.:: Lifeline [Lucy-chan & Fuffy]

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      Samstag, 23. Dezember in Rhinebeck, New York – Die Sonne strahlte und die feine, weiße Schneeschicht glitzerte im Licht. Ungeduldig pustete Alexis auf ihre heiße Schokolade und sah immer wieder zu Uhr. Es war gerade kurz nach 9 Uhr, doch sie war bereits vollständig angezogen. Sogar ihre Haube, Jacke und Schal trug sie bereits, nur um ja keine Minute zu verpassen.
      Ihre Mama hatte gesagt, sie dürfe erst hinaus, wenn sie nicht nur ihren Toast mit Marmelade, sondern auch ihren Kakao ausgetrunken hatte, also pustete sie ungeduldig weiter. Gleichzeitig wippte sie mit ihren Beinen aufgeregt auf und ab und sah immer wieder verstohlen zu ihren Eltern.
      Ihr Vater, ein großer, dünner Mann mit blonden Haaren, schob sich die Brille auf die Nase und vertiefte sich weiter in die morgendliche Zeitung. Ihre Mutter flatterte wie ein bunter Schmetterling zwischen Küche und Esszimmer hin und her, trällerte dabei ein leises Lied.
      Sie probierte einen Schluck ihres Kakaos und stellte erfreut fest, dass er bereits trinkbar war. Rasch leerte sie die Tasse und brachte sie artig in die Küche. Ihre Mutter drückte ihr daraufhin die rote Papiertüte in die Hände und wünschte ihr viel Spaß. Lexi machte auf dem Absatz kehrt, schlüpfte in ihre gefütterten Stiefel und verabschiedete sich rufend.
      Draußen angekommen zog sie tief die kühle Luft ein und betrachtete fasziniert die kleinen weißen Wölkchen, die ihr Atem bildete. Laut ihrem Vater waren es drei Grad unter dem Gefrierpunkt doch die Sonne wärmte das braunhaarige Mädchen.
      Schnell flitzte sie die Treppen ihres kleinen Häuschens hinab und lief die ruhige Wohnstraße entlang. Ihr Ziel war das Haus ihres besten Freundes Luka, der eigentlich Lukjan hieß, aber Luka rief sich besser. Heute wollten sie sich ihre Weihnachtsgeschenke überreichen, da morgen die Verwandtenbesuche anstanden und sie somit nicht mehr vor dem Heiligen Abend und dem Weihnachtsmorgen die Gelegenheit dazu hatten.
      Anfangs war es für Lexi ein Schock gewesen, dass nicht der Weihnachtsmann die Geschenke brachte, doch sie hatte die Klugheit ihres Vaters geerbt und war diesem Trick bald auf die Schliche gekommen.
      Sie grinste und drückte die Tüte fest an sich. Darin befand sich eine nochmals verpackte Schneekugel und ein selbstgeknüpftes Armband. Sie hoffte, Luka würden diese Dinge gefallen. In der Schneekugel befand sich eine Miniatur eines Eisbären, der auf einer Schneeflocke tanzte. Das Armband bestand aus reißfester Wolle in bunten, leuchtenden Farben. Es erinnerte sie an einen Regenbogen.
      Sie war gespannt was er dazu sagen würde, doch seine Reaktion musste warten. Sie hatten sich versprochen, die Geschenke erst am Weihnachtsmorgen aufzumachen.
      Endlich kam sie beim Haus ihres besten Freundes an und läutete zweimal die Glocke. Es war ein Zeichen, welches sie sich ausgemacht hatten. Somit wussten sie immer, dass sie es waren, die anläuteten.

      Habe keine Honigwaben
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      Und den Herzensbrecherwein
    • Lukjan

      Ein Tag vor Weihnachten hieß auch ganz viel Stress zuhause, das hatte Luka schon recht früh gelernt, vor allem, weil sie am Nachmittag zur Familie fahren wollten. Er mochte das nicht, er mochte Erics Familie nicht, vor allem seine Eltern waren ihm wirklich blöd, er durfte sie nicht Grandma und Grandpa nennen, musste sie mit Namen ansprechen und ja nicht stören, so wie es auch letztes Jahr gewesen ist. Dieses Jahr würde sowieso alles an Weihnachten ein klein wenig anders laufen, denn seine Mutter würde ein weiteres Baby bekommen, alles war in Aufruhr und alle wollten etwas dazu beitragen, was Luka ganz und gar nicht nachvollziehen konnte. Er musste sein Zimmer teilen mit den Sachen, welche schon für das Baby gekauft wurden, es sollte ein Mädchen werden, dabei waren Mädchen so anstrengend und ekelhaft! Bis vielleicht auf Lexi, sie war cool und mit ihr konnte man auch spielen, wie es der Junge fand, aber vielleicht würden sie sich auch nicht mehr so lange sehen können. Seine Mutter hatte etwas davon gesprochen, dass Eric ein neues Zuhause kaufen wollte, aber das Haus, in welchem sie lebten war doch schon toll! Es hatte für jeden ein Zimmer, bis auf das Baby, aber das konnte verschwinden, genauso sehr, wie Eric selbst, es gab einen Garten und auf der gleichen Straße wohnte auch Lexi, aber auf Luka wollte sowieso keiner hören, er bekam viel mehr Sätze zu hören wie: 'Jetzt nicht, Luki..', 'Nerv mich nicht Luka', 'Ich habe dafür keine Zeit'. Ja, ein Baby war anstrengend, vor allem für den angehenden Bruder, auch wenn sich der Dunkelhaarige sicher war, dass er kein großer Bruder sein will. Was macht man überhaupt als großer Bruder? Er wusste es nicht.. Aber er wusste, dass Lexi gleich bei ihm sein wird, gleich, nachdem sie ihr Frühstück gegessen hätte, denn später am Tag würde Luka mit seiner Mutter und Eric zu seiner Familie fahren. Aber er war auf ihren Besuch vorbereitet, das kleine Geschenk für sie trug er die letzten drei Tage überall hin mit, um es nirgendswo zu vergessen, oder zu verlieren. Lang genug hatte er seine Mutter danach gebeten ihn in die Stadt zu fahren, um für Lexi das Geschenk zu kaufen, sie hatte es ihm versprochen und sie waren auch hin gefahren. Er hatte in dem Antiquitätenladen in der Stadt im Schaufenster mal ein Kästchen gesehen, es sah alt aus, aber wenn man es öffnete drehte sich eine Ballerina und dazu wurde Musik gespielt. Den ersten Moment über war sich Luka nicht sicher, woher die Musik kam, aber seine Mutter nannte es eine 'Spieluhr' und erklärte ihm auch schon, woher der Ton kam. Das weiße Holz hatte ein schönes Muster darauf, aber am besten gefiel es ihm, dass einfach immer die Musik zu hören war, wenn man das Kästchen auf machte. So etwas musste Lexi einfach gefallen!
      "Luki? Bist du bereit? Hast du deine Sachen eingepackt?", seine Mutter rief aus der Küche zu ihm ins Wohnzimmer, wo er mit dem Geschenk unter dem Arm und der Winterkleidung schon über die Kindersendung sah. Das Papier raschelte ganz angenehm unter seinen Händen und hatte vor allem lustige Rentiere drauf. "Ja Mama!", rief der Junge rüber, blickte aber nicht vom Fernseher auf. "Dann geh noch dein Zimmer aufräumen". Das würde er ganz bestimmt nicht machen, immerhin hatte er was wichtigeres vor. "Ich kann nicht!", rief der junge Mann zurück, er hatte Pläne für den Tag, bis sie los fahren würden. Seine Mutter kam aus der Küche heraus und trocknete sich die Hände an dem Küchentuch ab, während sie ihre Augenbraue hoch zog, das tat sie immer, wenn sie böse war. "Und warum nicht?", oh, es wird Ärger geben.. Aber seine Erlösung läutete gerade zwei Mal an der Tür, wie abgesprochen! "Weil Lexi hier ist und ich ihr das Geschenk geben muss.. Zimmer kann warten!".
      Innerhalb von wenigen Momenten hatte Luka seine Schuhe angezogen, er saß immerhin schon mit samt seiner Jacke, dem Schal und der Mütze vor dem Fernseher, um ja fertig zu sein, wenn er das Läuten hören wird. "Ich bin Weg Mama! Ich komme später! Tschüss!". Mit den Worten öffnete er auch schon die Haustür, ignorierte die Worte seiner Mutter gekonnt, dass sie bald fahren wollten, denn er erblickte das junge Mädchen, welches auf ihn warten sollte. "Frohe Weihnachten!", begrüßte er sie auch schon und drückte ihr das Päckchen entgegen, noch bevor er aus der Tür war, aber er war aufgeregt und vor allem wollte er am liebsten wissen, wie ihr das Geschenk gefällt, aber sie mussten ja bis morgen warten..
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Die Tür öffnete sich fast augenblicklich nachdem sie geläutet hatte. Sie musste gar nicht lange warten und da erblickten ihre Augen auch schon ihren besten Freund. Seine schwarzen Haare waren unter einer Wollmütze versteckt und seine blauen Augen leuchteten genauso aufgeregt wie ihre eigenen.
      Erfreut nahm sie nun das Päckchen entgegen, welches ihr Luka in die Hände drückte. Beinahe sofort kribbelten ihre Finger und sie musste sich zusammenreißen, das süße Rentierpapier nicht sogleich aufzureißen. Aber versprochen war versprochen!
      Im Gegenzug überreichte sie ihm die Tüte, in der sich ihr Geschenk für ihn befand.
      „Frohe Weihnachten, Luka!“, sagte sie und hüpfte aufgeregt auf der Stelle. Sie war so gespannt, was er dazu sagen würde!
      Vielleicht würde er das Armband gar nicht tragen, weil es ja doch ein wenig mädchenhaft war, aber sie hoffte es trotzdem.
      Gemeinsam gingen sie nun die Straße entlang und machten sich auf den Weg zu dem kleinen Spielplatz. So früh war hier noch niemand zu sehen und behutsam stellten sie ihre Geschenke auf den kleinen Tisch. Hier hatte die Sonne schon ganze Arbeit geleistet und der Schnee war bereits geschmolzen.
      Die Geräte des Spielplatzes waren veraltet und teilweise kaputt. Es gab nur eine Schaukel, die zweite war entfernt worden. Dafür hängte dort nun ein Autoreifen pendelte sanft hin und her.
      Sobald die Geschenke einen sicheren Platz gefunden hatten, liefen sie beide wie auf ein Stichwort los. Die Schaukel war immer ihr eigentliches Ziel und der Verlierer musste sich mit dem Autoreifen begnügen.
      Außer Atem kam Lexi bei ihrem Ziel an und ergriff die Sitzfläche. „Erste!“, rief sie und drehte sich lachend zu Luka um. Sie hatte das Gefühl, er ließe sie manches Mal gewinnen aber sie bescherte sich nicht darüber, denn nach ein paar Minuten würden sie sowieso tauschen – so wie sie es immer taten.
      „Freust du dich schon auf deine kleine Schwester?“, fragte Lexi nun und setzte sich auf die Schaukel. Sie wippte nur ein wenig hin und her und ihre Füße zogen Kreise im feinen Schnee.

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    • Lukjan

      Lexi wirkte aufgeregt, bestimmt war sie genauso sehr gespannt, wie es Luka war, was es in dem Paket für die beiden jeweils gab, aber es war versprochen, und um nicht extra bis übermorgen warten zu müssen, wenn es die Geschenke auch unter dem Tannenbaum zu finden gab einigten sich beide relativ früh darauf ihre Geschenke gleich am 24. zu öffnen. "Ich würde es am liebsten jetzt schon öffnen!", gab der junge Mann mit einem breiten Grinsen zu und schüttelte das Geschenk ganz behutsam, um vielleicht schon herauszfinden, was es innen drin gab. Er wollte es nicht kaputt machen, deshalb war er vorsichtig, aber er konnte nichts hören und letztendlich entschlossen sich die beiden dazu auf den Spielplatz zu geben, auf welchem sie sonst immer ihre Zeit verbrachten.
      Die Geschenke wurden abgestellt, dort würden sie sicher sein und vor allem in der Sichtweite, damit sie ja nicht verloren gehen, bevor sie ohne großartig etwas zu sagen zu der Schaukel liefen. Auf der Schaukel verbrachten sie immer sehr viel Zeit, konnten sich über alles unterhalten, worüber man sich nur unterhalten konnte und in der Tat war Luka häufig absichtlich etwas langsamer, um Lexi auf die Schaukel zu lassen. Sie freute sich immer so sehr, wenn sie die erste war, das fühlte sich immer so an, als würde sein Herz Freundeshüpfer machen, aber da Luka sowieso wusste sie würden gleich auch wieder tauschen, machte er sich nicht viel daraus und blieb einfach ein kleines Stück hinterher. Auch dieses Mal war Lexi wieder erste, sie Sprang darauf, da nutzte der junge Mann den Reifen, auf welchen er sich hinstellte, um mit der vollen Kraft seiner Beine diesen in Schwung zu bringen, bevor er sich gleich wieder setzen würde. Er mochte es ganz schnell und vor allem hoch zu schaukeln.
      "Nicht wirklich", gab er auf die Frage zu, ob er sich auf seine kleine Schwester freute. Er hatte es seiner Freundin direkt erzählt, nachdem seine Mutter es ihm erzählt hatte. "Meine Mom ist der Meinung ich muss jetzt den großen Bruder spielen.. Und Eric sagt, ich muss mich zusammenreißen und ein Mann werden, auch wenn ich noch nicht verstehe, was er von mir will". Luka zuckte mit den Schultern und setzte sich in den Reifen rein, der hin und her schaukelte. "Alles dreht sich nur noch um dieses blöde Baby und ich muss mir vermutlich das Zimmer damit teilen.. Wenn Eric nicht ein größeres Haus findet". Ein Dilemma, ein sehr großes Dilemma sogar. "Sie wollen umziehen, aber ich glaube nicht, dass das wirklich passiert.. Dafür streiten sich die beiden immer öfter und sperren mich im Zimmer ein, als würde ich das Problem sein". Luka seufzte. "Kommt eure Familie zu Weihnachten? Oder feierst du nur mit Mom und Dad?".
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    • Mit großen Augen sah Lexi ihren Freund hin und her schaukeln. Er hatte immer so viel Kraft! Bestimmt würde er einmal ein starker Mann werden, der ein ganzes Auto hochheben konnte! Vielleicht könnte er auch sie irgendwann hochheben, ihr Papa beschwerte sich mittlerweile immer, wenn sie ihn darum bat. Er klagte, dass sie immer größer und schwerer wurde und er auch nicht mehr der Jüngste war. Aber Luka könnte sie bestimmt heben – irgendwann.
      Aufmerksam hörte Alexis nun zu was ihr der Schwarzhaarige zu sagen hatte. Sie kuschelte sich in ihre Jacke und genoss die Sonnenstrahlen, die ihr den Rücken wärmten.
      Doch so sehr sie die Sonne auch genoss, sie musste aufpassen nicht wieder einen Sonnenbrand zu bekommen, dies passierte ihr auch im Winter.
      Ihre blauen Augen suchten den Blick ihres besten Freundes und er wirkte traurig und auch ein wenig wütend, als er von seinen Problemen Zuhause erzählte.
      „Ich verstehe nicht, warum sie dich nicht in Ruhe lassen.“, antwortete Lexi auf seine Aussagen. „Immerhin warst du zuerst da und du kannst nichts dafür, dass da ein neues Baby kommt.“ Sie zuckte ihre Schultern, sie hatte keine Geschwister und wenn sie Luka so zuhörte, dann hoffte sie, dass dies so bleiben würde.
      „Wenn du dir wirklich ein Zimmer mit dem Baby teilen musst, dann kannst du gar nicht mehr schlafen.“ Sie hatte gehört wie ihre Mutter mit einer Freundin darüber gesprochen hatte, die ebenfalls ein kleines Baby hatte.
      „Du kannst dann einfach zu mir ziehen und in meinem Kleiderschrank wohnen.“, schlug Lexi vor und versuchte ihren Freund aufzuheitern. „Dann musst du auch nicht umziehen. Das finde ich nämlich blöd, da kann ich vielleicht gar nicht mehr einfach so zu dir laufen.“
      Sie seufzte tief und schüttelte den Kopf, so als hätte sie diese Sache längst beschlossen. Ja, ein Umzug wäre wirklich nicht gut.
      „Nein, Mamas Familie macht sich nichts aus ihr, da sie ihre Malerei nicht verstehen und Papas Familie wohnt einfach zu weit weg.“ Die Familie ihrer Mutter verstand nicht, wieso ihre Tochter lieber kellnerte und dafür mehr Freizeit hatte um zu malen, anstatt einem „richtigen“ Job nachzugehen.
      Und die Familie ihres Vaters kannte sie nur von Bildern. Einmal waren sie zwar dort gewesen doch sie konnte sich nur mehr an die Pferde erinnern. Seither waren Islandpferde ihre liebsten Tiere.
      „Also feiern nur wir drei. Aber Mama sagt, sie hat eine ganz besondere Überraschung für uns.“ Sie zuckte mit den Schultern und grinste, darauf freute sie sich sehr. Dann stand sie auf und bot Luka an zu tauschen.

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    • Lukjan

      Seine beste Freundin war einfach eine Person, die ihn immer verstand, einfach immer! Sie konnten sich beide alles mögliche erzählen und Lexi hörte ihm auch immer zu, das war einfach jemand, dem er vertrauen konnte.. So verstand sie ihn aber auch mit dem neusten Problem, mit welchem der junge Mann zu kämpfen hatte. "Ich war auch zuerst da, aber jetzt wächst Mamas Bauch immer mehr und ich darf mich anpassen.. Sie ist immer genervter von mir, ich weiß auch nicht". Das Baby war einfach ein kleines Problem, welches aber gar nicht mal so einfach beseitigt werden konnte, immerhin lebte es ja, es atmete, auch wenn Luka nicht ganz wusste, wie das Baby im Bauch überhaupt atmen sollte, aber das war eine ganz andere Sache. Natürlich kam aber auch das Thema des Umzugs zur Sprache, auch wenn es eher nur nebenbei erwähnt worden ist. "In deinem Kleiderschrank ist kaum Platz..", der junge Mann verzog ein wenig das Gesicht. "Außerdem ist da kein Platz für mein Bett.. aber es ist nett, dass du mir helfen willst.. Ich hoffe einfach, dass wir wohnen bleiben und sich das Baby in Luft auflöst.. Oder Mama es nachher nicht so toll findet und es einfach ab gibt". Eric drohte ihm selbst immer wieder, dass er ihn abgeben wird, wenn Luka sich nicht benehmen sollte, das konnte man sicherlich auch mit dem Baby machen.
      Die beiden sprachen noch über das Weihnachtsfest bei Lexi, bevor sie auch noch die Schaukeln tauschten und darüber sprachen, was sie sich zu Weihnachten gewünscht hatten, denn auch der Schwarzhaarige wusste genau, dass es den Weihnachtsmann nicht wirklich gab. Es war eine schmerzhafte Erleuchtung gewesen, oder viel mehr ein genervtes Gequatsche von Eric, der der Meinung war, Luka sollte endlich erwachsen werden!

      "Luka?!", die Stimme des Mannes hallte über den Spielplatz. Die beiden besten Freunde hatten noch ein Mal getauscht und sich auch über andere Themen unterhalten, die Zeit wirklich vergessen. "Luka verdammt nochmal!". Eric, ein mittelgroßer Mann normaler Statur erschien auf dem Spielplatz, um den Sohn seiner Freundin abzuholen. "Wir wollen los! Du solltest doch nicht raus!". Er sah wütend aus, seine braunen Augen erblickten nur den jungen Mann auf dem Reifen, ihm war Lexi eigentlich egal. "Jetzt komm! Wir haben nicht ewig Zeit!". Luka seufzte, er blickte zu seiner besten Freundin und zuckte mit den Schultern. "Da ist das Monster..", er grinste bei den Worten ein wenig, bevor er von dem Reifen runter rutschte und Lexi zu wunk. "Wir sehen uns in ein paar Tagen..Ich komme einfach vorbei, wenn wir wieder zurück sind!". Er war froh über diese Worte, er freute sich schon das Mädchen wiederzusehen.
      "Jetzt komm endlich!", Eric wurde ungeduldig.. Deshalb lief Luka zu dem Tisch, um sein Geschenk zu holen und drehte sich noch einmal zu seiner besten Freundin um. "Frohe Weihnachten dir noch!", er lächelte ihr zu, bevor der Freund seiner Mutter ihm nach half und ihn an der Jacke zog, um ihn mitzuziehen. "Du brauchst mich nicht mit ziehen!", Luka wehrte sich, was Eric aber egal war.. Er war genervt, kam mit dem Sohn seiner Freundin nicht wirklich klar und war schon spät dran. "Hör auf dich zu wehren und laufe einfach!".
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    • Als sich Luka über die Genervtheit seiner Mama beklagte, konnte Lexi nur zustimmend nicken. Sie verstand genau, was er meinte. Die paar Mal, in denen sie seit der Schwangerschaft bei ihm zu Besuch gewesen war, hatte auch sie mitbekommen wie seine Mama zu ihm war. Er hatte gar nichts gemacht und sie war böse mit ihm geworden. Er tat ihr wirklich leid.
      Vielleicht konnte man das Baby tatsächlich abgeben. Mit irgendeinem lieben Brief – so wie sie früher einen Brief an den Weihnachtsmann geschrieben hatte. Das würde doch bestimmt klappen, oder nicht?
      Dann überlegte sie weiter zum Kleiderschrank. Da hatte er leider recht, ihr Kasten war wirklich nicht groß. Vielleicht fanden sie aber noch eine andere Lösung. Ihnen würde bestimmt etwas einfallen. Genauso wie damals, als sie zusammen ein Baumhaus gebaut hatten. Es waren lediglich zwei Bretter gewesen, die an einem Baum gelehnt waren und darunter hatten sie sich versteckt. Aber es war ein gutes und schönes Baumhaus gewesen.

      Dann unterhielten sie sich noch über Weihnachten und alle möglichen Themen, tauschten dazwischen die Schaukeln und lachten immer wieder.
      Doch als die dunkle Stimme von Eric – Lukas Stiefvater – über den Spielplatz hallte, blieb Lexi das Lachen im Halse stecken. Sie wusste nicht wieso, aber der Mann war ihr unsympathisch.
      Luka musste gehen, dies machte ihm Eric ziemlich deutlich. Auf Lukas Worte bezüglich des Monsters erwiderte sie sein Grinsen. Er fand immer genau die richtigen Worte für solch eine Situation.
      „Ja, komm einfach vorbei! Ich bin Zuhause!“, rief sie und winkte ihm ebenfalls. Sie sah zu wie er sein Geschenk holte und ihr nochmals schöne Weihnachten wünschte. „Dir ebenfalls!“, rief sie ihm noch nach und blickte den beiden ungleichen Personen hinterher.
      Luka tat ihr wirklich leid und sie überlegte sich wirklich, wie sie ihm helfen konnte. Doch was konnte man als Kind gegen Erwachsene schon tun? Relativ wenig, wie sie fand.

      Den restlichen Nachmittag verbrachte sie Zuhause und half ihrer Mutter beim Dekorieren der Wohnung. Alles war bunt und glitzerte, so wie es ihre Mama mochte. Das Geschenk von Luka stand in ihrem Zimmer auf dem Schreibtisch. Es wäre das erste, welches sie morgen am 24. öffnen würde. Darauf freute sie sich am meisten und ihr Herz klopfte ganz aufgeregt.
      Auch der Abend verlief ruhig, das beruhigende Klappern der Tastatur ihres Vaters und der liebliche Singsang ihrer Mutter, die bei heller Wohnzimmerbeleuchtung den Christbaum malte, lullten Alexis schon bald in einen tiefen Schlaf.

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    • Lukjan

      Das Weihnachtsfest war nicht so, wie man es sich eigentlich gewünscht hätte, oder wie es sich Luke gerne gewünscht hätte. Er war enttäuscht und auch wenn das Essen ziemlich lecker war musste er damit leben diese drei Tage wieder daran erinnert zu werden wie wenig er eigentlich allen bedeutete. Es war vielleicht hart, aber das stimmte und das wusste er auch. Eric hatte ihn abgeschoben, kümmerte sich um alles andere und hatte seine Freundin für sich beansprucht, immerhin war es ihr erstes richtiges Weihnachtsfest zusammen und saß musste Luka verstehen, jedenfalls wurde ihm das von allen gesagt. Am ersten Weihnachtstag hatte er es vor allem am meisten gefühlt, denn wie es sich herausstellte gab es für ihn nur eine Kleinigkeit von Erics Eltern, Mike und Anna, sonst nur eine riesen große Enttäuschung, aber dafür gab es für das Baby eine Menge.. Obwohl es noch nicht einmal auf der Welt war. Okay, da gab es noch das Geschenk von Lexi, das hatte ihm wirklich gefallen und die Schneekugel stand jetzt auf seinem Nachttisch, es erinnerte ihn daran, dass es noch jemanden gab, der ihn wirklich gern hatte. Das Armband trug er sogar.
      "Zieh das aus, du bist kein Mädchen", Eric hatte ihn wieder so böse angesehen, aber Luka war es egal, das Armband war von swine besten Freundin und das trug er mit Stolz, während er sich die Jacke anzog. "Wo willst du wieder hin?", seine Mutter war heute auch wieder irgendwie komisch drauf, sie hatten sich wieder gestritten an dem Morgen und der Grund dafür stand im Flur.. Luka sollte zu weich sein, auch wenn er nicht ganz verstand, was Eric damit sagen wollte...aber es war ihm auch egal, denn er hatte was vor! "Ich will rüber zu Lexi", antwortete er seiner Mutter und schlüpfte in seine Schuhe. Über Weihnachten war noch viel mehr Schnee gefallen, er wollte mit ihr einen Schneemann bauen und außerdem nachfragen, wie ihr das Geschenk gefiel. "Ich mache aber gerade Mittagessen", seine Mutter klang nicht erfreut darüber, dass Luka raus wollte, aber so störte er niemanden und verzog sich, wie es Eric gerne hatte. "Ich habe keinen Hunger, ich kann später essen..",er zog sich noch die Mütze und den Schal an, bevor er nach der Schneeschaufel griff, die er von Erics Eltern zu Weihnachten bekommen hatte, das war fast schon ein cooles Geschenk gewesen. "Okay, aber sei zurück, bevor es dunkel ist!". Es interessierte einfach niemanden, wo sich der Junge Mann trieb, besser für ihn. "Tschüss!", er zog die Tür hinter sich und atmete wieder diese kalte Luft ein. Ob es irgendjemandem auffallen würde, dass er nicht zurück kommen würde? Vermutlich nicht, aber sollte er es nicht mal ausprobieren? Immerhin hatte er doch nichts zu verlieren, sie wären eh in ein paar Tagen weg..
      Er seufzte und machte sich mit der Schaufel in der Hand dazu auf die Straße runter zu laufen. Wenige Häuser weiter wohnte seine beste Freundin, mit der er einiges besprechen musste, er musste ihr vor allem davon erzählen, dass sie sich vermutlich nicht mehr sehen werden.. Luka klingelte zwei Mal an der Tür, wie sie es immer taten, aber zu seiner Überraschung stand jemand ganz anderes in der Tür.. Ihre Mutter öffnete ihm, sie war immer so furchtbar nett und freundlich, ganz anders, als seine Mom es war. "Ist Lexi da? Darf sie spielen kommen? Ich wollte mit ihr einen Schneemann bauen!". Er lächelte über beide Ohren, ein Schneemann musste ihn dich sicherlich aufmuntern, wenn es nicht schon Lexi tun wird.
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Gleich am Morgen des Heiligen Abends war Lexi putzmunter aufgewacht. Vor lauter Freude war sie aufgesprungen und hatte sich in der Bettdecke verfangen. Kurz war sie gestrauchelt, ehe sie sich wieder gefangen hatte und zu ihrem Schreibtisch eilte. Im Gegensatz zu ihrer Freude, öffnete sie das Geschenk ganz behutsam und wollte das Papier sogar aufheben, immerhin waren die Rentiere furchtbar niedlich.
      Zum Vorschein kam eine schöne Schatulle aus weißem Holz. Mit großen Augen drehte sie diese und fand einen kleinen, silbernen Verschluss, den man offensichtlich drehen konnte. Sie ließ ihn jedoch unberührt und öffnete vorsichtig das Geschenk. Plötzlich ertönte eine wunderschöne, elegante Melodie und eine Ballerina drehte sich passend dazu. Sie glänzte herrlich und augenblicklich pochte Lexis Herz laut und kraftvoll. Es war ein wunderbares Geschenk und ganz vorsichtig stellte sie es wieder ab und lauschte verzückt der Melodie.
      Ganze drei Minuten hörte sie zu, ehe das Lied zu Ende war. Etwas panisch schloss sie die Schatulle wieder und öffnete sie, doch sie blieb stumm. Erst nach etlichem Probieren drehte sie am silbernen Stift und zog das wundersame Geschenk erneut auf. Sofort erklang wieder dieser liebliche Klang und sie verbracht eine geschlagene halbe Stunde damit, ihm zuzuhören.

      Der restliche Tag verlief unspektakulär und fast schon langweilig. Sie sahen alte Weihnachtsfilme und bereiteten Kleinigkeiten für das morgige Weihnachtsessen vor. Ganz klassisch würde es morgen ein großes Mittagessen und früh Morgens die Geschenke geben.
      So war es dann auch und neben den leckeren Speisen hatte sie einiges an Kleidung und ein Stofftier in Form eines Pferdes bekommen. Doch für sie war und blieb das schönste Geschenk die Spieluhr von Luka.

      „Eine besondere Überraschung habe ich noch.“, verkündete nun ihre Mutter beim Mittagessen. Sie wartete, bis ihr Mann und Tochter sie ansahen. „Ich bin an der Kunstagentur in Albany aufgenommen. Ich kann nach den Weihnachtsfeiertagen anfangen dort zu arbeiten. Ich habe sogar schon eine kleine Wohnung für uns gefunden!“ Ihre Mutter, dieser zarte, bunte Schmetterling, der niemanden etwas böses wollte, strahlte übers ganze Gesicht. Vater und Tochter konnten gar nicht anders, als sich für sie zu freuen und doch stach im selben Moment auch Lexis Herz. Was wurde dann aus Luka und ihr? Dann konnte er doch nicht mehr zu ihr ziehen?
      Doch sie brachte es nicht übers Herz etwas zu sagen und versteckte ihren Kummer hinter einem Lächeln. Im Anschluss folgten noch ein paar Details, welche ihre Mutter mit ihrem Vater besprach, doch Lex hörte schon nicht mehr richtig zu.

      Den Schmerz über den Umzug hielt auch noch den darauf folgenden Tag an. Sie lag in ihrem Bett und hörte der Spieluhr zu. Im Moment war dieses Lied das einzige, welches sie zu trösten vermochte. Nun, bis es jedenfalls plötzlich zweimal klingelte. War Luka wieder zurück? Sofort stürmte sie die Treppen hinunter und zog sich rasch an.

      Michelle öffnete die Tür und fand Lexis besten Freund Luka vor sich. Sie lächelte und beugte sich zu ihm hinab. Ihre bunten und viel zu großen Ohrringe baumelten witzig in der Luft, ehe sie ihm sanft über die Wange strich. Schon ertönte das Poltern rascher Schritte hinter ihnen und sie nickte.
      „Ja, Lexi ist da und darf spielen kommen!“, antwortete sie, ehe sie sich verabschiedete und sich von dem Eingangsbereich zurückzog. Sie war viel zu sehr in ihrer eigenen Welt gefangen um das Unglück zu sehen, welches über Lexi hereingebrochen war.

      Sobald sie die Jacke, Schal, Haube und Stiefel an hatte, zog sie die Tür hinter sich zu und fiel ihrem besten Freund sogleich um den Hals. Jungs in diesem Alter mochten solche Gefühlsbezeugungen für gewöhnlich nicht und sie nahm sich auch sehr zurück mit so etwas.
      „Dankeschön für das wunderhübsche Geschenk!“, sagte sie und ließ ihn wieder los. „Die Ballerina tanzt soooo schön und das Lied höre ich stundenlang!“
      Dann erblickte sie die Schneeschaufel, sie sah neu aus. „Hast du das von deiner Mama bekommen?“ Dass ihm Eric kein Geschenk machen würde, war für die braunhaarige sonnenklar.

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    • Lukjan

      Lange musste er nicht warten da bekam Lexi sowohl die Erlaubnis das Haus zu verlassen, als auch stand sie kurz darauf schon unten, bereit mit ihm spielen zu gehen. Er mochte ihre Mutter wirklich, sie war zwar manchmal merkwürdig, aber sie war immer nett und das war laut Luka die Hauptsache! Viel haben die beiden zwar nicht gesprochen, aber nachdem swine beste Freundin auch schon da war war es ihm auch schon wieder egal gewesen, denn er wollte mit ihr einen Schneemann bauen! Kaum war jedoch die Tür zu und kaum wollte der junge Mann gehen schon warf sich das Mädchen ihm um den Hals, um ihn in eine Umarmung zu ziehen. Mädchen waren manchmal wirklich ekelhaft, wie er fand, aber irgendwie tat es auch für einen Moment gut, diese Wärme abzubekommen. Seine Mutter umarmte ihn nicht mehr allzu viel seit Eric da war, sie kam aber auch immer seltener ins Zimmer, um Luka eine Geschichte vorzulesen, nun, er las jetzt selbst! Vielleicht meinte Eric das mit, dass er erwachsen werden muss?
      Am besten war aber, dass Lexi das Geschenk wirklich gefiel, sie freute sich scheinbar darüber und hörte auch stundenlang die Melodie, das erfreute den jungen Mann nur noch mehr, darauf hatte er einfach gehofft. "Freut mich sehr!", er grinste breit über beide Ohren und merkte gar nicht, wie er doch ein klein wenig verlegen im Gesicht wurde. "Ich habe es selbst ausgesucht! Und meine Mom so lange geärgert, bis sie es mit mir geholt hat!", da war er immer noch sehr stolz drauf. Doch die Schaufel kam ins Gespräch und Luka hob sie ein wenig hoch, um sie zu zeigen. "Nein, die ist von Erics Eltern.. Ich habe von meiner Mom nichts bekommen.. Das Baby ist teuer, sagen sie", da zuckte er mit den Schultern. "Dafür finde ich die Schneekugel mega cool!", er grinste wieder breit und die beiden machten sich langsam auf den Weg zu der Wiese, die sicherlich voller Schnee war. "Und das Armband auch, auch wenn Eric der Meinung ist, dass echte Männer so etwas nicht tragen". Luka zog seine Jacke am Ärmel etwas hoch, um zu präsentieren, dass er das Armband auch wirklich trug. "Darüber haben die sich auch heute gestritten, genauso wie eigentlich ganz Weihnachten über, ich weiß nicht, warum man mit jemanden zusammen ist, obwohl man sich streitet.. Angefangen hatte es damit, dass Eric wohl vergessen hat das Geschenk für mich zu Weihnachten zu besorgen.. Er war mit anderen Dingen beschäftigt.. Aber das Baby.. Das hat eine Meeeeeeenge bekommen!". Luka seufzte." Wie kann etwas, was noch nicht lebt, so viele Geschenke bekommen? Damit ich aber nicht traurig bin, habe ich die Schaufel bekommen und die ist mega, damit können wir einen riesigen Schneemann bauen!"
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Lukas Grinsen war wie immer ansteckend und zauberte auch Lexi sogleich ein noch breiteres Lächeln ins Gesicht. Seine Freude war richtig ansteckend und als er dann auch noch zugab, er habe das Geschenk selbst ausgesucht, da strahlte das Mädchen übers ganze Gesicht.
      Beinahe hätte sie ihn wieder umarmt, doch dieses Mal begnügte sie sich damit, sein verlegenes Gesicht und Körperhaltung zu bestaunen. Es war ein Bild, welches sich unbewusst tief in ihre Netzhaut brannte und sie verschloss es als eine Erinnerung sicher in ihrem Kopf.
      Als er nun die Schaufel hob, bestaunte Lexi das neue Gerät. Ja, damit ließe sich viel Schnee schippen und auf jeden Fall eine Menge Spaß haben. Fast hätte sie seine Worte überhört – aber nur fast. Dass er tatsächlich nichts von seinen Eltern bekommen hatte, tat ihr weh. Sie müsste mit dem Baby schimpfen, sobald es endlich aus dem Bauch heraus war.
      Doch, dass ihm die Schneekugel gefiel, freute sie sogleich wieder. Bären waren cool aber Eisbären? Die waren ultra cool!
      Sie folgte ihm und seiner Schaufel und freute sich, dass es so viel Schnee gab. Sie könnten vielleicht sogar einen Schneeengel machen?
      Doch alle ihre Gedanken an das weiße Gold traten in den Hintergrund, als ihr bester Freund demonstrativ den Ärmel seiner Jacke hochzog und das bunte Regenbogenarmband zum Vorschein kam.
      „Oh!“, rief das Mädchen verzückt aus und bestaunte das Armband um sein Handgelenk. Es stand ihm gut, wie sie fand. Umso überraschter war sie, dass Eric das nicht so sah.
      „Warum sagt er immer solche gemeinen Sachen?“, fragte sie nun und stapfte etwas wütend auf. „Ich will nie so gemein sein und anderen sagen was sie tragen dürfen und was nicht! Und ich will auch bestimmt nie vergessen jemanden ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen!“
      Sie fühlte sich richtig wütend, wenn sie an die Behandlung von Lukas Mama und Stiefvater dachte.
      „Babys sind blöd. Die schlafen und weinen sowieso nur den ganzen Tag. Wieso bekommt es überhaupt Geschenke?“ Sie schüttelte den Kopf und deutete auf die Schaufel.
      „Dafür bauen wir jetzt den besten Schneemann der Welt!“, versprach sie und freute sich schon darauf.
      Danach würde sie ihm von dem Umzug erzählen, doch diese schlechte Neuigkeit konnte noch warten.

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    • Lukjan

      Babys waren wirklich blöd.. Sie bekamen die ganze Aufmerksamkeit und all die Geschenke, obwohl sie noch nicht einmal wirklich existierten. Klar, Luka sah deutlich, wie der Bauch seiner Mutter wuchs und wuchs, aber er sah auch, dass auf dem Bild, welches ihm seine Mutter gezeigt hatte, kein Baby zu sehen war. Es war einfach nur schwarz-weiß, vielleicht gab es gar kein Baby? Vielleicht hatte seine Mutter nur viel zu viel gegessen? Aber das wäre zu schön, um wahr zu sein.. Letztendlich gab es aber auch coole Sachen auf der Welt und dazu gehörten ganz sicher Schneemänner! Sie waren toll, vor allem war der toll, den Luka zusammen mit Lexi baute, auch wenn ihnen eine Möhre fehlte, um seine Nase zu machen. Glücklich und vor allem auch sehr zufrieden steckte Luka die Schaufel in den Schnee, um ihr gemeinsames Werk zu begutachten. "Er sieht wahnsinnig gut aus!", stellte der junge Mann grinsend fest. "Zwar ein wenig schief, aber wir haben es hin bekommen!". In der Tat ging der Schneemann ein wenig zur einer Seite, aber das war nicht wichtig, viel wichtiger war es, dass sie es zusammen hin bekommen haben.
      "Machen wir eine Pause und gehen dann auf den Spielplatz?", Luka wollte mit seiner besten Freundin auch noch besprechen, da war ja noch was und dafür ließ er von dem Schneemann ab, um sich auf einen nahegelegenen, umgefallenen Baumstamm zu setzen. Er lag dort schon eine halbe Ewigkeit, sie hatten diesen irgendwann entdeckt und für viele Spiele schon missbraucht, man konnte aber auch gut darauf sitzen. "Eric hatte einen Grund meine Geschenke zu vergessen.. Sagte er jedenfalls.. Er hat meiner Mom ein großes Geschenk gemacht und ich muss jetzt doppelt darunter leiden". 9-Jährige verstanden oftmals deutlich mehr, als man ihnen zutraute und Luka sah einige Dinge einfach sehr gut, jedenfalls begriff er einige Aktionen und seine vergessenen Geschenke waren zu 100% Absicht, dessen war er sich sicher, aber er wollte etwas anderes sagen, nachdem er auf den Baumstamm kletterte, um drauf zu sitzen. "Er hat gesagt, dass er ein Haus gekauft hat.. Ein wenig weiter weg.. Und da gibt es Platz für meine Mom und ihn, das Baby.. Ein Arbeitszimmer.. Und irgendwo auch für mich, obwohl er das gar nicht so freudig erwähnt hatte", da seufzte Luka kurz. "Wir.. Ziehen vermutlich noch vor Sylvester um.. Damit das Baby ein großes Zimmer kriegen kann.. Und damit Eric mich vielleicht endlich mal in den Griff bekommt, so wie er es seinem Eltern gesagt hat.. Das Haus ist nicht weit weg von denen, so fahren wir aber weiter weg von Grandma und Grandpa". Seine Großeltern wohnten gerade mal eine halbe Stunde von hier entfernt. "Ich verstehe das alles nicht, wir haben es gut hier, aber.. Es hört leider keiner auf mich". Er klang ein wenig.. Traurig.. So wird es nämlich keine täglichen Besuche mehr bei Lexi geben, oder das gemeinsame Spielen draußen. "Das heißt wohl, dass ich zu dir ziehen muss, ist da noch Platz in dem Schrank?".
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Ohne viel federlesens machten sie sich nun ans Werk. Gemeinsam formten sie, Lexi verpasste ihm die feinen Konturen und Luka brachte regelmäßig mit seiner super Schaufel den Schnee. Es war befreiend in der Kälte zu spielen und auch wenn langsam ihre Finger einfroren, genoss sie jeden Augenblick davon.
      Als ihre Arbeit getan war, standen sie zusammen und betrachteten ihr Werk. Lexi war höchst zufrieden. Er war für sie der schönste Schneemann der Welt.
      „Meine Mama sagt immer, wenn etwas nicht so aussieht wie gehofft, muss man sagen, dass es Absicht war!“ So war es vermutlich auch mit vielen ihrer Kunstwerke. Manche glichen realen Zeichnungen, aber viel, viel mehr waren einfach nur irgendwelche Farbkleckse, die Lexi nicht ganz verstand.
      Sie nickte auf Lukas Frage hin und folgte ihm, um neben ihm auf den umgefallenen Baum Platz zu nehmen. Gespannt hörte sie ihm zu und mit jedem Wort wurde ihr Herz schwerer.
      Erich hatte ein Haus gekauft? Einfach so? Durfte man einfach so ein Haus kaufen und das ganze Leben, dass Luka kannte, auf den Kopf stellen? Zuerst das Baby und nun ein Umzug, der Junge tat ihr schrecklich leid.
      Doch sein Umzug deckte sich nahezu mit ihren eigenen Plänen. Wobei, viel mehr die Pläne ihrer Eltern, allen voran ihrer Mutter.
      Aus einem Impuls heraus ergriff sie Lukas Hand und sah ihn und ihre dunkelblauen Augen trafen hellblau.
      „In meinem Schrank ist immer Platz für dich, aber ich glaube, es geht nicht…“ Sie seufzte nun und auch ihr Gesicht wurde traurig. „Warum glaubt Eric dich in den Griff bekommen zu müssen?“ Für sie war Luka perfekt so wie er war. Er war ihr bester Freund, der ihr immer zuhörte, zum Lachen brachte und über alles mit ihr redete.
      „Meine Mama hat einen neuen Job angenommen, in einer größeren Stadt.“ Sie hatte sich nicht einmal den Namen gemerkt. „Wir ziehen in den nächsten Tagen dorthin, da sie nach den Feiertagen gleich anfangen muss. Papa kann sowieso von überall aus arbeiten, sagt er.“
      Sie seufzte und ließ seine Hand los. „Wieso hören die Erwachsenen nie auf uns?“
      Resolut stand sie nun auf. Normalerweise war sie nicht die Person, die überstürzt handelte, doch jetzt gerade musste es sein.
      Sie ging in die Knie, setzte ihre rechte Hand auf einem abgebrochenen und wegstehenden Ast des Baumes auf und presste die Lippen zusammen, als sie mit einem Ruck ihre Handfläche darüber zog. Augenblicklich tropfte dunkles Blut in den Schnee.
      „Ich habe das in einem Film gesehen. Das macht man, damit man immer Freunde bleibt. Du musst das auch machen, Luka, und dann pressen wir die Hände gegeneinander!“
      Es war der letzte Akt eines traurigen und verzweifelten Mädchens, welches tief in sich wusste, dass sich nun alles ändern würde.

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    • Lukjan

      Ja, der Schneemann war definitiv eine Absicht der beiden, auch die nicht ganz so gerade Konstruktion gehörte zu der vollen Absicht der Beiden, das beschlossen sie beide und Luka nickte, um es noch einmal zu bestätigen. Der Schneemann war toll, am liebsten hätte er diesen seiner Mutter gezeigt, aber sie würde vermutlich sowieso nicht raus kommen, so wie er sie in der letzten Zeit kannte. Aber es gab sowieso ein wichtigeres Thema, Luka würde umziehen und er sagte es auch, was Lexi nicht ganz so gefiel. Ja, ihm gefiel es auch nicht, er war wirklich traurig über diese Tatsache, aber noch trauriger darüber, dass er nicht bei Lexi wohnen konnte. Er wollte gleich fragen warum es so war, aber davor war ja noch die Sache mit Eric. Luka zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, er sagt ich sei frech und höre nicht auf ihn, dabei tue ich genau das, was er will.. Ich nerve ihn nicht und gehe ihm aus den Weg.. Außerdem sagt er, ich brauche Di.. Disziliplin.. Oder so", ein Wort, welches noch nicht wirklich zu seinen Wortschatz gehörte.
      Lexi erzählte dann aber den Grund davon, warum ihr bester Freund wohl nicht bei ihr im Schrank wohnen kann... Ihre Eltern beschlossen genauso umzuziehen, wie es seine taten. Etwas traurig und vor allem sehr getroffen blickte der junge Mann zu seiner besten Freundin. "Ihr zieht auch weg?", fragte er und musste sich zurückhalten, um die Tränen nicht in seine Augen steigen zu lassen. Er würde nicht weinen, nicht vor seiner besten Freundin! "Aber.. Aber das heißt, dass wir wirklich nicht mehr zusammen spielen können!", das war hart für den jungen Mann, sehr hart.. Und er wollte eigentlich darüber nachdenken, was man dagegen tun konnte, aber seine beste Freundin stand auf und hatte etwas vor. Sie griff zu einem Ast und.. Als sie sich die Hand damit Aufschnitt wurden Lukas Augen groß. "Lexi!", er war kurz entsetzt darüber, daß musste doch wehtun! Das Blut tropfte in den weißen Schnee hinein, da rutschte der Junge von dem Baum runter, um sich ihre Hand anzusehen, aber sie erklärte auch schon, wozu es dienen sollte.. Sie sollten für immer Freunde bleiben.. Luka war es bewusst, dass sie es vermutlich nicht so einfach konnten, wenn sie beide weit weg voneinander wohnten, wieder musste er mit den Tränen kämpfen, aber er griff zu dem Stock, um sich ebenfalls in die Handfläche zu schneiden. Er biss die Zähne zusammen, es brannte und schmerzte, aber sobald das Blut zu sehen war nahm er die Hand seiner besten Freundin und drückte ihre Wunden gegeneinander. Das brannte noch mehr, er musste scharf Luft holen, aber er ließ sie nicht los.
      "Freunde für immer und ewig! Egal, wohin unsere Eltern umziehen wollen! ", verkündete er und blickte ihr in die Augen. "Versprochen!".
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Wieso sagten die Erwachsenen immer, dass sie frech waren? Wann war man denn frech? Lexi fand überhaupt nicht, dass Luka Diszilipin brauchte. Es hörte sich an wie Medizin doch er war doch ganz gesund!
      Mit großen Augen sah sie nun, wie auch Luka sich am Ast die Hand aufschnitt und kurz darauf ihre nahm. Es brannte schlimm und sie schnappte nach Luft. In dem Film hatte es nicht so schmerzhaft ausgesehen und sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen – vor Schmerz und Kummer gleichermaßen.
      Sie blinzelte ein paar Mal und erwiderte fest den Blick aus seinen Augen. „Verspr…“ Ihre Stimme brach und sie musste sich räuspern, ehe sie nochmals laut wiederholte: „Freunde für immer und ewig, versprochen!“
      Dann konnte sie nicht mehr an sich halten und weinte. Es war ihr egal ob Luka sie sah, aber sie wollte hier nicht weg. Hier war alles gut und schön, sie hatten alles, was sie brauchten. Wie immer tröstete ihr bester Freund sie und ein wenig entschuldigend blickte sie zu ihm. Sie war nicht so tapfer wie er und würde es wohl auch nie sein. Doch sein Trost half ihr und bald hatte sie sich wieder beruhigt. Das Blut wischte sie nun an ihrer Jacke ab. Ihre Mama würde vielleicht schimpfen, aber es war ihr egal.
      „Sag Eric, seine Diszilipin kann er selbst haben.“, schniefte sie dann noch. Als Kind fand sie keine anderen Worte dafür und sie sagte einfach das, was ihr einfiel. „Du bist noch cooler als die Schneeschaufel und der Schneemann zusammen, Luka.“ Sie hoffte, er würde das nicht vergessen.

      Und dann ging alles ganz schnell. Die Weihnachtsfeiertage verstrichen und Lexis Familie nutzte die Zeit um zu packen und ihre Sachen per LKW in die neue Stadt liefern zu lassen. Traurig stand das braunhaarige Mädchen im Türrahmen ihres alten Zuhauses und presste die Spieluhr an sich. Liebevoll strich sie mit den Fingern über das Holz und passte auf, dass das Pflaster nicht verrutschte, welches ihre Wunde an der Hand bedeckte.
      „Mach’s gut, Hausi. Sei nicht traurig, wenn ich groß bin komme ich zurück und wohne wieder hier!“, versprach sie ihm und wandte sich dann um.
      Im alten Ford ihres Vaters fuhren sie ihre Wohnstraße entlang und sie drückte sich die Nase an der Scheibe platt, um Lukas Haus so lange es ging anzusehen. Er fehlte ihr jetzt schon. Sie hatten sich versprochen einander Briefe zu schreiben, Handy hatten sie beide noch keines, und dafür hatten sie auch die neuen Adressen ausgetauscht. Lexi wusste, sie würde ihm viel schreiben und hoffte das gleiche auch von ihm.
      Und dann ging es der großen Stadt und ihrem neuen Leben entgegen.

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    • Lukjan

      Es gab zuhause für den Jungen sehr viel Ärger aufgrund der Wunde, die er sich mit Lexi zusammen an der Hand zugefügt hatte, aber er log, dass er sich einfach nur wehgetan hatte und nachdem seine Mutter ein wenig geschimpft hatte, aber danach war es auch allen egal. Eric war es nur wichtig gewesen, ob Luka geweint hatte, aber nachdem er stolz erzählt hatte, dass er es nicht einmal ansatzweise musste war die Sache auch für den Freund seiner Mutter wieder gegessen. Dafür wurde ein Pflaster drauf geklebt, damit die Wunde verheilen konnte und schon war auch der Umzug dran. Das, was Luka am meisten störte war ja eigentlich, dass jetzt nicht nur das Baby die Aufmerksamkeit bekam, sondern auch der Umzug, aber um ihn sorgte sich keiner.. Dafür bekam er leere Kartons hin gestellt, um seine Spielzeuge und seine Bücher einzupacken, was sich schwieriger gestaltete, als gedacht, denn nicht alles passte in die Kartons und Eric meinte, es musste passen und das, was nicht rein passte würde zurück gelassen werden. Die Angst in Lukas Gesicht stand ihm wirklich geschrieben, er wollte sich nicht von seinen Autos trennen, die er aus Lego gebaut hatte, oder von seinen Robotern, mit denen er manchmal auch mit Lexi spielte. Sie konnten zu Autos gebaut werden, die auch wirklich fuhren, oder eben zu Robotern, mit denen man die Welt retten konnte. Dazu gab es sogar Filme! Die hatte er tatsächlich mit Eric zusammen gesehen, eine der wenigen Sachen, welche beiden gleich gut gefiel, aber den Namen hatte der Junge auch gleich schon wieder vergessen.
      Genauso wenig wollte er sich aber von seinem Büchern trennen, von seinen Kuscheltieren, auch wenn er nur noch zwei besaß, und die Schneekugel von Lexi musste auch mit! Er malte sich aus, dass sie dann immer merken wird, wenn er sie betrachtet oder mit ihr spielen wird, dass das der Draht zueinander war, denn nachdem er seine Mutter gefragt hatte, wie weit sie weg ziehen wurde er nur noch trauriger. Dreihundert Kilometer.. Das war wie die Strecke zum Freizeitpark und zurück.. Mal zwei! Ewigkeiten also! Da konnte er nicht einfach so zu Lexi rüber laufen..

      Sie hatten sich versprochen Briefe zu schreiben.. Dafür musste Luka sich Papier und Stift holen, er hatte nichts besonderes dafür, aber nachdem sie sich die erste Woche gut eingelebt hatten hatte er seine Mutter so lange gebeten, bis sie mit ihm einkaufen ging. Die Adresse hatte er, den ersten Brief auch recht schnell, in den Umschlag packte er auch noch ein getrocknetes Blatt, mit einem Loch innen drin, welcher aussah wie ein Eisbär. Als es dieses gefunden hatte war er sofort drum und dran es Lexi zu zeigen, Eisbären waren einfach nur cool! Der erste Brief hatte drei Seiten, in dem Brief gab er auch die Telefonnummer des Festnetzes an, seine Mutter hatte ihm dabei geholfen, aber vielleicht könnten sie sich anrufen? Er erzählte von dem großen Haus, davon, dass sein Zimmer deutlich kleiner war, als das, des Babys, und auch davon, dass sein Zimmer erst später gemacht wird, zuerst kam das Baby.. Darüber beschwerte er sich, aber er sprach auch davon, dass es bei ihm einen riesigen Hügel gab, auf welchem er sicherlich viel Spaß mit Lexi hätte, um Schlitten zu fahren.. Den Brief adressierte seine Mutter an Lexi, es war Luka fremd es zu tun, aber nachdem er es ein Mal gesehen hatte war er sich sicher das später auch zu tun! Seine Mutter sollte den Brief auch weg schicken und dann musste Luka nur noch warten.. Und warten.. Und warten.. Und als das Frühjahr ins Land zog gab es noch immer keinen Brief, war der erste nicht angekommen? Er schrieb einen zweiten.. Einen dritten.. Einen vierten.. Und als zu seinem Geburtstag im Dezember immer noch nichts kam wusste er nicht, was er falsch gemacht hatte..
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Die Wohnung war doch viel kleiner als ihr eigentliches Haus. Lexi gefiel dies ganz und gar nicht und sie tat ihren Unmut auch kund. Ihr Vater war viel zu phlegmatisch um dies tatsächlich mit zu bekommen und ihre Mutter strich ihr nur liebevoll über den Kopf. Sie hatte sowieso nicht mitzureden, die Erwachsenen wussten alles immer besser!

      Doch nach und nach gewöhnte sie sich ein. Ihr Zimmer war das größte, dann gab es noch ein Schlafzimmer und das Wohnzimmer enthielt einen Schreibtisch für ihren Vater. Ihre Mutter war die nächste Zeit über sehr, sehr glücklich und erfüllte alles mit ihrer Fröhlichkeit.
      Schließlich konnte Lexi nicht anders und freute sich für ihre Mama, auch wenn ihre Traurigkeit im Inneren immer größer wurde.
      Sie hatte sich extra von ihrer Mama helfen lassen und bisher jeden Brief mit irgendwelchen Zeichnungen versehen. Einmal hatte sie sogar Blütenblätter darauf geklebt und doch war nie ein Brief von Luka gekommen. Jeden Tag wartete sie auf eine Nachricht ihres besten Freundes aber sie blieben aus.
      Nicht einmal zu ihrem Geburtstag im August bekam sie einen Brief von ihm und da war sie ihm sogar ein wenig böse. Doch natürlich schrieb sie ihm einen weiteren zu seinem Geburtstag. Sie zeichnete den schiefen Schneemann hinein und hoffte, dass er ihn wenigstens cool und lustig finden würde. Vielleicht würde er ihr dann endlich schreiben! Doch auch dieses Mal kam keine Nachricht.
      Ihr einziger Trost war die Schatulle, zu dessen Lied sie jeden Tag tanzte oder mit ihrem Plüschpferdchen kuschelte. Sie hatte es Luka getauft, doch das würde sie ihm nicht verraten. All ihre anderen Stofftiere und Puppen waren ihr zunehmend egal geworden, schließlich wurde auch sie älter und größer.
      Jeden Tag vorm Schlafengehen blickte sie so lange es ging in den Himmel. Sie musste leider noch früh ins Bett und sah keine einzige Sternschnuppe – nie. Dabei hätte sie einen so dringenden Wunsch! Luka sollte zu ihr kommen, oder wenn das nicht ging, dann sollte er ihr wenigstens schreiben! Sie hatten es sich doch gegenseitig versprochen.
      Doch mit der Zeit kam auch die Ernüchterung. Das anfängliche Unverständnis, wich Enttäuschung und wandelte sich schließlich in Ärger. Sie hatte es lange probiert, zig Briefe verfasst, sogar im Telefonbuch nach seinem Namen gesucht, doch alles war vergebens.
      Und irgendwann konnte ihre Mama es nicht mehr mit ansehen und kaufte ihr kein neues Papier mehr. Es war vorbei.

      Die Jahre vergingen – zehn um genau zu sein – und unsicher wie eh und je stand Lexi vor ihrem Spiegel. Sie blickte sich an und sah ihre Mutter. Sie hatte die grazile Gestalt und die leider kleine Körpergröße, sowie auch die wenig weibliche Statur von ihr geerbt. Seufzend pustete sie sich ihre langen, braunen Haare aus dem Gesicht und begann sie mit einem heißen Lockenstab einzudrehen. Stundenlang hatte sie YouTube-Tutorials zu den Themen Haare und Make Up studiert und war nun Gott sei Dank sicherer im Umgang mit diesen Dingen. Immerhin musste heute alles perfekt sein.
      Kurz erinnerte sie sich an ihren Umzug – oder Rückzug? – hierher nach Rhinebeck zurück, der nun genau 5 Tage her war. Ein Jahr war vergangen, seit ihre Mutter verstorben war und es verging kein Tag, an dem sie ihre Mom nicht vermisste. Der Trubel und ihr Erfolg waren Gift für ihren zerbrechlichen, flatterhaften Charakter gewesen und sie hatte keine Ruhe mehr gefunden. Sie hatte begonnen Schlaftabletten zu nehmen und immer weniger zu Essen und schließlich war sie eines Tages nicht mehr aufgewacht.
      Es hatte lange gedauert, bis Lexi diesen Umstand verstanden und akzeptiert hatte. Doch ihr Vater litt immer noch darunter. Gemeinsam hatten sie es irgendwie geschafft das letzte Jahr zu überleben, das Begräbnis zu organisieren und sie waren sogar für zwei Wochen in Island gewesen.
      Einmal mehr war ihr bewusst geworden, dass sie nicht dort nicht hingehörte. Sie hatte wenig Interesse als Kind an der Sprache gezeigt und nun fühlte sie sich wie eine Fremde. Ihren Vater hatte der Besuch gutgetan aber ihr zuliebe blieben sie in den USA.
      Um trotzdem einen Neuanfang zu wagen, waren sie hierher, in dieses kleine Kaff, zurückgezogen und nun musste sich Lexi mit dem Thema einer neuen Schule auseinandersetzen. Sie war mittlerweile 18 Jahre und somit im letzten Schuljahr, ein Senior also.
      In Albany waren ständig neue Schüler gekommen und gegangen, auch in der Grundschule und Junior High hatte sie keine Probleme mit solchen Wechseln gehabt. Aber hier? Mitten in dieser kleinen Gemeinde würde sie bestimmt auffallen wie ein bunter Hund.
      Ein Grund mehr sich unter hübschem Make Up und lockigen Haaren zu verstecken. Niemand sollte mitbekommen wie katastrophal es in ihrem Inneren aussah. Ihre Mitschüler nicht und am allerwenigsten ihr Vater.
      Prüfend sah sie in den Spiegel und war mit sich zufrieden. Ihre Locken lagen sauber über ihren Schultern und der braun schimmernde Liedschatten sowie der dezente, schwarze Lidstrich komplettierten die Schuluniform. Sie schaltete den Stab aus und legte ihn auf eine Hitzebeständige Unterlage ihres Schreibtisches. Kurz streifte ihr Blick die Schatulle, die ihr einst ihr bester Freund Lukjan geschenkt hatte. Ob es ihm wohl gut ginge? Sie wusste es nicht. Sie hatte zwar, als sie älter war und die Wut über sein gebrochenes Versprechen verraucht war, noch ein paar Mal probiert ihm Briefe zu schreiben, sie hatte ihn auf Facebook gesucht und auch sonst in jedem Sozialen Netzwerk, welches ihr bekannt war. Ohne Erfolg.
      Sie griff nach ihrem Handy und schaltete die Musik ab. Wenn sie traurig war, hörte sie klassische Musik und wenn sie wirklich traurig war, konnte nur das Lied der Spieluhr sie beruhigen. Daher kam wohl ihr Faible für diese Art der Lieder.
      Schnell schnappte sie sich nun ihren Rucksack und beeilte sich aus dem Zimmer zu laufen. Dieses Haus war viel kleiner als ihr damaliges und nur ein Bungalow, doch sie und ihr Vater brauchten nicht mehr.
      Wie immer saß der mittlerweile leicht ergraute, dünne Mann vor seinem Computer und vertiefte sich in seine Arbeit. Noch immer vergaß er zu essen und somit hatte sich Lexi schlicht dafür zu interessieren begonnen, wie man kochte. Er half zwar im Haushalt mit, doch die Küche gehörte ganz alleine ihr.
      „Bye, Dad!“, sagte sie und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Er blickte kurz auf.
      „Was?“ Er sah auf und ab und erkannte die Schuluniform – ein klassischer Rock und weiße Bluse mit Krawatte. „Ist es heute schon so weit?“
      Liebevoll lächelte sie ihren zerstreuten Vater an. Ja, seit ihre Mutter fort war, war er noch stärker in seiner eigenen Welt gefangen.
      „Ja Dad, und ich muss los, um den Bus noch zu erwischen!“ Sie verabschiedete sich nochmals und beeilte sich dann zum gelben Schulbus zu laufen.
      Normalerweise hatten viele in ihrem Alter schon Autos, aber die Kosten für das Begräbnis und der Kredit für das Haus waren nicht wenig und so blieb für solche Dinge kein Geld übrig.
      Lexi störte es nicht sonderlich zwischen all den Grundschülern und Junior High Schüler zu sitzen und machte es sich schließlich bequem.
      Sie war gespannt, was sie auf der neuen Schule erwarten würde. Es war endlich ein Neuanfang und sie schwor sich, nie wieder so albern und unsicher zu sein wie früher. Ihre Mutter hatte schließlich ähnliche Tendenzen gehabt und sie war zu schwach für die Welt gewesen – etwas, was Alexis Anderson nicht passieren würde.

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    • Lukjan

      "Grandma?", er suchte schon ganze fünf Minuten nach seiner Großmutter, konnte sie aber nicht finden. Es hatte Krach gegeben, seit dem war kein Mucks mehr von der älteren Frau zu hören, die die Wäsche machen wollte. Luka blickte aber in den Garten hinaus, seine Großmutter war wohl auf dem Weg gestürzt, der Korb mit der Wäsche lag neben ihr verteilt. "Grandma! Ich sagte doch, ich werde es tun!", der Mann war ein wenig böse, er hatte ihr mehrmals gesagt, dass sie zur Zeit nichts tragen sollte, die Kraft in den Beinen ließ bei ihr nach, aber ihr Enkel kam sofort zur Stelle und hob die Frau wieder auf, um sie zu begutachten. "Ich bin alt, aber im Kopf noch vollkommen gesund, Luki!", sie meckerte oft mit ihm, das gehörte zu deiner Großmutter dazu, aber es war eine ganz andere Art zu meckern, als es seine Mutter getan hatte.
      Seit zwei Jahren war Luka schon bei seinen Großeltern, hatte hier auch seinen 18. und bald auch den 19. Geburtstag gefeiert. Bei seiner Mutter war alles nur noch weiter den Bach runter gegangen, vor allem seit sie Eric geheiratet hatte und dieser allen weiß machte, dass er ihren Sohn nicht adoptieren wird. Nun, dieser würde es auch wirklich nicht wollen, sie bekamen sich einfach viel zu oft in die Haare und das, obwohl Luka ein Mann wurde, wie es der Mann ihrer Mutter sich wünschte. Es waren einfach keine Briefe mehr gekommen, was nicht hieß, dass es der Weltuntergang war, vielleicht nur die ersten zwei Jahre über, dazu kam aber noch seine Stiefschwester und die Tatsache, dass er einfach immer zum Schluß kam. Zuletzt hatte er sich genau darüber mit seiner Mutter gestritten und seine Sachen gepackt, um abzuhauen.. Er landete zwar bei seinen Großeltern, aber so großartig interessierte sich keiner dafür, dass er nicht da war.. Alice, seine Stiefschwester, hat schon vermutlich das Zimmer umbauen lassen, um zwei Zimmer zu haben, sie war eine kleine Prinzessin, die alles bekam, was sie haben wollte und das auch wusste. Eric bemühte sich, um ihr die Balettstunden und das Pferd bezahlen zu können, dazu gab es große Geschenke und immer das, was sich Prinzessin zu essen wünschte.. Und Luka? Er sollte doch froh sein, dass er einen Dach über dem Kopf hatte und frische Kleidung, aber da gehörte noch viel mehr dazu, als nur das. Letztendlich wusste er ja irgendwo, dass er seiner Mutter nicht ganz unwichtig war, sie hatte sich vor allem sehr bemüht gehabt, als der junge Mann von der Polizei nach Hause gebracht wurde, er hatte sich eine Anzeige wegen versuchten Diebstahl und auch später eine wegen Körperverletzung eingefangen, das war ein sehr schwieriges Jahr gewesen und letztendlich blieb er auch sitzen, weil er einfach nie erschien ist. Doch selbst danach wurde er wieder abgeschoben, denn Alice hatte sich absichtlich den Arm gebrochen, um die Aufmerksamkeit wieder zurück zu bekommen. Es war auch die härteste Zeit mit Eric gewesen, es ging sogar so weit, dass er zu härteren Mitteln griff und Luka mit seinen Fäusten Disziplin beibringen wollte, inzwischen wusste der junge Mann ganz genau, was dieses Wort hieß.

      "Du hast hier eine Schramme.. Komm ich versorge das im Haus", der Schwarzhaarige prüfte die erste Schramme im Gesicht, welche sich seine Großmutter beim Sturz zugezogen hatte. "Tut dein Bein weh?". Widerwillig ließ sich die Frau mit ins Haus nehmen. "Du musst zur Schule Lukjan! Ich komme gut klar!", natürlich wehrte sich die Frau, aber sie wäre nicht seine Grandma, wenn sie es nicht tun würde und wenn sie nicht mit ihrem süßen russischen Akzent sprechen würde. "Schule kann warten, ich habe erst später Unterricht", er log, aber nur, um seine Großmutter zufrieden zu stellen. "Ich gebe dir was zum Kühlen und dann hänge ich die Wäsche auf.. Ich kann mich auch krank melden und dich zum Arzt fahren". "Hör auf! Mir geht es gut Luki! Dein Großvater kommt gleich und kann mich selbst zum Arzt fahren". Die Frau lief alleine ins Haus, wenn auch sehr langsam, aber Luka konnte nicht anders, als einfach nur zuzusehen, wie sie langsam in der Glastür verschwand. Er war glücklich hier, seine Großmutter hatte eine streng liebevolle Art und war für ihn da, ganz anders als bei seiner Mom.. Und seine Großeltern lichten Eric nicht auch auf Alice süß gespielte Art fielen sie nicht ein, dafür liebte er die beiden umso mehr!
      Er würde zu spät kommen, das war ihn klar, aber dafür hing er die Wäsche noch auf, um seine Großeltern wenigstens etwas zu entlasten.
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."
    • Die Rhinebeck High School lag etwas abseits von Häusern und umgeben von kleinen, grünen Wäldern. Sie hatte die Schule schon zigmal im Internet angesehen und fragte sich, wie wohl die Laufbahn, der Fußballplatz, der Baseballplatz und die sonstigen Clubs der Schule so aussahen.
      Der Bus fuhr knapp bis vor die Schule und hier stieg sie aus. Die Grundschüler und Junior High Schüler waren bereits bei ihren jeweiligen Schulen ausgestiegen und dies war der Grund, warum sie rund eine halbe Stunde für die Fahrt brauchte. Sie würde sich wohl beim nächsten Mal Kopfhörer mitnehmen, damit sie im Bus ungestört war und gar lesen oder Hausaufgaben machen konnte.
      Nun stand sie am Parkplatz, wo es vor anderen Schülern, Autos und Lehrern nur so wimmelte. Noch wurde niemand auf sie aufmerksam und sie seufzte erleichtert auf. Die Schule war ein größeres Gebäude mit zahlreichen Fenstern. Es gab darin eine Kantine, einen innenliegenden Sportsaal, zahlreiche Klassen- und Aufenthaltsräume und sogar einen Innenhof, um die Pausen draußen verbringen zu können. Hinter und neben der Schule lagen dann die zahlreichen Sportplätze.
      Sie atmete noch einmal tief durch, schulterte ihren Rucksack, ehe sie die flachen Stufen hinauf ging und die schwere Tür öffnete. Zuerst musste sie ihre Unterlagen im Sekretariat abgeben, ehe sie ihren persönlichen Stundenplan in die Hand gedrückt bekam. Dieser basierte auf ihren persönlichen Angaben und Wünschen, und behandelte einige technische Fächer – diese Interessen hatte sie klar von ihrem Vater – aber auch einige Kunstfächer. Alles in allem war sie äußerst zufrieden mit ihrer Wahl.

      Ein paar Minuten später stand sie im überfüllten Gang der Schule und hantierte an ihrem Spind. Das Schloss klemmte und erst nach einigen Versuchen bekam sie es auf. Im Inneren war alles leicht staubig, aber wenigstens müffelte nichts. Sie hatte ihre Schulbücher ebenfalls im Sekretariat erhalten und legte diese hinein – nur Mathematik behielt sie sich, denn dies war für die erste Stunde dran.
      Sie verschloss ihr Schließfach wieder und machte sich auf, den Klassenraum zu finden.

      „Liebe Klasse…“, fing Anna Schermann an, doch leider reduzierte sich die Lautstärke nicht. Sie wartete noch einige Augenblicke, ehe sie das dicke Mathematikbuch laut auf den Tisch knallen ließ. Sofort wurde es schlagartig ruhig und die Schüler setzten sich artig auf ihre Plätze.
      „Wir haben hier eine neue Schülerin. Bitte reißt euch ein wenig zusammen!“
      Lexi schluckte, trat aus dem Schatten der Lehrerin und begrüßte ihre Klassenkollegen freundlich. Viele davon würde sie in verschiedenen Kursen wieder sehen, einige davon nur hier, ihr war es eigentlich egal.
      „Hallo, mein Name ist Alexis Anderson. Ich habe früher hier gewohnt und bin dann nach Albany umgezogen. Doch wir fanden es so schön hier, dass wir nun wieder zurück sind!“ Sie lächelte und bemühte sich, dass es ehrlich aussah. Dann entließ sie die Lehrerin mit einem Nicken und sie setzte sich auf einen freien Platz in der Mitte des Klassenraumes.
      Es dauerte nicht lange, bis sie einen Brief zugesteckt bekam und von der Lehrerin ungesehen öffnete sie ihn neugierig.

      Hey, willkommen im Kaff!
      Ich bin schrecklich neugierig dich kennenzulernen.
      Gib mir deine Nummer, dann lade ich dich in unsere WhatsApp-Gruppe!
      Küsschen, Felicity


      Irritiert sah sie sich um und erkannte ein blondes Mädchen mit reizvoller Figur und rehbraunen Augen. Sie winkte ihr und Lexi entschied sich, nicht wie eine Spießerin zu agieren und ihre Nummer herauszurücken, ehe sie das Briefchen über drei Leute zurück an Felicity reichte.

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      Und den Herzensbrecherwein
    • Lukjan

      Die Wäsche wurde aufgehangen, seine Großmutter versorgt und auch den schweren Korb mit den leeren Einmachgläsern brachte der junge Mann aus dem Keller nach oben. Seine Großmutter hatte im Garten einige Obstbäume und Sträucher, daraus wurde immer eine sehr leckere Marmelade gezaubert, für welche sie nun stundenlang in der Küche hocken würde, beruhigend, immerhin würde sie nicht noch einmal stürzen können, weil sie mal wieder anfing die Hausarbeit zu erledigen. "Hast du heute Training Luki?", sie rief in den Flur rein, in welchem der Mann in seine Schuhe stieg. Er hatte sich die Uniform angezogen, ließ vor allem das Hemd oben hin etwas offen, aus Faulheit eine Kravatte zu tragen, es stand ihm einfach nicht, aber es war auch das letzte Schuljahr, in welchem er so etwas überhaupt ertragen musste. Die Rhinebeck High School war noch eine der wenigen in den Staaten, welche auf die Unifrom bestand, da hätte Luka auch lieber seine Sportsachen getragen, wie die meisten seiner Teamkameraden. Er spielte Baseball, obwohl er mit seiner Größe ruhig auch Basketball spielen konnte, was er eigentlich auch vor hatte, doch nachdem der Trainer an der Schule aufgrund irgendwelcher Vorfälle gekündigt wurde gab es dieses Team nicht mehr und so landete er im Baseball Team. Mit den ziemlich großen Händen und Kraft im rechten Arm war er hervorragend zum Werfen gemacht worden, durch die langen Beine war aber auch das Sprinten kein Problem. Er warf sich seine Sporttasche über die Schulter. "Wir trainieren heute.. Ich bin erst Abends da.. Ich muss noch was erledigen!". Er wuschelte sein Haar vor den Spiegel durch und schnappte sich auch seinen Rucksack mit den Schulsachen, bevor er in die Küche rein blickte. "Du bleibst schön in der Küche und lässt das Handy auf laut, ich rufe Dich in der Pause an!". "Lukjan Andrejew! Ich bin kein kleines Kind mehr!", doch die Proteste brachten nichts, Luka hörte nicht mehr zu, er ergriff sich seinen Schlüssel und das Handy, um sich draußen auf das Fahrrad zu setzen und den Schulweg zu fahren, der vor ihm war.

      Eine vierten Stunde brauchte der Mann mit dem Fahrrad, wenn er sich beeilte, er war schon dezent zu spät musste es aber noch vor Mitte der Stunde schaffen, um nicht schon wieder eine unentschuldigte Fehlstunde zu kassieren. Der Stufenlehrer wusste ja Bescheid, dass Luka bei seinen Großeltern wohnte und dementsprechend eine große Verantwortung trug, das hatten jedenfalls seine Großeltern in der Schule erzählt, er schwieg nämlich lieber dazu und zuckte mit den Schultern, wenn er wieder zu einem Gespräch zitiert wurde. Es reichte nur zu reden, hieß es jedenfalls, aber warum verstand keiner, dass genau das nicht einfach war? Luka konnte mit den anderen reden, sich normal unterhalten, aber wenn ihn jahrelang beigebracht wurde, dass die eigenen Probleme niemanden interessieren und man damit niemanden belästigen sollte, warum sollte er sich dann öffnen? Das würde Schwäche bedeuten, eine große Schwäche, die der Mann nicht hatte. Er würde nicht dafür Sorgen, dass Eric jemals wieder die Hand ausrutscht, denn er hatte sich versprochen, dass der Tag, an dem dies passiert Erics letzter Tag unter Lebenden sein wird. Nun, Luka wollte nicht ins Gefängnis, da war er doch ein klein wenig zu feige dafür, aber er konnte alles tun, um diesen Tag eben nicht passieren zu lassen!

      Er nahm drei Stufen auf einmal, bog nach rechts und holte tief Luft, bevor er an der Tür des Klassenzimmers anklopfte, in welchem Mathe stattfinden wird. Er öffnete die Tür, hatte nicht einmal die Zeit seine Sportsachen zum Spind zu bringen, aber das war auch nicht weiter schlimm. Die Mathelehrerin, Mrs. Schermann hatte schon mit ihm gerechnet, es war nicht das erste Mal, dass Luka zu ihrem Unterricht zu spät kam. Sie war gerade dabei das neue Thema an die Tafel zu schreiben, als die Tür geöffnet wurde und sie hin blickte. "Mr. Andrejew..", der Ton klang hart, er hatte es vermutlich wirklich verhauen für dieses Jahr. "Sie sind das dritte Mal im Quartal bei mir zu spät.. Möchten Sie noch etwas sagen, bevor ich mit dem Unterricht weiter fortfahren werde?". Sie hob ihre Augenbraue, da blickte Luka zu der Uhr an der Wand. Zehn Minuten hätte er noch, dann würde die Stunde nicht mehr zählen, er schmunzelte ein wenig. "Es tut mir leid", mehr hatte er auch nicht zu sagen, dann wanderte er auf seinem Platz, auf dem er sich hin setzte und vor allem seine Sporttasche ablegte. "Ein weiteres Mal, Mr. Andrejew, und ich schicke Sie zum Nachsitzen", die Frau trug die Verspätung im Kursbuch ein, bevor sie auf sah, um den jungen Mann anzusehen. "Ja, Ma'am".
      "The problem is not the problem. The problem is your attitude about the problem."