Das Flüstern der Dunkelheit (Fluffy, Trash & Sheireen)

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    • Das Flüstern der Dunkelheit (Fluffy, Trash & Sheireen)

      Vorstellung: Das Flüstern der Dunkelheit (Trash, Fuffy & Sheireen)
      @Trash
      @Fuffy

      Kharian Oriki

      Der Schweiß tropfte Kharian von der Stirn, welchen er mit dem Ärmel seines Hemds abwischte. Seufzend lehnte er sich auf seine Harke und blickte auf die getane Arbeit.
      "Nicht schlecht für einen Tag, was Aymar?", fragte der Rothaarige seinen großen Bruder, welcher ein paar Fuß von ihm entfernt stand und weiterhin den Boden mit der Harke bearbeitete. Sein Bruder unterbrach seine Arbeit, streckt seinen Rücken durch und schaute sich ebenfalls das Feld an.
      "Joa, es geht. Wir müssen uns allerdings ein wenig beeilen, wenn wir noch den Zaun reparieren wollen." Typisch Aymar, nie konnte er etwas positiv sehen, an allem hatte er etwas auszusetzen, Kharian konnte ihn einfach nie zufriedenstellen. Grummelnd machte der Rothaarige sich wieder an die Arbeit, auch wenn er am Liebsten aufhören und nichts tun würde. Doch diesem Verlangen konnte er nicht nachgehen, da gestern eine der Kühe seinem Vater auf den Fuß getreten war. Der Boden musste gelockert werden um anschließend die Saat darin zu verteilen. Kharian beneidete alle Bauern, welche für diese schwere Arbeit einen Bullen besaßen. Er hatte leider nicht das Glück in eine Familie geboren worden zu sein, die sich einen leisten konnten. Allerdings stimmte dies den Jungen nicht traurig, im Gegenteil sogar. Im Vergleich zu anderen Familien hatte er es mit seiner sehr gut. Der Rothaarige war Sohn liebevoller Eltern, denen nur ab und zu die Hand ausrutschte. In solchen Fällen war die Bestrafung jedoch gerechtfertigt. Zudem war sein großer Bruder zwar schwer zufriedenzustellen, besaß dafür aber ein großes Herz, achtete gut auf seine Geschwister und übte mit Kharian den Schwertkampf. Diesen natürlich mit Holzschwertern, damit sich keiner ernsthaft verletzen konnte.
      Kharians Arme schmerzten von der Arbeit, doch er beklagte sich nicht. Er war froh überhaupt eine Arbeit, Essen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Einmal war er mit seinen Eltern in einer großen Stadt gewesen, welche mehr als eine Woche zu Pferd entfernt lag. Dort verkauften sie ihre Ernte auf einem großen Markt. Der Rothaarige freute sich immer, wenn sie dorthin fuhren, denn die Stadt wirkte viel lebhafter als sein kleines Dorf. Allerdings sah er in der Stadt auch viel Leid, welches jedes mal sehr traurig stimmte. Zu gerne würde er die Menschen, welche kein Zuhause hatten, bei sich aufnehmen und ihnen Essen geben. Doch der Ertrag der Ernte reichte geradeso um die Farm am Laufen zu halten. Ein hungriges Maul mehr könnten sie sich leisten, doch alle Bettler aufzunehmen lag nicht im Rahmen seiner Möglichkeiten.
      "Kharian, hör auf zu träumen!", wies Aymar ihn zurecht. Er hatte wohl wieder zuviel geträumt und dabei seine Arbeit vergessen.

      Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als die beiden Jungs endlich fertig waren. Nun mussten sie nur noch die Runen im Zaun kontrollieren. Eigentlich war dies nicht nötig gewesen, doch seine Mutter war sehr abergläubisch. In den letzten Tagen ging das Gerücht um, dass die Dämonen zurückgekehrt waren. So ein Quatsch. Jeder weiß doch, dass sie vor vielen hundert Jahren ausgerottet wurden. Die Menschen haben den Krieg gewonnen, es gibt keine Dämonen mehr. Dennoch kamen sie der Bitte ihrer Mutter nach, damit sie sich sicherer fühlte. Als sie auch mit dieser Aufgabe fertig wahren kehrten sie zu ihrem Haus zurück. Ihr Vater, welcher sich durch seine Verletzung mit einer Krücke bewegte, war gerade dabei die Tiere zu füttern. Kharian musste an die Kräutersammlerin denken, welche seine Verletzung behandelt hatte. Ihr Name war Lira und sie war sehr begabt im Richten von Knochen, was seinem Vater sehr zugute kam. Laut ihrer Fachkunde war der große Zeh ihres Vaters gebrochen, wodurch er eine Weile nicht mehr mit dem Fuß auftreten konnte. Das Dorf hatte wirklich Glück gute Kräutersammlerinen zu haben. Anderswo wurden diese Frauen immer noch als Hexe beschimpft und verfolgt, wobei an ihrer Heilkunst nichts magisches war. Sie kannten sich lediglich gut mit Kräutern aus und wussten, wie man einen Menschen richtig anpacken musste, um ausgekugelte Gelenke wieder einzurenken und gebrochene Knochen zu richten. Da war keine Magie im Spiel, nur Fachwissen. Doch anscheinend brauchen die Leute, seit es keine Dämonen mehr gibt, etwas vor dem sie Angst haben können.
      Kharian zuckte erschrocken zusammen, als er von der Seite angestupst wurde.
      "Woran denkst du schon wieder?", wollte sein großer Bruder von ihm wissen. Die ganze Familie war am Tisch versammelt und aß gerade zu Abend. Kharian schaute nach unten auf seinen Teller und bemerkte, dass er bereits Suppe auf seinen Löffel getan hatte, allerdings vergessen diesen in seinen Mund zu schieben.
      "Ich.. äh ... an Kräutersammlerinnen", gab er seine Gedanken preis und fuhr fort zu Abend zu essen. Aymar grinste nur und gab keinen Kommentar dazu.
      "Üben wir morgen wieder mit den Schwertern?" Aymar liebte es, mit den Holzschwertern seinen kleinen Bruder im Kampf zu besiegen. Obwohl es nicht echt war legten die Jungs sich jedes Mal ins Zeug und dachten sich sogar Geschichten dazu aus. Schon wieder in seine eigenen Gedanken versunken nickte Kharian nur kurz und widmete sich wieder seiner Suppe.

      Am nächsten Morgen war Kharian früh wach um die Tiere zu füttern. Die Sonne war gerade erst dabei aufzugehen, als er den Futtereimer vor die letzte Milchkuh stellte. Heute würde er mit ein bisschen Ernte auf den Marktplatz im Dorf gehen, um dort seine Ware zu verkaufen. Normalerweise übernahm sein Vater diese Aufgabe, doch im Augenblick sollte dieser sich so wenig wie möglich bewegen. Deshalb belud Kharian den Wagen, spannte das Pferd davor und machte sich auf den Weg. Eigentlich würde er seinen Bruder mitnehmen, doch dieser wollte noch ein paar Einkäufe erledigen.
      Der Weg zum Marktplatz dauerte nicht lange, obwohl sein Hof sich am Rande des Dorfes befand. Er war höchstens zehn Minuten unterwegs, als er den Wagen schon wieder anhielt und von ihm abstieg. Das Pferd band er an einen nahe stehenden Pfosten an, damit es nicht weglaufen konnte. Anschließend machte er sich daran die Ware vom Wagen auf seinen Stand zu hieven. Dabei achtete er darauf, dass er das Gemüse schön präsentierte, damit es besser verkauft wurde. Diese Strategie hatte er in der nächst größeren Stadt gelernt, weil es dort viel mehr Konkurrenz gibt. Hier gibt es nur zwei andere Bauern, welche jedoch anderes Gemüse anbauen als er. Somit hatte er hier keine Konkurrenz. Zudem besaßen sie noch drei Milchkühe und ein paar Hühner, wodurch sie noch Milch und Eier verkaufen konnte.
      Erneut in seinen Gedanken versunken setzte der Rothaarige sich auf seinen Stuhl und wartete, dass Kunden kamen um seine Ware zu kaufen.
      Wir leben zu sehr in der Vergangenheit, haben Angst vor der Zukunft und vergessen dabei völlig, die Gegenwart zu genießen.
    • Mirai & Lira Bäcker

      Das Feuer im Kamin flackerte und tauchte die große Hütte der Kräutersammlerinnen in ein sanftes Rot. Lächelnd saß Mirai auf dem schlichten Holzstuhl und konzentrierte sich auf ihr Notizbuch. Lira hatte sie heute wieder einmal gebeten, eine neue Rune abzumalen und somit ihre kleine Sammlung zu erweitern. Mirai selbst war sich nicht sicher ob ihre kleine Schwester tatsächlich am verrotteten Holzzaun der alten Mühle eine neue Rune entdeckt hatte, oder es eine bereits bekannte war, die durch Verwitterung und Abrieb einfach eine neue Form entwickelt hatte.
      Doch die Braunhaarige wollte keine Spielverderberin sein, und hatte sie brav zur Mühle begleitet. Dort hatte sie ein Blatt Papier auf das Sigel gelegt und es exakt nachgezeichnet. Nun nahm sie sich Zeit, die Form schön mit Tinte und Federkiel in ihrem Grimoire zu verewigen. Das kleine Buch war ihr ganzer Schatz, wo sie all ihr Wissen über Kräuter und auch die geliebten Runen ihrer Schwester notiert hatte.
      Kurz flatterten ihre Gedanken zu jenem Tag, an dem ihre jetzige Meisterin vor ihrer Tür gestanden war. Mirai hatte geöffnet und war erst erschrocken zurückgewichen. Mathilda war alt und zänkisch, bekannt für ihr großes Wissen und doch keine angenehme Zeitgenossin. Das ganze Dorf respektierte und fürchtete sie zugleich. Sie hatte den beiden Mädchen gar keine Wahl gelassen und gefordert, dass sie bei ihr in die Lehre gehen sollten. Ihr Vater, sturzbetrunken wie immer, hatte sich mit ein paar Goldmünzen zufriedengegeben. Seither waren einige Jahre vergangen und ihren Vater sah sie nur hier und da, wenn er sich neue Maische besorgte. Rückblickend betrachtet war es das Beste, was den beiden Schwestern hätte passieren können. Seit dem Tod ihrer Mutter hatten sie kein angenehmes Leben unter einem alkoholkranken Vater geführt. Nun waren sie selbst fast ausgelernte Kräutersammlerinnen und würden Mathildas Werk fortführen und Menschen helfen.
      Mirai lächelte und widmete sich wieder dem Abzeichnen der Rune.

      „Und dann ist ihm tatsächlich die Kuh auf den Fuß gestiegen.“, erklärte Lira mit weit ausholenden Gesten ihrer Meisterin, sie saß vor Mathilda auf dem Boden. Diese war mittlerweile schon sehr alt und gebrechlich, saß zusammengesunken in einem Schaukelstuhl und doch waren ihre hellen Augen wach und zeugten von großer Intelligenz.
      „Ich habe den Zeh geradegebogen, es war sicher schmerzhaft, aber ich konnte keine Knochenabsplitterungen fühlen. Er muss sich ein paar Tage schonen, aber er sollte seine Arbeit bald wieder aufnehmen können.“ Lira war zufrieden mit sich gewesen, als sie von der Behandlung von Maeral Oriki sprach.
      Ihre Meisterin strich ihr liebevoll über die Wange und hustete anschließend lautstark. Sie alle drei wussten, dass Mathilda nicht mehr allzu lange zu leben hatte. Auf eine Aufforderung ihrer Schwester hin schürte die Blonde das Feuer, damit die Hütte wärmer wurde. Gerade abends konnte es schrecklich kalt werden.
      Was sie nur tun würden, wenn Mathilda nicht mehr lebte? Lira wusste es nicht. Viele junge Männer machten ihrer älteren Schwester bereits Avancen, immerhin war sie mit 18 Sommern im heiratsfähigen Alter. Doch kaum einer würde es akzeptieren, wenn seine Frau sich nicht fügen würde, Kinder gebären würde und brav den Haushalt führte. Sie beide waren ausgebildete Kräutersammlerinnen, sie waren nicht für den Privatbesitz eines einzigen Mannes bestimmt, das musste Lira ihrer Schwester immer wieder einbläuen. Sie waren für alle da und halfen, wo es nur ginge. Doch ihre liebevolle Schwester war einfach schrecklich vernünftig, zu vernünftig! Um ihnen ein gesichertes Leben zu ermöglichen, würde sie sogar eine Vernunftehe eingehen, doch bislang hatte Lira sie davon abhalten können.
      Ein erneuter Hustenanfall ihrer Meisterhin holte sie wieder in die Gegenwart zurück und sie erhob sich vom Boden. Sorgsam brachte sie Mathilda ins Bett und nach einer kurzen Kontrolle der Sigel auf Türen und Fenster, gingen auch die beiden Schwestern zu Bett. Das Kontrollieren der Runen war ein gewohntes Ritual geworden. Unnütz, freilich, aber es war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen und wenigstens diese Dinge wollten sie bewahren, wenn ihre Meisterin nicht mehr unter ihnen weilte.

      Der nächste Tag versprach schön und sonnig zu werden. Nach einer raschen Morgentoilette bereitete Mirai wie immer das simple Frühstück zu, während sich Lira die blonden Haare flocht und mit bunten Bändern schmückte. Heute war Markttag und Mirai wollte einiges einkaufen, während ihre Schwester mit dem Hausputz an der Reihe war. Viel lieber hätte Lira getauscht, doch in solchen Dingen war Mirai gnadenlos.
      Nach einem gemeinsamen Frühstück setzten sie Mathilda vor die Hütte auf eine Bank, damit sie ein wenig die Sonnenstrahlen genießen konnte, während Lira mit dem Hausputz begann und sich Mira mit einem Korb unterm Arm auf den Weg ins Dorf machte, um den Markt zu besuchen.
      Das Haus der Kräutersammlerinnen stand mit Absicht etwas weiter entfernt, denn manches Mal mussten sie Patienten bei sich behalten und auf sie Acht geben. Dies ging oft mit langen Schmerzschreien einher und um die anderen Dorfbewohner nicht zu stören, lag ihre Hütte abseits. Dies war auch der Grund, warum ihr Zuhause verhältnismäßig groß war. Zum einen bot es dadurch viel Platz für Kräuter, Utensilien, Ölen und sonstigen, wichtigen Dingen und zum anderen hatten sie immer ein, zwei Notfallbetten parat.
      Nach einem kurzen Fußmarsch war Mirai beim Markt angekommen. Automatisch wurde sie von vielen Leuten begrüßt, da sie als Kräutersammlerin eine kleine Sonderstellung in der Gemeinschaft innehatte. Sie grüßte freundlich zurück, während sie sich durch die Marktstände schlängelte und nach Waren Ausschau hielt.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein
    • Avaricus Rhodeon Terubis

      "Und so, bedeckt mit nichts weiter als den silbernen Netzen, erhob Prinzessin Dascha sich aus der Asche. Das Feuer hatte ihre Haut von dem Fluch bereinigt und Nareb erkannte seinen Fehler. Er sank vor ihr auf die Knie und... Sank? Nein, das... Voll Wehmut im Herzen brach er zusammen... Nein! Beim Anblick ihrer Schönheit wurde er... Ach, komm schon!"
      Der Barde ballte die Hände zu Fäusten und rieb sich seine Augen, unterdrückte seinen Frust nicht, sondern machte ihm mit lautem Stöhnen Platz. Den Federkiel in seiner Hand vergaß er dabei für einen Moment und erst als die Spitze seine Wange kitzelte, die kühle Tinte seine Haut hinunter lief, nahm er die Hände wieder vom Gesicht. Sein Blick wanderte noch einmal zu dem Text, über welchem er nun schon seit Stunden brütete. Viele Passagen waren ausgebessert worden. Das Papier ein Schlachtfeld, rohe Emotionen kämpften gegen lyrische Wortwahl. Er würde alles neu und sauber übertragen müssen sobald er fertig war. Sobald er zufrieden war. An guten Tagen konnte Avaricus eine seiner Geschichten in nur wenigen Stunden nieder schreiben und sie noch am selbigen Abend vortragen. Doch in letzter Zeit fehlte ihm die richtige Inspiration. Schuld daran war gewiss Valpo Phenerios, ein Schuhmacher aus dem schönen Städtchen Benela. Der garstige Mann mit fliehender Stirn war Gemahl der wunderschönen Melinta. Sie und Avaricus waren sich schon an seinem ersten Tag in Benela nahe gekommen und für zwei Wochen war sie die Sonne seiner Welt und die Muse seiner Kunst gewesen. Was sie hatten war pur und rein, doch als ihr Mann davon erfuhr wurde Avaricus aus der Stadt gejagt und seitdem wollte es mit dem Schreiben nicht mehr so recht klappen.
      Seuftzend erhob er sich aus dem harten Holzstuhl. Sein Rücken schmerzte, sein Hintern war taub vom langen sitzen und seine Augen brannten. Mit schnellen Händen räumte er auf, Federkiel und Tintenglas kamen zurück in seine Reisetasche, die leere Weinflasche und das unbenutzte Glas stellte er auf den kleinen Beitisch und mit zwei Steinen beschwerte er sein unfertiges Werk, auf dass der Wind es nicht wegwehen konnte. Anschließend zog er die schweren Vorhänge beiseite und öffnete das Fenster. Das Sonnenlicht blendete ihn und verhöhnte seine übermüdeten Sinne. Eine weitere schlaflose Nacht wurde von einem sicherlich inspirierenden Tag abgelöst.

      Marian war ein wahrer Schatz, Sternenlicht in einer mondlosen Nacht, kühles Wasser an einem heißen Sommertag. Avaricus begrüßte die Frau mit einem breiten Lächeln als er auf leichten Sohlen in den Schankraum trat. "Ah, welch Freude dein Gesicht zu sehen, meine Liebste."
      Die alte Witwe lachte leise und schüttelte den Kopf. Sie war fast drei mal so alt wie er, hatte zwei Ehen hinter sich und ein Kind, das es bis ins Erwachsenenalter geschafft hatte. Sie war eine freundliche Frau mit einem großen Herzen und dem Ergeiz ihr kleines Gasthaus bis zum letzten Tag selbst zu führen. Ihr ergrautes Haar band sie jeden Morgen in einem festen Dutt für die Arbeit zusammen. Sie hatte ein rundes Gesicht, warme braune Augen und das schönste Lächeln, das Avaricus in den letzten drei Wochen gesehen hatte. Fast so schön wie Melintas Lächeln.
      Marian wischte ihre Hände an der Schürze ab, drehte sich um und schnitt eine Scheibe Brot ab. "Frühstück?"
      "Nichts würde mich glücklicher machen." seufzte er, in Gedanken der verfloßenen Liebe nachhängend.
      Die Witwe und Wirtin des Hauses brachte ihm Brot, Aufschnitt und fahles Bier und während er sein Frühstück zu sich nahm berichtete sie von dem neusten Klatsch des Dorfes. Vieles davon waren keine Neuigkeiten mehr, Avaricus hatte bereits zwei Nächte hier verbracht. So schön ein kleines Dorf doch sein konnte, so langweilig war es auch. Aber er lauschte der alten Frau, nickte gelegentlich, fragte an den richtigen Stellen nach und genoß wie sich ihr Gesicht dabei erhellte. Sonnenschein.

      Nach einem kalten Bad im Zuber und einer frischen Rasur machte Avaricus sich auf, den Markt zu besuchen. Bei seiner Ankunft hatte er nicht gewusst, dass dieses kleine Fleckchen Land einen Markt besaß und gestern war er zu sehr damit beschäftigt gewesen Marian und ihren ausgesprochen gut aussehenden Sohn Linjan mit Reisegeschichten zu bespaßen, um im Gegenzug dafür einige gänige Geschichten der Umgebung erzählt zu bekommen. Linjan hatte sich am Nachmittag sogar die Zeit genommen ihm die Ruine im Wald zu zeigen und am Abend hatte der Barde die wenigen Kunden des Gasthauses mit seinen Geschichten und einer handvoll Liedern bei Laune gehalten. Nun aber war es an der Zeit die Waren zu begutachten. Avaricus' Duftöle neigten sich dem Ende zu und so sehr er Marian und Linjan auch mochte, ihr Bier schmeckte wie verdünnte Pisse und der Wein war eine Zumutung für alle Sinne des menschlichen Körpers.
      Der kleine Marktplatz war mit vielen Ständen versehen. Auf den ersten und auch zweiten Blick konnte Avaricus kein System, keine Ordnung im Aufbau erkennen. Er hielt inne, ließ das Chaos auf sich wirken. Die Stimmen der Marktschreier verschwammen zu einem lauten Donnergrollen, Besucher des Marktes umfluteten ihn und er ließ sich einfach treiben, genoß das Gewirr, die Stimmen, die vielen fremden und vertrauten Gerüche. Seine Sinne verwuchsen zu einem einzigen, überwältigenden Eindruck, eher er sich die Zeit nahm jede Banalität voneinander zu trennen und im Einzelnen zu betrachten. Ein einfacher Marktplatz war wie ein Gemälde in dem jeder noch so feine Pinselstrich eine Bedeutung und einen Zweck hatte. Viele Menschen sahen über die liebevollen Details hinweg und betrachteten sich nur das große Ganze. Avaricus aber suchte sich die Kleinigkeiten aus dem Großen heraus und verinnerlichte sie. Kornblumenblaue Augen in einem schmutzbefleckten Gesicht. Die Zahnlücke eines Kindes. Unehrliches Lachen. Eine Hand mit vier Fingern. Das Zähneknirschen eines Fleischers. Im Sonnenlicht loderndes Haar. Der Geruch von getrockneten Rosen.
      "Inspiration, ich kann spüren, wie du zu mir zurück kehrst." seufzte der Barde und legte seinen eigenen Handrücken an seine Stirn.
      Just because you're trash doesn't mean you can't do great things.
      It's called garbage can, not garbage cannot.

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    • Kharian Oriki

      Obwohl die Sonne noch nicht hoch am Himmel stand war es bereits sehr warm geworden. Zu Kharians Glück besaß er einen Stand mit Pfosten, an welchem ein großes Tuch befestigt war, wodurch der Junge im Schatten stehen konnte. Lächelnd bediente er seine Kunden und hoffte, bald alles Gemüse verkauft zu haben. Heute war der perfekte Tag um am nahe gelegenen See sich etwas Abkühlung zu verschaffen.
      Mit einem Blick auf seine Ware bemerkte der Rothaarige, dass er diesem Wunsch bald nachgehen konnte. Von seinem Gemüse waren nur noch wenige Kartoffeln, drei große Karotten und eine handvoll Bohnen übrig. Gerade als er, wie die anderen Verkäufer auch, laut seine Ware anpreisen wollte sah er ein vertrautes Gesicht in der Menge.
      "Hey, Mirai!", rief er und winkte sie zu sich. Die Kräutersammlerin war zwar etwas älter als er, doch ab und zu verbrachten sie ihre Freizeit zusammen. In so einem kleinen Dorf hatte man ohnehin nicht groß eine Wahl, mit wem man seine Zeit verbringen möchte, da es nicht viele Menschen im selben alter gibt. Allerdings verstand er sich mir Mirai und ihrer jüngeren Schwester recht gut, zudem schuldete er ihnen noch etwas für die Behandlung seines Vaters. Damit meinte er kein Geld, sondern eher einen Gefallen oder etwas zu Essen. Kräutersammlerinnen nahmen kein Geld für ihre Behandlung, wodurch sie mit ihrer Tätigkeit auch kein Geld verdienten. Kharian fragte sich, ob sie überhaupt Geld brauchten. Essen konnten sie in ihrem Kräutergarten anbauen und die restlichen Dinge, die andere Menschen für Geld kaufen mussten, bekamen sie wegen ihrer Dienste geschenkt. Vielleicht sollte er auch Kräutersammler werden, auch wenn das eine Aufgabe für Frauen war. Diese Arbeit musste viel entspannter sein als seiner, zudem weniger kräftezehrend. Schnell verscheuchte der Junge diesen Gedanken wieder. Er mochte seine Arbeit, so konnte er jeden Tag mit seiner Familie und im Freien verbringen. Eine Tätigkeit, welche er weder draußen verrichten noch seine Familie sehen konnte wäre vermutlich nichts für ihn.
      Kharian lößte sich von seinen Gedanken, denn er wollte Mirai etwas fragen. Er musste endlich aufhören so viel zu träumen.
      "Habt ihr Lust heute an den See zu gehen? Ich bin hier bald fertig und Zuhause habe ich das Wichtigste gestern bereits erledigt. Wenn ihr wollt frage ich noch Alessa, ob sie auch mitkommt." Alessa war die Tochter des Papiermachers und war meistens eher für sich, als mit anderen gleichaltrigen ihre Zeit zu verbringen. Doch Kharian verstand sich recht gut mit ihr, wodurch sie sich ab und zu trafen.
      "Du kannst auch gerne als Dank für die Behandlung von meinem Vater das restliche Gemüse haben, das ich noch nicht verkauft habe. Da ihr kein Geld nehmt kann ich mich so wenigstens ein wenig erkenntlich zeigen."
    • Mirai Bäcker

      Verehrung und Verachtung waren zwei Kinder der gleichen Mutter: Unwissenheit. Während manche Dorfbewohner Mirai mit Wohlwollen und Höflichkeit begegneten, so vermieden wiederum andere gänzlich ihre Hilfe, verunglimpften sie und hielten großen Abstand zu ihr oder anderen Kräutersammlerinnen. Es gab leider immer und überall einen kleinen Teil der Bevölkerung, die sich lieber im sicheren Unwissen suhlte, anstatt sich mit unbequemer Wahrheit auseinander zu setzen. Und egal wie oft man auch versuchte ihnen zu erklären, dass das Wissen um Kräuter, Anatomie oder Krankheiten einfach auf Versuchen und Erfahrungen beruhte, es ward vergebene Liebesmühe.
      Früher hatte sie es nicht verstanden. Es widerstrebte ihrem ganzen Sein, wenn jemand ihre Hilfe verweigerte und sich somit selbst dem sicheren Tod weihte. Doch die Jahre waren vergangen und mit diesen war auch sie reifer geworden. Mittlerweile musste Mirai es akzeptieren, wenn sie oder ihre kleine, süße Schwester von manchen als Hexen verleugnet oder auf ihre Namen gespuckt wurde. Es war der Preis der Unabhängigkeit und des Wissens. Wenn sie sich ihrer vorbestimmten Rolle als Hausfrau eines Mannes gefügt hätte, dann würde sicherlich nicht so viel über sie getratscht werden.
      Doch zum Glück war ihnen die Mehrheit der Dorfbewohner wohlgesonnen und dankbar. So wie auch Carola, die just in dem Moment mit rundem Gesicht auf sie zu watschelte. Ihre linke Hand lag Halt gebend in ihrem Kreuz, während sie die rechte schützend über ihren dicker werdenden Bauch gelegt hatte.
      „Mirai!“, rief sie freudestrahlend und die blonden Locken umgaben ihr Haupt wie einen Heiligenschein. „Hier, das schulde ich dir noch!“ Sie drückte ihr drei Kupferlinge in die Hand, während sich Mirai bedankte und diese schnell in einem kleinen Beutel an ihrem Gürtel verschwinden ließ.
      Kräutersammlerinnen verlangten in Dörfern, in Städten mochte es anders sein, zumeist nichts für Dienste zur allgemeinen Gesundheit oder in lebensbedrohlichen Situationen. Es wäre unehrenhaft gewesen. Doch seit Mirai Haushaltsvorstand war, verkauften sie auch verschiedene Tinkturen für den gebräuchlichen Alltag. Sie glaubte fest, dass der Tauschhandel früher oder später dem Handel durch Münzen weichen musste. Immerhin war es in den größeren Städten bereits Gang und Gebe. Somit konnten sich selbst Kräutersammlerinnen nicht immer auf Spenden von anderen verlassen und mussten zusehen, auch selbst für ihren Unterhalt aufkommen zu können.
      So waren besonders Duftöle, Haarwuchsmittel, Tränke zur Steigerung der Manneskraft oder zu Verhinderung von Schwangerschaften äußerst beliebt. Dies waren Dinge des täglichen Bedarfs, welche man nicht zum Überleben, sondern nur für den eigenen Luxus benötigte. Daher konnte Mirai den Verkauf ihrer Waren mit ihrem reinen Gewissen gut vereinbaren.
      „Es hilft immer noch, Marius ist ganz begeistert!“, schwärmte Carola von der Tinktur ihres Mannes, welche gegen die Nachwirkungen von übermäßigem Alkoholkonsum eingesetzt wurde.
      „Das freut mich.“, antwortete die Braunhaarige, wenngleich auch ein wenig Sorge ihr Gesicht zierte. Sie mochte es nicht, dass Marius noch immer gerne tief in den Becher schaute, obwohl Carola nun hochschwanger war. Sie fasste Carola bei den Schultern und blickte sie ernst an. Kräutersammlerinnen waren immerhin nicht nur für diverse Krankheiten oder Geburten, sondern auch oft für das Wohl der Gemeinschaft verantwortlich.
      „Wenn du jemanden brauchst, der dir in der ersten Zeit mit dem Baby hilft… ich kann sicher mit ein paar Frauen sprechen, oder selbst einige Zeit bei dir verbringen, wenn du möchtest.“
      Carola winkte jedoch gut gelaunt ab. „Ach nein, vielen Dank! Marius hat mir versprochen das Trinken sein zu lassen, wenn erst das Baby da ist.“ Nun, dass hoffte Mirai für den Mann.
      „Hast du schon von dem Barden gehört?“, fragte Carola im Anschluss ganz aufgeregt. Seit der Herr in ihrem Dorf weilte, war er natürlich Gesprächsthema Nummer Eins. Wer hatte also noch nicht von ihm gehört? „Seine Stimme ist so lieblich wie die eines Jünglings und er sieht schrecklich gut aus!“ Carola schmolz regelrecht dahin. „In der Schenke gibt er seine Geschichten und Lieder zum Besten, du solltest es dir unbedingt einmal anhören!“ Mirai lächelte und schüttelte den Kopf. Für dererlei Vergnügen nahm sie sich keine Zeit. Anschließend sprachen sie noch über einige Dinge, ehe sie sich verabschiedeten. Mittlerweile war es auch recht warm geworden und die Braunhaarige wollte sich beeilen rechtzeitig nach Hause zu kommen. Sie war froh sich heute für ihr einfaches Kleid aus hellen Leinen entschieden zu haben. Außerdem wog ihr Korb zunehmend schwer, denn sie hatte wieder viele Dinge von den wohlwollenden Bewohnern geschenkt bekommen. Wenn sie besonders reich beschenkt worden war, erübrigte sie im Gegenzug eine ihrer berühmten Tinkturen. Immerhin hatte sie ein gutes Händchen für Kräuter und die Tränke wurden im Allgemeinen gut angenommen.
      Gerade wollte sie sich auf den Heimweg machen, als eine jugendhafte Stimme nach ihr rief. Sie sah auf und ihr bernsteinfarbener Blick fiel auf den jungen Kharian, Spross der Orikis. Seine rote Haarpracht stach selbst hier in der Menschenmenge besonders hervor. Er war ein lebhafter Junge, mit einem süßen Hang zu Tagträumen. Sie gesellte sich zu seinem Marktstand.
      „Guten Tag.“, grüßte sie ihn mit sanfter Stimme. Hier und da verbrachten sie die Zeit zusammen, wobei sie eher ein wachsames Auge auf Lira und ihn hatte, sie beide waren fast im gleichen Alter und dazu war Lira ein Wildfang, welche immer für Späße aufgelegt war.
      Sie hörte ihm zu als er seinen Vorschlag unterbreitete. Ja, ein entspannter Tag am See war bei solch einem schönen Wetter herrlich, doch ihre Lippen verzogen sich zu einem entschuldigenden Lächeln.
      „Unserer Meisterin geht es nicht sehr gut, so muss eine von uns immer abrufbereit bleiben, falls ein Bewohner mit einem Notfall zu uns kommt oder unsere Dienste benötigt.“, erklärte sie ihm. Seit Mathilda nicht mehr bei guter Gesundheit war, musste immer eine der Schwestern abrufbereit sein um die Dienste von Kräutersammlerinnen zur Verfügung zu stellen.
      „Aber Lira wird sich sicher freuen, mit dir zum See zu gehen. Ich muss mich heute sowieso um den Kräutergarten kümmern.“ Ihre Schwester war bei solch traumhaften Wetter ohnehin schwer im Haus zu halten und ihr Garten brauchte dringend Mirais Aufmerksamkeit.
      „Vielen Dank, deine Geschenke nehme ich gerne an!“, antwortete sie auf seine Großzügigkeit und packte das Gemüse in ihren Korb. Mit geschickten Fingern fischte sie die letzte Tinktur aus ihrer Umhängetasche, die sie heute eingesteckt hatte. Sie betrieben keinen Marktstand, sondern die Bewohner kamen direkt zu ihnen in die Hütte, wenn sie ihre Dienste oder Tränke benötigten, doch wenn Markttag war, hielt sie immer einen kleinen Vorrat in ihrer geliebten Tasche.
      „Gib diese hier deinem Vater, es lindert die Schmerzen. Höchstens drei Mal am Tag fünf Tropfen in Tee aufgelöst.“ Natürlich hatte er beim richten der Zehe einen Trank von Lira mitbekommen, doch ein zweiter schadet gewiss auch nicht.
      „Ich sage Lira Bescheid und sie wird bestimmt am See auf dich warten.“, meinte sie und lächelte liebevoll. Ihre kleine Schwester war so schnell groß geworden.
      „Mach‘s gut Kharian, und richte deiner Familie schöne Grüße aus!“ Mit diesen Worten verabschiedete sie sich. Lira würde sich sicher sehr darüber freuen, wenn sie heute einen Tag frei bekäme. Die Arbeit als Kräutersammlerin war kräftezehrend, da man rund um die Uhr mit Notfällen rechnen konnte. Bis sie zu Hause wäre, hatte der Rothaarige bestimmt den Marktstand zusammengepackt und würde vermutlich zeitgleich mit Lira am See eintreffen. Die Braunhaarige machte sich gut gelaunt mit schwerem Korb auf den Heimweg.

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    • Avaricus Rhodeon Terubis

      Er wollte einen Moment so verweilen, den Kopf in den Nacken gelegt, den Handrücken an seiner Stirn und die andere Hand schützend über seinem Herzen. Es war eine äußerst dramatische Körperhaltung, gewiss passend für eine Theaterbühne. Aber auf dem Bauernmarkt eines unbedeutenden Dorfes wirkte sie fehl am Platz, geradezu verloren. Avaricus seufzte ausgiebig und verdrehte die Augen als er nach einigen Sekunden aus der Pose rutschte.
      "Nichts?" Seine halbherzige Beschwerde war an niemandem im Speziellen und zugleich jeden einzelnen Marktbesucher und Händler gerichtet. "Nicht einmal ein Wimpernzucken ist mein - uagh! Vorsicht!"
      "Selber vorsicht." brummte der große Mann, welcher soeben in Avaricus hinein gelaufen war. Der Barde vermutete, dass der Mann Holzfäller oder Schmied sein musste, wenn seine Muskeln etwas zu bedeuten hatten. Er trug einen Korb in der rechten Hand, Gemüse und ein Leid Brot ragten heraus - ein Käufer also, kein Händler. Avaricus verfolgte den Fremden einen Moment noch mit den Augen, verinnerlichte wie der breite Körper sich einen Weg durch die Menge schnitt, dann besann er sich wieder darauf weshalb er hier war. Duftöle und Wein.
      Mit neu gewonnener Motivation nahm er nun jeden einzelnen Stand ins Visier. Soweit er sehen konnte gab es drei Stände an welchen Obst und Gemüse verkauft wurde, ein Stand der Käse und Milch verkaufte, zwei Stände mit Fleisch, frisches Brot, einen Händler von außerhalb des Dorfes und eine handvoll Stände an denen unterschiedliche Gegenstände angepriesen wurden. Avaricus übersprang die Lebensmittel. In zwei Tagen würde er wieder aufbrechen und bis dato würde Marians liebevoll zubereiteter Eintopf ausreichen. Stattdessen wanderte er die verbleibenden Stände ab. Es gab Haarkämme aus Holz und Gebein, Kerzen, verschiedenes Werkzeug, Stoffe und Felle, selbst vernünftigen Wein konnte er finden. Duftöl jedoch nicht.
      "Verzeiht." Avaricus drückte dem Winzer zwei Münzen in die Hand und nahm eine Flasche des Roten. "Ihr handelt nicht zufällig auch mit Duftölen? Oder Parfüm? Bei allen Winden, mir soll selbst Duftwachs recht sein. Ich hatte da an etwas blumiges gedacht. Zart in der Note, aber effektiv. Etwas... das die Nase sanft kitzeln, aber sich nicht aufdrängt. Es ist äußerst wichtig die eigenen Ausdünstungen gering zu halten. Vor allem als Künstler auf Reisen. Man weiß nie, wann sich die nächste Gelegenheit zum Baden ergibt. Letzten Sommer war ich im Westen unterwegs. Deria ist ein Begriff? Nicht? Ihr habt nichts verpasst. Einöde, soweit das Auge blicken kann. Ich habe vier Tage lang kein fließendes Wasser gewesen. Unnötig zu erwähnen, dass die Frauen Derias mich nicht gerade herzlich empfangen haben. Die Damenwelt schätzt einen wohlrichenden Herren, Ihr versteht?"
      Herzlich unbeeindruckt steckte der junge Winzer sein Geld weg während Avaricus sprach. Er zog die buschigen Augenbrauen hoch, bis sie unter seinem Pony verschwanden, und zuckte mit den Schultern. "Kann sein? Wir verkaufen so was nicht. Das findet man eher bei den Kräutersammlerinnen."
      Der Barde stützte sich am Stand ab und lehnte sich mit großem Interesse zu dem Winzer. "Kräutersammlerinnen? Interessant. Wo kann ich die werten Damen finden?"
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    • Kharian Oriki

      Kharian lächelte Mirai an, während sie ihn begrüßte. Allerdings erlosch dieses Lächeln recht schnell, als sie ihm von dem Gesundheitszustand ihrer Meisterin erzählte.
      "Oh, das tut mir Leid...", entgegnete der Junge ihr. Jeder im Dorf kannte Mathilda und trotz ihrer rauen Art wurde sie von allen geliebt.
      "Du kannst Lira einfach hinterherschicken, bis du bei ihr bist werde ich sicherlich schon auf dem Weg zum See sein. Da ich nun alle Ware verkauft habe, kann ich meinen Stand abbauen und mich auf den Rückweg machen."
      Doch bevor er sich dem Abbauen widmen konnte, drückte Mirai ihm eine kleine Flasche in die Hand. Dankend nahm er sie entgegen und hörte gut zu, wie sein Vater sie anwenden sollte. Mit einem deutlichen Nicken und einem kurzen Danke steckte er die kleine Flasche in seine Tasche.
      "Richte du Mathilda auch schöne Grüße aus." Als Mirai sich umdrehte und weiter ihre Runde zog schaute Kharian ihr noch ein wenig hinterher. Als sie noch kleiner waren spielten sie öfter miteinander, natürlich mit ihrer kleinen Schwester. Doch seit die Mädchen in der Lehre bei der Kräuterhexe waren hatten sie weniger Zeit gehabt um zu spielen. Natürlich musste Kharian auch auf dem Hof mithelfen, doch dies beanspruchte bei weitem nicht so viel Zeit wie die Ausbildung der Beiden. Ein wenig Mitleid hatte er deshalb schon mit ihnen, obwohl sie dafür die Kunst des Heilens erlernten. Vielleicht würde er Lira mal fragen, ob sie ihm ein wenig beibringen konnte. Immerhin war es nie schlecht ein wenig Wissen über die Heilkunst zu besitzen, man wusste nie was passieren würde. Nur die Geheimnisse des "Dämonenfeurers", so wurde es zumindest genannt, kannte niemand außer die Kräutersammlerinen. Sie hüteten dieses Wissen gut, denn sonst würden die Menschen schreckliches Chaos mit dieser Waffe anrichten. Mit diesem Feuer konnte man sogar ein ganzes Haus in die Luft sprengen! Zu gerne würde Kharian dieses Geheimnis erfahren, doch er musste sich wohl damit zufrieden geben, dass es gewisse Dinge gab die er niemals wissen würde.
      Seufzend widmete er sich seiner Arbeit den Stand abzubauen. So früh war er seit langem nicht mehr mit dem Verkauf fertig gewesen, weswegen er beschloss noch ein wenig durch den Markt zu wandern. Vielleicht würde er etwas schönes entdecken, dass er für seine Familie oder Lira kaufen konnte.
      Plötzlich musste er anhalten, da zwei Männer vor ihm zusammengestoßen waren. Nanu, den einen kannte er überhaupt nicht. Ob er wohl ein Händler auf reisen war? Oder ein Barde? Doch gerade als er den Fremden ansprechen wollte verschwand dieser auch schon wieder in der Menge. Nunja, bei Besuch von Fremden sprach sich diese Kunde normalerweise recht schnell herum. Lira würde es sicherlich wissen, weswegen der Rothaarige beschloss sie später darüber zu befragen.
      Kharian benötigte nicht lange um seinen Stand abzubauen, auf den Karren zu laden und anschließend wieder nach Hause zu fahren. Zuhause angekommen verstaute er alles in dem Schuppen, ehe er seinen Vater suchte, um ihm die kleine Flasche mit Medizin zu reichen.
      "Hier Vater, das ist von Mirai. Du sollst...", er überlegte, welche Menge genau sein Vater einnehmen sollte. "Fünf mal am Tag drei Tropfen", sagte er schließlich und biss sich unsicher auf die Lippe.
      "Wobei nein.. ich frage lieber noch einmal nach. Du hast ja noch die andere Flasche, oder Vater?" Anstatt zu Antworten lachte dieser nur und strich seinem Sohn liebevoll über den Kopf. Kharian war schon immer verträumt und auch ein wenig vergesslich gewesen, was ihm bisher noch niemand krum nahm.
      "Bist du mit deinen Aufgaben fertig?", fragte sein Vater stattdessen. Kharian nickte fleißig und erzählte ihm aufgeregt von dem Mann, welcher neu in der Stadt war.
      "Hmmm ein Neuer?", brummte der alte Mann. Nachdenklich strich er sich über seinen mit grauen Strähnen durchzogenen Bart. "Davon habe ich tatsächlich noch nichts gehört. Aber das wird sich sicher schnell rumsprechen, dann wirst du es noch früh genug erfahren."
      Anschließend erzählte ihm sein Sohn, dass er gerne an den See gehn würde und Lira dort wahrscheinlich bereits auf ihn wartete. Unter diesen Umständen konnte sein Vater nur zusagen, allerdings bekam sein großer Bruder wind davon, welcher sich ebenfalls im See abkühlen wollte.

      Der Weg dauerte nicht lange, höchstens eine halbe Stunde Fußmarsch. Dabei unterhielten sich die beiden Brüder über alles Mögliche, bis sie endlich am See ankamen.
      "Lass uns dort die Blumen mitnehmen, welche Mutter so mag", schlug Aymar vor.
      "Das ist eine gute Idee, darüber wird sie sich bestimmt freuen." Hoffentlich würde er diese Idee nicht vergessen, wenn sie sich auf den Rückweg machten. Natürlich könnten sie auch jetzt schon die Blumen besorgen, doch dann würden sie heute Abend bereits den Kopf hängen lassen. Daher wollte Kharian ihr lieber einen frischen Blumenstrauß schenken.
      Am See angekommen blickten sie sich um, doch sahen keine Spur von der Kräutersammlerin. Daher setzten sie sich ans Wasser, zogen ihre Schuhe aus und ließen die Füße in dem kühlen Nass baumeln.
    • Mit weit ausholenden Schritten – ihrer Größe sei Dank – war der Heimweg bald geschafft. Währenddessen hing Mirai ihren Gedanken nach. Kharian war ein liebevoller Junge und ihre Meisterin würde sich freuen, dass sie ihr von ihm Grüße bestellen sollte. Mathilda war zwar mürrisch, doch sie hatte ein großes Herz für jeden einzelnen Dorfbewohner. Ganz besonders für die Kinder, bei deren Geburt sie bereits geholfen hatte.
      Als das Haus der Kräutersammlerinnen langsam in Sicht kam, besah sie mit zusammengepressten Lippen ihren Kräutergarten, welcher akribisch genau vor dem Häuschen angelegt worden war. Über die Pflege ihrer Meisterin hatte dieser wenig Aufmerksamkeit erhalten und sie würde sich heute den ganzen Tag dafür Zeit nehmen.
      Sobald sie das Haus betreten hatte, stürmte ihre kleine Schwester auf sie zu, um ihr den schweren Korb abzunehmen. Sie machte sich sofort daran den Einkauf zu verstauen und wohlwollend blickte sich Mirai in der Stube um. Lira hatte brav geputzt und sogar die vielen Regale mit den wichtigsten Utensilien abgestaubt. Ja, ihre Schwester hatte sich ihren freien Tag verdient.
      Sie selbst machte sich ein wenig frisch, ehe sie nach Mathilda sah. Diese lag mittlerweile wieder in ihrem Bett und ruhte sich aus. Ein Krug Wasser und etwas Obst, sowie eine kleine Glocke befanden sich auf dem Nachtkästchen neben dem Bett aus Stroh. Sie konnte nicht mehr laut rufen und daher war das Glöckchen ihre einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Mira lehnte die Tür wieder an und gesellte sich zu Lira in die Küche.
      „Du warst fleißig heute.“, begann sie und sah ihrer kleinen Schwester zu, wie sie mit flinken Fingern alles ordnungsgemäß verstaute. „Ich denke du hast dir einen freien Tag verdient.“
      Sofort drehte sich die Blonde um und sah aus großen, grünen Augen zu ihrer Schwester hoch. Diese erklärte ihr die Einladung zum See und dass Kharian dort auf sie warten würde, ehe sie die Arme ausbreitete und sich Lira in eine Umarmung stürzte. Ja, ihre Schwester war wahrlich ein Wirbelsturm.
      Lira drückte Mirai einen Kuss auf die Wange, bevor sie ihre Schuhe anzog und dann sogleich aus der Hütte verschwunden war. Kopfschüttelnd sah die Braunhaarige ihr hinterher, ehe sie sich die Haare zu einem unordentlichen Dutt zusammenband und ebenfalls nach draußen ging. Die Eingangstür ließ sie offen um zum einen ein wenig zu lüften und zum anderen auch das Glöckchen ihrer Meisterin zu hören.
      Sorgfältig machte sie sich dann an die Arbeit. Sie begutachtete jede einzelne Pflanze, zupfte vertrocknete Blätter ab oder band Blüten hoch, damit diese nicht die dünnen Stängel abknickten. Es war zwar im Einzelnen keine anstrengende Arbeit, doch es war warm und ihr Garten bot vielen, vielen Pflänzchen und Kräutern ein Zuhause. Ihre Finger und Gewand waren alsbald schmutzig und sie wischte sich immer wieder den Schweiß von der Stirn, wodurch auch ihr Gesicht bald schon Spuren von Erde und Grün aufwies. Wenn Mirai etwas anfing, dann würde sie es bis zum Schluss durchhalten. Es war nun mal Teil ihrer aufopfernden Persönlichkeit.

      Lira hatte den Rock ihres Kleides gerafft und lief so schnell sie ihre Füße trugen. Sie half ungerne im Haushalt doch sie wusste, dass es einfach dazu gehörte. Umso glücklicher war sie, dass sie heute ihren Tag am See verbringen durfte. Heute würde sie für ein paar Stunden die Sorge um Mathilda und die Verantwortung als angehende Kräutersammlerin vergessen und einfach nur ein normales Mädchen sein.
      Und noch dazu sah sie Kharian! Sie verbrachte gerne Zeit mit ihm, er war ein tiefsinniger, verträumter Junge, mit dem man über viele Dinge sprechen konnte. Er war nicht darauf aus, dumme Mutproben zu machen oder den ahnungslosen Tieren auf der Weide einen Schreck einzujagen. Zumindest hatte sie dies von ihm noch nicht mitbekommen.
      Alsbald kam der See in ihr Blickfeld, welcher in der Sonne wie ein silbernes Band glitzerte. Es war ein traumhafter Anblick und er lud dazu ein, sich sofort ins kühle Nass zu stürzen. Am Ufer befand sich auch ein kleiner Steg, wo so manches Boot befestigt war. Dort schienen auch Kharian und noch jemand zu sitzen und das Wasser zu genießen. Die roten Haare stachen Lira sofort ins Auge und dann musste die Person neben ihm nach der Statur nach wahrscheinlich sein Bruder Aymar sein. Ihn hatte sie auch schon lange nicht mehr gesehen und vermutete, dass ihn die Arbeit am Hof seiner Eltern ganz schon forderte.
      Sie verlangsamte nun ihre Schritte und schlich sich von hinten an die Brüder heran. Langsam, ganz langsam nur um ja keinen verräterischen Laut von sich zu geben, pirschte sie sich wie eine Jägerin an ihre Beute.
      Sie stand nun knapp hinter den beiden Männern und griff blitzschnell nach ihren Schultern. „Hab‘ ich euch!“, rief sie laut um sie zu erschrecken, ehe sie in freches Lachen ausbrach. Die bunten Bänder in ihren Haaren tanzten um ihren Kopf, während sie fröhlich lachte.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein
    • Avaricus Rhodeon Terubis

      "Außerhalb." und eine vage Geste mit der Hand nach Nord-Osten. Avaricus hatte auf etwas mehr gehofft. Ausgeschmückt musste die Wegbeschreibung nicht zwanghaft sein, aber waren ein paar Details wirklich zu viel verlangt? Wie lange dauerte der Weg dorthin? Gab es eine gepflasterte Straße, einen Kiesweg oder musste er einem Trampelpfad folgen? Lag die Hütte verborgen? Gab es auf dem Weg dort hin Wespen oder andere wilde Tiere, vor denen er sich in Acht nehmen sollte?
      Avaricus zog eine Augenbraue hoch und versuchte all diese Fragen in einen einzigen Blick zu packen. Dabei lehnte er sich noch ein klein wenig weiter über den Stand und fixierte den jungen Winzer mit den Augen, dieser blinzelte drei mal langsam. Einige Sekunden des Schweigens verstrichen zwischen ihnen ehe der junge Mann "Sonst noch was?" fragte. Völlig blind für die subtile Befragung.
      "Nein. Nein, mein Freund. Das war alles. Habt Dank." seufzte der Barde kopfschüttelnd und wand sich ab. Er hob verabschiedend die Hand. Die frisch erworbene Weinflasche verstaute er sicher in seiner großen Gürteltasche ehe er sich auf den Weg machte. Mittlerweile schien der große Andrang des Marktes und damit der Reiz für Avaricus ohnehin überwunden zu sein. Einige der Händler hatten ihre Waren bereits verkauft und ihren Stand abgeschlagen, während die meisten Käufer ihre Körbe bereits gefüllt hatten und sich nach Hause oder zurück zur Arbeit treiben ließen. Avaricus belächelte den Moment, dann ließ er ihn hinter sich. Die werten Kräutersammlerinnen sollte nicht warten müssen.

      Der Marsch erwies sich als äußerst kurz und ereignislos, ganz zu Avaricus' Erstaunen. Es geschah ausgesprochen selten, dass er sich seinen Weg bahnte ohne aufgehalten zu werden. Oft waren es Menschen, die ihn mit ihrer Eigenart faszinierten und in ihren Bann zogen. Gelegentlich entdeckte der Barde eine Blume, deren Schönheit ihm Tränen in die Augen trieb. Und gab die Kunst ihm nicht eines ihrer lieblichen Zeichen, so schaffte er es doch sich in Gedanken verloren auf gerade Strecke zu verlaufen, ein Bienennest zu stören oder in Wegelagerer hinein zu rennen. So oder so, am Ende hatte er eine neue Ballade, ein Sonett, eine kurze Geschichte oder ein neues Lied. Das Leben überhäufte ihn auf seinen Wegen mit Inspiration. Heute aber wollte dem Barden nichts ins Auge stechen und so hing er seinen Gedanken nach, setzte einen Fuß vor den anderen und hielt den Blick nach vorn gerichtet.
      Nach nur wenigen Minuten Fußmarsch konnte er die abgelegene Hütte bereits erahnen. Noch klein und in der Ferne, doch mit jedem Schritt kam er ihr näher und konnte mehr Details aus machen. Als seine Augen schemenhaft einen Garten und Bewegung in diesem erkennen konnten, hielt er inne. Die heiße Sommerluft tanzte vor seinen Augen und für einen Wimpernschlag sah es aus, als würde die Hütte sich ebenfalls zur Melodie des Windes bewegen.
      "Die Hitze setzt mir zu..." murmelte er leise zu sich selbst.
      Noch einige Schritte weiter und Avaricus sah eine junge Frau im Garten arbeiten. Sie war mit dem Rücken zu ihm gewand, hatte den Kopf nach unten gesenkt und schien etwas nahe am Boden zu tun. Mit neu geweckter Neugierde näherte er sich leise, bis zum Zaun des Gartens. An diesen angelehnt holte Avaricus ein feines Tuch aus seiner Tasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Tuch weggesteckt befeuchtete er die Spitzen seiner Zeigefinger und brachte seinen Schnurrbart wieder in Form. Einen Moment gönnte er sich tief durch zu atmen, dann räusperte er sich. Gerade laut genug, um die junge Frau auf sich aufmerksam zu machen.
      "Welch herrliches Wetter wir heute doch haben, nicht wahr? Ah, verzeiht. Ich suche die Kräutersammlerinnen? Ich vermute, Ihr seid einen von ihnen? Wenn -" Er deutete mit einer kreisenden Handbewegung auf den Dreck in ihrem Gesicht. "- meine Menschenkenntnis mich nicht täuscht, versteht sich."
      Just because you're trash doesn't mean you can't do great things.
      It's called garbage can, not garbage cannot.
    • Kharian Oriki

      Das kühle Wasser war eine willkommene Abkühlung an diesem heißen Sommertag. Während Kharian sich mit seinem Bruder unterhielt, ließ er die Füße im Wasser hin und her baumeln. Obwohl er einfach reinspringen und baden könnte entschied er sich, zuerst auf Lira zu warten. Es wäre unfair, wenn er einfach ohne sie anfangen würde, wodurch die beiden Jungen noch auf dem Steg saßen. Ihre Oberteile hatten sie bereits ausgezogen, sie hatten die Klamotten einfach auf dem Steg liegen gelassen. Daneben lagen unordentlich ihre Schuhe.
      Gerade als Kharian seinen Bruder fragen wollte, wie lange es wohl noch dauern würde, bis Lira am See ankam vernahm er Geräusche hinter sich. Zwar blies der Wind ab und zu durch die hohen Grashalme, doch diese Geräusche klangen anders. Wie jemand, der versuchte sich anzuschleichen. Obwohl sie sich anscheinend Mühe gab nicht gehört zu werden, verrieten sie ihre Schuhe. Auf dem hölzernen Steg war es fast schon unmöglich lautlos zu laufen, wenn man nicht barfuß war.
      "Hab ich euch", rief sie laut, als sie endlich bei uns ankam. Eigentlich wollte ich so tun, als hätte sie mich erschreckt, doch ich fand den Gedanken nicht schön sie anzuschwinden. Auch wenn es nur eine kleine Lüge war, konnte ich es nicht übers Herz bringen. Lächelnd schaute ich über meine Schulter in ihr Gesicht. Die bunten Bänder in ihren Haaren wurden vom leichten Wind hin und her geweht, was aussah, als würden sie tanzen.
      "Da bist du ja endlich, wir haben schon gewartet", sagte ich lachend und drehte meinen Körper in ihre Richtung.
      "Dann können wir ja endlich baden!" Ohne Rücksicht darauf, dass sie noch voll bekleidet war schnappte ich mir ihre Handgelenke und sprang vom Steg. Der See war an dieser Stelle bereits tief, weswegen ich sie unter Wasser immer noch festhielt, damit ich sie anschließend an die Oberfläche ziehen konnte. Schwimmend entfernte ich mich ein Stück von Lira, da ich fürchtete von ihr untergetaucht zu werden. Mein Mund zierte ein breites Grinsen. Sie hatte uns erschreckt, also habe ich mich dafür revanchiert. Das war nur fair, oder?
      Mit einem Blick zu meinem Bruder sah ich, dass auch er lachte. Mittlerweile war er aufgestanden und befand sich einige Schritt vom Stegende entfernt. Mit einem lauten "Arschbombe!" sprang er von der Plattform genau zwischen Lira und mir. Als er nach einigen Sekunden wieder auftauchte und seine langen Haare aus seinem Gesicht schüttelte, spritze ich ihm Wasser ins Gesicht. Im ersten Moment war er stutzig, doch im nächsten endete es in einer Wasserschlacht zwischen ihm und mir.
      Nachdem er und ich viel Wasser ins Gesicht bekommen haben, viel lachten und Scherze machten, kamen wir wieder zur Ruhe. Wild sein war in Ordnung, bis zu einem gewissen Maße. Immerhin war ich schon fast erwachsen, da musste ich mich auch langsam wie einer benehmen. Andere in meinem alter waren bereits versprochen oder verheiratet, während ich immer noch mein Leben genießen durfte. Aymar war bereits versprochen, allerdings war er auch älter als ich.
      Langsam schwamm ich um meinen Bruder herum, damit ich mich mit Lira unterhalten konnte. Eigentlich wollte ich sie nach Mathilda fragen, doch ich entschied mich dafür dieses Thema nicht anzusprechen. Mathilda war alt und krank, während Lira und ihre Schwester sich um sie kümmerten. Das war sicher nicht leicht für die Beiden und im Augenblick sollte Lira einfach nur Spaß haben.
      "Wollen wir heute hier übernachten? Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht. Ich bin sicher, dass Mirai nichts dagegen hat."

    • Mirai und Lira Bäcker

      Hoch konzentriert betastete Mirai die Tomatenpflanzen und die Früchte derer. Entgegen der allgemeinen Meinung, man sollte diese mittels Stütze nach oben binden, ließ sie ihre Pflänzchen am Boden wachsen. Die Wurzeln breiteten sich unterirdisch aus und konnten sich sehr weit verzweigen. Durch das benötigten diese fast kein Wasser mehr und konnten sich hervorragend selbst versorgen. Das Ergebnis waren schöne, saftige Tomaten. Es musste nur immer genug Stroh darunter sein, damit die Feuchtigkeit des Bodens die Früchte nicht schimmeln ließe, doch dies war ein kleiner Preis für das frische Gemüse. Sie nickte erleichtert, denn alles war zu ihrer Zufriedenheit.
      Plötzlich ertönte ein Räuspern hinter ihr und Mirai schoss regelrecht in die Höhe. Sie war zwar auch ein wenig schreckhaft, doch eigentlich war dies nebensächlich. Denn wenn jemand zum Haus der Kräutersammlerinnen kam, dann konnte es sich auch um einen Notfall, wie zum Beispiel ein Arbeitsunfall mit Axt im Bein, handeln.
      Sie wandte sich um und sofort suchten ihre bernsteinfarbenen Augen nach Anzeichen einer äußeren Verletzung oder Krankheit. Nur nebenbei verarbeitete ihr Hirn den Anfang der Unterhaltung und erst nachdem sie keinen ersichtlichen Notfall feststellen konnte, entspannte sie sich und der professionelle, harte Blick ihrer Augen wich.
      Dann erst erkannte sie, wer hier vor ihr stand. Es war der Barde, von dem man im Dorf munkelte und der die schwangere Carola verzaubert hatte. Warum Mirai dies wusste? Nun die Kleidung die er am Leib trug war feiner als der grobe Stoff vieler anderer, sein Schnurrbart war gepflegt und kein wuchernder Vollbart und seine Stimme melodiös, also die eines geübten Sängers.
      Erst als er mit einer Handbewegung auf ihr Gesicht deutete, wurde Mirai ihr Zustand bewusst. Nun nicht mehr professionelle Kräutersammlerin, sondern ganz die schüchterne Frau, beeilte sie sich mit einem halbwegs sauberen Teil ihrer Schürze ihr Gesicht wenigstens vom gröbsten Schmutz zu befreien, ehe sie einen kleinen Knicks vollführte.
      „Ihr täuscht Euch nicht, werter Herr.“, antwortete sie. „Mirai Bäcker, eine der drei Kräutersammlerinnen.“, stellte sie sich nun selbst vor. Sie klopfte sich ein wenig Staub aus dem Gewand und hoffte, nicht allzu schäbig auszusehen.
      „Gerne lade ich Euch zu einem Umtrunk in unsere Hütte, wir haben frischen Kräutersud aufgebrüht, der mittlerweile eine angenehme Temperatur haben müsste.“ Es war wichtig bei warmem Wetter viel zu trinken, um Schwindel vorzubeugen. Lauwarmes eignete sich dafür am besten, denn so musste der Körper keine Kraft aufwenden um Getränke zu kühlen oder auf Körpertemperatur zu bringen. Der frisch aufgebrühte Kräutersud enthielt auch etwas Minze, was sich außerdem ebenfalls erfrischen anfühlte.
      „Und dann könnt Ihr mir gerne erzählen, was ich für Euch tun kann.“ Denn ohne Weiteres wäre der fremde Mann sicher nicht an ihrer Hütte vorbeispaziert. Ihr Kräutergarten war soweit wieder Hergerichtet und die paar fehlenden Handgriffe würde sie später auch erledigen können.


      Die von Lira erhoffte erschrockene Reaktion der Jungs blieb aus, was ihre Freude die beiden zu sehen und heute frei zu haben nicht im Geringsten schmälerte. Doch das Lachen verging ihr alsbald, als Kharian einfach ihre Handgelenke schnappte und mit ihr vom hölzernen Steg sprang.
      Sie kam noch dazu ein halb ernst gemeintes „Nein“ zu rufen, ehe sie in die kühlen Fluten stürzten. Sofort umgaben sie Wassermassen und aus Reflex öffnete sie die Augen. Der See war klar und hatte vermutlich auch die Qualität um das Wasser ganz einfach zu trinken. Ihre Gewänder hatten sich im Wasser aufgebauscht und zum Glück zog sie der Rothaarige wieder mit an die Oberfläche.
      Als sie wieder Luft schmeckte wandte sie sich sofort dem frechen Älteren zu, doch dieser hatte sich sicherheitshalber bereits außerhalb ihrer Reichweite gebracht. Sie funkelte ihn gespielt böse an, doch zu mehr kam sie auch nicht. Aymar entschied sich dem Treiben beizuwohnen und sprang ebenfalls in den See. Die folgende Wasserschlacht entlockte Lira wieder ein helles Lachen und Kopfschütteln. Jungs wurden nur allzu leicht wieder zu Kindern und genau das gefiel ihr. Die Welt war ohnehin viel zu ernst.
      Sie entschied sich währenddessen ihre Schürze und Schuhe abzulegen und auf den trockenen Steg zu legen. Somit konnte sich Lira im Wasser besser bewegen und genoss die neu gefundene Freiheit sogleich, um ein paar Schwimmzüge zu machen.
      Das Wasser war in der Tat herrlich und als Kharian sie erneut ansprach, wandte sich die Blonde mit schief gelegtem Kopf ihm zu.
      „Hier übernachten?“, wiederholte sie fragend und tippte mit einem Zeigefinger überlegend an ihre Lippen. Das hatten sie wahrlich schon lange nicht mehr gemacht, das letzte Mal als Kinder, oder?
      Sie wusste nicht ob Mirai etwas dagegen haben würde, schließlich brauchte ihre Meisterin auch abends oder nachts Pflege zum Wenden oder zum Gang auf die Toilette. Ob es Mirai etwas ausmachte, eine Nacht auf ihre Schwester zu verzichten?
      „Normalerweise schickt es sich nicht, wenn wir in unserem Alter hier übernachten.“ Es herrschten nun mal noch die alten Sitten und Gepflogenheiten, und so sollten Jungs und Mädchen ab einem gewissen Alter nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringen wie früher. Die Gerüchte, die daraus entstehen konnten, waren hässlich und machten es für so manche Frau unmöglich einen vernünftigen Ehemann zu finden. Doch Lira pfiff nur zu gerne auf Traditionen. Außerdem wollte sie als Kräutersammlerin so oder so ihre Freiheit waren und sich keinem Mann zur Frau geben.
      „Einverstanden!“, nickte sie dann nach kurzer Überlegung, ehe sie dem nun unvorbereiteten Kharian eine Fuhr Wasser ins Gesicht spritzte. „Jetzt sind wir quitt!“

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    • Avaricus Rhodeon Terubis

      "Ah, welch Freude. Avaricus Rhodeon Terubis mein Name." erwiderte er mit offenem Lächeln die Vorstellung. "Kräutersud klingt verlockend bei dieser Hitze. Bitte."
      Avaricus machte eine ausschweifende Geste mit seiner Hand in Richtung der Hütte und wieß der jungen Kräutersammlerin somit an vor zu gehen. Er selbst umrandete den Zaun bis er an dem kleinen Türchen ankam, öffnete dieses und schloß es nach eintreten in den Garten wieder. Rechts von ihm stand ein großer Lavendelbusch in voller Blüte. Der Duft kitzelte in der Nase und brachte ein Gefühl von Ruhe mit sich, das selbst die Hitze nicht mindern konnte. Der Barde atmete den Duft tief ein, schloß kurz die Augen. Für einen Moment fühlte er sich in eine leichtere Zeit zurück geholt.
      "Meine Mutter liebte Lavendel. Sie hielt sich ein großes Beet im Garten und hatte Sommer, wie Winter einen Strauch in ihrem Zimmer stehen. Getrocknet natürlich. All ihre Kleidung roch danach. Ein sehr... beruhigender Duft, meint Ihr nicht?" erzählte er, als sie in die Hütte der Kräutersammlerinnen eintraten. "Gewiss hatte sie auch andere Pflanzen dort. Kamille, die kleinen, gelb-orangefarbenen Blumen... Mir lagen die Namen nie. Aber sie bestand darauf, dass ein jede Pflanze in ihrem Garten einen Zweck erfülle. Ich bin mir sicher, die meisten erfüllten den Zweck schön aus zu sehen. Nicht, wie der Eure Garten. Das muss eine Menge Arbeit sein so viele Pflanzen zu hegen."
      Er ließ sich zu einem Stuhl verweißen, setzte sich auf diesen nieder und seufzte leise. Obwohl der Weg nicht weit gewesen war tat es gut raus aus der direkten Sonne zu sein und für einen Moment zu ruhen. Avaricus nahm dankend den Sud entgegen. Mit beiden Händen hielt er den Becher, roch daran und nahm einen Schluck. Bereits als Kind hatten ihm aufgebrühte Kräuter nicht geschmeckt und auch als erwachsener Mann fand er wenig Gefallen daran. Doch der Sud war gesund, die Geste freundlich und so setzte er sein bestes falsches Lächeln auf während er langsam daran nippte. Tatsächlich war das Getränk nur halb so schlimm wie erwartet. Eine Frische breitete sich in Mund und Hals aus.
      "Sehr erfrischend. Was ist da drin?"
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    • Kharian Oriki

      „Normalerweise schickt es sich nicht, wenn wir in unserem Alter hier übernachten", bekam Kharian zur Antwort. Seine Wangen verfärbten sich in ein leichtes Rot, was allerdings auch durch die Hitze entstanden sein konnte. Schnell versuchte er sich rauszureden.
      "Nein, so meinte ich das nicht! Außerdem ist mein Bruder ja auch noch da", sagte er rechtfertigend und blickte Aymar hilfesuchend an. Doch dieser versank so weit, dass nur noch seine Augen über Wasser waren. Peinlich berührt schwamm Kharian ein wenig zurück.
      "Du weißt, wie ich das meinte... einfach als Freunde, so wie früher. Als sie dann doch ihr Einverständnis gab atmete der Junge erleichtert aus. Doch genau in diesem Moment bekam er einen Schwall Wasser ins Gesicht, wodurch er anfing zu husten.
      "Ey!", wollte er protestieren, allerdings hatte sie Recht. Nun waren sie quitt, immerhin hatte er dasselbe auch bei ihr getan.
      Das hielt Kharian aber nicht davon ab noch mehr Späße mit ihr zu machen. Aymar war bereits wieder aufgetaucht, hielt sich jedoch zurück.
      Kharian tauchte unter. In dem trüben Wasser konnte er nicht viel erkennen, doch genauso tarnte es seine Position. Langsam schwamm er an die Stelle, an welcher Lira eben noch gewesen war. Als er ihre strampelnden Füße erblicken konnte packte er sie an einem ihrer Fußgelenke und zog sie unter Wasser. Anschließend ließ er sie wieder los und tauchte auf, er wollte sie ja nicht ertränken. Außerdem musste er wieder Luft holen. Tief sog er die frische Sommerluft ein, die seine Lungen dringend benötigten. Daraufhin blickte er sich nach dem Mädchen um, immerhin müsste sie gleich wieder auftauchen!
      Als sie es endlich tat war er sehr erleichtert.
      "Du hast mir schon einen Schrecken eingejagt, wieso warst du so lange unter Wasser?", wollte er von ihr wissen.

      Der Tag verging sehr schnell, da die drei viel Spaß hatten. Aymar bemühte sich etwas Essbares im Wald zu finden, während Kharian und Lira sich um ein Feuer bemühen sollten. Als alle ihre Aufgabe erledigt hatten war die Sonne bereits dabei unter zu gehen.
      Das Feuer knisterte und erhellte die Umgebung, während das Kaninchen darüber bereits braun wurde.
      "Wir sollten das öfters machen", brach Kharian die Stille. Sein Bruder nickte nur, während er gedankenverloren in das Feuer starrte. Nach einer weiteren Schweigepause sprach er plötzlich "Findet ihr nicht auch, dass es viel zu ruhig geworden ist? Nicht einmal die Grashüpfer hört man..." Eine Gänsehaut lief Kharian über den Rücken. Was meinte sein Bruder damit? Ihm war die Stille gar nicht aufgefallen, da er mal wieder in seiner eigenen Welt versunken war. Nervös blickte er sich um.
      "Vögel kann ich auch keine sehen. Was hat das zu bedeuten?", wunderte er sich. "Wahrscheinlich nichts und wir sind einfach nur Angsthasen", fügte er schulterzuckend hinzu, doch das mulmige Gefühl blieb.
    • Lira Bäcker

      Mit amüsiert funkelnden Augen beobachtete Lira wie Kharian etwas verlegen wurde. Sie fand es furchtbar niedlich und lachte herzlich, dabei hatte sie ihre Warnung eher scherzend gemeint, schließlich hatte sie auch zugesagt, hier zu übernachten. Sie hätte es auch ohne das Beisein seines größeren Bruders getan, denn schließlich vertraute sie dem Rotschopf und konnte sich zur Not auch ganz anständig verteidigen – so glaubte sie zumindest.
      Doch der Rothaarige hatte sich alsbald von seiner Verlegenheit erholt und tauchte unter Wasser. Lira schenkte dem wenig Beachtung, glaubte sie lediglich, er wolle sich abkühlen. Doch da hatte sie die Rechnung ohne Kharian gemacht!
      Plötzlich spürte sie einen festen Griff um ihren Knöchel und einen Wimpernschlag später befand sie sich unter Wasser. Der Griff wurde sogleich wieder locker, doch sie riss automatisch die Augen auf, das trübe Wasser verhinderte eine allzu weite Sicht. Doch sie konnte ganz klar ihren Freund neben ihr sehen und sie musste über seine Albernheit sogar Unterwasser lächeln.
      Sie nahm sich vor ihm einen kleinen Schrecken einzujagen und verblieb unter der Wasseroberfläche, solange es ihre Lunge erlaubte. Schließlich musste sie sich doch ihrem Körper geschlagen geben und tauchte auf.
      Lachend über seine Sorge schüttelte sie jedoch nur den Kopf und holte tief Luft. „Dein Gesicht… es war zu köstlich!“ Damit gab sie zu, sich ebenfalls einen Scherz mit ihm erlaubt zu haben.

      Bei all den Späßen, tiefen Gesprächen und dem kühlen Wasser neigte sich schließlich auch Liras freier Tag dem Ende zu. In der warmen Sonne waren alsbald ihre Kleider trocken gewesen und sie hatte sich rasch wieder gänzlich ankleiden können.
      Abends brieten sie ein Kaninchen über dem Feuer, welches sie mit dem Rothaarigen entfacht hatte. Es duftete herrlich, denn sie hatte es mit ein paar wildwachsenden Kräutern versehen. Gemütlich saßen die drei am knisternden Lagerfeuer und erfreuten sich an der jeweilig anderen Gesellschaft.
      Lira wollte gerade zustimmen, dies öfters zu machen, als sie jedoch innehielt und auf die Geräusche ihrer Umgebung lauschte. Es stimmte, plötzlich waren all die typischen Klänge wie weggewischt und eine Totenstille hatte sich über den kleinen Rastplatz gelegt.
      Die Blondhaarige hielt den Atem an und man könnte meinen, eine Stecknadel fallen zu hören. Sie war nicht abergläubisch – im Gegensatz zu ihrer Lehrmeisterin und auch ein klein wenig ihrer Schwester – und doch überzog plötzlich eine Gänsehaut ihren Körper.
      Sie rückte näher an das Feuer heran, wollte im hellen Licht die Angst vergessen, die sie gerade unwillkürlich gepackt hatte. Seit wann hatte sie Angst vor der Dunkelheit? Pha, schon lange nicht mehr!
      Sie holte tief Luft, drückte den Rücken durch und begann ihre Frisur zu öffnen. Diese war ob des Bades im See ohnehin nicht mehr gänzlich in ihrer Form und daher entschied sie sich, ihre blonden Haare aus der Verflechtung zu befreien. Alsbald flossen diese in hübschen Kaskaden über ihre Schultern.
      Dann überzog ein schalkhaftes Grinsen ihr Engelsgesicht und sie beugte sich vor um spielerisch an Kharians roten Haaren zu zupfen. „Ein wenig länger noch, dann mache ich dir auch eine hübsche Frisur.“, scherzte sie nun und lachte wieder. Langsam wich der Schrecken, der ihr in die Glieder gefahren war.
      Doch sie hatte sich zu früh gefreut. Urplötzlich erklang in der Ferne ein Schrei, der jedoch nicht aus einer menschlichen Kehle zu stammen schien. Mit vor Schrecken geweiteten Augen sah sie zu den Brüdern. Was war hier los?



      Mirai Bäcker

      Gedanklich wiederholte Mirai den Namen des Gastes um ihn sich einzuprägen. Sogar dieser war klingend und sie fand, dass er hervorragend zu dem gutaussehenden Mann passte. Sein ganzes Gebaren war ihr fremd, wirkte ein wenig übertrieben und doch überaus höflich. Ob er von weit herkam? Sprach man so in den Städten des Landes? Die Kräutersammlerin hatte bisher noch nie einen Fuß aus ihrem Dorf hinausgesetzt und war dementsprechend fasziniert, wie anders doch andere Menschen sein konnten. Lira hätte ihm bestimmt schon tausend Fragen gestellt.
      Seiner Geste folgend, ging sie vor und lud ihn somit in ihre Hütte ein. Bisher war das Glöckchen ihrer Meisterin still geblieben, sie schien heute lange zu schlafen und Mirai hoffte, dass sie dadurch etwas Kraft tanken konnte.
      Sie lauschte den Erzählungen des Barden über die Lavendelvorliebe seiner Mutter und nickte darauf hin. „Tatsächlich findet Lavendel in vielen beruhigenden Ölen Verwendung.“, antwortete sie und dachte an das Blütengemisch, welches sie Patienten mit Kopfschmerzen oft mitgab. Der Hauptbestandteil davon bildete nämlich diese besondere Pflanze.
      Sie verwies den Herren nun auf einen einfachen, jedoch stabilen Holzstuhl in der großen Stube der Hütte. Sogleich begab sie sich in die Küche, wusch sich rasch Gesicht und Hände, ehe sie sich zum Kessel wandte, welcher in einer nicht geschürten Feuerstelle hin. Besagter Kräutersud ließ sich darin finden und war – wie versprochen – auf eine angenehme, lauwarme Temperatur abgekühlt. Vorsichtig, um nichts zu verschütten und zu verschwenden, schenkte sie eine Tasse ein und überreichte sie Avaricus.
      Sie setzte sich nun selbst auf einen freien Stuhl und beobachtete aus bernsteinfarbenen Augen, wie der Mann einen Schluck nahm. Seinem Lächeln nach schien es ihm zu schmecken und sie erwiderte jenes sanft.
      „Pfefferminze und Ananasminze geben die angenehme Frische, wie wir vor allem in den Sommermonaten so vergeblich suchen. Himbeerblätter und Holunderblüten sorgen für die Süße und Salbei hilft gegen Entzündungen und ist schmerzlindernd.“, zählte Mirai nach seiner Aufforderung auf.
      „All diese Gewächse züchten wir selbst, also ja, unser Garten ist eine Menge Arbeit, aber ich liebe es.“, gestand sie schließlich. „Und ich bin ebenfalls überzeugt, dass alle Blumen ihren Zweck erfüllen, und sei es nur um schön zu sein.“ Die Kräutersammlerin hatte die Erfahrung gemacht, dass auch Schönheit oft helfen konnte.
      „Erlaubt mir ein Beispiel, so leiden manche Frauen nach der Geburt an Kinderhass. Es ist unerklärlich und trotzdem wahr, sie können ihr Neugeborenes weder sehen, berühren noch versorgen und liegen oftmals tagelang im Bett. Ein fröhlicher Blumenstrauß, Öle und feine Düfte können oftmals solch eine Lustlosigkeit wieder kurieren.“ Sie erwischte sich beim Plappern und schlug entschuldigend die Augen nieder. „Verzeiht, ich wollte Euch keinen Vortrag über Kräuter halten.“ Es war nun mal ihre Leidenschaft und daher auch schwer zu verstecken. „Aber bitte, erzählt mir von Euch. Wie kann ich Euch helfen?“

      Und der Barde war ihrer Aufforderung nachgekommen und gespannt hatte sie seinen Erzählungen gelauscht. Etwas über die Fremde zu erfahren war faszinierend und unglaublich zugleich. Nur zweimal hatte sie ich entschuldigen müssen, um ihrer Meisterin zu helfen.
      Über all die gefallenen Worte war es Abend geworden und sie schnitt gerade zwei herzhafte Scheiben Brot auf. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen ihren Gast zu einem Abendessen zu laden, hatte sie ihn immerhin so lange aufgehalten.
      Langsam machte sie sich Sorgen um Lira, doch versuchte diese so gut es ging zu verdrängen. Immerhin war sie mit den beiden zuvorkommenden Oriki-Brüdern unterwegs und da würde ihr bestimmt nichts zustoßen. Vielleicht übernachteten sie einfach am See, so wie sie es einst getan hatten.
      Ihre Augen waren ohne ihr bewusstes Zutun in die Ferne gewandert und blickten geradewegs in die Richtung des Dorfes, welches man aufgrund der Dunkelheit nicht mehr erkennen… Mirai stockte und ließ erschrocken das Brotmesser fallen. Ein heller Schein erfüllte den Nachthimmel genau dort, wo das Dorf liegen sollte.
      „Feuer…“, flüsterte sie und schlug sich die Hände vor den Mund. „Feuer!“ Sie stürmte aus der Küche, durch die Stube und riss die Eingangstür auf, um hinauszustürmen. Doch schwarze Schatten außerhalb ihres Kräutergartens hielten sie davon ab.

      Habe keine Honigwaben
      Aber meine Unglücksraben
      Halten ein die Essenszeiten
      Kommen Kummerbrot bereiten
      Und den Herzensbrecherwein