One Week Friends [ Mysto & Asuna]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Willkommen zurück!
    Wir freuen uns riesig wieder online zu sein. :) Leider kam es bei der Aktualisierung einiger Komponenten zu größeren Inkompatibilitäten, welche in Handarbeit einzeln behoben werden mussten.
    Damit hat sich für die Nutzung des Forum folgendes verändert:
    Bisherige Links zu Beiträgen sind nicht mehr gültig, da sich die Link-Struktur geändert hat. Wir arbeiten daran, dass auch alte Links wieder funktionieren, können aber noch nichts versprechen.

    Liebe Grüße
    Euer ARC-Team

    Hinweis: Solltet ihr Probleme haben Seiten im Forum aufzurufen (Fehler 404 z.B.), aktualisiert die Seite! Ihr habt noch die alte Version zwischengespeichert.

    • One Week Friends [ Mysto & Asuna]

      Zur Vorstellung

      Montag - Sanae


      Es hatte mich ein wahnsinniges Stück an Überwindung gekostet in die Schule zu gehen. Noch gestern war ich völlig überfordert mit den Menschen, die sich meine Eltern nannten. Wie sehr ich es auch versucht hatte - ich erinnerte mich nicht an sie. Geduldig erklärten sie mir die Lage aber mich beschlich das Gefühl, dass sie es langsam müde waren. Spätestens nach dem Lesen meines Tagebuchs stellte ich fest, dass die ganze Geschichte schon über Monate ging.
      Ich erinnerte mich an den Schulweg, wie ich ihn jeden Morgen in der Woche ging. Die Treppen, die zu meinem Klassenraum führten waren mir auch bekannt, ebenso wie mein Sitzplatz. Doch jedes Gesicht, jedes Paar Augen, waren mir völlig fremd. Ich befand mich in einer Klasse, in der jeder Mitschüler mich kannte, ich aber keinen einzigen von ihnen. Niemand machte Anstalten, mich anzusprechen. Hasste man mich deswegen? Ich konnte es ihnen nicht verübeln... Ich wollte schließlich nicht auch einfach so vergessen werden.
      Deswegen setzte ich mich schlicht an meinen Platz am Fenster und hoffte nur, dass diese Woche schnell vorrüber ging. Vielleicht hörte dieser Alptraum nächste Woche endlich auf und alles ging wieder geregelte Wege. Nur glaubte ich nicht daran.
      Folglich nahm ich auch nicht wirklich an der allgemeinen Spannung teil, als jemand Neues der Klasse vorgestellt wurde. Ein Junge, der irgendwie seltsam über sich sprach. Kurz musterte ich ihn und ich ertappte mich dabei, wie ich dachte, dass mich sein Lächeln anwiderte. Nicht, weil er optisch eine Nulpe war. Es wirkte auf mich lediglich seltsam, allerdings ermahnte ich mich selbst, über so etwas zu urteilen. Wer war ich denn, immerhin blieb mir niemand sonderlich lange im Gedächtnis.
      Der Unterricht floß an mir vorbei und ich notierte mir alles wichtige. Dabei fiel mir wieder auf, dass es wirklich nicht das vermittelte Wissen war, das ich vergaß. Tatsächlich waren es Personen, die mir nach einer Woche scheinbar entglitten. Schon seltsam, wenn ich so darüber nachdachte..
      Kurz darauf klingelte es zur Pause und fast alle strömten aus dem Klassenzimmer auf die Flure und den Hof. Ich hingegen blieb einfach an meinem Platz und holte ein Bento hervor, dass meine "Mutter" heute Morgen gemacht hatte. Prompt fiel mir das Tamago auf und ich musste ein Seufzen unterdrücken. Das mochte ich mit am liebsten an meinen Bentos... Sie kannte mich eben doch.
      Plötzlich hörte ich, wie mein Handy in meiner Tasche nervtötend summte. Ich beugte mich zu ihr herunter und fischte nach meinem Smartphone. Auf dem Display leuchtete eine Nachricht von "Nanami". ...Wer war Nanami noch mal... Ich überflog kurz die Nachricht, in der sich Nanami erkundigte, ob bei mir alles in Ordnung sei und ob sie später vorbei kommen sollte. Da fiel mir ein, dass sie das Mädchen von Nebenan in meinem Alter war, das mich heute Morgen regelrecht an der Türschwelle abgefangen hatte und vor Hilfsbereitschaft nur so überzusprudeln schien. Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen, ehe ich mein Handy wieder in den Untiefen meiner Tasche verschwinden ließ. Sie schien der wahre Engel in meinem Leben zu sein und die Einzige, die sich nicht daran störte, dass ich sie wieder vergessen würde. Mein Lächeln wurde eisern und kalt bis es am Ende erstarb. Es klickte leise, als ich meine Stäbchen auf den Tischen neben die Box legte und den Kopf etwas senkte, sodass sich ein roter Vorhang aus meinen Haaren vor mein Sichtfeld zog. Fünf Tage. Ich musste nur fünf Tage aushalten und dann hatte ich eine weitere Woche überstanden.

      @Mysto



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Tora

      Ein wunderschöner Morgen brach an und ich stand pünktlich auf, um nicht zu spät zur neuen Schule zu kommen. Durch eine Versetzung meines Vater mussten wir in eine andere Stadt ziehen und ich somit in eine neue Schule. Meine Freunde vermisste ich ein wenig, doch so ist der Weg des Lebens nun einmal. Man kann sich nicht immer auf diesen Weg einstellen, jedenfalls nicht spontan. Als ich aus der Tür hinausging, hörte ich nur meine Mutter nachrufen: "Viel Spaß in der neuen Schule!" "Danke, Ma!", rief ich zurück, "bis später." Die Sonne schien schon hell über der Stadt. Ich schlenderte los zur neuen Schule, denn ich sollte mich vorab im Lehrerzimmer melden, um die Anmeldung an jener Schule abzuschließen. Ich hatte mich vorher schon einmal über Clubaktivitäten erkundigt und war froh, dass sie auch einen Basketball Club hatten, der recht erfolgreich war. Auf dem Weg zur Schule waren schon teilweise Schüler aus verschiedensten Schulen unterwegs. Einige aus meiner neuen Schule sah ich auch, doch ich hielt mich noch etwas zurück. Da jeder gerne morgens auf dem Weg noch für sich sein möchte. An der Schule angekommen, sah ich einige Schüler noch am Tor stehen. Vermutlich warteten sie noch auf den einen oder anderen Freund. Ich ging direkt zum Lehrerzimmer und klopfte dort an der Tür. Ein Lehrer öffnete mir die Tür, ich verbeugte mich kurz und stellte mich vor: "Hallo, ich bin Tora Kitamura. Ich bin neu hier an der Schule und ich sollte mich an meinem ersten Schultag hier melden." "Hallo Kitamura-san. Ich bin Herr Arizawa und werde dich nachher zu deiner neuen Klasse mitnehmen. Nimm noch einmal kurz Platz, ich bereite noch eben schnell den Unterricht vor", stellte sich der Lehrer vor und fuhr fort, "Ah.. bevor ich es vergesse. Hast du dir schon einen Schulclub ausgesucht?" Auf diese Frage war ich vorbereitet: "Ja, ich würde gerne im Basketball Club mitspielen. Ich hatte in meiner vorherigen Schule auch Basketball gespielt." "Das trifft sich gut. Ich werde dich nach dem Unterricht dort vorstellen. Zufällig bin ich auch der zuständige Lehrer für Basketball", sagte Herr Arizawa zu mir. Ein kleines Lächeln kam mir über die Lippen. Ich nahm auf dem Platz vor dem Lehrerzimmer platz und wartete vielleicht zehn Minuten auf Herrn Arizawa.

      In der neuen Klasse angekommen, hatte ich immer noch ein kleines Lächeln auf den Lippen. Ich stellte mich vor:" Ich bin Tora Kitamura, 17 Jahre alt und komme gebürtig aus Kyoto. In meiner alten Schule habe ich in dem zugehörigen Basketball Club gespielt. Für weitere Fragen stehe ich gerne nach dem Unterricht zur Verfügung." Ich vernahm tuscheln aus jeder Ecke des Raums nur eine Person schien nicht wirklich interessiert. Herr Arizawa verwies mich auf einen freien Platz in der vorletzten Reihe in der Mitte des Raumes. "Aufgepasst!", schallte es durch den Raum. Herr Arizawa versuchte so die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken um den Unterricht fortführen zu können. Ich folgte dem Unterricht bis zur Pause. Kaum hatte es geklingelt, hatte ich schon keine Chance mehr auf Freizeit. Ich wurde bombardiert mit all möglichen Fragen. "Hey Leute, immer langsam. Lasst mir ein bisschen Luft zum Atmen..." erwiderte ich in dem Gemenge, "ich werde so gut es geht eure Fragen beantworten. Vermutlich habe ich mehr Fragen an euch als ihr an mich." Ein reges Frage-Antwort-Spiel tat sich auf. "...Nein, ich habe keine Geschwister", beantwortete ich die Frage eines neuen Mitschülers. Ich blickte zu einer Mitschülerin, die sehr in sich gekehrt war und fragte die anderen: "Gibt es einen bestimmten Grund warum sie alleine ist? Mir kommt es so vor als ob ihr sie meidet?" Es wurde plötzlich still in der Runde. In einem Flüsterton beantwortete meine Sitznachbarin Mira die Frage: Das ist Sanae Ebato. Sie... vergisst Gesichter nach einer Woche. Wir haben zu Anfang versucht mit ihr über diese schwierigen Zeiten zu kommen. Es wurde aber weder für sie, noch für uns besser. Es tat uns weh andauernd vergessen zu werden, wenn wir gerade soweit waren wieder Freunde zu sein. Deshalb haben wir für uns den Entschluss gefasst, mit ihr nicht mehr Freunde zu werden. Es schmerzt immer noch ein wenig, aber so ist es besser für beide Parteien." "Verstehe...", kam es mir kurz über die Lippen und ich schaute sie noch kurz an, widmete mich aber schließlich wieder meinen Mitschülern. Die nächste Stunde begann nur wenig später und es saßen wieder alle auf ihren Plätzen.
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)
    • Dank des neuen mitschülers verging der restliche Schultag ohne Probleme. Wie ich ees bereits vermutet hatte, suchte niemand aus meiner Klasse das Gespräch mit mir noch waren sie besonders heiß darauf mit mir zu arbeiten. Stattdessen buhlten einige von ihnen um die Gunst des Neuen, der den Ansturm meiner Meinung nach wunderbar verarbeiten konnte. Ob ich dazu in der Lage gewesen wäre, konnte ich nicht mal einschätzen.
      Zugegebenermaßen hatte ich auch nicht den Schneid von Arizawa-Sensei in Betracht gezogen. Man hatte mir gesagt, dass meine Lehrer allesamt über meinen Zustand Bescheid wussten und dementsprechend damit umzugehen wussten. Dass aber ausgerechnet der Homeroomteacher auf die Idee kam, die Außenseiterin und den Neuen direkt am ersten Tag für den Putzdienst einzuteilen, kam unerwartet. Folglich sah ich ihn nur überrascht an und erkannte, dass der Lehrer offensichtlich etwas plante. Ich beschwerte mich nicht - wirkliche Tätigkeiten nach der Schule verfolgte ich schließlich nicht.

      Als der Schultag dann endete und sich der Neue von seinen Bewunderern trennen musste, stand ich schon mit dem Schwamm bewaffnet an der Tafel und wischte die weiße Kreise von der Tafel ab. Wir beide hörten wie die Tür mit einem Klacken geschlossen wurde und dann drang nur noch das leise Geräusch der Schüler vor dem Gebäude durch die Fenster zu uns.
      Ich wollte nicht feindselig wirken, aber ich schwieg zunächst nur. Ich warf ihm nicht einmal einen Blick zu weil ich genau wusste, wo das enden würde. Spätestens in ein paar Wochen würde er nicht anders reagieren als alle anderen. Und mir jetzt schon SChmerz und Enttäuschung einzuhandeln stand nicht auf meinen Plan. Also klärte ich doch lieber die Fronten:
      "Sicherlich haben dir die Anderen schon alles haarklein über mich erzählt. Ich entschuldige mich schon mal im Voraus für nächste Woche wenn ich nicht mal mehr deinen Namen weiß. Keine Ahnung, woher die Krankheit auf einmal kam, aber ich vergesse alle Menschen um mich herum." Meine Hand schloss sich fester als nötig um den weichen feuchten Schwamm. "Ich bin nicht mental zurückgeblieben. Ich leide nicht an Amnesie. Ich degeneriere auch nicht. Nur scheinen Menschen nicht wirklich in meinem Gedächtnis zu bleiben."
      Ein Umstand, der mir viel mehr Leid zufügte als den Menschen um mich herum. Ich konnte und musste damit umgehen, doch da ich Anderen den Schmerz ersparen konnte, wagte ich auch keinen Versuch, mich mit ihnen anzufreunden. Nur diese Nanami schien da anders gepolt zu sein. Weshalb auch immer...
      Dann schlussendlich schaute ich Kitamura-kun doch an. Ich nickte zu dem Besen herüber, der neben einem Kehrblech an dem Lehrerpult gelehnt stand. "Nimm es nicht als böse auf, wenn ich dir sage, dass du dich vielleicht besser nicht mit dem Weirdo aus der Klasse anfreunden willst. Nachher denken die Anderen, es färbt auf dich ab oder so."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ich folgte dem Unterricht von Arizawa-Sensei nicht mit voller Konzentration. Einige meiner Gedankengänge waren eher mit dem beschäftigt, was ich von meinen Mitschülern hörte. 'Eine Krankheit, die einen jeden Menschen vergessen lässt? Und das immer nach 7 Tagen?', ging es mir durch den Kopf. "Kitamura-kun! Da du der Neue bist, machst du heute gleich den Putzdienst, mit Ebato-kun", sagte Arizawa-Sensei zu mir. Ich nickte mit dem Kopf: "Verstanden." Die Stunde ging zu Ende. Ich hatte noch eine Frage an Arizawa-Sensei, die ich ihm im Vier-Augen-Gespräch fragte: "Wollten sie nicht mich dem Basketball-Team vorstellen?" "Ja, wenn du hier fertig bist, kommst du zur Turnhalle, dann stell ich dich vor." Ich nickte kurz und Arizawa-Sensei ging aus dem Klassenzimmer. Somit bleiben nur noch Ebato-san und ich über. Ich griff mir den Besen und fegte die Klasse. Ebato-san versuchte mir zu erklären, dass es besser wäre von ihr fern zu bleiben. "Ich verstehe...", sagte ich, "Weißt du mein Problem ist, dass ich mich nicht so schnell abwimmeln kann. Ich bin einer von diesen hilfsbreiten Menschen, die versuchen anderen zu helfen. egal in welcher Situation diese Menschen sind. Daher sage ich dir jetzt schon einmal, dass ich vermutlich wie deiner Freundin Nanami-san sein kann." Ich beendete meine Aufgabe den Boden zu fegen und nahm mit dem Kehrblech den Schmutzhaufen auf und versank diesen dann im Mülleimer.
      "So, fertig. Wie sieht es bei dir aus, Ebato-san?", fragte ich nach und drehte mich zu ihr um. Auch sie schien ihre Aufgabe erledigt zu haben. Ich verabschiedete mich kurz: "Bis morgen." Ich nahm meine Sachen und ging zur Turnhalle.

      Auf dem Weg dorthin gingen mir noch einige Sachen durch den Kopf.An der Turnhalle angekommen, war schon das komplette Team im Training. Ich fand Arizawa-Sensei ziemlich schnell, da dieser direkt am Eingang stand. "Ah, da bist du ja Kitamura-kun", sagte er zu mir, drehte sich um und schrie in die Turnhalle hinein, "Hey Leute. Hört mal kurz auf und kommt her." Alle Spieler hörten kurz mit ihrem Trainig auf und kamen zum Eingang wo Arizawa-Sensei und ich standen. "Ich will euch einen neuen Mitspieler vorstellen: Das ist Kitamura Tora-kun", stellte mich der Lehrer vor. Ich verbeugte mich kurz und führte fort: "Hallo, nett euch kennen zu lernen. Ihr könnt mich Ki-kun nennen. Jedenfalls wurd ich so auf der alten Schule so genannt. Ich spiele auf der Shooting Guard Position." Meine neuen Mitspieler empfingen mich sehr freundlich und grüßten mich. "Kitamura-kun, morgen nach der Schule wird dann dein Training beginnen", sagte der Lehrer zu mir. "Machen Sie Witze?! Ich meine Trainingsklamotten mit, ich kann direkt mit einsteigen", sagte ich zu ihm mit voller Aufregung. Ein Lächeln umspielte die Lippen von Arizawa-Sensei: "Dann schnell umziehen und warm machen." Ich grinste ihn an und verschwand kurz zum umziehen. Wenig später war ich zurück, machte mich warm und spielte direkt mit meinem neuen Team.
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)
    • Beinahe eine volle Minute starrte ich den leeren Türrahmen an, durch den Kitamura gerade verschwunden war. Wieso kannte er Nanami? Die ging doch nicht einmal hier auf die Schule geschweige denn hatte sie jemals woanders gelebt. Ich bezweifelte stark, dass unsere Mitschüler irgendetwas von ihr wussten oder es gar für nötig hielten, dem Neuen das zu erzählen. Ich runztelte die Stirn. Vielleicht war er ja doch in irgendeinerweise mit ihr verwandt oder so... Wahrscheinlich hatte ich das einfach auch nur vergessen. Hoffte ich zumindest.
      Ohne weiter nachzudenken stürzte ich halsüberkopf aus dem Klassenzimmer, meine Tasche unter meinem Arm geklemmt. Ich folgte der Richtung, in der ich ihn hatte gehen sehen. Tatsächlich erwischte ich einen kurzen Blick auf ihn, als er um eine Ecke bog. Wie ein Schatten folgte ich ihm bis zur Sporthalle, wo ich den anderen Eingang benutzte, um auf die Tribüne zu kommen. Von da aus konnte ich dann sehen, dass die Basketballspieler gerade ihr Training hatte. Unter ihnen tauchte auf einmal auch Kitamura auf und ich verstand relativ schnell, warum er sich mit Aizawa-sensei noch so lang unterhalten hatte. Ich nahm mir ein paar Minuten, um von oben allein an der Reling stehend die Jungs da unten zu beobachten bevor ich mich auf den Weg nach Hause machte. Mir gingen die Worte von Kitamura nicht aus dem Kopf. Er würde in mir nur seinen ersten Fall sehen, dem er nicht helfen können würde. Und vermutlich fügte ich ihm dabei noch mehr Schaden zu als mir selbst.

      Zuhause musste ich meinen Eltern erzählen, was heute passiert war, wie ich meine Mitschüler fand, wer mit mir sprach und wer nicht. Ich ließ beiläufig fallen, dass wir einen neuen Mitschüler bekommen hatten und er einen gar nicht so schlechten Eindruck machte. Allerdings wussten alle Anwesenden in der Küche ganz genau, dass vermutlich niemand von meinen Mitschülern jemals mich besuchen kommen würde. Allerhöchstens diese Nanami, bei der ich mal nachhorchen musste, ob sie Kitamura-kun irgendwo her kannte oder nicht.
      Schnell verkroch ich mich in meinem Zimmer und stieß auf den kleinen gelben Notizzettel, den ich an meinen Schreibtisch geklebt hatte. Darauf stand nur ein einziges Wort: Tagebuch. Daneben lag das ominöse Buch, dessen Cover so unscheinbar wie mein Leben war. Ich seufzte, als ich es nahm, mich einem Stift bewaffnete und mich auf mein Bett fallen ließ. Die nächsten dreißig Minuten verbrachte ich damit, alte EInträge zu lesen und mich nicht daran zu erinnern, welche Ereignisse mir widerfahren waren. An dem einen Tag hatten mich meine Mitschüler so auf dem Kieker, dass ich alte vertrocknete Tränenspuren auf den Seiten des Buches entdecken konnte. Der einzige gute Eintrag kam immer wieder von Nanami, auf die ich mich scheinbar wirklich verlassen konnte. Ein gutes Mädchen, wie ich mir denken konnte. Gedankenverloren wirbelte ich den Stift um meine Finger bis ich die Miene auf der nächsten leeren Seite aufsetzte und zu schreiben begann:

      Montag
      Wie erwartet kann ich keinen meiner Mitschüler erkennen. Sie alle scheinen mich zu ignorieren so gut sie können. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Offensichtlich ist noch keine Besserung meiner Krankheit in Sicht, aber wieder war es Nanami, die mich heute Morgen abgeholt hatte. Wie schon die Wochen zuvor laut dieses Buches. Seltsam.
      Es kam ein neuer Mitschüler, Kitamura, zu uns. Wir hatten Putzdienst und ich wollte ihm eigentlich direkt klarmachen, dass er um seines Willens besser nicht mit mir sprach. Stattdessen meinte er, er wäre so ein hilfsfreudiger Typ. Na ja, mal sehen, was die Zeit so bringt.
      Das war es soweit.

      Ich klappte das Buch zu und legte es zur Seite. Es war der einzige Anhaltspunkt, der mich nicht komplett durchdrehen ließ. Aber sogar ich konnte aus den Texten erkennen, dass jede Woche eine andere Person diese Einträge verfasst hatte. Als besäße ich multiple Persönlichkeiten.
      Der heutige Tag war so anstrengend gewesen, dass ich nichts großartiges mehr unternahm. Ich ging lediglich baden, aß noch eine Kleinigkeit und legte mich dann schon ins Bett. Ich würde alle Kraftreserven für den morgigen Tag sammeln müssen, die ich nur konnte.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Das Training war sehr hart, ich war zwar erschöpft, fühlte mich aber am Ende des Tages richtig gut. "Yo Ki-kun. Stark gespielt", sagte einer meiner Mitspieler und reichte mir die Hand. Ich erwiderte den Abschlag: "Danke. Du hast es aber auch gut gemacht, Ryuu-san." Mein gegenüber lächelte kurz. Alle waren platt von der Trainingseinheit. Arizawa-Sensei rief nochmal alle zusammen: "Kommt nochmal alle her. Ich habe euch was zu sagen." Wir versammelten uns um unseren Coach und hörten ihm zu: "Ihr wisst ja das bald das große nationale Schulturnier beginnt. Deshalb habe ich Testspiele für uns organisiert, 3 an der Zahl. Das erste Testspiel wird direkt Freitag nach dem Unterricht hier bei uns sein gegen unsere Nachbarschule Teiko. Und nu' zieht euch um und ruht euch aus." Ich freute mich auf das erste Testspiel mit dem neuen Team, konnte es kaum erwarten.

      Ich ging mit ein paar Mitgliedern aus dem Team noch zu einem kleinen Imbiss. Dort aßen wir noch eine Kleinigkeit, auch meine neues Team hatte einige Fragen an mich: "Wo hast du denn vorher gespielt?" "Ogakikogyo Hochschule. Wir waren sehr erfolgreich in den letzten Jahren und konnten uns regelmäßig zu den großen Turnieren qualifizieren", antwortete ich. Bei einigen fiel die Kinnlade hinunter: "WAS?! Da hast du gespielt?!" Es gab noch weitere Fragen, die nun unbedingt beantwortet werden mussten. Nach einige Zeit waren denn dann auch die neugierigen Fragen gestellt und ich verabschiedete mich: "Bis morgen."

      Auf dem Weg nach Hause lief ich meiner Cousine über dem Weg. Die schien gerade von ihrer Schulaktivität nach Hause zu gehen: "Hey Nanami. Rate mal in welche Klasse ich gekommen bin." "Hey Tora. Auf der neuen Schule? Hmmm... In die Klasse von Ebato-chan?" "Bingo", antwortete ich ihr, "und deine Geschichte scheint wahr zu sein." Sie schaute mich mit großen Augen an: "Meinst du ich saug' mir das aus den Fingern?!" Sie schaute mich skeptisch an, ich lachte kurz, beruhigte sie aber mit einer kleinen Handbewegung. Ich begleitete sie noch bis zu ihrem Haus und unterhielten uns. Nachdem ich sie bei ihrem Haus abgesetzt hatte, machte mich auf meinen Heimweg.

      Wenig später erreichte ich meine neue Heimat in einer neuen Stadt. Ich betrat das Haus und sah meine Eltern auf der Couch entspannen. "Bin wieder da!", sagte ich. "Willkommen zuhause", kam es wie aus einem Munde von meinen Eltern. Meine Mutter ergriff das Wort und fragte nach wie mein Tag so war. Während ihrer Frage gesellte ich mich zu meinen Eltern und beschrieb meinen ersten Tag in der neuen Schule. Ich erzählte ebenfalls von dem Mädchen, dass Nanami immer wieder erwähnte: "Da ist auch das Mädchen, dass nach 7 Tagen alle Gesichter in ihrer Umgebung vergisst. Sie geht sogar in meine Klasse und wir hatten direkt Klassendienst gehabt. Ich werde mich aber vorerst in der Beobachterrolle sehen, um mir ein Bild von dem Ganzen zu machen. Ich kann es nicht ganz glauben, dass sie wirklich jeden vergisst." Meine Eltern nickten mir zu und wollten von mir nun angenehmere Themen wissen: "Und wie ist die neue Basketballmannschaft so?" Ich blickte zu den beiden auf: "Es war jedenfalls kein Fehler meine Trainingsklamotten mit zu nehmen. Ich konnte direkt mittrainieren. Und es hat verdammt viel Spaß gemacht. Es fehlt zwar noch ein wenig an der Chemie, aber da komm ich schnell hin." Meine Eltern freuten sich für mich, ließen mich aber dann wissen, dass ich wohl nicht sehr angenehm roch: "Gut, dann kannst du dich ja nun frisch machen." Ich nickte ihnen zu und verschwand unter der Dusche. Aus der Dusche raus erledigte ich die wenigen Schulaufgaben und legte mich aufs Bett und ließ den Tag nochmal revue passieren.
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Mysto ()

    • Dienstag

      Am nächsten Morgen verließ ich zur üblichen Zeit das Haus. Meine Eltern waren meistens schon früher aus dem Haus, da sie beide voll berufstätig waren. Es störte mich nicht, da wir zumindest abends immer zusammen waren und von unserem Tag erzählen konnten. Obwohl ich vermutete, dass sie das nur machten um zu überprüfen, wie es mit meinem mentalen Zustand bestellt war.
      Draußen um's Eck entdeckte ich einen Zipfel einer Tasche, der sich als Nanamis Tasche entpuppte. Sie lächelte mich breit an und ich winkte ihr nur etwas beklommen. "Morgen. Sag mal, kennst du einen Kitamura Tora? Der ist neu in meiner Klasse und scheint dich irgendwie zu kennen."
      Nanamis Lächeln wurde noch breiter als wir zusammen losgingen. "Mhm. Er ist mein Cousin und ich hab ihm ein bisschen von dir erzählt. War ja lange geplant, dass er hierher kommt."
      "Ach was. Und das -", ich brach meinen eigenen Satz ab. Und das erzählst du mir nicht? Ich hätte er vermutlich eh vergessen oder hätte es nicht zuordnen können, selbst wenn sie es mir gesagt hätte. Unterbewusst verdunkelte sich meine Miene.
      "Ich hab ihn darum gebeten, ein Auge auf dich zu werfen wo ich es nicht kann. Also tu nicht so griesgrämig und versuch wenigstens, ihn nicht direkt zu vergraulen."
      Ich warf ihr einen Blick aus dem Augenwinkel zu. Sie war so ziemlich das liebste Mädchen, das ich kannte. Ich seufzte schwer und nickte ein paar Mal, um ihr zu zeigen, dass ich mich geschlagen gab. Es war nicht fair ihr gegenüber, ihr diesen einfach Wunsch abzuschlagen. Denn sie war die Einzige, die jede Woche an meiner Seite stand. Aber ein Junge an ihrer Stelle? ....

      Im Klassenraum war ich wie jeden Morgen eine der Ersten und wartete darauf, wie sich der Klassenraum zu füllen begann. Wie immer ignorierten mich alle, aber als Kitamura hereinkam, winkte ich ihm etwas peinlich berührt zu. Ich wollte ihm damit zeigen, dass ich die kalte Schulter auch verstecken konnte. Außerdem war ich mir sicher, dass er gestern noch mit Nanami gesprochen haben konnte und ich mich ihrem Wunsch beugte. Als der Unterricht begann schrieb ich einen kleinen Zettel, den ich anschließend knüllte, mich umdrehte und zu Kitamuras Platz schräg hinter mir warf.


      "Ich habe heute Morgen mit Nanami gesprochen und sie hat mich darum gebeten, dich nicht so abzuschmettern. Ich kann ihren Wunsch nicht abschlagen, dafür ist sie viel zu gut für diese Welt. Meinetwegen kannst du dich mit mir bis Freitag anfreunden. Danach wirst du sehen, wie es weiter geht und wie du damit umgehen wirst."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Mein Wecker klingelte mich vergebens aus dem Bett. Das gestrige Training zehrte doch etwas an einem Körper und ich stand nicht sofort auf. Viel mehr kam ein Grummeln aus mir heraus: "mrmrmr..." Ich machte den Wecker nur aus, bzw. stellte ihn auf Schlummern. Fünf Minuten später klingelte er wieder. Diesmal hatte er es geschafft, ich war wach und stellte den Wecker aus. Ich gähnte einmal kräftig und streckte mich in alle Himmelsrichtungen. Ich verschwand im Bad und darauffolgend unter der Dusche um ganz wach zu werden. Ein paar Minuten später ging ich angezogen in die Küche, wo auch schon meine Eltern waren und frühstückten. "Guten Morgen Mama und Papa", begrüßte ich sie und setzte mich an den Tisch. Sie grüßten mir zurück. "Guten morgen, hier ist dein Frühstück, Tora", meine Mutter stellte mir eine kleine Schüssel Reis mit einem Spiegelei vor die Nase. "Danke", kam es kurz aus mir und ich fing an zu essen.

      Auf dem Weg zur Schule sah ich wieder die Gesichter meiner Mitschüler. Sie scharten sich wieder um mich und fragten mich wieder wilde Dinge. "Immer mit der Ruhe", entgegnete ich ihnen, "der Klassendienst mit Ebato-san war in Ordnung. Meine Cousine Nanami erzählte mir schon einige Geschichten über sie. Das es wirklich so ist hätte ich nicht gedacht. Ich werde trotzdem versuchen mich mit ihr anzufreunden." Alle seine Mitschüler wurden ruhig bis schließlich eine Mitschülerin etwas sagte: "Bist du dir da wirklich sicher, Ki-kun. Sie wird dich ebenfalls vergessen." Ich überlegte kurz: "Vielleicht ja auch nicht. Wir werden sehen. Aber nun lasst uns in die Klasse gehen."

      In der Klasse angekommen, war Ebato-san schon da. Sie winkte mir sogar zu. Ich hob kurz die Hand zur Begrüßung und setzte mich an meinen Platz. Im Verlauf des Unterrichts landete ein Papierkügelchen auf meinem Tisch. Ich öffnete ihn und las die Nachricht, die darin stand. Die Nachricht kam unmissverständlich von Ebato-san. Ich schrieb einen kleinen Antwortzettel, knüllte ihn und warf ihn auf Ebato-sans Platz.

      "Das hört sich gut an. Hättest du heute nach der Schule Zeit? Heute ist vom Basketball Club Trainingsfrei. Ich habe also direkt nach dem Unterricht frei. Ich könnte dich nach Hause bringen und wir versuchen uns kennen zulernen."
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)
    • Meine Lippen zuckten unmerklich, als ich das Antwortknüllchen auf meinem Tisch aufhüpfen sah. Meine Augen flogen in windeseile über die erstaunlich saubere Handschrift und ich spürte, wie sich Unbehagen in mir breit machte. Ich war so lange auf dem Trip gewesen, alle um mich abwehren zu müssen, dass dieser kleine Schritt in Richtung Offenheit mir sogar physisches Unwohlsein bescherte. Über mich selbst erschrocken knüllte ich den Fetzen Papier und ließ ihn die restlichen Schulstunden zwischen meinen Fingern hin und her wandern.

      Vermutlich konnte man mir mein Unbehagen auch so ansehen, als ich vor der Tür des Klassenzimmers wartete. Es hatte kaum zum Schulschluss geschellt, da hatte ich schon alle Sachen in meine Tasche gestopft und mich im letzten Moment davon abgehalten, einfach allein nach Hause zu gehen. Stattdessen stand ich nun da, hielt meine Tasche mit beiden Händen fest und hatte den Blick gesenkt.
      Bis ich Kitamura aus dem Zimmer und auf mich zugehen sah. Etwas unbeholfen winkte ich ihm, wobei mir auffiel, wie unnütz das eigentlich war. Peinlich berührt kehrte meine Hand wieder an den Griff meiner Tasche zurück. "Wollen wir?", fragte ich und ging an der Seite meines Mitschülers los.
      "Die anderen Mitschüler scheinen ziemlich scharf auf deine Bekanntschaft zu sein", bemerkte ich während wir in trauter Zweisamkeit den Bürgersteig folgten, der links von halbhohen Grundstücksmauern und rechts von der Straße gesäumt war.
      Immer wieder kam es zu Schweigeminuten, in denen ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Langsam wurde mir bewusst, wie sehr sich meine sozialen Kompetenzen zurückentwickelt hatten und dass es höchste Eisenbahn wurde, dies zu ändern.
      "Nanaim ist die Einzige, die mich jede Woche vom Stand Null wieder abholt. Es kann sein, dass sie dich mal erwähnt hat, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich es schlichtweg vergessen habe... Und frag mich bitte nicht, ob ich vermute, worin die Ursache dieser Krankheit liegt. Ich weiß es nicht."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ich beobachtete Ebato-san wie sie das Zettelchen las und dann wieder zusammen knüllte. Ich war etwas verwirrt, dass sie jetzt nicht nochmal geantwortet hatte. Ihre Mimik verriet aber, dass sie sich nicht ganz wohl mit meiner Antwort fühlte. ‚Dann versuche ich sie nach dem Unterricht anzusprechen‘, dachte ich mir.


      Ehe ich Ebato-san ansprechen konnte, war sie schon von ihrem Platz weg gegangen. Ich fand sie allerdings wenige Meter weiter an der Klassenzimmertür wartend. Ich sah sie, dass sie mich zu sich heranwinkte. Ich ging zu ihr und ich hörte ein leises ‚Wollen wir‘. „Klar, lass uns los“, antwortete ich ihr. Seite an Seite gingen wir die Straßen entlang und unterhielten uns. „Naja“, antwortete ich ihr, „einem neuen Schüler in einer Klasse wird immer mit viel Neugier entgegen gebracht. In meiner alten Klasse war es ganz ähnlich. Wir kriegten damals eine neue Klassenkameradin und all Mitschüler, vor allem die männlichen schwärmten um sie herum. Ja, sie sah gut aus, aber vom Charakter her war sie nicht mein Fall.“ Einige Augenblicke vergingen bis sie dann noch mehr von ihr erzählte. Mein Cousinchen scheint sie gut um Ebato-san zu kümmern. Dass ihre Krankheit allerdings so extrem zu sein scheint, hätte ich nicht vermutet. Ich antwortete ihr: „Vielleicht sollten wir klein anfangen. Wie wäre es wenn wir uns über belanglosere Sachen unterhalten? Was hörst du so an Musik?“ Die Frage hörte sich etwas kitschig an, aber ich hatte das Gefühl, dass man so eventuell das Eis brechen könnte.
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)
    • Kaum hatte Kitamura die Frage gestellt, blieb ich wie angewurzelt stehen. Etwas perplex starrte ich ihn an, bevor ich ganz kurz und ganz leise lachte. Das war sowas von klischeebehaftet... Aber er gab sich scheinbar wirklich Mühe. Meine unbehagliche Miene wurde weicher, nachdem ich wieder Tempo aufgenommen hatte und an seiner Seite in merklich kürzeren Schritten ging. "Tatsächlich relativ viel Klassik. Mir wurde angeraten, gerade am ersten Tag es ruhig angehen zu lassen und da klassische Musik entspannen soll.... Aber das heißt nicht, dass ich nicht auch anderes höre!", bewerkstelligte ich irgendwie und wedelte sogar etwas mit meinen Händen, die ich peinlich berührt wieder sinken ließ.
      "Gott, ich wirke sicherlich gekünstelt", merkte ich leise an und wandte den Blick auf den Boden etwa einen Meter vor uns, "das Ganze geht schon so lange, dass ich gar nicht mehr mit Gleichaltrigen richtig reden kann. Ich glaube, in dem Sinne tust du mir doch ganz gut."
      Ich schmunzelte, wobei meine roten Haarsträhnen immer wieder vor meinem Gesicht tanzten und zwischendurch mein Gesicht verdeckten.
      "Wieso genau bist du nun eigentlich hierher gekommen? Das hatte ich noch gar nicht mitbekommen. Eltern wegen der Arbeit umgezogen? Ich kann mir vorstellen, dass deine Freundin echt traurig sein muss..." Ich schnitt mir selbst das Wort ab als ich merkte, dass ich in abwägigen Vorstellungen abdriftete. "Ähm, sofern du eine hast. Oder hattest. Oder hier schon hast... Eh... vergiss das letzte einfach..."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Nach meiner Frage bemerkte ich wie sie kurz stehen blieb und drehte mich um. Ich bemerkte ebenfalls ihr kleines Lächeln, als sie dann wieder an meiner Seite war, beantwortete sie mir meine Frage. Doch bevor ich weiter in das Thema der Musik eintauchen konnte, musste ich etwas von meiner Seite preisgeben musste: "Um auf deine letzte Aussage zurückzukommen: Nein, ich war in meiner alten Heimat nicht vergeben." Ich konnte mir ein Augenzwinkern dabei nicht verrkneifen. "Ich musste herziehen, weil mein Vater hier in diese Stadt versetzt wurde, bzw. wollte mein Vater unbedingt hierher. Seine Schwester, Nanamis Mutter wohnt nämlich hier. Sein Chef gewährte ihm den Wunsch und die Firma brauchte gute Leute hier in der Umgebung. Wie wir aber nun wissen ist diese Welt recht klein und so kam es, dass wir uns nun kennenlernen wollen", sagte ich zu ihr mit einem kleine aufrichtigen Lächeln, "so, nun aber zurück zu den Musikpräferenzen. Klassik hör ich tatsächlich gerne, so blöd es sich auch anhört, wenn ich Hausaufgaben mache oder lese. Danach bin ich eher der Mensch der gerne Rock hört. Zum Beispiel die Band One Ok Rock, Linkin Park oder Rise Against." Plötzlich ging mir eine Lampe auf und ich fragte Ebato direkter: "Ich hätte eventuell eine Idee, Ebato-san: Welches der klassischen Lieder hörst du gerne? Bzw. welches Lied würdest du mir auf die Stirn "kleben"? Vielleicht helfen wir deinem Gedächtnis so auf die Sprünge." Ich schaute ihr in die Augen und legte meine Hände auf ihre Schultern. Nur wenige Augenblicke später bemerkte ich selbst, dass ich vermutlich etwas zu aufdringlich war. "Entschuldige bitte, ich überstürze mich wenn ich versuche jemanden zu helfen. Ein kleinere Manko meinerseits", ich nahm meine Hände von ihren Schultern und wurde leicht rot im Gesicht. Ich wandte mich beschämt ab, um weiter zu gehen. 'Jetzt bist du schon wieder mit der Tür ins Haus gefallen', ging es mir durch meine Gedanken.
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)
    • Wie ich vermutet hatte lag es an dem Beruf seiner Eltern, weshalb es Kitamura hierher verschlagen hatte. ZWar verlor er kein Wort über seine Mutter aber ich ging nicht davon aus, dass sie ein schlechtes Verhältnis pflegten. Vielmehr schien seine Familie seine Mitglieder sehr zu schätzen und deren Nähe zu suchen.
      Ich wurde jäh aus meinen Gedanken gerissen, als ich plötzlich seine Hände auf meinen Schultern spürte und er mir klar in die Augen blickte. Mein Ausdruck war aufrichtig überrascht anstatt überrumpelt oder argwöhnisch. Die Idee, Personen mit Liedern oder dergleichen in Verbindung zu bringen war mir ehrlich gesagt noch gar nicht in den Sinn gekommen. Die Idee hörte sich so gut an, dass ich sofort daran glaubte, dass es funktionieren konnte.
      "Rachmaninoff. Sein zweites Piano Konzert, 18. Operette", sagte ich bestimmt, als sich Kitamura bereits abgewendet hatte.
      Ohne Anstalten weiterzugehen kramte ich mein Handy aus der Tasche und suchte in der Musikbibliothek den Eintrag. Ich drehte die Lautstärke etwas auf und spielte ihm ein Teilstück dessen, was ich mit ihm in Verbindung bringen würde.
      "Es wirkt nicht so pompös wie die meisten Stücke von Vivaldi oder Haydn. Zwischenelemente wirken jung und sprunghaft, obwohl immer wieder diese dunklere, nachdenkliche Stimmung mitschwingt. Sicher, alle Stücke sind wandelbar, aber ich finde hier sind besonders viele verschiedene Akzente zu hören."
      Natürlich sagten mir seine Lieblingsbands auch eine Menge. Gerade nachdem Chester Bennington verstorben war, ging es auch hier unter den Jugendlichen direkt bis unter die Decke. Eine Gruppe, die viele Generationen geprägt und eine wahnsinnige Tragweite besessen hatte. Ich nahm wieder Tempo auf und zog Kitamura regelrecht mit mir. Bis zu meinem Haus war es nicht mehr sonderlich weit, wobei mir auffiel, dass ich gar nicht wusste, wo mein Kamerad neben mir hin musste.
      "Wo wohnst du eigentlich? Wir sind schnurrstracks in meine Richtung gegangen ohne dass ich wusste, wohin du eigentlich musst."



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Als ich ihr Handy vor meiner Nase sah und die Musik in meinen Ohren hörte, wusste ich, dass sie es nicht falsch verstanden hatte. Ich war für den kurzen Moment in meinem Hilfe-Modus, der zu Übertreibungen neigte. Ich hörte mir die Passage an und wiegte ein bisschen zu der Melodie mit, eines der bekanntestens Stücke überhaupt. "Gefällt mir", sagte ich und wollte mich gerade wieder zu ihr wenden, als dann meine Hand von ihrer ergriffen wurde. Hier wurde mehr gezogen als das ich selber laufen konnte. 'Scheinbar findet sie die Idee wirklich gut', ging es mir durch den Kopf. In dem ganzen Gespräch ist mir nicht mal selber aufgefallen wohin wir eigentlich gelaufen sind. Nach ihrer Frage zu meinem Heimweg schaute ich mich kurz um. Ich war noch nicht ganz firm in der Umgebung und suchte mein Handy raus und öffnete die Navigations-App. Mein Haus war nur ein Katzensprung entfernt: "Es ist nicht weit. Bloß zwei Straßen weiter. Ich kann dich also bis zu deiner Haustür begleiten." Ich lächelte sie kurz an, um ihr zu vermitteln, dass alles gut sei. Dann fiel mir ein Lied ein, dass momentan zu ihrer Situation passt. Ich versuchte die Melodie ein wenig zu summen, machte meine Musikbibliothek auf dem Handy und spielte das Lied einmal vor. "Es ist von One Ok Rock und heißt 'Change'. Ich finde es passt gerade in die Situation. Du möchtest deine Lage verändern, ich versuch dir dabei zu helfen und das Lied soll auch ein bisschen zur Motivation dienen. Wie findest du es?", fragte ich sie ein bisschen neugierig.
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)
    • Ich erinnerte mich ziemlich genau daran, dass ich Schnulzen und überstrapazierte Dramen einfach nur schlecht fand. Vielleicht mochte es mir einfach an Empathie fehlen wenn mich Szenen kalt ließen, die andere zu Tränen rührten. Aber es war dieser winzige Moment, der mich eines Besseren belehrte.
      Schon immer war ich davon ausgegangen, dass Musik Bereiche der menschlichen Psyche berühren konnte, die das Unterbewusstsein fest verschlossen hielt. In dem Moment, als ich dem Text des Liedes genauere Aufmerksamkeit schenkte, begann meine Sicht urplötzlich zu verschwimmen. Es brauchte einen Augenblick ehe ich realisierte, dass mir warme Tränen über die Wangen liefen. Aufrichtig überrascht wischte ich sie mir meinem Handrücken weg, nickte stattdessen als stumme Antwort.

      Kitamura hatte mich wirklich bis zu meiner Haustür begleitet und war erst gegangen, als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte. Ich brauchte ein paar Momente, in denen ich den kurzen Weg von der Schule nach Hause Revue passieren lassen konnte. Gut, dass meine Eltern wenigestens nicht mitbekommen hatten, dass mich da jemand nach Hause gebracht hatte. Obwohl ich aufrichtig bezweifelte, sie würden direkt glauben, ich wäre auf dem Weg der Besserung. Ich wusste ja nicht einmal, was des Übels Wurzel war.
      Folglich hielt ich dicht, als ich mit meinen Eltern zusammen am Tisch saß und zu Abend aß. Ich wollte nichts an die große Glocke hängen, zumal ich sowieso davon ausging, dass sich nächste Woche das Wunder erledigt hatte. Stattdessen zog ich mich in mein Zimmer zurück, schrieb etwas in mein Tagebuch und lauschte via Kopfhörern dem Lied, das mir Kitamura heute Nachmittag angespielt hatte. Es traf wirklich den Nagel auf den Kopf...

      Am nächsten Morgen stand wie erwartet Nanami vor der Haustür und lächelte mich breit an. Sofort beschlich mich ein böses Gefühl... Warum wunderte es mich eigentlich, dass die Beiden miteinander gesprochen hatten?
      "Hätte nicht gedacht, dass mein Cousin so schnell durch die Eismauer kommt", grinste sie noch breiter, doch ich ging einfach an ihr vorbei.
      "Der ist ganz schon penetrant, wusstest du das? Der hat mich bis zur Tür gebracht. Jeden. Einzelnen. Meter."
      Als Antwort summte Nanami nur und wir piesackten uns fast den gesamten Weg bis zur Kreuzung, an der wir uns für gewöhnlichen trennten und zu unseren Schulen gingen.
      Im Klassenzimmer verlief alles wie üblich. Keine ungewöhnlichen Blicke, keine Gerüchte die die Runde machten. Scheinbar hatte uns keiner gesehen, denn Kitamura war wie gestern auch von Scharen von Schülern umringt. Ich lächelte dezent in dem Gedanken, dass ich sogar Zeit allein mit ihm gehabt hatte...



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Als ich ihr das Lied von meiner Lieblingsband vorspielte, schien es als sei sie gerade komplett in Gedanken versunken gewesen. Ich bemerkte wie sich eine Träne im Auge bildete und herunter kullerte. Ich wollte sie ihr wegwischen, doch sie kam aus ihrem Gedanken wieder hinaus und sie wischte die Träne dann selber weg. Vermutlich hatte ich mit dem Lied entweder die Weiche für den richtigen Weg gestellt oder habe ich sogar Erinnerungen geweckt? Ich wusste es nicht.

      Weit war es nicht mehr bis zu ihrem Haus. Wir verabschiedeten uns und sie ging durch ihre Haustür hinein. Ich wartete bis die Tür verschlossen war. Ein Lächeln zog sich über meine Lippen. "Rachmaninoff, ja...", murmelte ich mir zu, ich drehte mich um zum gehen. Es war wirklich nicht mehr weit zu mir. Ich hätte nicht gedacht, dass wir doch so nah beieinander wohnen. Ich ging noch etwa 15 Minuten bis ich dann vor meiner Haustür stand, diese aufschloss und hindurchging. "Ich bin wieder daheim!", sagte ich mit etwas lauterer Stimme. Ich zog mir meine Pantoffeln an und betrat die Küche in der schon meine Eltern auf mich warteten. "Da bist du ja. Heute war doch kein Basketballtraining, oder?", fragte mich Mama. Ich zuckte ein klein wenig zusammen und antwortete: "Ich erzählte euch gestern doch von diesem Mädchen, dass jeden nach 7 Tagen wieder vergisst. Ihr kennt mich ja... Ich hatte sie gefragt, ob sie nach dem unterricht noch etwas Zeit hätte und ich hatte sie dann nach Hause gebracht." Mein Vater zog eine Augenbraue hoch: "Kaum bis du auf einer neuen Schule schon versuchst du die jungen Damen um den Finger zu wickeln?" "Papa, du weißt ganz genau, dass das nicht mein Ziel ist. Selbst auf der alten Schule hatte ich keine feste Freundin, weil ich mich auf den Sport konzentriert hatte. Ja, einige Mädels schwärmten, aber aktiv habe ich dazu nicht beigetragen", erklärte ich ihm und ergänzte, "ich geh nach oben und mache die Hausaufgaben. Bis nachher zum Essen." Er lachte nur und las dann weiter in seiner Zeitung, ich ging nach oben.

      Für die Hausaufgaben machte ich mir Musik an. Ich hörte mir Ebato-sans ausgewählte Lied für mich währenddessen an. Es war wie sie beschrieben hatte. Die Hausaufgaben waren im Nu erledigt. Ich hörte mir noch den Rest des Konzertes an. Ich war tief in Gedanken während ich den Melodien lauschte. Vielleicht kam es mir so vor, aber die Melodien sprachen mir direkt zu. Ehe ich noch weiter den Melodien lauschen konnte, wurde ich abrupt aus den Gedanken geholt. "Tora! Komm runter zum Essen!", rief Mama herauf. Ich legte die Kopfhörer ab und ging hinunter. Während des Essens hatte dann erst Papa über seinen Tag gesprochen. Er schien sich langsam an den neuen Arbeitsplatz zu gewöhnen. Meine Eltern versuchten nochmal wegen Ebato-san bei mir nachzubohren. Ich winkte aber ab: "Ich möchte nicht zu viel erzählen." Meine Eltern nickten und verstanden. Ich half meiner Mutter noch beim Abräumen des Geschirrs und verließ dann die Küche mit einem "Gute Nacht".

      Am nächsten Morgen ging ich direkt zur Schule. Ich machte nicht den kleinen Umweg zu Ebato-sans Zuhause um sie gegebenenfalls abzuholen. Ich wollte ihr nicht zu sehr auf die Pelle rücken. Das Gespräch gestern schien für sie ja doch recht anstrengend gewesen zu sein. Die Träne nachdem ich ihr das Lied vorgespielt hatte. Vielleicht war ich ja doch einen Schritt zu weit gegangen. Den Weg zur Schule verbrachte ich genau mit diesen Gedanken. Dort angekommen hatte ich schon wieder eine Menschentraube um mich herum. Um den anderen nichts anmerken zu lassen, versuchte ich wieder eine etwas angenehmere Mimik auf mein Gesicht zu zaubern. Den gemeinsamen Weg von Ebato-san und mir behielt ich lieber für mich und es schien, dass auch niemand danach fragte.

      Während der Unterrichtsstunden schrieb ich erneut einen kleinen Brief und warf ihn unbemerkt auf den Platz von Ebato-san. Ich wollte wissen, ob ich gestern zu sehr in ihre persönliche Blase getreten war.

      "Hey. Ich hoffe ich habe dich gestern Abend nicht mit irgendetwas verletzt. Denn ich hatte die Träne bemerkt nachdem ich dir das Lied vorgespielt hatte. Ich hoffe es ist alles gut."
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)
    • Gerade war ich dabei, den vom Sensei vorgegebenen Text auf englisch zu übersetzen, als ein kleiner gefalteter Zettel mit zwei Sätzen auf meinem Tisch landete. Ich runzelte die Stirn während ich ihn entfaltete und erkannte sofort Kitamuras Handschrift. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich mir schon, er würde schreiben, dass er es sich doch anders überlegt hatte und lieber Abstand gewinnen wollte. Stattdessen erkundigte er sich, warum ich gestern geweint hatte. Sprachlos starrte ich die Worte vor mir an. Er hatte sich wegen dieser Kleinigkeit die ganze Zeit über Gedanken gemacht? Und es als so einschneidend erachtet, dass er sich bei mir vielleicht sogar für Nichts entschuldigen wollte? Langsam faltete ich das Stück Papier wieder zusammen und steckte es in meine Federmappe. Ich hatte ganz vergessen, dass andere Menschen auch dazu in der Lage waren, ein wohlig warmes Gefühl zu vermitteln. Kitamura musste nicht lange auf eine Antwort warten.

      "Alles in Ordnung. Ich hatte nur das Gefühl, der Text träfe den Nagel auf den Kopf. Das ist alles. Manchmal reagiere ich ein bisschen zu stark auf Musik. Danke, dass du dir Gedanken gemacht hast."

      Ein kaum merkliches Lächeln lag auf meinen Lippen, während ich weiter an meiner Übersetzung arbeitete. Ich hatte immer gedacht, dass ich wirklich dicht gemacht hatte um niemanden an mich heran zu lassen. Doch scheinbar war diese Mauer nicht so dick wie ursprünglich erwartet. Vielleicht war ich es auch tatsächlich einfach leid, immer jeden direkt abzuweisen, was durchaus verständlich war. Vielleicht sollte ich diese Woche einfach als eine Art Urlaub betrachten und sie so gut ausnutzen, wie ich konnte.
      Zumindest dachte ich das, bis mir von der Seite ein weiterer Zettel gereicht wurde. Irgendwie ging ich davon aus, dass auch der von Kitamura kam und war noch frohen Mutes, als ich ihn entfaltete. Aber die verschnörkelte zarte Schreibschrift war definitiv nicht seine. Mein Lächeln gefror als ich den Inhalt las:

      "Wir haben dich gestern mit Kitamura-kun alleine nach Hause gehen sehen. Komm' bloß nicht auf den Gedanken, dich an ihn ranzumachen. Für Pflegefälle wie dich wird er keine Zeit haben, also halt dich fern von ihm. Er interessiert sich sowieso nicht für dich. Sehen wir dich noch mal alleine mit ihm wird das Konsequenzen haben."

      Verstohlen sah ich zu meinem Sitznachbar, der mir mit einem Nicken bedeutete, von wo der Zettel gekommen war. Ganz auf der anderen Seite des Klassenzimmers saß eine Gruppe von Mädchen, die so ziemlich jeden Stereotypen erfüllten. Pink, modisch gekleidet und die hinterlistigsten Ziegen, die ich kannte. Die Anführerin dieser Gruppe, ich glaube Ashino hieß sie, warf mir einen höhnischen Blick zu. Ich wandte den Blick sofort ab, zerknüllte den Drohbrief und fühlte, wie mein kleiner Hoffnugsschimmer in mir erstickte.
      Als der Unterricht vorrüber war, floh ich regelrecht unter den Blicken der Girlytruppe aus dem Klassenzimmer. Meine Woche Urlaub konnte ich mir abschminken, wenn diese Zicken mir die Hölle heiß machten, nur weil ich mit dem Neuen nach Hause gegangen war. Ich würde das meiste sowieso wieder vergessen haben, da war es also nicht so schlimm, wenn ich einfach kleinbei gab. Das redete ich mir zumindest ein, auch wenn Wut tief in mir brannte. Mit diesem Gemisch aus Resignation und Wut maschierte ich durch die Gänge und machte mich allein auf den Weg nach Hause. So, wie es schon immer gewesen war.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es dauerte nicht lange bis eine Antwort von Ebato-san kam. Ich hatte mich gerade erst wieder an das Übersetzen gemacht als ein kleines Knölchen auf dieser landete. Ihre Worte beruhigten mich und mit einem kleineren Lächeln beendete ich die Aufgabe. 'Ich habe mir unnötig Sorgen gemacht', ging es mir durch den Kopf. Der Unterricht war heute ziemliche einöde und war froh, dass dieser dann endlich vorbei war.

      Da heute wieder Basketball Training war konnte ich nicht Ebato-san nach Hause gehen. Es sei denn sie würde auf mich nach dem Training warten. 'Ich frag sie gleich ma-...', je her wurde mein Gedanke Ebato-san zu fragen, gestoppt, da sie gerade aus dem Klassenzimmer herausgestürmt war. Ich wollte ihr nach, doch eine Mitschülerin in einem relativ stark verschminken Gesicht: "Lass die Ebato mal nach Hause gehen. Die hat es schließlich hart genug, dass sie alles um sich herum nach 7 Tagen vergisst. Deswegen lassen wir uns auch nicht mit ihr ein und versuchen erst gar nicht mit ihr in Kontakt zu treten. Und du solltest es auch gleich lassen." Ein hinterhältiges Lächeln stand diesem Mädchen auf den Lippen. Auch diese gab es in meiner alten Heimat, in einer noch viel hässlicheren Art und Weise. "Ist sie wegen dir so raus gestürmt?", fragte ich sie und schob sie zur Seite und schaute Ebato-san nach, die ohne Halt nach Hause ging. Ich drehte mich wieder um: "Sollte dies der Fall sein, solltest du mich nicht mehr ansprechen." Sie starrte mich mit aufgerissenen Augen an ohne ein Wort zu sagen. Einige andere Mitschüler hatten entweder den gleichen Ausdruck auf ihren Gesichtern, andere konnten sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Scheinbar war diese Mitschülerin die "Größte" unter der Girlytruppe. Ich drehte mich ohne ein weiteres Wort wieder um und ging zur Turnhalle der Schule. Das Basketballtraining sollte mich wieder auf andere Gedanken bringen.

      Während des Trainings war ich nicht richtig konzentriert. Viele einfache Würfe oder Pässe verfielen ihr Ziel, das merkte auch der Coach: "Kitamura-kun! Konzentrier dich!" "Jawohl, Coach!", antwortete ich kurz. Es wurde von da an ein wenig besser. Wie immer war ich nach dem Training absolut platt, doch ich wollte noch einmal bei Ebato-san vorbei. Geduscht und umgezogen machte ich mich auf den Weg.

      Ich ging den gleichen Weg wie gestern und kam dann schließlich bei Ebato-san am Haus an. Einige minuten überlegte ich ob ich klingeln sollte. Es war schon recht spät und ein junge, der zu so später Stunde bei der Haustür eines Mädchen klingelte, war nicht die feine Art. Vorallem nicht gegenüber der Eltern. Ich hatte auch keine Telefonnummer von ihr um eine Nachricht an sie schreiben zu können. Mir fiel dann aber ein, dass meine Cousine Nanami eine Nummer haben könnte und rief sie an. Es klinegelte eine kurze Weile und die Stimme von Nanami-chan war zu hören: "Hey Ki-chan, was gibts?" "Hey Nanami. Ich stehe gerade vor dem Haus von Ebato-san. Es gab vermutlich einen kleineren Vorfall mit ihr und einer recht eingebildeten Mitschülerin. Leider sind mir die Details nicht bekannt. Könntest du sonst mit Ebato-san morgen früh reden? Ich habe keine Rufnummer von ihr um Nachrichten zu schreiben und an der Haustür klingeln wollte ich jetzt um diese Uhrzeit auch nicht mehr", antwortete ich ihr. "WAAAS?! Nicht dieses Miststück wieder. Halte dich von ihr fern Ki-chan, die ist eine verdammte Narzisstin, hat nur sich in Kopf und will alles für sich haben", antwortete sie prompt und machte eine kurze Pause, "ich werde ihr gleich noch schreiben." "Danke Nanami. Das hilft. Bis bald", antwortete ich ihr etwas beruhigt. Sie sagte mir auch noch: "Bis dann." Und wir legten beide auf. Ich machte mich dann doch auf den Weg nach Hause und überließ das Reden Nanami.

      -----

      Nanami sendete noch eine Nachricht an Ebato-san:

      "Hey E-chan. Kitamura rief mich eben an und sagte mir, dass es dir vermutlich nicht gut geht. Willst du noch telefonieren oder morgen früh darüber reden? Er macht sich sorgen, er stand sogar vor deiner Haustür, wollte aber zu der späten Stunde nicht mehr klingeln."
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)
    • Ich merkte erst, dass ich regelrecht nach Hause gerannt war, als ich keuchend vor meiner Haustür stand. Ich stützte die Hände auf meiner Oberflächen und atmete mehrmals tief durch. Siedend heiß wurde mir wieder bewusst, warum ich den Kontakt mit anderen so sehr mied. Dieses stechende, bitter schmeckende Gefühl, das einem auf der Zunge lag, wenn Hoffnung und Freude zunichte gemacht wurden. Wie einfältig war ich eigentlich gewesen zu denken, ich könnte mich ausgerechnet mit dem Kerl anfreunden, der die Augen aller Zicken auf sich zog. Sie würden ihm alle einen Floh ins Ohr setzen und spätestens morgen früh würde er mich keines Blickes mehr würdigen.
      Meine Eltern hinterfragten glücklicherweise nur noch selten, wenn ich seltsame Andeutungen machte. Folglich machte ich ihnen klar, dass ich bis zum Essen in Ruhe oben in meinem Zimmer zeichnen wollte, was so ziemlich die Allzwecklösung war. Ich konnte ihre Blicke jetzt nicht ertragen, neugierig, teilweise mitfühlend und gleichgültig zu gleich. Auch ohne ihre Bestätigung war mir klar, dass sie keine Besserung in Sicht sahen. Ich verstand die beiden ja sogar - es würde sie zugrunde richten, wenn sie jedes Mal mit Hoffnungen mein Zimmer betraten um dann festzustellen, dass ihr eigenes Kind sie nicht mehr erkannte.
      Die zwei Stunden vor dem Essen verbachte ich mit Zeichnen. Nebenbei hörte ich Musik, wobei ich jene von Kitamura bewusst mied. Größtenteils in Bleistift zuckte die Miene unruhig und gedankenverloren über das zunächst weiße Blatt Papier, das mit der Zeit immer dunkler wurde und zu dem Zeitpunkt, als man mich zum Essen rief, mehr einem schwarzen Wollknäuel als allem anderen glich. Seufzend zerknüllte ich das Blatt Papier und warf es in den Mülleimer neben meinem Schreibtisch.
      Nach dem Essen - wir hatten wieder so getan als sei nichts ungewöhnliches passiert - nahm ich meine Tätigkeit wieder auf. Etwas geordneter entstand nun auf einem neuen Blatt zumindest schon mal die Skizze einer Landschaft mit einem See von Laubbäumen gesäumt. Gerade tippte ich nachdenklich mit der Bleistiftmiene unregelmäßig auf den Tisch neben der Zeichnung als mein Handy vibrierte. Ich hatte es bis jetzt nicht aus meiner Tasche geholt, weshalb ich von meinem Platz aus nach ihr angelte. Es war eine recht kurze Nachricht von Nanami, und nachdem ich das letzte Wort gelesen hatte, starrte ich den grellen Bildschirm etliche Sekunden sprachlos an. Meine Augen flogen zur Uhr. Ich hatte stundenlang hier gesessen und gar nicht mitbekommen, dass es bereits recht dunkle draußen geworden war. Noch weniger hatte ich mitbekommen, dass jemand vor der Haustür gestanden und den Bewegungsmelder ausgelöst hatte.
      Ich teleportierte mich quasi zum Fenster, riss es auf und hing halb aus dem Rahmen, damit ich die Straße rauf und runter schauen konnte. Da hinten an der nächsten Kreuzung bei einer Laterne sah ich gerade noch, wie eine mir bekannte Gestalt um die Ecke bog.
      Ohne das Fenster zu schließen rannte ich aus meinem Zimmer, wobei ich die Tür sperangelweit offen ließ. Fast wäre ich die Treppe hinuntergefallen, als ich mehrere Stufen auf einmal nahm um mir im Eingangsbereich schnell die Schuhe an die Füße zu bringen. Aufmerksam wie ich war hatte ich noch immer meine Schuluniform an, was aber niemand hinterfragt hatte. Verwirrte Mädchen taten manchmal verwirrte Dinge.
      Dann sprintete ich in die Richtung, in die ich Kitamura hatte gehen sehen. Meine Haare flogen wie ein Feuerschweif hinter mir her als ich um die Ecke flog und niemanden sehen konnte. Ohne zu bremsen rannte ich weiter - ich wusste ja gar nicht genau, wo er eigentlich wohnte - und nahm einfach die nächste Abzweigung. Vielleicht hatte ich ja Glück.
      Glück war ein seltsamer Faktor und man mochte das Ergebnis werten, wie man wollte. Ungebremst stieß ich gegen jemandes Rücken und wurde nach hinten geworfen. Ich ruderte noch mit den Armen, fiel aber unsanft rückwärts auf meine vier Buchstaben. Ein hässliches Geräusch ertönte, als der Stoff meines Rockes dank des rauen Bodens seinen Zusammenhalt aufgab.
      "Au,au,au....", murmelte ich während ich mir die Haare aus dem Gesicht wischte und aufsah.
      Tatsächlich stand da Kitamura, der mich mit einer Mischung aus Überraschung und Schock ansah. Ich blinzelte ihn ein paar Mal etwas dümmlich an. Nanami hatte recht gehabt. Er war wirklich hier gewesen. Warum?
      "Oh Gott, ich wollte nicht in dich reinrennen", brachte ich nur zustande und unterließ den ersten klägliche Versuch, aufzustehen. Meine Beine quittierten ihren Dienst. "Ähm... Nanami meinte, du wärst hier gewesen...und...hm, ja was eigentlich?..."
      Mein Gehirn quittierte ebenfalls seinen Dienst. Alles, was es gerade noch verarbeiten konnte, war Kitamuras feucht glänzenden Haarspitzen im Licht der entfernten Laterne und die Geräusche von entfernt vorbeifahrenden Autos. Seine grünen Augen, deren Ausdruck ich nicht zu deuten vermochte. Das alles schien sich eine Ewigkeit hinzuziehen ehe meine Gedanken endlich wieder ihre Arbeit aufnahmen. Vorsichtig stand ich auf und hielt mir prompt die Rückseite meine Rockes mit der linken Hand zusammen. Mir egal, wie groß der Riss war, aber dann war zumindest eine Hand beschäftigt.
      "Hattest wieder Sport,richtig? Wie läuft es denn so an Tag zwei?", fragte ich unbeholfen und kam mir mit jedem Wort dümmer vor. Sogar ich hörte, wie meine Stimme schwankte und ich wunderte mich, warum ich so überstürzt aus dem Haus gerannt war.



      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ich war keine zwei Minuten gegangen als ich von hinten fast umgerannt worden bin. Ich hörte ein kleines Murmeln des Schmerzens. Ich drehte mich zu der Person um, die mich wohl übersehen hatte, um nur dann zu realisieren, dass Ebato-san vor mir auf dem Boden mit schmerzverzehrten Gesicht saß.
      Ich war überrascht sie hier zu sehen und warum rannte sie mit dem „Kopf durch die Wand“ über die Straßen. Unsere Blicke trafen uns, ihr Blick sah perplex aus. Anscheinend hatte sie nicht damit gerechnet mich hier zu treffen, nur Schritte entfernt vor meiner Haustür. So wie sie vor mir auf dem Asphalt saß, sah sie etwas unbeholfen aus. Ich konnte mir ein kleines Lachen nicht verkneifen. „Macht nichts. Ich bin ja nicht derjenige, der umgefallen ist“, antwortete ich ihr, „Was ich hier gemacht habe? Ich wollte dich fragen, ob Rika-san dir irgendetwas ins Ohr gesetzt hat. Sollte das der Fall sein, brauchst du dir keine Sorgen machen. Ich werde dich nicht fallen lassen wie die anderen. So eine kann mir gestohlen bleiben. Hättest mal ihr Gesicht sehen sollen, als ich das gesagt hatte: unbezahlbar“ Wenn ich mich nur an die Zicke erinnerte, kriegte ich schlechte Laune. Ich atmete kurz durch und wollte Ebato-san aufhelfen, doch da stand sie schon wieder aufrecht, allerdings mit der linken Hand hinterm Rücken. ‚Hatte sie sich ernster verletzt, als ich dachte?‘ fragte ich mich.
      Doch ehe ich sie fragen konnte, hatte sie mich völlig aus dem Kontext gefragt wie mein zweiter Tag war. „Nun ja, mein zweiter Tag war meines Erachtens großartig. Du weißt schon, dass ich dich an meinem zweiten Tag nach Hause gebracht hatte und wir uns auf dem Weg dahin unterhalten hatten?“, antwortete ich mit einem Augenzwinkern, „für den heutigen Tag musste ich allerdings feststellen, dass es viel zu viele Idioten in unserer Klasse gibt. Die würde ich auch liebend gern alle Woche vergessen. Während des Trainings konnte ich mich kaum konzentrieren, weil meine Gedanken ganz woanders waren und der Coach war nicht gerade glücklich darüber. Weißt du, Strafübungen sind nie besonders toll.“ Den letzten Satz war mehr ein Flüstern zu ihr. Ich musste kurz über mich selbst lachen.
      „Ist bei dir denn alles in Ordnung? Hast du dich beim Sturz verletzt?“, fragte ich sie und legte wieder meine Hände auf ihre Schultern. ‚Nicht schon wieder du Dussel‘, ging es mir durch den Kopf und nahm meine Hände etwas schüchtern wieder weg.
      Hey
      You know it's not too late for us to make a change
      You gotta listen to your heart what does it say?
      No matter how much we might bend, we will not break
      'Cause we got what it takes to stay.

      (One Ok Rock - Change)