Eternal Darkness [Nymeria & Sachiko]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Eternal Darkness [Nymeria & Sachiko]

      Vorstellung: Eternal Darkness [Nymeria & Sachiko]

      @Sachiko
      @Nymeria





      Eternal Darkness

      Sie leben unter uns, verborgen in der schützenden Dunkelheit der Nacht. Unentdeckt und unerforscht. So angepasst, dass sie für das menschliche Auge nicht als solche zu erkennen sind: Vampire.
      Für Helena O'Brien waren die Geschichten über Vampire und Co. lediglich Märchen, die man Kindern erzählte, um diese zu erschrecken. In ihrer Welt gab es keine übernatürlichen Wesen, die bei Nacht die pulsierende Ader eines Menschen aufsuchten um sich von dieser zu ernähren.
      Bis sie Albert Donovan als einen Klienten unterwiesen bekommt. Der junge Mann würde sie schon bald mit einer dunklen und geheimen Welt konfrontieren, die Helenas ursprüngliche und bekannte Welt auf den Kopf stellen sollte.


      ______________


      Helena


      Ihr Arbeitstag neigte sich dem Ende zu, jedoch befanden sich noch einige Patienten, die nach ihrer Aufmerksamkeit und ihrem geschulten Auge verlangten, in der Praxis. Da ihr Kollege kurzfristig durch eine Krankheit verhindert war, hatte sie nun auch seine Patienten übernehmen müssen. Es war ein stressiger Tag gewesen, jedoch hatte sich die Brünette wacker durch diesen geschlagen. Sie wäre immerhin keine richtige Ärztin, wenn sie sich von etwas Hektik und Stress unterkriegen lassen würde.
      „Auf Wiedersehen und gute Besserung“, wünschte sie der Frau, die sich soeben von dem Stuhl, der Helena direkt gegenüber und nur von ihrem Schreibtisch getrennt war, erhoben hatte. Die Frau lächelte schwach und verließ daraufhin den Raum. Erleichtert atmete Helena aus, wand sich der Akte ihrer Patientin zu und notierte darin alle wichtigen Informationen der Sprechstunde. Danach räumte sie die Dokumente in den Schrank, der sich neben dem Fenster ihres Untersuchungsraumes befand. Ein kurzer Blick nach draußen verriet ihr, dass die Straßen bereits in Dunkelheit getaucht waren. Zu dieser kalten Jahreszeit nicht ganz untypisch. Trotzdem hinterließ es in der jungen Ärztin ein mulmiges Gefühl. Sie hatte keine Angst in der Dunkelheit nach Hause zu gehen, denn war ihre kleine Wohnung nur ein paar Straßen entfernt. Es wäre nur ein kurzer Fußmarsch, der zudem schmählich beleuchtet war. Sie wusste selbst nicht, was dieses eigenartige Gefühl in ihr hinterließ. Sie hatte auch keine Zeit darüber nachzudenken, denn wartete bereits der nächste Patient. Ein gewisser Herr Albert Donovan. Er war keiner ihrer Patienten. Seinen Namen hätte sie sich gemerkt, denn wies er einen Klang auf, den der jungen Dame gefiel. Sie gab ihrer Empfangsdame, Jane, bekannt, dass sie den werten Herr Donovan nun zu seiner Behandlung empfangen würde. Sie begann bereits damit sich den Mann, der gleich durch die hölzerne Tür treten würde, vorzustellen. Vielleicht trug er einen Anzug und war im fortgeschrittenen Alter. Oder doch eher jünger und stammte aus einer angesehenen Familie? Helena musste selbst ein wenig schmunzeln. Bereits den ganzen Tag über hatte sie sich die Patienten, die sie für den heutigen Tag für ihren Kollegen behandelte, anhand ihrer Namen vorgestellt bevor sie den Untersuchungsraum betreten hatten. Es vertrieb die Zeit und machte ihr gute Laune. Zudem hatte sie das ein oder andere Mal richtig gelegen.
      Während sie auf Herr Donovan wartete, warf sie einen Blick in seine Akte. Keine außergewöhnlichen Informationen. Ein Patient wie jeder andere, der diese kleine Arztpraxis betrat. In ihren Gedanken versunken, strich sie sich eine Strähne ihres braunen Haares hinter die Ohren. Sie hatte ihren Zopfhalter vergessen und somit hatte sie ihr langes Haar ihren Arbeitstag über offen tragen müssen. Es behinderte sie nicht in ihrer Arbeit, jedoch störten die Strähnen, wenn sie ihr beim Lesen der Patientenakten oder wichtiger Dokumente ins Gesicht fielen. Ob sie ihre Mähne wieder einmal schneiden sollte?
      Die Tür öffnete sich mit einem leichten Knarren, wodurch Helena ihren braunen Schopf erhob und den jungen Mann, der soeben den Raum betreten hatte, ansah. Sie lag nicht falsch, aber als richtig würde sie ihre Gedanken auch nicht einschätzen. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen stand sie auf und hielt dem gutaussehenden Mann ihre Hand hin, um ihn zu begrüßen. „Freut mich Sie kennenzulernen, Herr Donovan. Mein Name ist Frau O‘Brien. Wie kann ich denn helfen?“, wiederholte sie den Satz zum beinahe tausendsten Mal an diesem Tag. Lediglich die Namen der Patienten hatte sie über die vielen Sprechstunden am Tag austauschen müssen. Helena war froh darüber, dass ihr Bewusstsein zwischen ihrem Arbeits- und privaten Leben einen Unterschied zu machen schien, denn wäre sie diesem Mann oder den anderen fremden Patienten von diesem Tag an einem anderen Ort begegnet, so hätte sie wahrlich nicht den Mut gehabt sich diesen vorzustellen. Geschweige denn überhaupt ein Gespräch zu führen. Sie nahm erneut auf ihrem Stuhl platz, wobei ihr Lächeln immer noch auf den Lippen erkennbar war und sie den Mann ansah.
    • Albert


      Albert hatte schon lange keinen derart anstrengenden Tag mehr gehabt, das musste er zugeben. Einer seiner Schützlinge war seit drei Tagen verschwunden und auch wenn ihm die kleine Polizeidienststelle in der Agar Street tatkräftig unter die Arme gegriffen hatte, gab es bisher keine Spur von ihm. In letzter Zeit waren nicht wenige seiner Schäfchen abtrünnig geworden, obwohl sie vorher noch den Eindruck gemacht hatten, dass sie ihre Rehabilitation sehr ernst nahmen. Mit den Hängen in den Taschen seines waldgrünen Mantels spazierte er zum bestimmt abermillionsten Mal in seinem Leben die Villiers Street entlang, die ihn zu seinem heutigen Ziel führen sollte. Der blonde Mann seufzte und stieß die Tür zu der altbekannten Arztpraxis auf, die er seit einigen Jahren frequentierte. Dr. Cavanaugh jr. führte das Werk seines Vaters und Großvaters fort, die Albert vor langer Zeit kennen und schätzen gelernt hatte. Seit Kurzem arbeitete wohl auch eine neue Ärztin in der Praxis, aber Albert hielt es für besser, seine Belange nicht mit Sterblichen zu klären. Irgendwann würde Dr. Cavanaugh sie sicher einweihen, oder besser gesagt einweihen müssen, aber bis dahin wollte der junge Vampir lieber damit warten, eine Unbeteiligte zu behelligen.
      „Schwester Jane, sie sehen heute wieder bezaubernd aus!“, verkündete er, als er zum Empfang schlenderte. Ein breites Lächeln zierte sein Gesicht, als er sich mit dem Ellenbogen aus dem Tresen abstützte und die liebenswerte Dame mittleren Alters anstrahlte. „Reverend Donovan, schön Sie zu sehen, Sie alter Charmeur.“ Jane kicherte und senkte ihren Blick beschämt zu Boden. „Der Doktor ist heute leider wegen Krankheit verhindert, aber seine Kollegin wird sich um Sie kümmern.“, verkündete sie ihm. Albert runzelte die Stirn. „Oh.“ Das könnte in der Tat ein Problem werden, denn eigentlich benötigte er nur einen Blutbeutel und den Namen der aktuellen Kontaktperson im Krankenhaus, die ihm eben diesen aushändigen würde. „Nun gut, dann freue ich mich darauf, sie kennenzulernen.“, meinte er und tippte mit den Fingern auf das helle Holz am Empfang. „Setzen Sie sich lieber, Reverend, Sie sehen heute extrem blass aus. Und diese Augenringe, ohje.“ Jane deutete mit dem Zeigefinger auf den leeren Wartebereich, der zu dieser Stunde erwartungsgemäß nicht mehr mit hustenden, schniefenden und anderweitig verkeimten Menschen gefüllt war. Albert nickte. „Danke Jane, dann warte ich kurz." Er legte seinen Mantel und den karierten Schal an der Garderobe ab und nahm auf einem der großen Federschwingstühle Platz. Es dauerte auch nicht lange, bis die Schwester ihm zuwinkte um ihn darüber zu informieren, dass er ins Behandlungszimmer gehen durfte. Der Vampir erhob sich und strich sein dunkles Hemd glatt, das ihn auch ohne seine dienstliche Uniform immer wie einen Prediger aussehen ließ. Wenn man schon ein neues Gesicht vor sich hatte, sollte man einen guten Eindruck machen, fand er und faltige Kleidung war dabei nicht zweckdienlich. Er betrat das Zimmer, in dem die junge Ärztin auf ihn wartete, während er in Gedanken seine Ausrede für den heutigen Besuch durchging. „Guten Abend, Miss O'Brien. Die Freude ist ganz meinerseits. Ein schöner Name, haben Sie irische Abstammung?“ Ein Lächeln kräuselte die Lippen des blonden Mannes und er schüttelte ihre ausgestreckte Hand. Sie war eine hübsche junge Dame, schlank, dunkles, langes Haar und große Augen, die an die eines jungen Rehes erinnerten. „Sie sind die neue Kollegin von Dr. Cavanaugh?“ Nachdem die zierliche Hand losgelassen hatte, setzte er sich mit überschlagenen Beinen auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. „Nun, ich denke es ist nichts Ernstes, aber ich glaube meine Anämie hat mich wieder eingeholt.“ Albert wusste, dass in seiner Krankenakte stand, dass er durch eine chronische Erkrankung einen erhöhten Eisenbedarf hatte und von Zeit zu Zeit eine Bluttransfusion benötigte. Wirklich gelogen war es nicht, auch wenn es nicht die ganze Wahrheit darstellte. „Ich glaube ich brauche nur eine Überweisung ins Krankenhaus für eine Transfusion, nichts weiter.“ Er lächelte entschuldigend und deutete dabei auf die violetten Schatten unter seinen Augen, die sich deutlich in dem blassen Gesicht abzeichneten. „Im Gegensatz zu Ihnen bin ich leider nicht mit einem so gesunden Teint gesegnet, ein Jammer, was?“, lachte er.
    • Helena

      Der blasse Teint und die dunklen Augenringe waren ihr nicht entgangen als der junge Mann, dessen Kleidung stark an die eines Priester erinnerte, näher auf sie zu trat. Er nahm ihre Hand zur Begrüßung, ließ sie daraufhin allerdings wieder los. Helena schätze den Blonden als eine sehr offene und freundliche Person ein, denn schien es für ihn kein Hindernis darzustellen auf andere zu zugehen und diese in ein Gespräch zu verwickeln. Sie beneidete Menschen, die diese Fähigkeit aufwiesen. Ihr selbst war ihre Schüchternheit seit ihren Kindheitstagen zur Last gefallen. „Leider habe ich dazu noch keine Forschungen betrieben, aber es wäre sicherlich einen Versuch wert“, kommentierte sie als er sie auf die Herkunft ihres Namens ansprach. Er war nicht der Erste, der sich nach dem Nachnamen der Familie O‘Brien erkundigt hatte. Ein Name, der in ihrer Mutter den blanken Hass auslöste. Doch sich mit der Herkunft und der Vergangenheit ihrer Familie auseinanderzusetzen, weckte in ihr die Neugier. Es war zudem eine gute Ablenkung, um ihre einsamen und langweiligen Abende in ihrer Wohnung mit etwas Unterhaltung zu führen. „Ja, ich glaube auch, dass ich mich gut eingearbeitet habe.“ Zu ihrem Kollegen, Dr. Cavanaugh, konnte sie hingegen nicht viel Auskunft geben. Wenn sie einander im kleinem Pausenraum der Arztpraxis begegneten, war dieser meist in Stille getaucht. Sie schämte sich, wann immer sie daran dachte. Mit ihren 27 Jahren sollte sie in der Lage sein auf andere Individuen zu zu gehen, stattdessen schwieg sie, vermied Augenkontakt und starrte lediglich auf ihr Handy – in der Hoffnung eine Nachricht ihrer besten Freundin zu empfangen, die sie etwas aufheiterte.
      Albert Donovan fuhr nun mit seinem Anliegen fort, das ihn den Besuch in dieser Praxis beschert hatte. Sie hatte von einer chronischen Krankheit in seiner Krankenakte gelesen, zudem waren die Blässe und die violetten Augenringe, die sein gutaussehendes Gesicht zierten, nicht zu übersehen. Über seinen Zustand ließ sich nicht lügen. Sie nickte dem Mann entgegen, nachdem er sie um eine Überweisung für eine Bluttransfusion gebeten hatte. Mit einigen schnellen Klicks hatte sie das Dokument an ihrem Computer herausgesucht, geöffnet und fing sogleich damit an die Vorlage auszufüllen. „Mein gesunder Teint kommt auch nur von etwas Make-Up“, erwiderte sie schmunzelnd, während ihr Blick schon auf das Dokument auf ihrem Bildschirm fixiert war. Ohne ihrer Ausstattung an kosmetischen Artikeln, würde auch sie nach so mancher langen Nacht wie ein Zombie aussehend in der Praxis auftauchen. Kurz warf sie einen Blick in seine Patientenakte, um benötigte Informationen abzutippen. Dabei fiel ihr auf, dass sie ein Detail an seinem Namen übersehen hatte. Reverend. Er war also ein Geistlicher. Um ehrlich zu sein, hatte sie nicht erwartet, dass ein junger Mann wie er es doch war sich der Kirche zu wand. Die meisten jungen Erwachsenen heutzutage entschlossen sich dazu dem Weg Gottes nicht mehr zu folgen. So wie es Helena einst getan hatte. Sie fügte den Titel ihres Patienten noch in das Formular und druckte dieses anschließend aus. „Kann ich noch etwas für Sie tun? Brauchen Sie eine Krankschreibung oder ein Medikament?“, erkundigte sie sich, während ihr Drucker das benötigte Dokument fertigstellte. Es war nicht das erste Mal, dass er sich in die Obhut des städtischen Krankenhauses begeben musste, weswegen ihm Helena die Prozedur einer Bluttransfusion sicherlich nicht erklären musste.
      Nachdem die Überweisung ausgedruckt war, fischte sie es aus dem Drucker, setzte einen Stempel sowie ihre Unterschrift auf das Blatt und überreichte es dem Patienten. „Wenn Sie ansonsten noch etwas benötigen, lassen Sie es mich wissen.. Oder Dr. Cavanaugh, wenn er wieder da ist.“ Allerdings konnte noch niemand sagen, wann dieser Moment sein würde. Sie bedachte den Mann mit einem aufmunternden Lächeln. Er hatte etwas an sich, dass Helena nicht beschreiben konnte. Er wirkte alt – nicht als eine Beleidigung gemeint – eher als würde sein Geist schon Jahrhunderte überdauern. Was unsinnig war, denn gab es so etwas wie das ewige Leben oder übernatürliche Wesen nicht.
    • Albert

      Albert schüttelte leicht den Kopf. „Ach was, ich bin mir sicher dass das beste Make-up auch nicht helfen würde, wenn Sie nicht ohnehin ein hübsches Geschöpf wären.“ Manche Menschen würden den jungen Mann sicher fürchterlich schleimerisch finden wegen der Dinge, die er gerne im Alltag so dahinsagte, aber er meinte es niemals aufdringlich. Natürlich schmeichelte er hin und wieder einer netten Dame wie Schwester Jane oder einer hübschen Frau, aber genau so verteilte er auch gerne Komplimente an männliche Zeitgenossen oder alles, was nicht in binäre Kategorien passte. Das war eben seine Art: offen, direkt und herzlich. Er verschränkte seine Finger ineinander und beugte sich leicht nach vorne. „Oh, nein, danke der Nachfrage. Ich habe mich schon so gut daran gewöhnt, da macht mir das bisschen Blutarmut nichts aus. Vitamine und Eisentabletten habe ich noch genügend zu Hause. Die Gemeinde wird mir mein Aussehen verzeihen, also muss ich mich auch nicht krank melden.“ Er zeigte beim Lächeln gerne seine Zähne – alle sorgfältig durch einen fähigen Kieferorthopäden gerade gerückt und absolut unbedrohlich, so wie es sein sollte. Seine Fangzähne bekam nicht einmal sein Zahnarzt zu Gesicht, aber Albert glaubte auch nicht, dass Vampire dort Karies bekommen konnten. Zumindest war er davon bereits über 100 Jahre verschont geblieben, und das owohl er im Großmarkt langsam Rabatt bekam für die Mengen an Süßkram, die er kaufte. Der Drucker hatte beharrlich vor sich hingerattert und das gewünschte Dokument ausgespuckt, das dem ausgehungerten Vampir den Abend versüßen sollte. So oft er konnte, legte er eine Blutpause ein, um sich in Verzicht zu üben. Man konnte es fast als Fasten bezeichnen, das irgendwo in seiner Seele fest verankert war, so lange er denken konnte. Ob es nun der Glaube und das damit verbunden religiöse Fasten war oder eher der spirituelle Ansatz dahinter, wusste Albert nicht, aber es war nicht verkehrt, seinen Willen zu stärken. Die Suche nach Dunkan hatte ihn ziemlich mitgenommen. Drei Tage hatte er jetzt jedes noch so abgelegene Versteck, jeden ranzigen Club, jedes Obdachlosenheim und Gefängnis durchkämmt, aber der Junge blieb verschwunden. Er hatte es nicht leicht gehabt, war heroinabhängig gewesen und trieb sich auf den Straßen Londons herum, immer auf der Suche nach dem nächsten Schuss, bis ihn jemand als leichten Snack empfand und ihn danach so gut wie tot liegen gelassen hatte. Alberts Netzwerk war es zu verdanken, dass man den armen Kerl nicht direkt von seinem Elend erlöst, sondern in die St. Anne's Kirche gebracht hatte. Seine Rehabilitation lief wirklich gut, deswegen war es Albert ein Rätsel, warum der frisch verwandelte Vampir verschwunden war.
      Während seine Gedanken um Dunkan kreisten, griff er nach der Überweisung, die die junge Ärztin für ihn unterschrieben und ihm hingehalten hatte. „Wann kommt denn Dr. Cavanaugh zurück? Nicht, dass ich Sie nicht mögen würde, Miss O'Brien, im Gegenteil. Ich kenne den Doktor nur schon sehr lange. Geht es ihm-“ Was war das? Albert stockte mitten im Satz. Er spitzte sein feines Gehör und lauschte dem Tumult an der Tür. „Erwarten Sie noch weitere Patienten?“ Es hörte sich an, als sei ein Stuhl umgeworfen worden, der unsanft auf dem Boden landete. Nein, nicht dem Boden, er schien die Wand zu treffen und direkt zu zersplittern. Albert sprang auf, als Schwester Jane einen Schrei verlauten ließ, der sicher nicht nur ihm durch Mark und Bein ging.
    • Helena

      Ihre Wangen zierten eine beinahe unerkennbare Röte, als der junge Mann ihr ein Kompliment bezüglich ihrer äußerlichen Erscheinung zusprach. Komplimente waren ihr nicht unbekannt, jedoch warfen sie diese gerne aus der Bahn. Besonders, wenn jene von einem gutaussehenden Mann kamen. Sie war es nicht gewohnt mit dem männlichen Geschlecht zu verkehren. Sodass die brünette Dame auch noch nie eine feste Beziehung geführt hatte. Natürlich gab es in ihrem Leben den ein oder anderen Gesell, der ihr unter die Haut gegangen war, jedoch brach sie den Kontakt ab, sobald es für ihren Geschmack zu ernst wurde. „D-Danke“, nuschelte sie und strich sich verlegen eine braune Strähne aus dem Gesicht und hinter ihr Ohr. Glücklicherweise änderte Donovan das Thema, sodass Helena sich sammeln und erneut auf ihre Arbeit konzentrieren konnte. Sie nickte verstehend als er ihr bekannt gab, dass er noch genügend Vitamine sowie Eisentabletten zur Verfügung hatte. Es war sicherlich kein Zuckerschlecken, doch hielt er sich wacker und zeigte nichtsdestotrotz sehr viel Freude am Leben. „Falls Sie doch noch etwas benötigen, wissen Sie wo Sie mich finden können“, erwiderte sie und schloss die Patientenakte des Reverend Albert Donovan. Dieser hatte sich gerade nach dem Wohlergehen seines Arztes erkundigen wollen, als er plötzlich verstummte. Kurz darauf vernahm sie ein lautes Geräusch. Helena wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Angst machte sich in ihr breit. Sie schoss durch ihre Adern und ließ ihre Beine zittern, obwohl sie gemütlich auf ihren Stuhl saß und diese nicht einmal beanspruchen musste. Das Geräusch – es klang wie ein Stuhl, der gegen eine Wand geworfen und durch den Aufprall zerberstet worden war – wurde von dem ohrenbetäubenden Schrei ihrer Mitarbeiterin Jane begleitet. Es half ihrer Angst und dem mulmigen Gefühl, dass sich in ihr ausbreitete, keineswegs. Adrenalin kickte ein. Augenblicklich stand sie auf, den Patienten, der gerade eben noch von ihr behandelt worden war, bereits vergessen. Sie marschierte in den Aufenthaltsraum, aus dem das Geräusch und der Schrei der Schwester gekommen waren, doch wäre sie am liebsten wieder umgedreht als sie die riesigen und bedrohlichen Männer erblickte. Sie waren bereits daran den Warteraum und den Empfang auseinander zu nehmen. Dokumente, Stühle und die Bilder, die eigentlich die Wand des Warteraumes zierten, lagen am Boden. Sie erblickte auch die Überreste des Stuhles, der gegen die Wand geworfen worden war. Ihr besorgter Blick suchte nach ihrer Kollegin. Es dauerte glücklicherweise nicht lang bis sie die Frau mittleren Alters hinter dem Empfang gekauert entdeckte. Zum Glück war sie unversehrt geblieben. Sie hatte sich versteckt, um den Fängen der Männer und den fliegenden Objekten auszuweichen.
      Helena hatte etwas sagen wollen. Sie hatte mit der Polizei drohen wollen, doch als einer der Schwergewichte sie entdeckte und auf sie zu marschierte, starb ihre Stimme sowie der Mut, den die Wut über die Zerstörung der kleinen Arztpraxis in ihr ausgelöst hatte. „Wo ist Cavanaugh?“, fuhr er sie an und packte sie am Arm. Er schüttelte sie als würde er erwarten das sie dadurch eine schnellere Antwort von sich geben würde. „Komm, spucks aus! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“ - „..Nicht hier.. Er ist nicht hier“, antwortete sie den Tränen nahe, doch gab sie ihr Bestes um jene zurückzuhalten. Sie durfte jetzt nicht weinen. Der Mann gab seinem Kollegen ein Zeichen, woraufhin dieser im hinteren Teil der Praxis verschwand. Dort waren die Archive, die zwei Untersuchungsräume von Helena und ihrem Kollegen Dr. Cavanaugh und ein Lager, indem einige wichtige Medikamente aufbewahrt wurden. Schon wenige Augenblicke später hörte sie ein lautes Klirren. Er musste wohl einen der Medikamenteschränke umgeworfen haben. „Gehen Sie! Hier gibt es doch nichts!“, fuhr sie den Mann wutentbrannt an. In diesen Schränken befanden sich Medikamente für ältere und kranke Patienten, die auf jene angewiesen waren. Wie sollte sie die zerstörte Medizin so schnell ersetzen? Verzweifelt versuchte sie sich aus dem Griff des Riesen zu befreien, jedoch schien es ihn lediglich zu amüsieren. „Du hast Feuer unter dem Hintern. Ich mag das!“, lachte er und verstärkte seinen Halt um sie nur noch mehr. „Lass mich los!“, flehte sie, doch sie wusste, dass er sie nicht gehen lassen würde. Sie wollten etwas haben, das Dr. Cavanaugh in dieser Praxis aufbewahrte. Doch was sollte das sein? Außer einigen Patientenakten und Medikamenten bewahrte er nichts Wertvolles in seinem Büro auf. Außer .. ihr Ziel waren die Akten. Erneut hörte sie den lauten Aufprall von Glas auf dem Boden. Ein weiterer Schrank war diesen Tyrannen zum Opfer gefallen. „Hören Sie auf! Was wollen Sie denn von uns?“
    • Albert
      Es war erstaunlich, wie schnell die Brünette zur Tür gerannt war, um sich der Gefahr zu stellen. Albert sah ihr mit offenem Mund nach und hätte sicherlich unter anderen Umständen anerkennend genickt, aber dafür war nicht der richtige Zeitpunkt. Wer oder was auch immer sich zur Praxis Zutritt verschafft hatte, schien gefährlich zu sein und der blonde Vampir war sich sicher, dass weder Schwester Jane noch Dr. O'Brien sich gegen die Angreifer wirklich wehren konnten. Er eilte in Richtung des Empfangs, als ihm ein groß gewachsener Mann entgegen kam, der locker einen Bären bezwingen konnte, so wie er aussah. Albert witterte seinen Geruch und stellte erfreut fest, dass es sich lediglich um einen ungehobelten Menschen handelte, nicht um einen anderen Vampir. Trotzdem haftete an ihm der Duft nach Blut und Angst, was niemals ein gutes Zeichen war. "Hey, stehen bleiben!", rief der Reverend und packte den Hünen an der Schulter. Besonders erfreut wirkte der Aufgehaltene nicht, denn er schlug die Hand des Mannes beiseite und schnaubte. "Was willst du? Denkst du, du kannst es mit mir aufnehmen?", höhnte er. Albert grinste. "Denke schon, wollen wir es versuchen?" Er bleckte die Zähne und ließ dabei seine Fänge aufblitzen, bevor er den Kerl am Kragen packte und gegen die nächstgelegene Wand warf. Der Aufprall war stärker, als er einkalkuliert hatte, so dass hinter der Wand eine Menge Glas klirrte. Albert verfluchte sich dafür, es war gewiss nicht seine Absicht gewesen, etwas kaputt zu machen. Zum Glück schien es dem gigantischen Typen allerdigs ordentlich den Kopf angeschlagen zu haben, denn er blieb regungslos am Boden liegen, nachdem er an der weißen Tapete herunter rutschte und eine kleine Blutspur dabei hinterließ. Albert musste mit sich kämpfen, um nicht direkt seine Zähne in dessen Hals zu versenken, so hungrig wie er war. Es war jetzt wichtiger, den zwei Damen zu helfen, die sich anscheinend in den Händen eines weiteren Unruhestifters befanden, bevor noch etwas Schlimmes geschah. Aber nicht nur das, Albert hörte noch eine dritte Person und ihm schwante dabei nichts Gutes. Im Bruchteil von Sekunden war er Dank seiner übermenschlichen Schnelligkeit im Anmeldezimmer angelangt und versuchte, die Situation zu überblicken. Einer der Männer hielt die junge Ärztin fest, die verzweifelt versuchte, sich seinem Griff zu entwinden. Ein weiterer sicherte die Tür und warf ab und zu einen prüfenden Blick zu Jane, die zusammengekauert auf dem Boden kniete. "Hey, Sie da, lassen Sie die Frau los." Albert knurrte beinahe seine Worte. So wie es aussah waren das ein Vampir und ein weiterer Mensch. Der Vampir war derjenige, der Helenas Arm beinahe zu zerquetschen drohte. Zum Glück für den Reverend war er offenbar noch nicht lange verwandelt und schien noch keinerlei Kontrolle über seine wahren Kräfte zu haben. "Was willst du denn?! Verpiss dich.", kam es von ihm, während sein menschlicher Bodyguard seinen Rücken anspannte und einen Schritt auf Albert zuging. "Ich wiederhole mich nur ungern.", meinte der Blonde und rollte in aller Seelenruhe die Ärmel seines Hemdes bis zu den Ellenbogen nach oben. Der andere Vampir lachte nur und zog die junge Ärztin an sich. "Was willst du machen, hä?", gackerte er. Offenbar war er nicht das hellste Licht im Kronleuchter, wenn er nicht merkte, wen er da vor sich hatte. Albert machte einen leichtfüßigen Satz und landete hinter ihm, nur um direkt den Stiernacken des Riesen zu packen, der gequält knackte. "Loslassen habe ich gesagt.", zischte er und wartete, bis sich Helena aus seinem Griff winden konnte. Der Vampir fauchte wütend und versuchte, hinter sich zu greifen, doch Albert hatte Dank seiner kleineren und wendigen Statur einen taktischen Vorteil. Mit eiskaltem Blick drehte er dem Mann den Kopf um beinahe 180 Grad, das Genick knackte und er ging polternd zu Boden. Schwester Jane kreischte entsetzt auf, als sie die absurde Szene vor sich sah. Albert wandte sich mit einem finsteren Funkeln in den Augen zu dem letzten der drei Angreifer, der im Angesicht der Tatsache, dass sein Boss gerade ausgeknipst worden war, ein ziemlich blasses Gesicht bekommen hatte. Der junge Vampir bleckte die Zähne, ging auf ihn zu, hielt seinen Kopf mit einer Hand und sah ihm direkt in die aufgerissenen Augen. "Was wollt ihr hier? Wer hat euch geschickt?" Außer einem verzweifelten Schrei kam allerdings nichts aus seinem Mund, sodass Albert seinen Kopf mit einer leichten Armbewegung an die Tür schlug, gerade fest genug, dass es für eine Ohnmacht reichte. "Herrje, was für ein Abend." Er wusste, dass Schwester Jane eine vage Ahnung von der Arbeit Dr. Cavanaughs hatte, aber Miss O'Brien schien im Tal der Ahnungslosen zu wandeln. Albert wandte sich zuerst an Jane und teilte ihr mit, sie solle sich über die Kurzwahl des Telefons an das eingespeicherte Polizeirevier wenden und um Hilfe bitten. Danach wandte er sich zu Helena und schenkte ihr einen besorgten Blick. "Miss O'Brien, ist alles in Ordnung? Sind Sie verletzt? Es tut mir wahnsinnig leid, dass Sie das mit ansehen mussten. Und machen Sie sich keine Sorgen um den Gentleman zu meinen Füßen, der steht spätestens in einer Stunde wieder auf."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sachiko ()

    • Helena

      Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass Albert den Anmelderaum betreten hatte. Wie der Wind selbst, war er plötzlich vom einen auf den anderen Moment vor der Brünetten und ihrem Peiniger erschienen. Sollte dieser ungehobelte Kauz sie irgendwann loslassen, so würde sie mit Sicherheit dutzende blaue Flecken auf ihrem zierlichen Arm vorfinden. Erneut begann sie sich in den Armen des Mannes zu wenden, in der Hoffnung, dass das Gespräch mit dem Reverend ihn von seiner Gefangenen ablenkte. Jedoch lag sie falsch und der Hüne zog sie lediglich fester in seine feste Umarmung. Einerseits während ihrer Wendungen andererseits weil der Blonde ihn zu provozieren schien. Mit großen Augen sah sie den jungen Mann an, der sich den Männern offensichtlich allein stellen wollte. Sie hatte den Kopf schütteln wollen, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. Er würde es unmöglich mit den beiden Männern aufnehmen können. Zumal ein Dritter von ihnen noch in dem Lager der Arztpraxis sein Unwesen trieb. Glücklicherweise war aus dessen Richtung kein lautes Geräusch mehr gedrungen. Die restlichen Medizinschränke musste er wohl in Ruhe gelassen haben.
      Helena staunte nicht schlecht über den Mut, welchen der junge Reverend an den Tag legte. Beinahe zu lässig krempelte er die Ärmel seines Hemdes bis zu den Ellenbogen, was den Anderen weiter zu provozieren schien. Der Geruch von getrocknetem Blut stieg in die Nase der Ärztin und veranlasste sie dazu diese zu rümpfen. Jedoch war es nicht nur der Geruch des Blutes, der ihr Übelkeit verabreichte, es war mit einem weiteren Gestank gemischt, den Helena nicht ganz definieren konnte. Es erinnerte sie allerdings an etwas, das gerade in den Prozess der Verwesung eingetreten war. Sie hatte Würgen wollen, hielt den Reflex, den ihr Körper auf die Reaktion des Geruches ausgesandt hatte, zurück. Diesem Geruch konnte sie standhalten, jedoch wurde ihr Arm langsam taub. Ihr Blick richtete sich erneut auf den Blonden, der im nächsten Moment jedoch schon verschwunden war. Sie konnte ihren Augen nicht trauen. Gerade eben hatte er noch vor ihr und dem Koloss gestanden. Und nun? Auch der Mann schien von dem plötzlichen Verschwinden seines Gegenübers und dem plötzlichen Schmerz an seinem Nacken überrascht worden zu sein. Sein Griff um ihren schlanken Arm lockerte sich und Helena nutzte die Gunst der Stunde um sich aus dem Griff des Hünen zu winden. Sie entfernte sich einige Meter von dem Mann, sackte mit einem bleichen Gesicht zu Boden und beobachtete das rege Treiben. „Unmöglich“, murmelte sie mit zittriger Stimme, während sie zusah wie der Reverend den Kopf des Größeren nahm und ihn ohne Probleme drehte. Das Genick des Fremden knackte und er sackte leblos zu Boden. Die Ärztin konnte ihren Augen nicht trauen. Schock breitete sich in ihrem Körper aus und ließ ihn erzittern. Soeben wurde der meiste Schock durch das Adrenalin in ihren Adern zurückgehalten, doch da dieses langsam verblasste, setzten die Instinkte ihres Körpers ein. Schwester Jane gab einen Schrei von sich, doch Helena konnte ihre Stimme nicht einmal finden. Sie konnte lediglich dabei zusehen, wie Albert Donovan sich an dem nächsten Mann vergriff und ihn mit Hilfe der Tür bewusstlos schlug. War sie in einem schlechten Film angelangt? Dieser Reverend .. Er hatte es mit diesen Männern aufgenommen ohne ins Schwitzen zu geraten. Seinen Körper hatte er mit Windeseile von einem Ort zum anderen Ort bewegt. Beinahe als hätte er Zauberei angewandt. Das war Unsinn. So etwas wie Zauberei und übernatürliche Wesen existierten nicht. Es waren Märchen. Doch trotzdem hockte sie am Boden ihrer Klinik und fragte sich, ob das, was sie soeben gesehen hatte, nicht doch der Realität entsprach. Ob dieser fremde Mann, der einem anderen Mann soeben kaltblütig den Hals umgedreht hatte, wirklich ein Mensch war. „Es muss der Schock sein“, murmelte sie in sich hinein und sah zu Boden. Genau, es war der Schock! Sie musste es sich eingebildet haben. Zumindest hoffte sie, dass dies der Wahrheit entsprach.
      Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass der Reverend sich von der Schwester abgewandt und nun zu ihr gekommen war. Sein Blick zeigte Besorgnis. Sie war noch immer verwirrt. Und umso verwirrter war sie als Albert behauptete, dass der Mann, dessen Genick er gebrochen hatte, spätestens in einer Stunde wieder zu Bewusstsein kommen würde. „Ich weiß nicht, wie sehr sie sich mit dem menschlichen Körper auskennen..“, begann sie und verstummte, nachdem ihre Augen erneut zu dem leblosen Koloss wanderten. „..Aber dieser Mann wird nicht mehr aufstehen.“ Es wäre ein wahrhaftiges, medizinisches Wunder, wenn er wieder zum Leben erwachen würde.
      Währenddessen schnappte sich Jane das Telefon der Klinik, welches glücklicherweise vor den Raufbolden verschont geblieben war, und wählte die Nummer der Polizei. Sie stotterte, während sie dem Beamten am Telefon die nötigen Details und die Adresse mitteilte. „Ich muss Dr. Cavanaugh von diesem .. Unfall erzählen“, schoss es wie ein Blitz aus ihr heraus und sie sprang auf. Doch wie sollte sie es ihrem älteren Kollegen beichten? Diese Klinik war sein Schatz. Sein Ein und Alles und es schmerzte Helena, wenn sie daran dachte, dass sie ihm von dessen Zerstörung erklären musste. „Die Medikamente.“ Sie hatte den dritten Mann, der noch immer durch die Klinik streifte, bereits vergessen als sie sich in den hinteren Teil der Klinik begab. Doch ihre Sorge um den dritten Mann sollte sie vorerst nicht beibehalten müssen. Dieser lag am Boden des Flures. Offensichtlich war er gegen die Wand manövriert worden, denn befand sich eine Spur von Blut an der weißen Tapete. Das .. Es benötigte beinahe übermenschliche Stärke, um diesen ausgewachsenen Mann gegen die Wand zu schmeißen. Es .. Ihr wurde schwindelig und übel. Es war zu viel für ihren Kopf, um all diese Informationen und das Geschehene zu verarbeiten. Von weitem vernahm sie, dass die Tür sich erneut öffnete. Noch mehr unbekannte Stimmen erklangen, jedoch gingen von diesen keine Gefahr aus. Es waren die Polizisten, die Jane vor einigen Minuten alarmiert hatte. Erneut begab sie sich in den Aufenthaltsraum der Arztpraxis. Es befanden sich nun drei Polizisten in dem Raum. Einer von ihnen wand sich an Jane. Offensichtlich um zu überprüfen, ob sie so sehr in Schock stand, dass die Anforderung eines Krankenwagen nötig war. Die anderen beiden Polizisten wanden sich an Albert. Wahrscheinlich weil er der einzige Anwesende war, der noch zu einer Befragung in der Lage war. Nachdem der Polizist mit Schwester Jane gesprochen hatte, richtete er das Wort an sie. Doch sie konnte sich nicht auf das Gesprochene konzentrieren. „Mir geht es gut“, murmelte sie abwesend. „Nur gestresst und geschockt. Das wird schon wieder.“ Sie war eine Ärztin. Sie würde sich schon um ihren eigenen Schock kümmern können. „Ich will nur wissen, wie das möglich ist“, wand sie sich nun an den Blonden und starrte ihn mit geröteten Augen an. Sie musste ihm sicherlich nicht erklären, was „das“ bedeutete.
    • Albert

      Zum Glück hatte Dr. Cavanaugh schon immer vorhergesehen, dass es eines Tages unangenehmen Besuch geben würde. Man kümmerte sich nicht um die halbe übernatürliche Bevölkerung Londons, ohne sich Feinde zu machen, das wusste auch Albert. Vermutlich waren die Eindringlinge wegen der Patientenakten gekommen, aber die Frage wer sie waren und wer sie geschickt hatte, gab dem Reverend Grund zum Nachdenken. Er hatte sie noch nie gesehen und zudem war es äußerst töricht, am frühen Abend einen frisch verwandelten Vampir und zwei hirnlose Proleten zu schicken, um wichtige Informationen zu beschaffen. Entweder war das alles ein Ablenkungsmanöver oder derjenige, der in dieser Sache die Fäden zog, war ein Dilettant. Egal welche der Varianten nun zutraf, es war der guten Vorbereitung von Cavanaugh zu verdanken, dass im Telefon die Polizeiwache hinterlegt war, die sich mit außernatürlichen Zwischenfällen befasste und die notwendigen personellen Vorkehrungen getroffen hatte. Es war nicht ungewöhnlich, dass ausgerechnet Officer Thomas Kingsley erschienen war, seines Zeichens Werwolf und mehr als nur ein "harter Hund". Seine zwei Kollegen waren Albert nicht bekannt, aber sie schienen aus dem selben Holz geschnitzt zu sein wie der Officer. Als die junge Ärztin auf Albert und die Polizisten zukam, musste er dem Drang widerstehen, sie direkt zu umarmen. Ihre Augen waren gerötet und "mitgenommen" wäre noch eine sehr geschönte Formulierung für das Bild, was sie abgab. Es war einfach mitleiderregend, sie so zu sehen und Albert hatte eine Schwäche für alles zerbrechliche. "Thomas, würdest du uns entschuldigen? Ich komme nachher aufs Revier." Der Officer nickte. "Einverstanden, wir sehen uns später Albert. Wir werden Jane erstmal mitnehmen und ihr gegebenenfalls Polizeischutz gewähren für heute Nacht. Sag Bescheid wenn wir noch etwas für euch tun können." Er tippte sich an die Mütze seiner Uniform und ließ den blonden Vampir mit Helena alleine. "Miss O'Brien, haben Sie einen Moment Zeit? Ich glaube das ist eine längere Geschichte und Sie sollten sich vielleicht lieber setzen." Er bedeutete ihr, dass sie sich in ihrem Büro weiter unterhalten konnten, fernab von den Polizisten oder den Männern, die einer nach dem anderen in Handschellen gelegt wurden. Auch der Vampir, dessen Kopf grotesk verdreht auf seinem Hals saß, wurde nicht mit einem Leichentuch bedeckt, sondern entsprechend gefesselt und in Gewahrsam genommen. Der Polizist, der ihn schulterte und nach draußen trug, war nicht älter als Anfang 20 und wirkte gewiss nicht stark, doch ein Werwolf war natürlich nicht zu vergleichen mit einem Menschen. Obwohl er so jung und schmächtig wirkte, hatte der Mann keinerlei Problem den Verhafteten die Treppen herunter zu tragen und in den Streifenwagen zu setzen.
      Albert hatte sich wieder auf den selben Stuhl wie zuvor gesetzt, schlug die Beine übereinander und wartete darauf, dass Helena ihm folgte. Aufklärungsgespräche gehörten gewissermaßen zu seinem Berufsalltag, vor allem was die Tätigkeit neben der Kirchenarbeit anging, aber bei der armen Ärztin würde er vermutlich eine ziemlich harte Nuss zu knacken haben, befürchtete er.
    • Helena

      Weiterhin beobachtete sie das rege Schauspiel, das sich vor ihren Augen dar bot. Die Polizisten, die den Reverend ebenfalls zu kennen schienen, unterhielten sich kurz mit jenem, ehe sie sich voneinander verabschiedeten. Man begann damit die Eindringlinge festzunehmen und abzuführen. Selbst der Mann, der sein Genick vor wenigen Augenblicken von Donovan persönlich verdreht bekommen hatte, wurde in Handschellen gesetzt und von dem schmächtigen Polizisten ohne Mühen davon getragen. Wenn ihr Leben in einem Comicheft spielen würde, so hätte man an Helenas Kopf nun mehrere große Fragezeichen auftauchen sehen. Dieser Mann, dem sie die blauen Flecken an ihrem rechten Arm zu verdanken hatte, würde nicht mehr zu den Lebenden zurückkehren. Selbst ein Polizist sollte wissen das ein Genickbruch das Ende für ein menschliches Leben war. Stattdessen wurde der Mann zusammen mit seinen Komplizen nach draußen abgeführt. Sie war mit ihrem Latein am Ende. Sie wartete nur darauf, dass Dr. Cavanaugh zur Tür hereintreten und ihr von den versteckten Kameras berichten würde. Doch er kam nicht und schlussendlich befanden sich nur noch der blonde Reverend und sie in der kleinen Arztpraxis. Er wand sich an die noch immer sichtlich verwirrte und geschockte Ärztin und deutete ihr ihm in ihr Büro zu folgen. Sie nickte und folgte ihm stumm.
      Sie war positiv überrascht und erleichtert zugleich das ihr geliebtes Büro vor den Raufbolden verschont geblieben war. Vielleicht wussten sie, dass es in ihren vier Wänden keine Wertsachen oder wertvolle Informationen zu ergattern gab. Helena ließ sich beinahe schon kraftlos auf ihren Sessel fallen, bedeckte ihr Gesicht mit ihren zierlichen Händen und seufzte tief. „Oh bitte sagen Sie mir, dass das ein Traum ist“, murmelte sie, jedoch war ihr bereits schmerzlichst bewusst, das was immer sie nun von dem Mann vor sich hören würde, nicht einfach zu verkraften war. „Dr. Cavanaugh ist oder hat Probleme mit der Mafia, oder?“ Vielleicht hatte er Schulden, die nun eingetrieben werden sollten. Und der Besuch in der Praxis, der mit der Verwüstung dieser endete, war nur eine Warnung. Sie nahm die Hände von ihrem Gesicht und sah den Mann vor sich mit einem ernsten Blick an. „Wir sind wahrhaftig in der Scheiße, oder?“ Dazu hatte Albert Donovan einen der Männer getötet. Den Boss dieses Kolosses würde das nicht gefallen. Doch sie musste gestehen, dass selbst wenn der Reverend einen dieser Männer auf seinem reinen Gewissen hatte, so war sie dankbar, dass er zur Stelle gewesen war, um das Schlimmste zu verhindern. Jedoch erklärte es noch immer nicht die übernatürliche Schnelligkeit und Stärke, die der Mann an den Tag legte. „Ich muss mich bei Ihnen bedanken, Donovan.“
    • Albert


      Albert befürchtete, dass die arme Ärztin sicherlich gleich ihr langes Haar raufen würde, so mitgenommen wie sie aussah. Er versuchte, zu einer Antwort anzusetzen aber ihre Idee mit der Mafia brachte ihn unbeabsichtigt zum schmunzeln. "Miss O'Brien, ich versichere Ihnen, das hat nichts mit der Mafia zu tun. Ob Ihnen die Wahrheit besser gefällt, kann ich schlecht beurteilen, aber ich bemühe mich, es Ihnen zu erklären." Er stand auf und begab sich auf ihre Seite des Tisches, um ihre Hände in seine zu nehmen. Die wunderschönen großen Augen der jungen Frau sahen zu ihm auf, sichtlich verwirrt. "Wissen Sie, Dr. Cavanaugh hat in der Tat ein Geheimnis. In meinen Augen ist er ein Held, für Sie könnte das allerdings anders aussehen." Vorsichtig führte er eine ihrer Hände an sein Gesicht. Der Reverend schloss die Augen, öffnete leicht den Mund und zeigte seine Fangzähne. "Sehen Sie, Miss O'Brien... Verzeihung, eigentlich sollte ich Sie Doktor nennen, es gibt Menschen wie Sie und Wesen wie mich. Es ist kein Zufall dass ich an einer Anämie leide, denn mein eigenes Blut besitze ich seit über 100 Jahren nicht mehr." Seine Augenlider hoben sich leicht, so dass er Helena direkt ins Gesicht sehen konnte. Mit seiner besonnenen Art wirkte er wenig bedrohlich, was ihm sehr oft zu Gute kam, wenn er sich unschuldigen Menschen offenbarte. Im Gegensatz zu dem, was man sich allgemein unter einem Vampir vorstellte, sah man ihn nicht so angewidert an oder als sei er ein Monster, sondern eher als sei er auch nur ein Opfer der Umstände, die ihn zu dem gemacht hatten, was er war. Das stimme natürlich, auch wenn Albert sich damals freiwillig entschieden hatte, verwandelt zu werden. "Die Männer, die Sie gesehen haben, kenne ich nicht. Aber da Dr. Cavanaugh sich um Fälle wie meinen kümmert, nehme ich an, dass sie auf der Suche nach Patientenakten waren. Es gibt immer mal wieder jemanden, der uns auszurotten versucht, was ich sogar gut verstehen kann. Der Ruf, den meinesgleichen genießen, ist nicht der Beste. Twilight konnte daran auch nicht viel rütteln. Und der Kerl, dessen Genick ich vorübergehend gebrochen habe ist ein gutes Beispiel dafür, warum wir nicht besonders gemocht werden. Wie ich Ihnen bereits sagte, steht er bald wieder auf. Vampire haben das so an sich." Der Blonde lachte ein wenig nervös, so dass seine Fänge unter den Lippen aufblitzten. Er ließ Helenas Hände wieder sinken und ließ sie los. "Die Polizisten von eben sind auch keine gewöhnlichen Menschen, falls Sie gezweifelt haben sollten. Thomas ist ein Werwolf, genau wie sein Kollege." Spätestens jetzt war der Punkt erreicht, an dem den meisten Menschen ein paar Drähte im Gehirn durchglühten. Da Helena jedoch nicht hysterisch kichernd vor sich hin schaukelte, beschloss Albert ihr auch den Rest zu erzählen. "Wenn Sie jemals einen Horrorfilm gesehen haben, eine Gruselgeschichte gelesen - es ist alles wahr. Fast alles. Wir leben unter den Menschen, aber wir versuchen unser Bestes, ihnen nicht zu schaden. Zumindest die meisten von uns. Vampire, Selkies, Werwölfe, Hexen, es gibt sie. Und es tut mir wahnsinnig leid, dass Sie jetzt mit diesem Wissen leben müssen, Frau Doktor." Beinahe schon entschuldigend streichelte er ihr kurz über den Kopf, bevor er sich wieder zurück zu seinem Stuhl begeben wollte, um ihr etwas Raum zu lassen, sowohl zum Nachdenken als auch allgemein.
    • Helena

      Die Zahnräder in Helenas Kopf drehten sich unaufhörlich. Sie suchte nach einer logischen Antwort, jedoch wollte ihr keine Lösung einfallen, die ihr das, was sie mit ihren eigenen Augen beobachtet hatte, auf eine nachvollziehbare Art und Weise erklären konnte. Gleichzeitig überlegte sie, ob es kein Zufall gewesen war, dass Dr. Cavanaugh an diesem Tag nicht anwesend war. Aber .. ihr Vorgesetzter war kein schlechter Mensch. Wenn er von diesem Ereignis gewusst hätte, so hätte er Schwester Jane und sie gewarnt, oder? Er würde die beiden unschuldigen Frauen nicht in diese schäbige Angelegenheit verwickeln. Zumindest würde der Mann, den sie in den letzten Monaten kennengelernt hatte, so handeln. Allerdings stellte sich ihr die Frage, ob sie den echten Dr. Cavanaugh überhaupt kannte. Ihr brünettes Haupt erhob sich und suchte erneut den Blick des jungen Reverend, der ihr versprach das die Mafia nichts mit dem Geschehen vom heutigen Abend zu tun hatte. Erleichtert atmete sie aus, doch spannte sie sich erneut an als Albert ihr davon erzählte, dass ihr die Wahrheit noch weniger als ihre vorherige Vermutung gefallen würde. „Was sollte denn schlimmer sein?“, lachte sie trocken und beobachtete den großen Mann dabei, wie er sich auf sie zubewegte. Er nahm ihre Hände in die Seinen. Wenn sie es nicht besser wissen würde, würde sie vermuten, dass er ihr von dem Tod eines Familienmitgliedes berichten wollte. Doch sie war froh, dass er sie in das Geheimnis, dass Dr. Cavanaugh und anscheinend auch Albert Donovan betraf, einweihte. Wenn gleich sie auch von der Wärme und Nähe seiner Hände abgelenkt war. Sie war es gewohnt, dass sie ihre Patienten berührte, wenn sie diese untersuchte. Doch war es für sie etwas Unbekanntes so sanft und tröstend berührt zu werden. Sie fühlte sich etwas ruhiger, entspannter sogar. Durch seine Arbeit als Reverend war er es sichtlich gewohnt mit Menschen zu verkehren, die seinen unterstützenden Rat brauchten. Nur war es kein Rat, den die junge Ärztin von ihm verlangte, sondern die Wahrheit. Doch ein mulmiges Gefühl in ihrem Magen verriet ihr, dass sie diese – wie es Albert bereits vorher gesagt hatte – nicht mögen würde. Und so war es auch. Als er ihre Hand zu seinem Gesicht führte und anschließend die spitzen Zähne, bei denen sie sich sicher war das diese zuvor noch nicht dagewesen waren, zum Vorschein kamen, hätte sie ihre Hand am liebsten wegziehen und davon rennen wollen. Er musste sich doch einen Scherz erlauben! Doch seine Zähne waren echt und sein Leiden an Anämie klang plausibel. Auch wenn sie es sich niemals eingestehen würde. Sie schüttelte ihren Kopf als er damit fortfuhr sie mit den Informationen über sein wahre Gestalt und der Arbeit ihres Kollegen zu überschütten. Helena verstand die Welt nicht mehr. „Das.. Das ist nicht möglich“, murmelte sie, nachdem Donovan seine Erzählung beendet und ihre Hände losgelassen hatte. Vampire, Werwölfe und all die anderen übernatürlichen Wesen sollten existieren? Sie teilte den Raum mit einem Vampir, die Polizisten sollten Werwölfe gewesen sein? Sie hatte mit allem gerechnet.. Aber damit? Es konnte nicht stimmen. Es durfte nicht stimmen. Hinter all den Erzählungen musste es eine logische Erklärung geben. Sie musterte den Vampir, welche ihr sanft über das Haar strich und sich dann dem Gehen wand. Helena hatte seine Fänge gesehen, sie konnte ihre Echtheit bestätigen, doch Glauben wollte sie noch immer nicht. Obwohl alles, was sie an diesem heutigen Abend gesehen hatte, auf die Wahrheit seiner Geschichte hindeutete, wollte sie ihm nicht glauben. Sie versuchte ihre heile Welt mit Verleugnung zu schützen. „Ein guter Witz“, doch selbst sie bemerkte die Unsicherheit in ihrer Stimme. Die Ärztin konnte nicht sagen, wem oder was sie glaubte. „Für einen Moment haben Sie mir wirklich einen Schrecken eingejagt.. Doch wir alle wissen, dass solche Wesen nicht existieren. Sie sind lediglich aus den Ängsten und Fantasien der frühzeitlichen Menschen entsprungen.“ Genau. Das war die Wahrheit. Dr. Cavanaugh behandelte keine Vampire in seiner Praxis. Es musste etwas anderes sein. Sie seufzte und strich sich durch ihr braunes Haar, das durch die anstrengende Nacht ganz durcheinander war. Sie lächelte dem Reverend leicht entgegen. „Mr. Donovan, es war für uns beide sehr anstrengend. Wir sind beide sichtlich von dem Überfall dieser … Männer geschockt. Vielleicht sollten wir den Tag für heute beenden und Morgen, wenn wir beide wieder klar denken können, weitermachen“, schlug sie vor. Einerseits weil sie wirklich erschöpft war, andererseits weil sie der bedrohlichen Wahrheit, die ihre Welt auf den Kopf stellen würde, zu entfliehen versuchte. Sie stand auf und griff nach ihrer Tasche. An dem heutigen Abend würde sie mit Sicherheit nicht mehr aufräumen müssen. Zudem wollte die Polizei sicher noch einige Spuren untersuchen. Bei diesem Einfall konnte sie nicht anders als an die Polizisten zu denken, die nach den Angaben des Blonden Werwölfe waren. Für sie hatten sie wie normale Menschen ausgesehen. Obwohl es schon merkwürdig gewesen war, dass einer von ihnen das Doppelte seines Gewichts ohne Probleme hatte tragen können. „Mr. Donovan“, sprach sie in Gedanken versunken. „Warum sollte sich Dr. Cavanaugh sich um Wesen, wie Sie es sind, kümmern? Nach dem, was ich über Vampire und anderen übernatürlichen Geschöpfen weiß, könnt ihr euch sehr gut allein heilen. Und woher weiß Dr. Cavanaugh von eurer Existenz?“
    • Albert


      Ein Witz? Natürlich, das war eine Abwehrreaktion wie sie im Buche stand. Es war ganz normal, dass sie so reagierte, das taten die meisten Menschen. "Manchmal wünschte ich, es wäre so.", murmelte Albert kaum hörbar. Er konnte die Stimmen des Teams der Spurensicherung hören, die sich von der Straße aus näherten. "Selbstverständlich Miss O'Brien, die Polizei hat hier noch zu tun und spätestens morgen wird man Sie und Schwester Jane mit Sicherheit vernehmen wollen." Höflich trat er beiseite, als sie auf die Tür zusteuerten und hielt diese für sie auf. "Soll ich Sie nach Hause begleiten?" Obgleich er schätzte, dass sie ohnehin ablehnen würde, wollte er seinen Anstand nicht vergessen und der jungen Ärztin zumindest das Angebot für Begleitschutz unterbreiten. Wer wusste schon, ob nicht noch jemand anderes an die Akten der Praxis kommen wollte, nun da der erste Erkundungstrupp ausgeschaltet worden war. Helenas Frage überraschte den Reverend jedoch, denn eigentlich hatte er bereits damit gerechnet, dass sie das Thema nun ruhen lassen würde und für ihr Seelenheil lieber davon ausging, dass er sie veralbert hatte. "Warum? Nun, heilen können wir uns gewiss, aber wir müssen uns ernähren. Es ist nicht leicht, seinen Instinkten zu widerstehen, deswegen ist es gut, wenn man dabei unterstützt wird. Auch ich werde nachher ins Krankenhaus gehen und die Bluttransfusion in Anspruch nehmen, für die Sie mir das Rezept ausgestellt haben." Der Blonde musste eine kurze Pause einlegen, da sich tatsächlich ein unbändiger Hunger in ihm ausbreitete. Mit einem Räuspern fuhr er fort, als er sich sicher war, seine Beherrschung behalten zu können. "Wir wollen keine Menschen ausnutzen oder verletzen, die meisten von uns jedenfalls. Also brauchen wir Spenderblut, was durch einen Arzt viel leichter zu bekommen ist. Wir haben ein ganzes Netzwerk aufgebaut um die Versorgung und Betreuung von außernatürlichen Wesen gewährleisten zu können." Er hielt inne und betrachtete das Gesicht der Brünetten von der Seite. "Wollen Sie wirklich wissen, woher Dr. Cavanaugh von uns weiß?" Albert unterdrückte ein Kichern. "Er ist der Urenkel eines alten Freundes. Ich hatte seinem Urgroßvater versprochen, auf seine Nachkommen aufzupassen und das habe ich seither auch getan. Seine Familie hatte schon immer mit Wesen wie uns zu tun, Gott weiß wieso. Vielleicht wurde mal einer gebissen, ich habe nie gefragt." Beim nächsten gemeinsamen Tee würde er Cavanaugh wohl einmal darauf ansprechen, denn jetzt wo er darüber nachdachte, fragte sichnaucb Albert, wie es zu dieser Konstellation gekommen war. Eine Ärztefamilie die über Generationen hinweg den Blutsauger half, gab es nicht oft. Auch wenn er lieber über ulkige Verstrickungen aus der Vergangenheit nachgedacht hätte, wurde es höchste Zeit für ihn, etwas zu essen. Helenas Puls betrug etwa 86 Schläge pro Minute, sie schien aufgeregt zu sein. Der Blonde hörte das Blut durch ihre Adern rauschen und gab sich alle Mühe, damit sein Magen nicht knurrte. Um seine Zähne sinnvoll zu beschäftigen, zog er aus seiner Hosentasche einen Nougatriegel und rollte ihn behutsam aus seinem Papier. "Möchten Sie auch ein Stück?"
    • Helena

      Mr. Donovan war wahrlich ein Gentleman. Er hielt der jungen Ärztin ungefragt die Tür auf, als sie auf diese zusteuerte, und bot ihr an sie nach Hause zu begleiten. Helena fühlte sich als sei sie die Darstellerin in einem romantischen Film, der darauf hinaus spielte, dass der gutaussehende Mann, die völlig geschockte Heldin der Geschichte nach Hause eskortierte und sich somit ihre Sympathie ergatterte. Nur hatte dieses Angebot wenig mit Romantik zu tun. Niemand wusste, ob derjenige, der die Stränge hinter den Angriff auf die Arztpraxis führte, noch mehr seiner Raufbolde losschicken würde oder jene bereits entsandt hatte. Ihr lief ein eiskalter Schauder über den Rücken als sie sich vorstellte, dass einer dieser fiesen Muskelpakete vor ihrer Wohnung auf sie wartete. „Das ist sehr freundlich und zuvorkommend von Ihnen, aber ich möchte Ihnen keine Umstände bereiten“, erwiderte sie lächelnd und schob sich dann durch die Tür nach draußen. „Ich wohne auch nicht weit von hier.“ Trotzdem bereitete es ihr ein mulmiges Gefühl. Sie trat in den Aufenthaltsraum, der sogleich von einigen Mitarbeitern der Spurensicherung gefüllt war. Sie begrüßte die Polizisten mit einem leichten Nicken ihres Kopfes und verließ gefolgt von Albert die kleine Praxis. Die frische, abendliche Luft tat gut und half ihr für einen kurzen Augenblick die pochenden Schmerzen in ihrem Kopf zu vergessen. Helena hätte nicht gedacht, dass der Tag, der so ruhig und normal verlaufen war, so ausarten würde. Doch manchmal hatte das Leben andere Pläne. Und manchmal schienen der Verlauf des Lebens eigenartig und brachte einem nichts als Verwirrung. Ihr Blick fiel auf den jungen Mann, der ihr nun von seiner Art und Dr. Cavanaugh berichtete. Vampire, die von Spendenblut lebten? Es war ihr neu. Sonst hörte sie stetig davon, dass die Blutsauger ihre Fänge in unschuldigen Frauen und Männern versanken und sie anschließend ihrem Schicksal überließen. Doch schienen sie gar nicht die Monster zu sein. Zumindest nicht alle. Der riesige Vampir, welcher sie festgehalten hatte, war eines. Doch den Reverend, der so unschuldig neben ihr stand und von der Verbindung zwischen ihrem Kollegen, ihm und anderen Wesen sprach, konnte sie nicht als eine scheußliche Kreatur betrachten. „Sie kannten Dr. Cavanaughs Urgroßvater?“, murmelte sie ungläubig. Dieser musste doch schon seit etlichen Jahrzehnten verstorben sein. Allerdings fielen ihr die Worte des Reverends ein. Erst hatte er behauptet, dass sein eigenes Blut seit über hundert Jahren nicht mehr in seinen Adern floss. War er bereits so alt? „Nein danke“, murmelte sie abwesend. Sie war schon wieder in ihren Gedanken versunken. All diese Informationen, die der logische Teil ihres Gehirns immer noch ablehnen wollte, überrumpelten sie. Doch gleichzeitig war ihr Interesse geweckt. „Warten Sie .. Sie können menschliche Lebensmittel essen? Stößt Ihr Magen diese nicht ab?“ Wahrscheinlich mussten die Fragezeichen um ihren Kopf sich verdoppelt haben. „Wie dem auch sei, ich werde mich dann einmal auf den Weg nach Hause begeben. Kommen Sie auch gut im Krankenhaus an und …“, sie bedachte ihre Wahl der Wörter für einen kurzen Augenblick. „Lassen Sie es sich schmecken.“ Doch als Helena sich dem Gehen zu wand und der Dunkelheit entgegenblickte, die sie allein durchqueren sollte, überlegte sie es sich doch noch einmal. Es war ihr unangenehm, dass sie so ängstlich war und diese Angst dem Mann hinter sich gestehen würde, doch war Einsicht besser als Nachsicht, oder? Sie wollte sich ungern – auch wenn die Chance gering war – allein in die Arme dieser Raufbolde, die sie mit Sicherheit als die Kollegin Cavanaughs erkannten, begeben. „S-Steht das Angebot von gerade eben noch?“, murmelte sie und drehte sich zu dem blonden Mann. Peinlich berührt sah sie gen Boden und anschließend wieder in die Augen des Vampirs. „Außer ich halte Sie von Ihrem Besuch im Krankenhaus ab.“
    • Albert

      "Ja ich kannte den alten Phileus Gregory Cavanaugh. Ein manchmal spröder Charakter, aber dennoch ein feiner Kerl. Sein spezieller Kräutertee war der beste, den ich je getrunken habe." Genüsslich knabberte der Reverend an seinem Nougat, nachdem Helena dankend abgelehnt hatte. Nun, dann blieb zumindest mehr für ihn übrig. Mit dem Daumen wischte er sich einen winzigen braunen Fleck der Süßigkeit vom Mundwinkel ab. "Um ehrlich zu sein bekomme ich höllische Bauchschmerzen davon. Leider hat jeder so sein Laster und dieses ist meines... Als die industrielle Fertigung von Zucker endlich für die Massen funktionierte, habe ich Freudensprünge gemacht! Früher war das nicht für jeden erschwinglich, so wie heute. Ach, das ist schrecklich lange her." Bei dem Gedanken an sein ehemaliges Ich, den Knirps mit dem strohblonden Haar und den rosigen Wangen, wurde er ganz wehmütig. Manchmal vermisste der Vampir seine Familie, aber so gerne er sie auch sehen würde, sie waren alle schon lange tot.
      Die junge Ärztin wollte sich verabschieden, doch sie hielt inne. Albert hob fragend die Augenbrauen, bis sie sich zu ihm umdrehte. "Aber selbstverständlich steht das noch. Es wäre mir eine Freude, Sie zu begleiten Frau Doktor. Sie müssen mir nur den Weg weisen.", sagte er freundlich und schritt neben ihr die Straße entlang. "Ihre Sorgen sind vielleicht nicht unbegründet, da kann mein Besuch im Krankenhaus noch warten. Machen Sie sich darüber keine Gedanken." Die Dunkelheit hatte sich inzwischen über London gelegt und such der typische Nebel, der an vielen Tagen durch die Straßen der alten Stadt kroch, war wieder aufgezogen. "Waren Sie schon einmal in der Connaught Bar? Wenn Sie Mal einen Drink brauchen, der Ihnen sämtlichen Kummer hinfort wäscht, kann ich diesen Ort nur empfehlen. Vorausgesetzt natürlich, dass Sie überhaupt an derlei Dingen Freude finden." Der Reverend warf einen Seitenblick auf die Brünette, die zwar schrecklich mitgenommen wirkte, aber trotzdem noch ziemlich bezaubernd aussah. "Unter anderen Umständen hätte ich Sie vielleicht nach einer Verabredung gefragt." Albert erschrak bei seinen eigenen Worten, er hatte gar nicht vorgehabt, diesen Gedanken laut auszusprechen. Aufgeregt wedelte er mit den Händen. "Verzeihung, das war unangebracht, es tut mir Leid!" Hätte er erröten können, wäre er sicher kirschrot angelaufen, aber dazu fehlte ihm etwas fremdes Blut im Kreislauf. "Vergessen Sie, was ich gesagt habe, ich wollte nicht aufdringlich sein." Beschämt sah er zur Seite und klappte seinen Mantelkragen nach oben, um sein Gesicht dahinter zu verbergen, während sie ihren Weg fortsetzen. Kurz darauf verlangsamten sich die Schritte von Dr. O'Brien, offenbar waren der Vampir und die Ärztin an ihrem Ziel angekommen. "Nun, ich hoffe Sie können einen ruhigen Abend genießen. Sollten Sie Hilfe brauchen, können Sie mich gerne anrufen. Meine Nummer steht auf der Webseite der St. Anne's Kirche, ich komme, so schnell ich kann." Schüchtern lächelte Albert der jungen Dame zum Abschied entgegen, schüttelte ihr kurz die Hand und wandte sich dann zum Gehen.
    • Helena

      Obwohl Helena vor einigen Minuten noch Angst beim Anblick der endlosen Dunkelheit verspürt hatte, so war sie nun froh über die Anwesenheit dieser. Die Aussage des Reverend überraschte sie und ließ ihre Wangen in einem zarten rot anlaufen. Verlegen warf sie ihren Blick zur Seite. Es war nicht das erste Mal, dass die Ärztin von einem jungen Mann auf eine Verabredung angesprochen wurde. Sie hatte die wenigen Verehrer bisher stets abgelehnt. Verabredungen und die soziale Interaktion mit anderen Menschen – wenn jene überhaupt menschlich gewesen waren – im Privaten zerbrachen ihr den Kopf. Worüber sollte man mit jemanden sprechen, den man kaum kannte? „Entschuldigen Sie sich nicht. Ich habe es nicht als Bedrängnis aufgefasst“, erwiderte sie und betrachtete den Mann mit einem schüchternen Lächeln. Hoffentlich war die Röte in ihrem Gesicht abgeklungen. Ihr Herz vollbrachte einen Marathon in ihrer Brust und sie wunderte sich ob der Vampir dies mitbekam. Die Sinne und Reflexe der übernatürlichen Wesen schienen schärfer als die ihrer menschlichen Cousins zu sein. Sie waren Jäger und ihrer Art vollkommen überlegen. Aber warum versteckten sie sich in den Schatten? „Ich kenne die Bar, jedoch war ich noch nie dort gewesen“, griff sie das Thema von vor einigen Minuten auf und verfluchte sich bereits für die Worte, die ihre Lippen in wenigen Augenblicken verlassen würden. „V-Vielleicht können Sie mir die Bar einmal zeigen.“ Woher kam nur dieser plötzliche Mut? Doch kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, verflog ihre Sicherheit und ihr unsicherer Blick wand sich gen Boden als sie vor ihrem Wohngebäude zum Stehen kamen. Sie sah auf und wedelte abwehrend mit den Händen: „Natürlich nur zum Gunst der Wissenschaft! Ich möchte mehr erfahren.“ Und ein kleiner Teil ihrer selbst hoffte noch immer darauf, dass sich seine Behauptungen als Lüge entpuppen würden.
      Sie hörte ihm aufmerksam zu, nickte verstehend und verabschiedete sich ebenfalls von dem Mann, der ihre Welt auf den Kopf gestellt hatte. Oder der wohl eher ein Teil von dem Ereignis war, dass ihr ganzes Leben und ihre Ansichten verändert hatte. „Kommen Sie gut im Krankenhaus und anschließend zu Hause an“, rief sie dem Vampir noch hinterher, ehe sie ihren Wohnungsschlüssel aus ihrer kleinen Tasche fischte, aufschloss und eintrat. Sie konnte sich an den Weg nach oben und das Betreten ihrer Wohnung gar nicht mehr erinnern, doch kaum einen Augenblick später fand sie sich in der Sicherheit ihrer gewohnten vier Wände wieder. Die Ereignisse des Abends brachen über ihren braunen Schopf zusammen. Sie kniete sich auf dem Boden und begann zu weinen.
      Nachdem sie sich beruhigen hatte können, nahm sie ein Bad. Wahrscheinlich würde die Klinik morgen noch geschlossen bleiben. Jedoch war ihr dieser Zustand der Umstände mehr als nur recht. Sie würde diese Zeit brauchen, um sich zu sammeln. Hoffentlich würde Dr. Cavanaugh sich bald bei ihr melden. Ihr versichern, dass alles in Ordnung war, das die Praxis bald wieder zu ihrem ursprünglichen Tagesablauf zurückkehren und er sie ebenfalls in sein Geheimnis einweihen würde. Zum ersten Mal an diesem Tag zog sie ihr Handy aus ihrer Tasche, die sie lediglich im Flur ihres Apartments hatte liegen lassen, und öffnete die Website der Kirche, auf der die Nummer ihres neuen Bekannten hinterlegt war. Sie speicherte diese und schrieb: „Ich hoffe Sie sind gut angekommen. Gute Nacht. Helena O‘Brien.“
    • Albert

      So schnell und stark, wie das Herz der jungen Ärztin schlug, hatte Albert fast befürchtet, er hätte ihr einen Schrecken eingejagt. Verübeln konnte er es ihr nicht, immerhin hatte sie seine Fangzähne gesehen, sie hatte direkt vor ihren Augen einen Mann durch die Hände des Reverends zu Boden gehen sehen, genau wie den Vampir der sie festgehalten hatte. Umso erstaunlicher fand er ihren kühnen Vorschlag, zum Wohle der Wissenschaft gemeinsam die Bar aufsuchen. "Nun, sehr gerne. Sie dürfen gerne alles fragen, was Ihnen in den Sinn kommt. Ich lade Sie ein." Der blonde Vampir schmunzelte verlegen in sich hinein. Sein letztes Date lag bereits einige Jahre zurück, sofern ihn seine Erinnerung nicht täuschte, und geendet hatte es eher enttäuschend für beide Seiten. Die Aussicht auf eine Verabredung, die zumindest ein wenig Unterhaltung versprach wenn nicht sogar ein paar tiefgehende Gespräche, auch wenn keine anderen als die pragmatisch-neugierigen Beweggründe der Brünetten dahinter steckten, gefiel ihm.
      "Vielen Dank, Miss O'Brien!", rief er schließlich mit einem freundlichen Winken zurück, bevor Helena in dem Wohngebäude verschwand. Albert wartete noch einen Augenblick ab, um die Umgebung genauer unter die Lupe nehmen zu können. Es schienen weder auffällige Personen in der Nähe zu sein, noch andere Abweichungen eines normalen Abends in einer ruhigen Wohngegend aufzutreten. Das war ein gutes Zeichen, denn offenbar wusste niemand, der mit den heutigen Geschehnissen zu tun hatte, wo die junge Ärztin lebte, zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Der Reverend machte sich auf den Weg zu seinem Beutel Spenderblut, den er inzwischen mehr als nötig hatte. Auch ein Nougatriegel konnte ihn nicht ewig über den stechenden Hunger hinwegtäuschen, der seine ganze Magengegend lähmte. Zum Glück brauchte er nie lange, wenn er zu Fuß ging - ein Vorteil seiner Außernatürlichkeit, der vor allem abends auf leeren Straßen nicht einmal auffiel. Bereits kurz nach seinem Abschied hatte er die Klinik erreicht und machte sich auf die Suche nach seiner Kontaktperson.

      Als der blonde Vampir in dieser Nacht in seine Wohnung zurückkehrte, dröhnte selbst die Stille noch in seinen Ohren. Es ließ ihm nicht los, wer in Dr. Cavanaughs Praxis eingedrungen war und vor allem was die Patientenakten damit zu tun haben könnten. Auch das Verschwinden seiner Schützlinge könnte damit im Zusammenhang stehen, nur wer hätte Interesse daran? Und warum sollte sich jemand gegen die Vampire wenden, wenn sie selbst als Erkundungstrupp geschickt wurden? Das Alles ergab bisher überhaupt keinen Sinn für Albert, der sich seufzend in seinen alten Ohrensessel sinken ließ, der zum wiederholten Male eine Restauration seines Polster gebrauchen konnte. Gerade in der Sekunde, in der der Reverend die Augen schloss, um ein wenig zu ruhen, vibrierte das Handy in seiner Tasche. "Helena, wie Helena von Troja. Schön ist sie gewiss.", murmelte er als er die Nachricht der jungen Ärztin las, deren Vornamen er bisher nicht gekannt hatte. Mit einem erschöpften Lächeln tippte er seine Antwort bevor ihn die Müdigkeit übermannte. "Alles Bestens, ich hoffe Ihnen geht es gut. Melden Sie sich, wenn Sie mich brauchen. Schlafen Sie gut heute Nacht. - Albert Donovan"
    • Helena

      Sie hatte nicht viel Schlaf in der Nacht erhaschen können. Helena war müde gewesen, jedoch hatten ihren verstrickten Gedanken keine Ruhe gegeben. Sorgen und Ängste über den Vorfall, ihren Kollegen und der schrecklichen Wahrheit, die ihr Albert Donovan anvertraut hatte, spukten in ihrem Kopf. Sie hatte Puzzleteile zusammengesetzt, doch der Antwort kam sie doch nicht näher. Was gab es in der Klinik, dass jemandes Interesse so sehr erweckte? Waren es wirklich die Patientenakten der übernatürlichen Geschöpfe, die die Klinik aufsuchten, die denjenigen von Bedeutung waren oder verbarg sich dahinter etwas anderes? Versteckte Cavanaugh etwas vor ihnen? Die Ärztin fühlte sich als wäre sie der Lösung zu dieser Antwort noch weit entfernt. Trotzdem wollte sie dessen Lösung nicht aufgeben.
      Und so war die Nacht vergangen, in der sie wenigstens ein paar Stunden Schlaf einholen hatte können. Die Nachricht des Reverends, die noch in den gestrigen Abendstunden eingegangen war, hatte sie erst am Morgen, als sie nach der Uhrzeit sehen wollte, entdeckt. Gewöhnlich hatte sie ihr mobiles Telefon stummgeschaltet, sodass sie auf der Arbeit nicht gestört wurde. Denn manchmal neigte ihre beste Freundin dazu sie mit Texten zu überhäufen, da ihr immer wieder etwas einfiel das sie der Ärztin noch nicht mitgeteilt hatte. So hatte sich Helena erst einmal dazu entschlossen die Nachricht unbeantwortet zu lassen und sich stattdessen für den kommenden Tag fertig zu machen, um anschließend bei der Arztpraxis nach dem Rechten zu sehen.
      Nun stand sie in der verwüsteten Praxis, die mit Polizeiband abgesperrt worden war. Helena war sich nicht sicher, ob sie die Klinik überhaupt betreten durfte, da sie wichtige Indizien ungewollt zerstören könnte, jedoch hatte sie das Gebäude trotzdem betreten. Während sie sich in den Räumen umsah und bereits eine geistige Liste für die Gegenstände, Möbel und Medikamente schrieb, die sie demnächst besorgen werden müssten, wurde sie angerufen. Sie fummelte das Telefon, das sie mittlerweile auf Vibration umgestellt hatte, aus ihrer Hosentasche und sah auf die unbekannte Nummer. Der brünetten Ärztin wurde unwohl. Konnte es sich bei dem Anrufern um Komplizen derjenigen handeln, die sie gestern auf eine unschöne Weise kennengelernt hatte? Es blieb nur herauszufinden. Sie nahm ab und legte das Handy an ihr Ohr. „O‘Brien?“, murmelte sie und hoffte, dass die Person am anderen Ende der Leitung ihre Angst nicht mitbekam. Sie konnte sich die tiefe und bedrohliche Stimme bereits vorstellen, die sie sogleich begrüßen würde. Doch zu ihrer Überraschung grüßte sie nicht die fiese Stimme eines Mannes, sondern die sanfte und freundliche Stimme einer jungen Frau. Sie stellte sich Helena als Polizistin vor, teilte ihr mit, dass sie von dem Polizeirevier sei das gestern die Männer in der Klinik festgenommen hatte und lud sie dazu ein zum gestrigen Vorfall ihre Aussage zu tätigen. „Wann wäre es Ihnen denn recht, Miss O‘Brien?“, ertönte die helle, weibliche Stimme erneut. Sie hatte einen angenehmen und ruhigen Klang, der Helena zum Entspannen brachte. „Ich könnte sofort rüber kommen.“ So befand sich die junge Frau einige Minuten später bereits auf den Weg zu der Polizeistation, um ihre Aussage vernehmen zu lassen. Auf den Weg fischte sie ihr Handy erneut aus ihrer Hosentasche. Eine Nachricht von Ava, die sich nach ihr erkundigte. Sie ignorierte die Nachricht ihrer besten Freundin vorerst. Ava könnte sie nach ihrem Besuch bei der Polizei immer noch antworten oder anrufen. Stattdessen öffnete sie vorerst den kurzen Chat zwischen ihr und einer anderen, ihr noch eher unbekannteren Person. Sie wollte Antworten und vielleicht könnte Albert ihr diese liefern oder sie diesen näher bringen. „Haben Sie heute Abend Zeit? Ich würde Sie gerne in der Connaught Bar treffen.. 18:00 Uhr vielleicht?“
    • Albert war gerade auf dem Polizeirevier angekommen, um seine Aussage zu machen, da fing ihn Officer Kingsley bereits ab. "Gut dass du da bist, wir haben eine Spur. Komm mit, das müssen nicht alle wissen.", raunte Thomas und zog den Reverend mit sich mit. Für den Blonden gab es keinen Grund zu protestieren, aber alleine der Umstand dass nicht einmal alle Angestellten auf dem Revier mithören sollten, ließ Spielraum für Interpretationen offen. Der Vampir folgte seinem alten Freund in dessen Büro und wartete geduldig, bis die Tür hinter ihnen geschlossen war, bevor er begann, Fragen zu stellen. "Eine Spur? Wisst ihr, wer diesen Trupp geschickt hat?" Thomas schüttelte den Kopf. "Nicht direkt, aber dafür haben wir etwas anderes gefunden." Der Werkwolf deutete auf einen Stapel Fotos, der auf dem Schreibtisch lag. "Sieh dir die an und sag mir, an was dich das erinnert."
      Albert trat näher heran, um die Bilder in Augenschein nehmen zu können. Eines nach dem anderen nahm er sorgsam in die Hände, wobei sich bei jedem weiteren Foto sein Gesicht verdunkelte. "Wann war das? Wo habt ihr ihn gefunden?" Es war Dunkan, den er sah, völlig entstellt und auch wenn das für einen Vampir nicht ungewöhnlich war, schien er absolut blutleer zu sein. Viel mehr sah er aus, als wäre er selbst ausgesaugt worden. "Er lag am Ufer der Themse, eine Streife hat ihn heute Morgen gefunden. Meintest du nicht, dass ihr in letzter Zeit öfter Vermisstenfälle hattet?" Der Reverend ließ den Stapel mit einem stummen Nicken zurück auf den Tisch gleiten. "Ich habe Genesis bereits angefragt. Es ist keiner ihrer Einsätze, also muss er auf eigene Faust unterwegs sein." Thomas plumpste in den großen Lehnstuhl, der ihm tagein und tagaus gute Dienste leistete und nippte an dem Kaffee, der inzwischen kalt geworden war. Albert setzte sich auf die Kante des Schreibtisches, weil sein Kopf sich mit einer Heftigkeit zu drehen begann, dass er glaubte er würde ohnmächtig werden. "Aber warum Vampire? Er hat doch immer nur Hexen gejagt. Was hat er davon?", murmelte er völlig verstört. es ging ihm nicht aus dem Kopf, wie Dunkan ausgesehen hatte, auch wenn die Fotos inzwischen hinter seinem Rücken vor seinem Blick verborgen lagen. "Das wissen wir auch noch nicht. Es könnte sein, dass er an die Patientenakten will, um weitere Opfer zu finden. Er mag lange Zeit unter Kontrolle gewesen sein, aber das hier spricht Bände." Der Officer seufzte angestrengt. "Sollen wir das Dr. O'Brien erzählen?" Zur Antwort erhielt er ein eindeutiges Kopfschütteln des Vampirs. "Auf gar keinen Fall, noch nicht. Sie ist quasi völlig unbeteiligt in dieser Sache und hatte einfach Pech. Wir sollten zusehen, dass Cavanaugh befragt wird und wir einen Weg finden, um Dirus aufzuhalten. Es gibt nicht viele, die dazu in der Lage sein dürften. Dieser Mistkerl lebt immerhin schon länger als wir alle zusammen."

      Wenig später verließ der blonde Vampir das Revier wieder, den Kopf voller Sorgen und den Terminkalender voll für den Rest des Tages. Einerseits würde er eine ganze Weile brauchen, um seine Schützlinge zu erreichen und sie vorzuwarnen, andererseits warteten aber auch die alltäglichen Aufgaben eines Geistlichen auf ihn: Seelsorge, die Planung des nächsten Gottesdienstes und ein vorbereitendes Gespräch für das junge Paar, das in wenigen Worten in seiner Kirche heiraten wollte. Er war froh, dass seine letzte Mahlzeit erst wenige Stunden zurück lag, denn so blieb ihm sicher genug Kraft, um den Rest der Woche noch anständig über die Bühne zu bringen. Wenn er es schaffte, sollte er Dr. Graves einen Besuch abstatten und ihn fragen, ob sein neuster Blutersatz bereits in die Testphase übergehen könnte. Der Mann, mit dem es Albert und der Rest der übernatürlichen Gemeinde zu tun bekamen, war dermaßen stark, dass der Vampir jeden Tropfen Blut gebrauchen konnte, egal ob synthetisch oder nicht, um ihm die Stirn zu bieten. Gerade als er sich auf den Weg zur U-Bahn machte, bemerkte er das Vibrieren seines Telefons in der Hosentasche. "Oh? Das kam unerwartet.". Helena bat ihn um ein Treffen am Abend. Ein prüfender Blick auf die Uhr reichte dem Reverend. "Sehr gerne, ich werde einen Tisch reservieren. Wir sehen uns dort."

      Die Nacht über London war erneut hereingebrochen, als Albert die Connaught Bar erreichte. Im Normalfall war sie voll von Geschäftsmännern und Mitgliedern der höheren Gesellschaftsschichten, aber an diesem Abend hatte sich auch der blonde Vampir unter die Gäste gemischt. Geduldig wartete er auf die junge Ärztin, die ihm bald Gesellschaft leisten würde. Auf den schwarzen Ledersofas tummelten sich Männer und Frauen jeden Alters und der Reverend lauschte dem ein oder anderen Gespräch mit seinem überdurchschnittlich guten Gehör, um sich die Zeit zu vertreiben.


    • Helena

      Als sie die Polizeistation am Nachmittag betreten hatte, wurde sie direkt von einem Polizisten empfangen, der sie in einen der Vernehmungsräume führte. Sie erinnerte sich an das junge Gesicht des Polizisten, der am gestrigen Abend ebenfalls anwesend gewesen war. Er hatte den leblosen Körper des Angreifers ohne jegliche Probleme hochgehoben und zum Streifenwagen getragen. Nach Alberts Erzählung handelte es sich bei dem Mann um ein Werwolf. Ein Fakt, der sie immer wieder dazu veranlasste den Gesetzeshüter zu beobachten, sobald er seinen Blick von ihr abwandte. Doch schien ihm ihre Neugier nicht zu entgehen. Ob er es nicht ansprach, weil es ihm selbst unangenehm war oder weil er sie in keine peinliche Situation führen wollte, war ihr ein Rätsel. „Es freut mich, dass Sie so schnell die Zeit gefunden haben“, begann er, während er sich auf dem Stuhl gegenüber von ihr plumpsen ließ. „Mein Name ist Phil Ainsworth.“ Sie nickte ihm anerkennend entgegen und parkte ihre Hände auf ihrem Schoß. Während der Polizist ihr von der Prozedur der Zeugenaussage erzählte, versuchte sie immer wieder einen Blick auf dessen Zähne zu erhaschen. Doch anstatt der spitzen und gefährlichen Beißer, grüßten sie lediglich die Zähne eines normalen Menschen. Kein Wunder, waren die übernatürlichen Wesen bis heute unentdeckt geblieben. Sie konnten sich anpassen und niemanden fiel etwas eigenartiges an ihnen auf. Helena fragte sich mit wie vielen Vampiren, Werwölfen oder Hexen sie in ihrem Leben schon zu tun gehabt hatte. Sicherlich war sie während der Schulzeit oder ihrem Studium einigen von ihnen begegnet.
      Die Zeugenaussage fuhr fort und die junge Ärztin wiederholte die Geschehnisse vom letzten Abend. Zu ihrer Überraschung behielt sie dabei einen kühlen Kopf. Trotzdem brachten die Erinnerungen ihr Herz dazu einige Takte schneller zu schlagen. „Und Ihr Boss.. Dr. Cavanaugh.. Hat er sich bereits bei Ihnen gemeldet?“, hakte Ainsworth nach, während er seinen Stift, den er benutzte um die Zeugenaussage ihrerseits festzuhalten, galant zwischen seinen Fingern hin und her wandern ließ. „Er hat sich noch nicht bei mir gemeldet. Gestern Abend habe ich noch versucht ihn zu kontaktieren, jedoch ohne Erfolge“, erklärte sie. „Vielleicht hat er sich bei Schwester Jane – Oh! Geht es ihr gut?“ Durch den ganzen Stress hatte sie beinahe ihre Kollegin vergessen, die der ganze Abend genauso mitgerissen hatte wie sie. Der Werwolf nickte knapp. „Sie wurde heute Morgen entlassen und ist nun in den Kreisen ihrer Familie.“ Erleichtert atmete die Brünette aus. Jane hatte ihren Schock überwinden können und schien auf dem Weg der Besserung zu sein, das war alles was zählte. Das Gespräch fuhr fort, Ainsworth dokumentierte fleißig und stellte Fragen, die Helena ihm beantworten würde. „Sie hatten wirklich Glück, dass Donovan anwesend war. Ansonsten -“, er brachte seinen Satz nicht zu Ende. Das musste er auch nicht, denn Helena wusste genau was sich anstelle der Rettung zugetragen hätte. Die aufkommenden düsteren Gedanken in ihrem Kopf verbannte sie. „Wie dem auch sei. Vielen Dank. Sie haben uns sehr helfen können.“ Jedoch hatte sie das Gefühl, dass sie keine großartigen neuen Erkenntnisse liefern konnte, die den Polizisten in ihrer Ermittlung weiterhelfen konnten. Wenn sie doch mehr helfen könnte. Erneut nickte sie dem Mann zu, stand auf und machte sich daran den Raum zu verlassen. Bevor sie allerdings gehen konnte, hielt der Werwolf sie mit seinen Worten auf. „Ich verstehe ja, dass Sie noch nicht lange eingeweiht sind, jedoch ist es äußerst unhöflich so sehr zu starren.“ Er bedachte sie mit einem amüsanten Grinsen, doch Helena wäre am liebsten im Boden versunken. Idiotin! „Entschuldigen Sie“, stammelte sie mit erröteten Wangen und warf sich danach beinahe aus dem Raum und hinaus in den Gang. Sie konnte noch ein leichtes Lachen vernehmen.

      Der Abend folgte schnell. Den restlichen Nachmittag hatte sie damit verbracht ihren Haushalt auf Vordermann zu bringen. Sie hatte Schwester Jane angerufen und sich nach ihrem Wohlergehen erkundigt, sowie zum tausendsten Mal eine Nachricht auf der Mailbox ihres Vorgesetzten hinterlassen. Entweder ignorierte Dr. Cavanaugh Sie oder er steckte in ernsthaften Schwierigkeiten. Hoffentlich würde er sich in naher Zukunft bei ihr oder Schwester Jane melden.
      Da stand sie nun vor der Bar, in der sie und Donovan sich treffen sollten. Sie hatte lange über ihre Garderobe philosophiert, unsicher darüber was sie tragen sollte. Total unsinnig, hatte sie sich eingeredet, immerhin handelte es sich bei dieser Verabredung keineswegs um ein Date. Schlussendlich hatte sie sich auf ein einfaches schwarzes Cocktailkleid geeinigt. Für eine Bar zutreffend, oder? Ach, sie hatte doch gar keine Ahnung! Die Ärztin warf einen Blick durch das Fenster. Viele fremde Menschen, die sich offensichtlich zu amüsieren schienen. Sie ließ ihren Blick weiter durch den Raum streifen und entdeckte Albert. Er war also schon da. Sie sollte ihn nicht länger warten lassen, weswegen sie die Bar betrat und direkt auf den Mann zu marschierte. „Guten Abend“, begrüßte sie den Reverend lächelnd und ließ sich auf dem schwarzen Sofa gegenüber von ihm nieder. „Ich hoffe Sie haben nicht allzu lange auf mich warten müssen.“ Wie aus einem Film. Sie konnte bereits raten, was der Blonde ihr antworten würde. Ihre Tasche stellte sie neben sich auf dem Sofa ab, während sie ihren Blick erneut durch die noble Bar gleiten ließ. Sie musste gestehen, dass ihr das Ambiente der Connaught Bar sehr gefiel. Es war nicht laut und die Einrichtung war äußert elegant. Es war eine komplett andere Welt im Gegensatz zu ihrem Lebensstil. Ein Kellner kam, um die Bestellungen der zwei Erwachsenden aufzunehmen. Vorerst bestellte sie lediglich ein Glas Wasser. Sie kannte die Reaktion ihres Körpers auf Alkohol zu gut. Zudem wollte sie einen kühlen Kopf bewahren, wenn Albert und sie über all die Geheimnisse reden würden, die der Menschheit verwehrt geblieben waren. „Ich war heute auch auf der Polizeistation und habe meine Zeugenaussage getätigt“, erwähnte sie beiläufig nachdem der Kellner wieder verschwunden war. „Allerdings glaube ich, dass meine Aussage nicht wirklich weitergeholfen hat.“ Sie hatte nur bestätigen können, was bereits bekannt war. „Aber .. Erzählen Sie mir doch wie Ihr Tag war.“ Smalltalk. Aber vielleicht half es ihr etwas in das Gespräch einzusteigen.
    • Albert

      Es dauerte gar nicht lange, da erschien die junge Ärztin in der Bar. Albert hatte ganz gedankenversunken auf den Untersetzer in seiner Hand gestarrt, den er zwischen den Fingern immer wieder gedreht hatte, aber sobald Helena einen Fuß durch die Eingangstür gesetzt hatte, war er aufgeschreckt. Die feine Nase des Reverends hatte ihm verraten, dass sie es war, die sich näherte, also legte er schnell das Spielobjekt aus seinen Händen beiseite und strich sich das Haar zurück. Natürlich war dies kein "Date", dessen war er sich bewusst, doch das war noch immer kein Grund für ein nachlässiges Äußeres. Zu den Zeiten als er angefangen hatte, sich in Bars aufzuhalten, waren Männer nicht ohne einen anständigen Anzug vor die Tür gegangen, mit polierten Lederschuhen, einer passenden Krawatte und einem Hut natürlich. Heutzutage gab es das eher selten und wenn dann in den gehobenen Gesellschaftskreisen, also gab er sich mit einem schlichten weißen Hemd und einer Tweedhose zufrieden, die ihm ungefähr den Flair und den Charme eines Studenten aus den 60er Jahren verliehen, als er aufstand und nervös abwartete, bis die Brünette zu ihm herübergekommen war. "Doktor O'Brien, wie schön Sie zu sehen. Nehmen Sie Platz, bitte. Die sehen übrigens hinreißend aus.", begrüßte er die junge Ärztin und rückte für sie den Sessel nach hinten, damit sie sich setzen konnte. "Ich bin höchstens ein paar Minuten hier, schätze ich, also keine Sorge." Albert lächelte freundlich und fand sich auf dem Platz ihr gegenüber ein, was ihn unweigerlich an ihr erstes Gespräch an ihrem Schreibtisch in der Arztpraxis erinnerte, auch wenn er hoffte, dass der Abend an diesem Tag nicht so bescheiden enden würde wie der vorherige. Der Kellner, von dem Albert schwören konnte er hieße Giuliani (aber das verneinte er ein aufs andere Mal), nahm die Bestellung des ungleichen Duos auf. Während Helena sich für ein Wasser entschied, begnügte sich Albert mit einem Glas Rotwein, das hoffentlich seine Nerven beruhigte. Es lag nicht unbedingt an seiner Aufregung über diese Verabredung, sondern eher an dem, was ihm Thomas einige Stunden zuvor berichtet hatte, dass er sich lieber noch etwas beruhigen wollte. "Das ist schön zu hören. Haben Sie Schwester Jane gesehen? Geht es ihr gut? Nun, den Umständen entsprechend natürlich." Der Vampir lehnte sich in dem schwarzen Ledersessel zurück und seufzte. "Ich kann nicht klagen, denke ich. Ich habe heute Morgen ebenfalls meine Aussage gemacht und dann durfte ich mich dem Freud und Leid eines Geistlichen hingeben. Sie ahnen gar nicht, was manche jungen Leute vor der Ehe alles von der Kirche abgenickt bekommen wollen. Da wird man sogar nach der potentiellen Wandfarbe für ein zukünftiges Kinderzimmer befragt. Wissen Sie, ich glaube unser Vater im Himmel sowie sein Sohn auf Erden könnten sich nicht weniger um diese Dinge scheren, aber wenn es die Leute beruhigt, rate ich immer zu einem neutralen hellgrün, das ist angenehm fürs Gemüt und erfüllt keine Geschlechterklischees." Ein schiefes Lächeln legte sich auf sein Gesicht. "Vermutlich wird Ihre Arbeit dagegen noch ein paar Tage ruhen, mh? Die Praxis ist sicher noch von der Polizei in Beschlag genommen worden."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sachiko ()