten. Ein Rätsel, das ihr mehrere Optionen und Vorteile zu bieten schien, als dass sie sich erhofft hatte, jedoch barg es einige tiefgründige Geheimnisse, die so verworren schienen, wie das eigentliche Land der Spiegel und der Spiegel selbst.
      Gladiatoren? Soldaten? Das machte Sinn. Doch Gladiatoren kannte sie nur aus Märchen über fremde Dimensionen.
      Rom. Die Therme Roms breitete sich vor ihrem geistigen Auge, wie sie es damals in magifizierten Bilderbüchern gesehen hatte. War das mehr als ein Hirngespinst verschiedener Autoren?
      Hades kam aus der Hölle, dachte sie ruhig bei sich und beobachtete den angeblichen Fürst der Hölle, wie er durch ihre Gemächer tigerte. Seine Gewänder wehten rhytmisch hinter ihm her, wie die Vorhänge sich sanft im Winde wiegten, der von der riesigen Terrasse mit dem Baldachin, die ihr Sicht über das gesamte Reich bot, hereinwehte.
      Dimensionen. In Eleanors Kopf braute sich gerade eine wilde Theorie über mögliche Parallelwelten zusmmen, als plötzlich ein Krachen und Klingeln ertönte. Ehe sie auf den Redefluss des angeblichen Höllenfürsten eingehen konnte, sprang sie urplötzlich zur Seite, schaffte es mitsamt einer Rolle gerade noch Jamals Klinge auszuweichen und kam auf den Boden in die Hocke.
      "Überraschung!" Er klatschte in die Hände. Nicht einmal. Zweimal und ein drittes Mal, nahezu frenetisch. Sie hasste dieses Grinsen.
      Bevor sie ihm die Gelegenheit bieten konnte, noch weiter über ihr zu ragen, richtete sie sich auf.
      "Hallo Schätzchen", raunte sie Jamal zu, bevor langsam das raubtierhafte Grinsen wieder in Eleanors Gesicht seinen Platz fand. Dieses Grinsen, dass die Spiegelkönigin so unwiderstehlich und abscheulich zugleich machte.
      "Ich danke Euch, Fürst der Hölle, für diese unglaubliche Gelegenheit. Nur allzu gern würde ich auf Euer Angebot eingehen, aber ich denke, dass Ihre Majestät und ich noch einen Hühnerstall zu rupfen haben, nicht wahr, meine Teuerste?" Jamals Säuseln, die Leidenschaft mit der er ihr den Hals umdrehen wollte, ließ Eleanor beinahe alle plagen des Tages vergessen.
      So, wie sich die beiden gestalten Gegenüber standen. Der Sohn des königlichen Wesirs aus Agrabah in zerlumpter Kleidung, blutüberströmt seit der Schlacht, die er zuletzt vor Jahren verloren hatte - er wirkte durch und durch furchteinflößend, wie ein mächtiges, böses Tier, das auf seine Beute lauerte.
      Dort stand sie. Die Spiegelkönigin Eleanor, freizügig bekleidet in ihrem Nachtgewand, das ihren Körper nur zur Hälfte bedeckte, die wilden Haare wie Schlangen Medusas um ihr Gesicht tänzelnd, während langsam blutrote Schatten entlang ihres Körpers begannen zu krochen und sie regelrecht umschwärmten. Langsam breitete sie ihre Hand aus und streckte sie Jamal mit einem Lächeln einladend hin.
      "Nur zu, mein Liebster, nur zu. Zeigen wir Hades, wie gerne du dir von mir die Haut vom Leibe abziehen lässt....Ab in den Spiegel", beendete sie das Süßholz-Raspeln mit einem Knurren.
      "Wenn du mitkommst, meine Königin", spottete der Magier, ehe er sich nach vorne stürzte und Eleanor beinahe zu Fall gebracht hätte. Wie eine Katze löste sich die Königin jedoch aus seinem Griff und brachte den Magier mit einem Gehfehler selbst zu Fall.
      Sie hatte es gewusst. Gerade als Jamals das goldene Schwert der drei Sultane hatte ziehen wollen, warf sich Eleanor auf ihre Beute und krallte ihre magifizierten Hände in seinen Nacken.
      "Deine Magie funktioniert in meinem Palast nicht, Jamal. Dachtest du etwa, ich sei so leicht zu kriegen?", hauchte sie an seine Lippen und fuhr mit ihrer Hand über sein Gesicht, dort, wo sie das Bannmal des Spiegels zeichnete.
      "yaeud maeak", lächelte sie, bevor der Sohn des königlichen Wesirs unter ihrem Leib verschwand. Zurück mit dir.
      "Es ist noch nicht vorbei, Eleanor." Seine Drohung war nicht mehr als ein Raunen ehe er hinter der glatten Oberfläche verschwand.

      Mit funkelnden Augen war es sie, die dieses Mal urplötzlich direkt vor Hades auftauchte.
      "Freut mich, dass sie Euch schmecken", knurrte sie den Blick auf die Birnen gerichtet.
      "Ich weiß gar nicht meine Ehre zu schätzen", spottete sie und zupfte teatralisch an seiner Kleidung, "wie ich nur dazu auserwählt werden konnte, dass eine Horde verrückter in mein Palast einfallen und behaupten, sie würden aus der Hölle kommen. Eure Fähigkeiten sind beeindruckend, keineswegs. Ich wünsche Euch ebenfalls viel Erfolg bei Eurem Theaterstück, aber ich denke nicht, dass Euer Angebot, mich auf noch mehr Wahnsinnige einzulassen, derart verlockend sein kann. Ihr wärt ein guter Kaufmann", lächelte sie ihm kühl entgegen und kehrte ihm anschließend den Rücken zu. Ohne Hades weiter Beachtung zu schenken, trat sie hinter dem mit verwelkten Rosen verzierten Paravent und ließ elegant ihr Nachtgewand von ihren schneeweißen Schultern gleiten.
      "Ich werde nie Teil einer Armee sein, das lasse Euch gesagt sein. Ich bin immer an der Spitze und ich denke, dass weder für mich noch für Euch dort genug Platz wäre. Zumal", sie trat hinter dem Paravent hervor und tigerte ohne ihn eines Blickes zu würdigen zu ihrer Nachtkommode, wo sie ihren Kelch mit Rotwein auffüllte und sich des Schmuckes entledigte, "Eure Fürstengemahlin sicher nicht davon beeindruckt wäre, wenn ein solch reizendes Geschöpf wie ich, um ihren Gatten schwebt. Ich bitte Euch." Sie warf ihm ein spöttisches Lächeln und ein Augenverdrehen aus dem Spiegel zu, ehe sie sich auf ihrem Stuhl umdrehte und eine Braue hob.
      "Warum bittet Ihr nicht Eure Frau, Euch des Feindes zu entledigen, sondern taucht um Mitternacht mit Eurer gesamten Balgschaft im Schlafzimmer einer fremden Königin auf?"
      Ihre Stimme triefte vor Spott. Wenn sein Angebot so verlockend war und er Eleanor wirklich brauchte, dann würde er ihr das beweisen müssen. Sie war vielleicht innerlich verzweifelt, aber sie hatte nicht das Neue Reich wie ein Stück Kuchen an sich gerissen, wenn sie derart leicht käuflich gewesen wäre.
      "Ihr wisst sicher, wie Ihr Euch selbst in Rauch aufzulösen habt, nicht wahr?" Die saphirblauen Augen ruhten im Dämmerlicht auf das schöne Porzellangesicht des Unterweltfürsten.


      Lionel

      Fast hätte er wie ein wahnsinniger aufgelacht. Zuerst über sein Missgeschick, dann über die Tatsache, dass er irgendwo in einer anderen Welt am Korb des Rotkäppchens hängen geblieben war und letztendlich über ihren Mut, ihm ins Gesicht zu lügen, nachdem sie ihn offensichtlich erkannt hatte. Eros war vielleicht nicht bei ihm und Lionels Sinne waren immer noch geschwächt, doch selbstverständlich hatte er sie dabei ertappt, wie sie an ihm geschnuppert hatte. Seinen vertrauten Geruch, der ihres größten Feindes, gewittert hatte. Vielleicht fiel das niemanden hier auf, denn hier schien es andere Arten von Magien zu geben, die nicht über Zauberstäbe- oder Sprüche nach Außen getragen, sondern in Form von riesigen Bannern und kleinen Kästen kanalisiert wurde, die jeder in der Hosentasche mit sich trugen, aber Lionel....Er hatte das sofort erkannt. Dass sie nicht von hier war. Die Art wie sie ihn erkannt hatte, ihre Körpersprache.
      Armes Rotkäppchen, dachte er mit einem resigniertem Lächeln auf seinen Lippen.
      Höflich neigte er den Kopf vor Ihr und warf Valery ein entschuldigendes Lächeln zu.
      "Verzeihung, ich werde das nächste Mal meine Augen besser offen halten", versicherte er ihr mit einem Lächeln und versuchte nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Er würde definitiv das nächste Mal die Augen besser offen halten, ermahnte er sich innerlich. Bevor Lionel auch nur ein weiteres Wort sprechen konnte, war das Rotkäppchen vor ihm auch bereits eiligen Schrittes weiter nachgegangen. Wie putzig, dachte er grimmig und hielt einige Meter Abstand um nicht verdächtig zu wirken, als er begann ihre Fährte aufzunehmen und Valerie durch das Menschengedränge am Marktplatz zu folgen. Sie lieferte Brötchen aus? Das verwunderte ihn.
      Je weiter er ihr durch die Stadt folgte und das Rotkäppchen dabei beobachtete, wie es genau das tat, was es auch im Reich der Königin getan hatte - sich mit jedem unterhalten und jedermanns Freund sein. Er blieb an einem Zeitungsstand stehen, eine Art käuflich erwerblicher Zusammenfassung der aktuellen Botschaften und weiterer bunt schimmernder Schriften, die anscheinend zur Unterhaltung dienten und erwarb für sich selbst nur einen Kaffee.
      Etwas, das er seit jeher vermisst hatte.
      Lionel konnte hören, wie sie hastig mit jemanden über eines dieser magischen Apparaturen Kontakt aufnahm und ihn anwies, sofort zu verschwinden. Ob es sich dabei um eine Person aus seiner Welt handelte oder nicht, konnte er nicht genau ausmachen, da ein Hofnarr in der Nähe auf einer seltsam aussehenden Laute fremde Lieder aus vollem Halse sang.
      Wie nervig. Diese Welt war derart hastig und laut, dass es ihn seit der ersten Minute gestört hatte und nur nach Hause zog. Das Rotkäppchen dagegen schien sich hier eingelebt zu haben. Sie sprach denselben Akzent, kannte die Menschen, benutzte die seltsamen Apparaturen und die lokale Magie, was Lionel daraus schließen ließ, dass sie seit einiger Zeit das Spiegelland verlassen hatte und hierhergekommen war.
      Wenn es also einen Weg hierher gab, würde es auch einen Weg zurückgeben. Er würde wieder zu Eleanor finden und das nicht mit leeren Händen.
      Er war erneut derart in Gedanken vertieft gewesen, dass er Valerie beinahe aus den Augen verloren hätte. Mit einem Seufzen zerknüllte er den seltsam schwachen Behälter für seinen Kaffee, warf ihn in den dafür vorhergesehenen Müll - Dinge, die ihm bisher noch nicht ihrer Notwendigkeit ersichtlich gewesen waren, denn im Reich waren die Straßen auch so sauber - und legte einen Gang zu.
      An der großen Kreuzung mit einem Springbrunnen und dem Eingang zu einem Park, hatte er sie eingeholt. Noch bevor ihm das Rotkäppchen entgültig entwischen und über die Straße gehen konnte, ergriff er ihren Arm und zog sie an sich. Unter den stechenden Blicken einiger Passanten, setzte er sein schönstes Lächeln auf, bevor er seine Arme ausbreitete und das Rotkäppchen an sich drückte.
      Zuvor sprach er noch ein stilles Gebet aus, dass Eleanor das nie erfahren und seinen Rumpf zweiteilen würde.
      "Valery, Valery! Was habe ich dich doch nur vermisst, mein liebstes!" Bevor er erneut Privatsphäre und Freiheit spürte, in einem Land wo sich Zivilisten anscheinend nicht mehr nur um ihren eigenen Kram kümmerten, drückte er sie bedrohlich fest und legte seinen Kopf auf ihre Schulter.
      "Hast du mich vermisst, mein Rotkätzchen?", flüsterte er ihr kühl ins Ohr. Den Katzenwitz konnte er sich vor dem gestiefelten Hund nicht verkneifen.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Hades

      „Ich danke Euch, Fürst der Hölle, für diese unglaubliche Gelegenheit. Nur allzu gern würde ich auf Euer Angebot eingehen, aber ich denke, dass Ihre Majestät und ich noch einen Hühnerstall zu rupfen haben, nicht wahr, meine Teuerste?“, hallten die Worte Agrabahs Wesirs an Hades Ohren, die ihn einerseits zum Schmunzeln und andererseits amüsiert von der Birne einen weiteren Bissen nehmen ließ. „Nur zu gerne, Junge. Ich kann immer einen ehrgeizigen Jungen in meinen Reihen gebrauchen, der nichts mehr zu verlieren hat. Das sind bekanntester Weise die loyalsten Verbündeten.“ Er biss erneut von der Birne ab. „Also sieh zu, dass du gewinnst. Ich bevorzuge es nicht wirklich, mit leeren Händen aus einem Termin herausgehen zu müssen.“ Ihm war es immerhin ziemlich egal, ob nun die Spiegelkönigin oder der Wesirssohn, sich ihm anschloss. Natürlich wäre die Spiegelkönigin eine rege Bereicherung seines Heers, wenn sie auch nicht gerade die Jüngste war. Sie war grausam und schien keinerlei Hemmungen zu haben. Während der Sadismus, der in Jamals Augen blitzte, sich ausschließlich auf seine derzeitige Gegnerin zu fixieren schien. Und laut dem, was er so mitbekommen hatte, war er von Natur aus ein sehr... langweilige Figur in diesem Schachspiel. Einer, der Liebe und Gerechtigkeit über alles Weitere setzte. Die Jahre im Spiegel jedoch schienen eine vollkommen andere Seite von ihm offenbart zu haben. Die Frage war jedoch: Könnte er ihm auf Dauer wirklich von Nutzen sein, oder würde er ihm in den Rücken fallen? Wenn ja, würde er ihn wohl auslöschen müssen. Andererseits galt Hades wohl als sein Befreier und demnach hätte Jamal Genugtuung zu leisten. Das war immerhin ein ungeschriebenes Gesetz und an ein solches würde sich ein Bursche seines Kalibers sicher halten. Loyalität sah er in ihm durchaus.
      Hades Blick wanderte zu der Spiegelkönigin, während sich diese, zu seinem Vergnügen, mit dem Jungen anlegte. Loyalität? Wohl kaum. Sie hatte jegliche Eigenschaften, die ihm auf den Schlachtfeldern von Nutzen waren. Schien sie doch ziemlich verzweifelt nach Macht zu lechzen, was ihn wiederum daran zweifeln ließ, ob ihr die Macht, die er ihr zur Verfügung stellte, auch langen würde. Sie war nicht die Dame auf einem Schachbrett. Sie.. wollte die Spielerin sein, die die Schachfiguren führte und vollkommene Kontrolle über sie besaß. Tja, seine Stellung war nicht dazu da, geteilt zu werden. Da würde er sie wohl enttäuschen müssen. Und, kaum dass sie über den Burschen aus Agrabah gesiegt hatte und ihn zurück in den Spiegel gebannt hatte – ein enttäuschtes Seufzen drang aus Hades Kehle – bestätigte sie mit ihren Worten genau seine Einschätzung. Sie war ja so vorhersehbar. „Ich werde nie Teil einer Armee sein, das lasse Euch gesagt sein. Ich bin immer an der Spitze und ich denke, dass weder für mich noch für Euch dort genug Platz wäre. Zumal Eure Fürstengemahlin sicher nicht davon beeindruckt wäre, wenn ein solch reizendes Geschöpf wie ich, um ihren Gatten schwebt. Ich bitte Euch.“, sprach sie mit entblößtem Körper, so ‚wie Gott sie schuf‘ mochte man wohl behaupten. Eine attraktive und Dornen besetzte Frucht, wie es Hades eher beschreiben würde. Eine, die ihm wohl die Augen ausstechen würde, wenn sie sich falsch behandelt fühlte. Die Sterblichen konnten ihm gerade wirklich leidtun, besonders die der Männer. Und dank ihr hatte er seit Jahren mehr zu tun, als in den Jahrtausenden davor. Beinahe als wäre dauerhaft Krieg. Ein Wunder, dass noch reichlich Sterbliche übrig waren, über die sie herrschen konnte, so gnadenlos wie sie mit deren Leben umging. „Warum bittet Ihr nicht Eure Frau, Euch des Feindes zu entledigen, sondern taucht um Mitternacht mit Eurer gesamten Balgschaft im Schlafzimmer einer fremden Königin auf?“ Auf diese Worte hin musste Hades doch tatsächlich auflachen. „Welche Frau meint Ihr denn genau? Wir Götter.. binden uns nicht wirklich lange an eine, da uns der Spaß mit ein- und derselben auf Dauer überdrüssig wird. Ich habe so einige Geliebte. Zwei davon sind auch die Mütter meiner beiden Sprösslinge. Was durchaus praktikabler ist, als Untergebene mit Aufträgen zu beladen. Denn auf die Kinder ist teils wirklich mehr Verlass, meistens zumindest. Zudem ist es mir gleich, ob Ihr eine Frau wärd oder ein Mann. Ich bin nicht hier, weil ich euch aufgrund Eures Aussehens ausgewählt hatte. Sondern lediglich Eurer Fähigkeiten wegen. Zudem“ Er schnipste erneut und aufgrund der Veränderungen, die sich im Gesicht der Spiegelkönigin abspielte, grinste er schelmisch. Nach und nach schien ihre Haut von Falten und Altersflecken übersäht zu werden, die ihr wahres Alter offenbaren sollten. Er ließ den Spiegel direkt vor ihr Gesicht schweben. „Warum sollte ich an Eurem Aussehen Interesse zeigen, wenn es Nichts als Täuschung bereithält? Wärd Ihr nicht so geschickt in Eurem Handwerk wärd Ihr wohl schon vor geraumer Zeit zu Staub zusammengefallen und diese Welt hier wäre erlöst von ihrer Tyrannin.“ Der Spiegel flog nun auf Hades zu, der sich wie ein Kreisel unentwegt über seiner Hand in der Luft herumwirbelte. „Ihr seid grotesk und haltet verzweifelt an der Jugend fest, doch Eure Zeit läuft bald ab, das wisst auch Ihr. Wenn Ihr keinen Weg findet unsterblich zu werden oder zumindest.. ewige Jugend zu erlangen ODER einen Weg diese Jugend zu erhalten, sehe ich für Eure Zukunft Schwarz und irgendwann werdet Ihr nichts weiter sein, als eine verlorene Seele in dem Höllenschlund über den ich wache. Und ich werde Euch zusehen, wie Ihr davon verschluckt werdet, neben all den bürgerlichen Seelen, von denen Ihr glaubt, dass sie Euer unwürdig seien. Sobald ihr dahinscheidet, spielt es keine Rolle mehr, wer Ihr einmal ward und für was Ihr Euch gehalten habt, Missy~“ Der Spiegel über seiner Hand wurde langsam, ehe er mit der Vorderseite wieder Richtung Eleanor sah – Jamals Gesicht darin deutlich auf sie herabschauend. „Gebt mir nur EINEN Grund, weshalb ich diesem Burschen nicht die Macht geben sollte, die über die Eure problemlos stehen könnte. Warum sollte ich nicht IHM die Möglichkeit geben dieses Reich zu beherrschen? Warum.. sollte ich diesen Spiegel nicht auf der Stelle zerstören, mh?“


      Valery

      Valery mahnte sich innerlich dazu, sich zu beruhigen. Das war immerhin nur ein unnötiger Vorfall. Und solange sie ihn abschütteln könnte, und das würde sie, wäre alles vollkommen in Ordnung. Bis dahin sollte sie unauffällig reagieren und den Tag wie jeden ablaufen lassen. Darum ging sie ihren Lieferungen noch die nächste Stunde problemlos nach, unterhielt sich freudig mit den Menschen aus ihrer Nachbarschaft – es war immerhin nur ein kleines Dorf – und hoffte gegen Ende ihren Verfolger beim Park loswerden zu können, da er schon ziemlich weit zurückgefallen war. Sie durchsuchte gerade ihren Korb, wie viele Auslieferungen noch vor ihr stände, als sie gerade beim Überqueren der Straße feste gepackt wurde, sodass ihr der vollgepackte Korb beinahe zu Boden gefallen wäre, wenn sie ihn nicht fester gekrallt hätte. Gut, ja, das war ihr Fehler. Sie war leichtsinnigerweise davon ausgegangen, dass er sich so schnell hätte abschütteln lassen und nun war sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller Leute, während er ihnen wohl eine Art.. tragische Liebesromanze vorzuspielen schien, während sie fester an ihn gedrückt wurde, sodass sie ihre Arme nur bedingt bewegen konnte. Ihr wurde gar speiübel, wenn sie spürte, wie nah sein Gesicht dem ihren war und sein Atem an ihr Ohr hauchte beim Sprechen. „Hast du mich vermisst, mein Rotkätzchen?“ Kätzchen? KÄTZCHEN?! Hatte er sie gerade wirklich KÄTZCHEN genannt?! Hatte er eigentlich eine Ahnung, welches Spiel er da gerade trieb?! Sie ein Kätzchen zu nennen, war vergleichbar die Spiegelkönigin mit einem Wildschwein gleichzusetzen! Wenn man des Lebens müde war, konnte man all dies gerne machen, doch jeder Mensch mit ein bisschen rationalem Denkvermögen und dem Verlangen den morgigen Tag erleben zu können, sollte etwas bedachter mit seiner Wortwahl umgehen oder mit seinen.. Provokationen. Sie ließ den Korb los, doch nicht umsonst. Noch während dieser in der Luft zu fallen schien, stieß sie dem königlichen Laufburschen die Ellbogen feste in den Magen, sodass sie von dem Griff gelöst wurde, fing den Korb mit einer Hand wieder auf, wirbelte auf dem Absatz herum und trat ihm zusätzlich gnadenlos zwischen die Beine, sodass sie es durchaus Knacksen hören konnte und der Blauschimmel vor ihr auf die Knie fiel – offensichtlich voller Schmerzen. Sie schmunzelte herabfällig – nur einen kurzen Augenblick, ehe sie tief einatmete und dann aus vollem Leibe schrie, sodass selbst jene Passanten, die bisher nicht auf sie geachtet hatten, nun ihre volle Aufmerksamkeit auf sie richteten. „POLIZEI!! RUFT DIE POLIZEI!!! SEXUELLE BELÄSTIGUNG!! DER PERVERSLING HAT MICH SEXUELL BELÄSTIGT!!!“ Sie war sich ziemlich sicher, dass der Laufbursche nicht einmal den blassesten Schimmer davon hatte, WAS Valery gerade gesagt hatte, da es diese Bezeichnungen in ihrer Welt nicht gab und unter der Herrschaft der Spiegelkönigin auch niemals geben würde. Immerhin waren sexuelle Übergriffe dort beinahe an der Tagesordnung, allen voran ausgehend von den königlichen Soldaten an unschuldigen weiblichen Bürgern, wogegen sich niemand wehren durfte. Während sich der Mob aus Schaulustigen, die nun ein vollkommen anderes Bild vom Blauschimmel hatten, sich nach und nach um diesen drängten und einige tatsächlich die Polizei riefen – oh, sie würden ihn so schnell nicht davon kommen lassen, grinste Valery ihn triumphierend an, während sie nach und nach in der Menge verschwand und sich kurz darauf ihren Weg aus dieser Kreuzung heraus durch eine Gasse bahnte. Vielleicht würde ihr DAS genug Zeit verschaffen, ihn loswerden zu können und dann mit ihrem Sohn und Miles wegzuziehen. Die Welt, in die sie geraten waren, war immerhin viel riesiger als die, aus der sie ursprünglich kamen. Kaum dass sie in eine schmale Gasse kam, sprang sie wie ein Wildtier von einer Hauswand zur nächsten hinauf, bis sie schließlich auf eines der Dächer landete und von dort aus in der Ferne beobachtete wie die Polizei gerade angekommen war. Grinsend wandte sie sich ab und flitzte und sprang über die Dächer davon, bis sie auf eines der Mehrfamilienhäuser ankam, sich elegant auf einen der Balkons schwank, die Türe, die nie abgeschlossen war, aufriss und sofort hastig in den Zimmern begann die Koffer zu packen. Das wäre jetzt wohl ein Lebwohl an dieses Dorf. Aber alles wäre besser, als von diesem Laufburschen und wer weiß, wer noch hier gelandet war, abgefangen zu werden. Normalerweise würde sie ihn in der Luft zerreißen, aber nicht, wenn Zuschauer hier waren. Das wäre zu riskant. Am Ende war sie noch die Schlagzeile in den Zeitungen oder Fernsehen und wäre nicht nur eine Flüchtige der Königin und ihrer Gefährten, sondern auch ...hier eine Flüchtige vor ALLEN, die in ihr nichts Anderes sehen könnten als ein Monster. Wölfe.. Werwölfe und Ähnliche Gestalten, galten hierzulande stets immer nur als diese bösen Wesen, die es auszurotten oder gefangen zu nehmen galt – auch wenn Werwölfe hier eher als Legenden angesehen wurden. „Okay. Okay. Was noch? Also Klamotten haben wir. Essen können wir uns problemlos besorgen. Ich muss noch zur Bank und Geld abholen. Trinken hab ich auch eingepackt und alles, was wir zum waschen brauchen. Oh! Dereks Lieblingsspielzeuge! Oh! Sein Kuscheltier darf ich nicht vergessen, das würde er mir nie verzeihen!“ Dabei rannte sie weiter durch die Wohnung – an dem am Boden liegenden Korb mit dem Kuchen und Brötchen vorbei, den sie beim Eintreten einfach achtlos zu Boden fallen gelassen hatte. Schnell sammelte sie im Kinderzimmer alles ein, woran sie glaubte, dass Derek sehr hing, besonders sein Lieblingsstofftier, ein leicht zerkautes und sehr mitgenommen aussehendes Rehkitz, und packte alles Übrige in die Koffer, wo noch platz war. Auch die am Boden liegenden Kuchen und Brötchen aus dem Korb packte sie in Behälter ein und verstaute sie so gut es ging. Für den Fall, dass sie Hunger bekämen, unterwegs. Auch wenn DAS Valery und Dereks Magen nur dezent füllen konnte. Mit fertig gepackten Koffern, Handy und Portemonnaie in ihrer Handtasche verstaut und die rote Kapuze tief in ihr Gesicht gezogen, verließ sie die Wohnung, ohne darauf zu achten, die Türe hinter ihr zu schließen. Wozu schließlich? Sie würden sowieso nicht wieder zurückkommen. Und so ließ sie das Gebäude hinter sich zurück, packte sämtliche Koffer in ihr Auto, auch wenn es sie davor graute dieses Teil gleich durch die Straßen zu manövrieren und dann auch noch so unauffällig, wie nur irgend möglich. Nachdem sie alles verstaut hatte und sie sich auf den Fahrersitz gesetzt hatte, zog sie sich ihre Sonnenbrille an und gab, verstaute ihre Handtasche auf den Beifahrersitz und startete – tief durchatmend den Motor. Doch dieser... streikte. „Nicht dein Ernst! Nicht heute! Nicht jetzt! Bitte!! Ich kann niemals die Koffer alleine so schnell von A nach B befördern und das OHNE aufzufallen. Bitte. Nur noch heute, danach kannst du meinetwegen in Pension gehen!“ Sie versuchte es wieder und wieder, doch immerzu würgte der Motor des Kleinwagens ab, weshalb sie nach 10 Minuten stöhnend ihre Stirn ans Lenkrad stieß und sie sich beherrschen musste, vor Verzweiflung nicht einfach loszuheulen. Nein. Losheulen vermutlich weniger. Eher hatte sie das Bedürfnis dieses elendige Fahrzeug dem Erdboden gleich zu machen! Vielleicht sollte sie doch besser ein Taxi rufen? Besser als dass man sie hier in ihrem Wagen fände, oder? Und diese Laufburschen hatten sicher keine Ahnung, wie man ein Auto fuhr. SO lange waren sie garantiert noch nicht hier, auch wenn sich der Blauschimmel recht gut angepasst zu haben schien. Was, wenn sie sich sogar so gut angepasst hatten, dass sie Arbeit nachgingen? Immerhin konnte sich dieser Kerl einen Kaffee kaufen gehen! Das ging ja nur dann, wenn er Geld aus dieser Weld besäße, also ging er wohl arbeiten? Oh, herrlich! Das hieß, dass sie sich nicht auf andere verlassen konnte, erst recht nicht auf Dienstleistungen, auf die sie angewiesen war von hier wegzukommen.

    • Eleanor

      Netter Trick, dachte sie spöttisch und strich mit einer raschen Bewegung über ihr Antlitz, das sich allmählich wieder zu der eigentlichen Eleanor veränderte. Er, der Fürst der Hölle und Allmächtige, für den er sich hielt, hatte ja wirklich keine Ahnung. Eleanors wahres Alter zu belächeln war das eine, doch das, was sich ihr für einige Sekunden als Antlitz im Spiegel bot, war genau der Grund, warum sie Jamal niemals gehen lassen durfte und das Kind finden musste. Ihre Seele war verrottet, nicht ihre Schönheit.
      Eleanor seufzte innerlich. Nein, sie wäre nicht längst zu Staub zerfallen, sondern zu tausend kleine Splitter. Sie wäre nichts, außer eine weitere Stimme, ein weiteres Echo, das über unendliche glatte Weiten weht und klagt. Sie würde in seine Hölle kommen? Das Fegefeuer dort? Nur zu, dachte Eleanor für sich. Selbst diese Hölle würde sie an sich reißen und nichts war ihr lieber, als warmes Verderben. Die wahre Hölle war kalt und glatt und hielt die grässliche Fratze ihrer Seele gefangen.
      Mit der Eleganz einer Gazelle stand sie auf, warf das bordeauxfarbene Nachtgewand um ihre Schultern und lehnte sich mit verschränkten Armen an eine der marmorenen Säulen, die überall das immens wirkende Konstrukt ihrer Gemächer schützten.
      Warum er Jamal nicht vertrauen konnte? Das war so klar wie die kühle Nacht außerhalb des Palastes.
      Eleanor schenkte Hades ein stoisches Lächeln, ehe sie in Jamals Richtung nickte. "Es ist ganz einfach, mein Gutester. Des Wesirs Sohn mag vielleicht seine wahre Natur im Spiegelland offenbart haben, nützlich und loyal wirken. Jedoch", ein bedauerndes Seufzen entglitt ihren schönen Lippen,"wird er Euch immer Alles aufs Spiel setzen. Für die Liebe."
      Eleanor zeigte mit einer auslandenden Bewegung um sich.
      "Die Liebe ist der Grund, warum er seit Jahren in meinem Spiegel sitzt und so sehr auch sein Charakter von Loyalität auch zeugen mag, er wird Euch immer den Dolch in den Rücken jagen...für die gute, alte Liebe. Die Liebe, hach!" Sie klatschte wie zum Weckruf in die Hände, ehe sie erneut um Hades zu tigern begann. Dieses Mal langsamer, schleichender, wie Gift, das sich langsam nach den ersten Schlücken köstlichen Weines, im Körper ihrer Opfer verbreitete.
      "Die Liebes ist jedermanns Nemesis. Die Liebe ist es, die den König vor mir erblinden ließ. Die Liebe gab mir all das, was ich habe. Die unverdiente, naive Liebe eines Mannes und eben diese Liebe ist der Grund, warum der große Jamal aus Agrabah nun sich einzig und allein mit seinen inneren Dämonen unterhalten kann. Der Grund, warum er alles verloren hat."
      Sie blieb vor ihm stehen und durchmaß mit weniger als einem Schritt den letzten Abstand zwischen sich und ihm.
      "Ich werde in Eurer Hölle verrotten? Nur zu, Höllenfürst. Selbst in Eurer Hölle wäre nicht Platz für uns beide..." Eleanor beugte sich zu ihrem nächtlichen Eindringling vor und strich seichte mit ihren dünnen Fingern über die porzellane makellose Haut ihres Gegenübers.
      "Ich habe keine Angst vor der Hölle. Ich habe die Hölle gesehen."
      Dieses Mal nahm sie vorsichtig sein Kinn zwischen ihre Finger, während die trüben, blauen Augen der Königin sich in onyxschwarze Tiefen verloren. Ihr Blick ruhte auf den Seinen, ihr Lächeln verschwunden. Eleanors Gesicht zeigte keine Regung.
      "Ihr wisst nicht genug über mich, als dass Ihr urteilen könntet. Ich habe keine Angst vor der Hölle." Sie ist glatt und kalt, fügte sie in Gedanken hinzu.
      "Ich fürchte auch Euch und den Tod nicht, mein höllischer Gebieter....Also." Ihr Blick wanderte für einen Augenblick zu dem Spiegel, bevor sie wieder seine Iriden zu erkunden versuchte.
      "Ihr fragt, warum Ihr nicht augenblicklich diesen Spiegel zerstören solltet? Fragen über Fragen, Hades. Nur zu, zerstört den Spiegel, reißt ihn in tausend Stücke", raunte sie ihm zu, ihr Atem nur ein eiskalter Hauch auf seiner Haut.
      "Ich werde euch nicht aufhalten."
      Der Spiegel hatte sie gehört, davon war sie fest überzeugt.
      Eleanor fürchtete sich nicht davor, dass Hades sich selbst und das gesamte Neue Reich und das Spiegelland mit in den Abgrund reißen würde. Für Eleanor war es lediglich ein Test, wie weit jemand bereit war, sich ins Unbekannte zu stürzen, besonders jemand seiner Klasse, mit seinen Fähigkeiten und seiner Selbstüberzeugung. Er hielt sich für allmächtig, ganz klar. Allmächtige neigten jedoch schon seit Anbeginn der Zeit sich von ihren eigenen Fähigkeiten verführen zu lassen und somit die Einschätzung anderer zu vernebeln. Er wollte ihre Fähigkeiten, das hieß, dass er sie für stark hielt und doch glaubte er sie mit seinen Machtversprechen im Umkehrschluss verführen und für sch gewinnen zu können, da er fest davon überzeugt war, dass Eleanors Macht sich in kleinen Grenzen groß manifestierte.
      Er hatte keine Ahnung.
      Ein schmales, kaum scheinbares Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie abwartend leicht zu ihm aufsah. Ihr letztes und einziges Anzeichen einer möglichen Bedrohung.



      Lionel


      Verdammtes Rotkäppchen! Mehr als fluchen konnte er nicht, ebenso wie eine Frau auf offener Straße schlagen. Seine Magie einsetzen?
      Nein. Diese Menschen schienen diese Art von Magie, die er nutzte, selbst nicht mehr in Gebrauch zu haben. Ehe er sich versah, lag Lionel bereits am Boden und versuchte das Gesicht vor Schmerzen nicht zu verziehen. Dass dieses verdammte Kätzchen auch sofort überragieren musste, obwohl sich seine Situation vor ihrem geistigen Auge eigentlich als klar ersichtlich dargestellt hatte, dass er nach aktuellem Stande nur eine potentiell geringe Gefahr darstellte.
      Mehrere Männer in einer Art gleich blauen Garderobe und ihm unbekannten Waffen stürzten sich auf ihn und ketteten die rechte Hand der Königin mit runden, metallischen Slavenringen an. Das schien die lokale Garde zu sein. Irgendein Offizier dessen Gesicht ihn an einen Cockerspaniel erinnerte, las ihm anscheinend zustehende Rechte vor, ehe er zwei andere anwies, ihn vom Boden aufzuheben und in ein ihm unbekanntes Fortbewegungsmittel, das nach einer Kutsche durch neue Magie transformiert aussah. Er hatte schon mehrere von diesen sogenannte Vehikeln oder Autos hier gesehen und alle wurden von menschlicher Hand gesteuert. Faszinierend und erschütternd zugleich.
      Genug.
      Lionel atmete tief ein und wieder aus, ehe er seine gesamte Kraft dazu benutzte, sich von selbst aufzuraffen. Mit einem Seitenhieb und einem Tritt hatte er seine Festnehmer zu Boden gelegt und sprang einen Schritt zurück, wobei der Cockerspaniel plötzlich eine Waffe, die in Lionels Augen sofort Bedrohung darstellte, auf ihn richtete.
      "Stehenbleiben und Arme nach oben, sonst schieße ich", knurrte der Hund der rechten Hand gegenüber.
      Lionel hob die Arme, trat jedoch einen weiteren Schritt zurück. "Ich fürchte hier liegt ein Missverständnis vor. Ich habe lediglich eine sehr gute, alte Kameradin getroffen. Es erscheint mir, als hätte mich Fräulein Valery verwechselt oder gar nicht wiedererkannt. Sir", Lionel machte eine Pause und deutete dem Offizier mit einer beschwichtigenden Geste, die seltsame Apparatur zu sinken.
      "Es erschüttert mich ebenfalls wie Sie. Ich schwöre im Name des Gesetzes, dass ich für die junge Frau keinerlei Bedrohung darstelle. Es muss sich um ein gewaltiges Irrtum handeln", lächelte er diplomatisch und trat auf den Mann zu.
      "Sie nannten mir meine Rechte. Wenn ich das Recht zu schweigen habe, dann habe ich auch das Recht mich zu verteidigen. Holen Sie die Dame her und wir können diese Situation mit Sicherheit ohne weitere Komplikationen lösen, nicht wahr?" Da war die rechte Hand der Königin wieder sie selbst.
      Der Polizist seufzte theatralisch und machte eine lange Pause, bevor er erneut auf die Tür des Wagens deutete. "Steigen Sie ein. Wir müssen ohnehin auf die Wache. Die Handschellen bleiben dran und wir werden sowohl Ihre Aussage als auch die des Opfers aufnehmen und einen Bericht erstellen. Wenn Sie gemeinsam diese Situation ohne anwaltliche Hilfe regeln können, werden Sie wieder entlassen. Nach 48h muss ich Sie ohnehin gehen lassen, ohne Beweise eines sexuellen Übergriffes oder weiteren Aussagen. Na los."
      Lionel warf einen weiteren Blick über die Gesamtsituation und begann sich bereits seinen Weg nach Draußen zu spinnen, seinen Plan. Es war offensichtlich, dass er bald wieder gehen dürfte, doch das Rotkäppchen würde die bestnächste Gelegenheit nutzen, um ihn in eines dieser Kerker zu werfen, ihn umzubringen oder von hier zu verschwinden. Das heißt, er müsste eiinen Weg finden, um sie bei sich zu behalten. Schlimmstenfalls würde er sich mit ihr eine Zelle teilen müssen.
      Ohne weitere Widerrede nahm er auf den hinteren Plätzen platz, ehe er den Mann vor sich zu analysieren begann. Mittleren Alters, würde sich über ein wenig Münzen zur Unterstützung sicherlich freuen. Ass fettige Süßspeisen wie ein Ork, die Lionel bisher noch nie in seinem Leben gesehen oder gerochen hatte und schien von der Gesamtsituation genervt zu sein.
      Er musste heute wohl härter als an anderen Tagen abwarten.
      Lionel lehnte seinen Kopf an die Scheiben und blickte nach Draußen auf die weite, fremde Welt in der Hoffnung, dass er richtig gehört hatte, als der Offizier über ein quadratisches Sprechrohr mit anderen Gleichgesinnten Kontakt aufnahm.
      Auf der anderen Seite der Stadt klopfte bereits ein freundlicher Mann an die Scheibe und sah verwundert auf die verzweifelte Frau, die immer leckere Brötchen in der Stadt verteilte.
      "Miss Valery? Greg Nelson hier. Lassen Sie bitte die Scheibe herunter."
      Wir sind alle Staub und Schatten