Das Geheimnis der Adeligen~ (Yanco&Yuna)

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    • Das Geheimnis der Adeligen~ (Yanco&Yuna)

      Vergangenheit Zeit 1861

      ~Cecelia von Lichtenwald~

      Vor kurzem wurde Cecelia stolze 5 Jahre alt und erhielt als Geschenk von ihren Eltern ein Kleid aus purer Baumwolle. Die Farbe Grün hatten sie gewählt da sie ein wahres Energiebündel war. Spielen, toben und rennen. Das waren ihre Leidenschaften als Kind.
      Noch wusste sie nichts von der Last auf ihren Schultern die sie ereilen würde.
      Ihre ganze Familie sorgten dafür, dass es auch zunächst so bleiben würde.
      Der einzige Gast im Kindesalter der geduldet wurde, weil er früh aufgeklärt wurde, war der edle Leodegar von Katzbrunn.
      Heute war er auch zu Gast und spielte mit Cecelia hinten im Garten. Bewacht von einigen Angestellten und einem ihrer Brüder. Adrian.
      Als ältester Sohn der Familie von Lichtenwald nahm er seine Aufgaben und Pflichten sehr ernst. Besonders die Pflicht auf seine Schwesters Tugend acht zu geben.
      Selbst in diesen zarten Alter konnte es durch ein Versehen oder einem Gefühl heraus schon zu widrigen Verhalten kommen.
      Daher wurde große Vorsicht walten gelassen, wenn sich die kleine Cecelia mit jemanden umgab.
      Einen untadeligen Ruf aufrecht zu erhalten war in dieser Zeit äußerst schwer und kaum wieder herzustellen.
      So verließ der junge Herr Katzbrunn das Anwesen vor Einbruch der Dunkelheit wieder.
      Mit einem traurigen Blick schaute die kleine Cecelia ihm und seiner Kutsche nach. Noch wollte sie nicht verstehen warum sie ihn nicht einmal umarmen dürfe. Denn sie sah bei ihren Vater und ihrer Mutter das doch auch.
      Jedoch nach einigen Jahren würde sie es verstehen können. Ganz sicher.
    • -Leodegar von Katzbrunn-

      Ein letztes Mal noch streckte der kleine Leodegar den Kopf noch aus der Kutsche und sah nach Cecilia. Sie stand noch dort am Tor des Anwesens ihrer Familie, umgeben von den Hausdienern und ihrem Bruder. Das Grün ihres Kleides leuchtete in dem dämmrigen Licht. Auch bei all dem Spielen hatte Leo darauf geachtet, dass Cecilia nicht schmutzig wurde oder zu Schaden kam - schließlich war er ein Mann von Stand, und als solcher musste er verhindern, dass einer Dame Leid widerfuhr. So war es ihm beigebracht worden. Außerdem wusste er, dass ihm ihr Bruder und auch sein Vater noch einmal Zuhause den Rohrstock gegeben hätten. Doch trotzdem war es ein sehr schöner Tag gewesen.
      Mit einem Grinsen hob er den Arm, um zu Winken, doch ein unüberhörbares Räuspern seines Vaters ließ ihn einhalten. Etwas beklemmt zog Leodegar sich wieder zurück in die Kutsche.
      Eine ganze Weile saß Leodegar seinem Vater gegenüber, der einige Dokumente sichtete, die er von Cecilias Vater bekommen hatte.
      Schließlich konnte er es nicht mehr aushalten.
      "Vater, darf ich euch das nächste Mal wieder begleiten? Das würde mich sehr freuen", fragte der Junge zaghaft. Sein Vater, Edler Goswin von Katzbrunn, blickte von den Unterlagen auf und schien einen Augenblick nachzudenken.
      "Das kann ich dir nicht versprechen, Sohn. Ich werde dem Baron von Lichtenwald in einigen Wochen noch einen Besuch abstatten müssen, um ein paar letzte Angelegenheiten zu klären. Wenn sie es gestatten, werde ich dich mitnehmen.", er hob mahnend den Zeigefinger. Sein warmer Blick wurde ernster "sofern du deine Studien nicht vernachlässigst."
      Leodegar wusste, dass dies keine Garantie war. Selten konnte sein Vater ihm etwas sicher sagen, wenn es um die Beziehung zu anderen Familien von Stand ging - insbesondere wenn sie von höherem Stand waren. Letztendlich waren die von Katzbrunns nur Edle, Landadel, fast am unterstem Ende der Standesleiter.
      Dennoch brachten ihm die Worte seines Vaters etwas Zuversicht.
      "Danke, Vater. Ich werde meine Studien gewiss nicht vernachlässigen, ich weiß dass es wichtig für die Zukunft ist."
      Dann schaute der kleine Leo durch die dicke Butzenglasscheibe der Kutschentür und baumelte mit den Beinen. Er beobachtete die verschwommene Landschaft und die Lichter der Gehöfte und Siedlungen, an denen sie vorbeifuhren.
      So sah er nicht, wie sich bei Leodegars Worten ein Schatten über das Gesicht seines Vaters legte.
      Sapere aude!
    • ~Cecelia von Lichtenwald~

      Wie an allen Abenden zuvor folgte nun das Abendmahl.
      Auf diesen Anwesen dinierten alle gemeinsam. Die gesamte Familie ohne Ausnahme.
      Was Cecelia noch nicht wusste war das dies nicht in allen Adelshäusern Standard war. Doch auch das würde sie noch kennenlernen.
      "Papa? Wird Leode-", wollte Cecelia gerade zum sprechen ansetzen als ihr Mutter sie nett gemeint unterbrach.
      "Sprich deinen Erzeuger mit Vater an, meine liebe Tochter. Das zeigt mehr Würde als das Wörtchen Papa."
      Etwas verwundert darüber das sie nun nicht mehr Papa sagen durfte setzte Cecelia erneut an.
      "In Ordnung, Mutter. ... Vater? Kommt Leodegar uns bald wieder besuchen?"
      Während ihr Vater Alexander gemütlich zu ende kaute und seine Worte wohl überdachte schaute er unleserlich zu seiner Tochter hinüber.
      Musste er wirklich so lange über eine ja eigentlich leichte Frage überdenken?
      Nach einigen Augenblicken des unangenehmen Schweigens begann er zu sprechen.
      "Gegen ein erneutes Treffen stände nichts im Wege. Nur das Wann müsste wohl überlegt sein."
      Baronin Ria nickte ihrem Gemahl zu um dem recht zu geben.
      Doch wieso war es so wichtig auf die Zeit zu achten? Ihr wäre lieber gewesen, wenn er hier im Hause genächtet hätte.
      So hätten sie am nächsten Tage wieder spielen und lachen können.
      Kurz darauf räusperte sich ihr Bruder Frederick um etwas zu verläuten.
      "Ich bin dagegen einen Schatten des Unwissens auf sie zu werfen, Vater. Auch wenn sie eine Dame ist sollte sie gewisse Dinge wissen um sich selbst schützen zu können."
      Auf einmal wurde alles Still am Tisch.
      Cecelia wurde von ihrer Mutter ins Bett gebracht und ihr Bruder Adrian ging ohne ein Wort auf sein Zimmer.
      Von diesen Tage an redete Frederick nie über die Situation dieser Nacht und auch kein Wort mehr über den Schatten des Unwissens.
      Was mag ihr Vater gesagt oder getan haben? Ob sie das wohl jemals heraus bekämen würde?
    • -Leodegar von Katzbrunn-

      "Sitzen Sie bitte aufrecht, junger Herr. Sonst wird euer Rücken krumm wie der eines Holzfällers.", erinnerte Gisbrecht, Leodegars Tutor den Jungen.
      "Ja, entschuldigt.", erwiderte Leodegar und straffte sich. Es fiel ihm schwer, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Ihm war heiß. Er war müde. Hungrig auch. Und gelangweilt. Warum musste er an so einem schönen Tag ihn der Lehrstube sitzen und Gisbrechts monotonen Vorträgen zuhören? Fast wäre ihm ein Seufzer entfahren, doch mit einem Blick auf den Rohrstock, der auf Gisbrechts Pult lag mahnte er sich zur Disziplin.
      "Dies ist das 'A', ein Vokal." Gisbrecht schrieb den Buchstaben mit Kreide an die Tafel. "Er kommt sehr häufig in unserer Sprache vor, genau wie das 'E', das ihr bereits kennengelernt habt. Das 'A' kommt aus dem Griechischen, von dem Buchstaben 'Alpha' ", erklärte er, und malte einen komischen Kreis an die Tafel. "Es ist der erste Buchstabe des Alphabets, und auch-"
      Gisbrechts Vortrag wurde von Leodegars ältestem Bruder Friedrich unterbrochen, der die Lehrstube betrat.
      "Junger Herr", begrüßte ihn Gisbrecht und setzte eine Verbeugung an. Leodegar tat es ihm nach und begrüßte seinen ältesten Bruder.
      "Bleibt ruhig. Ich bin nur gekommen um mich von meine Bruder Leodegar zu verabschieden, Gisbrecht", winkte Friedrich ab und wandte sich Leodegar zu.
      "Verabschieden? Wohin gehst du? Wann?", fragte Leodegar und warf einen hastigen Blick zu Gisbrecht, ob seiner ungeduldigen Frage. Doch dieser hatte sich bereits abgewandt und schaute aus dem hohen Fenster. Welch Glück!
      Friedrich hockte sich vor Leodegar und legte ihm eine Hand auf die schmale Schulter. Der junge Mann war neunzehn Sommer alt und die Hand kräftig vom Waffengang, doch gleichzeitig feingliedrig und weich wie es sich für einen Mann von Stand gehörte. Er war der Stolz seines Vaters. Leodegar sah zu ihm auf, hatte Friedrich ihn doch stets gut behandelt.
      "Noch heute Abend. Ich wurde eingeladen, vom Grafen dieses Landes. Vater sagte, es ginge um meine Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen als Adeliger."
      Leodegar überlegte kurz. Für Friedrich war das natürlich etwas Tolles, das war anscheinend ein wichtiges Ereignis für ihn. Aber für Leodegar war das schlecht. Es hatte ihm immer viel Spaß gemacht, mit Friedrich zu spielen, doch wenn er nun ein Erwachsener war, hätte er sicher nicht mehr so viel Zeit dazu.
      "Ich freue mich für dich," sagte er schließlich etwas beklemmt.
      Friedrichs Hand drückte sanft auf seine Schulter.
      "Keine Sorge, Leodegar. Wir werden trotzdem noch unseren Spaß haben", erwiderte der Älteste lächelnd.
      "Versprochen?"
      "Versprochen", antwortete Friedrich mit einem Zwinkern. Dann stand er aufrecht.
      "Ich gehe davon aus, dass ich mich darauf verlassen kann, dass du hier alles beisammen hältst, Leodegar?", sprach Friedrich betont ehrfurchtegebietend.
      "Darauf könnt ihr euch verlassen, Bruder", antwortete Leodegar ähnlich schwer und stand auf.
      "Dann kann ich beruhigt abreisen. Auf Wiedersehen", verabschiedete sich Friedrich, nickte Gibrecht zu und trat aus dem Raum.
      Leodegar sah ihm noch eine Weile hinterher, dann bemerkte er Gisbrechts Blick und richtete gehorsam seine Aufmerksam auf den alten Mann. Doch dieser wirkte mit einem Mal sehr gebrechlich, wie er sich dort auf das Pult stützte.
      "Wir machen eine Unterbrechung. Nehmt etwas zu euch und sucht anschließend ein Buch aus der Bibliothek, das mit 'A' beginnt. Wir machen dann weiter."
      Leodegar stand auf, prägte sich das 'A' an der Tafel ein und verließ anschließend grinsend den Raum.
      "Nocte Ludos... Die Nacht der Spiele. Ich bete für euch, junger Herr.", hörte er Gisbrecht noch flüstern.
      Oder er hätte es gehört, wäre Leodegar nicht bereits in Gedanken beim Mittagsmahl gewesen.
      Sapere aude!
    • ~Cecelia von Lichtenwald~

      Einige Tage waren vergangen seit jener Nacht und es war alles wie zuvor.
      Cecelia durfte draußen spielen zusammen mit dem Kindermädchen.
      Die beiden Söhne wurden derzeit im Fechten unterrichtet. Adrian, der Ältere, musste und war natürlich besser als sein jüngerer Bruder.
      Er sollte schließlich einmal das Erbe der Familie von Lichtenwald fortführen. Mit einer guten Gemahlin an seiner Seite.
      Frederick war zwar nur sein sogenannter Schatten, aber ihm selbst war es ganz recht.
      So hatte er weniger Last zu tragen und konnte sich auf das beinahe freie Leben freuen.
      Abrupt jedoch wurden die beiden jungen Herren unterbrochen.
      Einer der Butler kam mit einem Silbertablett auf den Händen herein. Darauf befand sich ein grauer Umschlag.
      Adressiert wurde er an den Baron Adrian von Lichtenwald.
      "Junger Baron. Dieser Brief ist für euch.", sagte der Butler und kniete vor ihm nieder.
      Schweiß gebadet durch das Training wischte er sich zuerst mit einen Handtuch das Gesicht trocken.
      Dann nahm er den Umschlag und der Butler trat von ihm zurück.
      Mit einem mulmigen Gefühl öffnete er den Umschlag und las den Brief.
      Sein Gesicht wurde jede Sekunde und bei jeden Wort das er las immer blasser.
      Bald kam sein Bruder verwundert zu ihm hinüber um zu fragen was denn dort geschrieben stände.
      Er nahm behutsam das Blatt Papier in seine Hände und während er es immer und immer wieder las wurde auch sein Gesicht immer heller.
      "Eine Einladung ins Schloss... Warum ausgerechnet denn meine Wenigkeit?", flüsterte Adrian vor sich her bevor er sich aufmachte zu seinen Vater zu gehen.
      Frederick kannte keine Antwort darauf. Nur wie sollte man der kleinen Cecelia das erklären was ihrem großen Bruder bevorstand?
      Vielleicht würden sie sich das letzte Mal in ihren Leben sehen...
      Baron Alexander konnte die Nachricht kaum glauben. Ausgerechnet seinen besten Sohn mussten sie erwählen.
      Warum nicht seinen Zweiten? Denn auch wenn er Frederick im Herzen liebte so wäre es besser für die Familie ihn zu verlieren als seinen Erstgeborenen Adrian.
      Auch die Baronin war untröstlich als sie das erfuhr.
      Eines ihrer Kinder das sie so lange unter dem Herzen getragen hatte sollte an so einem grausamen Spiel teilnehmen und dabei vielleicht sogar sein Leben lassen?
      Bald wurde Cecelia davon unterrichtet.
      Doch wurde ihr nur gesagt das ihr großer Bruder Adrian auf eine lange Reise gehen würde anstatt ihr die Wahrheit zu erzählen.
      Dennoch weinte Cecelia sehr. Sie wollte nicht das ihr Bruder so lange weg sein würde.
      Bei ihrer Reaktion konnte Adrian sich seiner Tränen nicht verwehren.
      Sie wusste nichts von all dem Grauen in diesen Land und doch hatte man das Gefühl als wenn es ihr Instinkt bereits vermutete.
      So machte sich der junge Baron mit seinen eigenen Pferd auf den Weg zum Schloss des Landgrafen.
    • -Leodegar von Katzbrunn-

      Der Tag begann wie jeder andere im Leben des Kindes. Er wurde morgens geweckt, die Leibdienerin Mathild half ihm beim Waschen und Anziehen und bereitete anschließend das Frühstück. Beim siebten Schlag der Glocke ging er wie immer zum Unterricht bei Gisbrecht. Nach einem Mittagsmahl und zwei weiteren Stunden des Unterrichts in der Lehrstube hatte Leodegar etwas Zeit für sich.
      Am heutigen Tag hatte er sich dazu entschlossen, auf die Kutsche seines Bruders zu warten. Er war gespannt darauf, wie der Aufenthalt von Friedrich beim Grafen gewesen war. Hatte der Graf seinen Bruder feierlich in die Ränge der richtigen Adligen aufgenommen? Leodegar war sich sicher, dass dem so war. Er kannte keinen, der es mehr verdient hätte.
      So blieb er in der Nähe des Tors zum Anwesen der von Katzbrunn. Ein Wächter war dort stets stationiert, um das Tor geschlossen zu halten und ungewollte Besucher fernzuhalten. Doch Leodegar bat ihn, das Tor zu öffnen, damit die Kutsche seines Bruders sofort einfahren konnte. Der Junge wollte einer der ersten sein, seinen Bruder zu begrüßen.
      Es dauerte fast bis zum Abendessen, als Leodegar die Kutsche seines Bruders die Straße herunterfahren sah. Freudig sprang der Junge auf und lief zum Anwesen, um allen bescheid zu sagen, das Friedrich heimgekehrt war.
      Sein Vater war der erste den er antraf, direkt in der Einganshalle.
      "Vater, Vater! Die Kutsche von Friedrich kommt!", informierte er den Herren von Katzbrunn. Hatte Leodegar erwartet, dass sein Vater freudig auf diese Kunde reagieren würde, wurde er enttäuscht.
      Eine leichte Blässe schlich sich in das Gesicht des sonst stets gefassten Mannes. Er setzte zu sprechen an, räusperte sich einmal und wiederholte sich:" Danke Leodegar. Geh nun auf dein Zimmer. Wir sehen uns beim Abendessen."
      "Aber Vater, ich würde meinen Bruder gerne begrüßen, darf ich bitte-", protestierte der kleine Junge, unterbrach sich aber in Erwartung einer Züchtigung. Doch die blieb aus.
      "Nein, Leodegar. Geh... Geh auf dein Zimmer und warte dort", sagte sein Vater mit fast schon flehender Stimme. Sein Blick war auf das Portal zum Haupthaus gerichtet, ja schien fast durch die massive Tür hindurch zu dringen. "Ich muss mit Friedrich reden. Wir sehen uns beim Abendessen."
      Geknickt hörte der Junge auf die Worte seines Vaters und ging auf sein Zimmer. So hatte er den Herren von Katzbrunn noch nie erlebt.

      Das Abendessen war bereits vorbei. Leodegar hatte es alleine mit Mathild eingenommen. Doch harrte er weiterhin aus. Alles im Haus in Aufruhr war. Man hörte viele Schritte durch die Flure laufen. Aus dem Fenster sah er, dass einige Männer seines Vaters in die Stadt ritten. Stimmen riefen aufgeregt durcheinander, zwischenzeitlich glaubte er, eine Frau weinen zu hören. War es seine Mutter? Mathild versuchte ihn abzulenken, sie hatte ein Blatt Karten geholt und brachte Leodegar ein einfaches Kartenspiel bei, doch dieser war nur halbherzig dabei.
      Schließlich wurde die Tür zu Leodegars Gemach geöffnet. Sein Bruder Theobald trat ein. Er war nur wenige Jahre älter als Leodegar, vor einigen Wochen hatten sie seinen neunten Geburtstag gefeiert. Auch wenn Theobald Leodegar öfter ärgerte, insgesamt kamen sie doch gut miteinander aus und spielten häufig miteinander durch die Gärten des Anwesens.
      "Komm mit, sie sind in Friedrichs Gemächern. Ich will nicht länger warten. Irgendetwas ist da los", erklärte Theobald. Sofort sprang Leodegar unter Mathilds Protest auf und folgte seinem Bruder.

      Man hörte es schon von Weitem. Viele Leute waren im Gemach von Friedrich versammelt. Sein Vater stand am Bett, mit fahlem Gesicht, und Leodegars Mutter stand an seiner Seite. Ihre Augen waren gerötet und sie umklammerte ein Taschentuch, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Mehrere Hausdiener standen beisammen und flüsterten aufgeregt. Der Arzt der Ortschaft, Doktor Roggenmeyer stand am Bett seines Bruders und versperrte Leodegar damit den Blick. Der lederne Koffer, den der Arzt immer dabei hatte, war auf dem Nachttisch abgestellt. Seltsame Instrumente lugten daraus hervor.
      Doktor Roggenmeyer hantierte gerade mit einem ledernen Riemen.
      "Den muss ich ihm anlegen. Muss das Blut stoppen. Sonst breitet es sich aus", erklärte der Arzt knapp. Schweiß stand auf seiner Stirn. "Betet zu Gott. Vielleicht kann ich die Hand noch retten, aber die beiden Finger sind weg. Haltet ihn fest, das wird schmerzen. Hier Junge, beiß darauf", befahl er er und holte ein lederumwickeltes Holzstück hervor. Leodegar konnte sehen, dass es bereits sehr abgenutzt war, an einigen Stellen war das Leder bereits löchrig und legte das helle Holz frei.
      "Und holt mir Wasser. Am besten Heißes. Ich muss das ausspülen."
      Einige Diener huschten aus dem Raum. Doktor Roggenmeyer drehte sich zu seinem Koffer um und legte sich einige Instrumente zurecht. Jetzt konnte Leodegar seinen Bruder sehen.
      Er war blass, fast so hell wie die einst weißen Laken, auf denen er lag. Doch diese wiesen, ebenso wie die Decke, die nur halb den Körper von Friedrich bedeckte, rote, blutige Flecken auf. Sein Blick war leer und er schien gerade so bei Bewusstsein zu sein. Im Mund hatte er das Holzstück, doch biss er noch nicht zu. Sein rechter Fuß lag nicht unter der Decke, ein Verband war hastig um seinen Knöchel gelegt worden und löste sich bereits wieder ab. Der linke Arm des Mannes wies einige purpurfarbene Prellungen im Schulterbereich auf, während der Rechte unversehrt schien. Doch war seine rechte Hand umso verletzter. Die Hälfte der Handfläche lag sowie kleiner- und Ringfinger lagen offen und gab wundes Fleisch frei. Es hatte eine seltsame Verfärbung, fast als hätte es sich bereits entzündet.
      "Was ist geschehen?", platzte es aus Theobald raus.
      Die Blicke der Anwesenden richteten entsetzte Blicke auf die beiden Kinder.
      "Was tut ihr hier? Raus, sofort!", donnerte ihr Vater nach einem Moment der Stille. "Ihr habt hier nichts zu suchen!"
      Schnell scheuchten die Diener die beiden Brüder hinaus.

      Einige Tage später befand Leodegar sich in einer Kutsche auf dem Weg zum Anwesen der Familie Lichtenwald
      Sapere aude!
    • ~Cecelia von Lichtenwald~

      Ein wunderschöner und herrlicher Morgen war auf dem Anwesen der Familie von Lichtenwald angebrochen.
      Das Licht der Sonne strahlte hell durch die Glasscheiben des Fensters der jungen Cecelia.
      Voller Aufregung auf den heutigen Tag war sie bereits aufgestanden oder viel mehr aufgesprungen.
      Die Bediensteten amüsierte diese Fröhlichkeit der Kleinen immer wieder aufs Neue.
      Kurz darauf halfen sie Cecelia dabei sich frisch zu machen und ordentlich anzukleiden damit sie hinunter zum Frühstück gehen konnte.
      Nach dem Frühstücksmahl wurde ihr gesagt das ihr Bruder Adrian auf dem Heimweg wäre. Sein Pferd plus zwei weitere Reiter wurden am Dorfrand gesichtet.
      Cecelia war so voller Übermut das sie nicht weiter darüber nachdachte warum wohl zwei weitere Reiter mit ihrem Bruder zurück kamen und rannte mit voller Energie aus dem Hause heraus um am Eingang auf Adrian zu warten.
      Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an ihn nicht gesehen zu haben. Doch nun hatte die Warterei endlich ein Ende.
      Bald hörte man das Getrappel der Hufe der Pferde die die Einfahrt hinauf trabten. Worauf die restlichen Familienmitglieder heraus kamen.
      Es dauerte nicht lange bis Baron Alexander seiner Gemahlin signalisierte das sie Cecelia hinein begleiten sollte.
      Jedoch weigerte sich die Kleine und riss sich los um zu ihren Bruder zu laufen.
      "Bruder Adrian! Ich habe euch so vermisst!", sagte sie mit ihrem zarten Stimmchen.
      Die zwei Begleiter des jungen Barons machten sich ohne ein weiteres Wort wieder auf den Rückweg.
      Nun packte sich der Baron Alexander schnell seine Tochter über die Schulter um sie hinein zu tragen. Doch leider nicht schnell genug.
      Das Pferd schüttelte sich einmal worauf Adrian, wie ein nasser Sack Reis, herunter fiel und mit einen stumpfen Ton auf den Boden prallte. Seine nicht blinzelnden Augen lagen nun so, dass es aussah als schauten sie direkt zu Cecelia.
      Diese wiederum verstand nicht was mit ihrem Bruder los war.
      "Vater! Adrian, geht es nicht gut! Was ist mit ihm!? ... Vater!!?", brüllte die Kleine über den ganzen Vorgarten hinweg.
      Keiner aus ihrer Familie erklärte zunächst was los war. Sie wurde einfach nur in ihr Zimmer gebracht und dort eingeschlossen.
      Mit voller Kraft versuchte Cecelia ihre Tür aufzubekommen und hämmerte zusätzlich dagegen.
      Wieso hatten ihre Eltern sie nicht da haben wollen? Sie wollte zu ihrem Bruder und ihm helfen! Was war auf seiner Reise nur passiert?
      All diese Fragen und noch einen Haufen weiterer schwirrten in ihren noch so kleinen Kopf umher.
      Bald gab sie auf und setzte sich auf ihr Bett um auf eine Reaktion ihrer Familie zu warten.
      Es dauerte bis zur Abenddämmerung bis man ihre Tür wieder öffnete.
      Mehr als froh wieder aus ihren Zimmer zu dürfen lächelte sie demjenigen entgegen der zur Tür hinein schritt.
      Doch von demjenigen der sich als ihr Vater entpuppte bekam sie kein Lächeln zurück. Viel mehr einen Ausdruck der Trauer und Hoffnungslosigkeit.
      Schnell wurde Cecelia von ihren Vater in den Arm genommen. So liebevoll wie schon lange nicht mehr.

      Die nächsten Tage verstrichen unglaublich schnell und ohne große Ereignisse. Nur einmal ritt ein dunkel gekleideter Herr bis zu den Toren des Anwesens. Cecelia sah wie ihr Vater demjenigen ein Säckchen überreichte. Doch als sie danach fragte blieb ihr Vater stumm.
      Zum Nachmittag hin erreichte das Anwesen der Familie von Lichtenwald erneut Besuch über den sich Cecelia immens freute.
      Die Kutsche der Familie von Katzbrunn fuhr bei ihnen vor.
    • -Leodegar von Katzbrunn-

      Ruhig und, ganz wie es ihm beigebracht wurde, bemüht, einen guten Eindruck zu machen, stand Leodegar etwas hinter seinem Vater und seiner Mutter und wartete darauf, dass der Empfang abgehandelt wurde. Doch auch wenn er sich kaum regte, seine großen Kinderaugen wanderten umher und suchten nach Cecilia, während er hinter seinem Rücken mit den Fingern wackelte.
      Er glaubte, Cecilia zwischen all den Beinpaaren ausmachen zu können, doch war er sich nicht sicher. Und zu ängstlich, nach ihr zu fragen war er auch. Er mochte die Erwachsenen nicht unterbrechen.
      Bei anderen Familien war er noch nicht oft zu Besuch gewesen, doch hatte er diese Begrüßungen von Beginn an langweilig und ermüdend gefunden. Seine Eltern unterhielten sich stets über Dinge mit den anderen Erwachsenen, die er nicht verstand. Und trotzdem musste er daneben stehen und zuhören. Manchmal wurden ihm zwar Fragen gestellt, die er auch nach bestem Gewissen beantwortete, aber mehr als ein Lachen und eine Bekundung, wie süß und goldig er doch sei, folgte selten. Es schmeichelte ihm, doch war ihm auch etwas unangenehm - lieber wäre er woanders. Auch heute wäre er am Liebsten direkt nach der Ankunft mit Cecilia in den Garten gelaufen, um Frösche zu fangen oder mit ihren Puppen zu spielen. Er wollte durch den Garten rennen und vor ihr mit seinen jüngst erworbenen Schreibkünsten prahlen - gestern noch hatte er Gisbrecht gebeten, ihm Cecilias Namen beizubringen.
      Aber das würde warten müssen, bis der Höflichkeit genüge getan wurde.
      Sapere aude!
    • ~Cecelia von Lichtenwald~

      Mehr als nur froh darüber Leodegar wiederzusehen wollte die kleine Baronesse augenblicklich zu ihrem jungen Freund herüber laufen.
      Doch ihre Mutter hielt sie an den Schultern gepackt zurück.
      "Meine Tochter, denkt an eure Manieren.", flüsterte sie ihrem Abkömmling lächelnd zu bevor sie sich wieder den anderen Herrschaften zuwandte. Still blieb Cecelia also an Ort und Stelle stehen.
      Dabei lauschte sie den Gesprächen sowie es wohl Leodegar ebenfalls tat.
      Zeitgleich drängten sich jedoch Erinnerungen an diesen Ort in ihren Kopf hervor.
      "Adrian...", flüsterte die Kleine als sie mit starren Blick zu der Stelle schaute an der vor ein paar Tagen ihr Bruder gelegen hatte.
      Ihr Gefühl sagte mehr als deutlich das etwas schreckliches mit ihm passiert sein musste. Genauso wie die Bilder die sich eingebrannt haben von diesen Moment.
      Nach einer geschätzten 15 Minütigen Unterhaltung durften nun alle eintreten. Was gut war denn draußen begann es zu regnen.
      "Charlotte, bringen sie die beiden Kinder ins Spielzimmer damit die Erwachsenen unter sich sein können.", sagte Baronin Ria zu dem Dienstmädchen das sich meistens um diese Aufgaben kümmerte und daher Erfahrung hatte.
      Auch jetzt wo Cecelia neben Leodegar die Treppen hinauf lief blieb sie stumm.
      Sie wollte ihre Ruhe und doch zeitgleich mit dem jungen Herrn spielen.
      Ebenfalls wollte sie mehr über ihren Bruder erfahren. Doch jeder verwehrte ihr die Auskunft.
    • -Leodegar von Katzbrunn-

      So erschöpfend und zäh diese Viertelstunde der Höflichkeiten auch war, so erleichtert war Leodegar, dass die beiden Kinder nun endlich Kind sein durften.
      Nachdem er sie, wie es sich gehörte, mit Handkuss und einem schmeichelhaften Kompliment begrüßt hatte - was ihm ein zustimmendes Nicken seiner Mutter einbrachte, worüber er sich sehr freute - folgte er Cecilia und ihrem Dienstmädchen durch die edlen Flure des Anwesens. Leodegar plapperte bereits Unterwegs fröhlich drauf los. Jetzt, wo sie quasi unter sich waren, musste er nicht mehr wie ein kleiner Miniaturnussknacker still stehen. Doch sie blieb sehr still und schien ihm kaum zuzuhören. Ob sie sich wohl schämte? Vielleicht war das Kompliment zu viel gewesen oder hatte nicht den Geschmack des kleinen Mädchens getroffen? Oder war es etwas, was er letztes Mal verbockt hatte? Der Junge dachte scharf nach. Hatte er etwas übersehen oder vergessen? In seinem kleinen Köpfchen ging er erneut den Abschied beim letzten Mal und den heutigen Empfang durch.
      So kamen sie schließlich am Ziel an, während Leodegar noch in Gedanken versunken mit dem kleinen ledernen Beutel rumfriemelte, in dem sich das Geschenk für Cecilia befand.
      Sapere aude!
    • ~Cecelia von Lichtenwald~

      Im Spielzimmer angelangt öffnete Charlotte erst einmal alle Vorhänge um Licht hinein zu lassen.
      Jedoch brach sie mittendrinn ab um sich umzuentscheiden. Da es draußen regnete und kaum Licht durch die Fenster fiel, zog sie die Vorhänge schnell wieder zu und zündete stattdessen die einzelnen Kerzen im Raum an.
      Es war bereits etwas Zeit vergangen seitdem Cecelia diesen Raum zuletzt betreten hatte.
      Hier hatte sie zwar oft mit Leodegar gespielt gehabt, aber auch sehr oft mit ihren großen Bruder Adrian und das nagte an der Baronesse.
      Warum nur wollte ihr keiner etwas sagen? Sie verstand doch schon so viel.. und doch hielten ihre Eltern sie klein.
      Bald war auch die letzte Kerze am leuchten und somit begab sich Charlotte mit einer kleinen Verneigung in die Ecke des Zimmers um nicht weiter aufzufallen. Jedoch so das sie noch einen Blick auf die Beiden erhaschen konnte.
      "Leodegar..? Wisst ihr mehr als ich? Bitte sagt mir etwas.. irgendetwas...", brachte die zierliche Cecelia mühevoll hervor bevor sie mit einigen Tränen im Blick zu ihm aufsah. Versucht diese zu unterdrücken.
    • -Leodegar von Katzbrunn-

      Etwas schockiert und verwirrt ob der plötzlichen Tränchen im Gesicht des Mädchens starrte Leodegar Cecilia einige Augenblicke an. Wissen? Was sollte er denn wissen? Selten wurde ihm etwas gesagt. Es hieß immer, was auch immer die Älteren täten, er würde es schon erfahren wenn die Zeit reif wäre. Damit hatte er sich abgefunden, auch wenn er weiterhin Fragen stellte. Aber was genau wollte Cecilia denn von ihm? Schnell blickte er zu dem Dienstmädchen, doch dieses saß fast mit dem Rücken zu den beiden Kindern.
      "Ich ähm...", stammelte Leodegar. Was sollte er sagen? Er musste Cecilia trösten. Man stelle sich vor, was geschähe, wenn sie jemand so sah. Das würde Ärger bedeuten."
      "Cecilia, wa-was bekümmert euch denn?", brachte er schließlich hervor. Er wagte es gar, eine kleine Hand auf ihre Schulter zu legen und schaute in ihre großen, kindlichen Augen. "Was sollte ich denn wissen können?"
      Er versuchte, ruhig zu sprechen, so wie Mathild, wenn er einen Albtraum gehabt oder sich beim Spielen verletzt hatte und sie ihn tröstete.
      Doch wie er die Worte aussprach, dämmerte in seinem Hinterköpfchen bereits ein Vermutung, was der Grund für ihre Tränen sein könnte.
      Sapere aude!
    • ~Cecelia von Lichtenwald~

      Die Wärme auf ihrer Schulter sowie die Art und Weise wie Leodegar mit Cecelia sprach trösteten sie schon ein wenig.
      Doch wie sollte diese große Trauer in ihren Herzen verschwinden ohne den Hauptgrund zu kennen?
      Was war nur passiert?
      Immer mehr erinnerte sich die Kleine an den schrecklichen Moment zurück. Diese Augen von Adrian die sich in die ihren bohrten ohne jegliche Regung. Abrupt sank sie auf ihre Knie und konnte sich ihrer Tränen nicht verwehren.
      "Ich.. bitte... ich will zu meinen Bruder...Adrian...", weinte die Baronesse vor den noch jungen Leodegar.
      So ein Verhalten war selbst in diesen Alter nicht gestattet vor Fremden und so wurde der Herr von Katzbrunn kurze Zeit alleine gelassen während die Dienstmagd Charlotte sich darum kümmerte Cecelia zu beruhigen.
      Als sie nach ein paar Momenten wieder ins Spielzimmer eintraten wirkte ihr Blick hoffnungslos und leer.
      "Tut mir außerordentlich leid, Leodegar. Das soll nicht wieder vorkommen.", sagte die kleine Lady und verneigte sich ganz leicht.
      "Ich würde mich freuen jetzt mit euch zu spielen.", ergänzte sie mit einem mehr als aufgesetzten Lächeln.
    • -Leodegar von Katzbrunn-

      Adrian, ihr Bruder? Leodegar erinnerte sich, der junge Mann hatte bei seinem ersten Besuch hier auf die beiden Acht gegeben. Beim Empfang hatte er ihn allerdings nicht gesehen.
      Überfordert mit der Situation stand Leodegar fast reglos da, während Cecilia von ihrem Dienstmädchen herausbegleitet wurde. Was war mit Adrian? War er verreist? War er krank? Oder verletzt, und ähnlich wie bei ihm zuhause durfte sie ihren Bruder auch nicht sehen? War es ihr ebenfalls verboten worden?
      Er hatte einmal versucht, sich bei Friedrich ins Zimmer zu schleichen. Sein Bruder hatte in seinem Bett gelegen, immer noch schwer verletzt. Er hatte kaum reagiert, als Leodegar ihn angesprochen hatte und nur vor sich hin gemurmelt. Als Leodegar Friedrich dann berührt hatte, hatte dieser wie wild losgeschrien, nach Hilfe gerufen und gefleht, dass es doch aufhören möge. Diener kamen ins Zimmer und entfernten Leodegar aus dem Gemach seines Bruders, sie sagten der Unfall den sein Bruder erlitten hatte, war sehr schlimm gewesen. Sein Vater hatte Leodegar danach den Zutritt in den Flügel, in dem das Zimmer lag, verboten.
      Doch war das Köpfchen des kleinen Jungen noch nicht weit genug, die richtigen Schlüsse zu ziehen.
      Cecilia schien Adrian jedenfalls sehr zu vermissen. Das tat ihm weh. Er mochte sie nicht weinen sehen. Er nahm sich vor, sie heute sehr behutsam zu behandeln und sein Bestes zu geben, sie aufzumuntern.
      Als Cecilia mit Charlotte wieder in den Raum trat, hielt Leodegar das Geschenk bereit, dass er für sie vorbereitet hatte. Sie weinte zwar nicht mehr, doch hatte Leodegar nicht den Eindruck, dass es ihr wirklich besser ging. Das bekräftigte seinen Vorsatz nur.
      "Sorgt euch nicht um eure Tränen", antwortete der Junge tröstend und wagte es sogar, unter Charlottes Augen erneut eine Hand auf Cecilias Schulter zu legen. Seine Mutter wäre bestimmt stolz auf ihn für die aufgeblasenen Worte, die er sich zurechtgelegt hatte. "Sie taten eurem schönen Antlitz keinen Abbruch." Antlitz. das Wort hatte Gisbrecht ihm während des Unterrichts zum Buchstaben 'A' beigebracht.
      "Ich habe euch etwas mitgebracht", erklärte der Junge, und zog die andere Hand hinter seinem Rücken hervor. Eine aus Bein geschnitzte Figur eines aufrecht sitzenden Hasen, schneeweiß, lag dort in seiner Hand.
      Sapere aude!
    • ~Cecelia von Lichtenwald~

      Durch das Verhalten des Sohnes der Familie von Katzbrunn fühlte sich Cecelia wieder ein Stückchen mehr wie Zuhause.
      Als er ihr dann die ausgestreckte Hand hinhielt sah sie eine kleine Skulptur darin liegen.
      Ihre Augen begannen auf der Stelle zu leuchten. Noch nie hatte man ihr so etwas geschenkt.
      Meistens nur Schmuck, Kleidung und Spielsachen.
      Vorsichtig, beinahe so als könnte sie jeden Moment zerbrechen nahm die Baronesse ihr Geschenk an sich.
      "Sie ist wunderschön~ Ich danke euch sehr!", sagte sie und blickte dann etwas fragend zu Leodegar hinauf.
      Dieses Wort "Antlitz" hatte Cecelia schon oft in den Gesprächen zwischen jemanden und ihrer Mutter gehört. Doch konnte sie kaum etwas damit anfangen. Sie wusste lediglich durch das Verhalten ihrer Mutter darauf, dass es etwas Gutes sein musste.
      "Könnt ihr mir erklären was das Wort Antlitz genau bedeutet? Und ebenso würde ich gerne wissen ob ihr diesen Hasen selbst angefertigt habt?", fragte sie den jungen Herrn gefühlt Löcher in den Bauch.
      Innerlich hoffte sie mit den Fragen nichts falsch gemacht zu haben. Vielleicht hätte ihre Mutter sie bereits schon unterbrochen.
      Doch nun hoffte Cecelia einfach auf die beruhigende Stimme von Leodegar der ihr zumindestens Antworten gab.
    • -Leodegar von Katzbrunn-

      Erleichtert über Cecilias Reaktion drückte er dem kleinen Mädchen die Figurine in die Hand. Er lächelte sanft und sah zu, wie sie das kleine Häschen betrachtete. Sie schien wieder etwas fröhlicher zu sein, und das wiederum stimmte ihn auch fröhlicher. Etwas von der zuvor verspürten Anspannung über die unbekannte und unangenehme Situation fiel von ihm ab.
      "Es freut mich wirklich sehr, dass sie euch gefällt, Cecilia", plapperte der Junge fröhlich drauf los. "Ich habe sie nicht selbst angefertigt, meine Eltern möchten mich noch nicht mit Messern arbeiten lassen. Also habe ich die Figur in unserer Ortschaft bei einem Spielzeugmacher in Auftrag gegeben. Aber in ein paar Jahren werde ich das dürfen, und dann werde ich euch gerne selbst etwas anfertigen!" sprach er voller Stolz. Eine schöne Figur würde er ihr machen. Vielleicht sogar lebensgroß. Und fast wie ein echter Hase sollte sie dann sein!
      "Achso, ähm... Also ein 'Antlitz' ist ein anderes Wort für 'Gesicht', nichts weiter", erklärte er. "Ich hätte auch sagen können: Ich mag euer Gesicht", fügte er dann voll kindlicher Unschuld an.
      Sapere aude!
    • ~Cecelia von Lichtenwald~

      Eifrig nickte die kleine Baronesse und genoss es den werten Leodegar bei sich zu haben.
      Zum Schluss hin konnte sie ein Lachen auch nicht unterdrücken.
      Denn obwohl er älter war als sie wusste er so viel mehr als sie selbst. Ob es eines Tages bei ihr genauso sein würde?
      Ihre Brüder wurden ja ebenfalls wie der junge Herr von Katzbrunn erzogen.
      Sie mussten viel wissen und vieles beherrschen können.
      Immer wenn sich Cecelia jedoch mühe geben wollte etwas zu lernen das die Jungs wissen mussten wurde sie davon abgehalten.
      "Es ist nicht deine Aufgabe später so etwas wissen zu müssen, meine Liebe."
      Das war einer der häufigsten Sätze die darauf herein regneten. Meistens kamen sie von ihrer Mutter.
      Doch was war denn die Aufgabe einer erwachsenen Frau?
      Nur auf Bälle zu gehen, zu lesen und zu reden mit anderen Damen war nicht gerade unterhaltsam in Cecelias Augen.
      Sie wollte sobald sie größer war reiten, ein Instrument spielen und so vieles mehr! Vor allem das Reisen dürfte nicht zu kurz kommen!
      Bis zum Abendessen hin spielten die Beiden erst einmal ohne Sorgen, was die Zukunft noch alles bringen sollte, weiter.
    • -Leodegar von Katzbrunn-

      Als die Glocke zum Abendmahl läutete, sammelte Charlotte die beiden Kinder ein und brachte sie, frisch hergerichtet, in den Speisesaal der Familie Lichtenwald.
      Ab hier begann erneut der für Leodegar -und vermutlich auch jeden anderen Adelsspross- langweilige und mühsame Teil eines solchen Besuchs. Der Teil, den die noch jungen Kinder vermutlich noch hunderte Male in den nächsten Jahrzehnten durchmachen würden - auch wenn sich die Einstellung zu diesem Teil sicher ändern würde. Momentan jedoch empfand Leodegar es als sehr erschöpfend. Die Eltern hatten zu beweisen, wie gut sie ihre Zöglinge erzogen hatten, wie sehr sie bereits in jungen Jahren in Etikette und Benimmregeln geschult waren. Seine Mutter hatte stets wert darauf gelegt, dass Leodegar gerade am Tisch saß und den Kopf nicht wie ein hungriger Bauer in der Suppenschüssel versenkt. Dennoch blieb es bei einem Sechjährigen nicht aus, dass mal etwas daneben ging. Aber dafür gab es ja Serviertücher. Und überhaupt fand Leodegar, dass das Beste an einer Suppe sowieso das Feste war. Wasser könne er schließlich immer zu sich nehmen, wenn er durstig wäre.

      "Leodegar, mein kleiner Schatz", sprach Adare von Katzbrunn ihren Sohn später während der Verabschiedung an. Sie strich ihm sanft durchs Haar, eine Geste der Mütterlichkeit, die sie selten vor Personen außerhalb des eigenen Hausstands machte. Es gab einfach nicht viele Situationen, an denen es sich ziemte. Leodegar genoss es umso mehr. "Du hast heute sehr viel Suppe verschüttet. Hat sie dir denn nicht gefallen?", fragte sie ihn lächelnd. "Ich hörte, der Koch des Barons von Lichtenwald war ganz traurig, als er das erfuhr.", fügte sie gespielt entsetzt an, lächelte dann jedoch in die Runde.
      "Wirklich?", fragte der kleine Junge. "Dabei war es wirklich gut!"
      "Dann teile dass dem Baron von Lichtenwald am Besten schnell mit!", erwiderte seine Mutter und legte die Hände auf seine Schultern.
      Etwas beklemmt schaute Leodegar Cecilias Vater, den Baron von Lichtenwald an.
      "D-das Essen war sehr gut, ich bin nur etwas ungeschickt. Ich war wirklich zufrieden hier am heutigen Tag - mit Allem. Es ist hier wirklich schön und wenn ich dürfte, würde ich gerne öfter zu Besuch kommen", erklärte der kleine Leodegar dem für ihn sehr großen Mann etwas eingeschüchtert, doch voller Ernst. "Also... Ihr werdet euren Koch doch nicht deswegen schelten, Herr Baron?", fügte er etwas zaghaft an, während hinter ihm ob der kindlichen Unschuld belustigte Blicke getauscht wurden.
      Sapere aude!
    • ~Cecelia von Lichtenwald~

      Die Fehler die den jungen Herrn von Katzbrunn beim Abendmahl unterlaufen waren, waren für Cecelia einfach wunderbar.
      Sie musste sich dabei stark konzentrieren um nicht in schallendes Gelächter zu enden.
      Nach dem Mahl war es dann wieder an der Zeit das Leodegar heim kehren musste.
      Traurig versuchte sie ihre Gefühle zu unterdrücken und lächelte in seine Richtung.
      Innerlich hoffte sie sehr das ihr Vater sein Fehlverhalten nicht missachtete und ihm weiter erlauben würde zu ihr zu kommen.
      Plötzlich lachte der Baron von Lichtenwald so laut das man ihn kaum wiedererkannte. Meistens achtete er nämlich sehr auf sein Verhalten anderen Menschen gegenüber.
      Doch nun schien er wie ausgewechselt und beugte sich zu den Jungen hinunter.
      "Keine Sorge. Im Austausch eines Versprechens werde ich dem Koch kein Haar krümmen.", sagte der Baron und patschte ihm sachte auf den Kopf.
      "Versprich mir das du weiter fleißig üben wirst um deine Familie noch stolzer zu machen.", setzte er darauf hinzu.
      Worauf sich ein Schatten der Trauer für einen kurzen Augenblick auf das Gesicht des Barons legte.
      Wenn die Kinder wüssten was auf sie zu kommen würde... würden sie dann trotzdem so fröhlich, unbeschwert und lieb sein?
      Das verstand jeder der Erwachsenen sofort als sie den Blick des Barons von Lichtenwald sahen.

      Vergangenheit Zeit 1870

      Viele Jahre waren seit diesen Augenblick vergangen. Cecelia war zu einer wahren Schönheit heran gewachsen und nun stolze 14 Jahre alt.
      Sie selbst fühlte sich zwar etwas reifer und erwachsener. Jedoch tief in ihr drin, da war sie ein Kind geblieben.
      Das bewies sie jedes Mal aufs Neue, wenn ihr guter Freund Leodegar zu Besuch gekommen war.
      Sie spielten immer noch Verstecken und Fangen sowie in Kindertagen.
      Nur jetzt nicht mehr mit dieser Unwissenheit aus der damaligen Zeit.
      Beide hatten getrennt voneinander erfahren was mit ihren Geschwistern geschehen war und das das Unheil jeden heimsuchen konnte.
      Natürlich erst im erwachsenen Alter, aber dennoch pulsierte dieser Gedanke daran vielleicht keine große Zukunft zu haben durch ihre Körper. Genau wie bei den anderen Adeligen auch.
      Doch in diesen Augenblick verflog Cecelias Angst. Denn sobald sie ihre Geige zur Hand nahm um auf ihr zu spielen verzauberte sie sich selbst sowie alle um sie herum.
      Es konnten Stunden vergehen ohne das sie etwas von der Zeit bemerkte.
    • -Leodergar von Katzbrunn-

      "Leodegar! Ich habe sie über die Hügelkuppe getrieben! Mach dich bereit!", rief Theobald seinem jüngeren Bruder zu. Laut hallte seine Stimme durch den lichten Wald. Er ließ die Zügel seines Pferdes schnalzen um der Herde Rotwild nachzusetzen und sie weiterzutreiben.
      Leodegar prüfte noch einmal den Strick, mit dem er sein Ross an einer jungen Buche befestigt hatte, um sicherzugehen, dass das Tier nicht scheute und davongaloppierte, wenn er schoss.
      Seine Hände zitterten leicht vor Nervosität, als er nach seiner Flinte griff. Zwar hatte er bereits einige Jagden erlebt, doch hatte er nur aus der Ferne zugesehen, da er noch zu jung gewesen war. Heute nahm er das erste mal selbst an einer Jagd teil und ausgerechnet ihm war die Rolle des Schützen zugefallen.
      Er konnte die Tiere bereits hören. Es mussten mehr als ein Dutzend sein. Nach dem heutigen Tag wäre es eins weniger. Leodegar hockte neben einem vermoderten Baumstumpf ab und machte seine Flinte bereit. Als er die Tiere etwa hundert Schritte vor ihm in das kleine Tal flohen, direkt auf ihn zu, legte er an. Er fand sein Ziel. Ein Hirschbock, der bereits lahmte. Als er mit Theobald die Herde ausgekundschaftet hatte, hatten sein Bruder ihm geraten, dieses Tier zu schießen, da es leichter wäre und ein lahmendes Tier ohnehin schnell von Raubtieren gerissen würde.
      Leodegar atmete tief ein, dann ließ er langsam die Luft durch seine Lippen entweichen, als er den Finger am Abzug gleichmäßig abkrümmte und daraufhin ein lautes Donnern durch den sonst so friedlichen Wald hallte.

      "Ich erinnere mich ganz genau an meine erste Jagd als Schütze", erzählte Friedrich und tippte sich nachdenklich ans Kinn, über seinen nächsten Schachzug sinnierend. Leodegar saß ihm gegenüber, in dem spärlich beleuchteten Gemach seines ältesten Bruders. Dieser verließ seine Räumlichkeiten nur selten, abgesehen von den Mahlzeiten und anderen offiziellen Anlässen. "Vater hatte das Tier mit den Hunden auf eine Lichtung getrieben, an der ich wartete. Aber ich habe meine Flinte zu spät bereit gemacht und konnte bereits das Weiß in den Augen der Bache sehen, die an mir vorbeirannte." Seine Stimme war leise und fast monoton. " Da habe ich gezögert, und ehe ich mich versah war sie bereits fort. Ich schoss ihr noch nach, aber Gott weiß, wo die Kugel gelandet ist." Er zuckte mit den Schultern und lächelte leicht, etwas, das er nicht häufig tat. Mit einer kurzen Bewegung schob er eine der Figuren auf dem Spielbrett nach vorne und drehte die Sanduhr um. Sein Gesichtsausdruck wurde säuerlich. "Und jetzt kann ich nicht mehr Jagen gehen", fügte er mit einem Blick auf dem Stumpen an seinem dünnen Arm an.
      Leodegar schämte sich dafür, aber ging nicht gerne zu seinem ältesten Bruder. Seit jener Nacht war Friedrich ein anderer Mensch. War er früher ausgesprochen sanft und edelmütig gewesen, saß vor Leodegar nun ein bitterer und leidenschaftsloser Mann. Er bemitleidete ihn, doch wusste er, dass Friedrich davon nichts hören wollte. Zu gerne hätte er ihn nach seinen Erlebnissen in jener Nacht gefragt um sich ein besseres Bild von den Schrecken zu machen, die der Ältere erlebt haben musste, doch wollte er die alten Wunden nicht wieder aufreißen. Sein Bruder hatte bereits genug mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Seine starke Hand war verloren, er war fast dreißig und noch nicht verheiratet. Der Edle von Katzbrunn würde früher oder später einen seiner jüngeren Söhne als Erbe einsetzen müssen. Gesellschaftlich gesehen war Friedrich tot.
      Würde Leodegar eines Tages auch so enden? Wenn er Glück hatte, würde er gar nicht auserwählt, um an dem grausamen Spiel des Grafen teilzunehmen. Doch machte er sich diesbezüglich keine Hoffnungen. Es gab nicht allzu viele Adelssprosse im Einflussgebiet des Grafen, die in seinem Alter waren. Er oder Theobald, einer von beiden müsste mit ziemlicher Sicherheit diese schreckliche Nacht durchstehen. Daneben gab es noch einige wenige Familien von Edlen, die Söhne oder Töchter im passenden Alter hatten. Außerdem hatte der Baron von Sommerau einen Sohn, der ebenfalls eingeladen werden könnte. Und dann war da natürlich noch Cecilia...
      Cecelia, seine, wie er sagen würde, beste Freundin. Wenn sein Vater über seine Mutter sagte, sie sei die schönste Rose in seinem Garten, so war Leodegar sich sicher, dass Cecelia die schönste Rose im ganzen Land sein musste. Er verbrachte gerne Zeit mit ihr und lauschte in ruhigeren Stunden ihrem Geigenspiel. Häufig schnitzte er dabei an einer Figur und ließ sich ein bisschen von der Melodie treiben. Die Figuren würde er später dann immer ins Feuer werfen, auch wenn Cecelia manchmal protestierte. Aber seine Schnitzkünste waren einfach noch nicht gut genug, fand er.
      "Deine Zeit ist abgelaufen", riss Friedrich ihn aus den Gedanken. "Dann bin ich wohl wieder dran. Bist du eingeschlafen oder bist du vorhin zu hart gegen einen Ast geritten?"
      Sapere aude!

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