Revolution von Unten (revisited) [Az & Sunny]

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    • Revolution von Unten (revisited) [Az & Sunny]

      Sedon
      Schlagartig erwache ich aus dem Schlaf. Mein Atem ging schnell und stoßweise; die Luft, die ich in meine Lunge zog, fühlte sich kalt und messerscharf an. Mein Blick schweifte wahllos durch den Raum, ohne Ziel oder Ergebnis. Ein unwohles Gefühl kroch durch meinen Brustkorb, dann weiter zu den Armen, den Beinen und schließlich in den Nacken, in den es sich fest hinein krallte. Es fühlte sich so an, als würde mich etwas erdrücken, vielleicht die tiefe Decke, der kleine Raum, in diesem furchtbaren rot gestrichen, vielleicht war es die tiefe Dunkelheit. Mein Atem geht immer schneller. "Blut, es ist alles voller Blut." tönte es krächzend aus meiner Kehle. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich vor mich hin, der tief hängenden Zimmerdecke entgegen. Vor dem inneren Auge rasten Bilder wild herum: Ein Auto, zertrümmert. Flammen. Blut. Dann Schwärze, Dunkelheit. Und schließlich Kälte. Obwohl ich noch immer atmete, schien keine Luft mehr in meine Lunge zu gelangen. Eine zitternde Hand griff mir an den Hals; zu wem sie gehörte, konnte ich nicht ausmachen. War es meine eigene? Das Gefühl von Schwere vermischte sich mit einer intensiven Panik. Noch immer versuchte ich, den Grund für die Atemnot zu finden, doch da ist nichts. Nichts lag auf mir. An meinem Hals, so realisierte ich nun, befand sich einzig meine eigene Hand, die nervös zitterte. Meine Lunge brannte unbeschreiblich. Unbeholfen rappelte ich mich in meinem Bett auf, drückte mich von der viel zu weichen Matratze ab, taumelte einige wenige Schritte vorwärts und riss die schweren Vorhänge auf, die das Fenster verdeckten.
      Sonne strahlte in mein Gesicht. All die Anspannung löste sich von meinem Körper und er entspannte sich ein wenig. Ohne es zu bemerken, sank ich schlaff zu Boden, Luft füllte hastig die erschöpften Lungen. Alles war wieder in Ordnung. "Shit" fluchte ich beinah lautlos und griff mir an den Kopf. Mein Haar standen wild zu allen Seiten ab. Langsam fuhr ich mit meinen Fingerspitzen hindurch, bis sie gegen etwas hartes und raues stießen. Im Fenster spiegelten sich meine Konturen; als ich sie darin betrachtete, kehrten meine Erinnerungen zurück. Von meinem Kopf standen zwei schwarze Hörner ab, sie waren es, die meine Position anzeigten. Ich gehörte nicht zu den normalen Bürgern, sondern zu Gott. Ich lebte im Himmel, obwohl diese Beschreibung etwas wichtiges ausließ. Mit dem Leben habe ich abgeschlossen und das bereits vor drei Jahren, als ich an meinem 21. Geburtstag bei einem Autounfall verstarb. Jetzt war ich ein Todesgott, der über verlorene Seelen wachte- Meine Gedanken stoppten an diesem Punkt. "Es war ein Traum. Alles nur Einbildung." Mit diesen Worten drehte ich mich um und ging an meinen Schrank. Er war aus einem Material, der an Metall erinnerte, aber wahrscheinlich nicht aus solchem bestand, dafür war seine Oberfläche zu rau. Der Stauraum war gering, der Schrank war schmal und reichte mir nur knapp bis zur Hüfte. Trotz dieser geringen Größe konnte ich darin meinen gesamten Besitz verstauen. Das sagte jedoch mehr über meinen Besitztum aus, als über das Möbelstück: Mir hätte eine einzelne Schublade bereits genügt. Eigentlich war es sogar übertrieben zu sagen, dass die Sachen mir gehören, schließlich war es einem Labour (Arbeiter) oder Blackbird (Gefangene/Sklaven, die zur Arbeit gezwungen werden) im Himmel verboten, privaten Besitz zu haben. Ich, als Vicar (sowas wie kirchlicher Stellvertreter), hatte etwas mehr Rechte als die anderen beiden Klassen. Ich stand etwas über den Labour, gehörte aber trotzdem zu der Mittelschicht, wenn auch zu denen, die an die Oberschicht, die Harbinger (Vorboten), grenzten. Nur die Harbinger durften "besitzen". Meine Hand glitt in eine der kühlen Schubladen, die Finger nach einer zierlichen Silberkette tastend. Behutsam beförderte ich sie an die Oberfläche. An ihr hing ein winziger, weißer Kieselstein. Eilig legte ich sie um, dann zog ich meine Arbeitsuniform heraus. Im winzigen, grell beleuchteten Badezimmer wusch ich mein Gesicht kurz mit kaltem Wasser. Im Spiegel, der über dem Waschbecken hing, betrachtete ich mich noch einmal genau. Die Augen wirken leblos und kalt, ohne jegliche Emotion, die Haut war blass, als würde kein Blut durch sie fließen. Eilig fuhr ich durch meine Haare, in der Hoffnung, die eiserne Kälte meines Aussehens zu vertreiben, doch ohne Erfolg. Noch einmal drehte ich den Wasserhahn auf, dieses Mal stellte ich ihn auf "Warm". Es dauerte einen Moment, da stieg mir eine kleine Wolke aus warmen Dampf ins Gesicht. Ich zuckte erschrocken zurück, um dann den Hebel doch ganz auf "Kalt" zu stellen. Der Dampf verschwand sofort, das Wasser lief weiter. Zögerlich verfolgte ich mit meinem kühlen Blick das Nass, streckte dann schließlich die Hände aus und berührte den Strahl. Etwas lief an meinem ausgestreckten Finger herab, das spüre ich ganz deutlich, doch es ist nicht kalt, sondern warm. Egal wie oft ich es versuchte, dieser Versuch produzierte immer dasselbe Ergebnis. Hastig drehte ich den Wasserhahn wieder zu und zog mich an. Vor Verlassen des Zimmers überprüfte ich, ob es funktionierte, meine Flügel zu beschwören. Zwei schwarze Schwingen materialisierten sich gemächlich an meinem Rücken. Zufrieden nickte ich kurz, dann entzog ich ihnen wieder ihre Energie. Von dem panischen Zustand, in dem ich mich während des Erwachens befunden habe, war mir keine Spur mehr anzusehen. Ein leises Klinkern begleitete meine Bewegung, während ich den kleinen schwarzen Schlüssel in der Zimmertür drehte. Noch einmal atmete ich tief durch, bevor ich mich auf den Weg machte. "Auf zur Arbeit".

      @Azenia


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