『 ღ The duchess and her bodyguard ღ 』 [Nymeria & Wail]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • 『 ღ The duchess and her bodyguard ღ 』 [Nymeria & Wail]


      Valerie de la Crue - @Nymeria

      Aifer - @Wail



      『 ღ The duchess and her bodyguard ღ 』





      Valerie de la Crue hatte einem ruhigen und luxuriösen Leben entgegengesehen. Als die Frau eines angesehenen Herzogs sollte es der jungen Dame an nichts fehlen. Zumindest bis zu jenem schicksalhaften Tage an dem ihr schönes Leben eine abrupte Wendung einlegte.
      Man hatte ihren Ehegatten ermordet in dessen Gemach aufgefunden und schnell eine Schuldige in Valerie entdeckt. Von ihrer Unschuld überzeugt, denn sie hatte dieses schreckliche Verbrechen nicht begangen, floh sie und kaufte sich von ihren letzten ersparten Groschen den Söldner Aifer, der sie auf ihrer Reise auf der Suche nach dem wahren Mörder ihres Ehemanns begleiten und beschützen sollte.


      ___________

      Valerie

      Sie hatte es nicht glauben können. Ihr Ehemann Edward war vor einigen Stunden noch lebendig und wohlauf gewesen, und plötzlich sollte er brutal aus dem Leben geschieden sein? Sie schüttelte den Kopf, wodurch ihre rote Mähne in sämtliche Richtungen flog. Und zu ihrem großen Schreck hatte man sie für schuldig befunden, da sie zu jenem Zeitpunkt die einzige gewesen sein sollte, die sich in der Nähe des Herzogs aufgehalten hatte. Als ob sie zu solch einer grauenvollen Tat im Stande war. Sie konnte eine solche Waffe, wie den Dolch mit dem ihr treuer Gatte erstochen worden war, nicht einmal führen! Geschweige denn wusste sie nicht einmal woher sie diesen bekommen sollte. Immerhin hatte sie den großen Hof in ihrer Zeit als Frau des Herzogs noch nie verlassen. Es gab keinen Anlass dafür. Bis zum heutigen Tage jedenfalls nicht.
      Nun saß sie auf dem Rücken eines Pferdes, das sie dem Stallburschen in ihrer Eile praktisch entrissen hatte, und ritt davon. Wohin sie ihr Weg führte oder wohin sie überhaupt wollte, wusste Valerie noch nicht. Ihre geliebten Eltern konnte das Mädchen unmöglich aufsuchen. Dort würde man sie als Erstes vermuten. Sicherlich waren die Wachen bereits auf dem Weg zum Anwesen ihres Vaters. Ob er dem Bericht jener glauben würde? Sicherlich nicht. William kannte seine Tochter wie kein Zweiter. Er wusste, dass sie keineswegs in der Lage war zu morden. Valerie dachte nicht einmal an eine solch schändliche Tat.
      Der Wald, durch den sie ritt, fand schließlich ein Ende und führte sie auf ein Feld. In der Ferne konnte sie eine kleine Örtlichkeit erkennen. „Endlich“, murmelte sie erschöpft, während sie sich einige rote Strähnen aus den Gesicht wischte, welche durch den holprigen Ritt ganz durcheinander gekommen waren. Die Herzogin war noch nie eine gute Reiterin gewesen.
      Ob sie in der Stadt finden würde, wonach sie suchte? Ihr Vater hatte ihr einst von Männern erzählt, die alles für Geld tun würden. Angeblich stellten sie sich sogar gegen das Gesetz, wenn die Summe stimmte. Früher hatte sie die Nase gerümpft, doch nun schien sie keine andere Wahl zu haben.Valerie hoffte darauf einen dieser sogenannten Söldner zu finden, um sich von ihrem letzten Geld einen Geleitschutz kaufen zu können. Es war nicht viel, jedoch sollte es reichen um ihr wenigstens für einige Wochen Sicherheit zu versprechen. In dieser Zeit würde sie die Möglichkeit haben, um nach den wahren Mörder Edwards Ausschau zu halten. Wer auch immer ihr Leben ruiniert und das ihres Mannes so gewissenlos verkürzt haben sollte, sollte für seine Tat büßen. Sie würde denjenigen finden und zur Rechenschaft ziehen. Vorausgesetzt sie schaffte es so weit ohne von Kopfgeldjägern oder dergleichen entdeckt und dem Gesetz ausgeliefert zu werden.
      Sie setzte das braune Pferd erneut in Bewegung und ritt auf die Stadt zu.

      Seufzend ließ sie sich an einem Tisch in einer Taverne nieder. Nun war sie hier und hatte sich in der gesamten Stadt nach einem Söldner umgesehen, doch wen sie auch fragte niemand konnte ihr weiterhelfen. Wo fand man diese Söldner überhaupt? Vielleicht fand man sie nur Nachts? Sie glaubte kaum. Valerie ließ den Blick durch die kleine Taverne gleiten. Alles war so .. alt und langweilig. Sie hatte sich diesen Ort an dem sich Menschen zum Feiern zusammenfanden ganz anders vorgestellt. Lebhafter. Bunter.
      Zudem spürte sie die Blicke der Bewohner auf sich. Es war kein Wunder, denn sprach Valeries Kleidung bereits von dem Stand, dem sie entsprang. Ihr Kleid war höchstwahrscheinlich mehr wert als das Haus, indem diese Menschen lebten. „Ey Mädel“, ertönte die Stimme eines älteren Mannes. Er war in schluderige und dreckige Kleidung gehüllt. Manieren schien er ebenfalls nicht zu haben. „Hab gehört du suchst ‘nen Söldner. Kenn da genau den Richtigen“, faselte er und deutete ihr ihm zu folgen. Angewidert musterte die Herzogin den Mann, der sie abwartend betrachtete. „Was is nun?“ Ihr Bauchgefühl riet ihr dem fremden Mann nicht zu folgen, jedoch hatte sie keine andere Wahl, wenn sie einen Geleitschutz haben wollte. Sicherlich war man ihr bereits dicht auf den Fersen und sie kannte sich in dieser Gegend nicht aus.
      Also folgte sie dem Mann aus der Taverne heraus, die Straße entlang und anschließend in ein kleines Hüttchen. „Hey Aifer, hab ‘ne Lady gefunden, die einen Söldner braucht. Wahrscheinlich musst du wieder einen untreuen Ehemann ausfindig und kalt machen“, lachte der Mann, während sie ihm weiter in die Hütte folgte. Ein weiterer Mann, der sich dem Aussehen zu urteilen nach in ihrer Altersspanne aufhalten musste, trat in ihr Sichtfeld. War dies der Söldner von dem der Mann gesprochen hatte? Die Rothaarige hatte sich diese Männer ganz anders vorgestellt. Gruseliger mit vielen Narben, vielleicht sogar einer Augenklappe. Vielleicht hatte ihr Vater bei seinen Erzählungen auch nur übertrieben.
      „Guten Tag der Herr. Mein Name ist Valerie de la Crue. Ich suche nach einem fähigen Söldner, der mir einen Geleitschutz bieten kann. Ich zahle gut“, stellte sie sich vor und verkündete dem Fremden sogleich ihre Absicht. Handelte man so einen Vertrag mit einem seinesgleichen aus? Sie hoffte darauf. Valerie sah den Mann entschlossen an. Sie brauchte seine Hilfe dringend.
    • Aifer

      „Scheiße!“ Dunstschwaden umschlossen die kleine Farm. Ein schmächtiger Bauer pflügte sich einen Weg durch vertrocknete Farne und abgestorbene Getreidehalme. „Nicht schon wieder“, frustriert senkte der Mann seine erschöpfte Stimme. Ein schneeweißer Hase lag vor ihm, alle Viere von sich gestreckt, sein Fell getränkt in satten purpurnen Farbtönen. Ein seltenes Exemplar. Der Bauer kniete sich auf den staubigen Boden und hob das reglose Geschöpf an seine Brust. Langsam, behutsam und mit trauriger Miene richtete er sich auf, so als wolle er die gespenstische Hülle in seinen Armen verschließen und vor dem trügerischen Grau des endlosen Nebels schützen. Dann schlich er sich so unauffällig wie er gekommen war zum Farmhaus zurück ohne auch nur einen Tropfen des violetten Blutes auf dem steinigen Erdboden zu hinterlassen.

      „Ich sage dir, fünf Raten und ihr seid frei raus“, sagte Aifer überzeugt. „Fünf? Dieses Jahr haben wir kaum mehr als ein Drittel der Ernte einfahren können“, erwiderte Samara misstrauisch. Sie verschränkte die Arme und lehnte sich gegen einen der vier massiven Holzpfähle, die den Dachstuhl trugen, so wie sie es immer tat wenn ihr ein Angebot nicht geheuer war. „Fünf. Januar, Februar, … bis Mai. Keine Zinsen, keine Kriegsbereitschaft für jeden deiner Söhne“, leistete Aifer weitere Überzeugungsarbeit während er einen Krug Wasser bei Seite schob, „Ich schmecke keinen Unterschied zwischen dem hier und Katzenpisse.“ Aifers Hand nahm den Krug und schüttete den Inhalt mit einem dumpfen Platschen auf den modrigen Holzboden, „einen Arzt könnt ihr euch noch viel weniger leisten.“ „Der wird auch nicht kommen“, fiel ihm Samara ins Wort, machte zwei Schritte auf Aifer zu, gab ihm eine Ohrfeige und riss ihm den Krug aus der Hand, „wir kommen hier schon ganz gut alleine zurecht. Verschwinde doch wieder für zehn Jahre, wir brauchen dich nicht mehr!“ Samaras Stimme nahm deutlich an Volumen zu. Rau und spöttisch schlug sie Aifer entgegen wie Wellen auf gegen eine Brandung. Doch Aifer blieb regungslos: „Fünf Raten. Denk doch wenigstens an Temaro und Dina. Sie brauchen einen Arzt, das weißt du.“ „Nein!“, schnaubte Samara, „Verschwinde!“ und deutete mit ausgestrecktem Arm auf die Türe. Mit versteinerter Miene stand Aifer auf und folgte ihrem Befehl. „Fünf“, gab er ihr mit einem letzten Fingerzeig zu verstehen. Dann schlug die Türe mit einem lauten Knall hinter ihm zu.

      Kaum nach draußen ausgesetzt wollte Aifer sich auf sein Pferd schwingen um zu seiner Herberge zurückzukehren. Da fiel ihm aus dem Augenwinkel auf wie Temaro nach vorne gekrümmt einen weiß schimmernden Wollknäuel ihm entgegentrug: „Was hast du da?“ „Einen Hasen“, antwortete Temaro niedergeschlagen und gab Aifer’s Blick frei auf die leblosen Überreste in seinen Armen. „Wann?“, hakte Aifer nach. „Vor weniger als einer Stunde. Ich habe den Habicht gesehen und…“ „Zeig mal her“, forderte der Söldner von Temaro ein ihm den Kadaver zu übergeben. Temaro zögerte: „Das ist schon das dritte Mal dieses Jahr. Wir müssen etwas gegen diese Habichte tun...“ „Träum weiter“, unterbrach Aifer ihn und nahm den Hasen in seine Handschuhe, „sei froh, dass der Habicht euch etwas zu Essen bringt.“ Das violette Blut perlte am Leder seiner Kleidung ab. „Schade um den hier, kaum was dran, völlig abgemagert. Das hat wohl auch der Habicht gemerkt. Unverdaulich aber fast völlig intaktes Fell. Die weiße Farbe ist sehr gut. Das lässt sich zu Geld machen.“ Temaro schien seinen Gedanken und Worten nicht zu folgen. Stattdessen fabulierte er darüber wie Habichte keine richtigen Vögel seien, denn so etwas Grausames wie einen Hasen zu töten täten Vögel nicht. „Ich bin morgen Abend wieder da. Erzähl Samara bis dahin nichts von dem Hasen, verstanden? Sie wird sich freuen wenn ich zurückkomme.“ Temaro nickte ehrerbietend und so verschwand Aifer auf seinem Pferd mit dem Hasen im Gepäck langsam im Nebel.

      „Das ist richtig gutes Material. Ganze 20 mal 35 am Stück“, begutachte der Einäugige den streng riechenden Tierkadaver in seinen schwieligen Händen, „dafür bekomme ich sicherlich mehr als 40 Silbermünzen.“ Aifer nickte zustimmend. Das war genau was er jetzt brauchte. „Ich weiß, keine Vorauszahlung, aber ich brauche wenigstens die Hälfte bereits morgen“, eröffnete der Söldner dem Stoffhändler sein Angebot. Grunzend humpelte dieser zu einem Stuhl, setzte sich und begann mit scharfen kleinen Klingen das Fell vom Fleisch zu trennen. „Abgemacht, aber nur weil ich bei dir auf Qualität vertrauen kann. 20 hast du morgen und weitere 20 in einer Woche.“ Kaum hatte der Einäugige den Vertrag abgeschlossen ohne Aifer auch nur eines Blickes gewürdigt zu haben schlug die Tür zur Herberge auf.

      Eine Lady die einen Söldner braucht? Skeptisch beäugte Aifer die Frau, die sich ihm als Valerie de la Crue vorstellte. Ein Fremdkörper, eine Adelige, ein Kind. Bei den absurd wertvollen Stoffen die sie trug blickte sogar der Einäugige kurz auf und wurde stutzig. William de la Crue. Händler, Kunstsammler, mindestens ein paar dutzend Goldmünzen wert. Ist das Glück oder eine Falle? „Angenehm“, antwortete Aifer kurz angebunden, „Ja, ich bin Söldner. Was zahlen Sie und was ist der Auftrag?“ Heute hatten sich gleich zwei Goldhasen in Aifers Netz verfangen. Nun hieß es herauszufinden ob Nummer zwei lebend das Geld wert war.
      "If a machine is expected to be infallible, it cannot also be intelligent." - Alan Turing

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Wail ()

    • Valerie

      Er war also ein echter Söldner. Der Mann hatte sie also nicht austricksen sondern ihr wahrlich helfen wollen. Die Menschen, die keinem adeligen Rang entsprangen, schienen nicht so feindselig und hinterlistig zu sein wie ihr Vater stets berichtet hatte.
      Ein Nachdenklicher Ausdruck legte sich auf das Gesicht der jungen Witwe. Konnte sie diesem Mann ihr Schicksal mitteilen? Sie war sich nicht einig, ob es zu ihrem Nach- oder Vorteil sein würde. "Die Summe der Bezahlung und den Auftrag würde ich gerne unter zwei Augen besprechen. Es ist eine ernstzunehmende Angelegenheit, die sowohl mich als auch meinen Gatten betrifft", erklärte sie dem Söldner und ließ währenddessen einen Blick durch die Herberge gleiten. Es waren nicht sonderlich viele Zivilisten in der Räumlichkeit anzutreffen, jedoch wollte sie mögliche Zeugen weitgehend vermeiden. Nicht jeder der anwesenden Bürger würde sich mit einem Täschchen Gold zum Schweigen bringen lassen. Zudem waren ihre finanziellen Mittel ausschließlich für den jungen Söldner hervorgesehen. "Gibt es eine Art Besprechungszimmer, in dem wir uns in Ruhe über das Geschäft austauschen können?" Der ältere Mann, der noch immer neben ihr seinen Platz hielt, fing an herzlichst zu lachen. Verwirrt über den Ausbruch seines Gelächters, warf Valerie zuerst einen Blick auf den Dunkelhaarigen und anschließend zu dem sichtlich amüsierten Mann. "Besprechungszimmer", äffte er sie nach und hielt sich bereits den Bauch. "Du kannst dir ein Zimmer zum Schlafen mieten, aber andere Räumlichkeiten wirst du hier nicht finden, Mädel."
      Sie erhob eine Augenbraue. Wozu nannte man es eine Herberge, wenn es lediglich Räume zum Schlafen und Speisen gab? Wo erholten sich die Reisenden von ihrer langen Reise? Etwa an diesem schmächtigen Kamin, dessen Feuer bereits zu erlöschen drohte?
      "Habt Ihr ein solches Zimmer?", wand sie sich erneut an den Söldner und sah ihn erwartend an. Höchstwahrscheinlich wollte er das Geschäftliche so schnell wie sie abwickeln - allerdings aus anderen Gründen als Valerie.

      Erleichtert seufzte sie aus, nachdem sie endlich an einem ruhigen Ort angekommen waren. Was sie dem Söldner nun verkünden würde, war lediglich für die Ohren der beiden Anwesenden bestimmt. Unsicher verschränkte die Herzogin die Hände ineinander und fand auf einem der klapprigen Holzstühle Platz. Sollte sie eines Tages wieder in ihrem Anwesen leben, so würde sie dieser Herberge neue Möbel spendieren. Dieser Stuhl drohte beinahe zusammenzubrechen. So kümmerte man sich doch nicht um seine geschätzten Gäste.
      "Mein Ehemann wurde heute Morgen ermordet aufgefunden. Sofort hatten diese unkultivierten Banausen von Bediensteten mir die Schuld an dieser schrecklichen Tat gegeben! Ich versichere Euch, dass ich diesen Mord nicht begangen habe. Ich kann kaum ein Messer halten ohne mich zu schneiden", erklärte sie und sah aus dem Fenster. So viel es ihr leichter über das Geschehene zu sprechen. "Ich bin somit eine Ausgestoßene und gleichzeitig auf der Flucht." Sie konnte es selbst kaum glauben. Heute Morgen war sie noch aufgestanden, wurde von ihren Bediensteten hergerichtet und war im prunkvollen Garten des Anwesens spazieren gewesen. Und nun war sie eine Verbrecherin, auf der Flucht vor dem Gesetz, das ihren Kopf verlangte.
      In ihren Gedanken versunken holte sie das Tässchen hervor, in dem sie ihre Goldmünzen aufbewahrte. "Ich brauche einen Geleitschutz, der mich vor möglichen Kopfgeldjägern oder anderweitigen Feinden schützt, während ich das Verbrechen, welches mir fälschlicher Weise angehangen wurde, zu lösen versuche." Noch immer hatte sie keine Vermutung darüber formulieren können, wer der eigentliche Schuldige war. Edward hatte weder Geschwister noch Kinder, die es auf das Anwesen und den Reichtum ihres Gatten abgesehen haben konnten. Einen Bastard schloss Valerie vorerst ebenfalls aus, da Edward immer wieder die treue und unendliche Liebe zu seiner Penelope beteuert hatte. Valerie war immerhin auch nur ein Mittel zum Zweck gewesen.
      "Das sind zwanzig Goldmünzen, vielleicht mehr .. Ich habe noch nicht die Möglichkeit gehabt diese nachzuzählen. Damit könntet Ihr Euch ein Anwesen in meinen Adelsrängen kaufen. Natürlich bekommt Ihr noch eine weitere Belohnung, sobald sich dieses gewaltige Schlamassel aufgeklärt hat... Nun was sagt Ihr? Kann ich auf Euren Schutz vertrauen?"
    • Aifer

      Keine Falle. Mit dem Verhandlungsgeschick eines Taubstummen verspielt sie jede Karte. Aifer stutzte als sich ein riesiger Haufen Goldmünzen vor ihm ausbreitete. Damit ist sie haarscharf dem Tod entkommen. Hätte auch nur einer dort draußen etwas von dem Gold gewusst... "Einverstanden", antwortete Aifer und lies seine Handschuhe über den Tisch wandern um das Gold in seiner Tasche verschwinden zu lassen, "dazu müssen Sie sich an einige Regeln halten die Ihnen nicht gefallen werden. Erstens, Sie sprechen mit niemanden. Ich rede für Sie. Zweitens, nicht auffallen." Aifer machte eine Pause und lies seinen Blick bedeutsam an Valeries maßgeschneiderter Garderobe auf und ab wandern: "Sieht aus wie aus einem Zirkus ausgebrochen. Solche Kostüme bringen nur Ärger." In der Tat, der gesamte Raum war in Grau- und Brauntöne versunken. Das Bettlaken kaum vom Bett zu unterscheiden. Die Seide und Edelsteine in Valeries Aufmachung würden Elstern auf bis zu einem Kilometer Entfernung aufhorchen lassen. Und Taschendiebe umso mehr. Aifer trat zu einem der zwei Kleiderschränke im Zimmer, öffnete ihn und stöberte unter den Wolldecken. "Hier, Dina's sollte dir passen", erklärte der Söldner während er eine braune Kutte herauskramte und sie vor Valerie auf den Tisch legte. "Dazu... diese Hose hier ist noch ganz in Ordnung", überlegte er weiter und stellte noch ein paar dreckige, ausgetretene Lederstiefel neben den Tisch. "Und bei den Haaren...", musterte Aifer das Farbenfeuerwerk vor ihm, "Diese Haube müsste funktionieren... sogar in weiß zur Abwechslung." Dann drehte er seinen Stuhl um, setzte sich mit dem Rücken zu Valerie hin und schloss die Erklärungen ab: "Alles ausziehen und das auf dem Tisch anziehen. Keinen Schmuck verstecken. Drittens, je höher das Kopfgeld auf Sie ausgesetzt wird, desdo teurer wird es für Sie. Viertens, ich nenne Sie von nun an Rema. Sie arbeiten offiziell als Unterhändlerin eines Vogts für mich. Er heißt Altus und es wird nicht über seine Geschäfte gesprochen. Keine Sorge, keine echte Arbeit, nur eine Geschichte für neugierige Münder."
      "If a machine is expected to be infallible, it cannot also be intelligent." - Alan Turing
    • Valerie

      Dass er die Münzen ohne zu zögern einsteckte, versicherte Valerie das er ihr helfen würde. Sie war zufrieden und erleichtert, jedoch hielt dieses Glück nicht lang an. Der Söldner begann sogleich Forderungen zu stellen, die der Adeligen keineswegs zusagten. Sie durfte nicht einmal reden? Sie mochte zwar eine Frau sein, doch bisher war es ihr stets erlaubt zu sprechen, wenn sie etwas störte oder beschäftigte. Doch diese Regelung war zu ihrem Schutz, gestand sie sich niedergeschlagen ein. Der Gedanke sich in ihrer Kommunikation einzuschränken gefiel der Rothaarigen keineswegs, doch sie könnte sich damit arrangieren. Es ist ja nur für eine kurze Zeit.
      "Wie bitte? Das Material des Kleides ist aus den besten Stoffen im ganzen Land! Einem Zirkus entsprungen, Ihr habt keinerlei Geschmack!" Noch nie zuvor hatte sie bezüglich ihres Gewandes Ablehnung erfahren, so waren es doch stets Komplimente und neidische Blicke gewesen, die sie für ihre Kluft erhalten hatte. Edward hatte sich stets bemüht ihr die schönsten Kleider anfertigen zu lassen, und dieser Bauerntrampel verglich es mit einem Zirkus.
      Valerie rümpfte die Nase als sie die braune Kutte erblickte, welche sie in der nächsten Zeit zutragen hatte. "Urgh." Allerdings war es ihr bewusst, dass sie keine andere Wahl hatte. Entweder trug sie die alte, hässliche Kleidung oder man entdeckte sie und sperrte sie ein. Und den Erzählungen zu Folge sollten die Zellen der Gefängnisse schrecklich sein. "Eine Hose? So etwas habe ich noch nie getragen", merkte sie beiläufig an und untersuchte das Kleidungsstück. Valerie war mit einfachen Prinzipen aufgewachsen. Kleider wurden von Frauen getragen, Hosen währenddessen von Männern. Dieser Söldner stellte ihre gesamte Welt auf den Kopf! "Was ist mit meinen Haaren?" Unsicher fasste sie sich an den Kopf. Hoffentlich wollte dieser ungehobelte Mann ihr wunderschönes Haar nicht schneiden. Es war ihr gesamter Stolz. Für Valerie war es ein Heiligtum. Umso erleichterter war sie als er ihr eine weiße Haube zu der Kleidung legte. Erfreut darüber war sie bei Weitem nicht. Sie hasste es sich verstecken zu müssen. Dazu zu Unrecht! Das Leben konnte wirklich gemein sein.
      Widerwillig zog sie ihre geliebte Kleidung aus und wechselte in die hässliche Kluft, welche von nun an ihre Alltagskleidung sein würde. Ihren Blick behielt sie misstrauisch auf dem fremden Mann. Würde er sich umdrehen, während sie sich entkleidete, würde ihm ihr Stiefel entgegenfliegen. Sie legte den Schmuck ab, den sie bei sich trug und hörte dem Mann weiterhin aufmerksam zu. Rema. Valerie darf vorerst nicht mehr existieren. "Fertig." Stutzig sah sie die weiße Haube an und schob sie beiseite. Sie trug die restliche Kutte, das sollte vollkommen ausreichend sein. "Seht es als restliche Zahlung - für den Anfang", murmelte sie und schob sämtliche Schmuckstücke bis auf eines zu ihm. Die Brosche ihrer Großmutter versteckte sie in ihrem Unterhemd. Zwar hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass sie keine Schmuckstücke verstecken sollte, jedoch hatte sie keine andere Wahl. Ihre Großmutter war Valeries beste Freundin gewesen. Niemals, unter keinen Umständen würde sie diese Brosche weggeben. Der Söldner würde es ohnehin nicht erfahren. Er würde ihr schließlich nicht unter die Kleidung lunschen.
      "Was macht eine Unterhändlerin?" Wenn es ihre neue Arbeit war, so sollte sie darüber erfahren. "Und.. ich kenne nicht einmal Euren Namen. Ungern möchte ich Euch lediglich mit 'Söldner' ansprechen." Zudem bestand ihre geschäftliche Beziehung aus Vertrauen. Er hatte sie bereits geduzt, was sie durchgehen ließ, da könnte er ihr seinen Namen verraten.
    • Aifer

      Aifer schmunzelte als er die metallischen Geräusche hinter sich hörte. Das ist der einfachste Auftrag meines Lebens. Sie übergibt mir auch noch ihren gesamten Schmuck? Damit macht sie sich so arm wie jede andere dahergelaufene Bäuerin. Was ist es wert sie da noch zu schützen? Zugang zu noch mehr Reichtum hat sie schließlich nicht mehr. Morgen bin ich sie los… „Aifer“, sagte der Söldner, „wenn du schon mit gewaschene Ohren nicht aufpasst, dann will ich nicht wissen wie gut deine Beobachtungen in ein paar Tagen sind. Wenn du nicht sprichst wirst du auch nicht erklären müssen welchen ausgedachten Geschäften Rema nachgeht.“ Aifer lehnte sich mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl zurück und fragte „Wer könnte hinter dem Anschlag stecken? Irgendwelche Unregelmäßigkeiten die letzten Tage, womöglich Streit? Wie bist du geflüchtet und warum?“ Die Antworten auf diese Fragen interessierten Aifer wenig. Weder würde er sich mit jemanden vom Kaliber eines de la Crue anlegen noch vertraute er darauf, dass Valerie irgendeine Ahnung davon hatte was sich außerhalb ihrer vorgefertigten Adelskreise abspielte. Als Valerie ein Pferd erwähnte seufzte Aifer auf und drehte sich um. „Du hast ernsthaft ein Pferd gestohlen?“ Die Verkleidung funktionierte. Sie erschien unauffällig genug auch wenn ihre Haltung noch etwas zu aufrecht war und das feuerrote Haar zu gepflegt wirkte. Ein Pferd loszuwerden war aber keine leichte Sache. Gerade wenn es Qualität hatte würde jeder Verkauf Gerüchte nach sich ziehen. Ein totes Pferd würde es Valeries Jäger aber auch nicht schwieriger machen. Vorsichtig sammelte Aifer Valeries Kleidung und Schmuck ein und verstaute sie unter den Wolldecken im Schrank. Über Edelsteine kann ich mir den Kopf zerbrechen wenn diese Geschichte in Vergessenheit geraten ist. „Da das Pferd unweigerlich eine Fährte legt ist es das Beste wir lassen es von seinem Besitzer wieder einsammeln und sorgen dafür das alle Untersuchungen vor Ort ins Leere laufen.“ Grimmig trat er aus dem Zimmer. „Los, keine Zeit zu verlieren Rema.“ Er musste sich noch bei Altus für den Habicht bedanken, aber mit einer tickenden Zeitbombe im Gepäck hatte er keine Chance. Noch nicht.


      Tatsächlich, das Pferd stand noch dort wo Valerie es zurückgelassen hatte. Friedlich und desinteressiert an den staunenden Augen um es herum wartete es wohl nur darauf wieder in einen Trab versetzt oder gefüttert zu werden. „Abwarten“, gab Aifer zu verstehen und setzte sich auf eine Bank in der nächstgelegenen Seitengasse mit Blick auf das Pferd. Die erste Stunde war müßig, doch wie sich die Minuten mehrten horchte der Söldner erleichtert auf als er sah wie sich drei Männer zu Pferde dem fremden Tier näherten. Allesamt trugen sie eine Uniform, die sie als privaten Sicherheitsdienst zu erkennen gaben. Einer der Männer stieg ab, begutachtete das braune Pferd und unterhielt sich mit den beiden anderen. Dann betrat er die Taverne. Wenig später kam er wieder heraus und gab den Männern zu verstehen sich in Bewegung zu setzen. Aifers Herzschlag wurde schneller. Jetzt würde es sich entscheiden. Umso irritierter schaute er in die verwunderten Augen Valeries als auch der dritte Mann aufsattelte und das braune Pferd einfach abführte: „Etwas stimmt hier nicht. Wieso ziehen sie ab? Sie müssen doch wegen der Reiterin und nicht wegen ihres Pferdes gekommen sein.“ Soviel Glück an einem Tag konnte nicht wahr sein. Aifer war fassungslos.
      "If a machine is expected to be infallible, it cannot also be intelligent." - Alan Turing
    • Valerie

      Der Söldner hörte also auf den Namen Aifer. Ein einfacher Name, allerdings hatte sie ihn noch nie zuvor gehört. In ihren Kreisen wurden Namen bevorzugt, die einen stattlichen Klang hatten. Zu kurz durfte der Name ebenfalls nicht ausfallen, denn kurz bedeutete, dass die Familie zu dumm war, um einen längeren Namen zu schreiben beziehungsweise zu lesen.
      "Mir würde kein Verdächtiger einfallen. Edward hatte weder Geschwister noch Kinder, die nach seinem Reichtum lechzen würden. Er hat auch niemals von möglichen Anfeindungen gegen ihn gesprochen. Die De la Crue ist eine hohe und angesehene Familie, die dem König nahe steht." Jeder, der sich gegen die Familie stellte, würde sich als ungebildet und lebensmüde bezeichnen. Niemand legte sich mit dieser Familie an und würde ungestraft davon kommen. Nicht ohne andere adelige Familie und das Königshaus gegen sich zu haben. Doch derjenige, der sich gegen Edward gewandt hatte, hatte Valerie als Schutzschild verwendet. Jeglicher Zorn richtete sich nun gegen sie und jedem der ihr Unterstützung bot. "Wir hatten zuvor noch verkündet, dass wir einen Erben hervorbringen wollten. Vielleicht gefiel das dem Schuldigen nicht." Allerdings viel ihr kein Grund ein, weswegen jemand über ein solches Glück erzürnt werden würde.
      Die Rothaarige begann nun damit das Geschehene des Tages zu wiederholen, sie erzählte von ihrer Flucht, den Weg durch den Wald und wie sie schlussendlich in diesem Örtchen gelandet war. "Ich habe es nicht unerlaubt entwendet. Ich bin die Herzogin des Anwesens, dieses Tier gehört mir", erwiderte sie beleidigt. Jetzt wurde sie auch noch als Diebin bezichtigt. Was folgte als nächstes? Hexerei? Oder doch eher der Beischlaf mit anderen männlichen Individuen?
      Er redete davon, dass er das Pferd verschwinden lassen wollte. Es sollte von ihren Jägern gefunden werden und keine Fährte hinterlassen, die in ihre Richtung führte. Sie folgte ihm aus dem Raum, wohl wissend, dass sie sobald sie die Schwelle übertrat, lediglich als Rema weiterleben würde. Zumindest für die Zeit, die sie benötigte um den wahren Mörder ihres Ehemanns zu finden.

      Die Zeit, die sie wartend verbrachten, zog sich unendlich in die Länge. Sie hasste das Warten und die Langeweile, die von ihr begleitet wurde. In ihrem Anwesen las sie oft, wanderte durch die Gänge oder malte mit den neuartigen Farben und Pinseln, die Edward ihr gekauft hatte. Doch auf dieser Bank, eingehüllt von einem stechenden und unangenehmen Geruch, konnte sie lediglich mit ihren Haaren spielen. Sie zwirbelte die lockige Strähne um ihren Finger, befreite ihn anschließend von den Haaren, nur um ihn einige Sekunden später wieder darin einzuwickeln. Ihr war es nicht einmal erlaubt zu reden. Gerne hätte sie sich mit dem Söldner zu ihrer Linken unterhalten, um ihn kennenzulernen. Allerdings schien Aifer an ihrer Person ohnehin nur wenig Interesse zu zeigen. Sie seufzte.
      Gerade als die letzten Stränge ihrer Geduld zu zerreißen drohten, bewegten sich drei Männer auf das Pferd zu, das sie bereits seit einer Stunde beobachteten. Valerie erkannte die Uniformen direkt. Noch vor einigen Stunden waren jene Männer ihre Wachen gewesen, die sie beschützten. Sie kannte sogar ihre Namen. Die Langeweile und Ungeduld wurde nun von Aufregung und Angst ersetzt, die sich unweigerlich durch die Adern der jungen Herzogin zogen. Ihre Hände und Füße wurden kalt, sie konnte kaum still sitzen. Doch sie musste ruhig bleiben. Sie durfte nicht auffallen, denn diese Männer kannten ihre äußerliche Erscheinung. Valek und seine Männer würden sie selbst in ihrer Verkleidung als Rema erkennen. Wenn sie sie entdecken würden, wäre ihre Flucht und die Chance ihre Zukunft zu retten vorbei. Sie beobachtete die Männer, die nun wieder aus der Taverne traten. Valek, der Jüngste von ihnen, drehte seinen Kopf und sah sie an. Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er sie erkannt hatte. Oh lieber Gott, nun ist es vorbei. Die Rothaarige wollte sich bereits stellen, freiwillig aufgeben, da nahmen die Männer das Pferd, sattelten auf und verschwanden. Irritiert sah sie zu dem Söldner, der ebenso verwirrt schien wie sie selbst. "Er hat mich erkannt. Unmöglich! Valek hat mich erkannt, aber er ist weitergeritten", platzte es aus ihr heraus, doch realisierte sie ihr Handeln sogleich und hielt sich den Mund zu. Hatte Valek sie geschützt? So ein Idiot! Er setzte sein eigenes Leben mit diesem Verrat aufs Spiel. Doch sie war dankbar.
      "Es scheint so als hätte ihnen niemand in der Taverne weiterhelfen können.. Oder sie wurden auf eine falsche Spur geschickt", murmelte sie, während sie einen Finger an ihr Kinn legte. Je mehr sie über das Verhalten der Männer grübelte, desto verwirrter war sie. Doch sie war sich in einem Punkt sicher. Valek und seine Männer wären nicht die letzten Jäger, die auf der Suche nach ihr in diese Stadt kommen würden. "Wir haben dadurch Zeit bekommen."
      Ihr Blick richtete sich erneut auf den Söldner. Wie sollte es nun weitergehen? Höchstwahrscheinlich würde sie ihren Kopf für die kommenden Tage versteckt halten müssen. Zumindest bis sich der Schock der aktuellen Situation gelegt hatte. Schon bald würde man einen anderen Kriminellen finden, der oberste Priorität hatte. Vielleicht glaubten sie sogar, dass Valerie in der Wildnis nicht zurecht kommen und von allein zurückkommen würde. Sie würde zurückkommen, jedoch nicht als Verbrecherin. "Das Pferd ist weg. Was werden wir nun tun? Verlassen wir die Stadt ebenfalls?" Sie wünschte, dass sie Ahnung in dieser Angelegenheit hätte, denn dann könnte sie ihm bei der Planung helfen und würde nicht ständig solch unnötige Fragen stellen müssen. "Ich sehe vielleicht nicht so aus, aber ich kann helfen!", versicherte sie ihm entschlossen. "Solange wie Ihr mich unterstützt, möchte ich auch Euch von Nutzen sein." Allerdings wusste sie noch nicht wie.
    • Aifer

      „Wir segeln fort“, sprang es aus Aifer heraus, „Morgen früh, die Auktionen starten um 7. Wir holen uns einen Platz auf einem noblen Schiff und fahren weit weg. Die Marine ist zur Zeit unterbesetzt, der beständige Frieden im Land legt die Schlachtschiffe lahm und treibt den Handel an. Mehr Transporter die im Hafen anlegen denn je. Reisende fallen da keineswegs auf. Manche Ziele haben ihren Preis, aber mit dem Gold… Indien, Südafrika, die Karibik, Kanada, alles kein Problem für eine Adlige im Exil. Kaum sind ein paar Jahre vergangen wird sich ein Sündenbock gefunden haben und der Schaden der De la Crues beglichen worden sein. Dann kannst du zurückkehren mit aller Staatsgewalt auf deiner Seite. Das adlige Namensrecht ist stark genug wenn Schulden getilgt wurden.“ Valerie staunte ihn mit großen Augen an. Wie bin ich darauf gekommen? Die Lüge ging ihm so leicht und selbstsicher von den Lippen wie der Söldner es nicht gewohnt war. Vielleicht waren es Träume die er selbst einst hatte und die dem ganzen Schauspiel gegenüber Valerie mehr Echtheit verschafften als ihm zustand. „Kannst du lesen, schreiben oder rechnen? Ein Musikinstrument spielen? Malerei oder sonstige Produkte die Hanseaten gerne kaufen? Dann kannst du viele Jahre in einer fernen wohlhabenden Hafenstadt überleben.“ Aifer hielt kurz inne: „Je schneller wir handeln desdo sicherer. Wir gehen zum Hafen.“ Zielstrebig holte der Söldner sein Pferd und gab Valerie zu verstehen hinter ihm aufzusatteln. Unbequem für zwei, aber etwas an das der ausgebeulte Ledersattel mehr als gewöhnt war. Schnell ritten sie Richtung Hafen. Jede Minute an der frischen Luft mit Valerie war Aifer eine zu viel. Es muss alles schnell und ohne Zwischenfälle zu Ende gehen. Dann bin ich frei raus. Aifer erwischte sich dabei wie ein kurzer Tagtraum im vorgaukelte er könne Dina wiedersehen. Die Farm vollständig renovieren. Samara freudestrahlend begrüßen. Mit dem Gold… bald könnte das möglich sein.


      Kaum angekommen, mietete Aifer ein leeres Zimmer im Freudenhaus was mit einem Naserümpfen quittiert wurde. Paare wurden hier sehr ungern gesehen, bedeutete es doch wenig Chancen des Hausbesitzers auf Diebstahl oder Erpressung. Doch es wurde nicht Buch geführt. Der perfekte Ort um eine Nacht ohne Spuren unterzutauchen. Dass Valerie die Situation so gar nicht einordnen konnte wunderte Aifer wenig, doch machte er auch keine Anstalten ihr irgendetwas im Vorhinein zu erklären. Ohne auf sie einzugehen warteten der Söldner und die Adlige auf dem Zimmer, dass er gemietet hatte ohne Beschäftigung. Das gelegentliche Grunzen und Stöhnen aus anliegenden Zimmern vermischte sich mit dem Rauschen der Wellen von draußen. Dieses Zeit totzuschlagen war für Aifer keine Hürde. Bis zum Sonnenuntergang. Dann deutete er auf das Doppelbett: „Leg dich schlafen, wir müssen morgen früh los um die Ersten zu sein.“ Aifer verschloss die Türe und setzte sich auf einen Stuhl mit dem Rücken zur Türklinke. Es dauerte lange bis ihm die Augen zufielen. Doch schließlich schlief auch er.

      Das Feldbett war hart und unbequem, das Kissen kaum dicker als ein Blatt Papier. Aifer stand auf. Seine Beine schmerzten bei jedem Schritt. So fühlte sich ein Drei-Tages-Marsch an. Doch es war nicht der Schmerz der ihn wach hielt. An den hatte sich der Soldat schon vor Wochen gewöhnt. Erschöpft lies er den Blick über seine schlafenden Kameraden schweifen. Alle aufgereiht, ruhig, beinahe friedlich schlafend, der leise Nachtregen über das Zeltdach streichelnd. Aifer ging 11 Betten weiter. "Bist du noch wach?", flüsterte er dem Goldschopf zu der dort schlief. Auf ein Nicken hin legte sich Aifer zu dem Mann auf das schmale Feldbett. Dicht and dicht schauten ihn zwei warme braune Augen an, ein starker Arm der sich um ihn legte. Ein Kuss der ihn aus dem Krieg riss. Aifer strich ihm durch die blonden Locken und hauchte: “Danke, dass du gewartet hast.” Der Regen nahm zu. Er begann auf dem Zeltdach aufzuschlagen. Sturzbachartig prasselte das Wasser auf den grünen Stoff. Lauter und lauter. Donnerschläge, der Trommelwirbel des ersten Maats. Aifer wurde taub, Schmerzen bohrten sich durch seine Trommelfelle. Er fiel vom Bett, krümmte sich am Boden. Dröhnende Stille. Panisch starrte Aifer auf den Boden unter ihm. Er hörte nichts, er erfühlte nichts, der Boden unter ihm fiel ins Unendliche. Weinend kauerte er sich zusammen als er seinen Blick hob und den Kopf schüttelte: "Nein! Nein! Das ist nicht meine Schuld!" Der Goldschopf stand vor ihm, ragte über ihn. Jede Pore seiner Haut mit Striemen überzogen. Blut das sein Gesicht fast unkenntlich machte. "Nein, das ist nicht meine Schuld!", schrie Aifer verzweifelt, "Hör auf mich anzuschreien!" Stumm starrten ihn leere Augen an. "Hör auf! Hör auf! Nein!"

      Aifer wachte auf. Schweißgebadet saß er kerzengerade auf dem Stuhl. Sein Herz raste und er musste sich festhalten um tief und lang durchzuatmen. Besorgt taumelte er ein paar Schritte durchs Zimmer um sich zu vergewissern, dass Valerie noch immer dort lag wo sie eingeschlafen war. So wie sich seine Augen an das Dunkel der Nacht gewöhnten beruhigte er sich. Aifer öffnete die Türe leise und trat nach draußen. Der Nachthimmel war klar und der Mondschein tauchte das Wasser im Hafen in ein silbernes Gewand. Sein Blick wanderte über die Silhouetten der angelegten Schiffe. Die dreimastigen Segelschiffe waren sorgsam aufgereiht. Stolz und prunkvoll versperrten sie die Sicht auf die vielen kleine Boote und Kutter. Geladen hatten diese großen Handelsschiffe für üblich Tabak, Wein, verarbeitete Wolle und Leder, Glas und Kupfer. Alles das was wenig vergänglich war, seinen Preis hatte und sich unter Hanseaten so leicht verkaufen lies wie ein gut zubereitetes Steak in einer Schenke. An seine letzte Fahrt auf einem solchen Schiff erinnerte sich Aifer mit einem fauligen Geschmack im Mund. Das Geräusch mit dem der erste Maat die Sklaven unter Deck antrieb schneller zu rudern war zu seinem zweiten Herzschlag auf See geworden. Welche illegale Waren wohl in diesen Schiffen auf den richtigen Empfänger warten? Für gewöhnlich waren es Aristokraten oder Militärs die Wertsachen am Zensus vorbeischmuggelten. Einschreibungsrechte um Tonnen und Kisten als Schwarzpulver oder Waffenbauteile deklarieren zu dürfen waren dazu die begehrtesten Verschleierungsbriefe auf dem Schwarzmarkt. Gerade dann wenn es um Menschenhandel ging.

      Aifer wartete bis zum Morgengrauen, weckte dann Valerie in der Frühe und ging mit ihr zu einem kalten Frühstück im Gasthaus, dass als erstes im Hafen öffnete. Abwesend lies er die Zeit verstreichen bis das Kontor seine Tore öffnete. Valerie behielt er im Auge, nickte aber ihre Gesprächsversuche einfach nur ab. Mit ihr im Schlepptau wandte er sich an den ersten Schalter in der Kontorhalle: “Eine Bombarde, Doppelprojektil, Gusseisern, 6er Kugeln, Baujahr 57” Erstaunt sah ihn der Beamte am Schalter an: “Sind sie sicher? Das ist unsere größte Geschützklasse. Wir halten davon maximal fünf offen für je zwei.” “Ja”, bestätigte Aifer und schob dem Bürokraten zwei Goldmünzen zu.
      "If a machine is expected to be infallible, it cannot also be intelligent." - Alan Turing
    • Valerie

      Vorerst hatte sie den Vorschlag des gesetzeslosen Söldners für gut empfunden. Ihren Umständen entsprechend als weit aus sicherer als in einer Stadt, die ihrer Heimat so nah war. Doch bereits in der Nacht, die die ungleichen Reisegefährten in einem Freudenhaus verbracht hatten, ganz zu Valeries Missgunst, bildeten sich in der Rothaarigen immer mehr Zweifel. Aifer hatte von Indien, der Karibik und anderen exotischen Ländern gesprochen, die sich fernab von ihrer geliebten Heimat befanden. Dabei wollte sie vorwiegend in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Sie wollte denjenigen, der für Edwards Tod und ihrer grausamen Lage verantwortlich war eigenständig hinter Gittern bringen. Mit Sicherheit war es ein naives und unüberlegtes Vorhaben, jedoch war Valerie es Leid davon zu rennen und sich hinter der Fassade einer schmutzigen Magd - oder was immer Rema auch sein mochte - zu verstecken. Sie war Valerie de la Crue. Eine Herzogin. Und dieses Geburtsrecht würde sie sich keineswegs nehmen lassen. Doch sah sie keinen Weg wie sie Aifer zu einer anderen Lösung als der Flucht übers unbekannte Meer bewegen konnte. Jegliche Versuche ihrerseits mit ihm zu kommunizieren, nickte der Söldner lediglich ab. Er hörte ihr nicht zu, respektierte sie nicht. In seinen Augen war sie nur eine potenzieller Goldesel.
      Seufzend strich sie sich durch das rote Haar, um eine störende Locke hinter ihr Ohr zu klemmen. Sie saßen bereits seit einiger Zeit am Hafen und warteten. Wäre es eine weniger ernste und gefährliche Situation, so hätte die Adelige sich weitaus über den Besuch an einem Hafen und der Fahrt übers schier endlose Meer gefreut, doch ihr war schlecht. Je länger sie warteten, desto mehr sie in ihren verzwickten Gedanken versinken konnte, desto unsicherer wurde sie. Sie wollte ihre Heimat nicht wie ein feiges Huhn verlassen, doch Aifer würde ihr nicht zu hören. Höchstwahrscheinlich würde er sie in dem fremden Land absetzen, mit dem Gold verschwinden und nie wiederkehren. Valeries Bedenken wurden größer und lauter. War es die richtige Entscheidung ihrerseits gewesen den jungen Mann als ihren Söldner anzuheuern? Sie wollte schreien.
      Dann setzte Aifer sich in Bewegung und sie steuerten geradewegs auf einen Schalter zu. Valeries Beine zitterten bereits vor Aufregung.
      "..De la Crue-Familie", schnappte sie in der Menge auf und wand eilig ihren Kopf in die Richtung, aus der sie die Stimme vernahm, die soeben den Namen ihrer Familie ausgesprochen hatte. Es war eine Frau mittleren Alters, die mit einem gleichaltrigen Mann zu sprechen schien. Sein Gesicht war von einer dunklen Kapuze bedeckt, sodass Valerie seine Züge nicht erkennen konnte. Unsicherheit stieg umso mehr an, denn wirkte dieser Mann äußerst verdächtig. Sie erkannte die Stimme des Mannes, jedoch fiel ihr kein Gesicht ein, das sie der dunklen und tiefen Stimme zuordnen konnte. Vielleicht ein ehemaliger Bediensteter? Nein, diese hätte Valerie sofort erkannt. "Die Frau ist noch immer auf der Flucht. Niemand weiß wohin sie gegangen ist, doch ihre Schuld an diesem schrecklichen Mord ist unausweichlich", fuhr der Mann fort. Die dickere Frau nickte begeistert, fest entschlossen sämtliche Informationen aufzunehmen. Valerie erging es damit ähnlich. "Aber seit einer kurzen Weile treibt sich ein unbekannter Herr in der Nähe des Anwesens herum. Behauptet er sei der Sohn des Herzogs." Valerie konnte ihre Neugier kaum bändigen. Am liebsten wäre sie auf die Fremden zugegangen und hätte der Erzählung weitergelauscht, jedoch verschwanden die älteren Herrschaften sogleich in der Menge. Ein unbekannter Herr? Sohn von Edward? Dass ich nicht lache! Ihr Gatte hatte keine Kinder, somit auch keine Erben, deswegen war er die Ehe mit ihr überhaupt eingegangen! Und keineswegs hatte der sanfte Ed seine ruhige und liebevolle Penelope vor ihrem gemeinsamen Gott betrogen. So war er nicht. Zumindest glaubte Valerie dies fest.
      Sie musste einfach herausfinden, was es mit diesem unbekannten Mann auf sich hatte! Vielleicht war er der Mörder ihres Gatten! Ihr Blick fiel auf Aifer und anschließend auf das Schiff hinter ihm. Keineswegs konnte sie beruhigt auf dieses Schiff steigen, dass sie ins Unbekannte verfrachtete. Fernab von der Wahrheit. Sie entdeckte den Beutel, welcher mit ihrem Gold gefüllt war, entwendete ihn sorgsam und verschwand in der Menge. Bei diesem Chaos sollte Aifer nicht bemerkt haben, dass sie verschwunden war. Trotz dessen blieb sie auf der Hut. Zwar wollte der Söldner ihr nichts Böses, aber dafür gab es andere Menschen, die es auf ihr Haupt abgesehen hatten. Sie würde vorsichtig sein müssen. Tut mir Leid. Sie hatte ihm das Gold versprochen gehabt, jedoch blieb ihr keine andere Wahl, wenn sie das Geheimnis hinter dem Mord lüften wollte. Außerdem könnte sie ihm das Gold zurückzahlen, sobald sie ihren alten Status hergestellt hatte. Ab da an könnte sie ihn im Gold schwimmen lassen.
      Wendig schob sie sich durch die Menge, in der Hoffnung so viel Distanz zwischen ihr und Aifer zu bringen bevor er von ihrer Flucht mitbekam. Urgh, ich bin schon ziemlich dämlich. Nun war sie wieder allein. Hatte demjenigen, der ihr versucht hatte zu helfen, regelrecht ein Messer in die Brust gestoßen, weil sie ihren Egoismus durchziehen hatte wollen. Aber nun wäre es ohnehin zu spät, um umzudrehen. Sie hatte sich dafür entschieden nicht zu fliehen, stattdessen würde sie hier bleiben und forschen. Sie würde den wahren Mörder finden. Und wenn sie es allein durchstehen musste.


    • Aifer

      Frustriert setzte sich Aifer auf eine der knarzenden Holzbänke im Büro des Notars. Er faltete den Einschreibungsbrief, der ihn zwei Goldmünzengekostet hatte, mit einer Hand auf und zu. 80Silber... das ist fast schon Hohn. Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit hatte gereicht um ein Vermögen zu verlieren und mit einem nutzloses Stück Papier in diese miefige Kanzlei gepfercht zu werden. Der Notar thronte vor den Antragsstellern, die den kleinen Raum reichlich befüllten. Sein Blick fest auf die Papiere und Bücher vor sich geheftet, die Feder in einem beständigen Rythmus zur Tinte schnellend um Zeile für Zeile den Fragen und Forderungen von Bittstellern und Gläubigner nachzukommen. Als Aifer an der Reihe war hob der Notar erstmals den Kopf: "Entschuldigen Sie mein Herr, solche Papiere nehmen wir nicht an." Erstaunt schaute Aifer auf den Einschreibungsbrief:"Warum nicht? Der ist völlig legal und intakt." "Jawohl mein Herr", säuselte der Notar mit hastiger, leiser Stimme nun wieder mit seinem Kopf tief in Dokumenten versunken, "und ich zweifele sicherlich nicht Ihre Integrität an, keineswegs. Es käme mir nie in den Sinn die Rechtmäßigkeit eines Geschäfts solcher Hochachtung aufgrund ihrer Statur abzuweisen. Nein, oh nein, keineswegs. Dieses Papier is legal. Ja, oh ja, sicherlich. Ich kann es aber nicht für 80 Silber kaufen. Sehen Sie..." Der Mann machte eine kurze Pause, hustete und begann sogleich eine Tabelle zu seiner rechten mit schneller Feder auszufüllen. "Sehen Sie, mein Herr. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie durch den Kauf dieses Papiers gegen ein Waffenembargo vom vierzehnten Achten verstoßen haben." "Bitte was?", fragte Aifer irriert,"ich habe die Lizenz vor weniger als einer Stunde einen Block weiter am Kontor gekauft. Meinen Sie etwa, dass die Beamten dort gesetzwidrigen Handel treiben?" "Sehr wohl, mein Herr, sehr wohl", antwortete der Notar hektisch und blätterte durch einen Stapel Papiere zu seiner Linken, "Damit kann ich notariell bestätigen, dass sie nicht einmal seit 24 Stunden im Besitz der besagten Lizenz sind. Das ist bedauernswert. Keineswegs ihre Statur, ich halte Sie für einen ehrwürdigen Geschäftsmann. Ja, oh ja. Doch leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Käufe für Einschreibungen der Geschützklasse Stufe 7 eine Sperrklausel von 48 Stunden haben. So Leid es mir tut mein Herr, ich darf in keinen Handel eintreten der dieses Papier betrifft." Wie vor den Kopf gestoßen machte Aifer einen Schritt zurück. DieserMann spielt ein Spiel mit mir. "Machen Sie mir nichts vor", forderte der Söldner, "Was ist der Preis?" "Das sagte ich Ihnen bereits, mein Herr. 80 Silber.Aber ich kann Ihnen anbieten gegen eine kleine Verwaltungsgebühr von 10 Silber ihr Papier unabhängig von seiner Bestimmtheit Hanseaten anzubieten, die nicht an Handelserlässe vor dem siebzehnten Zwölften gebunden sind", erklärte der Notar nun mit deutlich ruhiger Stimme. "Bitte was?", hakte Aifer nach. Die Sprache des Mannes war so undurchlässig wie seine Absichten. "15 Silber wenn es hochkommt. Sie müssen wissen, dass gerade in solch friedlichen Zeiten - und hochgelobt sei das Land und die königliche Weisheit, die uns solch ein angenehmes Handelsklima gewährt - rüstungsbezogene Zertifikate mehr Aufmerksamkeit benötigen. Sie müssen verstehen, dass Stufen 6 und 7 mit besonderen Auszeichnungen vergeben werden. Um ehrlich mit Ihnen zu sein wundert es mich ein solch selten verwendetes Papier in den Händen eines Mannes ihrer Statur zu sehen. Und ich bin sicher, dass ihre Haltung Ihnen erlaubt solch ein Urteil nicht als despektierlich anzuerkennen", erwiderte der Notar ohne den Blick von seinen Büchern abzuwenden."65 Silber, abgemacht", entgegnete Aifer dessen Kopf langsam schwindelig wurde. Er hatte nicht einen Satz verstanden, der ihm im Redefluss des Schreiberlings entgegengeworfen wurde. "Jawohl, mein Herr, jawohl", säuselte der Notar nun wieder und beschleunigte das Geschäft: "Ich respektiere ihren Handlungsdrang und werde über den faux pas ihrer ersten Anfrage hinwegsehen, mein Herr. Es war nie meine Absicht sie zu kränken, nein, oh nein, keineswegs. Hochachtungsvoll werde ich einen Brief an den Herrn aufsetzen; Sie Ihres Anrechts auf direkten Handelsausgleich versichern." Der Notar hob den Blick zum zweiten Mal und lächelte Aifer selbstgefällig an: "Ihr Name, mein Herr?" "Was?", antwortete Aifer verwirrt. Der Mann vor ihm schien mit jeder neuen Information, die er dem Söldner gab seine bisherigen Anworten mehr und mehr zu verschlüsseln. "Sicherlich, ich kann Ihnen die Legalität bestätigen. Allerdings erfordert die Unbestimmtheit dieser Sache die Zustimmung der oberen Handelskammer. Ich sage dies nicht um sie zu belehren, mein Herr. Keineswegs, nein, oh nein. Ich wäre sehr beschämt darüber zu glauben, dass an Ihrer Statur Zweifel bestehen, mein Herr", sprach der Notar im ruhigen Ton fort und setzt abermals an Notizen in ein Buch zu schreiben, dass er aus einer der unzähligen Schubladen hinter sich herauskramte," Ich möchte Sie nicht bedrängen. Schließlich haben Sie bereits ihre Schuld eingestanden und sind bereit bis über das vierte Dutzend keinen fest gesetzten Maßgaben zu folgen. Ihr eingetragenes Rechenschaftszeugnis würde auch genügen eine solche Rechtsstreitigkeit bereits vor einer Konfrontation beizulegen." Aifer gab auf verstehen zu wollen was ihm dort an Unsinn entgegenschlug. "Wie bekomme ich nun meine 65 Silber?", fragte er abermals. "Mein Herr, ich bitte Sie. Ein Mann ihrer Statur muss sich doch nicht zu solch maßlosen Übertreibungen aufschwingen. Nein, oh nein, keineswegs. Es betrübt mich, dass Ihr Unwille zur Kooperation nun sanktioniert werden muss", sagte der Notar und begann abwesend in einem weiteren Buch zu blättern. Ein Mann in Uniform näherte sich Aifer und sagte zu ihm inteilnahmsloser Tonlage: "Bitte folgen Sie mir." "Folgen?", stutzte Aifer erneut, "Was soll das?" "Zum Gerichtshof, folgen Sie mir. Jetzt", wurde der Uniformierte deutlicher und packte Aifer grob am Arm. "Ich denke gar nicht dran", wehrte sich der Söldner und befreite sich aus dem Griff. Zwei weitere Männer in Uniform traten an Aifer heran. Es wurde unruhig im Raum. Andere Antragssteller wichen von Aifer zurück."Folgen Sie uns", kam die Forderung erneut. Diesmal wurde der Söldner an beiden Armen gepackt und die Männer machten Anstalten ihn gegen seinen Willen abzuführen. Aifer versuchte sich zu wehren doch ohne Waffen hatte er keine Chance den Griffen der drei Männern zu entkommen. “Lasst mich los! Hört auf!”

      Gedemütigt ließ der Söldner sich schlussendlich abführen. Mit hängendem Kopf versuchte er den neugierigen Passanten zu entkommen, die über die Gründe der ungewöhnlichen Festnahme tuschelten. Das so etwas in einer Handelskanzlei geschah war eine Rarität. Sicherlich musste der Abgeführte ein Schwarzhändler oder Steuerhinterzieher sein. Umso lauter wurde das Raunen der Beobachter als einer der drei Uniformierten stehen blieb und sprachlos zusammensackte. Die Soldaten blieben stehen und sprachen mit dem regunglosen Mann. Dann ließen auch sie von dem verhafteten Söldner ab und fielen zu Boden. Erstaunt hob Aifer seinen Kopf. Was passiert hier? Kaum hatte er die Realität seiner Verhaftung akzeptiert eröffnete sich ein neues Mysterium. Die Soldaten gaben keinerlei Regung oder Laut von sich. Habensie das Bewusstsein verloren? Sind sie tot? Aifer kniete sich auf den Boden und suchte nach einem Puls bei einem der Männer. Ja,er lebt noch. Das Getuschel wurde lauter, und erste Wellen der Empörung machten sich breit: “Was geht hier vor sich?” “Wer ist dafür verantwortlich?” “Halte doch jemand den Verbrecher fest!” Überfordert sah sich Aifer im Zentrum einer Menschenmenge, die immer weiter wuchs und lauter wurde. Schließlich brach der Sturm los: “Mörder!”

      Aifer rannte. Rufe, Schreie, stumpfe Gegenstände wurden ihm hinterhergeworfen. Er rannte ein halbes Dutzend Schaulustiger über den Haufen. Doch kaum außer Reichweite der Kanzlei sah er sich bereits Uniformierten auf Pferden gegenüberstehend. Einem Pferd zu Fuß auf offener Straße entkommen zu wollen war an Dummheit nicht zu überbieten. Niemand ist gestorben und mit dem Militär lässt es sich leichter verhandlen als mit einer blinden Menschenmenge, versuchte Aifer sich zu beruhigen während einer der Soldaten von seinem Pferd abstieg und ihm Handschellen anlegte. Dieser forderte ihn ebenfalls auf in eine Kutsche zu steigen, die geradewegs vor ihm zum Halten kam. Aifer stieg ein. “Harland del Piccione. Welch eine Ehre Sie endlich persönlich kennenzulernen”, begrüßte ihn eine Frauenstimme, ihr Gesicht hinter einem Schleier aus schwarzer Seide versteckt. Aifer setzte sich, mit seinen Händen auf dem Rücken, ihr gegenüber auf eine der beiden kissenbezogenen Bänke in der dunklen Kutsche. Der Wagen setzte sich in Bewegung. “Wer sind Sie?”, fragte Aifer zurückhaltend. “Nur keine falsche Scheu vortäuschen. Oder macht das die Rolle mit Ihnen? Vielleicht steht Ihnen heute Marven van Hoogveld besser?”, entgegnete die Frau gelassen, ihre Hände in Kaschmirhandschuhen gefaltet auf ihrem Schoß. Nichts wies auf ihr Alter oder ihre Herkunft hin. “Wieso bin ich hier?”, fragte Aifer erneut ohne Umwege. “Als wir Valerie aufgabelten wusste ich, dass Ihr der Richtige für den Job seid. Leider kann auch ich mich täuschen. Ihr habt sie verloren”, erklärte die Frau. Ihre Stimme lies keinerlei Emotion erkennen. “Ihr findet mich, aber nicht sie?”, wurde Aifer genauer. “Nein, wir wissen wo sie ist. Euch eine Falle zu stellen war nur weitaus einfacher. Zuviele Beobachter kreisen über ihrem Kopf”, erklärte die Frau. Aifer versuchte alles einzuordnen doch verstand, dass ihm wenig Zeit blieb: “Warum ich?” Die Frau lachte kurz auf und schloss: “Gute Erfahrung. Ich erwarte Valerie in den nächsten 72 Stunden auf einem Schiff nach Südafrika. Sollten Sie scheitern wird Harland del Piccione in dieser Stadt sein Grab finden.” “Nein, diesen Job habe ich nicht angenommen”, entrüstete sich Aifer, “und wenn Ihr schon nicht in der Lage seid Valerie einzufangen für was auch immer, warum sollte ich euren Sündenbock spielen?” Wortlos beugte sich die Frau nach vorne, ihr Atem kalt an Aifers Wange während sie ihre Arme um ihn legte um die Handschellen zu lösen. Dann setzte sie sich wieder auf die bestickten Kissen und wandte ihren verhüllten Blick ab. Wenig später kam die Kutsche zum stehen. Aifer verstand es aussteigen zu müssen. Kaum in Freiheit trabte der Wagen hinter ihm davon. Nun hatte er ein gewaltiges Problem.
      "If a machine is expected to be infallible, it cannot also be intelligent." - Alan Turing

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Wail ()