Adventures from Dream Island [Lu x Daisy]

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    • Adventures from Dream Island [Lu x Daisy]


      Herriet Williamson

      England, 1886

      Müsste jemand die junge Herriet beschreiben, so würde man wahrscheinlich zunächst ihr hübsches Gesicht ansprechen. Es war rund, ihre Lippen hatten einen verspielten Bogen und eine zart rötliche Farbe und die Haut war blass und rein. Die Augen waren groß und konnten durchaus bezaubern. Würde man ihr vielleicht den Mund zunähen, sie in ein hübsches Kleid stecken und irgendwo dekorativ neben einen Mann platzieren, wäre sie sicherlich ein sehr angesehener Teil der Gesellschaft. Doch da stimmte etwas nicht mit dem, was sich in ihrem Kopf befand. Man hörte es an jeder Ecke, hinter vorgehaltener Hand war die Wahrscheinlichkeit groß, dass man über den Armen Williamson sprach, mit der verrückten Tochter. Man munkelte hier und da, sie gehöre zu diesen barbarischen Frauen, die wählen wollten.
      Wo das denn hinführen sollte! Würde sie als nächstes in die Mienen gehen oder in den Krieg ziehen wollen? Es wurde verächtlich die Nase gerümpft, wenn sie vorbei ging und jeder, der dumm genug gewesen ist das Gespräch mit ihr zu suchen, brach es schnellstmöglich wieder ab. Denn dieser hübsche Kopf steckte voller Wissen. Wissen, das heraussprudelte, sobald sie ihren Mund öffnete. Ihre Augen suchten nach neuen Informationen, mussten alles, jede Faser, jedes Detail von etwas Neuem in sich aufnehmen und katalogisieren, auf dass sie es sofort hervorholen und andere damit belästigen konnte. Ihre Begeisterung war unerträglich und nicht wenigen rauchte der Kopf, nachdem sie fertig gewesen ist. Was für eine Verschwendung, hieß es von den heiratsfähigen Männern ihres Ortes. Denn auch, wenn sie nur unter einigen wenigen Frauen aussuchen konnten, so scheute man sich doch sie zu wählen, der man die Verrücktheit nachsagte. Am Ende vererbte sich das noch auf das Kind! Was würde nur mit dem Ruf der Familie geschehen, wenn sie tatsächlich eine dieser Emanzipierten wäre? Möglicherweise stellte sie sogar eine Gefahr dar, wie unheimlich!

      "Schluss jetzt!", donnerte Arthur Williamson, seine Faust auf den Tisch. Augenblicklich verstummten sein nichtsnutziger Bruder und dessen noch nichtsnutzigere Frau. "Das reicht, es ist genug!", machte er seinen Standpunkt noch ein bisschen deutlicher. In seiner Rage war er auf die Beine gesprungen, seine Zähne knirschten in blankem Ärgernis und mürrisch ließ er seinen schweren, etwas übersetzten Körper wieder auf den Sessel fallen. "Das Kind möchte lernen! So lasst es doch lernen! Kann schließlich nicht jeder mit dem Geschenk der Dummheit gesegnet sein, wie ihr beide!", bellte er die Eltern seines Schützlings an. Nun war es an dem Vater Herriets, dass sein Gesicht rot vor Wut wurde. "Wie sprichst du zu mir, in meinem eigenen Haus, du verfluchter Narr!", erhob er seine Stimme und schnell war seine Frau an seiner Seite, um ihn zu beruhigen. Doch war er in diesem Moment nicht zu besänftigen. Der Mann in seinen späten Fünfzigern erhob die Hand und schleuderte die Mutter seiner Töchter zurück auf ihren Platz. "Und du! Dir gebe ich ebenso die Schuld an dieser Tragödie! Du hast sie verzogen, hast sie diese... diese Bücher - diese Blasphemie! - lesen lassen!" Wutentbrannt wandte er sich wieder an seinen Bruder.
      "Und von dir hat sie diese Schandwerke überhaupt erst erhalten! Schämst du dich denn überhaupt nicht?" Arthur schnaubte verächtlich und besah seinen närrischen, älteren Bruder mit nichts als Missbilligung. Dass ein kluger Kopf aus einem Spross gedeiht war, konnte seiner Meinung nach nur ein Versehen Gottes gewesen sein. Kraftlos ließ der Familienvater sich wieder fallen, sein Körper schien so träge von all der Aufregung, dass seine Arme einfach leblos an den Seiten seines Ohrensessels herunterhingen. Benommen legte er das faltenbehangene Gesicht in seine Hand und rieb sich über den ergrauten Bart. "Und nun das. Es war nicht schon schlimm genug, dass dieses Balg der Verrücktheit verfallen ist! Nein, jetzt will sie auch noch auf See? Irgendeinen Wissenschaftler auf einer Expedition begleiten?! Um was zu tun? Dem Tod in die Arme zu laufen? Ein uneheliches Kind mit nach Hause zu bringen? Seuchen und Krankheiten nach England zu schleppen? Unsere Familie noch mehr beschämen und ruinieren, als sie es ohnehin schon tat?!" Seine Stimme wurde immer lauter und erhöhte sich zum Schluss nur noch zu einem Brüllen.
      Die Mutter fing nun leise an zu schluchzen. Tränen rollten ihr über die Wangen und sie beeilte sich die Nässe schnell mit einem Stofftaschentuch zu trocknen. "Kannst du nicht irgendetwas tun, Arthur? Sie hört doch nur auf dich! Kannst du nicht versuchen ihr diesen... diesen Irrsinn auszureden? Ich flehe dich an..." Der Angesprochene wendete schnell die Augen ab von seiner Schwägerin. Er selbst wusste, dass da durchaus Schuld auf seinen Schultern lastete. Selbstverständlich machte er sich selbst Sorgen um das Wohlergehen seiner Nichte und es war nicht notwendig ihn zu bitten oder anzuflehen. Er hatte sofort versucht ihr ihre Träumereien auszureden, kaum dass sie ihm davon berichtet hatte. Doch nichts konnte dieses nach Abenteuern und Wissen lechzende Herz beruhigen. Sie hatte es ihm erklärt. Alles Wissen, das sie aufsaugte, in sich aufnahm und hütete wie einen Schatz, war Wissen, dass sie niemals erblickt hat, nie kennenlernen durfte. Was hatte sie davon die Welt zu kennen, wenn sie sie noch nie gesehen hat? Mehr noch als einen Mann, mehr noch als eine Familie, wünschte sie sich diese Unvollkommenheit in sich auszulöschen. Die Leere zu füllen mit Erinnerungen. Dem Wissen Bilder ihrer eigenen Augen hinzuzugeben, bis ihre Seele, ihr Leib und ihr Durst gesättigt gewesen sind.
      "Das Kind hat eben ihren eigenen Kopf!", maulte Arthur nach einer Weile wieder. Er wollte diesen beiden Idioten nicht verraten, dass auch er gegen diese Expedition gewesen ist. Gegen diese Reise in ein unerforschtes Gebiet an der Seite dieses Gelehrten, dessen Versuche und Experimente seit Jahren nur Pleiten darstellten. Die Frau mit dem aschfahlen Haar begann wieder hemmungslos zu weinen. Sie betrauerte den Verlust ihrer Tochter, ohne dass sie ihr Leben lassen musste. Sie versuchte nicht einmal für ihre sichere Heimkehr zu beten oder sie noch einmal sprechen zu wollen. Sie bat ihn nicht darum ihr etwas auszurichten, sie in die Arme zu schließen oder dergleichen. Der Mann schaute hinter gerunzelten, dicken Augenbrauen zum Fenster des kleinen Wohnzimmers.
      Die Kutsche stand noch immer in der Einfahrt, die Vorhänge waren zugezogen. Herriet musste sehr still dasitzen und geduldig warten. Nicht ein einziges Mal sah er, dass der verhüllende Stoff sich verräterisch bewegt hätte. "Ich möchte, dass du weißt, mein dummer, närrischer Bruder", setzte der Hausherr der Familie Williamson wieder an, worauf Arthur nur genervt seinen Blick heben konnte. Immer, wenn er tat als hätte er etwas Wichtiges zu sagen kam meistens nur heiße Luft aus seinen Lippen. "Ich möchte, dass du weißt", wiederholte er ein zweites Mal der Theatralik wegen. Er atmete schwer ein, seine Nasenflügel flatterten dabei und den Zeigefinger hatte er mahnend in seine Richtung erhoben. "Ich gebe dir die Schuld dafür. Dir allein! Du hast Mutter mit dieser Art von dir ins Grab gebracht. Du bist die Enttäuschung unserer Familie, ein armseliges Bild von einem Mann, der nicht einmal eine Frau finden konnte. Und jetzt hast du meine Tochter in deine Hölle hinabgerissen, weil du diese Schmach nicht mehr tragen wolltest! Es muss sich gut für dich anfühlen, dass nicht mehr du der Schandfleck bist, sondern sie dein erbärmliches Leben noch übertrifft. Du bist herzlos. Ein Gauner. Ein Verräter! Wenn du durch diese Tür gehst und meine Tochter fortschickst, dann habe ich weder eine Tochter noch mehr einen Bruder!"
      Faszinierend. Das erste Mal dachte Arthur, dass sein Bruder etwas Förderliches beitrug. Zum ersten Mal waren die Worte, die er wählte, vielleicht keine allzu schlechten. Seit über einem Jahr lebte der kauzige Mann nun schon mit der jungen Herriet zusammen. Sie brauchte so einen Vater nicht. Das Mädchen war fleißig, interessiert, neugierig und ambitioniert. Alles Eigenschaften, die seinem Bruder fehlten, schon immer. Er hatte ihr nichts zu bieten. Und wenn er so mit der Situation umgehen wollte, so würde Arthur ihm mit Vergnügen diesen Gefallen tun. Mit einem Satz erhob er sich aus den Polstern. Er richtete sein Hemd und den Frack und schnappte sich seinen Hut, von dem Kleiderständer bei der Tür. "Wenn das so ist, werter Herr Williamson. Wünsche ich Ihnen, Ihrer Frau und Ihren vier reizenden, verbliebenen Töchtern ein gutes Leben in Gesundheit. Möge Gott Ihnen gnädig sein!"
      Herriets Mutter begann nun hysterisch zu werden und ihr Vater sprang auf die Beine und rief voller Inbrunst; "Raus hier! Verschwinde sofort aus meinem Haus!" Und das tat er. Ohne sich ein zweites Mal bitten zu lassen schlug er fest die Tür hinter sich zu und stapfte mit schweren Schritten über den ungepflasterten Weg zu seiner Kutsche. "Zurück zum Bahnhof!", bellte er dem Kutscher die Anweisung zu, ehe er sich mit seinem wuchtigen Körper auf eine der Bänke fallen ließ. Die Kutsche wackelte leicht, als er einstieg und bevor jemand einen verräterischen Blick auf das Innere des Wagens erhaschen konnte, zog er zügig die Tür wieder zu.

      Die schwarz-haarige junge Frau saß ihm seelenruhig gegenüber. In ihrem Schoss lag ein Buch mit dunklem Einband, ihre schlanken Hände waren darüber gefaltet und ihre Schultern hingen entspannt herunter. Die Augen waren geschlossen und ihre Atmung wirkte ruhig und kontrolliert, als würde sie schlafen. Erst nachdem der Kutscher die Pferde in Bewegung gesetzt hatte und einige Minuten verstrichen waren, schnaufte der Mann mit vor der Brust verschränkten Armen verächtlich. "Willst du gar nicht wissen, wie es gelaufen ist?!", knurrte er, als er selbst zu ungeduldig wurde, um auf ihre Frage zu warten. Die Lippen des Mädchens verzogen sich zu einem sachten Lächeln und sie schlug problemlos die Augen auf. "Nein, das ist nicht nötig. Die Wände sind dünn, ich konnte das meiste mithören.", versicherte sie ihrem Onkel und senkte den Blick einfach wieder herunter auf ihr Buch. Sanft fuhren ihre Finger die Verzierungen im Leder nach, als hätte sie in diesem Moment keinerlei Sorgen, die auf ihren Schultern lasten könnten. Arthur biss sich unzufrieden in seine Wange. Konnte dieses Ding nicht ein wenig ergriffener sein? "Na dann, herzlichen Glückwunsch. Du bist jetzt offiziell Waise." Herriet nickte, noch immer dasselbe Lächeln auf den Lippen aufrechterhaltend. Sie würde lügen, müsste sie sagen, dass ihr Herz sich nicht schmerzlich zusammengezogen hatte, als sie das hysterische Weinen ihrer Mutter vernommen oder die Beschuldigungen ihres Vaters mit angehört hatte. Sie wollte das Zittern ihrer Finger und das Brennen, das sie in den Augen verspürt hatte, lieber verheimlichen. Denn immer wieder hat sie sich selbst aufsagen müssen; Sie hatte sich bereits darauf vorbereitet.
      Sie kannte ihre Eltern, ihre Meinungen und Ansichten. Sie kannte ihren Ruf und das Leid ihrer Familie. Doch nichts davon war sie gewillt zu ändern. Niemand von ihnen war ihr wichtig genug, um den Durst, den sie empfand zu ignorieren. Für niemanden würde sie ihr eigenes Leben wegschmeißen und sich in eine sinnlose Ehe stürzen, wo sie als Verrückte verschrien wäre, wenn ihre Finger auch nur über den Rücken eines Buches strichen, das für Männer bestimmt gewesen ist. "Hoffentlich wirst du glücklich mit deiner Entscheidung", flüsterte ihr Onkel irgendwann in sich hinein. Er machte sich Sorgen, große Sorgen, doch er respektierte sie und ihre Entscheidung. Wahrscheinlich war das sogar der Grund dafür, dass sie den Mut auch gefunden hatte dies alles zu überstehen. Nur die Liebe, die sie für ihren Onkel empfand, konnte ihr die Kraft geben ruhig in dieser Kutsche zu verweilen, so tun als würde sie schlafen, um die Rufe aus dem Haus als bösen Traum abzustempeln und an ihren Wünschen und Plänen festzuhalten.
      Achtsam legte Herriet das Buch beiseite und wechselte schnell auf die andere Bank um die Arme um ihren Onkel zu schlingen. Sie bettete ihren Kopf in seine Brust und atmete tief den vertrauten Duft seines Rasierwassers ein. Wieder schnaubte der betagte Mann nur und murmelte etwas davon, dass sie ihn noch ins Grab verfrachtete und jeden Tag der Sensenmann einen Schritt näher in seinen Träumen kam. Er legte schroff, doch liebevoll gemeint seine Hand auf ihren schwarzen Haarschopf.
      "Wie heißt dieser Professor noch gleich, den du begleiten willst?", fragte er nach einem Moment der Stille und Herriet sah wieder zu ihm auf. "Sein Name ist Herr Professor Eldridge!"
      - "Hmpf! Der muss mindestens so verrückt sein wie du, wenn er ausgerechnet dich mitnehmen möchte." Schweigen. Keine Antwort. Langsam löste das Mädchen ihre Arme von ihrem Onkel und mit aufeinander gepressten Lippen und einem verlegenen Räuspern suchte sie etwas Abstand zu ihm. Das war der Teil, den seine Nichte ihrem Mentor noch nicht anvertraut hatte. Sie lächelte ihn entschuldigend an, was Arthur im ersten Moment nicht verstand. Skeptisch zog er beide Augenbrauen in die Höhe und augenblicklich ahnte er Böses. "Oh Gott nein… Sprich, Weib, oder ich reiße dir die Zunge aus!", mahnte er sie knurrend zwischen den Zähnen hervor pressend. "Genau genommen hat er mich abgelehnt.“, beichtete Herriet mit verlegenem Lächeln und zuckte die Schultern. „Noch in der Sekunde, in der ich meine Bitte zu Ende formuliert habe"
      Arthur brauchte eine sehr lange Weile, um ihre Worte in Gänze wahrzunehmen, wobei sein Gesicht mit der Realisation immer mehr rote Farbe annahm. "Was?!", schrie er dann so laut, dass selbst der Kutscher für einen Moment erschrocken zusammenzuckte und auch die Menschen, die am Straßenrand entlangliefen, schauten der Kutsche verwundert hinterher. "Heißt das das alles war nur eine Scharade von dir? Möchtest du dich über mich lustig machen? Du kleine, nichtsnutzige Göre! Ich hätte jetzt große Lust dich mit Anlauf zurück in dein Elternhaus zu schicken, auf dass du deinen Vater auf Knien anflehst zu ihm zurück kehren zu dürfen!" Auch darauf hatte die junge Frau sich schon vorbereitet und obgleich sie auch heftig zusammenfuhr aufgrund der ohrenbetäubenden Lautstärke seiner Stimme, empfand sie auch ein wenig Belustigung wie treffend sie seine Worte eingeschätzt hatte. Er führte noch eine Weile lang seinen aufgebrachten Monolog, doch bevor er sich wahrlich in Rage reden konnte, unterbrach sie ihn, indem sie ihre Hand sanft auf seinen Arm legte. "Mach dir nur keine Sorgen, Onkel! Er wird mich mitnehmen. Dafür werde ich schon Sorge tragen.", sie lächelte ohne den geringsten Hauch von Ungewissheit in ihre braunen Augen zu lassen. Ihrem Onkel gefiel das nicht. Er hätte es wissen müssen. Von Anfang an, als sie zu ihm gekommen war, um ihm von der hervorragenden Neuigkeit des Expeditionsantrittes zu erzählen, hätte er wissen müssen, dass nur ein Wahnsinniger verrückt genug war eine Frau als seine Assistentin mitzunehmen. „Du verfluchte Göre…“, jammerte der Mann, nahm seinen Hut ab und schleuderte ihn frustriert auf den Boden der Kutsche. „Du dumme Gans! Du bringst mich noch ins Grab!“ Er schüttelte den Kopf. „Was macht dich so sicher, dass er dich mitnehmen wird? Er hat dich doch schon abgelehnt.“ Die Kraft verschwand aus seiner Stimme. Dieser Tag ist jetzt schon zu anstrengend gewesen für den sonst so eigenbrötlerischen Herrn, der seine Tage nur mit sich selbst und Büchern verbrachte. Seine Enkelin grinste breit. „Natürlich hat er mich abgelehnt!“, winkte sie ab, als würde dieses Gespräch sie nicht betreffen. „Ich bin eine Frau! Hast du schon einmal eine Frau bei einer Expedition gesehen?“ Oh Arthur ist kurz davor gewesen das Kind zu erwürgen! Sie wagte es nun auch noch ihn zu zitieren?! „Nein, er weiß doch noch gar nicht, was er an mir gewonnen hat! Aber keine Sorge, Onkel! Das werde ich ihm schon noch gebührlich deutlich machen. Gib mir zwei Wochen und er wird sein Glück nicht fassen können mich als seine Assistentin zu gewinnen.“
      Der Mann schnaubte und ließ sich von Herriet seinen Hut vom Boden aufheben. Mürrisch klopfte er ihn ein wenig ab und schüttelte den Kopf. „Dein Wort in Gottes Ohr…“, nuschelte er und hoffte dabei dennoch inständig, nach allem, was er nun schon wegen dieser verfluchten Expedition durchstehen musste, dieser Professor Eldridge würde sie zum Teufel schicken. Sie beide kamen erst spät in der Nacht wieder bei dem blauen, charmanten Haus an, das beinahe wirkte als wäre es nachträglich in den verbliebenen Platz einer Häuserreihe hinein gequetscht worden. Ein Umstand, der keineswegs verhinderte, dass Herriet sogleich am nächsten Morgen, pünktlich um acht, nachdem sie die Bibliothek aufgeschlossen und die zurückgebrachten Bücher einsortiert hatte, vor dem Büro von Professor Eldridge stand. Einige Männer schritten in den Fluren an ihr vorbei. Manche gähnten noch verschlafen, doch die meisten bemühten sich inständig darum die Dame zu ignorieren. Wussten schließlich die meisten hier von dem nervenzermürbenden Wirbelwind, der nicht mehr aufhörte zu sprechen, wenn man sie einmal ließ. Sehr aufmerksam stand sie vor der Tür und prägte sich jede Maserung und jede Unebenheit ein. Sie merkte sich genau den Farbton des Holzes und ließ das Messingschild auf sich wirken, auf dem in kursiven Lettern Eldridge stand. In ihren Händen hielt sie eine große dunkle Mappe und wartete. Sie wartete… Und wartete… Bis sie es vernahm. Ein Lebenszeichen. Freudig erhob sie sofort ihre Hand und klopfte, nachdem ein dumpfes Geräusch zu ihr durchgedrungen war.
      Sie holte bereits Luft, um sich anzukündigen, stockte allerdings in letzter Sekunde. Nein, sie musste ihn herauslocken. Und sie sah ihre Chancen erhöht, wenn sie ihn im Dunkeln darüber ließ, wer sein morgendlicher Besucher sein konnte. Als schließlich die Frage zu ihr durch drang wer da sein grinste die junge Frau in sich hinein und klopfte schweigend erneut.

      @Heaven_Lumen
      I'll see ya in a dream.
    • Aldwyn Godric Eldridge

      England 1886 - Londoner East End

      Laute Rufe und Gebrüll erfüllte die Lüfte, ohrenbetäubendes Gröhlen zerriss die stickige Luft des Raumes, in dessen Mitte mit zur Seite geneigten Tischen ein Ring erschaffen war. Ein Ring für die beiden kämpfenden Männer, welche sich auf dem staubigen Boden der Taverne einen hitzigen Kampf lieferten. Die Umstehenden Spelunkengäste feierten trunken des billigen Bieres oder des Fusels willig den Faustkampf und brüllten nichtssagende Anweisung. Diese waren aufgrund des heillosen Durcheinanders wohl kaum zu verstehen und durchaus besorgt warf der speckige Wirt hinter dem verschmierten Tresen seine kleinen Augen immer wieder zum Eingang seines kleinen Reiches. Nicht, dass er etwas gegen diese Kämpfe einzuwenden hatte, im Gegenteil es wurde mehr getrunken und die Wetten brachten auch für ihn ein hübsches Sümmchen. Ein paar Schillinge mehr oder weniger würden auch ihm nicht schaden, doch waren derlei Aktivitäten von Scotland Yard nicht gern gesehen. Im Gegenteil, diese waren sehr schnell Zugange, wenn von illegalen Wetten und Kämpfen die Rede war.
      Doch an diesem Abend blieb es zum Glück für den armen Wirt ruhig, sodass auch er sich zu den beiden Männern wandten. Sie waren beide von einer ähnlichen Größe, wobei der Mann mit dem dunklen Haaren und der hässlichen Narbe über seinem Kinn durchaus bulliger und breiter gebaut war. Der Herausforderer war etwas schmaler, doch die Muskeln des Rückens durchaus kräftig und definiert, obgleich sie im Lichte in dem Schweiß seiner Anstrengung glänzten. Markanter jedoch waren die tiefroten Haare, welche zu einem losen Pferdeschwanz zusammengebunden waren, was jedoch die widerspenstigen Strähnen nicht daran hinderten, ihm in die Stirn zu fallen.
      Er blockte einen wilden, rechten Schlenker nahezu gelassen mit seinem Arm und durchbrach die Verteidigung seines Gegners, nur um ihn unangenehm hart den Kiefer auszurenken. Das wütende Brüllen, welches er als Antwort erhielt, ließ den Rotschopf etwas spielerisch zurückweichen, als sein Gegner nun eher rasend als zielend zu einer erneuten Schlagfolge ansetzte. Die Schmerzen des letzten Treffers noch immer in den kantigen Zügen tragend. Doch durch jene unkoordinierten Schläge duckte sich der Schmalere hindurch, drehte sich als würde er tanzen und nahm eine spöttische Pose einer missglückten Pirouette ein, die Lippen dabei zu einem unentwegten Grinsen geformt. Es machte das Narbengesicht nahezu rasend, doch in dem Schwung seines Anlaufes unterschätzte er seine eigene Kraft und mit Leichtigkeit sprang der Rotschopf zur Seite und versetzte ihm einen sehr unangenehmen Tritt in die Kniekehle, welcher ihn letzten Endes zu Fall brachte. Zornesrufe waren aus der Menge zu hören. Ein jeder, der auf ihn gesetzt hatte, war empört über seinen Verlust. Für den siegreichen Kämpfer jedoch klingelten die Ohren bereits jetzt von dem süßen Gewinn, den er errungen hatte. Nicht, dass dieses Narbengesicht eine Herausforderung war, er hatte nicht einmal einen Treffer landen können. Muskelmasse ersetzte eben doch kein Köpfchen, aber dies dem ätzenden Koloss zu erklären war selbst ihm vergebene Liebesmüh. Mit selbstgefälligen Lächeln streckte er auffordernd dem Wetteintreiber seine Hand entgegen und sichtlich widerwillig wurden ihm einige Papiere in die Hand gedrückt. Hmph, er hatte mehr erwartet. Aber für ein einfaches Bier auf den Weg zurück sollte es genügen. Dem Wirt einige Münzen zuwerfend und seine Flasche köpfend nahm er drei große Schlucke, bemerkte jedoch zu spät den grimmigen Blick des korpulenten Herren.

      "Das reicht nicht. Du schuldest mir noch die Zeche der letzten zwei Wochen, Aldwyn!", knurrte der Mann und stellte den Humpen, den er bislang unnützer Weise polieren wollte, beiseite. Wobei... genau genommen verschmierte er das reichlich unsaubere Glas mit dem Schmierlappen noch mehr. Sollte er ihn darauf hinweisen? Wobei... lieber nicht, er würde es eines Tages selbst verstehen, warum seine Kundschaft lieber die Flasche an die Lippen führten. Abwehrend hob er die Hände, seine dunkle Flasche noch immer in Händen haltend.
      "Ich bitte Euch, Gal. Wir sind doch beides Gentleman, es ist nicht nötig solche harten Worte zu nutzen. Ich trage zu der allgemeinen Unterhaltung dieses werten Etablissement bei, ist das denn nicht genug um für mein Bier aufzukommen?" Gespielt verletzt legte Aldwyn seine freie Hand auf seine noch immer nackte Brust, als hätten ihn die Worte Gal's zutiefst getroffen. Dieser knurrte jedoch nur unzufrieden.
      "Das Geld, Aldwyn. Jetzt!"-"Herrje, keinen Geschäftssinn wie ich sehe. Wäre es nicht durchaus gewinnbringender, wenn ich dich nächste Woche bezahle- mitsamt einer kleinen Erhöhung für die Wartezeit?" Mit einem nahezu verschwörerischen Zwinkern gab der Rotschopf noch nicht auf und langsam pulsierte die Ader des beleibten Wirtes an dessen Stirn. Faszinierend. Und Ekelerregend. In allen Maßen, durch und durch...widerlich.
      "Treib's nicht zu weit." Unschuldig anmutend stellte er seine bereits halbleere Flasche ab, verstaute die eben gewonnenen Papiere in seiner Hosentasche und griff nach seinem weißen Hemd, welches er auf einem der Barhocker hat liegen lassen. Es gelassen und in Seelenruhe zuknöpfend sah er sich betont interessiert um.
      "Hast du renoviert? Ich glaube die Polster sind gesäubert!", bemerkte er staunend und langsam wurde sein Gegenüber merklich ungeduldiger aufgrund seines dreisten Verhaltens. Himmel, dieser Mann besaß keinen Sinn für Humor. Die schwarze Weste überstreifend und anschließend seinen Mantel darüber ziehend setzte er ein nahezu freundschaftliches Grinsen auf. Gerade wollte er weiter diplomatisch mit dem Wirt verhandeln, als er ein nur ihm zu gut bekanntes Gesicht erspähte, welches sich grimmig durch die Masse an Schaulustigen des Kampfes zwängte. Ach komm schon, ausgerechnet heute? Entnervt stöhnte Aldwyn auf, schnappte sich einen ihm unbekannten, breitkrempigen Hut und setzte ihn auf seinen roten Schopf.
      "Hier hast du noch ein paar Münzen, den Rest bezahle ich später." Noch ehe Gal irgendeine Möglichkeit zum Antworten besaß war der junge Mann bereits hinaus in die kühle Nachtluft verschwunden. Sein Schritt war schnell, nahezu militärisch. Das musste er auch sein, wenn er heute Abend keinen Unannehmlichkeiten begegnen wollte. Er brauchte diese verdammten Papiere seines Gewinns für seine Existenzwahrung. Es lieb kein Freiraum um irgendwelche Schulden zu zahlen, die er vielleicht mal versehentlich bei jemanden angehäuft hatte. Mit sicheren Schritten führten ihn seine in kniehohen Stiefeln steckenden Füße durch die verschmutzten, vom Regen noch aufgeweichten Gassen. Mal hier rein, dort rein... Hauptsache einen willkürlichen Weg, welcher von der Spelunke fortführte. Als er bereits einige traurigen Gassen weiter war erlaubte er es sich, anzuhalten und einen Blick um die Ecke zu werfen. Er konnte Stimmen hören. Wütende Stimmen und eine davon war so nasal einzigartig, dass er wusste, wer es war. Verdammter Mist, er sollte wohl seine Lokalität zum Trinken demnächst wechseln, solange er noch in London verweilte. Offenbar schienen ihn die Schuldner in letzter Zeit sehr häufig aufzuspüren und auch jetzt hielt er den Atem an, dabei nach allen Richtungen spähend. Tief atmeten seine Lungen die feuchte, von der Industry scharfen Luft des Viertels ein. Sein Körper war noch immer etwas erschöpft von dem Kampf, dem Umhergetänzele und vielleicht war seine aufgesetzte Show ja doch ein klitzekleines Bisschen übertrieben gewesen. Dezent, nicht der Rede wert. Tief durchatmend huschte er weiter, entfernte sich von den lauter werdenden Stimmen. Wenn er sich nicht irrte - und das kam nie vor- musste er sich in der Nähe eines Freudenhauses sein, zumindest dürfte er ganz in der Nähe der Docks sein. Nun, mit etwas Glück würde er sich dort eine Weile verstecken können. Mit prüfenden Blick über die Schulter hielt er sich im Dunkeln der Nacht, welche die Gasse in absolut willkommene Finsternis tauchte. Schnell, er wagte sogar einen leichten Sprint, erreichte er das noch immer erleuchtete Haus der Sinnlichkeit und schlüpfte durch den Hintereingang hinein.

      "Oh, dass wir Euch hier nochmal sehen dürfen, Mr. Eldridge!" Ertappt zuckte der Angesprochene zusammen und nahm dem Anstands halber seinen neuen Hut ab.
      "Victoria, meine Teure. Ist es denn wirklich wieder so lange her?", setzte er sogleich ein durch und durch charmantes Lächeln auf. Die Hausherrin des Freudenhauses lehnte im Türrahmen mit den Armen vor ihren weiblichen Rundungen verschränkt, welche jeden Mann in die Knie zwingen würde.
      "Eure Schönheit scheint erblüht zu sein in meiner Abwesenheit, noch immer schmeichelt das Licht des Mondes Eurem reizenden Antlitz, meine Liebe." Victoria musste lächeln bei seinen charmant gewählten Worten und strich sich die langen, blonden Haare zurück.
      "Charmeur. Weshalb kommt Ihr nicht durch den Haupteingang, wie ein gewöhnlicher Gast?", fragte sie mit einem sachten Schmunzeln, die Antwort bereits kennend.
      "Das wäre ich, meine Teure. Aber dann wäre meine Überraschung nicht geglückt, nicht wahr?" Noch während er sprach warf er einen beiläufigen Blick nach draußen. Er trat automatisch vom Fenster weg als er einige Männer erspähte und breitete seine Arme aus.
      "Ich hoffe Ihr kennt noch meine Vorliebe für Euren fabelhaften Brandy, Victoria? Ich würde sterben für einen Tropfen. Ich bleibe auch nicht lange, versprochen." Ihre Hand an seine Lippen führend hauchte er einen Kuss auf diese und seine dunklen Augen bohrten sich in ihre, was die eigentlich recht starke Frau sogar die Röte in die Wangen trieb.
      "Wie könnte ich den Wunsch des Professors widersprechen?", lachte sie leicht und erleichternd aufatmend folgte er der Führerin des Freudenhauses zu den bequemen Sitzgelegenheiten in ihrem Quartier. Er sollte wenigstens eine Stunde warten, ehe er endlich den Weg nach Hause einschlug. Glücklicherweise war er hier sogar recht gern gesehen und musste keine weitere Schuld fürchten, die er bei jemanden machte und erleichtert dessen genoss er den durchaus schmackhaften, scharfen Alkohol und die seichte Unterhaltung mit der reizenden Begleitung, welche über seine Flucht nur den Kopf schütteln konnte.


      Irgendwann, er wusste selbst die Zeit nicht mehr und nur noch von der Dämmerung, welche die Themse in gespenstisches Licht gehüllt hatte, war er endlich heimgekehrt. Er hatte durchaus einige wertvollen Informationen von der hübschen Victoria erhalten, welche ihre Mädchen die Augen und Ohren auf den Straßen offenhalten ließ. Pah, dieser verfluchte Gal hatte ihn also verpfiffen. Ein Grund mehr, nicht mehr zu diesem schmierigen Gesellen zurückzukehren und sein Geld würde er damit auch nicht bekommen. Er nahm es als ausgleichende Gerechtigkeit, ihm jegliche Zahlung zu verwehren und diese in seine neue Expedition zu investieren. Ermattet brach er auf der ledernen Couch zusammen, den Mantel dabei als Decke nutzend und die Augen fielen ihm beinahe sofort zu. Es war anstrengend, die ganze Nacht hinweg wach zu bleiben, die Flucht und die anregenden Gespräche mit den leicht bekleideten Damen. Er hasste es bereits jetzt, sich wieder dem Elend seines Daseins als Professor zuzuwenden. Es sollte auch nur ein Student wagen ihn zu stören...
      Leider blieb seine schlimmste Befürchtung der Wahrheit getreu. Er hatte vielleicht drei oder vier Stunden geschlafen, doch fand er sich selbst blinzelnd wieder aus dem seligen Schlaf. Ob es an den pochenden Kopfschmerzen lag oder eine innere Uhr, welche ihm sagte, dass er bald seine Pflichten beginnen müsste- er wusste es nicht. Vielleicht waren es auch die lauten Glockenschläge, die durch London hallten und den Morgen ankündigten. Doch Aldwyn hasste es. Schwerfällig richtete er sich auf und ließ den langen Mantel achtlos auf den Boden, welcher von unzähligen Papieren verborgen war, fallen. Müde rieb er sich über sein unrasiertes Gesicht und er strich sich nervige Strähnen zurück. Warum noch gleich war er an der Universität, welche ihn mit frühen Tagesbeginnen quälte? Ach ja, weil dies hier sein Traum sein sollte. Missmutig hievte er sich nach oben und streckte sich ausgiebig. Dabei stieß er mit seinem Ellenbogen gegen einen zu hohen, wackeligen Stapel von Büchern von denen dreie zu Boden gingen. Na herrlich. Aldwyn schnaufte nur missmutig, kümmerte sich jedoch nicht darum. Es waren keine Bücher von Belangen, die ihm von Nutzen wären bei seinem aktuellen Vorhaben. Seine ganze Existenz stand auf dem Spiel. Seine Position in der Universität, einfach alles... Und diesmal wagte der Rotschopf eine wahrlich törichte Tat. Doch dem stand nichts zur Sache, sein Entschluss der Reise stand fest und es brauchte lediglich einen fähigen Assistenten, welcher ihn begleitete und dabei half, die gesuchte Insel in all ihrer Schönheit einzufangen. Leider waren die Anwärter dafür rar gesät. Um nicht zu sagen, dass absolut niemand Interesse hegte. Naja... außer...
      Ein Klopfen ließ ihn mürrisch aufsehen. Wer in Gottes Namen nervte ihn so früh? Ein jeder dürfte mittlerweile verstanden haben, dass er nicht gewillt war, so früh am Tage Fragen zu beantworten.
      "Wer stört?", rief er unwirsch der verschlossenen Tür zu und öffnete leicht die schweren Vorhänge seines Arbeitsbereiches. Doch herrschte Stille. Keine Antwort kam zurück und kurz machte sich in dem Professor die Hoffnung breit, der Störenfried wäre gegangen. Doch nein, es klopfte erneut. Entnervt riss er unsanft die hölzerne Tür auf und sein Blick wurde augenblicklich finster, als er sah wer ihn störte. Natürlich... Miss Williamson... Wer auch sonst. Dieses nervige, naive Frauenzimmer hatte tatsächlich nach seiner Bekanntmachung des Vorhabens gefragt, ob sie ihn begleiten könnte. Sie. Eine Frau. Eine junge, unerfahrene Frau. Das er nicht lachte. Sie hatte sich lächerlich benommen, als sie ihm ihr Anliegen mitteilte. Er hatte noch nie eine Frau auf einem Schiff erlebt. Aldwyn wusste zwar, dass er nicht gerade eine Auswahl freiwilliger vor sich hatte, doch war er nicht bereit ein unerfahrenes Frauenzimmer mit sich zu führen. Er fürchtete nicht den Spott dessen, der ihn erreichen würde, wenn er sich dazu herabließ. Nein, seine gesamte Mission war mit Gelächter und Hohn begrüßt worden, als würde er Märchen nachjagen. Der einzige Grund, weshalb er ablehnte war schlichtweg dieser, dass sie wahrscheinlich nicht für eine solche Reise gemacht war und ihm keinerlei Nutzen bringen würde. Was wollte sie auch schon machen? Den Seemännern die Reise erschweren, in dem sie begann über die salzige Luft zu klagen? Oder ihr ewiges Plappermaul, von dem er bereits gehört hatte.
      "Was wollen Sie, Miss Williamson?", fragte er kühl und sah auf sie hinab, die Augen mit einer eindeutigen Warnung erfüllt, sie möge nicht erneut so töricht sein, sich zu erdreisten nach seinem Vorhaben zu fragen.


      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar
    • Herriet Williamson
      Heute würde sich die junge Frau ganz gewiss nicht so leicht abspeisen lassen wie beim letzten Mal. Selbstverständlich wusste sie, was man sich über diesen Mann erzählte. Niemand wurde verschont von dem Hohn, den man Professor Eldridge entgegen brachte. Und Herriet konnte nicht behaupten, dass sie dies sonderlich störte. Im Gegenteil; mit jedem schlechten Wort, das sie Studenten über ihn flüstern hörte, wusste sie um einen weiteren potentiellen Konkurrenten, der ihr verschont blieb. Und auch an diesem Morgen, als der Mann mit dem roten Haar die Tür für sie aufriss und ihr sogleich der Gestank von Alkohol, Tabak und einer durchzechten Nacht entgegen kamen, kamen ihr nicht die sinnvollen und sehr ehrbaren Gedanken, dass sie dieses Unterfangen abbrechen sollte mit einer Führungsperson wie ihm. Nein, stattdessen fasste sie es sehr freudig als Zeichen dessen auf, dass die Expedition offensichtlich noch nicht vollständig gewesen und dadurch die Planung noch nicht in Gang gegangen ist.
      "Was wollen Sie, Miss Williamson?" Seine Stimme war rau und belegt von der Nacht und dem wahrscheinlich nur sehr kurzen Schlaf wenn sie sich seine rot unterlaufenen Augen besah. Heute ist wirklich ihr Glückstag gewesen. Ganz eindeutig. Der Mann hatte noch immer den Türknauf in der Hand und lehnte sich mit dem freien Arm an den Türrahmen. Herriet setzte ein strahlendes Lächeln auf. "Einen wunderschönen guten Morgen, Professor!", grüßte sie ihn, sich an seiner Art überhaupt nicht stören. "Mir ist ein furchtbarer Fehler aufgefallen, den ich beim letzten Mal, als ich Sie aufgesucht habe begangen habe. Ich bin hier um ihn zu revidieren.", klärte sie ihn freundlichst auf. "Es wäre am besten, wenn Sie mich einlassen würden. Oops!" Geschickt und viel zu ruckartig, um sich aufhalten zu lassen, schlüpfte sie unter seinem Arm durch in das Arbeitszimmer des Professors. Erfolg! Zuletzt war sie nicht so weit gekommen und das alleine gab ihr bereits einen kleinen Schubser und Mut. "Ich bin ja schon drin", sagte sie ganz erstaunt, als hätte sie das selbst nicht erwartet. Ihre Augen flogen durch das Zimmer und es sah aus als wären hier nicht ein, sondern gleich mehrere Kanonen explodiert.
      Leichtfüßig sprang sie von einem Bein auf das andere, sie balancierte um die Bücherstapel herum und fand sich schließlich auf das Sofa schmeißend wieder, ohne irgendwelche Bücher oder Dokumente zu beschädigen. Sogleich überschlug sie die Beine und legte ihre Mappe neben sich ab, ehe sie zurück zum Professor blickte. "Sehen Sie, ich habe lange über Ihre Absage nachgedacht. Ihnen wird sicherlich vertrau sein wovon ich spreche! Und während ich so darüber grübelte und nachdachte kam mir schließlich endlich die Erleuchtung! Was blieb Ihnen denn auch anderes übrig, als mich abzulehnen? Schließlich stand ich hier vor Ihnen ohne jeglichen Beweis dafür wie perfekt ich geradezu für diese Reise bin."
      Schnell kam sie wieder auf die Beine und deutete ihm auf seinen Schreibtischstuhl. "Bitte, setzen Sie sich!", sagte sie und sprang ein weiteres Mal um die Unordnung herum, bis sie es zum Schreibtisch schaffte, auf dieser ist beladen gewesen und ohne zu fragen stellte sie sich neben ihn und entfernte Tintenfässer und Briefbeschwerer aus dem Weg, ehe sie ihre Mappe auf die übrigen Papiere legte. "Ich möchte Ihnen meine zahlreichen Qualifikationen näher bringen. Bitte werfen Sie dafür einen Blick in diese Mappe!", sagte sie zwar, allerdings schlug sie sie selbst für ihn auf. "Ich habe hier alles von Interesse zusammengetragen! Konzeptzeichnungen, die ich in den letzten Tagen angefertigt habe. Hier sehen Sie die Vergrößerung einer Landkarte, die ich gezeichnet habe und selbstverständlich habe ich auch noch ein Arbeitszeugnis des Bibliothekars der Universität. Wenn Sie einen Blick darauf werfen möchte, werden Sie erkennen, dass ich mich besonders durch meinen Fleiß und meine Arbeitswilligkeit auszeichne!" Sehr gewissenhaft breitete sie selbst die Dokumente vor ihm aus. Es waren Zeichnungen von Eichhörnchen, Vögeln, die sich hier in der Gegend blicke ließen, aber auch ihr guter Freund Duke hat es als Motiv brütend über seinen Büchern in ihre Mappe geschafft. Pflanzen, Bäume, mehrere Abbildungen von allen Seiten und äußerst sauber leserliche Notizen dazu. Und bezüglich des Kartographierens war sie sehr genau vorgegangen, was die Maßstäbe betraf. Sie hat manche Karten um ein vielfaches vergrößert, andere wiederum verkleinert. Es hatte die gesamte letzte Woche seit ihrem letzten Besuch bei dem Mann gebraucht, bis sie all diese Materialen zusammen hatte.
      "Oh und abgesehen von meinen herausragenden Qualifikationen - wie Sie nun zweifelslos erkennen müssen - bin ich auch noch eine Frau vom Land! Ich bin durchaus Arbeit gewöhnt. Und ich bin unverheiratet und habe keine Kinder. Meine Familie ist auch schon im Wissen über mein Vorhaben! Demnach gibt es nicht die geringste Sorge etwas oder jemand könnte mich auf der Reise zurück halten und - ich sehe Ihren skeptischen Blick, deswegen habe ich mir das für den Schluss aufgehoben -, ich habe darüber nachgedacht und möchte Ihnen das einmalige Angebot machen, dass ich mitkomme... ganz ohne Bezahlung. Wenn Sie für Kost und Logis aufkommen benötige ich keinen Schilling darüber hinaus!"
      I'll see ya in a dream.
    • Aldwyn Godric Eldridge

      Bereits jetzt schon genervt blickte er auf die deutlich kleinere Frau hinunter, welche ihn zu laut und zu überschwänglich begrüßte. Himmel, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er war absolut nicht in Stimmung für den Eifer, den er leider jetzt schon in ihren Augen sehen konnte. Er ahnte bereits, was auf ihn zukommen würde. Noch ehe der Rotschopf die Tür einfach hätte zuschlagen können war Herriet bereits unter seinem Arm durchgeschlüpft und betrat unerlaubt sein Büro. Auch das noch. Aldwyn stieß ein unterschwelliges Knurren aus und rieb sich kurz über seine gereizten Augen. Dafür hatte er jetzt absolut keinen Nerv... Konnte sie nicht in zwei Stunden wiederkommen, wenn er zumindest etwas wacher wäre? Holte dieses Weib überhaupt Luft? Sie redete wie ein Wasserfall und ungläubig betrachtete er sie einen Moment lang, wie sie durch das Zimmer sprang, als wäre sie eine Gazelle. Erstaunlich, er hätte schon längst etwas umgeworfen, wenn er so übereilt durch den vollgepackten Raum gegangen wäre. Sie schien wirklich der Wirbelwind aus den Gerüchten zu sein und ermattet, ausgerechnet damit am frühen Morgen belastet zu werden, rieb er sich die Nasenwurzel mit zwei Fingern. Resigniert ließ er die Tür zufallen und nahm auf dem ledernen Stuhl platz, welcher vor dem schweren Schreibtisch aus dunklem Holz stand. Offenbar schien sie sich ja bereits eifrig hier einrichten zu wollen, nahezu verzweifelt energisch, den Professor zu überzeugen, seine Meinung zu überdenken. Aldwyn schwieg, sagte nichts. Es war auch nicht so, dass die mangelnden Pausen zwischen ihrer lauten Stimme ihm auch nur den Ansatz einer Chance zum Sprechen gäbe. In ganz Britannien gab es mit Sicherheit kein Frauenzimmer, welches meinte derart schonungslos als Wissbegierig dargestellt werden zu wollen. Außer Herriet Williamson. Sie sprach gegen alle Gesellschaftsnormen. An sich kein Problem für den Rothaarigen. Er gab selbst nur wenig auf das Gewäsch der modernen Etikette und der auferlegten Verhaltensmuster. Es war ihm gleich, wenn eine Frau lernen wollte- bitte, dann sollte sie es. Aber dann um Himmels Willen ohne ihm dabei auf die Nerven zu gehen.
      Seine dunklen Augen fuhren flüchtig über die ausgebreitete Mappe ihrer Arbeiten. Doch wurde ihm nicht einmal die Ruhe gegeben, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, als dieses Plappermaul auch schon weitersprach und meinte, sie wäre kostenlos. Die Brauen wanderten in die Höhe und er fixierte sie mit deutlich wacherem und nun durchdringenden Blick. Sie wollte ohne Bezahlung mit? War sie so verzweifelt darauf, an der Exkursion teilzunehmen? Aldwyn schwieg einen Moment und musterte das weibliche Energiebündel. Er versuchte abzuschätzen, ob sie für die lange Überfahrt etwas taugte. Ob sie auf einer fremden Insel, na der er suchte, wirklich eine Hilfe wäre. Sie war zierlich, durch und durch weiblich und er zweifelte, dass sie auf einem Schiff wirklich mit anpacken könnte. Seine Mittel des Geldes waren begrenzt, mehr als eine einfache Reise, bei der man keineswegs auf der faulen Haut liegen konnte, war nicht drin. Gerade öffnete die Dunkelhaarige wieder ihren Mund um einen erneuten Schwall an Worten loszulassen, da er noch einige Minuten nach ihrer wohlformulierten Ausführung nichts gesagt hatte. Doch Aldwyn kam ihr zuvor und erhob seine Hand als Geste, sie möge still sein.

      "Setz dich und sei ruhig.", kam es bestimmend von ihm und er wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Er wartete bis die Kleine saß und deutlich gespannt auf seine Reaktion wartete. Erst jetzt kümmerte er sich um die Mappe vor ihm. Er nahm sich alle zeit der Welt um die Skizzierungen zu betrachten. Sie waren gut. Nicht schlecht für jemanden wie sie, er hatte nicht erwartet, dass sie die Ruhe zum Zeichnen besäße. Eine Hand an das unrasierte Kinn gelegt, die andere auf dem Papier fuhren seine Augen die Linien nach. Sie machte keinen Unterschied ob es eine Pflanze oder ein Tier wäre. Er konnte sogar anhand der Bilder ausmachen, was sie gerade abgezeichnet hatte. Jedoch fielen ihm leichte Ungereimtheiten auf. Nichts Nennenswertes, es bezog sich nur auf kleinere Details.
      "Das Größenverhältnis der Archillea stimmt nicht zur Gänze. Die Zungenblüten sind etwas zu groß geraten, diese müssen kleiner und etwas filigraner dargestellt werden. Die Anzahl der Hüllblätter stimmt dafür jedoch.", kommentierte er eine Zeichnung der Schafgarbe, welche zwischen den Unterlagen zu finden war. Sicher, es war seinerseits keine Kritik. Er merkte es nur an, auf dass sie beim nächsten Versuch mehr darauf achten konnte. Pflanzen waren immerhin sein gebiet, in dem ihm niemand etwas nachmachen konnte. Seine Stimme war ernst, ruhig und in allem Maße nüchtern. Sie wollte ihr Wissen zeigen, er nahm es an. Wenn sie sich verbessern wollte hätte er damit kein Problem.
      Die Karten waren nun um einiges Interessanter, welche sie nach Maßstäben angefertigt hatte. Zugegeben fiel es ihm schwer zu glauben, dass sie es ohne Hilfe soweit gebracht hatte. Soweit er wusste wurden Frauen und Mädchen nach wie vor nicht unterrichtet. Das war interessant... Einige Zeit später, in welcher er sich nebenbei eine Pfeife entfacht hatte, lehnte er sich schließlich endlich aufsehend zurück. Er hatte hin und wieder Anmerkungen von sich gegeben, doch die Hand erhoben, wenn sie sich erklären wollte. Miss Williamson hatte keinerlei Grund sich zu entschuldigen und er wollte es auch nicht hören. Er gab nur Hinweise, was sie daraus machte war ihre Sache.
      "Eine Bemerkenswerte Sammlung, Miss Williamson. Aber für diese hatten Sie genug Zeit. Zeit, welche Sie auf der Exkursion nicht haben werden. Verzeihen Sie deswegen meine Unterbreitung, Sie selbst testen zu wollen. Ich will mir ein Bild von Ihren Fähigkeiten machen und zusehen, wie Sie meine gegebenen Aufgaben erfüllen. Sollte Ihnen das gelingen, was..." Er tippte auf die wieder geschlossene Mappe. "... in meinen Augen kein Problem sein sollte, dann erlaube ich Ihnen mich zu begleiten." Kurz hielt der Rothaarige inne, ließ seine Worte kurz wirken, ehe er fortfuhr, nebenbei in seinen unzähligen Kartenstapeln nach etwas suchen.
      "Sie werden für mich einen Kartenausschnitt nach einem Maßstab zeichnen, welchen ich Ihnen vorgebe. Wo hab ich... Ah, hier ist sie ja." Die gesuchte Landkarte von Afrika in den Händen haltend suchten seine Augen kurz diese ab.
      "Ich möchte dass Sie sich Madagascar zuwenden und diese Insel vergrößert darstellen, mit Augenmerk auf die Westseite der Insel. Flüsse, Gebirgsketten sind zu beachten und die wesentlichen Siedlungen einzuzeichnen. Die Informationen finden Sie auf der großen Landkarte hier, Ergänzungen dürfen Sie sich jederzeit aus Büchern holen. Des Weiteren zeichnen Sie mir eine spezielle Pflanze namens Melaleuca nesophila, auch genannt Honigmyrte. So exakt wie möglich aber ohne mehrere Tage daran zu sitzen. Beginnen Sie mit der Pflanze in der Bibliothek, Sie haben eine Stunde zum vorbereiten. Ich werde mich dann Ihnen anschließen und zusehen, wie Sie das herausgefundene in ein Bild wandeln. Hilfestellungen der Recherche sind erlaubt, man darf Ihnen einzig bei der Arbeit nicht helfen. Die Karte werden Sie danach beginnen, eine kurze Pause ist genehmigt wenn Sie mit der ersten Aufgabe fertig sind. Auch dabei werde ich anwesend sein und über Ihre Schulter sehen." Seine tiefe Stimme erfüllte den Raum und scheinbar aufmerksam lauschte sie ihm und schien zu verstehen. Gut. Dann wäre das ja soweit geklärt. Wenn sie wirklich so ein Talent hätte dürften seine Aufgaben ein Kinderspiel sein.
      "Das ist der Deal, Miss Williamson. Zeigen Sie mir was Sie können, dann sind Sie an Board und wir besprechen weitere Details." Er überreichte ihr die Sammlung ihrer Werke und ebenso die Landkarte von Afrika, welche sie brauchen würde. Schließlich erhob er sich, schnappte sich seinen Spazierstock und hielt auffordernd die Tür für sie auf, damit sie ohne Umschweife in die Bibliothek gehen konnten.


      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar
    • Herriet Williamson
      "Setz dich und sei ruhig.", erfüllte die zwar noch immer rauchige, doch inzwischen deutlich festere Stimme des Professors den Raum und zauberte auf die Züge seiner zukünftigen Assistentin ein breites Grinsen. Er schickte sie nicht fort. Das war gut! Sogar sehr. Er schickte sie nicht weg, sondern wies sie lediglich auf ihren Platz. Artig folgte sie sogleich seinen Anweisungen und stürzte sich regelrecht auf den Stuhl ihm gegenüber und nahm eine angemessene Haltung an. Aufgeregt und erwartungsvoll waren ihre großen Augen auf den rot-haarigen gerichtet. Allerdings stellte er ihre Geduld auf eine sehr harte Probe. Er ließ sich Zeit. Er ließ sich alle Zeit der Welt, wie ihr schien. Als er die Hand an sein Kinn legte zuckte Herriet sacht zusammen und realisierte erst in diesem Moment wie kräftig ihr das Herz gegen die Brust schlug. Ihr ganzes Sein schien bis zum Zerreisen gespannt. Hatte sie noch einen Plan B? Oder C? War das hier überhaupt ein Plan? Seine Augen sprangen über ihre Ausarbeitungen und plötzlich hatte Herriet selbst das Gefühl duzende Fehler zu bemerken.
      "Das Größenverhältnis der Archillea stimmt nicht zur Gänze. Die Zungenblüten sind etwas zu groß geraten, diese müssen kleiner und etwas filigraner dargestellt werden. Die Anzahl der Hüllblätter stimmt dafür jedoch.", richtete er wieder das Wort an sie und die Dame selbst hatte auf die Zeichnung geschaut, von der er sprach. Allerdings veranlassten seine Worte oder besser gesagt seine Betonungen sie dazu ihren Blick zu heben. Das... seine Stimme war nicht geprägt von der üblichen Abscheu, die Herriet inzwischen hier auf dem Campus gewöhnt gewesen ist. Nein, er kritisierte sie nicht, er verbesserte sie. In einer ähnlichen Manier, wie sie es schon von so manchen Lehrern gegenüber ihren Schülern erlebt hat. Nein, es ging hier wirklich nicht darum, dass Herriet eine Frau gewesen ist. Seine nüchterne Herangehensweise beim Sprechen ließ keinerlei Wertung zu.
      Die junge Frau sank ein bisschen zusammen und schaffte es nicht gänzlich eine gewisse Verlegenheit zu unterdrücken, die sie vor reiner Freude über diese Form der Behandlung empfand. Er kommentierte auch hier und da ihre Karten und unterband sogleich Herriets Versuche den Entstehungsprozess ihrer Beispiele zu erklären. Artig nickte sie nur und presste die Lippen aufeinander und blieb still. Würde ihr Onkel sie nun sehen, wäre ihm wahrscheinlich der Hut vom Kopf gefallen. Sie selbst wüsste nicht, wann sie das letzte Mal so gehorsam gewesen ist. Doch auch ihr Warten nahm schließlich ein Ende, als der Mann sich in seinem Sessel zurücklehnte und zunächst damit begann ihre Sammlung zu loben. Aber... Es gab ein Aber. Professor Eldridge versicherte ihr, dass ihre Leistungen zwar bemerkenswert gewesen sind, er sie allerdings noch einmal auf Zeit testen wollte.
      "Sollte Ihnen das gelingen, was in meinen Augen kein Problem sein sollte, dann erlaube ich Ihnen mich zu begleiten." Pure Erleichterung überfiel sie bei diesen Worten und sie hätte beinahe aufgeschrien. Allerdings riss sie sich zusammen. So gut sie konnte. Ihre steifen Schultern senkten sich und die staubige Luft des stickigen Büros wirkte für ihre Lungen in diesem Moment bereits wie der salzige Wind der See. Noch ehe sie ihm antworten konnte fuhr der Mann mit ihren Aufgaben fort und ihr Herz schlug immer schneller vor Glück und Aufregung. Herriet hatte viele Male mit Duke gesprochen und das, was der Professor gerade beschrieb klang für sie verdächtig stark nach einer Prüfung. Eine Aufnahmeprüfung. Ein ganz gewöhnlicher Test, um die Fähigkeiten eines Studenten auf die Probe zu stellen. Sie hatte es geschafft. An diesem Punkt wusste sie, sie hatte es geschafft. Zwar war ihr die Stelle noch nicht sicher, aber sie war in der Lage gewesen diese schrecklichen gesellschaftlichen Normen zu umgehen und zu provozieren, dass man ihre Bewerbung zumindest ernst nahm. Das allein ist für die schwarz-haarige ein Erfolg gewesen, auf den sie anstoßen wollte. Doch zunächst musste sie sich noch ein wenig anstrengen. "Das ist der Deal, Miss Williamson. Zeigen Sie mir was Sie können, dann sind Sie an Board und wir besprechen weitere Details." - "Sehr wohl, Herr Professor! Sie werden es nicht bereuen! Vielen Dank!", strahlte sie überschwänglich und sprang selbst bereits auf die Beine, um sich auf direktem Wege in die Bibliothek zu begeben.
      Im Beisein eines Professors den Weg zu gehen, den sie schon so oft angetreten war berauschte die junge Frau und man konnte ihr die gute Laune schon von weitem ansehen. Einige Studenten mit denen sie regelmäßig stritt verdrehten nur die Augen oder tuschelten. Doch nichts - und erst recht nicht so etwas - konnte ihre wunderbaren Aussichten trügen. Sie öffnete die schweren Türen zur Bibliothek und tänzelte regelrecht an dem Tisch ihres Onkels vorbei, der mit einem mürrischen Blick seine Augen von der Zeitung hob, die Pfeife noch zwischen den Lippen haltend. "Kind, was-!", er stockte, als er den Mann an ihrer Seite bemerkte, worauf Herriet ihm nur die Zunge heraus streckte, aber noch nichts verkündete. "Folgen Sie mir, Herr Professor!" Oh und wie genüsslich sprach sie ihn an in Beisein ihres Onkels. Sie führte ihn geradewegs zu einem Tisch an einen Tisch weiter hinten im Raum an einem Fenster, wo eine ihr bereits sehr vertraute Gestalt saß, die Nase unbegeistert in einem Buch über Rechtswissenschaften. Ohne irgendwas zu sagen oder sich zu entschuldigen nahm sie ihm das Buch aus der Hand und legte es auf die Fensterbank hinter ihm.
      Duke wunderte sich nicht einmal oder protestierte. Mit hochgezogener Augenbraue sah er mit an, wie die Frau alle seine Unterlagen vom Tisch nahm und sie bei Seite räumte. "Was machst du da?", nuschelte er schließlich verständnislos und bekam prompt ihre Mappe in die Arme gedrückt. "Ich brauche diesen Tisch!", verkündete sie nur feierlich. "Setzen Sie sich, Herr Professor! Duke wird Ihnen sicherlich Gesellschaft leisten, während sie warten." Erst jetzt fing das Anhängsel der aufgeregten Frau die teilnahmslosen Augen des schwarz-haarigen ein und sogleich verschluckte er sich an dem Rauch seiner Pfeife, den er gerade eingezogen hatte. "Aldwyn. Welch... Überraschung.", grüßte er den rot-haarigen, den er sonst nur aus den Spelunken kannte. Herriet bekam davon allerdings schon nichts mehr mit. Sie war sofort zwischen den Reihen verschwunden und schaufelte sich Buch über Buch auf den Arm, legte sie auf dem Tisch ab und ging wieder los. Sie kletterte auf die festgemachten Leitern und stieß sich einfach mit dem Fuß weiter, wenn sie zu einem anderen Abteil wollte. Eine Geste von der sie genau wusste, dass ihr Onkel davon aufspringen würde. "Herriet! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass..." Eine Enkelin unterbrach ihn einfach, in dem sie ihm die Bücher reichte, die sie einsammelte. "Danke für die Hilfe! Ich hab es gleich!", grinste sie ihn frech an und schleuderte sich auch schon wieder davon. "Du bringst mich ins Grab! Ich sag es dir! Und dann wirst du nicht mehr so unverschämt grinsen, du kleine Göre!"
      I'll see ya in a dream.
    • Aldwyn Godric Eldridge

      Mit hochgezogenen Brauen bekundete er ihre Euphorie, sagte jedoch nichts mehr dazu. Aldwyn hatte die Regeln der Prüfung festgelegt und würde sich nun zurücklehnen, um zu sehen was sie wirklich bewerkstelligen könnte und in welcher Zeitspanne. Weder auf hoher See noch auf der gesuchten Insel war ihnen viel Zeit gegeben. Nicht selten müsste sie sich einem seltenen, vielleicht sogar unbekannten Tier annehmen und dies zeichnen, solange sie es noch erblicken konnte. Es gab dort draußen keine Bücher, welche ihnen helfen konnten. Es gab keine Karten, die man sich zurate ziehen konnte. Nicht umsonst hatte man ihn nahezu ausgelacht, als er mit dem Vorschlag kam, nach dieser fremden Insel zu suchen. Sicher, der Ursprung dieses Gerüchtes entstammte tatsächlich einer Abenteuergeschichte, welche er gelesen hatte. Und doch war Aldwyn nicht Drumherum gekommen, etwas tiefer nachzuhaken. Er hatte Geflüster aufgenommen von den Seeleuten an den Docks, hatte Händler über ein seltsames Phänomen im Wasser berichten hören, wenn sie vom Kurs abgekommen waren.

      Und von dem Nebel. Dieser hatte dann wirklich die Aufmerksamkeit des Professors auf sich gezogen. Er wusste nicht, wie viel Wahrheitsgehalt an den trunkenen Worten des Matrosen dran gewesen war, doch hatte ihn diese Erzählung stutzig gemacht. Ein dichter Nebel auf dem Meer, dicker als jener in den Londoner Straßen in Novembertagen. Soweit sich der Gelehrte entsinnen konnte, gab es sicherlich einige Phänomene des Ozeans, welche aus dem Nichts kamen. Stürme, Gewitter, meterhohe Wellen. Doch von einem Nebel hatte er noch nie gehört, geschweige denn auf seinen Reisen so etwas beobachten können. Viel interessanter war jedoch die Erzählung, der Matrose hätte inmitten der Nebelschwaden Vögel hören können. Ähnlich den Klängen der Möwen hatten sie nahes Land angekündigt, doch kaum war der Nebel verschwunden verstummten auch die Tierlaute. Aldwyns Neugierde war damit heraufbeschworen. Zugegeben er war etwas misstrauisch, was wahr und was Phantasie, ausgelöst durch Rum, gewesen wäre. Allerdings hatte er sich die ungefähren Koordinaten geben lassen. Längen- und Breitenmaß in dessen Umfeld es ungefähr geschehen war. Es war schwierig, wirklich den Ort zu finden, welcher sich auf dem leeren Stück Landkarte befand, in dem man nur Wasser verzeichnet hatte. Dennoch, eine solche Entdeckung würde nicht nur seinen Namen reinwaschen. Es würde ihm ein Vermögen einbringen. Inseln wurden kaum noch entdeckt, man hatte die Festlande besiedelt und kolonialisiert. Etwas Neues zu finden glich einer Unmöglichkeit. Aber eine Insel, welche in einem unnatürlichen Nebel verborgen lag, dürfte diese lange Reise wert sein. Ganz egal wie viel Spott Aldwyn erleben musste, man hatte ihn ziehen gelassen. Ohne notwendige Ressourcen, er war auf sich alleingestellt- wie so oft in seinem Leben. Hielt es den Rothaarigen auf? Nein, bei Gott er würde diese Reise antreten und zurückkehren, seine Entdeckung diesen Schnöseln in enggeschnürter Weste zeigen, zu was er in der Lage war. Sie hatten vergessen, dass er es war, welcher ein Heilmittel für die leidliche Blausucht gefunden hatte. Sie hatten vergessen, dass seine botanischen Fähigkeiten die Medizin weitergebracht hatten. Dass ließ der stolze Mann nicht auf sich sitzen. Nicht so, er würde beweisen, dass er definitiv nicht zu unterschätzen war, wenn es um seinen Forscherdrang ging. Und im gegensatz zu den verklemmten Realisten würde er es nicht wagen, etwas Unerklärliches abzuschmettern. Im Gegenteil, trotz seines Wissensstandes und seinen Reisen war Aldwyn gewillt, Sagen einen Wahrheitsgehalt zuzusprechen. Es wäre naiv zu glauben, sie könnten alles erklären und mit Wissenschaft belegen. Naiv? Nein, es wäre arrogant.


      In Gedanken versunken hatte er mit Herriet den Weg zur Bibliothek eingeschlagen, die an ihnen vorbeigehenden Männer ignorierte er gekonnt. Aldwyn besaß nicht länger die Stellung des hoch angesehenen Professors wie er sie einmal hatte. Mittlerweile spottete man über sein verkommenes Äußeres, seiner Neigung zu durchzechten Nächten und die Inkompetenz, welche er an den Tag legte. Aber das interessierte den hochgewachsenen Mann gelinde gesagt gar nicht. Im Gegenteil, er genoss diese Aufmerksamkeit, den Abscheu. Es stachelte ihn an, sich so zu präsentieren mit gerader, selbstsicherer Haltung. So auch jetzt. Ohne seinen Mantel, lediglich in dem weißen Hemd gekleidet und der einfachen Weste darüber, schritt er mit der Frau durch die Gänge. Sein Stock ließ jedes Mal einen dumpfen Ton erschallen. Dennoch fühlte er sich beinahe siegessicher. Sicherlich, eine Frau als Assistentin war nicht das, was er erhofft hatte. Doch nachdem er ihre Arbeit gesehen hatte würde sie definitiv mehr taugen als jeder Student in dieser Einrichtung, der stumpf nach dem Lehrbuch sprach. Sie hatte ihren eigenen Kopf, das imponierte ihm. Zudem verlangte sie keinen Schilling- das war ihm nur recht. Fairer Weise würde sie an dem Gewinn beteiligt werden, sollten sie zurückkehren.
      Der Geruch von Pergament und Papier schlug ihm in der staubigen Bibliothek entgegen, welche von einem ähnlich alten und zerknitterten Mann geführt wurde. Der Rotschopf hatte wenig mit Mr. Willamson zu tun gehabt, wusste nur um die Bindung zu seiner Nichte, da dies ein offenes Geheimnis in diesen Hallen des Wissens war. Viel zu tun hatte er mit diesem Mann nicht. Wieso sollte er auch? Aldwyn konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt die Bibliothek aufgesucht hatte. Er schickte Studenten vor um ihn wenn gebraucht ein Exemplar zu holen.Die meisten der Bücher in seinem Büro waren sein Eigentum oder sogar selbst per Hand von ihm verfasst. Stumm nickte er dem griesgrämigen Alten zu, welcher sichtlich überrascht schien, den Professor zu sehen. Offenbar hatte Herriet sich bereits über ihr Vorhaben zu genüge ausgelassen.Aldwyn bekam ohnehin keine Chance, auch nur ein Wort mit ihrem Onkel zu wechseln, als er auch schon zu einem der hinteren Tische geführt wurde, an dem bereits ein schwarzhaariger Student saß. Zweifelnd sah er der jungen Frau dabei zu, wie sie sich ungefragt einfach Platz schaffte und nahezu dreist die Arbeit des Studenten beendete, obwohl sie genauso gut jeden anderen Tisch hätte wählen können. Aber es musste ausgerechnet dieser sein? Seufzend strich er sich die Haare zurück. Das müsste er unterbinden, wenn sie wirklich mit ihm zusammenarbeiten würde. Er duldete so etwas nun einmal nicht, zumindest nicht wenn er arbeitete.

      "Setzen Sie sich, Herr Professor! Duke wird Ihnen sicherlich Gesellschaft leisten, während sie warten." Moment, hatte sie gerade…? Überrascht fuhr sein Kopf nun wirklich zu dem vermeidlichen Studenten herum und er erkannte niemand geringeren als seinen Trinkkumpanen Duke. Warte… Er war ein Student? Auch noch Rechtswissenschaft? Das passte so gar nicht zu dem verschlossenen, ruhigen Mann. Aldwyn blinzelte perplex und seine braunen Iriden trafen auf die Haselnussfarbenen des Anderen. Duke war gerademal ein Jahr jünger als Aldwyn, weshalb es ihn ehrlich gesagt irritierte, dass er noch immer studierte.
      „Duke... Dich habe ich hier gar nicht erwartet, alter Freund.“, kommentierte er und nahm neben seinem Bekannten platz. Prüfend musterte er den schmächtigen Dunkelhaarigen, ehe er grinste.
      „Hätte nicht erwartet, dass du ein Student bist. Sei so gut und Teile deinen Tabak mit deinem Professor, ja?“, feixte er und holte seine eigene Pfeife heraus. Das Beisein seines Kumpanen war ihm tatsächlich ein erstaunlich angenehmer Umstand, den er nicht erwartet hatte. Die Pfeife entzündend blickte er kurz zu dem quirligen Frauenzimmer, welches zwischen den Regalen verschwand. Nun, sie brauchte eine Weile also konnte er sich genauso gut entspannen. Die Beine ausstreckend griff er in seine Westentasche und holte einen der zerknitterten Wettscheine hervor.
      „Dein Anteil. Ich habe mir erlaubt deinen Gewinn mitzunehmen. Natürlich hat meine Wenigkeit den Kampf gewonnen, dieser Narr bestand mehr aus Muskeln aber dafür weniger aus denkfähiger Hirnmasse.“, eröffnete er und reichte Duke seinen Anteil des Gewinnes. Natürlich hatte er auf Aldwyn getippt, der Rotschopf wäre beleidigt wenn er es nicht täte. Es war mittlerweile ein gewohntes Prozedere, dass der Rotschopf in den Kampfring stieg und Duke auf seine Erfolgschancen spielte.
      „Allerdings sollten wir eine neue Spelunke suchen. Der Wirt hat mich bei den Schuldnern verpfiffen, dieser Bastard.“, knurrte der Professor mit finsterer Miene während er den bläulichen Rauch ausstieß. Dann nickte er zu dem Wirbelwind.
      „Kennst du die Kleine?“, hakte er neugierig nach. Er selbst wusste kaum etwas über Miss Willamson, genauer gesagt nur das, was er zufällig mal aufgeschnappt oder selbst erlebt hatte. Aber auf Gerüchte gab er nichts, er selbst war von solchen verurteilt.

      "Ist es Sehnsucht? Oder ist es Enttäuschung, welche ein Herz so sehr schmerzen lässt?"
      -Lucia | The fallen Morningstar