Centuries {Fuffy & Ray ]

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    • Centuries {Fuffy & Ray ]

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      Vorstellung RPG
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      Algier 1619 / MDCXIX

      Coróna ♚

      Ein Schimmern erhob sich aus der alles verschleiernden Schwärze des Dunkels, welches die nächtliche Finsternis mit zuckenden Schatten und gestaltlosen Formen zierte. Aus der Dunkelheit hervor, stachen die zwei einsamen Fackeln, die vor ihrem Fenster türmten und das Eröffnen des nächtlichen Treibens im Bordell ankündigten. Coróna hasste dieses Licht. Die Flammen, die unter ihrem Fenster brannten nach Anbruch der Nacht und wenig Licht auf die Gestalten, die sich vor dem Bordell aufhielten, boten.
      Sie lehnte sich aus dem Fenster.
      Da standen sie, unter ihrem Fenster, wie ein Rudel hungriger Wölfe, die nur darauf warteten sich auf ihre Beute zu stürzen. Es dauerte nicht lange, bis ein tiefer Seufzer ihren Lippen entglitt und sie sich dazu entschied, wieder in den spärlich beleuchteten Raum zu treten. Die roten Vorhänge wehten vor dem offenen Fenster hin und her und bauschten sich ihr entgegen, während sie nur starr davor stand und überlegte, ob sich heute die Gelegenheit bieten würde, zu fliehen.
      Mit einem weiteren Seufzer warf sie den Gedanken ab, machte auf den Absatz kehrt und setzte sich an den goldenen Tisch im hinteren Teil des Raumes. Sie hasste es, dieses Bild, das sich ihr im Spiegel bot. Die goldenen Haare hingen ihr in wilden Wellen über die Schultern, die blutroten Lippen hoben sich selbst in dem nikotingelben Licht, das die einzige Kerze in ihrem Raum bot, von ihrem Gesicht ab. Ihre Arme waren mit goldenem Puder benetzt, womit jede Kurtisane in diesem Haus geziert wurde. Das rote Gewand aus Seide schmiegte sich anzüglich um ihren Körper, beschränkte sie in ihren Bewegungen und drückte ihr durch das Korsett die letzte Luft ab, die ihr zum Atmen blieb.
      Mehrere Räucherstäbchen brannten an verschiedenen Stellen des Raumes vor sich und benebelten ihre Sinne durch den stechenden Duft nach Opium und Weihrauch. Sie fuhr mit ihren dünnen Finger über die Konturen ihrer Halsbeuge und selbst im Halbschatten konnte sie die Narben erkennen, die man ihr zugefügt hatte. Die goldenen Sklavenarmreife um ihre Handgelenke klirrten. Dieses Klirren. Sie hasste dieses Geräusch, das sie bei jeder Bewegung, jedem Zucken oder jedes schwere einatmen, daran erinnerten, dass sie jemandem gehörte. Ihre Seele, ihr Körper und ihre Gedanken - alles an ihr gehörte jemand anderem. Fügte sie sich nicht dem Bild der Freudenmädchen, so wurde sie bestraft und im schlimmsten Fall würde man sie wieder verkaufen. Coróna war nichts weiter als ein Gegenstand, eine goldene Ware. In Gedanken versunken stand sie auf und begann durch den Raum zu tigern. Niemand war bisher gekommen, niemand hatte sie aufgesucht und niemand hatte heute an ihrer Tür geklopft.
      Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Sie drehte sich im Kreis, zwei, drei Mal mit wehenden Haaren, strich sachte über das dunkle Mobiliar in ihrer Kammer und kehrte wieder zur Raummitte zurück, da ihr nichts weiter blieb als vor sich hin zu tanzen, während sie auf ihren heutigen Freier wartete, den man zu ihr schicken würde. Bücher gab man ihr nicht, im Bordell wurde keine Musik gespielt. Frei herumlaufen durfte sie nicht und die Haare hatte sie sich bereits so oft gekämmt, dass sie irgendwann nicht mehr als drei Strähnen auf dem Kopf zurücklassen würde, wenn sie diesen Ritus fortsetzte.

      Ihre Gedanken schweiften ab. Fernab in andere Welten.
      Sie dachte an Spanien, an die goldenen Felder, an die abendliche Sonne, wie sie die Weinberge in ihrer Heimat in flammenden Tönen tauchten, an die Serenissima und das Geräusch der kläglichen Wellen, wie sie gegen die Bordsteinkanten der Kanäle plätscherten - sie dachte wieder an diesen Mann.
      Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an das Gesicht dieses Mannes dachte. Sie wusste nicht wer er war, kannte seinen Namen nicht. Alles, was Coróna von diesem Mann kannte, waren die markanten Gesichtszüge, das eitle Auftreten und die Dunkelheit, die ihn umwoben hatte, als ihre Blicke sich am Marktplatz getroffen hatten. Dieser Blick, der sich förmlich durch ihr Fleisch gebrannt hatte, als man sie und die anderen Mädchen über den Marktplatz geführt, in eine Reihe wie Vieh aufgestellt und präsentiert hatte. Kälte empfing sie bei diesen Gedanken, also schlang sie die Arme um ihren Körper und sah gedankenverloren aus dem Fenster, wo geradeaus nichts als Schwärze zu erkennen war. Niemand würde je nach ihr suchen, niemand würde sich auch nur an ihren Namen erinnern und niemand war heute bei ihr gewesen.
      Sie fühlte sich einsam, sie wollte sterben. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Coróna nicht gewusst, dass selbst der Tod ihr verwehrt bleiben würde.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Alexander Mihail von Neustain

      Viele, so viele Menschen wünschten sich Unsterblichkeit und doch wusste niemand um den Preis. Irgendwann war alles erlebt, alles gesehen und alles schmeckte gleich. Egal welcher Wein, welche Speise oder welche Frau – alles glich einer faden Paste aus undefinierbarem Grau. So zumindest für Alexander.
      An jenem Tag auf dem Markt, war er umhergeschritten wie ein eitler Pfau. Die seidenen Gewänder, die er stets trug, waren wie immer frisch gewaschen und mit feinen Duftölen benetzt. Die Frauen – egal ob alt oder jung, noch nicht einmal zur Weiblichkeit erblüht – sie alle lagen ihm zu Füßen. Auch mancher Mann begehrte seine Aufmerksamkeit, flüsterte ihm in diskreten Momenten seine Ergebenheit zu und jedes Mal nahm sich Alexander alles, wonach ihm der Sinn stand.
      Doch an jenem Markttag war etwas anders gewesen. Sie war anders gewesen. Solch eine Schönheit hatte er selbst in seinen Jahrhunderten vergleichsweise wenig oft gesehen. Ihre Haut war zart, ihre Statur vollkommen und ihre goldenen Haare hatten ihr Gesicht umrahmt wie ein Heiligenschein. Es war ihre Reinheit gewesen, die ihn angezogen hatte. Denn selbst als Sklavin, tausend Mal benutzt und noch öfters weggeworfen, hatte sie etwas reines und unschuldiges ausgestrahlt. Fast so, als hätte sie noch nie wahrlich geliebt. Ihr Geist und Herz schienen unbefleckt von wahrer Liebe zu sein und das Tier in ihm fand Gefallen daran.
      Er wollte der erste sein, den sie ihre Liebe schenkte. Er wollte sie besitzen, ihr sein Zeichen aufdrücken und in ihr Gesicht sehen, wenn sich ihre Augen nach ihm verzehrten.
      Er leckte sich die Lippen in heller Vorfreude, als er über den nun nächtlichen Platz, auf eben jenes Freudenhaus zumarschierte, wo er sie gefunden hatte. Für ein Wesen wie ihn – halb Vampir, halb Werwolf – war es ein leichtes gewesen Einfluss, Geld und Macht zu erlangen. Es gab selten etwas, was ihm verwehrt bliebe. Und genauso würde es wieder sein.
      Die Menge der Männer teilte sich, als er hoch erhobenen Hauptes an ihnen vorbeischritt und die Stube betrat. Der strenge Blick einer weißhaarigen Frau veränderte sich bei seinem Eintreten. Es war immer so, er war es gewöhnt.
      „Guten Abend.“, sprach er in schnurrendem Ton mit samtener Stimme, ehe er einen Geldbeutel auf den Tisch legte. „Ich erhebe Anspruch auf eine Eurer Frauen. Dies dürfte für die ganze Nacht genügen und seien sie so gut, und nehmen die die anderen Mädchen mit.“
      Die Gier in den Augen der Frau leuchtete auf, doch sie verstand ihn nicht.
      „Nehmt das Gold, nehmt Eure Dirnen und überlasst mir das Haus mit jener Frau für diese Nacht. Euer Fehler soll es nicht sein.“
      Nun verstand ihn die Frau und sie wog den Geldbeutel in der Hand. Es war mehr, als sie mit all ihren Huren heute Nacht verdienen würde. Eilig nickte sie und wollte sich gerade daran machen die Frauen einzusammeln um mit ihnen woanders ihren Diensten nachzugehen, denn so würde sie doppelt verdienen, als sie innehielt.
      „Welche Frau soll ich hier lassen?“ Ihre raue Stimme verriet ihre Verwunderung.
      „Coróna.“ Ihr Name war wie ein Fluch und Segen zugleich. Es war leicht gewesen diesen herauszufinden. Und ohne sich noch weiter mit diesem Gesinde zu unterhalten, stieg er die Treppen hoch und folgte seiner feinen Nase, die ihren Duft wohl noch meilenweit erkennen würde.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein
    • Coróna

      Abrupt hielt sie in ihrem einsamen Tanz inne. Sie verstummte und lauschte in die Nacht hinein. Stille. Eiserne Stille war eingetreten, die Freier vor den Toren des Freudenhauses verstummt. Sie lehnte sie zuerst aus dem Fenster, doch niemand war mehr auf dem Platz zu sehen. Kein Händler, keine Kinder, keine Wölfe vor ihrer Tür - nichts und niemand, außer Stille. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, während sie panisch die Augen zusammenkniff und etwas in der Finsternis zu erkennen versuchte. Sekunde und Sekunde, Minute um Minute, starrte sie angestrengt nach Draußen. Tausende Gedanken schwirrten ihr im Kopf herum, bis sie letztendlich zurücktrat. Etwas stimmte nicht. War es Krieg? Das konnte nicht sein, seit jeher hatte sie keine Soldaten mehr gesehen.Sie alle hatten sich auf andere Gebiete verteilt und nur noch wenige waren in der Stadt geblieben. Urplötzlich, so wie die Stille eingetreten war, brach eine unermessliche Aufregung in den Gängen des Hauses aus. Aufgeregtes Flüstern,huschende Schritte und das Klirren mehrerer Sklavenarmreife drangen zu ihr durch.Mädchen rannten auf dem Gang umher, Sachen wurden verschoben und Schritte eilten die Treppe hinunter. Die Erkenntnis, dass das vielleicht ihre Chance war zu fliehen, traf sie wie ein Blitz. Ohne weiter darüber nachzudenken, griff sie den roten Umhang, der an einem der lächerlichen Stäbe hing, die als Kleiderhaken dienten, warf sich diesen um und riss die Tür schwungvoll auf. Sie trat auf den Flur und stieß mit eine der älteren Freudenfrauen zusammen, taumelte einige Schritte zurück und blinzelte verwundert über die Schlange, die sich gebildet hatte und eilig an ihr vorbeizog.
      "Was geschieht hier?", fragte sie die Frau in dem smaragdgrünen Kleid vor sich. Eleonora. Sie hob eine Braue und zuckte die Schultern:"Ich weiß nicht, meine kleine Taube, aber es ist mir auch völlig egal. Ich kann draußen frische Luft holen." Damit war sie auch schon an ihr vorbeigezogen. Coróna nickte. Frische Luft, das brauchte und wollte sie auch. Sie reihte sich ein und folgte der Schlange, die immer schneller und schneller wurden. Wieder wurden Mädchen aufgescheucht und über verschiedene Treppen nach unten befördert. Coróna brauchte nicht länger zu überlegen, ehe sie lospreschte, um sich ihnen anzuschließen. Kaum, dass sie den Fuß der Treppe erreicht hatte, wurde sie plötzlich an den Haaren gepackt und auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Unsanft stieß sie mit dem Rücken gegen die Wand und sah die rothaarige Kurtisane vor sich an. Ihre Zähne blitzten ihr strahlend entgegen, als sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete.
      "'ant last amyra", säuselte sie und klopfte der blonden Frau auf die Schulter, ehe sie mit hochgezogenen Röcken verschwand.
      Du nicht Prinzessin. Es brauchte einige Augenblicke bis die Worte zu ihr durchdrangen. Plötzlich hallten sie in ihrem Kopf und nun sanken ihr restliche Mut und ihre restliche Hoffnung zusammen, so, wie auch Coróna entlang der Wand rutschte und letztlich wie ein Häufchen elend am Boden sitzen blieb. Umhüllt in ihren Röcken starrte sie leer die Wand gegenüber an.
      Du nicht Prinzessin.
      Sie nicht, nein.
      Sie war gefangen.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Alexander Mihail von Neustain

      Mit einem zufriedenen Lächeln lehnte er sich an eine Wand und sah dem bunten Treiben – oder wohl eher der hastigen Flucht – zu. Er genoss es, wenn er für Aufruhr sorgte und gerade eben begleiteten die furchtsamen Gesichter auch ein Hauch Anerkennung für ihn. Vielleicht sogar Bewunderung? Wer bitteschön kaufte sonst ein ganzes Haus für einen einzigen Abend? Etwas lachte er in sich hinein und wartete geduldig, bis auch die letzte Dirne das Haus verlassen hatte.
      Sein feines Gehör nahm keine weiteren Störungen mehr wahr und so setzte er seinen Weg fort, indem er dem betörenden Duft dieser mysteriösen Frau folgte.
      Alsbald fand er sie und seine Augenbrauen runzelten sich leicht, ehe er seine Emotionen wieder hinter einer perfekt charmanten Maske verbarg.
      „Warum sitzt eine wundervolle Frau wie Ihr, so zaghaft auf dem Fußboden?“ Seine Stimme war samten und warm, er konnte mit Engelszungen sprechen, wenn er es wollte.
      Langsam trat er auf das schöne Geschöpf zu und ging vor ihm auf die Knie. Er berührte die Dame nicht, denn sie schien… verängstigt? Oder gar verzweifelt?
      Binnen einem Wimpernschlag nahm er alles an ihr wahr, die mit feinem Goldpuder bestäubte Haut, die funkelnden, traurigen Augen, die vollen Lippen, die zum Küssen einluden und die aufgeregt flatternde Halsschlagader. Sie war noch schöner als in seiner Erinnerung und ihr einmaliger Duft umhüllte ihn wie die Arme einer Liebhaberin.
      Er wollte sie. Sie sollte ihm gehören, nur ihm alleine. Freilich hätte er sich bei ihr rüpelhaft bedienen können, war er doch ein gefürchtetes Wesen der Nacht. Doch solch ein Verhalten widerstrebte ihm. Eine Frucht war schließlich viel süßer wenn sie einem reif in die Hände fiel, als wenn man sie bitter und mit Gewalt von einem Baum pflückte.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein
    • Coróna


      Ein oder zwei Wimpernschläge hatte es gebraucht, bis Grabesstille sich über Coróna und den Rest des Hauses gelegt hatte. Einzig und allein das Quieken einer Maus war zu hören, die vor der blonden Frau am Boden hin und her huschte. Sie wusste nicht, was sie tun sollte.
      Sollte sie aufstehen? Eines der Gemächer betreten und auf ihren Freier warten? War es einer? Waren es mehr? Würde überhaupt jemand kommen? War sie zurückgelassen worden, um als einzige heute zu dienen oder war sie als einzige zurückgelassen worden, um nie wieder zu dienen? Sie schluckte. Ungewissheit hatte ihr schon immer den letzten Nerv geraubt, doch in früheren Tagen war sie einfach zu einer ihrer Diener gegangen oder hatte die Bibliothek aufgesucht, um sich Informationen von ihren Spitzeln zu holen.
      Ratlos sah sie der Maus vor sich zu, wie sie aufgeregt ein paar Körner in der Ecke gefunden und Richtung Treppenabsatz verschwunden war. Das war's, selbst das letzte Untier verließ sie, dachte sie bitter, während ihre Lippen sich zu einem dünnen Lächeln zogen. Kaum, dass sie ihren nächsten Gedanken jedoch ausführen und aufstehen konnte, vernahm sie Schritte. Sie waren kaum zu hören, schienen fast über den Boden zu schweben und nur einige Male wirklich aufzutreten, aber es waren definitiv Schritte.
      Sachte kamen sie näher und das Tier, das zuvor die Richtung der Treppen eingeschlagen hatte, trat panisch rennend den Rückweg an. Die kleinen Krallen kratzten aufgeregt am Boden und sie konnte die Verzweiflung in den Augen des Tieres sehen, das wenigstens die Gelegenheit genutzt hatte, zu fliehen.
      Sie sah vom Treppenuaufgang weg, senkte den Blick und versuchte einzig und allein auf den Boden zu starren, als die Schritte vor ihr Halt machten. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
      Plötzlich drang die melodische Stimme eines Mannes zu ihr durch. Es durchfuhr sie wie ein Blitz, diese Frage. Sie klang charmant und besorgt, so, als würde er ihr nichts anhaben wollen und doch....
      Sie fühlte sie, die Dunkelheit, die ihm vorauseilte. Langsam, Atemzug um Atemzug, kroch sie an ihr hoch und zwang sie aus Neugierde anzusehen.
      Da kniete er.
      Direkt vor ihr.
      Der Mann vom Markt.
      Einige Augenblicke starrte sie ihn fassungslos an, ehe sie sich mit einem Wimpernschlag aufsammelte.
      Sie lächelte.
      "Ein Moment menschlicher Schwäche." Coróna lächelte ihn ruhig an, während sie nicht umherkam, seine Züge zu mustern und sich einzuprägen. Wer war dieser Mann? Furcht kroch durch ihre Knochen, ebenso wie das Verlangen ihn zu berühren.
      Ihre Fingerspitzen kribbelten, als sie die Hand hob, um genau das zu tun, doch bevor sie einen Fehler beging, besann sie sich eines Besseren und ließ diese wieder fallen.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Sie antwortete ihm mit überraschend ruhiger Stimme. Er hatte Angst erwartet, oder zumindest ein klein wenig Furcht. Schließlich wusste er um seine Ausstrahlung und gab sich auch keine Mühe, die dunkle Aura des Tieres zu verbergen. Zudem waren sie alleine, sie hatte gewiss den Aufruhr mitbekommen und dennoch… er bewunderte sie für ihren Mut. Fast hatte er gefürchtet sie wäre eine Enttäuschung, eines dieser schreckhaften Häschen, die lediglich als Vorspeise dienen konnten. Doch er war tatsächlich angenehm überrascht – und Überraschung war für solch ein altes Wesen wie ihn wirklich etwas seltenes.
      „Jeder hat Schwächen, doch die wahrhaft Starken wissen um die ihren.“, antwortete er und ein Lächeln umspielte erneut seine Züge.
      Wie in Zeitlupe folgten seine dunklen Augen ihren Fingern. Es schien fast so, als wolle sie ihn berühren, während sie es sich im letzten Moment anders überlegte. Zu schade. Ihre zierlichen Finger hätte er zu gerne auf seiner Haut gespürt.
      „Für Neugierde sollte man sich nicht schämen.“, sprach der Dunkelhaarige dann und kommentierte somit ihren Versuch ihn zu berühren. „Ist die doch die Quintessenz unseres Lebens.“ Er hielt ihren Blick einen Moment länger fest, ehe er sich erhob.
      „Komm, meine Schönheit.“, er hielt ihr gebieterisch die offene Hand entgegen. „Heute Nacht sollst du deine Neugierde stillen.“ So wie er seinen Hunger nach ihr stillen würde. Ob ihr dies gefallen würde? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch solch belanglosen Gedanken schenkte er keine Beachtung mehr. Er bekam immer, was er wollte, und auch heute würde es nicht anders sein. Vielleicht fanden so dann endlich seine Gedanken Ruhe, die sich seit der Begegnung am Markt fast pausenlos um diese mysteriöse, betörende Frau drehten.
      Was ihr Geheimnis war? Er würde es aufdecken und innerlich leckten sich beide Tiere vor Vorfreude die Lippen.

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      Und den Herzensbrecherwein
    • Coróna zuckte innerlich zusammen, als er sie dabei ertappte, wie sie ihn berühren wollte, doch ließ sie sich das nicht anmerken, sondern nickte sachte auf seine Worte hin und gab ihm damit ihre Zustimmung.
      "Ich gebe Euch Recht, durchaus, Herr. Wahrlich, ich kenne meine Schwächen und meine Stärken und dennoch ist es gleich. Eine Frau der Freuden vermag nichts damit anzustellen und alles, was sie je war oder je sein wird, abzulegen, solange sie zu dienen hat. Es ist ganz gleich, ob ich stark oder schwach bin."
      Mit einem Schulterzucken strich sie sich einige der wilden Strähnen, die ihr in die Stirn gefallen waren und raffte ihr Gewand, ehe sie mit einer eleganten Bewegung aufstand. Für einige Augenblicke hielt sie den Blick des Mannes vor sich, bevor sie sachte ihre Hand in seine legte und ihn auf die Beine zog. Er war schwerer als gedacht, aber nicht unmöglich. Zuerst zaghaft und dann entschieden, strich sie Staub von seinen Schultern ab, den er im dreckigen Hausgang mitgenommen haben musste.
      "Es war nicht Neugierde, die mich davon abhielt, einen fremden Mann zu berühren. Es war mein Verstand." Ein letztes Mal sah sie zu ihm auf, schenkte ihm ein Lächeln und schlich geschmeidig an ihm vorbei. Coróna lief es kalt den Rücken hinunter, als sie ihm eben diesen zuwendete. Sie fühlte seinen Blick an ihr haften, wie er sie ansah, voller Gier. Sein Blick und seine Gier waren anders. Sie brannten sich durch ihr Fleisch hindurch und entfachten ein kleines Feuer zwischen die kalten Trümmern ihrer Seele.
      Seine Gier löste in ihr eine Leidenschaft aus, die sie seit jeher nicht gefühlt hatte.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Auf ihre Worte hin legte Alexander leicht den Kopf schräg, so als müsse er nachdenken, ehe er halb zustimmend nickte. „Verzeiht mir meine Worte, aber ich denke nicht, dass es gleich ist.“ Er hielt ihren Blick fest. „Wenn Euch ein schwächeres Gemüt gegeben wäre, wäre es mir niemals möglich gewesen Euch zu finden.“
      Denn dann hätte sie sich mit Sicherheit bereits das Leben genommen, wie so viele andere Dirnen, die solch ein Leben nicht aushielten. Ob mit dem Strick, mit einer Schere an den Pulsadern oder mit einem Schlückchen Gift – die Varianten waren so vielfältig wie ein Baum Blätter, doch sie liefen alle auf das Gleiche hinaus.
      Als sie beide standen, beobachtete er zufrieden wie sie ihm den Staub von den Gewändern strich. Sie war fürsorglich, eine wahrhaft seltene Eigenschaft unter Freudenmädchen. Normalerweise waren sie nur auf ihr eigenes Fortkommen fokussiert.
      Als sie mit ihrem Gebaren fertig war, schlüpfte sie an ihm vorbei – wohl um in ihre Kammer zu gelangen. Mit aufblitzenden Augen und einem wölfischen Lächeln folgte Alexander ihr. Er war wie ein Jäger auf Pirsch und sie sein kleines Reh, in welches er nur allzu bereitwillig seine Fangzähne schlagen wollte.
      Endlich waren sie in ihren Gemächern angekommen und des Anstandes halber schloss er die schwere Holztür, obwohl sie alleine waren.
      „Es wäre köstlich, würdet Ihr Euren Verstand für heute Nacht ablegen, mein Täubchen.“, sprach er, als er sich wieder zu ihr umdrehte und mit langsamen Schritten auf sie zuging.
      Ohne die Spur der Zurückhaltung legte er ihr eine große Hand an ihre sanfte Wange. Bedrohlich nahe beugte er sich zu ihrem Gesicht, hielt aber noch Abstand, genoss das Prickeln, welches sich zwischen ihnen aufbaute. "Glaubt Ihr, wärt Ihr dazu in der Lage?", schnurrte er und wusste um seinen Charme.

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      Und den Herzensbrecherwein
    • Coróna hatte die ganze Zeit über die Schulter gesehen, als er ihr gefolgt war. Sie hatte es nicht ausgehalten und war nicht umhin gekommen, über die Schulter nach hinten zu blicken. Mit wehenden Haaren fuhr sie herum und blieb mitten im Raum abrupt stehen, als er mit wenigen Schritten den Abstand zwischen sich und ihr durchmaß. Für einen kurzen Moment hielt sie die Luft an, als er seine Hand auf ihrer zuvor noch kalten Wange platzierte. Gänsehaut überkam Coróna, ehe sie den letzten Zentimeter zwischen sich und ihm zunichte machte. Die goldenen Armreife klirrten abscheulich in ihren Ohren, als sie ihm eine Strähne aus dem Gesicht strich und den Arm um ihn schlang. Sein Atem striff erregend an ihren Lippen vorbei, während sein Blick sie völlig verschlang. Der Blick eines Wolfes, das gerade ein unschuldiges Schaf erblickt hatte. Sein Blick triefte vor Wollust und nahm sie mit.
      Sie hatte Angst.
      Dennoch lächelte sie an seinen Lippen:"Nie würde ich wagen, meinen Verstand abzulegen. Er ist nicht gesund - Gott bewahre! - doch ein treuer Begleiter. Mein verquerter Verstand ist es, nicht mein furchterregtes Herz, der mich euch sehen und als Mann und nicht einen einfachen Freier, erkennen ließ, auf dem Markt", raunte sie an seinen Lippen. Sie, bei vollem Bewusstsein, wollte ihn.
      Coróna legte ihre Hand auf die Seine an ihrer Wange, bevor sie sanft ihre Lippen auf Seine legte.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Ihr zierlicher Arm umschlang ihn und Zufriedenheit und Lust machte sich in ihm breit. Er wollte sie und dies ließ er sich auch anmerken. Er ließ sie nicht aus den Augen als sie sprach und von ihrem Verstand erzählte.
      „Mit Verlaub, ich denke ein umwölkter Verstand, hätte nicht die Wahrheit erkannt.“, raunte er mit tiefer Stimme. Ehe sich ihre sanften, vollen Lippen endlich auf die seinen legten. Es war ein vorsichtiger, leichter Kuss, den er zunächst genoss, jedoch war es ihm zu wenig.
      Nun umschlang er sie ebenfalls mit seinen Armen und würde sie so schnell nicht wieder loslassen, nicht heute Nacht.

      Irgendwann verfrachtete er sie beide mit Leichtigkeit auf die Kissenstätte. Ihr Duft, ihr Geschmack, all dies vernebelte seine Sinne und dies war ungewöhnlich für ihn. Noch nie… hatte er solch eine süße Frucht gekostet. In ihm reifte ein abscheulicher Gedanke daran, den er schon lange nicht mehr gedacht hatte.
      „Wärst du gerne die Meine?“, fragte er, doch er hatte sich schon längst entschieden. Sie war selten, eine seltene Kostbarkeit, die er nicht so einfach gehen lassen würde. Er war einfach schrecklich besitzergreifend und wenn jemand seine Neugierde erregt hatte, dann wollte er diese Person um alles in der Welt für sich haben.

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      Und den Herzensbrecherwein
    • Er hatte in ihr Leidenschaft entflammt. Als seine Arme sich ebenfalls um ihren Körper schlangen, presste sie sich etwas näher an ihm. Sie war eine Freudenfrau, doch hatte sie selbst dabei Freude gehabt, geschweige denn etwas auch nur Ähnliches wie eben erlebt. Nie hatte jemand seine Arme um sie geschlungen, nie hatte jemand auch nur einen Hauch Eloquenz ihr gegenüber gezeigt, davon abgesehen, dass nur wenige sich mit ihrer Dirne unterhielten oder überhaupt dazu in der Lage waren. Er jedoch, er verführte sie. Er sprach mit ihr. Er hielt sie im Arm.
      Sie ließ sich gehen, folgte ihm und schloss für einen kurzen Moment unter seinen Berührungen die Augen. Die Dunkelheit, die sie vor Augen sah, war eben jene, die auch diesen Mann umwob und sich wie ein Schleier ebenfalls um Coróna legte.

      Seine Worte rissen sie zurück in die Gegenwart, weg von ihren Gedanken und den Sachen, die sich vor ihren Augen abspielte. Zurück zu ihm. Coróna sah in den hinreißenden Abgrund seiner dunklen Augen, jene Iriden, die sie auch nun fragend durchbohrten. Dieses Mal zögerte sie nicht, nein. Sanft, jedoch bestimmt, strich sie seine Wange, bevor sie die Konturen seiner Lippen nachzeichnete und ihre gegen seine lehnte.
      "Oh, mein Liebster. Es dürstet mir nach Freiheit. Ich fürchte, ich kann nicht die Eure werden, denn ich gehöre nicht einmal mehr mir selbst", wisperte sie an seinen Lippen, während ihre Augen versuchten die Tiefen seiner Augen, seine Gedanken, zu ergründen.
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    • Sie sanften, zierlichen Finger, die seine Lippen nachzeichneten, lösten angenehme Schauer in seinem unsterblichen Körper aus. Noch nie hatte eine einzige Berührung genügt, um ihn derart in Verzücken zu versetzen. Was hatte diese blondhaarige Frau nur an sich, dass er ihr so zugetan war? Sie war doch immerhin nur eine weitere Sterbliche auf seiner Liste.
      Und doch… ihr Blick, die Farbe ihrer Augen, ihr einzigartiger Geruch und die wache Intelligenz, die er an ihr wahrnahm… all dies vervollständigte sich zu einem wahren Meisterwerk, dessen er unbedingt habhaft sein wollte.
      „Wählt weise, mein Täubchen.“, schnurrte er mit samtener Stimme. „Ein Leben in Freiheit, lediglich gebunden an eine einzige Person.“ Er beugte sich zu ihr hinab und seine Lippen verschmolzen mit ihren. Er schenkte ihr einen leidenschaftlichen Kuss. Sie entfachte einen Hunger in ihm, den er so von sich nicht kannte. „Oder ein Leben als Dirne, ohne Recht auf Freiheit oder die Unantastbarkeit des eigenen Körpers.“
      Wenn sie zustimmen würde – oder auch nicht – dann würde er sie in sein Geschöpf verwandeln. Seine Gedanken konnten nicht mehr ruhen, seit er diese Frau auf dem Markt erblickt hatte. Es war schon längst entschieden, unwichtig was sie antworten würde. Er würde ihr zur Unsterblichkeit verhelfen, er war zu selbstsüchtig, um sie nochmals gehen zu lassen.

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      Und den Herzensbrecherwein
    • Für einen kurzen Moment erstarrte sie unter seinem Blick. Da war er, dieser Blick, den sie von Anfang an erwartet hatte. Sein Lächeln war charmant und dennoch gefährlich. Da war sie, die Dunkelheit, die ihn umwoben hatte. Dieses wölfische, gierige Lächeln, die Leidenschaft, mit der sie küsste - sie verlor sich in ihm, in seinen Augen. Die dunklen Augen, die sie verschlangen und denen sie sich nur zu gern hingab.
      Ruhig hatte sie innegehalten und seinen Worten zugehört. Sie klangen wie Musik in ihren Ohren, seine Stimme war wie eins der alten Lieder, die ihre jüngeren Brüder gesungen und gespielt hatten. Nur einer Person gehören. Ein Leben in Freiheit.
      Coróna war nie naiver Natur gewesen, sie wusste nicht, was sie von dem Ganzen halten sollte, von ihrem Verführer und doch....
      Ein tiefer Seufzer entglitt ihren Lippen, als sie sich aufsetzte und mit klirrenden Armreifen die Arme um seinen Körper schlang.
      Sie wollte niemanden gehören, dachte sie. Nur mir selbst. Einzig und allein.
      Coróna hatte alles gesehen und alles erlebt. Ruhm, Reichtum, Kunst, liebevolle Menschen, Elend, Grausamkeit - selbst ein Hauch Leidenschaft. Nie war jemand liebevoller mit ihr umgegangen.
      In dieser Nacht wünschte sie sich mehr denn je zuvor, dass ihre eitle Existenz nun auch ein Ende fand. Sie wollte keinen weiteren Tag als Sklavin verbringen und keinen weiteren Tag jemandes Wollust stillen. Die ehemalige Tochter eines Marquis hatte aufgegeben. Für sie, eine verstoßene und vom venezianischen Staat verfolgte, gab es keine Freiheit - dennoch wollte sie frei sein.
      “La libertad, Sancho, es uno de los más preciosos dones que a los hombres dieron los cielos; con ella no pueden igualarse los tesoros que encierra la tierra ni el mar encubre; por la libertad, así como por la honra, se puede y debe aventurar la vida, y, por el contrario, el cautiverio es el mayor mal que puede venir a los hombres", hauchte sie in sein Ohr, ehe sie sich von ihm löste. Das trübe Grün ihrer Augen, die Farbe eines unergründlichen Sumpfes, war verschwunden. Ihr Blick erinnerte an funkelnde Smaragde, als sie in die Augen ihres Gegenübers sah.
      "Miguel de Cervantes hat Recht.
      Freiheit, [mein Wertester], ist eines der wertvollsten Geschenke, die der Himmel den Menschen gab. Damit können die Schätze, die die Erde und das Meer enthalten, nicht erreicht werden; Sowohl für die Freiheit als auch für die Ehre kann und muss man das Leben wagen, und im Gegenteil, die Gefangenschaft ist das größte Übel, das den Menschen widerfahren kann. Lasst mich frei werden."
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Fasziniert beobachtete der Dunkelhaarige das rege Mienenspiel seiner Geliebten. Zwischen Sehnsucht und Melancholie lag eine Bandbreite an Nuancen, die selbst er nicht alle zur Gänze erfassen konnte. Es war herrlich sie zu betrachten und dabei in seinen Armen zu halten. Er glaubte, er würde niemals müde werden sie anzusehen und sich an ihrer Schönheit zu laben.
      Noch nie hatte er gefühlt, was diese Frau in ihm auslöste und dabei kannte er sie doch nicht. Und trotzdem war es, als hätte seine finstere Seele nach ihr gerufen. Egal was sie antwortete, er würde sie zu der Seinen machen. Er konnte gar nicht anders.
      Mit angehaltenem Atem lauschte er ihren spanischen Worten. Spanisch war eine wundervolle Sprache und er hatte viele Jahre damit verbracht diese zu studieren. Wenn man mehrere Jahrhunderte alt war, musste man sich doch irgendwie die Zeit vertreiben.
      Ihre Iriden glichen nun hellen Smaragden, die selbst einen Sultan vor Neid erblassen ließen und Alexanders Augen hingen an den ihren wie ein Ertrinkender am Wasserschlauch.
      Und endlich, endlich sprach sie von Freiheit und den Schätzen, die dieses Gut niemals aufwiegen könnten. Zärtlich umfing er ihre Wange mit seiner großen Hand, ehe er sie sanft und behutsam küsste. Sie brauchte keine Angst haben, jedenfalls jetzt nicht.
      Küssend bahnte er sich nun einen weg über ihren schön geschwungenen Hals, über die flatternde Halsschlagader, bis hin zur richtigen Stelle an ihrer Haut. Ihr intensiver Geruch stieg ihm in die Nase und weckte eine dunkle, feurige Leidenschaft. Diese war nicht mit der Leidenschaft von Menschen zu vergleichen, sondern war die eines unersättlichen Tieres.
      „Für immer die meine, Geliebte.“, hauchte er noch an ihrem Hals, ehe er sich selbst auf die Zunge biss. Er schmeckte sein eigenes Blut, es war dunkel und schwer. Danach ließ er seine Lippen noch einmal über die Stelle an ihrem Hals gleiten, ehe er nicht mehr an sich halten konnte und seine nun sichtbaren Fangzähne mit einem zärtlichen und trotzdem vermutlich schmerzvollen Biss in die samtene Haut grub.
      Sofort erfüllte ihr heißes Blut seinen Mund und vermengte sich mit dem seinen. Sie schmeckte köstlich, süß und regelrecht berauschend. Er trank von ihr, nahm sie in ihrer Ganzheit in sich auf, gleichzeitig schenkte er ihr sein Blut zum Zeichen ihres Bundes. Ab sofort waren sie vereint durch eine gotteslästernde Tat und nichts und niemand konnte diesen Bund rückgängig machen. Er wollte sie besitzen, nur sie alleine. Er hatte noch niemals diesen Packt vollführt, sie war tatsächlich die erste.
      Langsam, nachdem er sich halbwegs sattgetrunken hatte, liebkoste er die Bissstellen an ihrem Hals mit seinen Lippen um ihr wenigstens etwas den Schmerz zu nehmen. Dann löste er sich etwas von ihr, um ihr in die Augen zu blicken.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein
    • Wie in Zeitlupe verfolgte sie jeden seiner Atemzüge, während seine Berührungen die Ihren raubten. Sein Atem an ihren Lippen, während seine Hände über ihrer Haut führen - an jeder Stelle, wo auch nur ein Hauch seiner Berührung lag, brannte auf ihrer Haut.
      Für immer die Meine, Geliebte. Deine Worte brannten sich wie Feuer durch ihre Seele, so, wie ein Stück Pergament unter der Hitze, der Leidenschaft und dem Tödlichen einer Flamme, letztendlich zu Asche wurde. Sie schloss die Augen. Corónas Lippen formten seine Worte nach. Nie war sie naiver Natur gewesen und würde es niemals sein, ja. Das hatte sie sich zuvor geschworen, bevor sie ihren Entschluss gefasst hatte und doch - naiver hätte sie nicht sein können, als dem Glauben zu schenken. Völlig verschlungen von der Aura dieses Mannes, getrieben von seinen süßlichen Worten und den rabenschwarzen Augen, hatte sie sich ihm hingegeben. Nie, niemals!, hätte sie gedacht, dass ihr Freifahrtschein für ewige Schönheit und ihr belanglos versprochene Freiheit, die Sklaverei ihrer jämmerlichen Seele bedeutete.
      Kaum, dass er sich von ihren Lippen gelöst hätte, öffnete sie die Augen, aus Furcht, er würde gehen. Aus Furcht, er habe den Entschluss gefasst zu gehen. Die blonde Kurtisane blickte ihm zuerst fragen aus ihren smaragdgrünen Augen entgegen, ehe sie die scharfen Zähne in der Dunkelheit aufblitzen sah. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, wusste nicht einmal etwas, da war es schon geschehen. Sie spürte den Schmerz, der ihren Körper durchfuhr, als er seine Zähne tief in ihrem Fleisch grub. Coróna blieb nichts anderes, als sich an ihm festzukrallen, den Schmerz über sich ergehen zu lassen. Nie war sie abergläubisch gewesen, geschweige denn, dass sie auch nur einen wertvollen Gedanken ihrer Existenz an etwas völlig Unmöglichen verschwendet hätte. Da war sie - die Angst. Sie spürte, wie die Angst, Coróna selbst übertrumpfte, wie sie an ihr entlangkroch. Sie spürte die knochigen, dürren Finger ihrer Furcht, wie sie ihren dünnen Hals umschlossen und ihr den Atem raubten. Ihr Herz verkrampfte sich, kaum, dass er von ihr abließ. Sie fühlte es, wie sein und ihr Blut entlang ihres Halses floss, dachte über ihr Schlüsselbein strich und in dem roten Gewand aus Seide verschwand. Unter seinem musternden Blick stand sie abrupt auf, fuhr mit wehenden Haaren und Gewändern herum, ehe sie taumelnd gegen das Fensterbrett hinter sich stieß.
      "Fahrt zurück zur Hölle", fauchte Coróna, ehe sie fühlte, wie das letzte klägliche Gefäß in ihrem Körper zu funktionieren aufhörte. Unermessliche Dunkelheit, ebenso auch die verführerische und letztendlich doch tödliche Dunkelheit aus den Augen ihres Gegenübers, zierten das Gesicht der Kurtisane, bevor sie in den blutigen Gewänder zusammenbrach.
      Coróna Aurelia de Bedmar, geboren im Jahre 1592 in Granada als Tochter des Marquis von Bedmar, verstorben im Jahr 1619 in Algier.


      Coróna fuhr schweißgebadet hoch.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Alexander konnte es viel eher fühlen, als dass er es sah. Ihr wunderschöner Körper, der unter seinen Berührungen so samtig weich geworden war, versteifte, ja verkrampfte sich regelrecht. Ihr Blick, der so smaragdgrün geschimmert hatte, verschleierte und wurde gar stechend hart. Sie stand abrupt auf und floh regelrecht vor ihm.
      Und dann ergossen sich die altbekannten Worte über ihre Lippen, die er schon so oft vernommen hatte. Er sollte in die Hölle fahren und dies entlockte ihm lediglich ein wissendes Lächeln.
      „Nur mit Euch an meiner Seite, meine Geliebte.“, antwortete er und blickte aus zufriedenen Augen zu, wie sie ihren letzten Atem aushauchte. Quälend langsam stand er auf, ehe er ihr liebevoll zu ihr wandte und sie auf seine Arme hob. Er würde dafür sorgen, dass sie gut versorgt werden würde. Er hatte ihr die Freiheit versprochen und dieses Versprechen wollte er auch einhalten.
      Er würde sie mit Geld und Besitz, einem Haus und allem versorgen, was es einer Frau erlaubte ein zufriedenes Leben zu führen. Und dennoch würde das unauslöschbare Band zwischen ihnen ab sofort fortbestehen bis selbst die Ewigkeit in Sternenstaub verglühte.


      Gehetzt lief Marie-Kristin durch die Straßen der lauten Stadt. Überall duftete es nach Gewürzen oder Essen und laute Rufe schallten über den Marktplatz. Ihr blondes Haar hing ihr in etwas wirren Strähnen ins Gesicht, doch sie achtete nicht darauf. Sie musste sich beeilen, wenn sie mit dem Einkauf für ihre Herrin alsbald fertig sein wollte. Es war bereits spät, das wusste sie, sie hätte sich nicht so lange damit aufhalten sollen um nach den neusten Stoffen der fliegenden Händler zu suchen. Sie hätte schon längst wieder zurück sein sollen um sich weiter mit dem Haushalt zu beschäftigen oder sonst eine Aufgabe ihrer Herrin zu erfüllen.
      Sie presste die Lippen zusammen, damit sich ihre Füße schneller bewegten, es half nur bedingt. Sie hoffte, sie würde nicht zu viel Ärger auf sich ziehen.

      (hoffe das passt so?)

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein
    • 1719, Algier.

      Coróna schritt zum Fenster, warf ihre bedingt zusammengebundenen Haare über die Schulter, ehe sie auf das alltägliche Leben blickte. Da waren sie, diese Geschöpfe, die Elend und Vergänglichkeit verkörperten. Nicht, dass Elend etwas war, was nur einem Geschöpf zuzuschreiben war, denn sie selbst war das Ebenbild von Elend - einer anderen Art Elend.
      Immer wieder, in Momenten der Ruhe, hörte sie seine Stimme im Kopf und sah sich Naivchen nicken, als Alexander ihr die Freiheit versprochen hatte. Wie ein Schaf, hatte sie sich von der Weide anlocken lassen, hinaus, in den tiefen Wald, auf der Suche nach Freiheit. Dort hatte er auf sie gewartet, das Geschöpf der Nacht, hatte ihr zugeredet von Freiheit und Macht, ehe er seine Zähne in ihr Fleisch grub.
      Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an dieses Gefühl dachte. Das Gefühl, wie das Leben, das sie so sehr hasste, ihr zwischen die Finger rann, wie sich langsam ihre arme Seele löste und das Nichts sie einholte. Für einen kurzen Augenblick hatte sie gar Hoffnung gespürt, dass die Freiheit, die er ihr schenkte, das allmächtige Nichts sei, der Tod.
      Doch nur wenige Augenblicke später war sie hochgefahren und auferstanden, zu nichts als einer Sklavin der Ewigkeit.
      Sie verdrehte die Augen und nahm noch einen Schluck aus dem goldenen Kelch, dessen Inhalt mit dem lieblichen Blut einer ungeziemten Dienerin gefühlt war. Genug. Sie hatte heute bereits genug Gedanken an den Hybrid verschwendet, den sie seit über 50 Jahren nicht zu Gesicht bekommen hatte. Für immer die Meine, für immer an meiner Seite - Pah! Auf ihren Fuß mit seinen Lügen!
      Geräuschvoll stellte sie diesen ab, fuhr herum und sah zwischen Tür und Stand der Sonne hin und her.
      "Sie ist zu spät", lächelte sie vor sich hin, immer noch auf ihre kleine Dienerin wartend. Wie gern sie dieses zerbrechliche Geschöpf hatte!

      Evan zog die schwarze Kapuze tief ins Gesicht, versuchte die weißen Haare so gut es ging zu verdecken und nicht weiter aufzufallen.
      Kaum, dass er das Schiff verlassen hatte, das ihn hierher gebracht hatte, war er mit einem dieser unmöglichen Händler, die einem selbst Staub anzudrehen versuchten, zusammengestoßen.
      Das Ganze hatte in einem Wortgefecht zwischen zwei Welten geendet. Es sollte ihm eine Lehre sein, dass der intellektuelle Tod nicht dafür bestimmt war, sich mit dem Banditenvolk von Kaufmännern anzulegen. Letztendlich hatte das Wortgefecht Ausmaße angenommen, dass das arme Menschenvolk sich aus Neugier und weil sowieso nichts spannendes in deren Leben ereignete, um den Kaufmann und dem Gevatter herum versammelt. Die gaffende Menge hatte ihm Unbehagen bereitet, weswegen er sich schnell dazu entschieden hatte, die Mauer aus starrenden Menschen mit Wucht zu durchbrechen und preschte hindurch.
      Gedankenverloren über den Vorfall, der ihm wahrscheinlich eine Menge Ärger einbringen würde, streifte er gedankenverloren durch die verschmutzten Gassen der östlichen Stadt.
      Warum?, dachte er bitter. Warum hatte man ihn hierher geführt, um eine besondere, verlorene Seele einzufangen? Sie waren hier alle gleich verdammt und verloren, es war als würde er nach einer Nadel im Heuhaufen suchen.
      Derart wütend, stieß er leise einen Fluch aus und bog in die nächste Straße ein, als er fast mit einer Frau zusammengestoßen wäre.
      Abrupt, so schnell wie er nur konnte, wich er dem Menschenmädchen aus, um es nicht zu berühren, riss dabei ihren Korb zu Boden und prallte mit dem Rücken gegen die Wand.
      Gott, warum hatten es alle nur so eilig hier!, fluchte er erneut und sah auf die junge Frau, die wie ein verschrecktes Reh vor ihm stand und auf den verstreuten Inhalt am Boden sah.
      "Verzeihung", murmelte er mehr schlecht als recht und stand weiterhin kerzenhaft und planlos vor ihr.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Rund 100 Jahre war es her, seit Alexander seine Auserwählte gefunden und zu der Seinen gemacht hatte. Als wäre es gestern gewesen, konnte er sich an den Tag genau erinnern. Immer noch spürte er den Geschmack ihrer Lippen auf den Seinen und immer noch brachte die Erinnerung daran sein Blut in Wallung.
      Die ersten 50 Jahre hatte er in ihrer Nähe verbracht, auf sie aufgepasst und sie nicht aus den Augen gelassen. Danach hatte er sich zurückgezogen, als sie ihr neues Leben im Griff gehabt hatte. Weitere 50 Jahre waren ins Land gezogen. Er hatte ihr die Freiheit geben wollen, die er ihr versprochen hatte. Doch er hatte nicht bedacht, was solch eine Verbindung auch in ihm anrichten könnte.
      Nichts konnte seinen Durst mehr stillen. Jedes Blut – egal ob Frau, Mann, Kind oder Tier – schmeckte gleich und hielt ihn lediglich am Leben. Doch wirklich sättigen konnte es ihn nicht. Er träumte von ihr, er verzehrte sich nach ihr und heute war der Tag gekommen, an dem er diese Trennung nicht länger aushielt.
      Gedankenverloren blickte er von der Klippe in die Stadt, in welcher er ihre Anwesenheit spürte. „Du kannst dich nicht länger vor mir verstecken, meine Teure.“, murmelte er und ein lüsternes Lächeln zierte seine wie gemeißelt wirkenden Lippen. Er würde sie wiedersehen, bald schon, dafür würde er sorgen.

      Oh ihre Herrin würde böse mit ihr sein, das wusste Marie-Kristin. Sie spürte es in jedem Knochen in ihrem Leib. Sie konnte nur hoffen, dass die feinen Stoffe die sie erworben hatte, sie ein wenig milder stimmten. Sie war immer so schrecklich verträumt, ließ sich von schönen Dingen ablenken und hatte gänzlich die Zeit drüber vergessen. Sie war ein törichtes Ding und ihre Herrin würde ihr zurecht grämen!
      Sie bog in die nächste Seitenstraße ein, als sie etwas Großes vor sich aufragen sah. Sie konnte nicht mehr anhalten, doch die andere Person wich zum Glück rechtzeitig aus. Nur ihr Korb flog im hohen Bogen durch die Lüfte und verstreute seinen Inhalt auf dem schmutzigen Boden.
      Erstarrt blickte Marie erst die Person, dann ihre Waren an, dann wieder die Person. Sie sank in einen tiefen Knicks und senkte anmutig den Kopf, ganz so wie sie es von ihrer Herrin gelernt hatte. „Verzeiht meine Unachtsamkeit, Herr.“, beeilte sie sich zu sagen, ehe sie sich den Waren zuwandte.
      Mit schnellen und geschickten Handgriffen packte sie ihr Hab und Gut ein. Es war nur Staub, diesen konnte man glücklicherweise problemlos herauswaschen. Im Anschluss richtete sie sich wieder auf und blickte noch einmal zu der Person. Sie stockte.
      Die Kapuze des Fremden war etwas verrutscht und gab den Anblick auf ein traumhaft schönes Gesicht frei, welches von weißen Haaren perfekt umrahmt wurde. „Herr, Euer Haar…“, fing sie an und schüttelte fasziniert den Kopf. „Mitternachtsblau würde Euch hervorragend stehen. Es wäre nicht so… hart wie schwarz.“, meinte sie und deutete auf den dunklen Umhang.
      Und ohne auf ihr plapperndes Mundwerk zu achten, sprach sie schon weiter. „Ich könnte Euch morgen bei der Suche nach einem Stoff behilflich sein, wenn Ihr wünscht.“ Sie würde morgen ohnehin wieder auf dem Markt sein und bot gern ihre Hilfe dieser schönen, fremden Person an. Marie-Kristin war schrecklich naiv und wäre ohne die schützende Hand ihrer Herrin vermutlich schon längst Sklavenhändlern ins Netz gegangen.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein
    • Noch eine Weile war sie an derselben Stelle verblieben und hatte auf die Tür gestarrt, in der Erwartung, dass ihr kleine Dienerin jeden Augenblick die Tür aufreißen würde. Auch wenn sie streng mit Marie - sie sprach nie ihren vollen Namen aus - war, so tat sie dies mehr aus Fürsorge und weil sie es nicht ertragen konnte, jeden Tag diesen Bündel Naivität, Unachtsamkeit und Freude um sich zu haben, ohne es zu tadeln. Es erinnerte sie zu sehr an sich, an die Frau, die sie gewesen war. Nichts weiter als ein kleines Naivchen, das im wahrsten Sinne des Wortes, mit dem Silberlöffel im Mund aufgewachsen war. Und dennoch, hatte man den kleinen Vogel mit dem Zweitnamen Aurelia aus dem goldenen und sicheren Käfig gerissen und auf die Welt losgelassen, man hatte sie von Stadt zu Stadt verkauft, wie die Schmuckstücke und Stoffe, die sie damals vorgelegt bekommen hatte. Ein Gegenstand, nichts weiter.
      Alexander war trotz ihrer Missgunst anfangs bei ihr geblieben und einige Zeit hatte sie sich innerlich sogar an seine Nähe gewöhnt, doch auch er hatte sie im Stich gelassen, obwohl das Band zwischen ihnen fortbestehen blieb. Der Wolf hatte einen großen Fehler begangen und damit nicht nur sie, sondern auch sich selbst an Coróna gebunden. Es war unerträglich. Manchmal fuhr sie Nachts hoch, da sie Bilder träumte, die er womöglich zuvor erlebt haben muss, sie sah, wie der Wolf anderen die Kehlen aufriss. An anderen Nächten tigerte sie unruhig durch ihre Gemächer, da sie sich nach ihm und seiner Nähe sehnte und wiederum gab es Zeiten, die ihren Durst nicht stillen konnten. Sie ernährte sich von erstklassigem Blut, sie liebte es, ihre neuen Täubchen anzuzapfen und gar liebte sie die Tortur, die manche über sich ergingen ließen. Aber so war das nun einmal. Wer ganz unten in der Nahrungskette war, hatte verloren. Es hatte Zeiten gegeben, da war Coróna nicht einmal mehr Teil der Nahrungskette, doch seit sich ihr die Chance geboten hatte, aufzusteigen, hatte sie diese letztendlich genutzt. Jetzt war sie an der Macht, sie war ganz oben und sie könnte noch weit drüber stehen, wenn es nicht ihn gäbe.
      Frustriert warf sie sich auf ihre Sänfte und streifte das rote Gewand von ihren Schultern. Die Sonne hatte ihre Position am Himmel bereits geändert, der Spätnachmittag fand sein Ende. Gelangweilt beobachtete sie das Spiel der fahlen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Vorhänge erkämpften – ein Schauer lief ihr über den Rücken.
      Mit wehenden Haaren fuhr sie hoch und riss das Fenster auf. Dieses Gefühl, es brannte sich durch ihre Haut.
      Sie spürte sie, seine Anwesenheit. Er war wieder da.


      Überfordert über die aufeinanderfolgenden Ereignisse, beobachtete er das hektische, kleine Menschenwesen. Ihrem Aufzug nach zu urteilen und dem Gesichtsausdruck bloßer Angst, war es nicht schwer für Evan zu erkennen, dass es ein Dienstmädchen war. Ein Dienstmädchen in Eile, das die Stoffe ihrer Herrin in Staub getaucht hatte.
      Zugegeben, er musste ein wenig über das Unglück des Mädchens und den seltsamen sozialen Ungleichheiten in der Menschenwelt schmunzeln. Es amüsierte ihn, wie sie hastig ihren Knicks vollbrachte und die Stoffe rasch wieder in den Korb steckte.
      Dass ein kleines Wesen mit so zarten und kleinen Händen, so schnell eine Arbeit verrichten konnte, respektierte er, obwohl Evan gezwungen war, sich weiter an die Wand zu pressen, während sie vor ihm hin- und herhuschte. Nicht, dass das Menschenmädchen ihn noch berührte!
      Gedankenverloren lehnte er an die Wand und beobachtete ihr Treiben, stellte zu seiner Missgunst ebenfalls fest, dass wieder einige Gaffer ihren Weg vom Marktplatz zu ihnen gefunden hatten. Angewidert starrte er die Menge so lange an, dass er nicht einmal ihre Worte vernommen hatte.
      Erst als er wieder auf das Mädchen und ihren abwartenden Gesichtsausdruck sah, realisierte er, dass sie mit ihm gesprochen hatte.
      Evan analysierte das Gesicht des Menschenmädchens und versuchte darin zu ergründen, was sie wohl zu ihm gesprochen hatte.
      Er hatte keine Ahnung, denn sie beendete ihren Satz mit einer Anmerkung zu seinen Wünschen? Hm.
      "Könnt Ihr mir helfen eine verlorene Seele zu finden?", fragte er geradeheraus und hob eine Braue, die er schnell wieder sinken ließ.
      "Nein?" Er hatte ihre Antwort gar nicht erst abgewartet.
      "Dann solltet Ihr lieber Eures Weges gehen, denn wenn Ihr Euch nicht beeilt, wird Eure Herrin Euch sicherlich den Hals umdrehen, Kleines."
      Evan schenkte ihr ein diplomatisches Lächeln und nickte in Richtung des Weges vor Ihnen:"Da lang, die Gaffer haben uns bereits umzingelt", flüsterte er.
      Ohne ihre Reaktion abzuwarten oder sich ihre Worte anzuhören, setzte er seinen Weg fort und zog die Kapuze, die verrutscht war, wieder tiefer ins Gesicht. Die verdammten Haare hatte sie wohl gesehen.
      Wir sind alle Staub und Schatten
    • Mit langsamen, gemächlichen Schritten durchquerte er das große Tor der Stadt. Die Wachen hatten nur einen Blick auf ihn werfen müssen, um ihn ohne Weiteres Einlass zu gewähren. Wie immer war er prächtig gekleidet, auch wenn seinem Gewand die langen Reisen nicht wirklich guttaten. Er würde sich dringend waschen und umkleiden müssen, so konnte er sich nicht vor seiner Geliebten zeigen.
      Vielleicht war manch einer irritiert von ihm, denn er versprühte ganz klar die Aura eines adeligen, gar eines Fürsten oder noch besser, die eines Königs! Doch er reiste stets alleine und zu Fuß. Er mochte es die Welt unter seinen Füßen zu spüren und konnte sich nur ohne nervende Begleitung zum Wolf wandeln wann immer er wollte.
      Natürlich war er den Menschen weit überlegen, er war wohl eine der mächtigsten Kreaturen, die auf diesem Planeten wandelten. Doch er hatte die Erfahrung gemacht, dass es seinen Machenschaften und Intrigen weitaus dienlicher war, wenn er seine wahre Natur verbarg. Er liebte die Stille und Menschen hatten nun mal die Eigenheit, alles anzugreifen was ihnen gefährlich werden konnte. Nun, bei ihm hatten sie auch gar nicht so unrecht. Doch genau aus diesem Grund verbarg er sein wahres Wesen und dies würde auch heute so bleiben.
      Zielsicher steuerte er ein Gasthaus an, welches sicherlich ein Zimmer mit Waschzuber für ihn erübrigen könnte. Wie herrlich es war, wenn man genug Gold und Edelsteine besaß, um diese ganze verdammte Stadt zu kaufen.
      Nicht mehr lange, Geliebte, und du gehörst wieder mir, versprach er sich in Gedanken und konnte seine Vorfreude kaum im Zaum halten.

      Der adelige Mann – oh mit diesen aristokratischen Gesichtszügen war er zweifelsohne von hoher Geburt – blickte Marie-Kristin einen Augenblick irritiert an. Er hatte ihr sichtlich nicht zugehört doch dies war die Dienstmagd gewohnt. Selten hatte sie etwas Wichtiges zu sagen, ihre Worte verhallten zu oft ungehört im Wind.
      Doch zu ihrem Erstaunen richtete er eine sehr verwirrende Frage an sie, sprach von einer verlorenen Seele. Nun, waren das in dieser Stadt nicht so gut wie alle? Die Menschen fürchteten sich vor ihren eigenen Schatten, flüsterten Geschichten über Monster oder vertrieben sich ihre spärliche Freizeit mit Wollust, Essen und Gesang.
      Doch zu einer zufriedenstellenden Antwort würde Marie ohnehin nicht kommen, noch ließ es der fremde Herr zu. Er riet ihr sich zu beeilen und mit seinen Worten fiel ihr auch ihre Herrin wieder ein. Oje, oje, sie war sicher fuchsteufelswild!
      Sie nickte ihm zu, dem Mann mit dem Haar wie Sternenlicht, und eilte weiter in die Richtung, die er ihr gewiesen hatte. Und sie wäre töricht, würde sie seinen Worten keine Beachtung schenken. So eilte sie weiter, presste den Korb fest an sich, bis sie schließlich endlich das Anwesen ihrer Herrin erreichte.
      Schnell streifte sie die schmutzigen Schuhe in der Eingangshalle ab, ehe sie zielgenau das große Gemach ihrer Dame ansteuerte. Sie klopfte artig und trat dann ein.
      „Herrin, bitte…“, fing sie an und stockte. Corona hatte ihr rotes Gewand von ihren Schultern gestreift und die makellose Schönheit dieser Frau brachte Marie immer noch um den Verstand. Sie glich einer Göttin, getaucht in den kräftigen Farben der untergehenden Sonne. Jeder Mann könnte sich glücklich schätzen sie als Gemahlin zu haben, doch bisher hatte sie all die Anträge abgewehrt. „…bitte verzeiht mein spätes Erscheinen. Die Stoffe waren so herrlich, ich habe mir Mühe gegeben eine Auswahl zu treffen die Eurem Teint schmeichelt. Es war nicht leicht zu verhandeln, der Händler war… und dann bin ich noch gegen einen Mann mit Haaren wie Sternenseide geprallt und die Stoffe… ich wasche sie sofort, wenn Ihr wünscht. Ihr sollt nicht den Staub der Straße auf Euren Fingern spüren.“, sprudelte alles aus ihr heraus.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein