spellbound. (earinor & akira)

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    • spellbound. (earinor & akira)


      I got a feeling inside that I can't domesticate.
      It doesn't wanna live in a cage.
      A feeling that I can't housebreak.
      And I'm yours.

      Schnee fällt in dicken Flocken vom Himmel. Der Himmel ist seit Tagen dunkelgrau, Wolken verdecken die Sonne, die sich um diese Jahreszeit eher selten zeigt und all die Dinge, die sonst auf den Feldern dieser Welt gedeihen würden, haben Form und Farbe verloren, als der Winter über sie herein fällt. Wie Tänzer wirbeln Schneeflocken durch die kalten Winde der tiefsten Nacht, kaum öffnet sich die Wolkendecke über ihren Köpfen und offenbart den dunkelblauen, mit Sternen übersäten Himmel und den Mond, dessen weißes Antlitz nur ach zu gut in das mit weiß übersäte Gesamtbild passt. Bitterkalt ist es, als Rain das Licht dieser Welt erblickt, abgeschieden vom Rest der Welt - in der einzigen, sternenklaren Nacht dieses Winters, verstummen die leisen Schreie des Kindes für einen Moment, bevor es die Augen dennoch öffnet. Die Freude, die Rain's Eltern erreicht ist von kurzer Dauer, als sein Vater wenige Tage nach seiner Geburt seine Familie für seine Arbeit verlassen muss. Rain wächst mit seiner Mutter und seinen Großeltern auf, während sein Vater seine ganze Kindheit lang wie ein Mythos für ihn zu sein scheint, der doch immer wieder von sich selbst aus bestätigt, dass er existiert, wenn er in den Wintermonaten wiederkehrt und seine Frau und seinen Sohn in die Arme nimmt.

      Rain wird, von diversen Ärzten am Hofe seiner Eltern, prophezeit, dass der junge Sohn des Fürsten ein durchaus schwaches Immunsystem hätte und die Welt da draußen nicht für ihn gemacht sei. Dementsprechend verbringt Rain einen Großteil seiner Kindheit damit, eingepfercht in den verschiedensten Räumen des Anwesens und des angrenzenden Tempels, über die Welt und das Land zu lernen, das er eines Tages regieren soll. Wenige Dinge bereiten ihm so viel Freude wie die Erzählungen der Bediensteten oder der Mönche, mit denen er zeitweise studiert - aber auch sein Vater, den er jahrelang nur dann sieht, wenn der erste Frost sich über das Land legt, bringt oft Geschichten aber immer öfter kleine Andenken für Rain nach Hause, an die er sich klammert, als wären sie ein Schlüssel zu der Welt, die ihm durchgehend verweigert wird. Immer weiter wächst Rain's Wunsch, einen Weg nach draußen zu finden und die Welt mit eigenen Augen zu sehen - doch selbst nachdem er die Volljährigkeit erreicht, handelt es sich hierbei um nichts weiter als Wunschdenken, das sich nicht erfüllen lässt. Von seiner verstorbenen Mutter galt es einsam und allein Abschied zu nehmen, irgendwo in einem dunklen Raum, weil er der Zeremonie nicht beiwohnen durfte.

      Rain, der mittlerweile genug davon hat, sich von allen um ihn herum Dinge einreden zu lassen, schottet sich das ganze Jahr lang zunehmend ab, bis der erste Frost sich seinen Weg wieder durch das Land bahnt und sein Vater vor der Tür steht. Der alte, gezeichnete Mann, der sein Leben lieber dem Kaiser versprach als seiner Familie, überreicht ihm - aus der Dunkelheit heraus - einen Strick, an dessen anderem Ende sich Nayantai befindet. Mit blauen Flecken und Narben übersät, steht Nayantai mit saurem Gesichtsausdruck vor ihm im Schnee, seine Hände mit dem Strick aneinander gebunden, dem er immer wieder hinterher hinkt, kaum zurrt man an ihm. Rain's Vater berichtet ihm, dass er Nayantai als Andenken mit sich gebracht hat - der junge Mann, der sich ungefähr im gleichen Alter wie Rain befindet, sei Prinz eines Volkes von Nomaden, das für Aufsehen in einem Nachbarsland gesorgt hat. Nachdem ein Großteil der Nomaden durch den Kaiser und seine Diener ausgelöscht worden waren, nahm man Wenige von ihnen gefangen - die Wilden, die ihr Leben in der Natur fristeten, ihre Sprache nicht sprechen und sich verhielten, als wären sie nichts weiter als Wölfe. Da Nayantai mittlerweile keinen politischen Wert mehr für den Kaiser hat, bat man Rain's Vater, sich dem "Prinzen der Wölfe" zu entledigen oder aber ihn zumindest verschwinden zu lassen - was in diesem Fall dazu führte, dass er nun vor seinem Sohn stünde.

      Ohne zu wissen, was ihn wirklich erwartet, lässt sein Vater Rain mit Nayantai allein - er hätte diesen Winter andere Dinge, die es zu erledigen gelte ... Wie schwer es wohl sein sollte, Jemanden zu domestizieren, der Nichts, außer angewiderte Blicke für einen übrig hat und eine tote Sprache spricht?


      Vorstellung

      Rain = @Earinor | Nayantai = @Akira
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain saß auf einem großen, grünen Sessel in seinem Schlafzimmer. Sie hatten zwar eine Bibliothek, aber dennoch reihten sich rund um den Sessel, das Bett und auf allen freien Flächen Bücher auf. Eines davon, mit einem grünen Einband und goldenen Verzierungen auf der Vorderseite, lag auf dem Schoß des Fürstensohns, es machte den Anschein, als hätte er schon bis zur Hälfte gelesen, sofern er nicht in der Mitte des Buches angefangen hatte. Eine schwache, flackernde Öllampe spendete ihm fahles Licht. Er las oft bis spät in die Nacht, das würde seine Augen wohl irgendwann ruinieren, aber bei dem Häufchen Elend das er war, machte das kaum noch einen Unterschied.
      Im Moment hatte er aber aufgehört zu lesen und lehnte mit dem Kopf an der Kopfstütze seines Lesesessels. Er hatte ihn zum Fenster geschoben um hinaus sehen zu können.
      'Du wirst wieder krank...', hörte er seine Mutter sagen, die schon vor Monaten von ihm gegangen war. Er wusste noch genau wie sie immer bei der Tür gestanden hatte und Rain so getan hatte, als bemerke er sie nicht. Irgendwann hatte sie ihn sorgenvoll ermahnt, war dann aber gegangen und ließ Rain weiter aus dem Fenster sehen.
      Es war nur ein Fenster, aber für Rain war es mehr... Von diesem Fenster aus konnte er die Ländereien seines Vaters sehen, die Hügel und Felder, das kleine Städtchen ganz in der Nähe und den Fluss, der sich durch das Tal schlängelte. Das alles sollte irgendwann ihm gehören und dennoch würde er nie einen Fuß auf das Land, 'sein' Land setzen dürfen. Dieser Körper in dem er seit seiner Geburt gefangen war, widerte ihn zunehmends an. Er war schwach, zu nichts zu gebrauchen und er gehorchte ihm oft einfach nicht, was hätte er nicht dafür gegeben, nur einmal raus zu gehen.
      Er hatte es sogar einmal versucht, war zu einer Tür geschlichen, wollte sie öffnen, hinaus treten und das Gras unter seinen Füßen fühlen und wenn er danach gestorben wäre, wäre es das bestimmt wert gewesen. Aber er hatte Angst... Angst zu sterben, mehr als niemals dieses Gebäude verlassen zu können.

      Rain schüttelte diese deprimierenden Gedanken beiseite, das brachte nichts. Stattdessen widmete er sich wieder der Aussicht. Es war dunkel draußen, er konnte die Ländereien heute also gar nicht sehen, nur ein paar kleine Lichter die von der Stadt herauf schienen. Kleine Frostrosen zierten das Fenster, es wurde kalt, sein Vater konnten nun jeden Tag zurück kommen.
      Wie auf Stichwort tauchte ein tanzendes Licht am Fuße des Hügels auf, das sich langsam den Weg zum Anwesen bahnte. Zu so später Stunde kam kein Besuch, das musste Rains Vater sein. Er beschloss selbst zur Tür zu gehen, es war kalt, aber er wollte seinen Vater begrüßen und er hatte die Bediensteten bereits in das angrenzte Gebäude geschickt und verlangt allein gelassen zu werden. Er hatte in letzter Zeit keine Lust auf Gesellschaft.
      Rain erhob sich also von seinem Sessel und nahm einen schweren Stoffmantel, der achtlos auf das Bett geworfen wurde, auf. Er zog ihn über, er war bereits in warme Kleidung gewickelt, aber wollte er die Tür öffnen, brauchte er eine extra Schicht.
      Warm eingepackt verließ er sein Zimmer, nachdem er sich noch die Öllampe geschnappt hatte. Im Gang war es kälter, da brannte kein Kaminfeuer und die kalten Steinwände wärmten sich im Winter nur schwer auf.
      Er stapfte den Gang entlang zur großen Treppe die in den Eingangsbereich führte. Er wanderte die Stufen herunter, ließ sich Zeit, selbst mit Pferd dauerte es noch eine Weile, bis sein Vater oben ankommen würde.
      Rain hatte inzwischen noch Zeit sich zu überlegen, wie er sich fühlte. Sein Vater brachte ihm immer Andenken von seinen Feldzügen mit, verbrachte in den Wintermonaten auch etwas Zeit mit seiner Familie, aber Rain hatte ihn als er aufwuchs kaum gesehen. Die Geschichten über seinen Vater und die die er ihm selbst erzählte, faszinierten den jungen Mann, aber diesmal... sein Vater war nicht da gewesen als Rains Mutter gestorben war. Auch nicht als sie bestattet wurde, niemand ihrer Familie war bei der Zeremonie anwesend. Natürlich war Rain nicht dumm... sein Vater konnte nicht einfach alles stehen und liegen lassen, um nach Hause zu eilen, aber das änderte nichts an der Wut die Rain empfand. Wut, die einer tiefen Trauer entsprang.
      Als seine Mutter noch gelebt hatte, hatte sie seinen Vater empfangen, ihn in den Speisesaal begleitet, Gespräche geführt... ohne sie wusste Rain gar nicht was er noch mit seinem Vater sprechen sollte, oder wie er ihn ganz einfach zu Hause empfangen sollte. Und er wollte ihn auch gar nicht empfangen, er wollte niemanden um sich haben, er wollte einfach nur seine Ruhe. Diese Gedanken nervten ihn ja selbst, aber er hoffte, das würde sich einfach legen wenn er älter wurde.

      Rain war bei der großen Eingangstür angekommen, irgendjemand hatte seinen Vater bestimmt auch schon bemerkt und begleitete ihn die letzten Meter zur Tür, um ihm dann mit seinem Mantel zu helfen, mit dem Pferd, womöglich um noch etwas zu Essen vorzubereiten. Rain hatte keine Lust die Tür zu öffnen, aber andererseits wusste er, dass er es bereuen würde, wenn sein Vater wieder los zog und womöglich nicht wieder nach Hause kam...
      Als das Licht also deutlich näher kam, öffnete Rain die schwere Tür. Die kalte Nachtluft peitschte ihm entgegen, ließ ihn ein kurzes, unterdrücktes Husten ausstoßen. Es war dunkel, der Schein seiner eigenen Lampe und der seines Vater reichten kaum aus um den alten Fürsten zu beleuchten. Als Rain plötzlich ein Strick in die Hand gedrückt wurde, war er sich für einen Moment nicht sicher, ob da überhaupt sein Vater stand. Er hob die Lampe und erkannte auch den Umriss seines Vaters, aber was viel mehr ins Auge stach, war ein junger Mann, der vor Rain stand. Nach einem zweiten Blick stellte er fest, dass der Strick den er festhielt zu den Armen dieses Mannes führte.
      Sein Vater schubste den Fremden ein Stück nach vorne, als ob er Rain zeigen wollte, dass dieser Mann keine Gefahr war. Erst dann folgte eine knappe Erklärung, was es mit dem Fremden auf sich hatte.
      "Ich muss weiter. Mich der Armee anschließen.", endete der ältere Mann und wandte sich zum Gehen.
      "Im Winter? Aber Vater... was soll ich...!", der kalte Wind der den Winter ebenso wie der Schnee kennzeichneten, peitschte Rain erneut ins Gesicht, er Zog den Mantel enger, den er sich übergezogen hatte. Sein Vater hatte ihm oft Andenken mitgebracht, aber keinen Menschen... oder Sklave, Rain wusste nicht recht wie er ihn bezeichnen sollte.
      Sein Vater ignorierte Rains offenkundige Verwirrung und auch die Sorge, die in seiner Stimme mitschwang. Die Winter in ihrem Reich waren nicht nur für jemanden wie Rain tödlich.
      "Vater!", reif Rain noch einmal, streckte die Hand aus und wollte einen Schritt nach vorne machen. Er wusste nicht was ihn nun mehr davon abhielt den Schritt auch zu wagen, der kalte Schnee vor ihm, oder der Fremde, der immer noch vor ihm stand. Das kleine Licht der Laterne seinen Vaters verblasste bereits unter dem Schneegestöber, das gerade begonnen hatte.

      Rain wusste nicht was das bedeuten sollte... aber er wusste, er musste erst einmal aus dem Wind raus und der große Mann vor ihm sah aus, als hätte er auch etwas Wärme nötig. Der junge Fürstensohn betrachtete den Strick in seiner Hand, überlegte ob er ihn weiter festhalten sollte, oder ob er den Mann zumindest selbst entscheiden ließ, wohin er gehen wollte. So oder so, wollte er wohl kaum zurück in die Kälte.
      Dennoch hielt Rain den Strick wie eine Rettungsleine weiter fest, machte einen Schritt zur Seite neben die Tür und blickte den fremden Mann an, der noch immer im Schnee stand.
      "Willst du... nicht rein kommen...?", fragte er vorsichtig, ohne zu wissen, wie er mit ihm umgehen sollte. Es hieß sein Volk verhielte sich wie Wölfe, hatten sie überhaupt eine Sprache? Was wenn er ihn im nächsten Moment anfiel...?
    • Durch den Schnee hatte man ihn gezerrt - nun, anfangs waren die Temperaturen noch auszuhalten, doch je weiter sie gen Norden stapften - desto weiter Nayantai sich von seinem "warmen" Bett in einer Zellen des kaiserlichen "Kerkers" entfernte, desto kälter wurde es. Ausgerottet hatte man sie, ein stolzes Volk von Nomaden, die das, was ihnen gehörte, nicht wieder hergeben sollte - verschleppt hatte man diejenigen, in deren Augen man noch einen Funken an Wert sah, so wie ihn. Doch jetzt, nachdem sie alle versauert waren, ungenießbar und verrottet, trieb es sie alle in zwei Richtungen: An den Scheiterhaufen, an dem man kurzen Prozess mit ihnen machte, oder weiter gen Norden in unbekannte Länder, in der Hoffnung, sie würden an ihrem eigenen Hochmut ersticken, während sie noch auf der Reise in ihre neue Heimat erfroren. Das Blut, das ihnen allen beinahe schon aus allen Poren triefte, brandmarkte die Erde zu ihren Füßen, während sie schmerzende Gliedmaßen über sie schleppten. "Wölfe" nannte man sie - aber das, was man mit ihnen tat, ähnelte eher dem Leben eines Huhns - so lang sie ihnen das gaben, wonach sie verlangten, ließ man sie am Leben - doch sobald man keinen Nutzen mehr für sie hatte, war es auch damit vorbei. Ihr Fleisch wollte man, aber nicht zum Verzehr, sondern um ihren noch lebenden Brüdern und Schwestern zu signalisieren, sie sollen die Finger von ihrem eigenen Land lassen und am besten verschwinden, ansonsten würde man sie noch lebendig häuten, wenn man die Gnade besaß, sie nicht sofort zu töten sondern zu glauben, die Nomaden wären für das Unheil dieser Welt verantwortlich.

      Jeden Fetzen Stolz, den Nayantai eines Tages hatte, hatte er abgelegt, als er bemerkt hatte, dass sein Vater nicht zu seiner Rettung kommen würde - als diverse Wachen ihre Aggressionen an ihm ausgelassen hatten, war es ihm beinahe schon egal gewesen. Irgendwann musste man wissen, aufzugeben, und in diesem Fall war es soweit gewesen. Das Einzige, was ihm Schutz geboten hatte, war die Dunkelheit in seiner Zelle, wenn die Nacht über sie alle hereingefallen war und sich nichts mehr bewegte. Um so verwunderlicher war es für ihn, dass ihn ein Fremder aus eben jener Zelle holte, ihn provisorisch in Kleidung steckte, an der alte Erinnerungen klebten und ihn vor den Kaiser führte, dessen Worte für ihn Nichts waren, das er ausmachen konnte. Nein, die Sprache dieser Welt hatte er nie gelernt - aber Taten konnten Worte auch vermitteln, so fesselte man seine Hände mit Stricke aneinander und ließ ihn hinter einem Mann herhinken, der einen Großteil dieses Weges auf einem Pferd beschritt. Demütigung war Nichts, das Nayantai zu diesem Zeitpunkt nicht schon widerfahren war, doch mit jedem Schritt mehr fühlte es sich glatt wie Tortur an - je kälter es wurde, desto weniger wärmte die alte Kleidung, die er das letzte Mal getragen hatte, als man ihn verschleppte - und je mehr Frost und Schnee er sah, desto eher wurde ihm bewusst, dass er nicht in die Tundra zurückkehrte, sondern einen ganz anderen Weg eingeschlagen hatte.

      Sein Atmen bildete mittlerweile Wolken, seine Beine schmerzten und die blauen Flecken, die vor seine Abreise noch ach so winzig waren, hatten prominentere Farben angenommen. Allerdings stoppten sie an der Tür eines Anwesens, in welchem wenig Licht flackerte. Worte ohne Bedeutung für Nayantai wurden zwischen dem alten Mann und der Person vor ihnen ausgetauscht, kaum hatte man seinen Strick an den Jüngeren der beiden überreicht. Anstatt sich jedoch mit beiden im Inneren des Gebäudes vorzufinden, verschwand der Ältere wieder hinter dem Hügel, lediglich das Licht seiner Lampe noch ersichtlich. In diesem Moment hätte er sich losreißen können, davon rennen und schlimmstenfalls in den Schnee vor sich fallen und nie wieder aufwachen - aber derartige Gedanken überkamen ihm gar nicht, als er seinen Blick vom Inneren des Anwesens und dessen Bewohner abnahm, nein. Würde er jetzt rennen, würde er sich nur noch mehr verletzen. Erfrieren würde er, bevor er Zeit hatte, herauszufinden wo er war, wohin er musste - bevor er seine Wunden lecken konnte. Wieder warf man ihn wundersame Worte an den Kopf, die Nayantai keineswegs verstand - nicht einmal eine Gestik, oder Bewegung des Strickes zeigte ihm, was man von ihm verlangte. Aber er fühlte sich miserabel genug, um sich einzugestehen, dass der Fremde vermutlich eine besser Option für ihn hätte, als gleich hier draußen zu erfrieren, weswegen er also einige Schritte machte, bevor er sich im Inneren des Anwesens wiederfand. Unbedingt wärmer war es nicht, aber der heulende Wind, der ihm eiskalt in sein Gesicht peitschte, war nicht zugegen - ein klarer Vorteil. Der ganze Rest war ein Nachteil. Wie sollte er dem Fremden nun als signalisieren, dass er diese vermaledeite Sprache nicht sprach? "Ich verstehe kein Wort", kam es aus seinem Mund - und ehrlich gesagt wusste er jetzt schon, dass der Fremde ihn nicht verstehen würde.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Der Fremde Mann... der Wilde, oder was er war zögerte an der Tür und trat erst einen Moment später ein. Prompt als er das getan hatte, schloss Rain die schwere Tür hinter ihm um den kalten Wind gänzlich auszuschließen. Er war nur ein paar Minuten im Wind gestanden, aber seine Lunge brannte und er hustete drei Mal, während er seine Hände betrachtete die er dank Strick in einer Hand und Lampe in der anderen nicht aneinander reiben konnte.
      Er hob den Kopf als er die Stimme des Mannes hörte, in einer Sprache, die er nicht kannte. Womöglich waren es auch nur irgendwelche Laute, Rain wusste es nicht. Die Stimme, wenn auch tief, hatte trotzdem etwas sanfteres, als er von einem wilden Tier erwartet hätte. Es gab Rain Hoffnung, denn wenn er eben das nicht war - ein wildes Tier - dann bedeutete das, dass er sich mit ihm verständigen konnte und mehr erfahren konnte, als jemals durch ein Artefakt, oder ein Buch, von einem Mann geschrieben, der die Kultur dieses Fremden als feindlich betrachtete.
      Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Rain aus einem Seitengang Schritte hörte und einen älteren, hageren Mann auf sich zukommen sah.
      "Junger Herr, ich habe draußen Licht gesehen, ist ihr Vater endlich...", begann der Mann, hielt jedoch inne als er den Fremden sah. Für einen Moment zeichnete sich Angst in seinem Gesicht ab, dann jedoch besann er sich au seine Erziehung und seinen Beruf, stellte sich steif hin und senkte den Blick vor dem Mann, der womöglich eine Art Gast war.
      "Er war hier.", entgegnete Rain und sah den Wilden noch einmal von oben bis unten an. "Er hat ihn mitgebracht, als Geschenk und ist wieder gegangen. Er wird diesen Winter nicht hier sein."
      "Oh, das tut mir Leid junger Herr.", der ältere Herr machte eine Pause, schien auf eine Art Befehl zu warten und als er keinen bekam, sprach er weiter, "Nun... und was wollen wir nun mit diesem Herren tun?"
      Rain sah aus als hätte ihn die Frage überrascht, dabei hätte er damit rechnen müssen, dass er entscheiden musste, was mit dem Fremden passierte. Er überlegte für einen Moment.
      "Ich möchte von ihm lernen. Bereitet ihm ein Zimmer, macht ein Feuer an, lasst ihm ein heißes Bad ein und bringt ihm trockene Kleidung. Ach und... etwas zu essen.", entschied Rain kurzerhand. Wenn dieser Mann mit ihm kommunizieren konnte, dann musste er es auch wollen und abgesehen davon, musste er erst einmal überleben. Er sah durchgefroren aus, die Finger schon blau von der Kälte.
      "Sollen wir einige Wachen bereit stellen?", fragte der ältere Mann, um Rain an diese Möglichkeit zu erinnern.
      "Oh... ja. Vor dem Zimmer... vorerst. Am besten im ersten Stock. Ich gehe schon mal mit ihm hoch, Ein Tee wäre auch sehr willkommen, für uns beide. Und etwas um seine Wunden zu versorgen."
      Rain wandte sich schon zum Gehen, er war etwas durch den Wind, das musste er zugeben. Dieser Fremde war so wertvoll für ihn, auch wenn Rain nicht sicher war, ob sein Vater ihm eine Freude machen wollte, oder hoffte, dass dieser Mann Rains Leben beendete. Er wusste selbst nicht genau, wie er überhaupt auf so einen furchtbaren Gedanken kam, aber er hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, wenn sein Vater ihm einen Mann ins Haus stellte, dessen gesamtes Volk er ausgerottet hatte und danach gleich wieder verschwand.
      "Junger Herr...", ertönte es noch einmal, diesmal besorgt. Rain drehte sich um.
      "Hm? Achso... ich glaube für heute ist er zu erledigt um mir was zu tun. Ich schätze auch wenn er uns nicht versteht, will er sich erst einmal aufwärmen."
      "Wie sie meinen, junger Herr." Der ältere Mann verbeugte sich zögernd und verschwand dann wieder in dem kleinen Gang, der den Dienstboten diente und direkt zu deren Gemächern führte. Rain selbst drehte sich nun zu dem Fremden um und versuchte ihm mit einer geste klar zu machen, ihm die Treppe nach oben zu folgen. Den Strick hielt er zwar noch fest, der baumelte aber trotzdem locker zwischen ihnen.
    • Hätte man ihn am Boden ausbluten lassen, mit seinem Vater - seinen Geschwistern - dann wäre all das hier nie passiert, aber wäre es dann nicht beinahe schon sicher gewesen, behauptete man nicht nur sein Volk, sondern auch seine Sprache hätte diese undankbare Welt ein für alle Mal verlassen? Vermutlich. Nayantai wusste, dass es oft genug Dinge gab, die man sich nicht vorstellen wollte - und genau das war eine der wenigen Dinge, die ihm gerade jetzt durch seinen Kopf schwirrten und es hoffentlich nie wieder wagten, aufzutauchen. Im Moment befand er sich an einem Ort, der ihm fremd war - in einem Land, das er nicht kannte, während der Schnee alsbald in dicken Flocken vom Himmel fallen sollte, damit er nicht mehr sehen konnte, wohin die Straßen führten, sobald er die Beine in die Hand nehmen sollte um nach seinem Schicksal zu suchen, nein. Im Moment warf man ihm wenige Worte an den Kopf, die oftmals nicht mehr Sinn ergaben als die paar Wörter, die er aus ihnen zu filtern versuchte - die Wenigsten von ihnen verstand er, auch wenn er wusste, dass es von Vorteil wäre, sich dem Feind anzupassen, der sich vor ihm befand. Den Hals könnte er ihnen nicht allen umdrehen, doch solche Gedanken waren auch momentan fehl am Platz. Müde Augen folgten Bewegungen, fokussierten sich auf Lippen und auf Worte, die keinerlei Sinn ergaben, bevor er eines davon verstand - Wachen. Natürlich gab es dafür keinen Kontext, aber eben jenen konnte er sich denken - wenn man ihn nicht schon jetzt demütige, dann spätestens sobald man ihn mit Gesindel aus dem Fußvolk alleine ließ, das über ihn herfiel, als wären sie die Wölfe, von denen man redete.

      Auch jetzt würde es nichts mehr bringen, an seinen Fesseln zu zurren, in die wenigen Worte, die er hörte, Dinge hinein zu interpretieren. Stille befiel diesen Raum, nachdem ein weiterer Fremder von ihnen abließ und man ihm Gestiken gab, die so viel mehr bedeuten, als einfache Worte - trotzdem war es Nayantai's saurer Blick, der einem wohl oder übel missfallen konnte. Mit stetigen Schritten folgte er dem jungen Mann nach oben. "Was soll das hier?", harkte er nach, als würde man ihn verstehen - als gäbe es eine Antwort darauf, warum man ihn nicht in einen Kerker warf, sondern in den oberen Stock geleitete, in dem ein einfacher Wolf nichts verloren hätte. Dennoch war ihm bitterkalt, denn seine Kleidung hatte schon lange aufgegeben, das Nötigste zu tun. Jeder, der dieses Wetter gewohnt war, wusste, wie man sich anzuziehen hatte - aber ihm war keine andere Wahl geblieben. Da er wusste, dass er ohnehin nicht verstanden werden würde, hob er seine aneinander gebundenen Hände leicht an um zu versuchen, zumindest warme Luft auf diese zu hauchen. Ein kalter Schauer durchzuckte seinen Körper, als oben ankam und innehielt. Was genau sollte er hier, in diesem Anwesen? Verrotten?
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    • Während Rain mit dem Fremden im Schlepptau die Stufen hinauf stieg, gab der Mann wieder einige unverständliche Laute von sich. Rain drehte sich zu ihm um, aber konnte nur entschuldigend Lächeln, er hatte keine Ahnung, was er von ihm wollte. Vielleicht hatte er ihm nur gesagt, dass er fror, oder aber, dass er sich an dem Mord seines Volkes rächen würde. Da gab es viele Möglichkeiten. Rain seufzte und begann dann einfach zu sprechen, auch wenn der Mann ihn sowieso nicht verstand.
      "Ich weiß, du kannst nicht verstehen was ich sage, aber du brauchst dir erst Mal keine Sorgen zu machen. Du wirst ein Bett haben, ein Feuer, frische Kleidung, was zu Essen... Ich denke du willst lieber nicht hier sein, aber der Winter hat gerade erst begonnen, hier oben kommt man nicht einmal ausgerüstet so einfach weg, wenn der Winter wirklich eingebrochen ist. Du steckst hier also fest und ich würde es begrüßen, wenn du erst einmal keinen umbringst." Rain blieb stehen, als die Schritte hinter ihm verstummten und er stellte auch sein Geplapper ein. Er drehte sich um und musterte den Fremden zum wiederholten Male. Dann blickte er auf den Strick in seiner Hand, seufzte und ließ ihn einfach auf den Boden fallen. Er deutete dem Wilden noch einmal ihm zu folgen und öffnete eine der Türen, die vom Gang im ersten Geschoss abgingen. Rain betrat den Raum zuerst und entzündete eine Wandlampe, damit sie etwas Licht hatten. In dem kleinen Raum befand sich ein großes Bett und ein Lesesessel ähnlich wie der in Rains Zimmer. Der Sessel stand nicht wie in seinem eigenen Zimmer beim Fenster, sondern vor dem in die Wand eingelassenen Kamin.
      Der junge Fürstensohn deutete dem Mann sich zu setzen, während er ein paar Holzscheite aus einem Korb neben der Feuerstelle sammelte und in den Kamin legte. Viel weiter kam er nicht, da klopfte es schon an der offenen Tür.
      Eine junge Frau mit einem Tablett in der Hand, trat zögerlich auf den Fremden zu und stellte ein Tablett mit dampfenden Tassen auf einen kleinen Beistelltisch neben dem Wilden. Sie zog sich so schnell wie möglich zurück.
      Der alte Mann von vorhin schob Rain zur Seite und entzündete das Feuer im Kamin und zwei bewaffnete Männer bauten sich vor der Tür auf, die zu dem Zimmer führte.
      "Kann ihm jemand die Fesseln abnehmen?", fragte Rain in den Raum hinein. Der ältere Herr sah Rain erneut besorgt an.
      "Sind Sie sicher, junger Herr? Was wenn...?"
      "Ich bin sicher.", erwiderte er bestimmt und einer der Wachen kam nach einem kurzen Nicken des älteren Mannes zur Tür hinein und zückte ein Messer.
    • Es war beinahe so, als hole ihn die Vergangenheit bereits jetzt ein. Nichts ergab einen Sinn, jede Sekunde die er länger hier verbrachte, fühlte sich an, als wäre sie so überfüllt mit Nostalgie, mit stillschweigenden Erinnerungen an widerwärtige Taten, dass er alsbald platzen würde, wenn er sich eine Sekunde länger damit beschäftigen musste. Vielleicht wäre es besser gewesen, wäre er länger dort draußen, in bitterer Kälte gestanden und hätte gefroren, wäre sich dessen bewusst geworden, dass er für die Bewohner dieser Länder nicht mehr als Schmuck war, oder gar Vieh. Doch schmückte man sich erst mit fremden Federn, musste man sich auch irgendwann eingestehen, dass diese verblichen - dass sie nicht für die Ewigkeit bestimmt waren und ihren imaginären Wert verloren. Deswegen tauschte man sie aus, wenn auch nur zögerlich, entledigte sich ihrer Körper allmählich oder warf sie in Zellen, in denen sie verrotten sollten, bis die Hölle selbst zufror. Wieso also hatte man ihn noch nicht in die Knie gezwungen, ihn an den Pranger gestellt und ihm gezeigt, wo sein Platz war? Öffnete er seinen Mund, hätte man ihm wohl oder übel damit bereits gedroht, diesen zu stopfen, oder gar zu zunähen. Wehrte er sich gegen einen der Wachen, oder gar jemand Höherem, wurde ihm eingeprügelt, es nicht zu tun. Dass er hier sagen konnte, was er wollte und lediglich einen verwirrten Blick geschenkt bekam, verwunderte ihn zunehmend.

      Die Worte seines "Besitzers" klangen so vertraut, hatten allerdings wenig Bedeutung - Nayantai verstand diese Sprache nicht und wollte sie ehrlich gesagt auch keineswegs verstehen, egal wie weit er in die Gefilde dieser Welt fallen sollte. Seine Devise war, dass er - insofern er sich zumindest einigermaßen besonnen verhielt - alles überleben könnte, das man ihm in seinen bereits steinigen Weg warf. Stattdessen stand er nun hier, inmitten eines Anwesens - in einem Raum, der trotz der Einrichtung nicht vertraut war, ihm nicht geheuer war. Nayantai wollte nicht länger auf schlotternden Beinen stehen, sich nicht länger hier wissen und doch wäre es der Sprung in den sicheren Tod, wenn er jetzt in die frostige Welt vor diesen Fenstern fliehen sollte. Wenn es nicht die Kälte war, die ihn heute oder morgen aus dem Leben riss, dann wäre es die Krankheit, die darauf folgen würde - egal wie lange er sein Leben in der Tundra gefristet hatte, er hatte weder brauchbare Kleidung an seinem Körper, noch den Willen, gegen diverse Dinge anzukämpfen. Also hielt Nayantai die Füße still, würde all die folgende Demütigung über sich ergehen lassen. Stattdessen wurde auf den Sessel gedeutet - er solle sich setzen? Der ach so saure Gesichtsausdruck verwandelte sich augenblicklich in Verwunderung, bevor er Platz nahm - bevor man seinen Strick losließ und er sich für diesen Moment so fühlte, als wäre er frei. Seine Augen leuchtenden wie die eines Kindes, just in jenem Moment, als man ausgerechnet mit einem Messer auf ihn zukam. Wenn Nayantai eines wusste, dann vermochte es wohl das Lesen der Körpersprache Anderer zu sein - und die Tatsache, dass man ihm neben Tee nicht nur ein Messer zum durchtrennen seiner Fesseln brachte, sondern gar wärmendes Feuer vor ihm. Kurzerhand atmete er auf, bevor er den Blonden ansah, der so unverständlich mit seinen Dienern sprach. "Danke", war eines der wenigen Worte, die Nayantai dann doch kannte. Murrend wandte er sich nun schlussendlich wieder von dem Fremden und seiner Entourage ab, bevor er seinen warmen Atem in seine zusammengehaltenen Hände blies und diese aneinander rieb und schlussendlich auch seinen Schultern, damit ihm schneller warm wurde.
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    • Es war schön mitanzusehen, dass die Miene des Fremden ein wenig auftaute und nachdem er endlich frei war, eher einem trotzigem Kind glich, als jemandem, der Rain womöglich am Liebsten die Kehle aufgeschnitten hätte. Rain selbst wollte den Soldaten, der mit dem Messer auf den geschundenen Mann zugeschritten kam schon zurecht weisen, ihn ermahnen, ihrem Gast keine Angst zu machen, aber der Fremde schien trotz der Rüstung, dem großen Schwert un dem grimmigen Blick zu verstehen, dass dieser spezielle Soldat, ihm in diesem Moment nur helfen wollte.
      Rain lächelte zufrieden und lehnte sich an die Mauer neben dem Kamin. Als er das Wort "Danke" aus dem Mund des fremden hörte, wenn auch mit einem starken Akzent, da war er nun an der Reihe wie ein Kind zu strahlen. Er konnte verstehen, sprechen, ihm erzählen was da draußen war. Er konnte Rain davon berichten, wo er aufgewachsen war, was er gesehen und erlebt hatte, wie viel mehr es noch gab, das Rain in seinen Büchern niemals finden konnte.
      Nur... dass diese Geschichten womöglich schmerzlich für den Fremden zu erzählen waren, bedachte man seine Situation und die Tatsache, dass er nicht mehr als Mensch galt, sondern als Ding, das man hin schubsen konnte wohin man wollte. Rain seufzte leise ob dieser Erkenntnis. Sein Vater hatte oft zu ihm gesagt, dass Rain zu weich war, zu viel Mitleid besaß. Die Menschen gegen die sein Vater in den Krieg zog waren für den Fürsten weniger als Vieh, aber Rain war nie in einer Schlacht, oder auch nur einer kleinen Prügelei gewesen. Vielleicht betrachtete er deshalb das Leben dieser Menschen anders als sein Vater es tat. Er war behütet aufgewachsen, ohne Gewalt.

      Aber genug davon, Rain war weit davon entfernt diesem Mann Geschichten zu entlocken, erst sollte er zu Kräften kommen und ein wenig heilen. Der junge Fürstensohn beugte sich vor um nach einer der Tassen Tee zu greifen die für sie hingestellt wurden. Das warme Getränk tat auch ihm gut und er sog die warme Luft ein, sodass sich seine Lunge von dem kalten Wind erholen konnte. Er wartete darauf den Blick des Fremden zu erhaschen, sah ihn lange genug an, bis er bekam was er wollte. Dann prostete er dem Mann lächelnd zu und trank aus seiner Tasse, als setze er ein Zeichen und wollte ihm sagen, dass der Tee nicht vergiftet war. Es würde dem fremden Mann sicher auch gut tun, sich von innen ein wenig aufzuwärmen.
    • Alle von ihnen waren für ihn nicht mehr als einfache Heuchler, die sich eben das nahmen, wonach sie verlangten - sie rissen Familien auseinander, ließen Blut über heiligen Boden fließen und erhoben die Waffen, die ihnen allem Anschein nach fast schon in die Wiege gelegt wurden, nur um ihren Hass zu quellen, der ihnen beinahe schon aus den Mündern floss, die sie öffneten, um so viele fremde Worte von sich zu geben. Nayantai wusste, dass diese Welt nicht für ihn gemacht worden war, sondern für diejenigen, die glaubten, mit erhobenem Haupt über ihm stehen zu können, während sie ihn und sein Volk bluten ließen. Aber nicht mit ihm. Gerechtigkeit - in Form von Karma - war für sie alle bestimmt, selbst dann wenn er eben jenes Karma selbst austeilen musste. Jedoch nicht heute, hier, oder in diesem Moment. Sein Körper war zu geschunden, sein Geist zu verzweifelt und er selbst kannte sich in dieser Gegend nicht aus. Hatte er überhaupt die Möglichkeit, zu ruhen, bis die schmerzenden Wunden und Flecken an seinem Körper gänzlich verschwunden waren, oder war es dann doch zu viel des Guten, so lange zu warten? Nayantai wollte es nicht wissen, hatte keinerlei Interesse daran, seine Gedanken an solche Vorhaben zu verschwenden, während er tiefer in den Sessel sank, der viel bequemer war als alles, auf dem er die letzten Jahre gesessen oder gar gelegen hatte.

      Viele der Dinge, die er erblickte, verstand er nicht - gleich wenig, wie er das Verhalten des Fremden verstand, der sich tatsächlich um ihn zu kümmern, wenn nicht gar zu sorgen schien. Selbst, wenn er unter seinen Leuten - und für eine Zeit lang, in den Augen des Kaisers - ein kostbares Juwel gewesen war - der Prinz der Wölfe - dann war er im Moment nicht mehr als eine rostige, abgestumpfte Klinge, die man versucht hatte, zu entsorgen. Warum kümmerte er sich eigentlich darum, was man über ihn dachte? Mehr als ein wildes Vieh - ein Feind, den es in den Grundfesten zu erschüttern und des Lebens zu berauben galt, war Nayantai für sie nicht. Wer wusste schon, ob all diese netten Gesten nicht ein feines Netz aus Lügen waren, das man um ihn herum spinnte, in der Hoffnung, man lullte ihn ein und er würde sich ohne großen Widerstand ergeben? Nayantai's Blick, der sich durchaus in dem trüben Tee widerspiegelte, kaum hatte er die zweite Tasse in der Hand, sagte vieles aus - aber eines definitiv: gut gelaunt sah anders aus. Forschend verfolgten seine Augen die Gestiken des Fremden, die er einigermaßen deuten konnte. Allerdings gab es etwas, das er durchaus als unhandlich empfand: Wieso trank man Tee aus verzierten, zerbrechlich geformtem Porzellan, wenn es durchaus bessere Varianten gäbe, die mehr aushielten? Komisch waren diese Menschen durchaus. Leicht blies er auf den Tee, der ihm höchstwahrscheinlich - trotz all der Kälte, die seine Gliedmaßen bereits brennen ließ - zu heiß wäre, bevor er einen Schluck aus der Tasse trank, die man ihm offeriert hatte. Kaum war diese leer, stellte er sie ab und rieb sich die Schläfen. Wo er hier gelandet war, wusste er nicht - sein Haar war zerzaust, sein Körper fühlte sich wie ein Eisblock an und sein Gastgeber war für ihn schwer zu deuten. Murrend stand er wieder auf, nur um sich auf den Boden - näher an den Kamin - zu setzen, nur um zu dem Fremden aufzustarren, der dort an der Wand lehnte, den Kopf schief zu legen als wäre er ein Hund, der den ihm gegebenen Befehl nicht verstand, und sich erneut über die Oberarme zu reiben, als wolle er, dass ihm endlich warm würde.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain beobachtete den Fremden vor sich, der so müde aussah, als hätte er Wochen nicht geschlafen. Aber vielleicht hatte er das auch nicht. Er beobachtete ihn aufmerksam, studierte seine Bewegungen, die wenig elegant wirkten. Er war ein Prinz hatte sein Vater ihm gesagt und doch hatte er die grobe Motorik eines einfachen Bauerns. Der Prinz der Wölfe... wenn man den Namen bedachte, dann passte es. Mordende Bestien die hinter nichts anderem her waren als alles zu besitzen, was noch nicht ihnen gehörte. Sie überfielen Grenzdörfer, vergewaltigten die Frauen und töteten die Männer... das erzählte man sich über dieses Volk. Aber war das die ganze Wahrheit?
      Rain konnte in den Gesichtern seiner Bediensteten erkennen, dass sie genau das dachten, das sie glaubten was sich erzählt wurde. Sie hatten Angst, oder waren wütend, erpicht darauf für diejenigen Rache zu nehmen, die genauso gut Mythen sein konnten. jede Medaille hat zwei Seiten. Was musste der Prinz der Wölfe über Rains eigenes Volk denken? Waren nicht sie es, die in ihr Land einfielen und Frauen und Kinder ermordeten, ihren Prinzen gefangen nahmen und so zurichteten und ihnen jegliche Hoffnung auf Fortbestand nahmen? Er wollte die Geschichte dieses Mannes hören, aus seinem eigenen Mund.

      Der blasse Mann, der beinahe so blass war wie Rain, der niemals einen Fuß nach draußen gesetzt hatte, setzte sich schließlich auf den Boden. Rain war nicht sicher, ob er näher am Feuer sein wollte, oder ob er sich auf dem Boden sitzen wohler fühlte, wie es sich für einen Wolf gehörte. Die Wachen waren bereit ihre Schwerter zu ziehen als sie eine Bewegung sahen, taten aber nichts, solange keine Gefahr drohte.
      Rain unterdrückte ein leichtes Husten und war beeindruckt, wie dieser Mann der Kälte getrotzt hatte, während die harten Bedingungen draußen Rain binnen Minuten das Leben kosten konnten. Rain war zerbrechlich und schwach, der Fremde schien in diesem Moment hingegen der stärkste Mann zu sein, den Rain je gesehen hatte. Stärker als sein Vater, der bei diesem Wetter mit dickem Mantel unterwegs war und niemals nur in ein paar Lumpen gekleidet, ohne vernünftiges Schuhwerk.

      Rain ging nun selbst in die Hocke um einem Gespräch auf Augenhöhe wieder näher zu kommen. Er konnte dem Fremden seinen mürrischen Blick nicht verdenken und auch die Verwirrung nicht, die sich in seinen Augen wiederspiegelte. Rain lächelte hingegen immer noch, ein ehrliches Lächeln. Er wollte diesen Mann nicht überfordern, aber solange er kein heißes Bad genommen, versorgt wurde und etwas gegessen hatte, wollte Rain hier noch nach dem Rechten sehen und dann konnte er genau so gut versuchen, sich ein wenig mit dem Mann zu verständigen.
      Er deutete erst au sich selbst und sprach seinen Namen langsam und deutlich aus, bevor er dann auf den Fremden deutete und ihn fragend anblickte.
    • Ein Wort reichte, zumindest glaubte er es, damit die Hand gegen ihn erhoben wurde - damit man ihm erzählte, was mit denen passiert war, die nicht auf ihre neuen Besitzer hörten. Zerfetzen würde man sie, so wie ein belangloses Stück Stoff - so, wie so viele vor ihm schon. Keiner von ihnen war sicher, die Wenigsten von ihnen wussten, wann sie sich zu beugen hatten und der geringste Teil von ihnen tat, was man von ihnen verlangte: Schön aussehen und ihre sich abwegig anhörende Sprache in den Mund nehmen. Zu gut wusste Nayantai, dass die strafenden Blicke, die sich wie gespitzte Messer in seine Haut bohrten, nichts weiter waren als die Schmach, die alle Leute seines Volkes über sich ergehen lassen mussten. Habgierig wurden sie genannt, blutrünstig - verzweifelt. Sie nahmen, wonach sie greifen konnten und stahlen sich damit davon, über Wiesen und durch Wälder, über Berge hinweg verschleppten sie ihre Opfer um sich an ihrem Fleisch zu laben, und doch war nichts davon wahr. Ja, auch einzelne Wölfe begangen Schandtaten, die von dem Rest ihrer "Artgenossen" verachtet wurden - sie waren nicht anders als diejenigen, die sie brandmarkten und an den Pranger stellten, oh nein. Könnte Nayantai es in Worte dieser Sprache fassen, dann wären seine "Feinde" für ihn nichts weiter außer Abschaum, der Völkermord begann, um die Wenigen zu bereichern, die wahrhaftes Interesse an einem "exotischen Haustier" hegten.

      Wie ein Sommernachtstraum fühlte es sich beinahe schon an, wenn er daran dachte, dass er vor wenigen Jahren noch frei wie ein Vogel war und sich um nichts kümmern musste, schon gar nicht seiner Rangordnung in dieser Welt - aber jetzt saß er hier, frierend, nach Wärme verlangend, während sich prüfende Blicke in seinen Rücken bohrten wie ein Dolch, der es darauf abgesehen hatte, ihm den letzten Funken seiner verbleibenden Willenskraft aus dem Körper zu ziehen. Einzig und allein der Fremde, der seinen Strick vor wenigen Minuten noch in den Händen hielt, sah ihn anders an. Freundlich, beinahe - unheimlich. Konversationen aufzubauen waren nicht Nayantais Stärke, vor allem nicht dann, wenn er dem knisternden Feuer dabei zusah, wie es in der "Feuerstelle" vor sich hin loderte und anfing, ihm Wärme zu spenden. Erst, als man ihm näher kam, wandte sich der saure Blick wieder auf den Blonden, der ihm näher kam. Strahlende, blaue Augen fielen auf ihn und begutachteten ihn, während das fahle Haar des Fremden durchaus gekämmt aussah - das Lächeln auf seinen Lippen und die blasse Haut bildeten einen starken Kontrast zu ihm, aber noch viel mehr schien es die schwache Gestalt zu sein, die sich unter warmer, dicker Kleidung versteckte, um nicht von der Kälte betroffen zu werden.

      Erneut unternahm er - der Fremde, der sich selbst endlich einen Namen gab - den Versuch, Kontakt zu ihm aufzunehmen, trotz der Barriere, die zwischen ihnen beiden war. Nayantais Lippen versuchten, die Bewegung der des Anderen nachzuahmen, bevor er dessen Namen - Rain - schlussendlich aussprach. Alles würde mit der Zeit vergehen, vermutlich auch der Akzent, der entstand, wenn er versuchte, Wörter einer ihm unbekannten Sprache auszubessern. Schlussendlich ließ er sich breitschlagen, nickte Rain zu und deute auf sich selbst, bevor er vorsichtig begann, seinen Namen auszusprechen, damit der Andere verstand. Schlussendlich sprach er den Namen nochmals schnell aus, damit sein Gegenüber wusste, wie es sich anhören sollte - und doch wusste er selbst nicht, ob es klüger gewesen wäre, wenn er seinen Namen abgekürzt hätte oder darauf wartete, einen Spitznamen zu bekommen. Sitzend streckte er die Finger nun nach dem Feuer aus, bewegte sich aber kein Stück, nein - Nayantai wollte auftauen und behielt dabei allerdings Rain ihm Auge, der ihm - zumindest für seine Verhältnisse - zu sehr auf die Pelle rückte.
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    • Als der Fremde den Versuch unternahm Rains Namen zu wiederholen, lächelte der blonde Adelige breit und nickte. Zum Glück hatte er ja auch einen recht einfachen Namen und bis auf die Betonung schien alles richtig. Er konnte sich die betroffenen Blicke, die die Bediensteten am anderen Ende des Raums gerade austauschten bildlich vorstellen. Der junge Herr mit seinem Vornamen angesprochen, von einem Wilden, einem Gefangenem, einem Sklaven der von allem hier im Raum am wenigsten Wert war. Aber bevor der Mann dachte sein Name wäre 'junger Herr', 'Herr', 'Meister', oder sonst irgendein Titel, dessen Bedeutung ihm sich nicht erschloss, stellte er sich lieber mit seinem Namen vor. Er müsste ihm zuvor ihre Gesellschaft erklären, ihre Strukturen, er wusste vermutlich nicht was ein Fürst war und die Bezeichnung Prinz konnte auf ihn womöglich gar nicht zutreffen und wurde ihm nur von Rains Volk gegeben, um ihn irgendwie von den anderen Wilden zu unterscheiden. Vielleicht gab es bei ihm keine Könige, Fürsten, Ritter,... womöglich gab es keine Worte die sich zu dem übersetzen ließen, was wirklich auf die Kultur des Fremden zutraf.

      Rain lächelte weiter als nun der Fremde sich selbst vorzustellen schien. "Nayantai", wiederholte Rain vorsichtig und nickte. Ein schwer auszusprechender Name für ihn. Wenn der Mann vor ihm seinen eigenen Namen aussprach, klang er so sanft und rund, Rain mochte es nicht anders zu beschreiben. Aber wenn er selbst versuchte den Klang zu imitieren, dann klang er hart, wie auch seine Sprache viel härter klang als die des Fremden, als die von Nayantai. Rain musste lernen seinen Namen richtig auszusprechen.

      Nayantais Blick verriet, dass er noch sehr misstrauisch gegenüber Rain war. Der junge Fürstensohn hatte ihn für heute genug belästigt und richtete sich wieder auf, lehnte sich zurück an die Wand und musste bei der schnellen Bewegung noch einmal leicht Husten. Das Husten selbst versuchte er zu ersticken und hauptsächlich in seinen Kragen fahren zu lassen, bevor der alte Mann von vorhin - Eraqus - sich zu viele Sorgen um ihn machte.
      Die junge Frau die den Tee gebracht hatte, war allerdings diejenige die als erste das Wort wieder ergriff und Rain mitteilte, dass ein heißes Bad bereit stand.
      Nayantai wirkte nicht, als wolle er sich allzu bald von dem Feuer lösen und Rain konnte ihm nicht wirklich klar machen, wohin er ihn bringen würde. Er versuchte ihm zu deuten doch wieder aufzustehen und Rain zu folgen.
      "Ich habe heißes Wasser für dich vorbereiten lassen. Das wird dich hoffentlich schneller aufwärmen und ich lasse deine Wunden versorgen.", sprach er die Worte trotzdem aus, auch wenn sie für den Mann keine Bedeutung hatten, aber wie sonst sollte er jemals ihre Sprache lernen? Denn das war es schließlich, was Rains erstes großes Ziel sein würde.
    • Wie oft er wohl noch versuchen musste, sich gegen diejenigen zu behaupten, die die Kultur anderer einfach mit den Füßen traten, sie verschmähten und als keine Gleichberechtigten ansahen, bevor er sich selbst auf einem Scheiterhaufen wiederfand? Gar nicht mehr, zumindest von seinem jetzigen Standpunkt aus. Hier und jetzt war er nicht viel mehr als ein armer Bauer, der in die Hände eines Adeligen gefallen war, der sich einen Narren an ihm fraß, ob Nayantai es nun wollte oder nicht. In dieser Welt hatten sie Titel, die zu ihren Aufgaben passten - hier hatten sie die Freiheiten nicht, die ihm zuteil wurden. Keiner hatte auch nur ansatzweise ähnliche Rechte - die Wenigsten von ihnen konnten einem Kaiser das Wasser reichen, aber in der Kultur, aus der Nayantai kam, waren die Linien ineinander verschwommen, die Antworten auf so viele Fragen gab es von beinahe jedem und es gab Aufgaben, die man zu erfüllen hatte - doch eine Aufgabe spiegelte weder den Wert der Person, noch deren wahres Gemüt wieder. Nomaden - mehr waren sie nicht. Von einem Fleck in der Tundra zur nächsten zogen sie, siedelten sich irgendwo an und verbreiteten sich, bevor ein Teil von ihnen, so als verwehe sie der Wind, weiter zog. Aber diese Gesellschaft lebte anders. Alle von ihnen siedelten sich irgendwo an, erbauten sich Häuser und ein Leben, einen Stand in der sozialen Gesellschaft und lebten danach, bis ihr Ruf ruiniert wurde. Prunkvolle Anwesen oder Schlösser gehörten den Reichsten von ihnen, während der Rest in ärmlichen Hütten kauerte und jeder nur auf sich selbst bedacht war - oh, wie erbärmlich sie doch waren.

      Rain gab sein Bestes, um seinen Namen nicht vollkommen in Einzelteile zu zerlegen, doch die Aussprache seines Namens hörte sich an, als wäre er ein kleines Kind, das gerade Bekanntschaft mit ihm schloss und noch nicht wusste, wohin diese Welt führen wollte. Nayantai nickte, seine Miene hellte sich jedoch eher weniger auf. Viel eher überlegte er, wie er Rain symbolisieren sollte, dass er liebend gerne Nadel und Faden hätte, um die Fetzen, die einst seine Kleidung waren, wieder einigermaßen auf Vordermann zu bringen - und doch fiel ihm nichts ein. "Ich ... ach, verflucht. Schön wäre es, könntest du mich verstehen", murrte er unzufrieden, bevor er sich streckte und es augenblicklich bereute. Der Schmerz durchzuckte ihn keine Sekunde später und man sah es ihm an, als er sich auf die Unterlippe biss, um nicht zu schreien oder zu fluchen. Nein, er stand wieder auf - seine müden Beine würden ihn dorthin tragen, wo Rain ihn wissen wollte - vielleicht weiter weg von denjenigen, die ihn anstarrten, als wäre er ein wildes Tier, das nie Manieren gelernt hatte. Ein Wolf, nicht? Auch, wenn er kein Wort verstand, entschied er sich dazu, dem Blonden zu folgen - weg von der wärmenden Feuerquelle, in andere Gefilde des Anwesens. Plätscherndes Wasser war es, in einer Wanne - es dampfte sichtlich und Nayantai zog eine Augenbraue hoch, als er diesen komischen Raum prüfend musterte. Tatsächlich gab es so etwas bei den Nomaden nicht - geschweige denn hatte er die Privilegien, prunkvolle Bäder des Kaisers zu betreten - und schlussendlich starrte er Rain erneut an, bevor er diesem deutete, dass er nicht ganz verstand, was das hier war - dass Nayantai verwirrt war.
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    • Es klang etwas unfreundlich, was da Nayantais Lippen verließ, aber wäre Rain so durchgefrohren, hätte er wohl keine bessere Laune. Rain schüttelte nur entschuldigend den Kopf, als müssten sie einander noch mitteilen, wenn sie nicht verstanden. Dabei müssten sie eher Bescheid geben, wenn sie tatsächlich wussten, was der jeweils andere zu sagen versuchte.
      Die beiden Soldaten folgten Rain und Nayantai durch den kalten Gang in gebührendem Abstand, aber nahe genug, um bei Gefahr einschreiten zu können. Sie dachten wohl, Rain hatte nie Gewalt erfahren, da war er zu naiv um sich zu fürchten und wusste nicht was ihn erwarten konnte. Aber sie lagen falsch, Rain hatte nur einfach keine Angst vor diesem Mann, der gerade bestimmt nur ein Schatten seiner selbst war und der sterben würde, würde man sich nicht um ihn kümmern. Zudem glaubte er daran, dass ihm nur Vertrauen und Respekt entgegengebracht wurde, wenn er sich selbst respektvoll verhielt. Rain brauchte keinen Sklaven, der tat was man ihm auftrug, er hatte genug Bedienstete die mehr für ihn taten, als er verlangte. Er wollte jemandem, der ihm die Welt aus einem anderen Blickwinkel zeigen konnte. Er hatte allerdings noch nicht daran gedacht, wie er diesen Mann bei Laune hielt, wenn er wieder bei Kräften war und was er mit ihm machen würde, wenn der Schnee auf den Pässen schmolz und man Rains Heimat gefahrlos wieder verlassen konnte.

      Rain führte den Fremden in einen etwas kleineren Raum, als das Schlafgemach von vorhin. Darin befand sich eine Wanne, gefüllt mit heißem Wasser, ein großer Spiegel und auf einem Schemel lag Verbandzeug und heilende Salbe bereit, die dem Mann helfen sollte. Desweiteren lag auf einem Stuhl frische Kleidung für den Fremden bereit. Erst aber musste er sich aufwärmen und den gröbsten Dreck herunter waschen, bevor sich eine Wunde infizieren konnte.
      Zum Glück schienen die meisten Wunden nur oberflächlicher Natur zu sein, es war allerdings erschreckend, dass Rain dies überhaupt bemerkten konnte. Er konnte es nur, weil die Kleidung die Nayantai trug seinen Körper kaum noch bedeckte.

      Der Fremde sah sich kurz um und Rain richtete seinen Blick auf ihn, als der Fremde seinen Blick auf Rain fallen ließ. Er zuckte mit den Schultern, gab ihm zu verstehen, dass er nicht wusste, was das für ein Raum war. Womöglich wusch sich sein Volk nur an Flüssen und Bächen, es würde für ihn eine Überraschung bedeuten, sein erstes heißes Bad zu genießen. Aber wie sollte er dem Mann klar machen, was er in dem Raum machen sollte?

      Zuerst einmal legte Rain seinen eigenen dicken Mantel ab, den er übergezogen hatte, um seinem Vater die Tür zu öffnen. Er schränkte ihn in seinen Bewegungen nur ein und das Badezimmer war wohlig warm. Der kleine Raum, hatte sich durch das heiße Wasser schnell aufgewärmt. Rain hing den Mantel über die Stuhllehne des Sessels, auf dem die Kleidung lag, die für Nyantai bestimmt war. Damit der Raum auch warm blieb, schloss er außerdem die Tür und versicherte seinen Soldaten, dass es in Ordnung sein würde. Nur die junge Frau von vorhin blieb, für den Fall, dass sie helfen musste. Sie war gut darin sich beinahe unsichtbare zu machen und blieb in einer Ecke des Raumes stehen, bis nach ihr verlangt wurde.
      Rain deutete Nayantai ihm zur Wanne zu folgen und setzte sich auf dessen Rand. Er wartete bis der Fremde es ihm gleich tat. Er krempelte seinen Ärmel ein wenig hoch und ließ seine Hand anschließend ins warme Wasser gleiten. Gleichzeitig griff er mit der anderen Hand nach einem Lappen der bereit lag und schrubbte dann demonstrativ über seine Haut, bevor er Nayantai das Tuch überließ. Er konnte ihm schwer vor machen, dass er sich am besten auszog und ganz in die Wanne setzte, die Erklärung musste also erst einmal genügen.
      Er hatte sich auch diesmal dazu entschieden, nicht auf seine eigene Sprache zurück zu greifen, er würde noch genügend gelegenheit haben, Dinge zu erklären und sie für Nayantai zu benennen.
    • Geschunden war ein Wort, das ihn ursprünglich wohl gar nicht in den Sinn käme - sie alle waren stolz, dass sie nun eben diejenigen waren, die diese Welt aus ihnen gemacht hatte. Aber die Wenigsten von ihnen wussten, wie man sein eigenes Leben wertschätzen sollte, oder gar mit dem Wert der Anderen umging, die versuchten, sich einen eigenen Namen auf dieser Welt zu machen, die so trüb und unscheinbar schien. Viele Ideale trat man mit Füßen und doch war es Nichts, das Nayantai nicht selbst, an seinem eigenen Körper, erlebte. Liebe wurde ihm selten zuteil, weil sie einfach kein fester Bestandteil seiner Erziehung war. Sein Vater war ein Mann, der seinen Kindern sein Herz ausschüttete, ihnen symbolisierte, stark zu sein und sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren und jetzt war es ausgerechnet sein ältester Sohn, der Prinz, der hier versauern sollte, in der weißen, eingeschneiten Einöde eines Landes, aus dem er nicht stammte, im Anwesen eines jungen Adeligen, der ihn viel freundlicher behandelte, als er es sollte. So, als würde er eben jene Ideale mit seinen eigenen Füßen treten, fühlte sich Nayantai in diesem Moment, in dem er wusste, dass er sich seinem Gastgeber und der Jahreszeit ergab - was ihn nicht davon abhalten sollte, seine Flucht zu planen, sobald er einen klaren Kopf dafür hatte und Zeit dazu fand. Wieso auch sollte er länger hier ausharren, als nötig? Nichts würde ihm sein Volk wiederbringen, keine leeren Worte und auch keine ambitionierten Taten - sie waren verloren, für immer und ewig.

      Immer kurioser wurde das Schauspiel Rain's, der ihm offenbar zeigen wollte, was genau er zu tun hatte - Nayantai war, wenn er ehrlich war, erstaunt über die einfachen, freundlichen Gestiken die ihm zuteil wurden und dass man noch nicht versucht hatte, ihm ein Ende zu bereiten, sondern eher versuchte, ihm dabei zu helfen, nicht zu erstarren. Aber wieso versuchte ein Lamm gar, einen Wolf zu retten? Welche Chancen errechnete es sich, nicht sofort gefressen zu werden, sobald der Wolf selbst sich wieder in einem besseren Zustand befand? Wenn Kannibalismus Dinge lösen könnte, dann wäre Nayantai wohl schon auf ihn zurückgegriffen, und doch war es ein Tabu-Thema, das er in naher Zukunft auch noch nicht anschneiden wollte. Blut war es keineswegs, das einen dampfenden Kessel füllte, sondern lediglich Wasser, in dem er sein Antlitz erneut wiedersehen musste - dass er sich selbst erkannte, war ein Wunder. Auch, wenn er durch die Bewegungen Rains verschwamm, wusste er selbst, wie müde er war, wie ausgelaugt und eigentlich tot er sich fühlte - und wie gerne er doch glauben wollte, dass er sich noch immer in einem falschen Traum befand. Den sanften Bewegung seines Gegenübers Aufmerksamkeit schenkend, nickte er anschließend.

      Es waren die Fetzen einer einst so wärmenden Kleidung, der er sich entledigte, in dem er hastig zusammengebundenes Material an seiner Taille entknotete - ohne sonderlich darauf zu achten, wohin das einst so wertvolle Stück fiel, offenbarte er den Rest seines Oberkörpers, ein Mosaik aus verschiedenfarbigen Blau-, Lila- und Schwarztönen, die gut und gerne in rote Wunden übergingen. Das Schuhwerk, das er schlussendlich abstreifte, offenbarte nicht viel Anderes, außer eben ähnliche Flecken. Vollkommen entblößen wollte er sich vor dem Fremden nicht, nur um in eine Wanne zu steigen - und doch war es ihm in diesem Moment egal. Die Lumpen, die einst eine Hose waren, streifte Nayantai schlussendlich auch noch ab, bevor er das Tuch von Rain annahm und sich in die Wanne setzte, die durchaus mit heißem Wasser gefüllt war - entspannend war es allemal, und doch fühlte er sich nicht so, als wolle er sich zurücklehnen. Stattdessen riss er sich das Haarband noch aus seinen Haaren, das dafür sorgte, dass sich der sonst eigentlich so ordentliche Zopf auflöste und die dunklen langen Haarsträhnen überall in Nayantais Gesicht hingen und teilweise die Wasseroberfläche berührten. Ohne großartige Worte, ließ er sich etwas in die Wanne sinken, so dass ein Teil seiner Haare auch nass wurde und begann, den oberflächlichen Dreck und das getrocknete Blut, das an ihm klebte, mit dem Tuch abzuschrubben, das ihm gegeben wurde. Erst dann, als er damit fertig war, streckte er den Kopf wieder nach oben, nur um ihn endgültig und gänzlich im Wasser zu versenken, damit auch seine Haare nass wurden. Einen fragenden Blick an den Blonden später, hielt er das Tuch hoch und versuchte mit der freien Hand, seine nassen Haare einigermaßen aus seinem Gesicht zu wischen, damit er zumindest mehr erkennen konnte als diese. Kalt würde ihm nun wenigstens nicht mehr werden.
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    • Rain wandte seinen Blick ab, als Nayantai noch dabei, die Fetzen die seinen Oberkörper bedeckten zu entfernen. Er hätte das Zimmer auch verlassen, wenn er sich sicher gewesen wäre, dass der Fremde verstanden hatte, wozu dieser Raum - das Badezimmer - diente und wenn er sich ebenfalls sicher gewesen wäre, dass er die Hilfe des jungen Mädchens annehmen würde.
      Aus dem Augenwinkel jedoch konnte er genug sehen um zu wissen, dass es weniger gesunde Stellen an Nayantais Körper gab, als jene die geschunden waren und in allen möglichen Farben leuchteten. Auch das Blut, dass das Wasser von ihm lösen konnte, enthüllte vermutlich nur noch mehr verfärbte Haut, die durch Blutergüsse entstand. Es war nicht so, als wüsste Rain nichts von Gewalt. Sein Vater hatte selbst unzählige Narben und kam oft mit noch heilenden Wunden von seinen Feldzügen nach Hause. Rain hatte beobachtet wie seine Mutter selbst sich um ihren Vater kümmerte, statt es einer Bediensteten zu überlassen und wie sorgenvoll sie ihn dabei betrachtete. Rain hingegen teilte nichts mit dem Körper seines Vaters, oder dem von Nayantai. Äußerlich war sein Körper makellos, seine Haut blass und weich, kaum von der Sonne berührt und schon gar nicht von einer Klinge. Vernarbt, geschunden und verletzt war er nur innerlich und sein Zustand war nicht sichtbar von außen. Lediglich sein zarter Körper, der nicht stärker werden wollte, deutete darauf hin, dass er krank war.

      Rains Blick schweifte zu der jungen Frau, die ihren Blick ebenfalls abwandte und offenkundig Angst vor dem Fremden hatte. Sie war sonst eigentlich sehr aufgeweckt und fröhlich, jetzt machte sie sich ganz klein. Rain würde sie bei Gelegenheit fragen was der Grund dafür war, er war sich fast sicher, dass es nicht nur die Geschichten waren die man sich erzählte.
      Nachdem Nayantai Rain also das Tuch aus der Hand genommen hatte und anfing sich zu waschen, trat Rain einen Schritt auf seine Dienerin zu und nahm ihre Hand in seine. Er bot ihr an, jemand anderen zu schicken, aber sie verneinte. Mehr wollte Rain vor dem Fremden nicht besprechen, auch wenn er nicht verstand was sie sagten. Rain drehte sich wieder zu seinem Gast um, räumte die frische Kleidung von dem Stuhl und setzte sich dort hin, statt wieder auf dem Wannenrand Platz zu nehmen.
      Rain betrachtete die langen Haare des Fremden, die bis über seine Hüfte reichten und nun so zahlreich in sein Gesicht hingen. Rain selbst wurde immer wieder gesagt, dass seine haare zu lang sein und dass er sie schneiden lassen sollte und nun saß ein Mann vor ihm, dessen Haare seit so langer Zeit ungeschnitten wachsen mussten.

      Nayantai warf einen erneuten, fragenden Blick zu Rain und bekam daraufhin nur ein Lächeln. Dann winkte er die junge Frau nach vorne, die sich sofort in Bewegung setzte und vorsichtig das Tuch aus der Hand des Fremden nahm. Damit begab sie sich dann hinter ihn und begann vorsichtig den Dreck von seinen Schultern zu waschen und sie würde ihm auch weiter mit seinem gesamten Rücken helfen, wenn er sie ließ. Rain behielt die beiden im Auge.
      Die junge Frau war vorsichtig, tauchte das Tuch lieber öfter zurück ins Wasser, als den Mann vor ihr zu verletzen. Es schien kaum eine Stelle zu geben, die bei Berührung nicht schmerzen musste. Behutsam versuchte sie den Dreck von seinem Rücken zu entfernen so gut sie konnte. Rain hielt es inzwischen für eine gute Idee, auch die junge Frau vorzustellen. Um zu verdeutlichen was er meinte, deutete er wieder auf sich, sprach seinen eigenen Namen aus, dann auf Nayantai und versuchte sich erneut an seinem Namen und zuletzt auf die junge Frau hinter ihm. "Sara."
    • Wer wusste schon, was das Leben mit sich brachte? Keiner von ihnen. Selbst er hätte nicht gedacht, dass er eines Tages in einem prunkvollen Anwesen landen würde, dass es so viele Dinge gab, die er noch nie gesehen hatte – und wie verwunderlich es war, überhaupt hier zu sein. Wieso ließ man ausgerechnet ihn leben und nicht diejenigen, die weniger darüber wussten, wie Ihnen geschah? Er war einer der Letzten, den man in die Knie zwingen sollte, von dem man realisieren sollte, dass er sich nicht einfach ergab, nur weil man es von ihm verlangte – selbst dann nicht, wenn man zu deutlich unorthodoxen Methoden griff, die schon an Folter grenzten, nur um ihnen die kleinsten, insignifikantesten Details auszuquetschen und die Worte schlussendlich so zu drehen, dass sie in das Bild passten, dass sich die Gesellschaft von ihnen gemacht hatte. Wilde – sie lebten wie Tiere, nahmen sich, wonach es ihnen beliebte und hatten keine Verwendung für ein simples „Nein“. Wie Wölfe sollten sie sein, hungernd streiften sie durch Wälder, bevor sie einen Ort fanden, den sie plündern konnten – und doch entsprachen diese Worte nicht der Wahrheit. Nahm man sich Zeit, die „Wölfe“ oder gar ihren „Prinzen“ zu verstehen, dann würde man bald realisieren, dass alles gar nicht so war, wie es diverse Geschichten oder gar Bücher hinzustellen versuchten. Schenkte man den Wölfen auch nur eine Sekunde ungeteilte Aufmerksamkeit, versuchte gar, sie zu verstehen, dann würde man realisieren, dass sie definitiv nicht so wild waren, sie man sie hinstellte – dass Nayantai lediglich nicht erfreut darüber war, wie das Schicksal über ihn zu entscheiden versuchte. Fernab von der Welt die er kannte, lag er nun in einer Wanne in einem Anwesen und ihm wurden die Sorgen der letzten Monate vom Rücken geschrubbt, als wäre er tatsächlich ein Prinz – als floss blaues Blut durch seine Adern und als wäre dieser Ort nicht so befremdlich.

      Das nasse Haar klebte nicht nur in seinem Gesicht, sondern auch an diversen Stellen seines Körpers, der aussah, als hätte er schon bessere Tage erlebt. Einige der Wunden brannten, obgleich man sie nur reinigte, und trotz dessen, dass man sich die Mühe machte, ihn wieder auf „Vordermann“ zu bringen, würde er lieber aus Scham in sich selbst zusammen sinken, nur um die vielen Wunden und alten Narben, das Mosaik aus verschiedensten Flecken, den Fremden präsentieren zu müssen. Nayantai wusste, dass man versuchte, ihm zu helfen, und dass das warme Wasser, das sich an ihn schmiegte wie ein warmer Mantel an kalten Tagen, ihm dabei half, aufzutauen – und doch waren es weit aufgerissene Augen, die jeden Schritt und jede Bewegung um sich herum beobachteten, nicht rasten wollten, weil er sich vor den Dingen fürchtete, die ihn umgaben, die eventuell dafür sorgten, dass er sich alsbald im Grabe drehte. Rain schien sein bestes zu versuchen, einen Eisblock – einen verwilderten Wolf – dazu zu bringen, sich ihm zu beugen, aber nicht, weil er für ihn ein kostbares Juwel sein mochte, das es erst zu schleifen galt, sondern weil er ihm helfen wollte. Beinahe kindliche Versuche, ihm Namen und diese Sprache beizubringen, waren es – und doch nickte Nayantai bestimmt, als er den Namen der fremden Dienerin wiederholte. „Sara …“, kam es zögerlich über aufgeschundene Lippen. Wovor hatte man Angst? Vor einem verzweifelten Wolf, den die Kälte zu sich geholt hätte, wenn er noch länger dort draußen verblieben wäre? Wahrscheinlich. Wie grimm die Geschichten wohl waren, die man sich über ihn und sein Volk erzählte? Pechschwarz. Jede ach so kleine Bewegung hinter ihm ließ ihn zusammenzucken, so sanft sie auch war – manchmal waren es Schmerzen, manchmal die Angst davor, dass das alles nur ein Traum war. Schlussendlich war ihm jedoch eines klar – egal, was er sagen würde, egal wie freundlich er wäre, man würde ihn nicht verstehen und würde sich vermutlich auch nicht die Mühe machen, eine sterbende Sprache zu lernen. Kaum hörte Sara auf und Nayantai wusste, dass das hier definitiv kein Traum war, fühlte er sich wieder gänzlich fehl am Platz. „Danke“, murmelte er, als er sein verschwommenes Spiegelbild erneut im Wasser vor sich betrachtete.

      Wer auch immer Nayantai war – wer auch immer dieser Prinz sein sollte – er war unkenntlich geworden. Wohin also mit einer leeren Hülle?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Als Sara fertig damit war den Prinzen der Wölfe an Stellen zu waschen die für ihn selbst nur schwer zugänglich waren, legte sie das Tuch zurück auf den Wannenrand, stand auf und machte sogar einen kleinen Knicks vor dem Fremden. Rain war ein guter Herr, das dachte er zumindest. Er glaubte fest daran, dass seine Bediensteten gerne hier arbeitete, wo sie gut bezahlt wurden, es warm hatten und auch die Behandlung die ihnen zuteil wurde respektvoll und freundlich war. Jetzt allerdings wirkte Sara so, als hätte sie Angst, durch die Ankunft des Fremden konnte sich alles ändern.

      Rain stand auf und schickte sie nach draußen, dankte ihr für ihre Arbeit und ihren Mut. Anschließend deutete Rain auf die Verbände und Salben die bereit standen und erklärte dem Wolf in unverständlichen Worten: "Für deine Wunden." Er deutete auch auf ein Stück Stoff, mit dem er sich abtrocknen konnte und zuletzt auf die Kleidung, die nun ihm gehören sollte und so anders aussah, als das, was die Fetzen die ihn bedeckt hatten, wohl einmal gewesen waren.
      Rain nahm den dicken mantel wieder auf, den er zuvor ausgezogen hatte, legte ihn aber nicht wieder um. Danach machte Rain sich auf den Weg den Raum zu verlassen. Er lächelte Nayantai noch einmal zu und klopfte demonstrativ auf die Tür, was so viel bedeuten sollte wie, wenn er fertig war, brauchte er nur zu klopfen. Anschließend ließ Rain ihn alleine, ließ ihm solange Zeit wie er brauchte.

      Eraqus, der alte Mann von vorhin ließ Rain nicht vor der Tür warten. Es hieß es wäre zu kalt und er hatte recht. Den Gang des großen Hauses warm zu halten war schwierig, selbst im Sommer war es hier kühl, wo es kein Fenster und keine Feuerstellen gab, nur kalten Stein. Rain entschied, dass der Fremde für heute vermutlich genug erlebt hatte und ebenso wie Rain schlafen wollte. Er ließ ihm etwas zu Essen in sein neues Zimmer bringen, in das ihn die Wachen führen sollten, wenn er sich wieder angezogen hatten. Dort konnte er sich dann frei bewegen, essen und das Bett nutzen. Die Soldaten würden vor seiner Tür stationiert bleiben, Rain hatte keine Angst, dass Nayantai versuchen würde durch das Fenster abzuhauen. Der Schneesturm der draußen tobte wurde immer stärker.
      Rain selbst begab sich in sein eigenes Zimmer um sich ins Bett zu legen. Er würde morgen überlegen, was er mit seinem 'Geschenk' machen sollte.
    • Lange dauerte es keineswegs, bis man ihn schlussendlich alleine ließ - vermutlich, damit er etwas Ruhe fand, aber all das waren lediglich halbwahre Mutmaßungen, die Nayantai durch den Kopf flogen, so wie Flausen, die einem Kind durch den Kopf zu schwirren vermochten, das nicht so recht wusste, wohin mit sich selbst. Ehrlich gesagt ging es ihm nicht anders - die ganze Atmosphäre fühlte sich fremd und falsch an und diese Welt selbst war keine, in die er gehörte. Dennoch war sie ein einziges Mal wohlig warm - gleich wie das Wasser, das von seinem Körper abtropfte, kaum hatte er Rain ein letztes Mal zugenickt, als dieser den Raum verließ. Wenn es nach Nayantai ging, dann war die durchsichtige Substanz eine willkommene Abwechslung zu einem Blutregen, der auf einen herabträufelte, war man nicht vorsichtig genug. Kaum stieg er aus der Wanne, nahm er das trockene Tuch, um sein nasses Haar zumindest einigermaßen damit zu trocknen - erst dann folgte der Rest seines Körpers, der keineswegs mit Freude reagierte, wenn Nayantai etwas zu fest an diversen Stellen ankam. Kaum war eben jene Hürde überwunden, besah er die Dinge, die ihm hinterlassen wurde - Kleidung, Verband und Salben. Nicht, dass er Rain wirklich verstanden hatte, aber er wusste zumindest, was er damit zu tun hatte - und würde auch nicht lange fackeln, um diverse Wunden zu versorgen - auch, wenn er aus den Fetzen, die seine ehemalige Kleidung darstellten, zuerst eben jenes Haarband ergriff, mit dem er sich diese eben wieder zusammenband, damit sie ihn nicht dabei störten.

      Seine Wunden waren versorgt und die befremdliche Kleidung hatte er sich übergeworfen - auch, wenn er bereits ähnliches getragen hatte, um dem Kaiser zu gefallen, fühlte es sich dennoch falsch an. So, als würde er sich immer weiter von seinen Wurzeln entfernen und immer mehr zu Jemandem werden, der er nun einmal nicht war. Vielleicht war das der Grund, weswegen er die Fetzen seiner ehemaligen Kleidung doch mit sich nahm. Müde Beine stapften gen Tür, an welche er klopfte - die Wachen, die sich vor dieser befanden, geleiteten ihn zurück zu dem Zimmer, das für ihn auserkoren worden war, als hätte er derartiges verdient. Von Rain gab es allerdings keine Spur - vielleicht war er müde genug gewesen, um sich bereits schlafen zu legen? Eine Frage, die er sich - wie so viel - nicht beantworten konnte, selbst dann nicht, als sich die Tür zu diesem Zimmer wieder hinter ihm schloss. Schläfrig war Nayantai bereits, daran bestand kein Zweifel, dennoch sag er lieber dem Feuer dabei zu, wie es vor sich hin knisterte, bevor er sich an das Fenster zurückzog und in die vom Schnee unkenntliche Ferne starrte - dort draußen waren sie, vielleicht, zerstreut über alle möglichen fremden Länder - die Wölfe, wie man sie doch nannte. Unzufrieden mit seiner Situation, legte Nayantai die Fetzen neben dem Nachttisch ab, der sich neben dem beinahe schon riesigen Bett befand, bevor er sich das Haarband erneut abnahm - seine Haare konnten unmöglich trocknen, wenn er sie über Nacht zusammenband. Auch, wenn er liebend gerne etwas essen wollte, fühlte er sich nicht danach - ignorierte es, als würde es ihm nichts Gutes tun. Danach ließ er sich in das Bett fallen, zog die Decke über seinen Körper und drückte seinen Kopf gegen das Kissen - bequem und gleichzeitig ungewohnt wie eh und je. Es dauerte, bis er schlafen konnte - bis ihn die Müdigkeit endlich einholte - und selbst dann waren seine Träume keine schönen. Lodernde Flammen, fließendes Blut - Schreie, die er das letzte Mal vor Jahren gehört hatte. Erst, als er am grauen Morgen wieder erwachte, wurde er aus seiner Misere befreit. Nayantai setzte sich auf, starrte aus dem Fenster, das über Nacht vom Frost heimgesucht wurde, und konnte dahinter nur die verschwommene, weiße Welt erkennen, bevor er husten musste und sich instinktiv auf die Stirn griff. Kein Fieber. Zumindest noch nicht. Erneut wagte er es nicht, sich zu strecken, weswegen er einfach aus dem Bett stieg und sich zum Fenster begab und verloren nach draußen starrte - der Schnee blendete ihn, gleich wie ihm die dröhnenden Kopfschmerzen zu schaffen machten. Eine Erkältung war im Anmarsch.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain fühlte sich tatsächlich besser als noch am Morgen des selben Tages. Nayantai gab ihm eine Aufgabe, etwas zu tun, er musste nicht nur den ganzen Tag mit seinen Büchern verbringen. Die Bediensteten und Priester hatten nichts mehr zu erzählen, das Rain nicht schon oft gehört hatte. Die Bücher langweilten ihn, hatte er sie doch schon so oft gelesen. Die Artefakte die sein Vater ihm immer wieder mitgebracht hatte, die hatten keine Geheimnisse mehr preiszugeben, zumindest keine, die Rain ergründen konnte. Nayantai allerdings trug so viel Wissen in sich, aber nicht nur das, er war ein lebendes Wesen, mit einem Willen, Gefühlen... er musste Heimweh haben. Rain wusste nicht, wie sich das alles entwickeln würde, aber er wollte den jungen Mann nicht in einen Kerker sperren, nicht nur, weil er dann bestimmt kein Wort sagen würde. Es war keine List, dass Rain ihn freundlich behandelte, er hoffte auf eine Freundschaft, Verständnis, ja wenn er es sich erlaubte, konnte er noch viel weiter denken. Was wäre wenn ihre Völker keinen Krieg mehr führen mussten? Rain war kein König, aber er würde irgendwann Land und eine Armee besitzen und zumindest würde der König ihn empfangen. Das alles lag allerdings noch in weiter Zukunft.

      Am nächsten Morgen wachte Rain früh auf. Er Frühstückte im Salon, trank eine warme Tasse Tee und überlegte, wie er nun weiter vorgehen sollte. Sie beide mussten einander verstehen können, aber womöglich sollte er den Mann erst noch ein bisschen ausruhen lassen. Rain beschloss ihn noch am Vormittag in seinem Zimmer aufzusuchen und ein paar Dinge mitzubringen, die ihm vielleicht Trost spenden konnten. Er würde ihm außerdem ein Frühstück bringen lassen, sowie neues Holz für seinen Kamin.
      Aus dem Zimmer führen wollte er ihn nicht noch einmal, nicht weil er ihn dort einsperren wollte, sondern weil er ihn nicht zu sehr umher zerren wollte. Immerhin verstand Nayantai ihn nicht und womöglich hatte er auch Angst, doch wieder in einen Kerker geführt zu werden. Das alles hier musste neu für ihn sein, die Stoffe die er trug, die Laken in denen er schlief, das Bett, ja sogar ein Bad war neu für ihn.

      Am frühen Vormittag schließlich klopfte Rain an die Tür seinen Gastes, trat aber ein, bevor er herein gebeten wurde. Er wusste ja schließlich nicht, ob Nayantai diesen Brauch kannte. Sara war bei ihm, trug ein Tablett mit Frühstück. Brot, Käse, etwas Wurst und ein heißer Tee. Nichts Außergewöhnliches, das Nayantai erst einmal nur verwirrte. Sie stellte alles auf einem kleinen Tisch ab. Rain schickte sie danach nach draußen, ließ aber die Tür offen, um seinen Soldaten nicht den letzten nerv zu rauben, die sich natürlich um ihren Herren sorgten, wenn er alleine mit einem Wilden sprechen wollte. Rain grüßte seinen Gast mit einem freundlichen Lächeln und den Worten "Guten Morgen".