Revolution von Unten (revisited) [Az & Sunny]

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    • Revolution von Unten (revisited) [Az & Sunny]

      Sedon
      Schlagartig erwache ich aus dem Schlaf. Mein Atem ging schnell und stoßweise; die Luft, die ich in meine Lunge zog, fühlte sich kalt und messerscharf an. Mein Blick schweifte wahllos durch den Raum, ohne Ziel oder Ergebnis. Ein unwohles Gefühl kroch durch meinen Brustkorb, dann weiter zu den Armen, den Beinen und schließlich in den Nacken, in den es sich fest hinein krallte. Es fühlte sich so an, als würde mich etwas erdrücken, vielleicht die tiefe Decke, der kleine Raum, in diesem furchtbaren rot gestrichen, vielleicht war es die tiefe Dunkelheit. Mein Atem geht immer schneller. "Blut, es ist alles voller Blut." tönte es krächzend aus meiner Kehle. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich vor mich hin, der tief hängenden Zimmerdecke entgegen. Vor dem inneren Auge rasten Bilder wild herum: Ein Auto, zertrümmert. Flammen. Blut. Dann Schwärze, Dunkelheit. Und schließlich Kälte. Obwohl ich noch immer atmete, schien keine Luft mehr in meine Lunge zu gelangen. Eine zitternde Hand griff mir an den Hals; zu wem sie gehörte, konnte ich nicht ausmachen. War es meine eigene? Das Gefühl von Schwere vermischte sich mit einer intensiven Panik. Noch immer versuchte ich, den Grund für die Atemnot zu finden, doch da ist nichts. Nichts lag auf mir. An meinem Hals, so realisierte ich nun, befand sich einzig meine eigene Hand, die nervös zitterte. Meine Lunge brannte unbeschreiblich. Unbeholfen rappelte ich mich in meinem Bett auf, drückte mich von der viel zu weichen Matratze ab, taumelte einige wenige Schritte vorwärts und riss die schweren Vorhänge auf, die das Fenster verdeckten.
      Sonne strahlte in mein Gesicht. All die Anspannung löste sich von meinem Körper und er entspannte sich ein wenig. Ohne es zu bemerken, sank ich schlaff zu Boden, Luft füllte hastig die erschöpften Lungen. Alles war wieder in Ordnung. "Shit" fluchte ich beinah lautlos und griff mir an den Kopf. Mein Haar standen wild zu allen Seiten ab. Langsam fuhr ich mit meinen Fingerspitzen hindurch, bis sie gegen etwas hartes und raues stießen. Im Fenster spiegelten sich meine Konturen; als ich sie darin betrachtete, kehrten meine Erinnerungen zurück. Von meinem Kopf standen zwei schwarze Hörner ab, sie waren es, die meine Position anzeigten. Ich gehörte nicht zu den normalen Bürgern, sondern zu Gott. Ich lebte im Himmel, obwohl diese Beschreibung etwas wichtiges ausließ. Mit dem Leben habe ich abgeschlossen und das bereits vor drei Jahren, als ich an meinem 21. Geburtstag bei einem Autounfall verstarb. Jetzt war ich ein Todesgott, der über verlorene Seelen wachte- Meine Gedanken stoppten an diesem Punkt. "Es war ein Traum. Alles nur Einbildung." Mit diesen Worten drehte ich mich um und ging an meinen Schrank. Er war aus einem Material, der an Metall erinnerte, aber wahrscheinlich nicht aus solchem bestand, dafür war seine Oberfläche zu rau. Der Stauraum war gering, der Schrank war schmal und reichte mir nur knapp bis zur Hüfte. Trotz dieser geringen Größe konnte ich darin meinen gesamten Besitz verstauen. Das sagte jedoch mehr über meinen Besitztum aus, als über das Möbelstück: Mir hätte eine einzelne Schublade bereits genügt. Eigentlich war es sogar übertrieben zu sagen, dass die Sachen mir gehören, schließlich war es einem Labour (Arbeiter) oder Blackbird (Gefangene/Sklaven, die zur Arbeit gezwungen werden) im Himmel verboten, privaten Besitz zu haben. Ich, als Vicar (sowas wie kirchlicher Stellvertreter), hatte etwas mehr Rechte als die anderen beiden Klassen. Ich stand etwas über den Labour, gehörte aber trotzdem zu der Mittelschicht, wenn auch zu denen, die an die Oberschicht, die Harbinger (Vorboten), grenzten. Nur die Harbinger durften "besitzen". Meine Hand glitt in eine der kühlen Schubladen, die Finger nach einer zierlichen Silberkette tastend. Behutsam beförderte ich sie an die Oberfläche. An ihr hing ein winziger, weißer Kieselstein. Eilig legte ich sie um, dann zog ich meine Arbeitsuniform heraus. Im winzigen, grell beleuchteten Badezimmer wusch ich mein Gesicht kurz mit kaltem Wasser. Im Spiegel, der über dem Waschbecken hing, betrachtete ich mich noch einmal genau. Die Augen wirken leblos und kalt, ohne jegliche Emotion, die Haut war blass, als würde kein Blut durch sie fließen. Eilig fuhr ich durch meine Haare, in der Hoffnung, die eiserne Kälte meines Aussehens zu vertreiben, doch ohne Erfolg. Noch einmal drehte ich den Wasserhahn auf, dieses Mal stellte ich ihn auf "Warm". Es dauerte einen Moment, da stieg mir eine kleine Wolke aus warmen Dampf ins Gesicht. Ich zuckte erschrocken zurück, um dann den Hebel doch ganz auf "Kalt" zu stellen. Der Dampf verschwand sofort, das Wasser lief weiter. Zögerlich verfolgte ich mit meinem kühlen Blick das Nass, streckte dann schließlich die Hände aus und berührte den Strahl. Etwas lief an meinem ausgestreckten Finger herab, das spüre ich ganz deutlich, doch es ist nicht kalt, sondern warm. Egal wie oft ich es versuchte, dieser Versuch produzierte immer dasselbe Ergebnis. Hastig drehte ich den Wasserhahn wieder zu und zog mich an. Vor Verlassen des Zimmers überprüfte ich, ob es funktionierte, meine Flügel zu beschwören. Zwei schwarze Schwingen materialisierten sich gemächlich an meinem Rücken. Zufrieden nickte ich kurz, dann entzog ich ihnen wieder ihre Energie. Von dem panischen Zustand, in dem ich mich während des Erwachens befunden habe, war mir keine Spur mehr anzusehen. Ein leises Klinkern begleitete meine Bewegung, während ich den kleinen schwarzen Schlüssel in der Zimmertür drehte. Noch einmal atmete ich tief durch, bevor ich mich auf den Weg machte. "Auf zur Arbeit".

      @Azenia


      >> May God protect you <<
    • Cassandra

      Es war wieder so ein Tag an den ich am liebsten im Bett geblieben wäre. Heute hatte ich wirklich so gar keine Lust auf Schule. Aber ich machte das ja nicht aus Spaß an der Freude sondern um meinen Eltern aus den Weg zu gehen. Meine Eltern lebten schon seit einigen Jahren getrennt. Obwohl ich bei meinen exzentrischen und recht verschrobenen Vater wesentlich besser klar kam als mit meiner Mutter und meinen Stiefvater, gab es eine Zeit an der ich auch ihn zu meiden wusste. Diese Zeit war jetzt, immer wenn er eine Art Kreativitätskriese hatte schottete er die ganze Welt und alle darin von sich ab. Wenn man ihn doch zu nahe kam, wollte man ihm nur Essen hinstellen konnte er mit unter agressiv reagieren. Nein, das wollte ich mir weiß Gott nicht antun. Meiner Mutter hatte mein Stiefvater leider das Hirn vernebelt, sie hatte sich innerhalb von zwei Jahren komplett verändert und immer mehr von meinen Vater und mir entfernt. Dafür hatte sie in ihren neuen Lover und seinen ekelhaften Sohn eine neue Familie gefunden die besser zu ihren Lebensstandard passte als wir Beide. Ich fühlte mich noch immer allein gelassen welshab ich es auch nicht einsah ihr in den nächsten Jahren noch einmal einen Schritt entgegen kommen zu wollen. Da blieb ich lieber bei meinen Dad.

      Mein Wecker klingelte mittlerweile zum 2. Mal, aus meinen Bett aufstehen wollte ich trozdem nicht. Schließlich rollte ich mich zur Seite und mit einen stumpfen Bums kam mein Körper samt Bettdecke auf den Teppich vor den Eichenholzbett auf. Noch ungefähr eine Minute blieb ich fast leblos am Boden liegen. Dann quälte ich mich endgültig zum aufstehen. Ich warf meine Decke auf das Bett und zog die weinroten Vorhänge einen Spalt auf. Was zur Folge hatte, dass ich meine grünen Augen augenblicklich zusammkniff als die erste Sonnenstrahlen meine Wangen kitzelten. "Wah...ist das hell."

      Langsam schleifte ich mich ins Bad, zunächst begann ich mich frisch zu machen und meine Haare zu richten, dann überprüfte ob ich meine Schuluniform noch einmal anziehen konnte. Heute Nachmittag musste ich unbedingt die Wäsche waschen0 In den kreativen oder halt sehr unkreativen Phasen meines Dad blieb 99% der Hausarbeit immer an mir hängen, was neben der Schule nicht immer einfach zu bewerkstelligen war. Ich kam wohl wirklich nicht drum rum heute Nachmittag die Wäsche und sontige Aufgaben die liegen geblieben waren zu machen. In meinen Rucksack schmiss ich Stift und Block, das reichte schon, zum zeichenen auf jeden Fall. Und was wollte ich mehr? Viel neues lernte ich in dieser Schule eh nicht. Zum Frühstück machte ich Eier, Toast mir Marmelade sowie schwarzen Tee. Wie immer halt. Nur das es diesen Morgen irgendwie demprimierend war, allein am Frühstückstisch zu sitzen. Heute Abend war doch das Halbfinale von "Sing for your Supper" da hätte ich gern etwas von Dads Zuspruch gehabt. Doch so musste ich wohl ohne auskommen, er schien es mal wieder vor lauter Ideen oder gerade wegen keiner Idee, wer wusste das schon, vergessen zu haben.

      Auch wenn mein Frühstück recht entspannt gewesen war, der Rest meines Morgens war es ganz und gar nicht. Ich hatte vor luter Gedanken und Aurfregung wegen huete Abend fast die Zeit vergessen. Ich griff nach meiner Jacke die ich mit samt meinen Schuhen hektisch anzog. So schnell wie möglich schloss ich die Tür und warte auf meinen Schlüssel ebenfalls in meinen Rucksack. "Verdammt, verdammt, verdammt!" Fluchte der ich auf den Weg zur U-Bahn. Es war schwer mich in den überfüllten Wagen zu zwängen ohne dass ich oder ein Fahrgast zu Schaden kam. Mit rhythmischen vielleicht leicht komisch aussehenden Bewegungen meines Schulterblattes, ließ ich meinen Rucksack von meiner Schulter rutschen um mit einer Hand nach meinem Handy und meinen Kopfhörern zu kramen. Schließlich steckte ich meine Kopfhörer in mein Handy, dann in meine Ohren und spielte meine Playlist ab. Nervös wirkte ich von einem Fuß auf den anderen während ich alle drei Sekunden auf die Haltestellenanzeige sah. Entnervt stöhnte ich kurz auf. Dauerte die Fahrt bis zur Haltestelle an der Oberschule wirklich so lange? Oder kamen Sekunden wie Stunden vor? Endlich war ich da und quetschte mich aus dem überfüllten U-Bahnwagen. Als ich zur Oberschule eilte wäre ich beinahe über meine eigenen Füße gestolpert.

      "Miss Ross, Sie sind zu spät." wurde ich bereits von meiner Lehrerin begrüßt. Miss Shield schob ihre Brille langsam etwas nach oben und blickte zur Uhr um die genaue Zeit in das Klassenbuch eintragen zu können. "...schon wieder. Angehende lokale C-Promis können sich auch nicht alles erlauben." Ich schluckte. "Verzeihung. Das ist wirklich keine Absicht." Miss Shield sah von den Klassenbuch auf. "Schon gut, nun setzen Sie sich endlich hin." Ich nickte ihr kurz zu und versuchte so schnell wie möglich auf meinen Platz zu kommen. Während ich das tat und später auch meine Sachen auspackte sahen mich alle an. Vorher wusste kaum jemand in der Klasse mehr über mich als mein Name und mein Alter. Lediglich meine zwei besten Freunde Lorelai und Silas wussten wirklich etwas über mich. Dennoch war ich es gewöhnt, dass in letzter Zeit ständig Augenpaare an mir klebten und mich nahe zu an schmachteten.

      Ich wusste es, ich hätte nie bei dieser Talentshow mitmachen sollen. Seither waren wirklich alle übertieben nett zu mir. Vielleicht hätte ich mich nicht von Silas und Lorelai ermutigen lassen sollen. Aber Musik und Kunst waren nunmal meine große Leidenschaft und neben Backen und Kochen meine Einzigen Stärken. Zwar war ich auch relativ sportlich aber singen konnte ich definitiv besser. Ich hatte mich durch so viel Zuspruch tasächlich breitschlagen lassen und es bei der Castungshow 'Sing for your Supper' versucht. Seit meiner 'Amazing Grace' Nummer voteten die Zuschauer mich immer weiter. Die Zeitung haben mich echt schon mit den Spitznamen "die Nachtigall" oder "das Mädchen mit der Engelstimme" betitelt. Zwei Wochen lang war ich auf den Titelblättern. Also bitte, so gut bin ich echt nicht. Rückblickend war die Carstingshow mein größter Fehler. Nicht nur das ich plötzlich wieder auffiel, in den Medien war, sich Neider und falsche Schlangen um mich scharrten, was ich ja eigendlich nicht wollte. Alle die konnte ich von mir weg stoßen.

      ~~ Nein, durch meine neues Berühmtheit wurde ich...umgebracht. Doch wie hätte ich das ahenen können? Ob ich meine Entscheidungen geändert hätte, wenn ich das vorher wusste? Das frage ich mich oft aber... ich glaube nicht. Viel mehr frage ich mich was meine Zukunft mir gebracht hätte. Es war der 23.08.2010, ich war in diesen Jahr erst 18 geworden und war kurz davor die Oberschule zu beenden. Ich war jung, klug und lebensfroh - mir standen wirklich alle Türen offen. ~~

      "Mach dir nichts drauß. Du besserst dich, es sind dieses Mal nur 5 Minuten." meine beste Freundin und Banknachbarin Lorelai riss mich kichernd aus meinen Gedanken. Es stimmte schon. Musik war meine Leidenschaft aber das Lampenfiber lähmte mich in so vielen Dingen. "Na? Schon aufgregt wegen heute Abend?" Lorelai schon ihre goldblonde Lockenpracht beiseite um mich nekisch aus ihren blauen Augen anzufunkeln. "Aufgeregt ist kein Ausdruck. Ich hatte ja nicht gedacht jemals so weit zu kommen. Das diese Schnapsidee solche Ausmaße annimmt..." Ich seufzte leicht verzweifelt. Zumindest wusste ich, das Sängerin nicht ganz der richtige Beruf für mich war, wenn ich keinen Weg fand mit den ganzen Trubel um meine Person fertig zu werden. "Du hast noch nichts von deiner Schwester gehört oder? ...Naja mach dir nicht so einen Kopf. Aufgeregt wegen heute Abend bist nicht nur du. Silas geht es auch so er- ...oh." Ich sah mit einen Mal fragend zu ihr herüber. "Was soll mit ihm sein?" Die Blonde wandte ihren Blick ab. Lorelai ließ ihn zu Silas schweifen der schräg vor uns sahs. "Das soll mein Cousin dir nach der Show schon selber sagen." Hm? Nun war ich tatsächlich wirklich verwundert. Doch den gesamten Rest des Tages wichen Beide meinen Fragen aus. Nun, zumindest hielt mich das Grübeln um dieses Geheimnis von der Aufregung ab.

      Der Tag verlief beinah normal weiter, als wäre es ein Tag wie jeder andere. Meinen Dad bekam ich nicht mehr zu Gesicht, ich kümmerte mich um Haushalt sowie die Wäsche und meine große Schwester Meggie rief auch noch an. Meggie und mich tennten 17 Lebensjahre dennoch war unser Geschwisterverhältnis unglaublich innig. Das änderte auch der Umzug nach Wales nicht, den sie aus beruflichen Gründen ihres Mannes James vollziehen musste. Nun sah ich sie, James sowie meine Nichte und meinen Neffen nicht mehr so oft aber sie rief immer an wenn ich es brauchte. Als hätte sie eine Art siebten Sinn dafür. Da unser Dad noch immer in einer ganz anderen Welt versunken schien, tat ihr Zuspruch wirklich gut.

      ~~Das Letzte was ich hören konnte war das Klingeln meines Handys. Meggie ...warst du das? Hast du gespürt das ich bald nicht mehr da sein werde? Oder wolltest du mich einfach nur zu den gelungenen Auftritt beglückwünschen? Bis heute tut es mir immer noch leid, das letzte Mal nicht angenommen zu haben. Oder sollte ich sagen... abnehmen zu können?~~

      Die letzten Stunden bis zur Show verfkogen beinah wie im Flug. Dennoch flachte meine Aufregung nicht ab, ich kann mich nicht einmal erinnern wie ich mit Silas und Lorelai zur Aufnahmehalle von 'Sing for your Supper' gekommen war. Eigentlich lief alles an mir vorbei wie ein Film. Ich funktionierte erst kurz vor meinen Auftritt so wirklich wieder. Auf der Bühne selbst war dann alles vergessen sobald ich den ersten Ton singen durfte. Es war einfach ein schönes Gefühl. Ich liebtes es auf meiner Gitarre zu spielen und dazu singen zu dürfen und noch schöner war es wenn ich dabei die anderen Leuten erfreuen konnte. So schnell wie es angefangen hatte, war es auch wieder vorbei und nach den Jury Urteil konnte ich wieder zurück in meine Gadarobe.

      Mit einen Male fiel alle Anspannung von mir ab und ich ließ mich direkt auf den erstbesten Stuhl in meiner Gadarobe nieder. Mit einigen gezielten Atemzügen versuche mich meinen schnellen Herzschlag etwas zu regulieren. Lang war ich jedoch nicht allein. Ich sprang in freudiger Erwartung von den Stuhl auf, wurde aber schnell enttäuscht als ich Logan, meinen Stiefbruder durch die Tür kommen sah und nicht Silas oder Lorelai. Logan war zwar sportlich und groß geraten aber nicht sonderlich hell im Kopf. Für ihn zählten nur äußerliche Werte und Besitz. "Oh, hast du wohl jemand anderen erwartet?" Fragte er grinsend. Dabei war mir die Enttäuschung genau ins Gesicht geschrieben. "Logan was zum Teufel willst du hier?" Hielt ich die alles entscheidene Frage nicht lange hintern Berg zurück. "Störte ich dich etwa Cassandra? Vielleicht dabei dich für einen deiner vielen neuen Verehrer hübsch zu machen? Oder wolltest du nun endlich mit diesen Trottel knutschen?" Verwundert wandte ich meinen Blick von ihn ab und begann zu überlegen. "Ah, der Feifling hat es dir noch immer nicht gesagt." Ich schüttelte leicht mit den Kopf um auf andere Gedanken zu kommen. "W-Wer hat dich überhaupt hier rein gelassen?" Doch meine Fragen blieben unbeantwortet. Logan sah sich mit seinen kalten grauen Augen lieber weiter um. "Wenn es nicht für die Typen ist, warum machst du sonst hier mit? Weil du so verzweifelt die Aufmerksamkeit meiner Mum willst?" Mum? Er nannte sie doch sonst nie- "Sie ist nicht deine Mum." Damit wollte er mich doch nur provozieren. "Aber sie verhält sich mehr wie meine Mum als-" Das Klingeln meines Handys unterbrach ihn und ich wandte meinen Blick von ihm zu meinen Handy. "Es reicht Logan, verschwinde bitte einfach. Meggie ruft an." murrte ich nur leise und lief bereits zu den Tisch auf den es lag. "Woher willst du das denn bitte wissen?!" Ich seufzte tief. "Ich weiß es einfach. Das ist so ein Schwesternding. So wie sie immer weiß wann sie sich melden muss, weiß ich immer wenn es Meggie ist. Jetzt verschwinde endlich, ich habe keine Zeit für dich und deine Spielchen. Oh, und mach die Tür zu. Danke sehr." Ich drehte mich um, gerade jetzt sehnte ich mich nach Meggies Stimme. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss. Jetzt war der Spuck vorbei. Ich wollte gerade nach meinen Handy greifen als mich fremde Hände an den Schultern packten. Erschrocken sah ich über meine Schulter und erblickte den zornigen Ausdruck meines Stiefbruders. "Was? ...Du-" War er nicht gegangen? Ich hatte doch die Tür gehört. "Du ignorierst mich nicht noch einmal Schlampe." Ehe ich überhaupt begreifen konnte was er damit genau meinte verstärkte sich sein Griff, nur um mich im nächsten Moment mit all seiner Kraft gegen den beleuchteten Spiegel zu schleudern. Als mein Körper gegen das Spiegelglas prallte durchzug mich eine dumpfer Schmerz. Alles geschah viel zu schnell. Mit Mühe konnte ich mein Gleichgewicht halten, im Hintergrund klingelte noch immer mein Handy. "...Meggie..." kaum es mir instentiv leise über die Lippen. Während der erste Schock nachließ regeistierte ich einen bleibenden stechenden Schmerz an meiner rechten Schläfe. Meine Sicht war verschwommen, es viel mir schwer überhaupt irgendetwas zu fokusieren jedoch nahm ich die groben Umrisse meines Gesichtes im Spiegel wahr. Das schwache Bild zeigte eine verstörte und blasse junge Frau der das Blut übers Gesicht lief. Für einen kurzen Moment hatte ich die Hoffnung dieser irrsinnige Situation entkommen zu können als sich bereits Logans Hände gnadenlos um meinen Hals legten. Ich spürte das Adrenalin durch meinen Körper jagen, ein letztes Mal baute ich mich auf. So wollte ich nicht sterben! Ich versuche mich zu befreien aber meine Kraft reichte dafür längst nicht mehr aus. Meine verzweifelten Versuche scheinen ihn gerade zu zu amüsieren. Erbarmungslos drückte er weiter zu. Ich bemerkte wie die Luft immer dünner wurde, das Schlucken begann langsam weh zu tun. Meine Kraft verließ mich einmälig. Entgegen aller Vernufpt wurde meine Sicht nocheinmal glasklar, ich wollte meinen Mörder nicht weiter in die hasserfüllten Augen sehen. Aber den Blicken meines Stiefbruders entkam ich nicht. Mit einen Male ließ Logan von mir ab und warf mich wie einen Sack Müll von sich, worauf hin ich noch einmal gegen den Spigel traf. Dises Mal gab das kalte Spiegelglas nach. Knirschend und knackend zeichneten sich risse auf der glatten und scheinbar perfekten Oberfläche ab. Graumsam langsam zerbrach der Spiegel, wie meine Zukunft vor meinen sich schließenden Augen während mein Blut die Risse entlang rann und die einzelnen Scherben verband die sich um meinen leblosen Körper gesammelt hatten. Mein Blut verband die Schwerben wie mich auf ewig diese Tat mit meinen Mörder - meinen eigenen Stiefbruder Logan James.

      ~~ --- ~~ --- ~~

      Nachdem das Gefühl von angenehmer Schwere in mir wich, durchzog mich zunehmend eine eisige Kälte. Sie kam so plötzlich und war so kalt, dass ich wieder zu Bewusstsein fand. Zunächst zuckten meine Gliedmaßen sowie meine Augenlieder nur leicht, dann begann sich auch mein Brustkorb wieder leicht zu heben.Aber es fühlte sich keines Wegs so an als strömte Luft durch mich hindurch. Als würde ich ohne Luft atmen. Zu atmen fiel mir noch immer schwer. Noch immer war da dieser enorme Druck auf meinen Hals. Langsam, noch etwas zögerlich öffnete ich meine grünen Augen, nur um festzustellen das ich nicht viel mit ihnen erkennen konnte. Um mich herum war esnicht nur kalt sondern auch unglaublich neblig. Zwar dröhnte mein Kopf noch immer sehr und mir noch etwas schwindelig aber auch als meine Sinne sich allmälig wieder schärften erkannte ich nichts als Nebel. Selbst den Boden auf den ich lag konnte ich vor lauter Nebelschwaden nicht entdecken. Erschrocken fasste ich mir an meine rechte Schläfe wo vorher noch eine große Platzwunde gewesen war, doch da war weder Blut noch Schmerz. Auch meine Haut fühlte sich ganz normal sowie unversehrt an. Dafür konnte ich Logans Hände noch immer um meinen Hals spüren, ich könnte schwören das man auch noch Abdrücke von ihm erkennen konnte. Vorsichtig richtete ich mich auf. Noch immer etwas wacklig auf den Beinen sah ich mich um. Wo war ich hier? Es war kalt und neblig, sonst herrschte gähnende Leere. Als ich schließlich an mir selbst herunter sah musste ich feststellen, das ich statt meiner Kleider eine Art weißes Gewand trug. Ich hatte so ein Kleidungsstück noch nie in meinen Leben gesehen. Wie kam es denn...? Und Viel wichtiger wie kam ich hier her? Wo war ich eigentlich? Zwar war meine Kopfwunde verschwunden aber ich konnte schwören gerade gestorben zu sein. War dies also das....das Jenseits? War das Leben nach den Tod eine Wanderung durch das absolute Nichts? Da mir nicht viel anderes übrig blieb lief ich bei diesen Gedanken einfach los, mein Gefühl sagte mir ich musste einfach irgendwo anders hin. Keine Ahnung, was, wie oder wo doch ich erhoffte einfach Irgendetwas zu finden was auch nur in kleinsterweise einige meiner Fragen zumindest ansatzweise erklären konnte.


      “If you were happy every day of your life, you wouldn’t be a human. You’d be a game show host.”
    • Sedon
      Mit einem beinah lautlosen Rauschen, das allzu leicht mit einem sanften Luftzug zu verwechseln war, schloss sich die eigentlich schwere Zimmertür hinter meinem Rücken. Solche Dinge wunderten mich anfangs noch; die absolute Stille in den Zimmern, Fluren und Gängen kam mir eine Zeit lang merkwürdig vor und war in den ersten Tagen – oder waren es Monate? – beinah erdrückend. Es gehörte scheinbar zu einer der unendlich vielen unausgesprochenen Regeln auf dieser Ebene des Himmels, sich still sowie gehorsam zu verhalten, keine und keinen anderen bei der Arbeit zu stören und vor allem unnötige Geräusche zu vermeiden. Abstand und Isolation wurden neben Fleiß als höchste Güter unter den Vicaren geschätzt. Wenn sich dann doch einer von ihnen dazu entschied, seine oder ihre Stimmbänder zu nutzen, ergaben sich höchstens leise, unscheinbare Laute, die nur zu schnell mit der Stille zu einem grauen Brei verschwammen. Obwohl ich zu meinen Lebzeiten nie ein großer Freund des Smalltalks gewesen bin und mich grob daran zu erinnern meinte, als introvertiert, fast menschenscheu, wahrgenommen worden zu sein, spürte ich hier eine Art von Verlangen nach anderen Menschen – oder Wesen. In einem kurzen Moment der Unachtsamkeit versuchten meine Gedanken, zu meinem Lehrmeister – ehemaligen Lehrmeister – hin abzuschweifen, doch es gelang mir, sie gerade rechtzeitig wieder unter Kontrolle zu bekommen: Blank, wie die makellosen weißen Wände und der noch makellosere weiße Fußboden, sollten auch meine Gedanken sein. Denn wer konnte schon wissen, wer mir gerade zuhörte? Wer meine Gedanken gerade mitdachte?
      Ich begann, meine lautlosen Schritte durch den Gang zu gehen. Zur linken und rechten Seite erstreckten sich Unmengen unauffälliger Türen, die mir wohl niemals aufgefallen wären, wenn ich nicht selbst hinter einer von ihnen gelebt hätte. Beleuchtungen an den Wänden waren keine angebracht, das war wegen dem weißen Interieur unnötig, das ein Gefühl für die Tiefe des Ganges nur schwer zuließ: Absolutes Hell, und nur ein bläulich-weißer Fleck irgendwo in der Ferne wies vorsichtig darauf hin, in welcher Richtung sich das Foyer befand.
      Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich endlich den letzten lautlosen Schritt auf der weißen Fläche gemacht hatte und in das Foyer überging. Während des letzten Schrittes auf dem Weiß unterbrach ein plötzliches Pochen im Hinterkopf meine Bewegung und nahm mir großzügig die Bemühung ab, die weißen Gedanken aufrecht zu erhalten: Eine Wolke aus grauem Nebel sickerte in mein Bewusstsein, überlagerte jeden Gedanken. Wie immer wurde dieser übernatürliche Vorgang von diesem Ding – einem Schmerz – begleitet. Das Gefühl war mir sehr gut bekannt: Vage konnte ich mich daran erinnern, dass es früher sehr unangenehm war. Inzwischen hat sich das geändert: Der Schmerz war einfach nur noch da, aber störte mich vor allem durch seine Penetranz; mein Körper schien sich an diese spezielle Qual gewöhnt und seine Bedeutung verinnerlicht zu haben: Es war eine neue Seele angekommen.
      Ein zweites Mal zuckte das Pochen durch meinen Schädel, versuchte mir die Sicht zu vernebeln. Anstatt mir aber den Atem zu nehmen, wie es sonst so oft passiert war, begleitete es dieses Mal ein nervöses Kribbeln tief in meiner Magengrube. Kurz schloss ich meine Augen und tat es so, wie es mir mein Meister beigebracht hatte: Stumm und bewegungslos trauerte ich um den Menschen, der viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde. Der Nebel verzog dabei ebenso still, aber pochend, wie er gekommen war.
      Trauern - ein gutes Stichwort. Als ich auf diese Ebene kam, brachte mir mein Lehrmeister bei, wie das zu tun war: Ein Gebet in Stille sprechen, dem verstorbenen Menschen gedenken und zum Abschluss sich selbst - anstelle des toten Menschen - bekreuzigen. Wie genau es sich anzufühlen hatte, das Trauern, das verstand ich nicht. „Das musst du auch gar nicht verstehen“, hatte Ehma immer gesagt, wenn er meinen fragenden Blick bemerkte. Er zog dann seine Mundwinkel ein Stück weit hoch, aber nicht komplett. Die feinen Fältchen neben den Mundwinkeln vertieften sich und traten deutlicher hervor, die tiefbraunen Augen des Vicars aber blieben still. Er trug diesen komischen Ausdruck auf seinen Gesichtszügen, den ich immer - noch bis heute - zu deuten scheiterte. Und jetzt war es zu spät dafür. Ehma... Allein der Akt an seinen Namen zu denken, verstärkte das Kribbeln in der Magengrube um ein beängstigendes Maß. Beinah hilflos dieser Empfindung ausgesetzt, versuchte ich mich zu konzentrieren, die Gedanken auf eine Stelle zu richten und sie zu fokussieren, mich zu sammeln, wieder diese überangepasste Haltung einzunehmen, nach der hier jeder leben musste. Natürlich scheiterte ich. Seit seiner Verbannung aus dem Himmel vor einem Jahr lag es jetzt an mir: Ich musste dringend eine starke Seele finden, für ihn, für meinen Lehrmeister Ehma, für seinen Plan. Nein, so stimmte das nicht, es war jetzt schon lange mehr als sein Plan, es ist unser gemeinsamer geworden. Dabei ist mein Glauben immer stark gewesen und lange hielt ich ihn sogar für grenzenlos. Bis... Naja. Oh, wie falsch ich mit der Annahme doch lag. Zu lange dämmerte ich herum, gehorchte der Bestimmung bedingungslos, die mir Gott auferlegt hatte. Viel zu lange hat es gedauert, bis mir das schützende Band von den Augen gerissen und ich von meiner selbst gewählten Blindheit geheilt wurde. Seitdem ich in den Himmel kam, hat sich nichts so real angefühlt, wie dieser Plan und jetzt musste ich nur noch darauf warten, dass eine passende Seele ankommen würde.

      "Guten Morgen Sedon." Eine tief-surrende Stimme griff leise, aber bestimmt, nach dem roten Faden meiner Gedanken und zog ihn zurück in das weite Foyer. Bis zum gold-glühenden Horizont erstreckte sich vor mir ein weites Wolkenmeer, das gespickt mit wattig-wohligen Formen war, als wäre das klassische Bild von dem, was wir Menschen als Himmel zu verstehen meinen, direkt aus Erzählungen entnommen und in Realität umgesetzt worden sein. Wenn ich könnte, hätte ich jedes Mal aufs Neue über diesen Anblick gestaunt, aber das einzige Gefühl, das ich sowohl verstand als auch empfand, war diese kribbelnde Nervosität, die seit der Verbannung Ehmas anstelle dessen mein treuer Begleiter geworden ist. "Khaleb", stellte ich trocken fest und betete zu Gott, aus Gewohnheit, dass dieses verbotene Gefühl sicher in meinem tiefsten Inneren verschlossen blieb und nicht aus meinem unspezifisch-ausdruckslosen Gesicht abzulesen war. Der andere Todesgott in der Rolle meines aktuellen Meisters - auch wenn es mir widerstrebte, ihn als den solchen anzusprechen - bewegte sich zielstrebigen Schrittes auf und meine kleine Wolkenplattform zu. Soweit ich das beurteilen konnte, war er ein erfolgreicher Todesgott, der bald zu der Position eines Harbinger-Vicars befördert werden sollte. Bei seinen mindestens 200 Jahren, die er bereits in dieser Ebene und Funktion verbrachte, wurde es auch langsam Zeit für ihn, um im Rang aufzusteigen. Seine letzte Aufgabe vor der wahrscheinlich lang ersehnten Beförderung war es, als "Beobachter" zu agieren und zu beurteilen, ob ich ein geeigneter Kandidat für die Harbinger-Vicare sei. Und aus diesem Auftrag machte er mir gegenüber kein Geheimnis. Jede meiner noch so kleinen Bewegungen und Aktionen, die von den Regeln abwichen - ob das nun die gesprochenen oder geschwiegenen betraf - kritisierte er. Natürlich passierte das in diesem merkwürdigen Tonfall, der weder Widerworte noch Zweifel an der allumfassenden Objektivität seiner Worte ermöglichte. Seine Worte sollten für mich Gesetz sein; ich raffte mich zusammen und sprach ihn an. "Eine neue Seele ist angekommen. Gerade bin ich auf dem Weg, um sie in Empfang zu nehmen." Unvermittelt und wortlos landete der Todesgott direkt vor mir, eindeutig zu nah. Etwas stimmte nicht. Als Reaktion wich mein Körper achtsam vor seiner Gestalt zurück, was nicht daran lag, dass er gefährlich auf mich wirken würde - was konnte mir denn auch passieren, ich war ja bereits tot. Sicher, er war mindestens einen Kopf größer als ich, obwohl ich mich selbst schon nicht als klein bezeichnet hätte. Der Blick seiner grauen Augen war aber ruhig, ausdruckslos, also genau so, wie er nach Protokoll sein sollte. Und so war auch er: Überkorrekt. Eigentlich. Aber heute war etwas anders. Ohne meine Bewegung als den Versuch einer Distanzgewinnung zwischen uns beiden anzuerkennen, beugte er seinen Oberkörper langsam vorwärts, mir noch weiter entgegen. In einem selbstbewussten Akt griff er nach einem meiner Hörner, umpackte es fest mit seiner Hand und zog meinen Kopf ruppig neben seinen. "Pass auf was du tust." Sein nasser, warmer Atem prallte gegen mein Ohr und ließen mich erschaudern - oder lag es an den Worten, die er da von sich gab? "Du weißt, was mit Ehma passiert ist." Mein Körper blieb still und gelassen, mein Inneres schien dagegen bei seinen Worten zu zerreißen. Khaleb war derjenige, der Ehma verraten hat - und das würde ich ihm niemals verzeihen. Wie konnte er es wagen, seinen Namen auch nur in den Mund zu nehmen? "Ich habe gedacht, du wolltest befördert werden?" fragte ich ihn in einem seriösen, für mich ungewöhnlich scharfen Tonfall. Khaleb zuckte merklich zurück und lockerte den Griff um mein Horn. Die Stelle, an der seine langen Finger gelegen haben, brannte unangenehm, das konnte ich aber ignorieren. "Du..." flüsterte er mir entgegen. Ich wusste genau, warum er so reagierte. Die wenigsten Todesgötter, oder eher allgemein Bedienstete, blieben lange auf einer Ebene. Gott schätzte es, aktive, fleißige sowie engagierte Bedienstete zu haben und entsprechend ihrer Leistungen wurden sie befördert. Dass Khaleb also noch immer auf seine Beförderung wartete, war kein gutes Zeichen für ihn. Zwischen einer Verbannung und dem Leben als Blackbird oder Labour, wie es Ehma jetzt lebte, trennte den Vicaren nur ein einziges Wort Gottes. Kurz musterte ich sein Gesicht, das nun wieder weiter von meinem entfernt war. Werde ich irgendwann in derselben Situation sein?
      Mit einem energischen Schritt ging ich betont eng an der Schulter des anderen Todesgottes vorbei und ging tiefer in das grenzenlose Foyer hinein. Intuitiv blieb ich stehen, griff vor mich und fand eine ebenso unsichtbare wie kühle Klinke. Einen kleinen Moment lang zögerte ich, griff nach dem Kribbeln in meinem Inneren und durchschritt dann das Portal. Dort begrüßt mich anstatt der allumfassenden grauen Stille ein merkwürdiger Ton, der mir unangenehm bekannt vorkam, trotzdem misslang es mir, ihn einzuordnen. Bevor der Gedanke abgeschlossen werden konnte, fror meine Umgebung ein und verlor jegliche Farbe. "Sedon, Todesgott der verlorenen Seelen", schallte es mir aus einer undefinierbaren Richtung entgegen. "Hiermit wirst du aufgrund deiner Vergehen aus dem Himmel verbannt und deiner Position als Vicar zeitweise enthoben, bis der Verdacht gegen dich endgültig bestätigt wird." Unfähig, die Bedeutung der Worte zu erschließen, zog ich meine dünnen Augenbrauen zusammen. "In diesem Zeitraum ist es dir untersagt, den Himmel zu betreten." Verständnislos starrte ich in die Leere. "Wie?" fragte ich, erhielt aber keine Antwort. "Wie haben sie- " Dann ging alles ganz schnell: Die Welt um mich herum gewann ihr bläulichen und gelben Farbklekse wieder, gleichzeitig wurde mein Bewusstsein brutal aus dem Foyer gerissen und im nächsten Moment stand ich in meiner altbekannten, grauvernebelten Eingangshalle. Bewegungslos stand ich nun da und starrte in dem Himmel, der mir jetzt so weit entfernt vorkam, wie noch nie zuvor. "Sie haben es wirklich getan", sprach ich zu mir selbst.


      >> May God protect you <<
    • Cassandra

      Eine ganze Weile schon lief ich durch das weiße Nichts. So langsam begannen meine Füße leicht zu brennen. Ich kannte dieses Gefühl aber ich hatte es lang nicht mehr wahrgenommen. Ich bin, nein...ich war es gewöhnt lange Strecken zu gehen. Ich joggte gern mit etwas Musik durch die Natur um eine Inspiration zum Zeichnen, Komponieren oder Schreiben zu finden. Merkwürdig, das ich hier etwas anderes spürte als diesen Druck um meinen Hals. Etwas anderes als diesen Schmerz den er auslöste. Während ich so darüber nachdachte nahm ich plötzlich das Gefühl eines Herzschlages in meiner Brust war. Aber... ich war doch... gestorben? Doch da war ein leichtes Schlagen und auch ein sanfter Luftzug strömte beim jeden ein und aus atmen über meine Lippen.

      Es war für mich unebgreiflich, dass ich überhaupt noch etwas spürte. War ich den im Stande Emotionen wahr zu nehmen? Ich hoffte es sehr, Emotionen waren etwas Wunderbares und Etwas was mich ausmachte. Nie wieder Wut, Trauer, Freude, Glück, Angst und all die anderen Empfindungen fühlen...dabei war ich schon seit meiner Kindheit ein extrem emotionaler Mensch. Ich verpürte meine Emotionen von Zeit zu Zeit nicht nur sehr stark, nein ich empfand manchmal die Gefühle meines oder meiner Gegenüber und konnte sie spiegeln. Es war wie Gedankenlesen nur mit Emotionen. Es fiel mir auch nur eine Sache ein die genau so schlimm war wie nichts mehr zu fühlen und zwar zu vergessen wer man war, zu vergessen was man getan hatte und um wen man sich sorgte weil sie einem am Herzen lagen.

      Wenn ich weiter darüber nachdachte bemerkte ich, dass ich mir viel mehr Sorgen um die Menschen machte die mir etwas bedeutet hatten als darum das ich tot war. Ich wollte nicht das sie weinten, das sie unter den Werk von diesem selbstsüchtigen Monster leiden musste. Da war zum einen natürlich meine große Schwester Meggie der ich nähr stand als sonst jeden Menschen in meinen Leben. Aber auch ihre Familie, sicher nahm es meine Nichte und meinen Neffen schwer mit... vielleicht verstanden sie es auch gar nicht was es bedeuetete, das Tante Cassy tot war. Das ich nicht mehr wieder kam. Kein gemeinsames Plätzchen backen und Lieder singen zu Weihnachten, keine ... und ... mehr. Dann war da noch mein verschrobener Vater. Ob er wohl klar kam? So ganz ohne meine Hilfe? Oder zog er zu Meggie? Aber auch Lorelai und Silas? Wie würde ihr Leben wohl aussehen so ganz ohne mich? Was hielt ihre Zukunft für sie bereit? Alles Fragen die für mich wahrscheinlich immer unbeantwortet blieben. Zu guter Letzt waren da noch die Mitarbeiter und Kinder in den St. Cecillia Kinderheim in dem ich bereits einige Praktika abgeleistetet hatte. Auch über die Praktika hinaus arbeite ich ehrenamtlich dort und hatte mich immer mt den Kindern am Leben erfreut... Ich habe diese Meschen geliebt, ich habe die Zeit mit diesen Menschen geliebt.


      Ich blieb stehen. Tropfen liefen über meine Wangen. Weinte ich? Meine Wangen glüten aber die Trofen sowie die Spuren die, sie wie flüssige Farbe auf einer Leinwand hinterließen, fühlten sich kalt an. Meine Augen waren gereizt und brannten leicht. Das war unfair, das war alles so verdammt unfair!!! Waru hatte sich Logan das Recht heraus genommen einfach so über mein Leben zu bestimmen - es sogar zu beenden. Einfach so, dabei hatte ich ihn nie etwas getan. Mit mir war nicht nur der Mensch Cassandra Ross gestorben sondern auch ein Teil vieler anderer Leben in London. Ich fühlte mich doch immer so machtlos. Was sollte ich jetzt auch tun? Ich konnte nicht von den Toten auferstehen noch die Zeit zurückdrehen. Ich konnte nur versuchen meinen Frieden zu finden. Sonst würde mich Logan und seine Tat auch mein Nachleben lang verfolgen. Das konnte und durfte ich nicht zulassen. "So viel Macht hast du nicht über mich!" Ich ballte zähneknrischend meine Fäuste. Nein, so sollte mein Ende nicht enden... und so sollte es auch nicht weiter gehen. Ich versuche tief durchzuatmen. Dann begann ich mich langsam noch einmal umzudrehen. Hinter mir war nichts als diese Nebelwand und doch versuchte ich mir meine Lieben noch einmal vorzustellen. "Lebt wohl meine Lieben." Auch wenn meine Tränen weiter über meine Wangen strichen und in die tiefe fielen, ich begann zu lächeln ..oder ich versuchte es zumindest. Ich konnte mich in diesen Moment einfach nicht entscheiden ob es traurig oder glücklich war. Klar, ich war von tiefster Trauer erfüllt...doch...ich wusste das sie mich gerne noch einmal glücklich lächeln gesehen hätten. Und vielleicht konnten sie mich ja sehen.

      Ich seufzte. Ich musste wohl wirklich einen Weg finden zu akzeptieren das ich ermordert wurden war, ich war tot und
      kein Teil mehr ihrer Welt. Ein Fluch und eine Erlösung. Meine Hände fuhren über meine Wangen um die Tränen weg zu wischen. Ich drehte mich schließlich langsam wieder um und lief weiter. Weiter, weiter und immer weiter durch das weiße Nichts. Aber...nach einer Weile war da kein nichts mehr. Ich konnte nicht genau sagen was das war, ich konnte nur leichte Konturen erkennen. Vielleicht mussten sich meine Augen oder besser mein Geist sich erst noch an den Himmel gewöhnen. Das war doch der Himmel? Naja, es musste der Himmel sein. Ich war evangelisch, ich glaubte an die Erlösung durch den Herrn. Nun ja, meine Großmutter hat das immer erzählt sie glaubte daran und ich hatte es bis zu meinen 13 Geburtstag. Ab da glaubte ich nichts mehr, weder an Gott noch den Herrn, ja manchmal nicht einmal mehr an mich selbst. Mal sehen was wirklich war. Wenn man nun überhaupt von Wirklichkeit sprechen konnte.

      Immer noch setzte ich einen Fuß vor den anderen, in der Hoffnung bald eine Art Ziel zu finden. Dieser Nebel war noch immer trist, kalt und verwirrend. Ich konnte mich nirgendwo orientieren, so war es mir nicht einmal möglich eine Makierung zu setzen. Wahrscheinlich war ich verdammt dazu auf Ewig im Kreis herumzuwandern. Ratlos und ratlos. "Cass...an....dra..." mit einen Male umfasste mich wie aus den Nichts ein Windstoß. Er war recht stark aber ich konnte ihn standhalten ohne umzukippen, jedoch war er so stark das ich mich nicht umdrehen konnte. Dabei konnte ich schwören gerade meinen Namen gehört zu haben. "Cassandra!" Schon wieder! Immer wenn der Wind um meine Ohren pfiff und meine Haare wild umherwirbelten konnte ich sie hören. Diese Stimme... eine Frauenstimme. Ich holte tief Luft, beinah so als wollte ich laut aufseufzen, kam aber nicht dazu. Mein Blick folgte meinen Haaren die der Wind noch immer leicht in eine Richtung trieb. "Ah! Das will sie mir sagen!" Platzte der Geistesblitz lautstark aus mir heraus. Sollte ich da lang gehen? Aber.... was war in dieser Richtung? Noch einmal sammelte ich alle Kräfte die mir nach der langen Wanderung verblieben waren. Irgendwas in mir wollte den Ruf dieser Stimme folgen. Irgendwas sagte mir das ich einfach dorthin MUSSTE. Warum oder wo dieses dorthin war würde ich wohl erst erfahren wenn ich angekommen war.

      Das Schlimmste an meinen Schicksal plötzlich ermordet zu sein und sich im Nichts wieder zu finden, war das ich nicht mehr singen konnte. Auf den Weg hatte ich es versucht um mich abzulenken, doch auch wenn ich sprechen konnte so konte ich kein Ton singen. Vielleicht lag es daran wie ich umgbracht wurde. Singen war neben Zeichnen meine größte Leidenschaft, um so schmerzhater war es ihr nun nicht mehr nach gehen zu können. Aber ich hatte im Moment viel größere Probleme. So langsam verließen mich auch die letzten Kräfte und noch immer schien ich nicht an meinen Ziel zu sein. Verzweiflung stieg in mir auf, für einen kurzen Moment fühlte ich mich wie in den letzten Minuten meines Lebens. Ich hatte einen ausischtslosen Kampf begonnen den ich schlussendlich wirklich nicht gewinnen konnte. Wie gerade eben schwanden meine Kräfte einmälig einfach aus meinen Körper. Es kostete nun mehr nicht nur Kraft sondern auch einiges an Konzentration und Willensstärke weiter einen meiner Füße vor den anderen zu setzen. Doch kurz bevor mich die Verzweiflung ganz für sich einnehmen konnte erschien plötzlich etwas vor meinen Augen. Es waren nur leichte und schemenhafte Umrisse in der Ferne und doch reichten sie aus um mir neue Hoffnung zu geben. Hoffnung endlich etwas oder irgendjemanden zu finden, einfach Antworten zu bekommen.
      "...Hallo?" rief ich leicht lächelnd ins Nichts, jedoch war die einzige Antwort mein wiedrschallendes Echo. "Mist." Vielleicht war ich noch immer zu weit weg. Jetzt musste ich wohl meine Zähne zusammen beißen. Ich MUSSTE dorthin, ich MUSSTE es einfach und ich MUSSTE es genau jetzt! Egal wie. Mit einen Male rannte ich einfach los, den Schmerz, der Erschöpfung und die Müdigkeit ignorierend die lange nach mir griffen. Als ich nähr kam fügten sich die Schemen zu einen klaren aber dennoch merkwürdigen Bild zusammen.
      Vor mir hockte eine Wesen scheinbar etwas in sich zusammengefallen im Nichts. Es sahs einfach still da aber bereits im Sitzen vermochte ich zu sagen, es war größer als ich. Was bei meiner zierlichen, gar puppenhaften Figur und Größe nicht gerade schwer war. Das merkwürdigste an ihm waren die zwei schwarzen Hörner die sich wie erfürchtige Mahnmale aus seinen Kopf schwangen. Sonst schien dieses Wesen mit den weißen Haaren recht blass, was mit unter vielleicht auch an der schwarzen Kleidung lag. Mittlerweile war ich sogar so nah, das ich klar sagen konnte das dieses Wesen ein junger Mann war. Von den Hörnern und der blassen Erscheinung abgesehen schien er durchaus menschliche Züge zu besitzen. Mehr noch - ich dieser junge Mann zog mich magisch an. Langsam wurde mir bewusst das ich mein Ziel ereicht hatte. Er war mein Ziel denn, es war als würde jeder Muskeln, jede Sehne, jeder Knochen, jeder Nerv, jede Zelle, jedes Haar, jede Regung, jede Emotion und jeder Gedanken, ja wirklich alles an mir sich an ihn erinnern ohne ihn wirklich zu kennen. Ich wusste nicht wer er war oder was er hier machte aber da gab es etwas tief in mir, so wie ein Instinkt oder Urtrieb was mich mit ihn verband. So eine Empfinndung hatte ich meinen Lebtag noch nicht. Es war sonderbar und irgendwie auch schön zu gleich. Als hätte ich gefunden was ich mein Leben lang gesucht hatte, vielleicht sogar über viele Leben hinaus ohne es gewusst zu haben. Oder hatte ich es nur vergessen? Oder verdrängt?

      Ich rannte noch immer weiter und weiter, einfach weiter und blieb erst einige Zentimeter vor den Fremden zum stehen. Ich bremste so abrupt ab, das ich beinah nach vorne gekippt und auf den jungen Mann gefallen wäre. "Woh...wahhh." Ich ballancierte mich noch immer hörbar aus, schien aber immer noch nicht von den Anderen vor mir bemerkt wurden zu sein. So tief in Gedanken versunken waren sonst nur mein Dad und ich wenn wir über einen Einfall philosophierten. Vorsichtig klopfte ich das weiße Gewand ab, welches meinen Körper bedeckte und richtete meine langen Haare. "...Ähm. Hallo." sagte ich und lächelte freundlich. Es war ein sanftes ...etwas vorsichtiges Lächeln. Ich kannte meinen Gegenüber ja schließlich nicht, doch er hatte mir auch nichts getan weshalb ich ja ruhig freundlich sein konnte. Außerdem war da noch immer diese innere Empfindung von Verbundenheit die ich noch immer weder richtig fassen noch begreifen konnte.


      “If you were happy every day of your life, you wouldn’t be a human. You’d be a game show host.”
    • Sedon
      Sie haben es getan, sie haben es wirklich getan!
      Fassungslos sank mein Körper zu Boden: Die Knie prallten unsanft auf den kalten Grund und ließen eine dumpfe Welle durch mein ganzes Sein jagen. Die Arme baumelten ebenso schlaff zu meinen Seiten, wie es die hellen Haarsträhnen im Nacken taten, und die Knöchel meiner Hände ruhten auf dem unebenen Grund. Mein Blick war starr dem grauen Himmel entgegen gerichtet; sie haben mich wirklich von dort - aus dem Himmel - verbannt. Aber wie konnten sie von dem Plan wissen, wie habe ich mich verraten? Oder war ich es gar nicht selbst, sondern ein anderer, der mich verraten hat? Nur zu gerne hätte ich es gehabt, dass irgendjemand mir jetzt in den Kopf gekommen wäre, irgendjemand, auf den ich die Verantwortung und den Grund für das Scheitern meines – nein, unseres – Plans abschieben könnte. Khaleb hat sicher etwas vermutet – das würde zumindest das merkwürdige Verhalten des Todesgottes am Morgen erklären. Die nötigen handfesten Beweise, um eine Ermittlung gegen mich einzuleiten, konnte er aber unmöglich haben, oder? Für einen kleinen Moment schloss ich die Augen und horchte in mich hinein. Meine Gedanken rasten wild umher, versuchten einen Sinn aus der Situation zu ziehen, scheiterten. Vorsichtig, als würde der Anhänger unter dem Druck meiner Berührung zerbrechen, griff ich an die Stelle, unter der sich die Ecken und Kanten des winzigen weißen Kieselsteins abzeichneten und sich an mein Brustbein schmiegten. Vielleicht war es der Stein, der mich verraten hatte; ein Objekt und keine Person. Meine langen Finger arbeiteten sich langsam voran, tasteten unter dem schwarzen Stoff des Shirts, und beförderten den unscheinbaren Anhänger schließlich in das dämmerige Licht meiner Halle. Die feingliedrige Silberkette klirrte sanft und durchbrach die allumfassende Stille, wenn auch nur für einen kleinen Moment. Auch wenn er es war, der mich verraten haben sollte, ich würde niemals, auch nicht eine Sekunde lang bereuen, ihn getragen zu haben.
      Allmählich öffnete ich meine Augen und blickte dem nebeligen Nichts entgegen, das noch immer die ganze Halle umhüllte. Genau wie an dem Tag… schoss es mir durch den Kopf und ließ meine Gedanken abweichen. Es war kein neuer, er war inzwischen schon fast zu so etwas wie einem Ritual geworden. Jedes Mal, wenn ich diesen Ort betrat, wurde ich daran erinnert, obwohl es inzwischen an die drei Jahre her war: Dieser merkwürdig süßliche Geruch des Nebels ruhte schwer in meinen Lungen und forderte einen Brechreiz heraus, der aber zu kontrollieren war. Stattdessen fühlte ich mich eher dumpf, als wäre das hier alles nur ein langer Traum, der abgetrennt von unserer Realität existierte. Lag das an dem Geruch, dem dämmerigen Licht oder steckte mehr dahinter? Meine Augen versuchten einen Punkt in der Ferne zu fokussieren, denn ein weißer Fleck fiel mir dort auf, doch ich scheiterte und rutschte tiefer hinein in meine Gedanken; hilflos, als wäre mein Bewusstsein ein Stück Treibholz, das von einem gewaltigen Strom unbarmherzig mitgerissen wurde.
      Ich wusste, dass ich gestorben war, und konnte mich auch grob daran erinnern, wie es passiert war: Neben dem Geruch des Nebels, der mich an Benzin zu erinnern meinte, dem gedämpften Licht, das den tiefhängenden Schwaden geschuldet war und dem allumfassenden Gefühl der Kälte, meiner porzellanblassen Haut und unterkühlten Art, waren es diese Träume, die mich Nacht um Nacht heimsuchten. Ob ich wollte oder nicht, ich wurde an meine letzten Momente erinnert – und das wollte ich ganz sicher nicht. Ob es den anderen Todesgöttern auch so ging, habe ich nie erfahren, niemand hat es mir erklärt. Auch Ehma sprach nicht darüber, obwohl ich einmal versucht hatte, ihn danach zu fragen. Gerne hätte ich Gott gefragt; er als Allwissender und Allmächtiger sollte eine Antwort darauf haben, aber wie auch schon während meiner Zeit auf der Erde ließ er sich nur selten blicken. Die Harbinger und Vicare waren schließlich diejenigen, die dafür zuständig waren, seinen Willen auszuführen und den Himmel in seinem Namen zu verwalten – ganz ähnlich wie es Papst, Bischöfe und Diakone auf der Erde taten. Seitdem ich in den Himmel gekommen war, habe ich kein einziges Mal die Chance gehabt, ihm gegenüber zu stehen. Eigentlich meinte ich mich grob daran zu erinnern, während meiner Lebzeiten ein gläubiger Mensch gewesen zu sein, der auch dazu bereit war, sein Leben in den Dienst des Herren zu stellen. Ganz sicher war ich mir da aber nicht, denn außer den verstörenden Erinnerungen an meinen Tod war nicht viel von meiner Existenz auf der Erde in meinem Bewusstsein verblieben. Dafür erinnerte ich mich noch genau an meine ersten Momente im Himmel: Nach meinem Tod kam ich nicht direkt in dorthin, wie es viele der anderen Seelen taten. Es war, als wäre noch etwas von mir auf der Erde geblieben, an meinen irdischen Körper gebunden, als wäre ich unvollständig gewesen. Es dauerte lange, bis ich schließlich in eine Eingangshalle überführt wurde und die Tore des Himmels erblicken durfte. Sie waren genau so, wie sie in Erzählungen beschrieben werden: Golden, reich – aber nicht verschwenderisch, eher geschmacksvoll – verziert, riesengroß erstreckten sich die beiden Türen vor mir. Anstatt aber, dass der Erzengel Michael auf mich gewartet hätte, fand ich Ehma dort vor. Er erzählte mir, dass ich tot sei – was ich inzwischen begriffen hatte und erstaunlich gut wegsteckte – und in den Himmel kommen würde, dass ich besonders sei, weil ich nun ein Vicar war und als Todesgott für Gott arbeiten würde. Ehma war derjenige, der mir seit dem ersten Moment beiseite stand, der mir schließlich die Augen öffnete. Warum ich ein Todesgott geworden bin, verstand ich bis heute nicht und auch kein anderer wusste mir die Frage zu beantworten. Vor allem heute hinterfragte ich es, konnte nicht verstehen warum. Ohne es zu bemerken, umklammerte ich den kleinen Stein immer fester.
      „…Ähm. Hallo.“ drang eine freundlich klingende Stimme zu mir durch. Abrupt wurde ich aus dem finsteren Strudel meiner Gedanken gerissen und ließ den Anhänger los, der sich mit einem fast lautlosen Rascheln zurück an seinen Platz an den schwarzen Stoff über meinem Brustbein schmiegte. Die Stimme war mir vollkommen unbekannt, jedenfalls konnte ich sie keiner der wenigen Personen zuordnen, von der ich wusste, dass sie hier im Himmel war. Dennoch löste das klare Klingen der Stimme tief in meinem Inneren etwas aus, das unmöglich in Worte zu fassen war. Die metallenen Nieten an meinem Kragen gaben einen hohlen Laut von sich, als ich meinen Kopf anhob und nach oben, dem Ursprung der Worte entgegen blickte. Unweit entfernt von mir, eigentlich sogar nah, entdeckte ich ihren Ursprung – wie konnte ich es nicht bemerkt haben, dass die Frau sich mir genähert nähert hat? Mein Blick fokussierte sich endlich; es kam mir vor, als eröffne sich mir plötzlich eine himmlische Offenbarung: Eine junge Frau, gehüllt in dem hauchfeinen weißen Gewand, wie es die verlorenen Seelen typischerweise trugen, blickte zu mir herunter. Die langen Haare streiften ihre Wangen und rahmten ihr schönes Gesicht ein. Es schien fast so, als würde sie von hinten angestrahlt werden, von einem Glorienschein umhüllt sein, obwohl ich genau wusste, dass da keine solche Lichtquelle hinter ihr war. Kurz starrte ich sie ausdruckslos an, dermaßen überwältigt war ich von ihrer Erscheinung. Wie von selbst wurden meine düsteren Gedanken endgültig von meinem Tod, der Verbannung und dem Kribbeln in meiner Magengrube gelöst. Ich suchte meine Fassung, fand sie aber nicht; versuchte zu sprechen, brach aber bald darauf wieder ab.
      Es fühlte sich plötzlich so an, als wäre eine unendlich lange Zeit seit dem letzten Empfang einer Seele vergangen. Es schien so lange her zu sein, dass ich plötzlich nicht mehr wusste, was ich jetzt zu sagen hatte. Die Rolle des Todesgottes hat mir immer Sicherheit gegeben: Es gab klare Abläufe, die zu befolgen waren. Gesten, die eben zu dieser Rolle gehörten. Ich konnte auf jede Frage reagieren, mit jeder Art von Seele umgehen, ganz nach Protokoll. Letztendlich waren sie alle gleich. Aber diese Seele, diese Frau, war anders. Ich mied ihren emerald-grünen Blick.
      „Du bist gestorben“, setzte ich unsicher an, sodass die Aussage eher wie eine Frage klang. Einen Moment lang wartete ich auf eine Antwort - wie albern - die Stille blieb eng an unserer Seite. Ich spürte ein Ziehen im Magenbereich. Es tat nicht weh, genau wie jeder andere Schmerz es auch nicht tat, trotzdem fühlte es sich unangenehm an. „Ich bin…“, setzte ich erneut an, brach den Satz aber schnell wieder ab. Zu sagen, dass ich ein Todesgott war, fühlte sich falsch an. Vielleicht war ich das gar nicht mehr, vielleicht bin ich schon ersetzt worden? Noch immer saß ich am Boden, auf meinen Hacken, sodass sie auf mich herabschauen musste, um mir entgegen zu blicken. Meine Gedanken fingen wieder an, wild zu rasen, trotzdem fiel mir nicht ein, was ich sagen sollte. Es gab keine Worte, die sich in meiner jetzigen Lage richtig anfühlten – keinen Ausdruck, der einen Sinn gemacht hätte.
      Als mir auffiel, dass sie meine Haare betrachtete, war ich gleichermaßen beruhigt und nervös. „Ahh“, entfuhr mich unvermittelt. „Du wirst keine bekommen“, stellte ich dann gewohnt kühl fest, dankbar dafür, der Stille auch nur für einen Moment entfliehen zu können. Die dunklen Hörner an meinem Kopf ragten wie ein Mahnmal zwischen den weißen Strähnen hervor; ihr Gewicht erinnerte mich ununterbrochen an die mir auferlegte Last. „Deine Haare werden ihre Farbe behalten, sie werden braun bleiben.“ Plötzlich kam es mir falsch vor, so zu sprechen – vor allem mit ihr so zu sprechen. Dabei war das meine Sprechart: Ernst, trocken, kühl und seriös. Na gut, heute war der Ton etwas zaghaft, aber dennoch genau ich. Aber jetzt – ihr gegenüber – war es anders, war alles anders. Ich fühlte mich ihr vollkommen ausgeliefert.


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    • Cassandra

      Ich hatte auch keine Zeit meine innere Unruhe und diese Zerrissenheit zu verarbeiten. Wahrscheinlich hätte ich es erst gekonnt wenn ich mich so weit wie möglich von meinen Gegenüber entfernt hätte. Aber ich hatte weder die Kraft dazu, noch wollte ich es. Ich hatte nach so langer Wanderung endlich Jemand in diesen Nichts gefunden. Da konnte ich doch nicht einfach wieder gehen. Und dann war da ja auch...diese Gewissheit angekommen zu sein. Noch immer blieb es still. Ich war mir nach wie vor noch nicht sicher, ob er mich überhaupt wahrgenommen hatte. Ob ich nochmal etwas sagen sollte? Genau während ich in diesen Moment überlegte was ich nun tun sollte sah er zu mir auf. Ich wollte gerade erleichtert aufatmen als mein Atem stockte. Es war eine Mischung aus Schock und Verwunderung die mir da für eine Sekunde die Luft nahm. Bei seinen Anblick lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Der Ausdruck in seinen Augen war irgendwas zwischen Trauer und Hoffnungslosigkeit. Dabei war ich Diejenige, die gerade gestorben war. Was konnte denn bitte schlimmer sein als das? Zunächst wusste ich nicht wie ich damit umgehen sollte, ich wusste ja nicht einmal mehr selbst mit mir und meinen Empfindungen umzugehen. Andererseits wenn ich nichts tat, bekam ich ja nie die ersehnten Antworten. "Hey~" setzte ich erneut zum Gespäch an und winkte leicht mit einer Hand. "Ähm... geht... es dir....irgendwie nicht gut? Kann ich dir wohl möglich irgenwie... naja... helfen?" Moment! Verstand er überhaupt was ich sagte? Etwas unsicher versuchte ich all die Sprachkenntnisse zusammen zu tragen die ich in meiner Lebzeit gesammelt hatte. "Äääähm...Puis-je vous aider de quelque manière que ce soit? ... Puedo ayudarte de alguna manera? Puedo ayudarte de alguna manera?" Tatsächlich reichte es nur um die Frage noch einmal auf französisch und spanisch zu stellen. Die nächste Hürde wäre wohl das Gesagte zu verstehen und darauf irgendwie eine Antwort geben zu können. Mit einen Male verlor seine Blick jegliche Regung. Keine Trauer, keine Hoffnungslosigkeit nur noch ausdruckslose Leere. Hieß das er kippte gleich um? Oh nein!!! Ich hatte meine erste Hilfe Schulung doch noch nicht wieder aufgefrischt. In der nächsten Sekunde schreckte ich leicht zurück als sich mein Gegenüber unerwarteter Weise doch regte. Er schien mich anzusehen ohne richtig hinzuschauen. Zumindestens wich er meinen Blick aus. Doch was auch immer sein Anblick gerade eben in mir geweckt hatte, was mich so berührt hatte und noch immer aufwühlte, diese tiefe Verbundenheit und Faszination eines merkwürdigen Fremden gegenüber zwang mich einfach seinen Blick zu suchen. Als dies doch für den Bruchteil einer Sekunde gelang bereute ich es ausgeblicklich. In seinen ausdruckslosen dennoch aber schönen grauen Augen war nichts zu lesen und doch schien ich alles in ihnen zu sehen. Am bunrugensten war allerdings was dieser kurz Blickkontakt in mir auslöste. Es verstärkte mein inneres Gefühlschaos nur,m was mich ebenfalls verunsicherte. Ich hatte noch immer nicht mit meiner Situation abgeschlossen und nun hatte ich auch noch mit einer Gefühlswelt zu kämpfen die ich so nie zu Lebzeiten gehabt hatte.

      "Huh?" Ein Glück, er konnte ja doch reden und dann auch noch meine Sprache! Ich seufzte leise als mir die Bedeutung seiner Worte bewusst wurden. "Ja, ich weiß." Er schien wirklich unsicher und so als würde er jeden Moment von der unheimlichen Last seiner Trauer erdrückt. Oder besser zerquetscht. Sonst schien er aber keine Leiden zu haben. Irgendwie schien ich oder irgendetwas an mir ihn zu verunsichern. Wenn ich nicht wusste was es war konnte ich aber auch nichts dagegen tun. Als er zum ersten Male stockte und seinen Satz abbrach ging mir ein Licht auf. So verhielt ich mich auch immer wegen meinen Lampenfieber. "Schon gut." Er musste sich deshalb nicht so hart in die Mangel nehmen. "Ich... könnte ja einfach nochmal zu dir kommen und wir tun so als wäre es das erste Mal. Na? Klingt das besser? Eigentlich können wir es gern wieder und wieder versuchen, ich habe jetzt ja so gesehen sehr sehr viel Zeit." Ich versuchte ihn ein aufmunterndes Lächeln zu schenken aber wieder zeigte es keine Wirkung. Wahrscheinlich waren meine Worte zwar gut gemeint aber wenig hilfreich. Noch immer stand ich etwas mit mir und der Situation überfordert sowie mit leicht irritieren Blick vor einen merkwürdigen Fremden der mir dennoch so wahnsinnig vertraut erschien. Dann aber wie vom Blitz getroffen regte ich mich. Ich wusste nicht was es war oder wie ich es schaffte mich aus dieser merkwürdige wie auch leicht beklemmenden Situation zu befreien, dennoch setzte ich mich prompt still neben den jungen Mann. Ich zog die Beine an und stützte meinen Kopf auf die Knie. Eben war ich noch so müde darüber hinaus sogar verzweifelt gewesen und nun sahs ich hier aufgeregt mit noch immer rasenden Herzen neben diesen .... jungen Mann. Seit seinen letzten Worten war beinah peinliche Stille eingekehrt. Noch immer klangen seine letzten Worte in meinen Gedächtnis nach aber ich fand einfach keinen wirklichen Bezug dazu. Ich war tot verdammt! Das musste ich doch erst verarbeiten. Ob ich nun schwarze Hörner bekam oder nicht oder sich meine Haare verfärbten war mir gerade wirklich recht egal. Aber...er sah auch so aus als müsse er auch Schreckliches verarbeitenden. "....Ich heiße übrigens Cassandra." Versuchte ich schließlich erneut ein Gespräch zu beginnen. Ich wand meinen Blick zu ihn herüber und schenkte ihn ein warmes Lächeln. "Manche nennen mich auch Cass." Vielleicht brauchte er ja nur jemanden der ich richtig zuhörte. Das hatte ich mir zu Lebezeiten auch immer erhofft. Zuhause konnte das nur Meggie richtig gut. Mir richtig zuzuhören. Oh Meggie... wie ich sie vermisste. "Dich bedrückt doch etwas. Das sehe ich dir an, was ist den passiert? Ginge es dir vielleicht besser wenn ich dir einfach nur zuhöre statt dich mit Fragen zu löchern? Vielleicht sieht deine Welt dann ja auch schon wieder besser aus."


      “If you were happy every day of your life, you wouldn’t be a human. You’d be a game show host.”
    • Sedon
      Ihre emerald-grünen Augen streiften meine zusammengesunkene Gestalt erst nur kurz, die unmittelbare Reaktion meines Körpers, meines Geistes, ja meines ganzen Seins war unterdessen umso stärker. Es war merkwürdig: Sie – ihr sorgsamer Blick – löste etwas in mir aus, das ich zuletzt vor langer Zeit gespürt zu haben meinte; es war etwas Kribbeliges, das sich in meiner Magengrube ausbreitete, Nervosität vermutlich, die das Bewusstsein in erst sanften Wellen zu überschwemmen drohte, sich aber im Laufe weniger Sekunden zu einem reißenden, unberechenbaren Strom entwickelte. Der Wunsch nach ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit, diese unheimliche Begierde, erwachte tief in meinem Inneren – nein, es war viel mehr als nur ein bloßer Wunsch: Verlangen, wie eine unbarmherzige Naturgewalt außerhalb jeder Bezugsgröße menschlicher Sehnsucht, riss an mir, schlug auf den eisigen Block der angelernten Disziplin ein, zerschmetterte den innersten Kern meines Seins und ließ mich ihr vollkommen ausgeliefert – ja entblößt – zurück. Vorsichtig erhob ich meine Hand, wollte ihre Hand berühren, sie näher zu sich ziehen, der Frau durch diese periphere Berührung etwas Trost spenden. „Schon gut.“ Urplötzlich, kurz bevor mein Körper den ihren fand, als mir die unheimlichen Szenerien in meinem Inneren bewusstwurden, überkam mich ein eiskaltes Schaudern. Ihre wenigen Worte, welche die Stille der Ebene sanft erfüllten, führten mich zurück in die Realität. Sie sprach noch weiter, aber bei mir kam nichts weiter als das Klingen ihrer Stimme an. Auch wenn mein Inneres aufzubrechen schien, das Äußere war kühl und standhaft geblieben – zumindest so standhaft, wie es meine kauernde Haltung zuließ. Meine Hand zog sich sofortig von ihr zurück.
      Und dann sah sie mich wieder an. . "....Ich heiße übrigens Cassandra. Manche nennen mich auch Cass." begann sie sich vorzustellen. „Cass..andra“ wiederholte ich die Worte atemlos, wobei ich den Klang ihres Namens auf meiner Zunge zergehen ließ. Ich musste ihrem Blick dabei für einen Moment ausweichen, um mich zu sammeln und blickte dem Boden entgegen, dann gewann aber die Sehnsucht und ich wandte mich ihr zu und erwiderte ihren warmen mit meinem kalten Blick. "Dich bedrückt doch etwas. Das sehe ich dir an, was ist den passiert? Ginge es dir vielleicht besser, wenn ich dir einfach nur zuhöre statt dich mit Fragen zu löchern? Vielleicht sieht deine Welt dann ja auch schon wieder besser aus." Ihr Lächeln, das sich von den Lippen über die Wangen bis zu ihren Augen zog, ließ mich dahinschmelzen. Wieder regte sich etwas in meinem Inneren, dieses Mal war es sanfter. Mein Blick wurde seicht. Wie konnte sie sich jetzt Sorgen um andere machen, in ihrer Situation? „Nein…“ wisperte ich beinah lautlos und schloss die Augen für eine Weile, um in mich hinein zu horchen. Ich hatte kein Recht darauf, ihr gegenüber so eine Haltung einzunehmen, das realisierte ich schmerzhaft. Denn ich war derjenige, der sie – Cassandra, er genoss den Klang ihres Namens in seinem Geist – in eine der Ebenen des Himmels überführen würde, vorausgesetzt natürlich, dass ich noch ein Todesgott war. Cassandra war diejenige, die litt, die gestorben war. Meine Probleme konnten warten – wobei generell im Moment noch unklar war, ob es überhaupt eines war. Diese Gedanken ließen meinen Geist wieder klarer werden. Mein Atem ging langsam und ruhiger, die Luft betrat meinen Körper und verließ ihn wieder im selben Tempo. So, wie es sein sollte. Sacht schüttelte ich den Kopf, einige helle Haarsträhnen wippten von einer Seite zur anderen. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn sie einfach weiterspräche. Ich schlug meine Lider auf und blickte ihr entgegen, auf meine eine gefasste Art und Weise, hinter der seitdem ich sie gefunden habe so viel mehr stand. Meine Stimme war leise, als ich zu sprechen begann: „Ich weiß deine Bemühungen zu schätzen, aber ein Labour wird kaum in der Lage sein, mich aus meiner jetzigen Situation zu befreien.“ In einer bedachten Bewegung wandte ich mich ihr ganz zu, ihr Gesichtsausdruck zeigte mir, dass sie nicht ganz verstand, wovon ich sprach. Daher führte ich weiter aus: „Du bist ein Labour, im Himmel hast du nur wenige Rechte. Du musst arbeiten, wirst aber anders als die Blackbirds behandelt, zumindest etwas besser. Blackbirds sind Besitztümer von Harbingern oder von Vicaren. Du, als Labour, bist dagegen das direkte Eigentum Gottes.“ Unsicher darüber, ob diese Erklärungen ihr weiterhelfen würden, entschied ich mich dazu, das Ganze noch etwas weiter auszuführen. „Es gibt hier vier verschiedene Ränge: Blackbird, Labour, Vicar und Harbinger. Du hast einen tiefen Rang, den Rang eines Labours. Du darfst keine persönlichen Gegenstände besitzen, dazu gehören auch besondere Talente. Ihr seid dafür da, die Aufgaben zu erledigen, die nötig sind, damit die Vicare und Harbinger ein gutes Leben führen können. Ein Blackbird wird wie ein Sklave behandelt, er hat jegliche Art von Arbeit sofort zu erfüllen, anderenfalls hat er Konsequenzen zu erwarten. Vicare sind Todesgötter und sonstige 'Beamte' oder 'Bedienstete' Gottes. Harbinger haben die höchste Position. Sie müssen nicht arbeiten und können eigentlich tun und lassen, was sie wollen. An der Spitze des Systems steht Gott." Ich schluckte kurz. "Er hat hier die absolute Macht, wie ein Diktator.“
      Es ist merkwürdig, wie solche winzigen Momente das gesamte Leben einer Person ändern können – und in Folge dessen die Leben von noch so Vielen mehr. Noch am selben Morgen hätte ich es mich niemals getraut, diese Worte offen auszusprechen. Sie schmerzten auf eine ganz andere Art als es physischer Schmerz tat, trafen mich aber so, wie es nicht einmal mein eigener Tod getan hat. Es war viel, was ich ausgesprochen habe, über das ich mich im Himmel kaum getraut habe, nachzudenken. Es war generell eine große Menge, die ich eben gesprochen habe. Irritiert wandte ich meinen Blick ab; es kam mir vor, als hätten diese Sätze meine ganze Kraft aufgebraucht. Kraftlos sank ich wieder in mich zusammen, schwer atmend, die Stirn auf meine Knie stützend und die eigenen Beine mit den Armen umfassend. Ohne meine sichere Rolle als Todesgott fühlte ich mich unwichtig und nutzlos, auch wenn ich in dieser Rolle einen korrupten, selbstsüchtigen Gott unterstand. Die Rolle hat mir Sicherheit gegeben, Kraft und letztlich meinem Leben – oder Leben nach dem Tod – eine Bedeutung. Wie sollte ich über einen Menschen richten und ihn zum Labour machen, wenn ich bald in der Hierarchie unter ihm stehen würde? Und vor allem: Wie könnte ich das Cassandra antun, nach der meine Seele sich in diesem Maße verzerrte? Plötzlich erschien das Bild von Ehma vor meinem geistigen Auge. Einen tiefen Atemzug später war ich durch neue Energie beflügelt, straffte meinen Stücken und richtete mich schließlich auf. Meine Muskeln streckten sich, mein ganzer Körper stand gerade da, neutral, wie gewohnt, gefasst und kontrolliert. Entschieden drehte ich mich zu der engelsgleichen Frau, wollte am liebsten direkt nach ihrem Handgelenkt greifen und sie zu mir ziehen, besann mich aber eines Besseren und streckte ihr stattdessen behutsam eine meiner kalten Hände entgegen. „Cassandra.“ sprach ich sie an, das seichte aus meinen Augen ist dabei in meine Stimme übergegangen. Es bestand kein Zweifel in mir: "Du bist diejenige, auf die ich gewartet habe."


      >> May God protect you <<
    • Cassandra

      Stille. Mal wieder. Es schien viel mehr in ihn zu brodeln, als wäre da ein innerer Kampf tief in seinen Selbst welcher sein ganzes Sein vollständig einnahm. Kein Wunder, dass er mich da kaum bemerkte. Eigentlich sollte es in mir nicht anders aussehen, immerhin war ich gerade gestorben. Dann aber zeigte der junge Mann neben mir endlich eine Regung. Zugegeben anders als erwartete aber er regte sich. Zögerlich zuckten erst einige Finger seiner Hand, dann erhob sich Jene schwerfällig und glitt kaum merklich sowie zitternd ein Stück durch die noch immer von Nebelschaden durchdrungene Luft. Es war zu zögerlich um ein genaues Ziel auszumachen doch... Es war ein zwartes Anzeichen von Lebenswillen. Nur leicht erkennbar, doch genug mich zu vergewissern, dass dieser Kerl ein lebendiges Wesen und keine merkwürdige Puppe war. Wie konnte ich denn auch kurz meinen Tode erahnen wie treffend diese Beschreibung war. Immerhin waren Todesgötter wie die Meisten Wesen des Himmelreichs nichts weiter als starre Marionetten, kleine Rädchen im System des großen Ganzen. Nur wenn jedes dieser Rädchen funktionierte, nicht dachte oder hinterfragte, funktionierte auch der Himmel selbst. So streng und kaltherzig dieses Sytem war, so fragil war es auch. Aus diesem Grunde wurden Fehlerquellen auch sofort aus den Weg geräumt. Ob das Schicksal war? Denn im Nachhinein betrachtet war ich diesem Wesen neben mir, was mir selbst noch so unsagbar wichtig und kostbar werden würde, erst wegen diesen fragwürdigen und fragielen System begegnet. Er war ein Fehler im himmlischen System und für mich der Anfang einer großen Reise die wesentlich bedeutender werden sollte als all mein wirken auf der Erde. Und ja, ich meine All mein Wirken, nicht nur das als Cassandra Ross, der Nachtigall ...dem Mädchen mit der Engelsstimme.

      Mein Gegenüber schien sich noch immer nicht wohl zu fühlen. Irgendetwas an mir, vielleicht sogar ich selbst löste ein Unbehagen in ihm aus. Ob ich zu forsch gewesen war? Gut, wohlmöglich bin ich auch schon wieder einfach nur über die Stränge geschlagen. Das war eines meiner Laster, ich meinte es mit meiner Hilfssbereitschaft ab und an etwas zu gut. Dies hatte mir meist kein Glück beschert. Vielmehr stolperte ich bereits zu Lebezeiten im Angelegenheiten die mich nun beim besten Willen nichts angingen und in Situationen denen ich nur schwer galant entkam ... wenn überhaupt. Hah, so wie die Gesangsshow "Sing for your Supper". Ich konnte es auch tot wohl einfach nicht dabei belassen. So war ich halt und blieb ich wohl. Unterm Strich war ich wohl genauso merkwürdig wie der Fremde neben mir.

      Es verstrichen einige Sekunden, dann aber vernahm ich meinen Namen aus seinen Mund. Es war mehr ein unsicheres, gestammeltes Hauchen und doch, bewegte es mich. Wie er meinen Namen aussprach war gerade zu rührend. Ich bemerkte wie meine Augen für wenige Sekunden glasig wie langsam immer größer wurden. "J-Ja...so...so heiße ich." stammelte ich fast schon atemlos zurück. Ich musste Schlucken um aus dieser Art Trance zu erwachen. Für diesen Moment war all die Angst und Unsicherheit teifer Zufriedenheit gewischen. Noch immer blickte ich regungslos und sicher ziemlich dümmlich lächelnd vor mich hin. Wieder verging nicht viel Zeit, welche sich aber wie eine Ewigkeit anfühlte. Und da war sie auch wieder... diese Stille. Unsere ewige Begleiterin.

      "Mhm..." klang es leis' von mir als ich beinah seufzend ausatmete, da sich diese Starre langsam wieder von mir löste. Ich hatte mich entschieden aus Höflichkeit meinen Blick von ihm abzuwenden. Immerhin schien ihm dieser mehr zu verunsichern, außerdem rechnete ich auch nicht wirklich damit das ein Gespräch zwischen uns entstand. Also blickte ich in den Nebligen Himm- in das neblige Über-mir und rieb mir nachdenklich über den rechten Ellenbogen. Ich dachte in diesem Sekunden jedoch nicht über meinen eigenen Tod nach oder was es bedeutete nun tot zu sein....was wohl die Meisten getan hätten. Nein,nein. Gerade in diesen Momenten der Stille begann ich mein Ich intensiver war zu nehmen. Wo vorher noch die Schmerzen und die Trauer wegen bezihungsweise um mein Lebensende war, war nur dieses Gefühl. Eine Art unterbewusste Gewissheit. Klar und deutlich, jedoch für mich unverständich. Ich fragte mich nun zum gefühlt Einhundersten Male warum mir der sonderbare Fremde so vertraut vor kam. Nicht in dem Sinne das ich ihn schon einmal gesehen hätte, nein. Es war auch nicht allein die Fazination die seine Anziehungskraft auf mich auswirkte nein...ich wusste das ich ihn trauen konnte und das ich keine Angst vor ihn haben musste. Um ehrlich zu sein bezweifelte ich sogar ob ich es konnte.

      Mit einen Mal musste ich unwillkürlich schlucken. Huh? Ich fühlte mich plötzlich so durchleuchtet. Als ich zu ihm herüber sah merkte ich warum. Ich könnte wirklich spüren wie sein Blick an mir hoch und runter wanderte. Es war zwar ein komisches und leicht anspannendes Gefühl aber es war so gesehen nicht unangenehm. Als er plötzlich aufstand sah ich ihn auch zum ersten Mal in voller Größe. Er war gut einen Köpf größer als ich, nicht schlacksig aber auch nicht muskelbepackt und ganz und gar ein Durchschnittstyp der ohne die hervor stechenden Hörner nichtssagend im Nebel oder einer Masse unterging. Das lag wohl auch an dieser Ausdruckslosigkeit. Ja, das beschieb es sehr gut. Statt einer Art Austrahlung besahs er nur langweilige Neutralität und Ausdruckslosigkeit. Alles in Allen stink langweilig! ...Dies betraf jedoch nur seine äußere Erscheinung. Sobald ich meine Augen schloss, meinen Kopf ausschlatete und nur auf die Stimme meines Herzens hörte... vernahm ich etwas ganz anderes. Da war es wieder. Das Gefühl am Ziel angekommen zu sein, bei ihm. Den fremden Sonderling. Und da war noch mehr. Wärme, Glück, Erleichterung und.... Freiheit ... ja. Das war es. Eine aufregende Mischung, belebend und alles andere als langweilig. Doch wenn ich meine Augen wieder öffnete ....

      Auch wenn sein Tonfall neutral bleib waren seine Sätze total pessimistisch. Ich wollte und konnte kaum begreifen wie düster das Leben nach den Tod doch sein sollte, ich hatte ja auch kaum den Umstand verarbeitet tot zu sein. Das war alles schlicht weg viel zu viel. Es dauerte auch nicht lange da hatte ich das Fachwortgeschoss auch überstanden, bis ich das Ganze verstanden hatte musste jedoch noch einges an Zeit vergehen. Ich war clever, aber eben kein Superhirn. Eines war mir dennoch bewusst. Das klang ja nicht gerade rosig für mich. Aber irgendwie...war es schon verdammt ungerecht! Das sollte also der Himmel sein? Der Ort an dem ich kam weil ich mich meinen Lebtag lang wie eine gute Christin verhalten hatte? Mein Kopf dröhnte. Das waren nicht nur die bloßen Kopfschmerzen von den Aufprall meines Körpers, kurz vor meinen Tod. Nein, auch die tausend Gedanken und vielen Informationen. Ich wusste nicht einmal vohin mit mir, wie sollte ich dann etwas begreifen was das menschliche Bewusstsein und das gesamte christliche Glaubenssystem komplett überstieg?

      Anscheind lag in dieser Welt auch Einiges im Argen. War wirklich alles so starr vorherbestimmt? Konnte man wirklich gar nichts unternehmen? Gab es niemanden der seine Stimme erhob? Es gab doch immer Leute die wie Helden für die Schwächeren kämpften. ABer es war sicher nicht wirklich leicht sich gegen Gott zu stellen. Das verstand ich schon...aber man musste doch irgendwas dran drehen können. "Diktator... das ist...ein sehr machtvolles Wort." Um so schwerwiegender war seine Bedeutung. Das schien auch ihm erst nach dem Auspsruch richtig bewusst zu werden. Wieder sank er neben mir in sich zusammen. Es war das Bild von gerade eben. Als ich ihn wieder so erblicken musste quoll in mir der Wunsch auf ihm Beistand zu leisten oder wenigstens Anteilnahme zu zeigen, ein Zeichen das er nicht allein war. So wandte sich nicht nur mein Blick sondern auch mein Körper zu ihm. Doch als ich ihm gerade eine zärtliche Hand tröstend auf die Schulter legen wollte stoppte ich. Eine Sache schien anders, irgendetwas ging in ihm vor was vorher nicht da gewesen war. Ein Fakt der mich inne halten ließ. Da ich mein gesamtes Gewicht in seine Richtung verlagert hatte, musste ich mich jedoch im nächsten Moment abstützen um nicht auf ihn zu kippen. Ich kam mir so unbeholfen vor wie ein unschuldiges Kleinkind was versuchte seine ersten Schritte zu tun. Und ich wollte diesem jungen Mann eine Hilfe sein? Haha... sehr witzig Cassandra, das ich nicht lachen... Beschämt schüttelte ich meine Kopf worauf hin die sanften braunen Locken meines Haares leicht hin und her zu wippen begannen. Diesen Gedanken sollte ich mir lieber schnell aus den Kopf schlagen.

      Als ich plötzlich meinen Namen vernahm sah ich beinah erschrocken auf. Es war kein unsicheres Flüstern mehr, viel mehr ein entschlossener Ausruf. Und so hatte er sich auch tatsächlich vor mir aufgbaut. Das war mir bis zu den Klang meines Namens ganz und gar entfallen. Verwundert blickte ich ihn an, unwissend und wirklich nicht auf das vorbereitet was folgen sollte. Dieses Mal war ich Diejenige die stumm blieb. "B-Bitte?" brachte ich endlich hervor. Es viel mir schwer wieder zu meiner Stimme zu finden. ".....Auf... mich gewartet?" Ungläubisch deutete ich mit den Zeigefinger auf mich selbst- Er wiedersprach sich doch selbst. Hoffentlich hatte er sich jetzt entschieden. "Du... bist du dir wirklich sicher? Gerade klang das ja nicht so." Erst etwas langsamer und dann immer schneller begann ich zwischen seinen Gesicht und der ausgeschreckten Hand hin und her zu sehen. Ich verspürte den Wunsch diese Hand zu ergreifen, unterdrückt den Drang dieser Geste nachzgehen aber noch. "Warum? Wofür? Das leuchtet mir nicht ganz ein." Nun blähte ich meine Wangen auf, ähnlich wie ein eingeschnapptes Kind welches man die Süßigkeiten verweigerte. "Und... und überhaupt, du hast dich nicht einmal vorgestellt! Wer bist du überhaupt?!" Ich war es langsam Leid ihm weiterhin keinen Namen geben zu können, während Mister Unebkannt meinen Namen bereits zwei Male über seine Lippen gebracht hatte. Wieder vermochten sich meine Augen nicht zu entscheiden ob sie nun weiter seine Hand betrachten oder seinen Blick kreuzen sollten. Letztlich wagte ich es doch meine Finger vorsichtig auf seiner kalten Haut nieder zu lassen, einmälig umschloss meine Hand die seine und drückte immer entschlossener zu ehe ich mich an ihr hoch zog.


      “If you were happy every day of your life, you wouldn’t be a human. You’d be a game show host.”
    • Sedon
      Obwohl ich es war, der ihr seine Hand angeboten hat, zuckte ich bei ihrer Berührung beinah zurück. Fast hätte ich meinen Arm vor ihr zurückgezogen, besann mich aber noch rechtzeitig und umgriff ihre Hand fest, um sie auf die Füße zu ziehen. Ihre weiche Haut war so viel wärmer, als ich es erwartet hatte. Es fiel mir schwer, meine Gedanken wieder unter Kontrolle zu bekommen, meine Fassung wiederzuerlangen, und so verlor sich mein Blick mit einem perplexen Ausdruck in die Leere. Es war selbstverständlich, dass sich unsere Berührung für mich warm anfühlte, diese Empfindung war ich gewohnt. Diese Welle aber, so etwas wie sie spürte ich zum ersten Mal und war entsprechend unvorbereitet; sie entstand spontan, genau im Moment ihrer Berührung. Es war, als würde mein Verstand sachte verschwimmen. Von meinen Fingerspitzen aus wurden meine Arme, dann die Schultern, der Brustkorb und schließlich meine Lungen von dieser Welle überschwemmt, die mein ganzes Bewusstsein mit ihrer wohligen Wärme auszufüllen und mit sich zu spülen versuchte. Unsicher schluckte ich; zögerlich, denn es war kein unangenehmes Empfinden, eher eine Art von tiefer Ruhe. Zaghaft versuchte ich, mich diesem ruhigen, aber entschlossenem Treiben zu entziehen, scheiterte aber. Nun schon etwas widerwillig startete ich einen erneuten Versuch, stemmte meinen Willen auf, rang nun nach Luft, nach Fassung – es kam mir fast schon albern vor, so zu reagieren, dieser Zustand war doch so wohlig. Aber tief in mir, da fühlte ich etwas, das selbst diese heimliche Wärme und die sanften Wogen nicht zu überdecken vermochten. Etwas, das ich um jeden Preis schützen musste, so schien es mir, auch wenn ich weder verstand noch wusste, was es war. Unwillig löste ich meine Hand von der ihren, unterbrach unsere Verbindung und gleichzeitig die gleichmäßigen Wogen. So standen wir für einen Moment da, nur wenige Atemzüge voneinander entfernt.

      Es war mir bewusst, dass Cassandra einige Fragen gestellt hatte, nur widerstrebte es mir, ihr diese zu beantworten. Spürte sie es denn nicht? Mein Blick wich dem ihren aus, der mit gerechtfertigtem Interesse geradezu strahlte; beinah grenzte der Ausdruck an eine für mich unerträgliche, ja unwiderstehliche, Intensität an Neugierde, der ich mich eigentlich umgehend hingeben wollte. Gleichzeitig wirkte sie durch ihre aufgeblasenen Wangen trotzig und machten mir bewusst, dass zufriedenstellende Antworten auf ihren Fragen keine Option, sondern eine Notwendigkeit waren, auch wenn es mir missfiel, diese geben zu müssen. Aber wie ein Kloß blieben mir die von ihr eingeforderten Worte im Hals stecken. War es für sie anders gewesen? Hatte sich ihre Berührung für Cassandra anders angefühlt? Ich schluckte verunsichert, wandte dann erneut den Blick von ihr ab, der wie von selbst wieder von ihren wie Edelsteine glänzenden Augen zurückgewandert ist. Was ihr denn nicht auch intuitiv über ihre Verbindung bewusst? War ich der Einzige, der seit dem ersten Moment überwältigt war? Fühlte sie anders? Die Zweifel ließen ein leises Seufzen von meinen Lippen entfliehen. Unvorsichtig lenkte ich nun meine blassen Augen zurück zu den ihren und blickte ihr energisch entgegen. Obwohl mir die kindische Art der Handlung bewusst war, versuchte ich so, ihre Aufmerksamkeit einzufangen und in einem solchen Maße auszufüllen, dass sie wenigstens in diesem Augenblick nur mich wahrnehmen würde. Mit einer Bewegung, die Entschlossenheit ausdrücken sollte, näherten sich meine Hände ihrer Haut, die Fingerspitze des Zeigefingers erreichte ihren Handrücken als erstes. Ein wenig unbeholfen, aber dem Ziel sicher, streifen meine langen Glieder sie, suchten Halt, fanden die Vereinigung. Während die warmen Wellen zurückkehren, aus deren Rhythmus ich mich doch gerade erst verzweifelt heraus gekämpft habe, dränge ich näher an Cassandra heran, fülle ihre Sicht ganz aus, bis uns nur noch der gemeinsame Atem trennt. „Cassandra“, setze ich mit leiser, aber umso überzeugtem Tonfall an. „Noch nie – weder im Leben noch im Tod – war ich mir bei einer Sache so sicher. Auf dich habe ich gewartet, nur auf dich.“ Ohne auf ihre Reaktion zu warten, löse ich meinen Griff, streiche über den Rücken ihrer Hand und verschränke behutsam meine Finger mit ihren, sodass sie die Möglichkeit hatte, sich aus meinem Griff zu befreien, falls sie die Berührung ablehnen sollte. Ebenso sanft schmiege ich meine Wange an ihre Handfläche, wobei ich die Augen für einen kleinen Moment schließe und die Wärme bedingungslos in mir willkommen heiße.
      Warum ich auf sie gewartet habe, das war auch mir unklar. Dass es wirklich sie war, dass es sie sein musste, das war dagegen unumstritten. Es war, als hätte ich plötzlich etwas, jemanden, gefunden, nach dem ich während meines gesamten Lebens und selbst im Tode noch gesucht habe, ohne es wirklich zu wissen. Das Wissen um ihre Existenz war es bereits, das mir einen Sinn gab. Ohne sie, ohne Cassandra, war alles sinnlos, bedeutungslos. Fast angsterfüllt durch den bloßen Gedanken, sie in einem kleinen Moment der Unachtsamkeit verlieren zu können, schlug ich meine Lider auf und heftete sie sorgsam an die Betroffene, in deren Blick inzwischen so etwas wie Ungeduld, vielleicht sogar Unwille getreten ist. Es war fast albern, an solche Dinge zu denken, denn ihre Handfläche ruhte noch immer an meiner Wange, und das konnte ich – dank ihrer Wärme – mit geschlossenen Augen ebenfalls erkennen. Schließlich gab ich mich geschlagen, indem ich den Griff um ihre Hand löste und ein wenig Abstand zwischen uns brachte, damit ich ihre Gestalt im Ganzen betrachten konnte, während ich sprach.
      „Ich heiße Sedon“, begann ich in meinem gewohnt kühlen und sachlichen Tonfall. „Ich bin – war – ein Todesgott.“ Etwas zu spät rückten die Ereignisse des Morgens zurück in mein Bewusstsein: Ich wusste nicht, ob ich nach Ende des Verfahrens noch ein solcher war, also würde ich es unterlassen, mich in dem Zeitraum dieser Unsicherheit bezüglich meiner Position als einen solchen zu betiteln, beschloss ich kurzerhand. Und im gleichen Moment realisierte ich: Durch die Existenz von Cassandra gelang es mir, die Möglichkeit zu akzeptieren, dass ich nun kein Todesgott mehr sein könnte. Meine Bedeutung gab mir jetzt Cassandra, sie allein gab mir einen Sinn, machte mich komplett. Fühlte sie auch so? Wieder zweifelte ich, sorgte ich mich darum, dass sie anders von mir dachte als ich es von ihr tat. Aber dieses Mal schluckte ich den Kloß in meinem Hals erfolgreich herunter und setzte mit dem Beantworten ihrer Fragen fort: „Es ist gerade etwas kompliziert, ich weiß nicht, ob ich es dir zufriedenstellend erklären kann. Es besteht ein Verdacht gegen mich, der weiter untersucht werden muss, bevor ein Urteil vollstreckt wird. Vielleicht bin ich daher kein Todesgott und Vicar mehr. Dann kann ich meiner Aufgabe als Todesgott, dich gemäß des Urteils Gottes zu richten, nicht nachgehen. Und natürlich kann ich dann selbst nicht einfach so in den Himmel zurückkehren, als ob nichts passiert wäre.“ Beim Aussprechen dieser kalten Wahrheit zog sich, obwohl ich zuvor etwas mehr meinen Frieden mit der Lage gemacht hatte, mein Brustkorb zusammen, doch ich sprach weiter, ohne dass die Wirkung meiner eigenen Worte an mir abgelesen werden konnten. „Todesgott der verlorenen Seelen, das war mein Titel. Meine Aufgabe war es, diejenigen Seelen in Empfang zu nehmen, die bei Unfällen, häufig durch Mord, in den Himmel gesendet wurden. So, wie du hierher gelangt bist.“ Ich stockte erneut. „Was dann aus dir wird, wenn ich kein Todesgott mehr bin, weiß ich nicht“, gab ich ehrlich von mir, auf die Gefahr hin, sie mit dieser weiteren Ungewissheit zu ihrem Verbleiben kalt zu erwischen. „Vielleicht werde ich einfach ersetzt werden und ein anderer – oder eine andere – wird dann die Aufgabe übernehmen.“ Vorsichtig näherte ich mich daher erneut; zwar konnte ich ihr mit meinen Worten keinen Trost spenden, aber vielleicht, so hoffte ich, mit meiner Anwesenheit, wenn auch nur ein wenig. Eventuell, um von der Unsicherheit sowie vermeintlichen Aussichtlosigkeit der Situation abzulenken, sprach ich weiter. „Vor drei Jahren wurde ich zum Todesgott gemacht. An das, was davor war, erinnere ich mich nicht mehr.“ Ich versuchte ein schiefes Lächeln, scheiterte aber kläglich. Das Ergebnis erinnerte wohl eher an eine verzerrte Miene. „Sie gaben mir einen Lehrmeister, Ehma. Ihm missfiel, wie im Himmel gearbeitet wurde und wie Gott handelte. Er hinterfragte das ganze System, wollte es auf den Kopf stellen und brachte mir das alles bei. Ihm verdanke ich es, heute mit dir auf diese Weise sprechen zu können, denken zu können. Ehma war –“ Ich brach die Ausführung unvermittelt ab, atmete tief durch und setzte stockend an einer anderen Stelle erneut an. „Zwar weiß ich noch nicht, wie genau ich –“ wieder verhaspelte ich mich „entschuldige, wie wir es schaffen sollen. Es war Ehmas Plan, den Himmel zu revolutionieren, das Unrechtssystem zu stürzen und etwas aufzubauen, das einem wirklichen Paradies gleicht. Die Seelen sollen befreit und von ihrem unfairen Urteil erlöst werden!“ Das sonst so stumpfe Grau meiner Augen gewann an Kraft, während mein kühler Ausdruck zu schmelzen begann und von Leidenschaft durchtränkt wurde. „Hilf uns, Gott zu stürzen!“


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