Lost Crown[Dindrane&Cailemia]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Lost Crown[Dindrane&Cailemia]

      Fest den in einem Tuch eingewickelten Körper eines kleinen Jungens an sich drückend, stieg der alte Ritter einen alten, steinigen und schmalen Bergpfad hinauf, das Pferd, das ihnen zur waghalsigen Flucht gedient hatte, am Fuße des Berges zurückgelassen, war ihm nichts anderes übrig geblieben als seinen Weg mit seinen morschen, alten Knochen zu Fuß fortzusetzen, wenn er sein Ziel erreichen wollte.
      Stunden war er ohne Pause geritten, vom Ort des schrecklichen Verbrechens fliehend, die Zähne fest zusammenbeißend um nicht in Wut oder Trauer zu versinken, war sein treuer Freund und seine Familie doch durch grausame Hand kaltblütig ermordet worden, nur den Jungen, seinen Sohn, konnte er retten, doch diesen würde er in Sicherheit bringen, er würde nicht zulassen, dass man auch nach seinem Leben trachtete, das hatte sich der alte Ritter in jenem Moment geschworen, als er die großen, verängstigten Augen des Kindes gesehen hatte.
      Er wusste nicht, was der Junge gesehen hatte, von welchen schrecklichen Taten er Zeuge geworden war, doch seitdem schlief er in seinem Armen, gepeinigt von Albträumen und Sir Jeffrey konnte nur hoffen, dass er nach diesem traumatischen Erlebnis überhaupt wieder aufwachen würde.
      Der Wind peitschte seinen Umhang und das Haar, noch einmal rückte er den schwarzen Stoff seines Mantels über das Kind, ging sicher, dass es geschützt war, ehe er seinen beschwerlichen Weg fortsetzen, den kaum ein anderer zu bewältigen wagte, schon gar nicht im Alter des alten Ritters.
      Was er hier zu finden glaubte? Was war das Ziel des alten Mannes, dass er sich verzweifelt weiter kämpfte, vorsichtig über den bröckelnden Rand Stück für Stück weiterkroch, darauf bedacht nicht zu fallen?
      Eine alte Freundin. Jemand, von dem er glaubte, dass der Junge bei ihr sicher sein würde.

      „Oh, sieh mal an, Besuch!“, ertönte die fröhliche, sorglose Stimme der Hexe, während sie an ihrer Kristallkugel saß und den alten Ritter beobachtete, wie er sich schon fast verzweifelt weiter kämpfte.
      „Der alte Kerl hat sich aber einen schlechten Tag für einen Besuch ausgesucht, wieso versucht er es nicht morgen? Wir sind auf einen Besuch gar nicht vorbereitet.“, hörte sie die schaubende Stimme Ifrits, ihres feurigen Begleiters und das darf durchaus wörtlich verstanden werden.
      „Ach komm, jetzt sei doch nicht so~, Besuch ist doch immer was schönes!“, freute sich die junge Frau und kicherte etwas dabei, ehe sie sich wieder an ihre Kristallkugel wandte.
      Zwar gab sie diese Worte von sich, aber in ihren Gedanken spielte eine andere Musik, denn Ifrit hatte recht. Jeffrey war nicht mehr der jüngste, das war dem armen sofort anzusehen. In jungen Jahren hätte er den Aufstieg an einem windigen Tag wie diesen vielleicht ohne Mühen bewältigen können, aber heute? Die Hexe legte in Gedanken versunken den Kopf schief und bettete diesem auf ihrer Handfläche, als ihr auffiel, wie viele Jahre wieder vergangen sein mussten, als sie den Mann zum letzten Mal gesehen hatte. War es wirklich schon so lange her? Ihr kam es vor, als hätte sie ihn erst gestern gesehen, als seine Haare noch platinblond waren und er von seinem neusten Erfolg als Ritter geschwärmt hatte, was für ein niedlicher Junge er doch gewesen war, aber niedlich war Jeffrey auch heute noch in ihren Augen.
      „Wieso zeigst du uns nicht deine Gastfreundschaft und empfängst unseren kleinen Jeffrey? Er muss doch frieren.“
      „Ha~h?! Damit ich in dem Wind ausgehe?! Willst du mich jetzt etwa los werden?!“, traute Ifrit seinen Ohren nicht, die er technisch gesehen nicht besaß. Die Stimme des künstlichen Wesens war nicht die eines Menschen, sie klang wie ein hohles Echo, als würden mehr als nur eine Person sprechen, als würden die Stimmen von den Wänden einer Höhle abprallen, ehe sie das menschliche Ohr erreichten.
      „Ach komm, das wird schon nicht passieren!“, schmollte die Hexe beleidigt, als man ihr diese Unterstellungen machte, „Ich schick dich nur kurz zu ihm, dir wird dabei schon nichts passieren. Du nimmst seine Hand und ich bringe euch beide wieder sicher in die gute Stube, klingt das nicht nach einem wundervollen Plan!“
      Stolz auf ihr kleines Unterfangen, legte die junge Frau die Hände aneinander und blickte den Homunculus erwartungsvoll an. Nunja, ansehen war vielleicht nicht das richtige Wort, waren ihre Augen während des gesamten Gesprächs über geschlossen, doch ihr Gesicht wies in die Richtung, in welcher sich Ifrit befand.
      „... ich soll dir da also einfach vertrauen? Einfach so? Weißt du noch das letzte Mal, als....“, kniff er sein einziges Auge misstrauisch zusammen, wurde jedoch unterbrochen, ehe er die peinliche Geschichte erzählen konnte.
      „Ahh~! Sag nichts mehr, sag nichts mehr! Das ist schon so lange her, bist du mir etwa immer noch böse? Jetzt mach doch einfach!“, schmollte die Hexe beleidigt, ehe sie in ihre Hände klatschte und Ifrit mit einem schnellen „Warte-!“ an Ort und Stelle verschwand.
      Noch immer beleidigt verschränkte die Hexe die Arme vor der Brust und gab ein wütendes „Als ob ich das jetzt verhaue... ich bin doch kein Kind mehr...“ von sich.

      Während der Ritter seine Reise fortsetzte, blendete ihn plötzlich ein rosafarbenes Licht, vor dem er seine Augen schloss, wagte er es doch nicht das Kind oder die Klippen wand loszulassen, doch was sich im offenbarte, als er die Augen wieder öffnete, ließ den alten Mann staunen, nein, es wäre wohl passender zu sagen, dass er überrascht war den Mann aus Feuer wieder zu sehen, auch wenn Jeffrey nicht wusste, ob er das Wesen wirklich als Mann bezeichnen konnte.
      „Jetzt glotzt nicht so! Nimm meine Hand, bevor ausgehen oder falle! Diese alte Hexe, heute Abend darf sie sich selber was kochen!!“, beschwerte sich Ifrit, welcher sich beeilen musste, ihm, der direkt über der leeren Klippe aufgetaucht war, blieb nur der Bruchteil eines Momentes, ehe die Schwerkraft einsetzen und ihn zu Boden drücken würde, wenn die mächtigen Winde seine Flammen nicht vorher erstickten, verstand sich.
      Während eine gewöhnliche Person in diesem Moment wohl gezögert hätte, ließ Sir Jeffrey von seinem sicheren Halt ab und ergriff die ihm ausgestreckten Flammen, die kaum noch einer Hand glichen, jedoch aus unerfindlichen Gründen fest und zu ergreifen waren, gerade einmal eine sanfte Wärme wie die eines Menschen von sich gab, das Kind jedoch fest an sich drückend, war er noch immer seine höchste Priorität.
      Zunächst wurden die beiden ein Opfer der Schwerkraft, begannen zu fallen, was den Homunculus in eine Fluch Tirade über die alte Hexe versetzte, Momente die in einer Situation der Gefahr wie eine Ewigkeit erschienen und der alte Ritter schloss seine Augen, als er schon bald festen Boden unter seinen Füßen spürte.
      Zögerlich öffnete er die Augen, musste sich für einen Moment orientieren, war er doch gerade kopfüber von einem Berg gefallen, als er seine alte Freundin erkannte, welche ihm fröhlich mit einem breiten Lächeln auf den Lippen zuwinkte.
      „Jeffrey, mein Lieber, was führt dich an so einem Tag zu uns?!“, gab sie freudig von sich, die Illusion erschaffend, sich einfach nur über den Besuch zu freuen, doch den alten Ritter ließ das Gefühl nicht los, dass die junge Frau vor ihm bereits ahnte, weshalb er hier war, hätte sie ihn doch normalerweise überschwänglich umarmt, wusste sie von dem Kind? Sie ließ es sich zumindest nicht anmerken.
      Es war ein kleiner Schock für den alten Mann seine alte Freundin so zu sehen, wie er es damals zuletzt vor über zehn Jahren getan hatte. Während er zu einem alten, gebrechlichen Ritter geworden war, stand sie hier vor ihm, als wäre sie kein einziges Jahr gealtert, sie war wahrlich die mächtige Hexe, deren Geschichten und Märchen mehrere hunderte Jahre zurückgingen.
      Doch in diesem Moment gab es wichtigeres zu besprechen.
      „Ich muss dich um einen Gefallen bitten.“, wartete er keine weitere Sekunde lang und offenbarte das zitternde Kind in seinen Armen. Der Ritter warf diesem einen sorgenvollen Blick zu, schien sich sein Zustand doch mit jeder Stunde zu verschlechtern und er hat das ungute Gefühl, dass er nicht ganz unschuldig daran war.
      Bevor Sir Jeffrey ein weiteres Wort sagen konnte, wurde ihm das Kind fast schon aus den Händen gerissen und die Hexe kniete sich auf den Boden, stabilisierte das Kind etwas mit ihrem Knie, während sie es mit einem Arm festhielt und die dadurch freigewordene Hand über die Stirn des Jungen legte, welche einen sanften Schimmer von sich gab.
      Für einen Moment konnte der alte Ritter seine Freundin nur mit geöffneten Mund anstarrte, hatte er doch noch nie einen solch ernsten Gesichtsausdruck auf ihren Zügen gesehen.
      „Ein... Rotzbengel?“, spiegelte sich auf dem Gesicht Ifrits etwas, das eine Frage sein könnte, endlich hatte er mit seinen Vorwürfen und seinen Schimpfereien aufgehört.
      „Das ist kein Rotzbengel, es ist kein anderer als Ephraim von Sternenfels, Prinz und nun... einziger Erbe der Königsfamilie.“, schenkte er dem Homunculus einen strengen Blick, welcher zusammengezuckt zu sein schien, mit dieser Reaktion hatte Ifrit doch nicht gerechnet, auch wenn es dem alten Ritter schmerzte die letzten Worte von sich zu geben.
      „Jeffrey... was ist passiert?“, verlangte die Hexe schon fast zu wissen, während sich das Gesicht des Jungen zu beruhigen schien, für diesen Moment konnte sie sein Fieber senken. Aber er schien größere Probleme als das Fieber zu haben, „Ifrit, wechsel sofort die Laken im Gästezimmer und bereite ein Becken mit lauwarmen Wasser vor.“, gab sie ihrem Begleiter Anweisungen, welcher zuerst verwirrt von einer Person zur anderen Blickte, ehe er nickte und sich beeilte die Aufgaben zu erledigen.
      Auf den Tee mussten die beiden älteren nun verzichten, während sie sich an den Küchentisch setzten und Sir Jeffrey begann der Hexe die grausame Geschichte zu erzählen, während sie den Jungen schützend in ihren Armen hielt, als wäre es ihr eigenes Kind.
      In ihrem Gesicht spiegelte sich Schmerz und Mitleid für den Jungen, während sie ihm eine Locke aus dem Gesicht wischte, um den Jungen genauer betrachten zu können. Er war noch so jung und hatte nun seine Familie auf so grausame Art und Weise verloren... das arme Kind.
      „Ich bitte dich, ehrwürdige Hexe!“, stand der alte Ritter mit einem Mal von seinem Platz auf, nachdem er die Erzählung beendet hatte und die junge Frau wandte das Gesicht wieder diesem zu, als er gerade seine müden Knie auf den Boden legte und sich demütig vor der anderen verbeugte, „Nehmt den jungen Prinzen auf, bis er alt genug ist sein Geburtsrecht einzufordern! Die Königsfamilie war schon seit jeher mit einer enormen Menge an magischer Kraft und großem Talent für die magischen Künste geboren worden, ich flehe dich an, lehre ihn mit diesen Fähigkeiten umzugehen! Bitte beschütze ihn, während ich es nicht kann!“
      Der alte Mann klang verzweifelt, während seine Stimme zitterte und seine Stirn den kalten Küchenboden berührte, ein Nein konnte er unter keinen Umständen akzeptieren.
      Gerade holte er Luft und wollte ihr seine Situation noch näher erläutern, dass er zurück musste, dass seine Zwillinge ihn brauchten, dass er jedoch auch den Prinzen nicht zurücklassen konnte, erinnerte ihn dieser doch an seinen eigenen Sohn Zuhause, doch das war nicht nötig, als die Hexe lächelte und den alten Ritter darum bat, sich zu erheben.
      „Du übertreibst etwas mein Lieber, meinst du nicht? Als könne ich ein Kind in Schwierigkeiten einfach im Stich lassen. Hab keine Angst und schone deine alten Knochen, er ist hier sicher bei mir, das Verspreche ich dir, sind wir nicht Freunde?“, lächelte sie aufrichtig und aufmunternd, wobei Sir Jeffrey sich nicht sicher war, wen sie als Kind bezeichnete. So wie ihre Worten klangen, könnte sie genauso gut ihn gemeint haben.
      „Ich dankte dir...“, murmelte er, noch immer auf dem Boden und konnte die Tränen nicht mehr unterdrücken. Auch er hatte einen guten Freund und dessen Familie in der schrecklichen Nacht verloren, die Erschöpfung der Reise holte den alten Mann letztendlich doch ein und die Erleichterung, den Jungen in sicheren Armen zu wissen, tat sein übriges.
      Die Hexe konnte nur verständnisvoll Lächeln, dem alten Mann seinen Moment geben, als Ifrit den Raum betrat und verkündete, er hätte seine Aufgaben gewissenhaft erledigt.
      Die junge Frau nickte, wies Ifrit an Sir Jeffrey vom Boden auf das bequeme Sofa zu helfen und ihm einen beruhigenden Tee zu machen, ehe sie mit dem Kind im Gästezimmer verschwand.
      Das Gesicht, dass durch ihre Hände für einige Momente ruhig und geradezu friedvoll war, zeigte wieder die Angst eines Kindes, er musste von schrecklichen Träumen geplagt werden, nein, von schrecklichen Erinnerungen.
      Die Hexe konnte diesen Anblick nicht ertragen, den gepeinigten Gesichtsausdruck eines so kleinen, jungen Kindes, das in ihren Augen nicht einmal für einen Bruchteil in dieser Welt weilte, er hatte all diesen Schmerz nicht verdient. Ob er überhaupt stark genug war aus diesen Albträumen wieder zu erwachen?
      Die Hexe schluckte schwer, ehe sie sich für etwas entschied, was sie normalerweise unter allen Umständen vermied, wollte sie sich doch nicht in das Leben der gewöhnlichen Menschen einmischen, mit ihren Kräften nicht an Dingen herum pfuschen, auf welche sie eigentlich kein Recht hatte. Möge der Junge ihr verzeihen.
      Sie zeichnete mit dem Finger einen magischen Zirkel, mit einem Pentagramm in dessen Mitte, über der Stirn des Jungen, murmelte einige Worte einer fremden Sprache und konzentrierte sich, um all die schmerzhaften Erinnerungen und jene, die damit zu tun hatten, zu versiegeln, sie von seinem jungen Verstand zu verstecken, mit einem einfachen Siegel, welches sich in einigen Jahren von selbst lösen würde und sie konnte nur hoffen, dass er dann bereit für das sein würde, was diese ihm offenbaren würden.

      Nachdem sie den Schweiß vom Körper des Jungen gewischt hatte und diesen sicher und geborgen in sein neues Bett gewickelt hatte, gesellte sie sich wieder in den Wohnbereich des Hauses, welches von Innen größer war und mehr Räume besaß, als das kleine Häuschen an der Klippe hätte erahnen können.
      Der alte Ritter schien sich beruhigt zu haben, die beiden einigten sich darauf, dass er noch eine Nacht hier verbringen würde, um seine Erschöpfung zu kurieren, ehe die Hexe ihn persönlich zurück in sein Anwesen teleportieren würde, wo er sich um die Zwillinge und die neue Situation des Königreichs kümmern könnte.
      Die junge Frau, die sagenumwobene Hexe, hatte kein Interesse an Angelegenheiten eines Königreichs, für sie kamen und gingen die Reiche und mit ihnen ihre Könige und Herrscher, ob sie nun gute waren oder nicht, für jeden kam die Zeit, seine Herrschaft zu beenden, ob friedvoll oder blutig. Obwohl sie sich vor langer Zeit fest vorgenommen hatte, sich in solche Dinge nicht einzumischen, so grausam sie auch waren, konnte sie sich an diesen Schwur nicht halten, nachdem sie das gepeinigte Gesicht des Jungen gesehen hatte, sie hatte schon immer eine weiche Seite für Kinder gehabt.
      Sie würde auf ihn aufpassen, versuchen ihm eine glückliche Zeit zu bieten, doch die weise Frau fürchtete, dass seine Zukunft nicht so einfach werden würde, wie sie es sich wünschte. Alles, was sie tun konnte, war ihn auf das, was ihn erwarten würde, vorzubereiten.

      ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
      @Dindrane
    • Als die ersten Sonnenstrahlen des Tages ihn an der Nase kitzelten, drehte Ephraim sich erst noch einmal um, und zog sich die Decke leicht über den Kopf. Dieses Bett war einfach zu gemütlich.
      Erst, als die Sonne schon hoch am Himmel stand, erwachte der Junge ein zweites Mal. Das gesamte Gästezimmer war in angenehmes Tageslicht getaucht. Wie lange hatte er geschlafen? Es war bestimmt fast Mittag. Warum hatte ihn niemand geweckt?
      Ihm war fast, als hätte er einen Alptraum gehabt. Ein unangenehmes Gefühl hing noch einen winzigen Moment nach, dann verschwand es. Egal, wie sehr Ephraim sich anstrengte, nicht ein Fetzen von dem Inhalt des Traumes wollte ihm noch einfallen. Schließlich gab der Junge auf. Eigentlich hatte es ja auch wenig Nutzen, sich an etwas derart unerfreuliches auch noch erinnern zu wollen, oder nicht?
      Ephraim setzte sich auf, gähnte leicht und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Neugierig wanderte sein Blick durchs Zimmer. Allerdings gab es nicht viel zu sehen. Es war schlicht eingerichtet. Wie für jemanden, der nur kurz zu Besuch war, und nicht hier wohnte. Ein paar Kerzen hier und da, eine Truhe, in der man seine Kleidung aufbewahren konnte, das Bett natürlich, indem er bis jetzt geschlafen hatte, und ein Nachtschrank. Alle anderen Einrichtungsgegenstände waren noch belangloser, und keiner Erwähnung wert.
      Ephraim schlug die Decke zurück, und stand auf. Als seine nackten Füße den Holzboden berührten, schauderte er leicht. Ziemlich kalt. Kurz überlegte er, ob er sich Socken anziehen sollte. Dann fiel Ephraim ein, dass er keine Ahnung hatte, wo sich seine Klamotten befanden. Die mal ausgenommen, welche er gerade trug.
      Eigentlich war es seltsam. Obwohl der Junge nicht genau wusste, wo er hier überhaupt war, und warum...fühlte es sich irgendwie richtig an. Als ob er hier zu Hause war, und schon sein ganzes Leben hier verbracht hatte. Ephraim wusste, dass es nicht stimmte. Etwas passte nicht ganz zusammen. Doch je mehr er sich darauf konzentrierte, desto mehr schweiften seine Gedanken in alle möglichen anderen Richtungen ab. Wie verhext. Es würde schon alles so seine Richtigkeit haben, befand er schließlich, etwas resigniert, und dachte dann für den Moment nicht weiter darüber nach. Bestimmt gab es hier auch jemanden, den er zu Not auch danach fragen konnte.
      Vorsichtig öffnete Ephraim die Tür, welche aus seinem Zimmer auf den Gang hinausführte. Seine Haare waren ziemlich zerzaust, und vielleicht hätte er sie wenigstens mit den Händen etwas ordnen sollen, bevor er unter Leute trat. Kurz fuhr er sich mit den Fingern durch die Haare, mit eher fragwürdigen Erfolg.
      „Hallo? Ist hier irgendwo Jemand?“, rief er zaghaft. Ephraim schluckte einmal. Warum benahm er sich wie ein kleines Mäuschen, das gerade schüchtern eine neue Behausung erkundete, in welchem auch eine Katze wohnte? Es gab keinen Grund, sich so zu sorgen. Die Hausbewohner waren garantiert nett. Das hatte er im Gefühl. Mit etwas mehr Wagemut beschloss der Junge, einfach nach und nach die Türen zu den unterschiedlichen Zimmern zu öffnen, bis er die Bewohner des Hauses fand. Irgendwo mussten sie ja sein. Nachdem Ephraim ein paar Schritte gegangen war, streckte er seine Hand nach dem ersten Türknauf aus...
    • Auf den Armen einen Stapel Kleidungsstücke balancierend, trat Ifrit die Tür zum Waschraum auf und hätte dabei fast den Jungen auf der anderen Seite erwischt, wäre dieser nicht in letzter Sekunde aus dem Weg gesprungen.
      Ifrit hätte den kleinen Kerl fast übersehen, wenn er seine Anwesenheit nicht gespürt hatte und wandte seinen Blick auf den Jungen, musterte ihn für einen Augenblick, ehe er wieder aufsah und durch das Haus rief.
      „Oiii~! Der Knirps ist aufgewacht! Hat aber auch lang genug gedauert, welcher Faulpelz schläft denn so lange?“, murmelte er den letzten Satz zu sich selbst und schnaubte, ehe er seinen Weg fortsetzte, den Jungen ignorierend, um die Hausarbeit zu erledigen.

      „Oyah... er ist wach?“, tauchte jedoch so bald, wie der feurige Riese verschwunden war, die mysteriöse junge Frau auf und lächelte den kleinen Jungen an und setzte sich vor diesem mit einem freundlichen Lächeln in die Hocke.
      Einen Moment schien sie ihn mit geschlossenen Augen zu mustern, stellte fest, dass ihm nichts zu fehlen schien, der Zauber keinerlei Nebenwirkungen oder unvorhergesehene Ereignisse mit sich brachte – es war fast schon wie eine Wette zu sehen, was geschah wenn man mit dem menschlichen Gehirn herum experimentierte – und legte dem jungen Prinzen die Hand auf den Kopf, in dem Versuch das dort entstandene Chaos zu zähmen.
      „Wie geht es dir, Ephraim? Hast du gut in deinem neuen Bett geschlafen?“, erkundigte sie sich lächelnd.
    • Als er den Fremden für einen kurzen Augenblick näher musterte, wäre Ephraim fast noch einen Schritt zurück gewichen. Obwohl dieser Mann (wenn es überhaupt ein Mann war) redete wie ein ganz normaler Mensch, nur vielleicht etwas ungehobelter als der Prinz es gewohnt war, sah er aus wie ein...Ungeheuer. Anders konnte man es nicht beschreiben. Obwohl Ephraim ihm es wohl niemals direkt gesagt hatte.
      Kurz wusste er nicht, ob er Angst haben sollte oder nicht. Allein der Anblick von Ifrits Flammen ließ sein Herz schneller schlagen. Und der Rest war auch nicht viel besser. Doch so richtig schien der Andere sich eh nicht für den Prinzen zu interessieren, denn gleich nachdem er ihn kurz gemustert hatte, zog er weiter, ohne Ephraim auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.
      Gleich als Faulpelz bezeichnet zu werden, von jemanden, den er nicht einmal kannte...Der Prinz verzog leicht das Gesicht. Ganz egal, ob übernatürliches Wesen oder nicht: so etwas war tierisch unhöflich.
      „Wenn du nicht gewollt hättest, dass ich so lange schlafe, hättest du mich ja auch wach machen können!“, rief Ephraim ihm hinter her, als er seinen ganzen Mut zusammen genommen hatte. Aber wahrscheinlich viel zu spät, als dass der Andere das noch hören konnte. War vielleicht auch besser so...

      Da war Ephraim die Frau, die als nächstes auftauchte deutlich lieber.
      Sie hatte etwas zutiefst freundliches an sich. Ephraim konnte einfach nicht anders, als der Hexe sofort zu vertrauen. Außerdem kannte sie seinen Namen, auch wenn er ihren nicht kannte. Deswegen zuckte er auch nicht zurück, als sie ihm ihre Hand auf den Kopf legte. Obwohl er es schon etwas seltsam fand. Denn der Prinz war sich doch ziemlich sicher, dass er diese Frau noch nie gesehen hatte.
      „Ja, ich habe sehr gut geschlafen. Danke.“, sagte er ein wenig schüchtern, und musterte sie ebenfalls. Ob es unhöflich war, seine Gastgeberin nach ihren Augen zu fragen, und danach, ob sie blind war? Ephraim war eigentlich zu neugierig, um das nicht zu tun. Aber so gleich ihr Gespräch zu beginnen, würde sie vielleicht verärgern. Stattdessen deutete er wage in die Richtung, in welche der Ifrit verschwunden war. „Entschuldigen sie, aber...was ist das für ein Wesen gewesen? Das, was dich gerufen hat.“
    • Das Lächeln der Hexe wurde noch ein Stückchen breiter, nachdem sie sich sicher sein konnte, dass es dem Jungen gut ging, außerdem war seine schüchterne Art so niedlich, dass sie nicht anders konnte, als zu lächeln.
      Sie war froh, dass er ihr gegenüber nicht misstrauisch oder gar ängstlich war.
      Mit einem fragenden Gesichtsausdruck folgte die Hexe mit dem Gesicht dem ausgestreckten Finger des Jungen, ehe sie realisierte, dass er Ifrit meinen musste.
      „Ah, das? Das war nur Ifrit, mein Vertrauter. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben, auch wenn er keine Manieren hat.“, kicherte sie bei ihrer letzten Aussage leicht, als wäre es ein lustiger Witz gewesen, ehe sie sich wieder an den kleinen Prinzen wandte.
      „Ephraim… weißt du, wieso du hier bist?“, erkundigte sie sich und spielte dabei die Rolle der Lehrmeisterin, als hätte man ihm die Situation bereits erklärt haben müssen, sie sich aber nicht sicher war, was man dem Jungen erzählt hatte, obwohl sie wusste, dass er unmöglich wissen konnte, wieso er hier war oder wer die Hexe war.
    • „Dein Vertrauter? Bist du dann so etwas wie eine Hexe?“, fragte Ephraim neugierig.
      Natürlich konnten auch eine Vielzahl von anderen Wesen und normale Menschen einen Vertrauten haben. Aber im allgemeinen Volksglauben verband man es am ehesten mit Leuten, die eine große magische Begabung besaßen. Vertraute konnten alles mögliche sein, Tiere, aber auch die verschiedensten Wesen. Nicht einmal die schlausten Gelehrten konnten alle aufzählen, so viele Möglichkeiten gab es.
      So etwas wie Ifrit hatte der Junge noch nie gesehen. Sie muss sehr viel Magisches Talent besitzen, wenn sie so einen Vertrauten hatte, dachte Ephraim, und sah die junge Frau nun fast ehrfürchtig an.
      Bei dem mangelnden Manieren, die Ifrit an den Tag gelegt hatte, wäre dem Prinzen eine Katze stattdessen jedoch deutlich lieber gewesen. Aber diesen Gedanken sprach Ephraim nicht laut aus. Stattdessen dachte er über ihre Frage nach.
      Wieso fiel es ihm so schwer, auf die Antwort zu kommen? Er war eindeutig hier zu Besuch, und meinte sich dunkel daran zu erinnern, hier angekommen zu sein, auch wenn die Einzelheiten sich schwer fassen ließen. Es war ziemlich eindeutig, dass er in keinerlei Gefahr schwebte.
      „Du bist...eine Freundin meiner Familie. Und meine Eltern haben mich hergeschickt. Weil... du mir etwas beibringen sollst.“, riet Ephraim einfach ins Blaue hinein, doch als er die Worte ausgesprochen hatte, klangen sie so richtig, dass er sich wunderte, wie ihm das nicht gleich hatte einfallen können. Vielleicht war er einfach noch nicht ordentlich wach.
      „Aber...ich glaub', ich hab vergessen, was genau.“, fügte der Prinz entschuldigend hinzu. Wahrscheinlich hatte er seinen Eltern einfach nicht richtig zugehört, als sie es erzählt hatten. Es gab immer so viele Pläne für ihn, und so viele Dinge, die er noch lernen musste. Schließlich war er ein Prinz. Dauernd besuchten ihn irgendwelche Hauslehrer, und so manches Mal hatten seine Eltern ihn mitgenommen, wenn es um Regierungsgeschäfte ging, um wichtige Personen kennen zulernen.
      „Vielleicht Magie? Oder, wie ich auch so einen Vertrauten bekomme?"
    • „So etwas wie? Ich bin eine Hexe, mein Kleiner.“, lächelte die Hexe belustigt und stupste dabei mit dem Finger gegen die Nase des kleinen Prinzen, amüsiert von der Neugier in den strahlenden Augen des Kindes. Bei dem Gedanken, diese Augen könnten sich durch seine versiegelten Erinnerungen verdunkeln, spürte sie einen Stich im Herzen, welchen sie auf ihren Gesichtszügen jedoch nicht zeigte, dort trug sie weiterhin ein freundliches Lächeln auf den Lippen.
      Geduldig wartete die junge Frau auf eine Antwort auf ihre Frage, beobachtete das gedankenverlorene Gesicht des jungen Prinzen und lächelte zufrieden bei den Antworten, die er ihr schenkte. Auch wenn sie sich schuldig fühlte, wenn es ihr nicht gefiel mit den Erinnerungen eines Menschen zu spielen, redete sie sich ein, dass sie keine andere Wahl gehabt hätte, auch wenn sie es eigentlich besser wusste, als sich in das Leben der Gewöhnlichen einzumischen.
      „Oh, du möchtest einen Vertrauten haben? Das lässt sich natürlich einrichten, aber zuerst wirst du lernen müssen, deine Fähigkeiten überhaupt nutzen und kontrollieren zu können. Du liegst ganz richtig Ephraim, ich bin deine Lehrmeisterin für Magie, du wirst hier für einige Jahre mit mir und meinem Vertrauten leben und lernen mit deinen Begabungen umzugehen. Ich hab gehört deine Familie soll ein Talent für die Magie haben? Dann bin ich aber gespannt zu sehen, wie du dich so machen wirst.“, mit diesen Worten erhob sie sich letztendlich aus ihrer Hocke, glättete ihren Rocken wieder mit den Händen zurecht, ehe sie sich wieder an den Jungen wandte.
      „Aber wieso isst du nicht erst einmal was? Die Reise hierher muss dich unglaublich erschöpft haben, du hast mehrere Tage durchgeschlafen, du musst doch Hunger haben. Hmmm...“, legte sie in Gedanken den Zeigefinger auf ihre Lippen, während sie über etwas zu grübeln schien, „Vielleicht ist es besser, wenn du dich für den Rest des Tages hier eingewöhnst, morgen können wir dann mit deiner ersten Lehrstunde beginnen, was meinst du, wäre das in Ordnung für dich, kleine Prinz?“
    • Anscheinend hatte er alles richtig gemacht, denn keine seiner Antworten schien bei der Hexe auf Unverständnis zu stoßen. Erleichtert atmete Ephraim auf. Schließlich konnte er ja nicht wissen, dass es gar kein Wunder war, dass er sich nicht richtig erinnern konnte.
      Als sie ihm gegen die Nase tippte, lachte er. Obwohl die elegante junge Frau eine Hexe und, noch bedeutsamer, erwachsen war, benahm sie sich ganz anders als die strengen Hauslehrer, die Ephraim sonst gewohnt war.
      Ihm fiel ein, dass er sie noch gar nicht nach ihrem Namen gefragt hatte.
      „Entschuldige, ich habe deinen Namen vergessen. Kannst du ihn mir noch einmal verraten? Ein Vertrauter wäre toll! Am besten eine Katze... oder vielleicht ein Panther, der sprechen kann.“ Obwohl es in ihrem Land keine Panther gab, kannte der Junge diese aus Erzählungen. Die waren fast wie Katzen, nur größer und immer schwarz. Und da Vertraute eh etwas magisches an sich hatten, wer sagte da, dass nicht auch so ein wundersames Tier einer sein konnte? Die Stelle, bei der die Hexe ihm sagte, dass er dafür noch einiges lernen musste, überhörte Ephraim gekonnt.
      „Oh ja, meine Brüder und auch meine Schwester sind richtig gut darin. Aber sie interessieren sich nicht so für so etwas. Ich aber schon.“
      Ephraim zuckte leicht mit den Schultern. Schließlich war Magie etwas ganz alltägliches. Auch wenn man ein Talent dafür hatte, es war auch nichts viel anders als ein Talent zum fechten, oder stricken, und Prinzen und Prinzessinnen mussten alles mögliche können.
      Keines seiner Geschwister hatte sich dafür entschieden, seine Magie über die Grundlagen heraus weiter zu vertiefen. Doch die Grundkenntnisse beherrschten sie alle. Auch Ephraim hatte sich schon an dem ein oder anderen kleinen Zauberkunststück versucht. Doch die meisten Dinge waren zu gefährlich, als dass ein kleiner Junge sie allein lernen konnte.
      „Mehrere Tage?“, für einen Augenblick war Ephraim etwas schockiert. Wie hatte er so lange schlafen können? So etwas war ihm noch nie passiert, und er schämte sich ein wenig vor seiner Gastgeberin. Die Reise musste wohl ziemlich anstrengend gewesen sein. Bei der Aussicht, erst am nächsten Tag mit dem Lernen zu beginnen, war dem Prinzen seine Enttäuschung leicht anzumerken. Zauberei war schließlich etwas anderes als Mathematik. So etwas zu lernen war mit Sicherheit ein Riesenspaß. „Zeigst du mir dann wenigstens deine Zauberbücher? Nachdem ich gegessen habe, meine ich.“
      Erst jetzt bemerkte der kleine Junge, wie hungrig er war.
    • Ach, wie niedlich der kleine Junge doch war, dachte sich die Hexe und freute sich schon auf die gemeinsame Zeit mit dem Prinzen, wann sie wohl das letzte Mal mit einem Kind geredet hatte? Sie wusste, wie unglaublich schnell Kinder aufwuchsen, es würde nicht lange für sie dauern, bis er erwachsen sein würde, aber die Hexe interessierte sich dafür, Ephraim beim aufwachsen zuzusehen, anstatt ihn beim nächsten Treffen bereits als erwachsenen Mann zu sehen, wie es normalerweise der Fall mit ihren Bekanntschaften war, schon lange hatte sie ein Gefühl für Zeit verloren.
      „Hmmm... ein Name?“, überlegte die junge Frau mit dem Zeigefinger auf der Wange angestrengt, wann war das letzte Mal, dass sie einen Namen hatte, und nicht nur einen Titel? Fast hätte sie sich ihm bereits als Hexe vorgestellt, aber würde das dem Jungen nicht eigenartig vorkommen?
      Die Tatsache, dass es schon eigenartig genug war, dass sie über ihren Namen nachdenken musste, bemerkte sie dabei kaum.
      „Sahira.“, lächelte sie letztendlich, nachdem sie mit ihren Überlegungen fertig war und einen Entschluss gefasst hatte, „Nenn mich Sahira, Ephraim.“
      Es war schon ein eigenartiges Gefühl wieder einen Namen zu haben.
      „Eine Katze, so, so... oh, ein Panther sogar? Das klingt doch wundervoll. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was für einen Vertrauten du dir machen wirst.“, lächelte sie den Jungen aufmunternd an, sie war sich sicher, dass er sich einen Panther zum Vertrauten machen können würde. Welcher Panther würde nicht der Vertraute eines so entzückenden Jungens werden wollen, wie Ephraim es war?
      „Oh, du interessierst dich für Magie? Das freut mich, dann dürfte es ein leichtes sein, dir etwas beizubringen.“, gab sie begeistert von sich und klopfte dabei fröhlich in ihre Hände, ehe sie vorsichtig nickte, um Ephraim zu bestätigen, dass er ein paar Tage geschlafen hatte.
      Hätte sie das vielleicht lieber nicht sagen sollen? Aber es erschien ihr besser, ihn nicht anzulügen. Ein aufgeweckter Junge wie er würde dies doch früher oder später herausfinden und sie brauchte das Vertrauen des Prinzen, um ihn beschützen zu können.
      Ihr Lächelnd wurde etwas schief und entschuldigend, als die Hexe, die sich nun Sahira nannte, die Enttäuschung in Ephraims Gesicht sah. Dabei wollte sie damit eigentlich nur Rücksicht auf den jungen Prinzen nehmen, welcher sich nun in einer vollkommen fremden Umgebung befand, hatte sie ihn falsch eingeschätzt und Kindern machte so etwas überhaupt nichts aus?
      „Natürlich, ich kann dir mein Arbeitszimmer zeigen, wenn du möchtest, aber du musst mir versprechen, nichts unerlaubt anzufassen, okay?“, wollte sie ihm das Versprechen abnehmen, ehe sie die Hand des Jungen nahm, um mit ihm in die Küche zu gehen, wo sie ihm die Reste vom Mittagessen aufwärmen würde.
    • „In Ordnung. Dann Sahira.“
      Für Ephraim war es momentan noch ein interessanter Ausflug. Der Junge dachte, dass er vielleicht eine Woche bleiben würde, höchstens einen Monat. Bis die Hexe ihm ein wenig Magie beigebracht hatte. Schließlich hatte er ja ein Talent dafür. Und danach würde der Prinz wieder nachhause zurückkehren, zum Schloss und zu seiner geliebten Familie. Seine Neugierde überwog, und die Implikationen seines Aufenthalts verstand er noch nicht. Bis jetzt hatte Ephraim noch nicht genug Zeit bei der Hexe verbracht, um Heimweh zu empfinden.
      Außerdem war er durch seinen Stand als Prinz vielleicht auch ein wenig verzogen worden. Der Junge ging oft von der Grundannahme aus, dass sich ja alle irgendwie um ihn sorgen musste. Und er jederzeit mit etwas aufhören konnte, wenn er keine Lust mehr hatte. Obwohl Ephraim sich trotzdem meist höflich benahm.
      „Keine Angst, ich bin nun auch kein ganz kleines Kind mehr. Natürlich werde ich nichts anfassen. Ehrenwort.“, versicherte er Sahira, und klang schon ein bisschen beleidigt, als sie ihn an der Hand nahm. Schließlich wusste doch fast jeder, dass man magische Artefakte nicht einfach berühren durfte. So etwas konnte schwerwiegende Folgen haben. Vor allem, wenn man wie Ephraim nicht wusste, wozu genau sie gedacht waren. Deswegen hatte auch sein Vater all seine wertvollen magischen Gegenstände immer hinter geschlossenen Türen aufbewahrt.
      Nur ganz selten hatte er dem jüngsten Prinzen einen davon gezeigt. Und immer nur unter Einhaltung von strengen Sicherheitsmaßnahmen. Gerade deswegen war Ephraim so neugierig, wie wohl das Arbeitszimmer einer echten Hexe aussah.
      „Muss Ifrit eigentlich auch menschliches Essen essen?“, meinte der Prinz, während sie zur Küche gingen. Das Haus der Hexe schien so viele Zimmer zu haben. Von außen musste es riesig aussehen. „Oder überhaupt etwas? Und wie lange bleibe ich dein Lehrling, bis ich einen eigenen Vertrauten haben kann?“
    • Sahira lächelte nur freundlich, als Ephraim ihr versicherte, dass er kein ganz kleines Kind mehr war, denn in ihren Augen hätte er genauso gut ein Säugling sein können und sie verstand nicht viel von Kindern. Weder was sie wollten, noch was sie brauchten, aber sie war zuversichtlich und sich sicher, dass sie mit der Zeit lernen würde, was es bedeutete sich um ein Kind zu kümmern.
      Worin sie sich aber sicher war, war, dass Kinder unwissend und unglaublich zerbrechlich waren.
      „Du bist aber ein wirklich neugieriger Junge.“, lächelte die Hexe stolz über all die Fragen, die er ihr bereits in dieser kurzen Zeit gestellt hatte, „Wenn du möchtest, zeige ich dir, was Ifrit als Nahrung dient. Was die Angelegenheit mit dem Vertrauten angeht, hängt das ganz von dir ab, wie schnell du Fortschritten machst. Eine Katze sollte dabei überhaupt gar kein Problem sein, auch wenn diese kleinen Wesen etwas stolz sind, aber bei einem Panther solltest du vorher den ein oder anderen Verteidigungszauber lernen, sie sind noch um einiges stolzer als ihre kleinen Vettern und ihre Krallen umso gefährlicher. Es gibt jedoch keinen Grund zur Eile, Ephraim.“, erklärte sie diesem, nachdem sie dem Jungen bedeutet hatte sich an den Küchentisch zu setzten und sie selber begann in einem Topf zu rühren, dessen Inhalt sich alleine durch diese Bewegung aufzuheizen schien.
      Sie stellte dem Prinzen eine Schüssel mit dem Eintopf vor die Nase, ehe sie sich beugte um etwas aus der Feuerstelle, welche ihnen zum kochen diente, herauszuholen und es dem Jungen vorzuhalten.
      „Ifrits Essen.“, lächelte sie amüsiert, als sie ihm den Klumpen Kohle zeigte.
    • Diese Geschichten über Panther und Katzen mochte er.
      „Doch, natürlich gibt es einen Grund zur Eile.“, widersprach Ephraim der Hexe, bevor er sich zurückhalten konnte. Bis jetzt gefiel es ihm hier zwar schon, denn es gab viel interessantes zu sehen. Aber für immer konnte er sicher nicht hier bleiben. „Was ist, wenn meine Eltern sich Sorgen machen? Irgendwann muss ich doch auch wieder nachhause zurück. Und was ist, wenn es bis dahin noch nicht beherrscht habe? Dann werde ich vielleicht nie einen Vertrauten bekommen.“
      Auch wenn sich das ein wenig nach Jammern anhörte. Aber es stimmte. Bis auf ein paar winzige Übertreibungen vielleicht. Spezialisierte Hexer und Hexen waren eher selten. Es würde schließlich seine Gründe haben, warum seine Eltern ihn hierher geschickt hatten, und nicht Jemanden zum Hof hatten kommen lassen.
      Außerdem waren viele von den echten Hexern die der Prinz kannte irgendwie...unangenehm. Sofian zum Beispiel sah immer aus, als würde ihm etwas schrecklich missfallen, und allein bei dem Gedanken daran, von ihm Zauberunterricht zu bekommen schauderte es den Jungen.
      Als ihm der Geruch des warmen Essens in die Nase stieg, vergaß er diese Sorgen jedoch fast wieder.
      Während Ephraim aß, betrachtete er kurz neugierig Ifrits 'Essen'. Aber es war wirklich nur ein ganz normales Stück Kohle. „Nur so etwas? Kein Wunder, dass er so schlechte Laune hat. Das stelle ich mir schrecklich eintönig vor. Geht er aus, wenn er nicht genügend zu essen bekommt?“
    • Für einen Moment hielt die Hexe in ihrer Bewegung, stoppte das Rühren des Topf Inhaltes, als sie diese Worte aus dem Mund des jungen, elternlosen Prinzen hörte. Könnte der Junge in diesem Moment ihr Gesicht sehen, welches für einen Moment ihre lächelnde Maske verlor und einen erschrockenen Ausdruck zeigte, würde er sicherlich unangenehme Fragen stellen, doch war sie während ihrer Tätigkeit mit dem Rücken zu ihm gewandt.
      Recht schnell fasste sie sich wieder und setzte ihre Tätigkeit fort, während sie überlegte ob sie diese Worte wirklich kommentarlos stehen lassen konnte, was sollte sie ihm denn sagen? Seine Eltern waren tot, wenn der Junge wollte, könnte er auch für immer hier bleiben, der Hexe würde es nichts ausmachen, aber der Prinz ohne Königreich wusste es nicht. Natürlich wusste er es nicht und es wäre Sahira auch lieber, wenn er es nie erfahren würde, aber so eigensinnig, egoistisch durfte sie nicht sein. Es war das Leben des Jungen, er war der einzige der den Weg, welchen er gehen würde, wählen konnte. Mit dem versiegeln seiner Erinnerungen gab sie ihm nur die Zeit, die er brauchte, um zu lernen damit umzugehen, aber ob das reichen würde? Nicht einmal die weise Hexe wusste eine Antwort darauf.
      Sahira fragte sich, wie lange es dauern würde, bis der Junge verlangen würde seine Eltern zu sehen, bis er fragen stellen würde, warum diese sich nicht nach ihm zu erkundigen schien, sollte sie sich weitere Lügen ausdenken, um den Prinzen zu schützen? Der Gedanke gefiel ihr nicht, sie würde sich damit nur noch mehr in sein Leben einmischen, außerdem gefiel es der Hexe nicht zu Lügen. Ihm die wahre Situation zu verschweigen, war schon schwer genug für sie, aber sie hatte keine Wahl, wie sie sich immer wieder einredete.
      Für diesen Moment beschloss sie die Worte in der Luft stehen zu lassen, ihm nur ein nichtssagendes Lächeln zu schenken, das er auf viele Arten und Weisen interpretieren können würde.

      „Hm? Jetzt wo du es sagst, so habe ich das noch nie zuvor gesehen.“, gab die Hexe interessiert an den Worten des Jungen von sich, „Ob ich ihm wohl hin und wieder Holzkohle untermischen sollte...? Vielleicht wird er dann ja netter?“
      „Niemand mischt an meinem Essen herum.“, tönte die schlecht gelaunte Stimme des Homunculus durch die Küche und seinen Worten nach zu urteilen hatte er das Gespräch zumindest zum Teil mitgehört.
      „Das hättest wohl gerne Kleiner, was? Das ich einfach ausgehe? Wenn ich keine Kohle mehr habe esse ich einfach das Haus oder im Notfall sogar dich, egal, solange es brennt.“, gab Ifrit von sich, nachdem er sich auf einen Stuhl gesetzt hatte, elegant die langen Beinen übereinander geschlagen hatte und streckte seine Arme mit einem Schulterzucken zur Seite, als würde er damit sagen wollen, dass er es sich überlegen würde, ob er den Jungen einfach essen sollte.
      „Ifrit! Sowas kannst du doch nicht zu einem kleinen Jungen sagen! Dieser Scherz geht eindeutig zu weit, entschuldige dich!“, gab Sahira beleidigt von sich, was dachte sich ihr Vertrauter nur dabei?! Er wusste doch genauso gut über seine Situation Bescheid wie sie, konnte er nicht etwas Nachsicht mit dem Jungen walten lassen?!
      „... Ha~ch? Wer hat hier denn bitteschön gerade darüber geredet mir Holzkohle rein mischen zu wollen? Halt dieses billige Zeug bloß weg von mir. Wäre es dir vielleicht lieber wenn ich stattdessen deine Zauberbücher vertilge?“, zeigte Ifrit keinerlei Reue und schien gar nicht erst daran zu denken, sich zu entschuldigen.
      Im nächsten Moment legte er seinen Arm auf den Holztisch und beugte sich zu dem Jugen rüber, musterte ihn zum ersten Mal richtig.
      „Außerdem, wenn dieser Knirps Angst vor mir hat, hat er im Haus einer Hexe sowieso nichts verloren. Es gibt doch genug Quacksalber da draußen, die ihn unter seine Fittiche nehmen würden.“
    • Als Ifrit so plötzlich herein kam, wäre Ephram fast zusammengezuckt.
      Eigentlich hatte er besonders den Teil mit dem netter sein nicht hören sollen. Das war richtig peinlich. Hätte der Prinz gewusst, dass er sie belauschte, hätte er es bestimmt höflicher ausgedrückt.
      Trotzdem, kein Grund, so sauer zu werden. Ephraim war es überhaupt nicht gewöhnt, dass jemand mit ihm so redete. Zwar hatten sich die Geschwister untereinander manchmal geneckt, aber Ephraim war immer das Nesthäkchen gewesen. Außerdem hatten Ifrits Worte eindeutig keinen freundlichen Unterton.Ganz im Gegenteil.
      Kurz wusste Ephraim nicht, ob er Angst haben oder eher beleidigt sein sollte.
      „Es war nur eine Frage...ich habe nie gesagt, dass ich will, dass du ausgehst.“, stammelte er schließlich nur, und war für einen Moment mit der Situation etwas überfordert. Er legte seinen Löffel zur Seite. Zwar mischte sich die Hexe ein, aber Ifrit hörte trotzdem nicht auf zu reden. Unsicher sah der Prinz erst zu ihr, dann wieder zu dem Wesen, welches ihm gegenüber saß.
      Es wäre gelogen gewesen, dass der Prinz gar nicht von Ifrit eingeschüchert war. Natürlich hatte er Angst vor ihm, denn er war ein magisches Wesen. Das ihm sogar gedroht hatte, ihn ihm Notfall zu fressen. Welchem Kind würde das keine Angst machen?
      Doch gleichzeitig war Ephraim sich sehr sicher, dass die Hexe das in jedem Fall verhindern würde. Sie war so etwas wie seine Beschützerin. Egal, was für große Töne Ifrit spuckte, sicher konnte sie ihn im Notfall auch in seine Schranken weisen.
      „Ich hab gar keine Angst vor dir! Denn du kannst mich sowieso nicht fressen, Sahira würde mich beschützen. Du sagst das nur so. Weil du...“, fing Ephraim an, und erwiderte Ifrits Blick tapfer. Obwohl ihm anzusehen war, dass er doch Angst hatte. Wenn auch nur ein winziges bisschen. „Weil du dich nur aufspielen willst.“
    • „Sahira?“, starrte er Ifrit den Jungen für einen Moment fragend an, ehe er eins und eins zusammenzählte und seinen Blick an die Hexe wandte. So war das also? Die alte Hexe hatte also beschlossen, sich für den Jungen einen Namen zu geben? Ifrit verstand nicht wieso, in seinen Augen war es nur eine nervige, überflüssige Angelegenheit und er hoffte sie würde nicht von ihm erwarte, dass er sich an den neuen Namen nicht nur gewöhnte, sondern ihn auch nutze, für ihn wird sie immer einfach Hexe bleiben. Sobald der Prinz erwachsen war, würde Ifrit den Namen sowieso nie wieder hören. Es sei denn natürlich der Junge beschloss das Haus der beiden Verrückten vorher zu verlassen. Das Feuerwesen hatte nicht vor sich an den Prinzen anzupassen, nur, weil er ein Kind war.
      Dann richtete er seinen Blick wieder an den Jungen, begegnete seinem tapferen Blick, er schien sich wirklich Mühe zu geben seine Angst nicht zu zeigen, jedes andere Kind wäre schon längst in Tränen ausgebrochen.
      „Mich aufspielen?“, gab der Mann mit der Maske mit einem drohenden Unterton von sich und beugte sich über den Tisch, noch nähere an Ephraim heran.
      „Ich spiele mich nicht auf, ich teste dich nur, Kleiner. Glaubst du wirklich ich würde einen Fremden wie dich einfach als Sahiras“, betonte er den neuen Namen besonders, als würde es ihn amüsieren, „Lehrling akzeptieren? Glaub mir, viele würden töten, um von ihr Unterrichtet zu werden, wieso glaubst du also…“
      „Jetzt reichts!“, mischte sich die beleidigte Stimme der Hexe in das einseitige Gespräch ein, ehe sie eine kleine Tasse nahm und begann diese am Hahn mit Wasser zu füllen.
      Breitbeinig, mit einer Hand auf der Hüfte, stellte sie sich dann mit dem Behälter neben Ifrit, als würde sie eine Waffe in der Hand halten und die Maske des Mannes hatte tatsächlich einen ängstlichen Ausdruck angenommen.
      „Hey… was hast du damit… du weißt schon… vor?“, sprach dieser zögerlich, wies mit der Hand aus Feuer auf die Tasse und lehnte sich in seinem Stuhl etwas zurück, als wolle er den Abstand vergrößern, nachdem er sich von dem Jungen abgewandt und nun mit der Vorderseite seines Körpers der Hexe zugewandt saß.
      „Ifrit!“, zuckte er bei der Wut in der Stimme der Hexe sichtlich zusammen, „Deine Späße gehen mal wieder deutlich zu weit, viel zu weit! Wenn du meinen niedlichen Ephraim nicht in Ruhe lässt, kipp ich dir das Wasser über, verstanden?!“, schnaubte sie wütend, als wäre ihre Geduld letztendlich am Ende angelangt und das Feuerwesen lächelte nervös.
      „Schon… schon gut, ich lass ihn ja in Ruhe, also… könntest du das da… weg stellen? Bitte?“, wurde sein Ton plötzlich um einiges freundlicher und die Hexe lächelte darüber, ehe sie zu dem Jungen ging und die Tasse mit Wasser neben seine Schüssel stellte.
      „Du musst vor ihm wirklich keine Angst haben, Ifrit isst keine Menschen, so etwas würde ich niemals zulassen. Der Kerl hat einfach nur einen miesen Charakter und liebt es andere zu ärgern.“, erklärte Sahira Ephraim und seufzte, „Woher er das nur hat?“
      Die Hexe setzte sich neben den Jungen und hoffte, dass Ifrit ihm nicht zu viel Angst gemacht hatte. Er war wirklich niemand, der mit Kindern umgehen wusste.
      „Iss doch erstmal auf und dann zeig ich dir mein Arbeitszimmer, okay? Da wirst du auch deine Ruhe vor diesem Monster haben.“, lächelte sie freundlich und konnte sich nicht zurückhalten, über den Kopf des Jungen zu streichen.
      „Wenn du nennst hier Monster?!“, beschwerte sich Ifrit und wütender Rauch stieg über seinen Kopf.
      „Hmm~? Was meinst du~? Eine Person, die droht ein Kind zu fressen ist ein Monster, meinst du nicht?“, gab Sahira unschuldig von sich.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cailemia ()

    • Der Prinz hatte keinen Schimmer, warum Ifrit ihn für einen Moment so ansah, als hätte er ihm ein Rätsel aufgegeben. Sahira. Das war doch der Name, den die Hexe ihm genannt hatte, oder nicht? Hätte sein Gegenüber sich nicht schnell wieder gefangen und nichts weiteres dazu gesagt, hätte Ephraim fast geglaubt, dass er sich vertan hatte.
      Als sich Ifrit sich noch weiter vorbeugte, lehnte der Prinz sich etwas nach hinten. So nah wollte er diesem feurigen Monster wirklich nicht kommen. Denn so, wie Ifrit sich verhielt, kam er ihm wirklich wie eines vor. Man konnte sich gut vorstellen, dass so etwas auch in Alpträumen auftauchte.
      „Ich wusste nicht, dass der Vertraute einer Hexe ihr erst erlauben muss, jemanden zu unterrichten...“, murmelte Ephraim, und kam sich sehr mutig dabei vor, dass er sich überhaupt traute etwas zu sagen. Obwohl der Junge so sehr flüsterte, dass man wohl kaum ein klares Wort verstand. Innerlich hoffte Ephraim einfach nur, dass Ifrit sich wie durch ein Wunder doch noch entscheiden würde, ihn in Ruhe zu lassen.
      Als die Hexe dann eingriff, atmete der Prinz merklich auf.
      Wasser? So einfach war das also? Ephraim konnte nicht glauben, dass sich ein so mächtig wirkendes Wesen wie Ifrit so leicht aus der Fassung bringen ließ. Bestimmt steckte noch mehr dahinter. Ein unsichtbarer Zauber oder so etwas. Egal, was es war, Ifrit schien nun friedlicher eingestellt. Nur, ob das auch so bleiben würde? Der Prinz beschloss, diesem Kerl aus dem Weg zu gehen. Ganz allein wollte er ihm mit Sicherheit niemals gegenüberstehen...
      Die Berührung der Hexe beruhigte den Prinzen etwas. Obwohl Ephraim nicht geweint hatte, wischte er sich mit dem Ärmel seines Hemdes kurz über die Augen. Nur, um ganz sicher zu gehen. Ohne lange zu überlegen, beugte er sich leicht zu Sahira herüber und umarmte sie. „Dankeschön.“
      In die Diskussion, ob Ifrit ein Monster war oder nicht, wollte Ephraim sich wirklich nicht einmischen. Schon jetzt nahm er an, dass der Andere ihn überhaupt nicht leiden konnte. Das musste man nicht auch noch herausfordern.
      Stattdessen nahm Ephraim den Vorschlag der Hexe an, und beeilte sich, aufzuessen. Das Arbeitszimmer hatte er schon vorher gern sehen wollen, und auch Ruhe vor Ifrit zu haben schien ihm ziemlich reizvoll. „Kannst du mir dann auch einen Zaubertrick zeigen? Es muss auch nichts großes sein...“
    • Ifrit war viel zu beschäftigt, als die Worte des Jungen zu hören, die nicht mehr als ein Flüstern im Wind waren, aber er hatte in diesem Moment sowieso ganz andere Sorgen, den in den Augen der Hexe hatte er es offensichtlich übertrieben, und das ging normalerweise nie gut aus.

      „Hm? Aber natürlich, ich zeige dir so viele Tricks wie du nur möchtest. Wieso fangen wir nicht damit uns um deine Frisur zu kümmern?“, lächelte die Hexe freundlich und richtete ihren Zeigefinger auf die Haare des jungen Prinzen, welche mit Hilfe eines einfachen Windzaubers geglättet und in Ordnung gebracht wurden. Dabei entging es der junge Frau zuerst, dass der Junge wohl abgesehen von einem leichten Windzug nichts von dem Zauber mitbekommen würde, geschweige denn sehen.
      „Ara... ich fürchte dass du das nicht sehen konntest.“, meinte sie schon fast enttäuscht und legte bekümmert die Wange gegen ihre Handfläche, überlegte kurz, was sie ihm stattdessen zeigen könnte, ehe sie beschloss sich auf dem Weg in ihr Arbeitszimmer etwas zu überlegen, wo es so vieles gab, dass sie ihm zeigen könnte.
      Manakristalle, Kristallkugel und alte Artefakte, sprechende Zauberbücher und noch so vieles mehr, eine stolze Sammlung, die Sahira sehr ans Herz lag, war sie doch mehr als nur mit Magie gefüllt. Jeder Gegenstand in diesem Zimmer beinhaltete Erinnerungen, an die sie sich anders vielleicht nicht mehr erinnern würde.
      Sie nahm also lächelnd die kleine Hand des Jungen und führte ihn aus der Küche heraus, während Ifrit den Beiden mit einem misstrauischen Blick hinterher sah.
      Sie brauchten nicht lange, bis sie an einer alten Holztreppe ankamen, welche hinab in das Innere des Hauses führte, in einen großen Keller, welcher mehr einer Bibliothek glich.
      Der Raum war groß, die Wände so hoch, dass es unmöglich war an die oberen Reihen der Regale zu kommen, welche alle vier Wände komplett bedeckten, hauptsächlich mit Büchern bedeckt waren, aber hier und da sich magische Artefakte, Geräte und Utensilien befanden, dass man kaum den Überblick halten konnte. Statt einer Ordnung zu folgen, schien alles ungeachtet in freie Plätze hinein gestopft zu sein.
      Genau wie man die eigentlichen Wände, die sich hinter den Regalen verbergen mussten – ob es denn überhaupt Wände in diesem Raum gab? - nicht ausmachen konnte, war der gesamte Boden mit bunten Teppichen verlegt, welche Teilweise übereinander lagen und so eine Unebenheit erschafften. Und doch waren die Farben, Formen und Mustern so ausgelegt, dass der Anblick angenehm für das Auge war. In der Mitte des Raumes befand sich ein großer, breiter Tisch, in dessen Mitte eine große Kugel aus funkelndem Kristall lag, dessen Inneres wirkte, als wäre es mit einer Flüssigkeit gefüllt, in welcher verschiedene Blau- und Türkisfarbtöne umher tanzten.
      Der Rest des Tisches dagegen versank in purer Unordnung.
      Bücher lagen in unordentlichen Stapeln oder offen herum, teilweise überlappten sich sogar die geöffneten Bücher, während hier und dein ein magischer Gegenstand zu finden war. Ein goldener Kompass, verschlossen und somit sein Inneres verbergend, eine einfache Kette aus Lederstreifen und einem pyramidenförmigen, rosa Stein, mit Kristallen und Edelsteine versehene Stäbe und Schmuck und andere, vollkommen fremde Gegenstände verbargen sich in dem Chaos des Tisches.
      Das letzte Möbelstück in diesem Raum war ein einfacher aus Holz gewobener Stuhl, dessen Sitzfläche und Lehne mit blaugrünem Stoff ausgekleidet war, gepolstert, um eine gewisse Bequemlichkeit zu bieten.
      „Wir werden dir wohl einen neuen Stuhl hierher tragen müssen...“, überlegte die Hexe bei dessen Anblick, da sie vor hatte ihren neuen Lehrling hier unten zu unterrichten, wo sie ihre Ruhe haben und sich konzentrieren können würden.
    • Kurz strich Ephraim sich über die Haare, wie um zu sehen, ob der Zauberspruch wirklich gewirkt hatte. „Das war trotzdem toll!“
      Die Freude darüber, dass Sahira ihm wirklich alle Zaubertricks zeigen wollte, die er wollte verdrängte sehr rasch die Erinnerung an sein unangenehmes Treffen mit Ifrit. Als Ephraim gemeinsam mit der Hexe die Treppe herunterging, stellte er sich schon mal all die möglichen Dinge vor, die er sich im Arbeitszimmer würde ansehen können.
      Als sie ankamen, war der Prinz etwas überrascht. So hatte er sich das Arbeitszimmer einer Hexe nicht vorgestellt. Bei seinem Vater hatte das immer viel...naja, ordentlicher ausgesehen. Und in den Märchen über Hexen mit den Lebkuchenhäusern war immer alles etwas düsterer. Obwohl Ephraim natürlich nicht an so einen Kinderkram glaubte. Hatte er auch nie. Seine Familie hatte ihm schon von Kindesbeinen an beigebracht, dass es ganz allein darauf ankam, wie man seine Magie benutzte. Und so konnte auch eine richtige Hexe sonst eine ganz normale, freundliche Frau sein.
      Sahiras Arbeitszimmer sah eher aus wie eine Art Spielzimmer. Es war nicht so, dass der Prinz davon enttäuscht war. Eher im Gegenteil. Hier gab es so viel zu sehen, dass er gar nicht wusste, wo er anfangen sollte. Ob die Hexe all diese Bücher auch gelesen hatte?
      Hätte sie Ephraim nicht noch einmal deutlich gesagt, dass er nichts berühren sollte, hätte er vielleicht für einen kurzen Moment vergessen, dass die meisten Dinge hier wichtige magische Artefakten waren. Vorsichtig, als hätte allein seine Anwesenheit das Potenzial eine magische Katastrophe auszulösen, näherte er sich der Kristallkugel, hielt aber sehr viel Abstand und betrachtete dann das Farbenspiel in ihrem Inneren.
      „Ich hab noch eine Frage.“, meinte er Ephraim, und sah wieder zu seiner Lehrmeisterin. „Ich will nicht unhöflich sein...aber wie siehst du? Du musst doch sehen können, wenn du all die Bücher liest, aber deine Augen sind immer geschlossen.“
      Eigentlich hatte er Sahira das schon die ganze Zeit fragen wollen. Ephraim hatte nur einfach nicht den richtigen Moment erwischt, und dann war auch noch die Geschichte mit Ifrit dazwischen gekommen.
      „Du musst es mir natürlich nicht sagen, wenn du nicht willst.“, fügte der Prinz rasch hinzu.
    • Der Familiensitz der Familie Benandante war für ihn als Aufenthaltsort eher eine Art Notlösung. Seit Jahren war er nicht mehr in dem alten Herrenhaus gewesen. Und weil Sofian der einzige lebende Erbe war, hatte seine ständige Abwesenheit dafür gesorgt, dass es nun so heruntergekommen war wie noch nie zu vor.
      Nur ein paar der Räume hatten überhaupt noch eine Art ordentliche Inneneinrichtung, der Rest war bis auf ein paar wenige alte Wandbehänge und ein paar einzelne, traurig aussehende Möbel leer. Das frühere Arbeitszimmer seines Vaters und sein eigenes, altes Schlafzimmer hatte Sofian sich etwas hergerichtet, den Rest beließ er so, wie er war. Denn erstens war es für einen quasi Heiligen keine Schande, sich in Verzicht zu üben. Und zweitens würde Sofian, sobald der Wiederaufbau des Schlosses endlich abgeschlossen war, Tankred und seiner kleinen Tochter dort Gesellschaft leisten, und diesen Schandfleck hier endgültig hinter sich lassen.
      Selbst jetzt hielt er sich nur hier auf, weil der neue König sich derzeit in einer besonders gereizten Stimmung befand. Der junge Mann wollte ihm nicht auch noch die ganzen Bittsteller zumuten, oder gar die Ritter, die den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt hatten, und mit ihm redeten als würden sie sich bei ihm beschweren wollen. Manche erkannten immer noch nicht, dass der neue Herrscher ihnen in seiner unendlichen Güte ein großes Geschenk gemacht hatte.
      Wie schön wäre es gewesen, wenn man alles ein für alle Mal bereinigen könnte, alle Spuren der Vergangenheit hinter sich lassen... Doch so funktionierte es nicht, dass hatte die Geschichte schon mehrmals bewiesen. Ein kompletter Neuanfang war reines Wunschdenken. Zum Glück hatte Sofian das auch Tankred klar machen können, nach schier endlosen Diskussion. Wenn sie alle Menschen hinrichten lassen würden, die dem König einmal die Treue geschworen hatten, hätten sie am Ende weder Ritter noch Adelige mehr, die das Land für sie verwalten könnten. Ganz zu schweigen von dem ganzen Wissen, das verloren gehen würde. Nein, es war ganz und gar unmöglich. Es reichte vollkommen aus, hier und da einmal ein Exempel zu statuieren. Dann würde sich der Rest schon fügen.
      Außerdem war das sowieso schon genug Arbeit. Und dabei handelte es sich nur um die Angelegenheiten im Landesinneren. Allein der Gedanke daran, wie die Länder, mit denen sie ein Bündnis hatten auf die Neuigkeiten reagieren würden, bereitete Sofian leichte Kopfschmerzen. Gerade saß er in dem kärglich eingerichteten Raum an seinem Schreibtisch, schob Papiere hin und her und versuchte sich manchmal daran, mit ein paar wohlgesetzten Sätzen die Situation so gut wie möglich zu verdeutlichen.
      Als ein Diener Sir Jeffrey herein bat und sich gleich darauf wieder entfernte, hielt Sofian seinen Blick weiterhin auf die Blätter vor sich gerichtet, als hätte er gar nicht gemerkt, dass dieser eingetreten war.
      Wie lange kannten sie sich jetzt schon? Manchmal war es ihm so, als hätte der Ritter sich vor seinen Augen plötzlich von einem Jüngling in einen alten Mann verwandelt. Wie doch die Zeit verflog und allen Menschen dabei übel mitspielte. Obwohl Sir Jeffrey nun auch noch kein Tattergreis war.
      Dass der Ritter noch sehr fähig war, war Sofian nur zu gut bewusst. Seine Feder kratzte über das Papier, und erst, als er seine Unterschrift endlich unter das Schreiben gesetzt hatte, sah er zum ersten Mal zu seinem Gast.
      „Sir Pappillion. Setzt euch doch. Oder bleibt stehen, wie auch immer es euch beliebt. Es freut mich, dass ihr meinem Ruf so schnell gefolgt sein. Ich befürchtete, ihr würdet beschließen, nicht zu erscheinen. Das wäre...unschön, ja. Das wäre wirklich unschön gewesen.“, sagte Sofian leise, gestikulierte wage in Richtung eines alten Sessels und sah dabei so aus, als würde er gerade lieber überall anders sein, nur nicht hier mit dem Ritter. Was allerdings auch kein Unterschied zu seinem normalen Gesichtsausdruck war. Er strich sich eine verirrte Strähne seines hellblonden Haares aus dem Gesicht, und fuhr dann fort.
      „Ich weiss, die Ereignisse müssen euch...sagen wir es so, verwirrt haben. Manche Dingen erscheinen normalen Menschen unergründlich. Vielleicht sogar grausam. Daraus werde ich euch keinen Vorwurf machen. Ihr solltet diese Gefühle zulassen, damit sie sich in euren Körper nicht anstauen und ein Ungleichgewicht verursachen.“, meinte Sofian, und zupfte sich seinen Hemdkragen zurecht. Fast so, als wäre er nervös. Es war schrecklich warm hier drinnen. So war dieses verfluchte Haus immer, entweder zu warm, oder zu kalt.
      „So ein Ungleichgewicht kann selbst den schlausten Mann zu Taten verleiten, die nicht gerade klug wären. Stimmt ihr mir da nicht zu?“
    • Der Mann, geboren aus Flammen und Feuer, blickte der Hexe und dem Kind an ihrer Hand hinterher, mit einem schwer zu deutenden Blick, welcher jedoch alles andere als positiv ausfiel, eher ein genervtes „Tz.“ von sich gab und sein Blick sich an den Becher mit Wasser wandte, welcher noch immer auf dem Tisch stand. Letztendlich erhob er sich, griff den Becher und entleerte dessen Inhalt in die Spüle, sah dem Wasser dabei zu, wie es im Abfluss verschwand, während seine Gedanken ratterten.
      Ihm gefiel diese ganze Situation überhaupt nicht, er mochte es nicht, dass die alte Hexe sich wieder einmischte. Nie war es gut ausgegangen, wenn sie ihre Finger zu tief im Spiel hatte, wenn sie die Geschichte von Anfang bis Ende begleitete, wenn sie sich emotional an die Ereignisse und die Mitspieler band... und Ifrit hatte kein gutes Gefühl.
      Frustriert wandte er sich von der Küchenspüle ab, ihm fiel ein, dass er im oberen Stockwerk mal wieder Staub wischen konnte, und vergrub sich somit lieber in der Arbeit, als in den Entscheidungen der alten herum zu pfuschen.

      „Ja?“, lächelte Sahira aufmunternd, wollte dem Jungen damit sagen, dass er jede Frage stellen konnte, die er wollte, doch die nach ihren Augen kam unerwartete und für einen Moment sah sie den kleinen Jungen fragend an, ehe ihr bewusst wurde, wie unnormal es auf Außenstehende wirken musste.
      „Hmm... will ich denn?“, fragte die Hexe sich selbst lächelnd, die Fingerspitzen ihrer Hände aneinander gelegt und wusste nicht, recht wie sich diese Frage selber beantworten sollte, darüber hatte sie nie wirklich nachgedacht, „Mir ist es eigentlich recht einerlei, für mich ist es nichts besonderes. Wie du vielleicht bemerkt haben könntest, bin ich blind, oder sagen wir es anders: meine Augen sind unbrauchbar, ich kann sie nicht nutzen, ich kann nicht sehen, wie du.“
      Die Hexe begann die Frage des jungen Prinzen zu beantworten, ehe sie kurz Pause machte um sich vor ihn auf die weichen Teppiche zu setzen und es sich etwas bequem zu machen, bevor sie fortfuhr.
      „Was nicht bedeutete, dass ich überhaupt nichts mehr sehen kann. Ich nutze Magie, um es auf eine einfache Art und Weise zu erklären: ich nutze das Mana in der Umgebung, um mir ein Bild von dieser zu machen. Größe und Form eines Objektes, Textur und Beschaffenheit, sogar ob und wie viel Magie darin enthalten ist... wenn man es so sieht, sehe ich sogar mehr als du mit deinen beiden Augen.“, lächelte die Hexe und machte eine elegante Handbewegung, woraufhin das umliegende Mana eine leicht bläuliche Färbung erhielt. Es waren Linie, Wellen oder einfache Punkte, die die Umgebung ausfüllten, sie bewegten als würden sie Leben, die Kristallkugel oder ein Buch umkreisten, ehe sie weiter ihre Bahnen zogen. Nichts lebendes, nur eine mysteriöse Kraft, die es vielen Menschen ermöglichte starke Zauber zu wirken. Manch einer nennt sie sogar die Kraft des Lebens, da alle Lebewesen etwas Mana besitzen.
      „Hmmm... aber das erklärt natürlich nicht, wie ich in der Lage bin zu lesen.“, legte Sahira nachdenklich ihren Zeigefinger auf das Kinn, ehe ihr eine Idee kam, „Wieso zeige ich es dir nicht einfach? Das dürfte deutlich einfacher sein, als es zu erklären.“
      Mit einem neuen Lächeln auf den Lippen griff die Hexe nach dem nächstbesten aufgeschlagenen Buch, hielt ihre freie Hand über die offenen Seiten und machte einige Fingerbewegungen, als würde sie irgendetwas auf das Buch werfen, als es leicht zu leuchten begann und sich die Tinte, die Buchstaben, von dem alten Papier abhoben und die Hexe ihre Finger darüber streichen konnte, die Form der Schriftzeichen unter ihren Fingerspitze spürte und mit dieser Technik in der Lage war den Inhalt dessen zu lesen, zu entziffern.
      „Ist Magie nicht eine unglaublich nützliche Angelegenheit?“, wandte sich Sahira lächelnd wieder an den Jungen zu und hielt ihm das Buch entgegen, damit er einen besseren Blick darauf erhaschen konnte. Das Buch war in einer alten, ausgestorbenen Sprache geschrieben, weshalb sich die Hexe sicher sein konnte, dass er nichts lesen würde, was nicht für einen kleinen Jungen bestimmt war.

      Wie versprochen hatte die Hexe den alten Mann zurück auf sein Anwesen gebracht, ihm sogar dass am Fuße des Berges gestandene Pferd hinterher geschickt, und er konnte endlich wieder seine Zwillinge in die Arme schließen, auch wenn sie überrascht waren ihn zu sehen, hatte er doch keine Nachricht über seine baldige Ankunft voraus geschickt, wie er es normalerweise zu tun pflegte.
      Eigentlich hatte Sir Jeffrey auch nicht vorgehabt so früh wieder nach Hause zurück zu kehren. Nachdem er von seiner Mission im Tarian Wald zurückgekehrt war, hatte er im Schloss seinen Bericht abgeben wollen, doch letztendlich kam es nicht dazu.
      Was er in der Hauptstadt vorfand war ein brennendes Schloss, sein alter Freund und dessen Familie tot, nur dem jungen Ephraim war er auf seiner viel zu späten Rettungsaktion begegnet und konnte ihn gerade noch retten, bevor auch er den Flammen oder einer mörderischen Hand erlegen konnte, so viel war er seinem Freund dem König zumindest schuldig, da er nicht da sein konnte, als er ihn am meisten gebraucht hatte.
      Er hatte einen Eid geleistet, den König und dessen Familie mit seinem Leben zu beschützen, aber letztendlich hatte er diesen gebrochen, weil er nicht da war, als dieser ihn am meisten gebraucht hatte. Selbst nachdem er sich im Haus der Hexe ausgeweint hatte, zum ersten und letzten Mal die Gefühle der Trauer und des Verlustes zugelassen hatte, machte er sich noch immer schreckliche Vorwürfe.
      Der Gedanke, dass der König und seine Familie wohl keine gerechte Beerdigung bekommen würde, schmerzte dem alten Ritter, aber er musste es aushalten, sich damit abfinden, zumindest für den Moment, der Zukunft des Königreichs, der Zukunft seiner Zwillinge zu liebe.
      Auch wenn Sir Jeffrey wusste, dass es egoistisch von ihm war, setzte er dennoch alle Hoffnungen für die Zukunft in den jungen Prinzen, hoffte er würde den Tod seiner Familie verkraften und dadurch stärker werden können, mit dem Wunsch seine Eltern und Geschwister zu rächen, oder das Königreich von einem unrechtmäßigen Mörder zu befreien... welche Beweggründe auch immer er mitbringen würde, der alte Ritter würde ihm folgen, doch bis dahin, wie viele Jahre es auch dauern mag, musste er überleben. Was auch immer dafür von ihm verlangt wurde.

      Es dauerte nicht lange, bis Sir Jeffrey die Neuigkeiten erfuhr, doch was ihn am meisten bestürzte, waren die Lügen, welche über die nun tote Königsfamilie, welche sich nicht gegen die falschen Anschuldigungen wehren konnten, verbreitet wurde. Nein, das war nicht das schlimmste. Es war ein Name, der ihn übel aufstoßen ließ und in dem alten Ritter blanke Wut auslöste: Sofian.
      Ein schüchterner, in sich gekehrter, mittlerweile junger Mann, der Sir Jeffreys Versuche sich mit ihm anzufreunden immer in den Wind geschlagen hatte. Er hatte geglaubt, er war lieber alleine, vergnügte sich mit seinen Büchern und seinen Lehren, aber wie es schien, hatte er diesen Mann nie gekannt. Sofian, er war ein Verräter. Er war es, der diese Lügen im Namen seiner Religion verbreitete, ein enger Vertrauter des Königs, ein Mann, dem das Volk glauben würde, dem sie erlauben würden, einen falschen König auf den Thron zu setzten.
      Sir Jeffrey konnte es nicht glauben. Nach allem, was der König für ihn getan hatte, ihn aufgenommen, ihn wie seinen eigenen Sohn behandelt hatte... so dankte er es ihm? Waren er und die Königskinder nicht Freunde? Sie waren zusammen aufgewachsen!!
      Doch letztendlich verflog seine Wut und nur die pure Enttäuschung eines Großvaters blieb zurück. Er hatte viel von dem schlauen Jungen erwartet, aber ganz sicher nicht das.

      So war er auch nicht wirklich erfreut, als er die Nachricht erhielt sich unverzüglich bei dem Herrn Bernandes in seinem Anwesen zu melden. Er fragte sich, was der Verräter wohl von ihm wollte? Wollte er ihn auf seine Seite ziehen? Sicher gehen, dass er den neuen König nicht verraten und seinen Eid mit ihm erneuern würde, wie es von ihm erwartet wurde?
      Oder hatte man ihn gar mit dem kleinen Prinzen gesehen?
      Es gab nur einen Weg für Sir Jeffrey es herauszufinden, also verabschiedete er sich von seinen Zwillingen, hoffte sie wären auf dem Anwesen mit den Angestellten sicher und übte auf dem Weg zu Pferd sein ausdrucksloses Gesicht. Es war ein gefährliches Spiel, dass er hier spielte, aber es musste gespielt werden.

      Wie es einer Adelsfamilie geziemte wurde der alte Ritter von einem Bediensteten willkommen geheißen, um sein Pferd wurde sich gekümmert und der alte Mann konnte sich in einem Gästezimmer für einige Zeit von seiner Reise ausruhen, während man den Herrn Bernandes über sein Ankommen informieren würde.
      Sir Jeffrey blickte sich in dem Zimmer um, es war nur notdürftig möbliert. Mit einem kleinen Sofa, auf den es sich wenige Gäste bequem machen konnte, einem kleinen Tisch, auf welchem bei Bedarf Tee oder andere Erfrischungen und Stärkungen serviert werden konnten, um die Wartezeit zu überbrücken und ein oder zwei alte Regale mit Büchern, welche alt und verstaubt wirkten, wohl eher Sofians Vater gehört hatten.
      Der alte Mann schloss seine Augen und erinnerte sich an das letzte Mal, als er hier gewesen war. Als er seinen Freund mit einem anderen Kollegen besucht hatte, sie über Politik und die Zukunft philosophiert hatten, Schacht spielten und scherzten.... ach, was würde mein alter Freund wohl sagen, wenn er erfuhr, dass sein kleiner Junge ein Verräter geworden war? Ob er sich in diesem Moment im Grabe umdrehte? Für einen Moment gab sich der Ritter selbst die Schuld an dieser Entwicklung des Jungen Mannes, er hätte sich mehr anstrengen, mehr Gründe finden müssen, den Jungen einzuladen, mit ihm Gespräche zu führen... doch so sehr Sir Jeffrey sich auch bemüht hatte, Sofian hatte auf nichts reagiert, vergrub seine Nase lieber in einem alten Buch, als dem alten Mann und den Rittern Gesellschaft in der Schanke zu leisten.
      Was hatten er und der König nur falsch gemacht, dass aus ihm ein Verräter werden konnte? Er merkte, dass er Sofian nie wirklich gekannt hatte und schämte sich dafür.

      Es dauerte nicht lange, bis der alte Ritter sich wieder vom Sofa erheben konnte, sich noch einmal für das, was ihn vielleicht erwarten könnte bereit machte, und den Arbeitsraum des jungen Mannes betrat, in welchem er zunächst für viele weitere Minuten still stehen musste, ehe er endlich Sofians Aufmerksamkeit erhielt.
      Sir Jeffrey lauschte den Worten des jungen Mannes, nahm sein Angebot dankend an und setzte sich, machten die alten Knochen auch ihm doch langsam Probleme, während er aufmerksam den Worten des Geistlichen lauschte.
      Es überraschte ihn nicht, was er hörte, natürlich wollte er nicht, dass der alte Ritter auf der gegnerischen Seite stand, stand der Großteil der Ritter auf seiner Seite, waren ihm als ihren Hauptmann loyal, loyaler als einem falschen König, der sich den Thron durch Verrat und Blut gesichert hatte und diesen mit Lügen zu festigen glaubte.
      Sie Jeffrey fragte sich, was für ein Mann der falsche König war.
      Und doch... fast hätte er gelacht, dass ein junger Mann wie Sofian dem alten und weisen Ritter Ratschläge zu geben müssen glaubte.
      „Sei versichert, ich habe nicht vor, etwas dummes zu tun.“, lächelte er amüsiert. Natürlich nicht, ihr konnte, nein, durfte weder die Zwillinge noch den jungen Prinzen in irgendeiner Art und Weise gefährden. Außerdem war er alt, alles was er tun konnte war warten und die Zukunft den jungen Leuten überlassen.
      Sir Pappillion? Ich habe dir doch unzählige Male gesagt, dass du mich Jeffrey nennen kannst, Sofian. Oder wäre dir doch Herr Bernandes lieber? Nun...“, räusperte sich der alte Mann kurz, um wieder zum Thema zu kommen, „Wie du... wir ihr euch sicherlich denken könnt, fällt es mir schwer zu glauben, dass ein alter Freund hinter meinem Rücken grausame Rituale und Menschenopfer durchgeführt hat, um sich und seiner Familie mächtige magische Kräfte zu eigen zu machen. Sag, sind diese Gerüchte... tatsächlich wahr?“, hoffte er, der junge Mann würde es verneinen, wenigstens ihm gegenüber ehrlich sein. Er war kein Lügner, da war er sich sicher. Sofian war doch immer so ein guter, braver Junge gewesen, was war nur geschehen, um ihn zu einem Verräter zu machen?