Every Time The Rain Comes Down [Taithleach & Heavy]

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    • Every Time The Rain Comes Down [Taithleach & Heavy]

      Every Time The Rain Comes Down
      @Taithleach
      Vorstellung: Every Time The Rain Comes Down [Taithleach&Heavy]


      Dunkle Wolken bedeckten den kühlen Himmel, ließen ihre Last in Form strömenden Wassers auf die Erde nieder. Grau in Grau ging der Himmel mit den belebten Straßen über, stumpfsinnig und ohne jegliche Farben. Nur das geschäftige Treiben in den Straßen, die schwarzen aufgespannten Schirme die ihre Träger schützen sollten, sowie die vorbeirauschenden Wagen die sich durch den frühen Arbeitsverkehr plagten. Monoton jeden Tag dasselbe. Gleich ob Sonne oder Regen, die Abläufe der Menschen blieben bestehen. Jeder der hervorstach wurde seltsam beäugt und weggeschoben. Seufzend strich ich einige feuchte Strähnen aus meinem Gesicht. Ich selbst war auf dem Weg zu meiner Arbeit, war allerdings weitaus weniger intelligent gewesen, meinen Wagen zwei Straßen weiter von meinem Apartment zu parken. Aber Parkplätze in Hampstead, dem Wohnviertel Camdens, zu finden war genauso unvorhersehbar wie die Gewinnspiele. Meinen Kaffee eines nahen Bäckers fester umgreifend führte ich meinen Weg bei diesem typisch britischen Wetter fort, immerhin wäre heute ein ganz besonderer Tag. Allein der Gedanke ließ mich versonnen lächeln und der Ärger über den Wolkenguss war einen moment lang vergessen. Heute war es endlich soweit. So viele Jahre des Studiums haben mir die Nerven geraubt und trotzdem stand ich nun hier, endlich mit meinem Titel als Facharzt in der Hand und bereit, meine Dienste der Bevölkerung zu widmen. Vielleicht etwas blauäugig von mir, mich derart über den kommenden Beruf zu freuen, der schwerer nicht sein könnte. Es erfüllte mich selbst jedoch mit unsagbaren Stolz, bis zum Ende durchgehalten zu haben und nun rief die Tavistock Clinic förmlich nach mir. Jener Klinik, auf die ich schon lange ein Auge geworfen hatte. Selbst meine Wohnung befand sich im selben Bezirk Londons, wie diese Klinik, dass ich sogar bequem die Bahn nehmen könnte. Mit dem Auto war es jedoch weitaus bequemer, auch wenn diese alte Kiste wohl irgendwann den Geist aufgeben würde. Mit dem Kaffee bewaffnet erreichte ich endlich die erlösende, trockene Karosserie meines Wagens und kurz huschte mein Blick zur digitalen Uhr. Ich war viel zu früh, natürlich... Wenn ich mir jedoch den morgendlichen Pendlerverkehr ansah, war meine Überpünktlichkeit vielleicht keine schlechte Entscheidung.

      Überwältigend ragte die Klinik bereits von weitem auf. Den alten Wagen vorbei an der berüchtigten Statur des Siegmund Freud führend konnte ich es kaum erwarten, das altbekannte und doch so neue Nervenklinikum zu betreten- mein Arbeitsplatz wohlgemerkt. Einer der weltweit bekanntesten Zentren der psychoanalytisch fundierte Psychotherapie. Nur zu gut erinnerte ich mich an den Stolz in den Augen meines Vaters, als ich dort meine Stelle bekommen hatte. Sicherlich half mein Nachname auch etwas dabei, Dearing war immerhin ein bekannter Name unter den Ärztehäusern. Mein 'Ausbilder' und Mentor der letzten Jahre war dort ebenso ein angesehener Arzt und Psychiater. Vorbei am Tavistock Square, jener Parkanlage welche sich in der Nähe befand um den hier anwesenden Patienten ein Gefühl der Normalität zu verleihen, lud bei schönem Wetter förmlich zu ausgiebigen Spaziergängen oder einer entspannten Kaffeepause ein. Hauptsache es gab den heißen Muntermacher, ohne überlebte ich nicht einmal einen Tag. Grinsend über meine seltsamen Gedankensprünge stellte ich den Wagen auf dem Parkplatz der Mitarbeiter ab und atmete tief durch, als ich vor dem weißen Schild stand.

      The Tavistock & Portmann NHS
      NHS Foundation Trust
      The Tavistock Centre
      120 Belsize Lane, London, NW3, 5BA

      Das war es. Das Schild vor dem Eingang zu meiner neuen Arbeit. Nervös begann mein Herz schneller zu schlagen, doch kurz atmete ich durch und klemmte mir meinen Aktenkoffer unter den linken Arm, den Kaffee in der rechten Hand und ging auf die Klinik zu. An der Rezeption wurde ich sofort zu meinem alten Mentor verwiesen, welcher mich offenbar erwartete und mit einem etwas aufgeregten Lächeln nahm ich den Fahrstuhl in die zweite Etage. Hier befanden sich hauptsächlich die Sprechzimmer, oder wie wir es nannten: Unsere Büros. Und das wohl bekannte Gesicht erwartete mich bereits, als ich auf dieser Etage ankam.

      ~*~

      „Sind Sie sicher, dass ich für einen solchen Fall…naja geeignet bin?“ Zweifelnd blickte ich zu dem gutmütigen Mann mittleren Alters auf. Seine warme Ausstrahlung und unglaubliche Geduld hatten mich nun so viele Jahre begleitet, in denen ich lediglich bei seinen Sitzungen dabei sein durfte. Doch nun stand ich vor einer hellen Buchenholztür auf der ein kleines goldenes Schild angebracht war.


      ~ Aiden Dearing ~


      Ich atmete tief durch als ich meinen Namen las. Es war endlich soweit. Nach jahrelangem Studium und weiteren Jahren als Assistent hatte ich es endlich geschafft. Mein eigener Raum für meine eigenen Patienten. Eigentlich ein Grund zur Freude doch wurde ich gleich aus meiner Euphorie ins kalte Wasser geworfen. Mein erster Fall saß hinter dieser Tür und bereitete mir ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Etwas nervös strich ich den weißen, langen Kittel glatt. Er glich eher einem Mantel als einem typischen Ärztekittel, sollte mich jedoch als Ansprechperson kennzeichnen. Mein ebenso helles Hemd schien jedenfalls perfekt dazu zu passen.
      „Ich bin sicher, dass Sie das hinbekommen, Aiden. Sie waren mein bester Schüler, es wird Zeit dass sie ihre eigenen Patienten übernehmen. Und ich fand, dass ein Patient welcher annähernd in Ihrem Alter ist vielleicht ein guter Anfang wäre. So begegnen sie beide sich vielleicht auf Augenhöhe und es fällt Ihnen leichter, mit dem Patienten ins Gespräch zu kommen.“, zwinkerte der Ältere seinem Schüler zu. Die schmalen Lippen zu einem gezwungenen Lächeln formend blickte ich abermals zu meinem Schild.
      „Ich weiß, die jungen Patienten öffnen sich eher jemandem in ihrem Alter als einem weitaus älteren Mann.“, gab ich mit schalkhaften Blick zurück. Mein Gegenüber lachte etwas kratzig auf und stieß mich mit der flachen Hand vor die Tür.
      „Sie schaffen das, Aiden.“, ermunterte der Ältere mich abermals, was mich nur schwer seufzen ließ und etwas fahrig strich ich mir das dunkle Haar zurück.
      „Ich dachte an einen leichteren Fall… Ich meine… Ein versuchter Selbstmord? Ist ein recht schwerer Fall, selbst für Erfahrene in diesem Gebiet.“ Die Zweifel ließen mich einfach nicht los. Immerhin saß hinter der Tür jemand, der sich selbst umbringen wollte. Und nun sollte ich mich um denjenigen kümmern, wobei ich mir nicht ausmalen konnte, welcher Mensch mich hinter dieser Tür erwarten würde. Viel schlimmer jedoch war meine Ratlosigkeit, wie ich jemanden helfen sollte, der sein Leben beenden wollte.
      „Dieser Mann braucht Ihre Hilfe, Aiden. Versuchen Sie es wenigstens, ich stehe mit Rat jederzeit an Ihrer Seite. Machen Sie mich stolz und zeigen Sie mir, dass diese neun Jahre nicht umsonst mit Ihnen waren!“ Damit wandte sich mein ehemaliger Lehrer um und ließ mich mit bangen Herzen vor der Tür stehen. So sehr ich mich auf diesen ersten Tag gefreut hatte, so sehr haderte ich jetzt mit mir selbst. Ich hatte wirklich erwartet, zunächst in deutlich entspanntere Fälle mit einbezogen zu werden. Sicherlich war jede psychische Erkrankung für denjenigen schwer, der sie zu erleiden hatte. Und dennoch konnte man durchaus nach Härtegraden differenzieren. Jemanden zu helfen, Tourett oder sein ADs/ ADHS unter Kontrolle zu bekommen war eine beinahe leichte Aufgabe. Doch mein erster Fall... war gleich jemand der als Suizidgefährdet von den Behörden und Notfalldiensten eingestuft wurde. Unsicher blickte ich auf die Akte in meinen Händen.
      „Also gut…“, murmelte ich leise und beruhigte meine eigenen Emotionen. Einer der ersten Lektionen die ich gelernt hatte. Sei selbst ruhig und gelassen und übertrage diese Ruhe auf andere. So oder so ähnlich hatte man es mir am ersten Tag auf den Weg gegeben. Entschlossen drückte ich also den kalten Türgriff nach unten und betrat den angenehm warmen und gemütlich hergerichteten Raum. Mein Schreibtisch, ein hübsches Teil im Stil des 19. Jahrhunderts, stand unmittelbar vor der Fensterfront die einen angenehmen Blick auf den Tavistock Square versprach. Nicht weit entfernt konnte man zwischen den Gebäuden auch kleine Ausschnitte der Wohnviertel und dem bunten Treiben der Straßen erkennen und versprach eine gewisse Ruhe und Seriosität. Jedoch war die Sitzlandschaft, bestehend aus einem bequemen Ledersofa und einem Sessel- beides in Weiß gehalten-, nun Bestandteil meiner gesamten Aufmerksamkeit. Eine gewisse Neugier erfüllte mich, eine Neugierde und zugleich eine Welle des Mitleides. Es war jedes Mal aufs Neue unfassbar, welche Menschen einem gegenübersitzen konnten, doch als ich meinen neuen Patienten sah stockte mir dann doch der Atem.

      Ein junger Mann, vielleicht wenige Jahre jünger als ich selbst, saß vor mir. Helles, blondes Haar und beinahe stechend blaue Augen. Augen, die eine tiefe Leere in sich trugen, die mir förmlich ein Dorn in meinen eigenen Miasmen waren. Er wirkte recht schmal für einen Mann und schätzungsweise dürfte er auch eine kleinere Statur haben. Auffallender als die tiefblauen Seen waren jedoch die Handschuhe an seinen Händen, die mich kurz stutzen ließen. Ich hatte kaum Zeit, die Akte des Mannes zu lesen und es war auch nicht meine Art, mir vorher jegliche Daten zu Gemüte zu führen. Ich wollte sie von meinem Patienten hören, welcher auf dem weißen Leder saß.
      „Ich hoffe Sie mussten nicht zu lange warten. Mein Name ist Aiden Dearing und werde Sie fortan betreuen.“ Ich setzte ein freundliches Lächeln auf, unterließ es jedoch, dem Fremden die Hand zu reichen. Es gab nur wenige Krankheiten, die eine solche Angewohnheiten mit sich brachten und keine war wirklich angenehm.
      Ich schüttelte innerlich den Kopf. Meine Stimme klang wirklich mehr als steif und unsicher und ich verfluchte mich selbst dafür, ermahnte mich jedoch im selben Atemzug zur Ruhe. Ich nahm auf dem weißen Sessel Platz und legte das Papier zur Seite, um meine Aufmerksamkeit völlig dem Jungen zu widmen, der jetzt vor mir saß.
      "Verraten Sie mir Ihren Namen?", fragte ich mit etwas sanfterer Stimme, welche ihn beruhigen sollte. Ich war niemand, der ihn verurteilen würde- das stand mir nicht zu. Ich sollte ihm helfen, mit seinen Problemen und Erkrankungen zurechtzukommen und in ein normales Leben zu finden. Deshalb war Vertrauen die erste Basis, welche ich aufbauen wollte.
      "Hahaha! It's the purest kind, my dear.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Heaven_Lumen () aus folgendem Grund: Formatierung

    • JAX RIVER O`TOOLE

      Mein Tag hatte gleich auf mehrere Arten schlecht begonnen. Einerseits war da dieser regnerische, graue Montagmorgen. Abgesehen davon, dass ich Montage aus mehreren Gründen nicht leiden konnte, versprach die Sonne auch heute wieder, sich hinter dicken Wolkenschichten zu verstecken. Damit war bereits beschlossen, dass ich auch heute keinen Schritt vor die Tür setzten würde. An sich hätte mich das nicht gestört - ich hätte es mir schön bequem gemacht, meine Arbeit von Zuhause aus erledigt, mich schön geduscht und Abends vielleicht mit meiner Schwester telefoniert. Nur war da dieses eine Detail, das mich störte. Ich war nicht Zuhause. Genauer genommen saß ich gerade jetzt auf einer weißen Ledercouch mit Blick auf einen antiken, - meiner Meinung nach - ziemlich hässlichen, Schreibtisch. Wie ich hier hergekommen war? Genau diese Frage stellte ich mir seit 15 Minuten, in denen ich mich weder zur Seite, noch nach vorn, noch nach hinten bewegt hatte. Ich war auch nicht aufgestanden, um zu der großen, lichdruchlässigen Fensterfront zu gehen und mir meine Umgebung genauer anzusehen. Ich fühlte mich hier einfach fehl am Platz. Äußerlich war ich die Ruhe selbst, doch in meinem Inneren machte sich Unmut breit. Ich hatte weder Angst, noch war ich gestresst - glücklicherweise, hatte ich heute früh wundervolle, weiße Einweghandschuhe getragen. Wem ich dies zu verdanken hatte, wusste ich nicht. An viele Dinge konnte ich mich nicht erinnern, auch was meinen Aufenthalt hier anging. Viel Auskunft hatte mir das Personal nicht geben wollen und auch insgesamt schien hier mir jeder etwas vormachen zu wollen - seien es nur diese schrecklich mitleidvollen Blicke oder die tröstenden Worte. Tja, doof nur, dass ich weder wusste, wofür dieses ganze Getue war, noch was es mir bringen sollte. Keiner wurde einfach so durch nette Worte gerettet oder hatte deswegen weniger Probleme.

      Mein ausdrucksloser Blick wanderte direkt Richtung Tür, als dessen Klinke sich senkte und ein junger Mann mit dunklen Haaren eintrat. Der weiße Kittel ließ vermuten, dass es wieder irgendein Artz war. Ich nickte ihm höflich zu, als sein Blick an mir hängen blieb. Seine Augen hatten diesen intensiven, braunen Ton, der mit diversen anderen Farben vermischt zu sein schien und welcher in jener Sekunde meinen Körper unter Augenschein nahm. Der blaue, hygenisch riechende "Schlafanzug" - wie ich ihn nannte - störte mich nicht. Es war die typische Krankenhauskleidung aus blauem Shirt und blauer Hose.
      Ich nickte ihm höflich zu, als er sich mit seinem Namen vorstellte und beschloss, es ihm gleichzutun. "Hallo, mein Name ist Jax River O`Toole." Dieser Satz klang wirklich filmreif, fast so, als wäre er von einem programmierten Roboter gekommen, der immer die gleichen Zeilen runterleierte. Ohne Gefühle, objektiv, ohne Wertung. Fast hätte mich diese Gleichgültigkeit erschrocken... aber auch nur fast. Sie war mit der Zeit immer mehr zu einem festen Bestandteil meines grauen Ichs geworden. Das Ich, zu dem ich geworden war, war nur noch ein Schatten meines früheren Ichs. Aber irgendwie war mir das egal. Klar, an meinen dunklen Tagen flehte ich nach Hilfe... aber gleichzeit wollte ich mit niemandem sprechen, so hatte ich einfach keine Lust darauf. Dieser Kampf war ein einziger Wiederspruch, gegen den man aber nichts unternehmen wollte und konnte. Es waren Gefühle und Gedanken, die man einfach nicht erklären konnte.
      Gefasst richtete ich mich wieder auf, als ich merkte, wie ich mich in meinen Gedanken immer mehr verlor. Ruhig strich ich mir meine Kleider glatt und achtete peinlich genau darauf, auch ja nichts anderes zu berühren. Dann wandte ich mich wieder meinem Gesprächspartner zu, der mir jetzt gegenüber saß - meines Erachtens nach viel zu nah. "Können Sie mir Auskunft geben, warum ich hier bin?"
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.


    • Gleich einer Maschine kam meinem Patienten der Name über die Lippen. Jax also, zumindest hatte er sich entschlossen, mit mir zu sprechen. Ich hatte durchaus schon einige Fälle bei meinem Mentor erlebt, in denen die betroffene Person sich weigerte, auch nur ein Wort zu sagen. Solche Menschen waren durchaus schwieriger, immerhin musste man in meiner Branche irgendwie zu jenen durchdringen, wenn einem von vorneherein Steine in den Weg gelegt wurden, ging eine therapie weitaus schleppender vonstatten. Jax hingegen schien keine richtige Meinung zu besitzen, seine Haltung war gerade um nicht zu sagen steif. Von seiner ausdruckslosen Stimme und selbigen Ausdruck im Gesicht nach zu urteilen schien es ihn weder zu stören noch zu erfreuen hier zu sein. Er war es einfach, weil er es musste. Mein Auge war mittlerweile auf solche kleinen Details fixiert, welche mir mehr sagten, als jedes Wort des Patienten. Vielleicht war es auch einfach nur Intuition, jedoch verließ ich mich zu neunzig Prozent darauf. Der Teufel lag ja immerhin im Detail, wie es umgangssprachlich so schön hieß. Und Mimik sowie gestik eines Menschen waren beinahe genauso wichtig für meinen Berufszweig wie der direkte Blick in die Augen des Menschen, welche mehr verrieten als alles andere. Jede Lüge, jedes Unwohlsein und auch Freude und Kummer spiegelten sich als allererstes in den Iriden der Leute wieder.


      Als mein hellhaariger Patient fragte, weshalb er hier war, zog ich kurz verwundert die Brauen hoch. Er wusste es nicht? Oder war diese Frage mit versteckter Bedeutung gemeint? Natürlich war er wegen seinem angeblichen Selbstmordversuch hier, genaueres hatte man nicht nachweisen können. Er wurde zuvor nur auf der Fußgängerbrücke der zwei Konstrukten des Goldenen Jubiläums gesehen und wenige Minuten später hatte einer der Fährenfahrer den Notdienst gerufen, da ein junger Mann in die Themse gefallen war. soweit waren zumindest meine Informationen und Jax hatte sich bereits einige Tage in ärztlicher Betreuung befunden um sich zu erholen. Jetzt wurde das Krankenhauszimmer geräumt und er war hierher verlegt worden, direkt in die Obhut meiner Wenigkeit. Kurz faltete ich meine Hände zusammen und lehnte mich in dem Sessel zurück, eine Angewohnheit, die ich seit meiner Studienzeit nicht mehr loswurde- wenngleich ich dadurch wohl eher wie ein alter Mann wirkte. Kurz wog ich meine Worte ab, entschied mich dann jedoch für die direkte Wahrheit. Selbstverständlich würde ich das Wort 'Selbstmord' nicht in seiner Gegenwart aussprechen. Aus der Theorie kannte ich einige dieser Fälle, in denen die gepeinigten Seelen durchaus empfindlich auf dieses Wort reagierten oder gar ihren Versuch leugnen, weil sie sich nicht im Klaren über ihre Handlungen waren- oder unter Schock standen, diese Möglichkeit bestand ebenso.
      "Man hat sie in der Themse gefunden, unterhalb des Goldenes Jubiläum, der beiden Brücken die über dem Fluss verlaufen. Sicher hat man Sie im Krankenhaus dazu befragt, Jax. Mit Verlaub, ich möchte heute nicht mit Ihnen über dieses Ereignis sprechen und ich werde Sie auch nicht drängen, darüber nachzudenken. Ich möchte Sie besser kennenlernen. Was machen Sie beruflich, Jax?", lenkte ich das Thema geschickt in eine andere Richtung. Natürlich war der Sturz in das grau-grüne Wasser der Themse Grund seines Aufenthaltes. Trotzdem wollte ich ihn ungern überfallen, wie zweifellos Polizei und Ärzte es bereits getan hatten. Lieber gab ich ihm ein kleines Gefühl der Sicherheit und ließ ihn mit alltäglichen Dingen beginnen, mit mir zu reden. Wobei ich befürchtete, dass er wohl her jemand war, der nur antwortete, wenn man ihm direkte Fragen stellte.
      "Dabei fällt mir ein, möchten Sie etwas trinken? Tee, Kaffee oder ein kühles Wasser?", bemerkte ich meine fehlende Gastfreundschaft, sofern man es so nennen konnte. So steif wie der Blondhaarige dasaß, konnte man meinen er fühle sich absolut unwohl. Zumindest etwas wollte ich diesen Umstand ändern, indem er wenigstens die Möglichkeit eines Getränkes bekam. Manchmal half eine einfache Geste schon, dass sich der Patient weniger krank fühlte. Wieder fielen mir die Handschuhe auf und ich versuchte zu erraten, weshalb er sie trug. Zumal es einfache Einweghandschuhe waren, wie jeder Verkäufer und Arzt tragen sollte. Er behielt sie also nicht an, ansonsten würde er Stoffhandschuhe tragen. Ich blickte wieder in die direkten blauen Augen und war beinahe froh, dass meine tiefe Stimme einen recht sanften Klang besaß und nicht einschüchternd oder dergleichen wirkte.
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    • JAX RIVER O`TOOLE

      Mein Gegenüber schien für einige kurze Augenblicke mit sich zu hadern, was er mir wohl alles verraten sollte. Ich selbst wusste schon vorher, was die Antwort auf meine Frage sein würde. Die Ärzte und Polizisten hatten mir mehr als deutlich verständlich machen wollen, dass ich Selbstmord begangen hatte. Ironischerweise schienen mich alle mit jemandem zu verwechseln, der aussah wie ich. Vielleicht hatte ich ja einen geheimen Zwilling, von dem ich nur nicht wusste, dass es ihn gab. Ich hatte nie abgestritten, dass ich es getan hatte - ich konnte mich eben nicht erinnern. Dennoch schien dies eine ziemlich verzwickte Situation zu sein. Sollte ich meinem Gefühl, meiner Intuition, meinem Gehirn vertrauen oder doch lieber den Fakten, die für sich sprachen? Weder das eine noch das andere war wirklich zufriedenstellend, denn die Wahrheit wusste ich trotzdem nicht. Mir machte es nicht aus, hier in Therapie zu stecken und mit irgendwelche Leuten - wie Aiden Dearing - über mein Leben zu plaudern. Es war eine Ablenkung für die wahren Probleme, die in meinem Kopf herumgeisterten. Dennoch zog ich es vor, meinen Alltag wie gewohnt fortzusetzen. Wer mochte es denn nicht gerne, einen gemütlichen Filmabend inklusive Popcorn und Kuscheldecke auf der heimischen Couch zu verbringen?

      Die Antwort meines Therapeuten fiel ähnlich aus, wie ich sie mir bereits in meinem Kopf zusammengereimt hatte. Dabei vermied der Dunkelhaarige jedoch tunlichst das Wort Selbstmord und redete um den heißen Brei herum. Er schien nicht direkt nervös zu sein und dennoch wirkte er vorsichtig, als wäre er noch relativ neu in seinem Job. Das Gespräch wirkte tatsächlich etwas wie diese Klischees, die man früher immer zu hören bekommen hat á la "Du bist verrückt, also spricht jeder mit dir wie mit einem kleinen Kind". Ich nahm es Aiden Dearing nicht übel, dass er mich so behandelte. Immerhin war es sein Job, wie ein großer Papabär für seine Patienten da zu sein. Daher beschloss ich, ebenfalls kooperativ zu sein. "Ich prüfe Manuskripte, ob sie für den Druck geeignet sind." Seinen Beruf musste ich nicht erfragen, auch wenn ich es der Höflichkeit halber gern getan hätte. Ich wusste die genaue Fachbezeichnung nicht, aber ich kannte sein Tätigkeitengebiet und das reichte.
      Bei seiner Frage, ob ich gerne ein Getränk hätte, zuckte ich innerlich zurück. Es war nur eine normale Frage, aber sie wiederstrebte mir. "Entschuldigen Sie die Frage, aber dürfte ich mir das Wasser selbst holen?" Auf die näheren Umstände ging ich dabei nicht ein. Vermutlich konnte er es sich bereits denken und wenn nicht, war das auch nicht schlimm. Mir war es schließlich egal, wie viel er von mir wusste - oder eben auch nicht wusste. Ich war bereit zu reden, aber von Smalltalk hielt ich nicht viel. Meine Krankheiten bezog ich in diesen Kreis mit ein. Es gab einfach andere, wichtigere Dinge.
      Erneut bemerkte ich den fragenden Blick, den mir Aiden Dearing zuwarf und folgte jenem bis hin zu den weißen Handschuhen. Ich seufzte und gab mich schließlich geschlagen. "Ich hatte sie heute Morgen einfach an. Früher habe ich immer welche aus Stoff getragen, aber die sind... weg. Sie sollten wissen, dass ich ein Problem mit Bakterien habe." Es störte mich, darüber zu sprechen, wei das Gespräch eine Wendung nahm, die mich innerlich aufwühlte. Wenn ich schon eine Konversation mit jemandem in meinem Alter führte, dann doch lieber über die schönen Dinge im Leben. Wie hieß das Sprichwort noch gleich? Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden? Zwar verkörperte ich nicht gerade die Glückseligkeit in Person, aber der Traum von einer besseren Welt war etwas, dass mich im Inneren bewegte.

      Unsere Blicke trafen sich und ich musterte ihn längere Zeit. Ich war vielleicht nicht von seinem Berufsbild begeistert, aber er als Person verbreitete ein gutes Gefühl in mir. Ich mochte seine angenehme tiefe Stimme. Vielleicht waren diese Gespräche nicht so schlecht, wie es die Klischees immer von sich gaben. Ich hoffte nicht auf Hilfe oder Besserung, aber die Nähe von symphatischen Menschen war stets willkommen - obwohl symphatisch vielleicht schon ein wenig zu viel gesagt war, ich kannte ihn ja kaum. Es wäre auch übertrieben, wenn ich sagen würde, dass die Gespräche gut sind - denn das waren sie nicht. Es war einfach nur die Atmosphäre, die in diesem Raum herrschte.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Taithleach ()

    • Ich blickte bei seiner Antwort bezüglich seines Berufes überrascht auf. Er arbeitete also für ein Lektorat? Unwillkürlich fragte ich mich, für welchen Verlag er wohl arbeite und welches die bevorzugte Lektüre seinerseits wäre. Doch biss ich mir gedanklich auf die Zunge und behielt vorerst meine Fragen für mich, viel wichtiger war jene Information, die Jax mir ungewollt übermittelte, als er darum bat, sich selbst das Getränk zu holen. Es war vorher schon ersichtlich, dass diese Handschuhe einen besonderen Grund besaßen, nun war es jedoch für mich klar, dass er sich sträubte, von anderen etwas anzunehmen. Entweder lag es an einer Berührungsangst oder - und in dem Falle wahrscheinlicher - an Mysophobie, der Furcht vor Keimen und Bakterien. Handschuhe und penibles Achten auf jegliche Kontaktvermeidung waren deutliche Anzeichen dafür. Mein Patient war nicht einmal gewillt, die Rückenlehne der weißen Ledercouch zu berühren. Einige Minuten später erklärte er es mir sogar selbst, dass er darunter litt, wenngleich er es etwas harmloser umschrieb und nicht mit dem entsprechenden Fachbegriff einherging. Auf sein Geständnis, welches mich positiv überrascht stimmte. Ich hatte nicht erwartet, dass er sich freiwillig auf ein Gespräch mit mir einließ oder gar seine Schwäche ehrlich preisgeben würde. Die Patienten welche mein mentor bislang hatte waren allesamt schwierig. Sie wollten nie wirklich kooperieren und verabscheuten Therapeuten wie uns, da sie das Gefühl bekamen, sie wären minderbemittelt oder krank. Etwas, was ich Jax nicht vermitteln wollte und die Tatsache, dass er sich nicht quer stellte, stimmte mich mehr erleichtert als ich zugeben wollte. Eventuell hatte ich tatsächlich eine Chance mit diesem jungen Mann. Zumindest hoffte ich es, immerhin war es schwierig, zu einem Menschen durchzudringen und ihn dazu zu bringen, mit mir offen über jene Dämonen zu sprechen, welche diese Person heimsuchten.

      Ich schreckte aus meinen Gedanken und lächelte leicht.
      "Sicher, das ist natürlich verständlich. Hier vorne neben dem Aktenschrank ist ein kleiner Kühlschrank, suchen Sie sich etwas aus.", bot ich an und wies in die entsprechende Richtung. Ich hatte das Büro zuvor bereits angesehen gehabt, als feststand, dass ich hier beginnen würde. Es war nichts besonderes, sehr ordentlich und sortiert- ganz wie ich es bevorzugte. Ich brauchte Ordnung in meiner Umgebung und ein gewisses, ruhiges flair, was mir das Arbeiten und nachdenken erleichterte. Und der Blick war ebenso angenehm, der uns durch die Fensterfront geboten wurde, auch wenn der Tavistock Square nicht mit dem Hyde Park zu vergleichen war, schien diese Grünanlage durchaus annehmbar. Ich sah Jax dabei zu, wie er sich etwas von den Getränken selbst nahm und blieb derweil auf meinem Platz sitzen. Mir selbst wäre ja eher nach einem Kaffee, in einer Sitzung jedoch den Raum verlassen ziemte sich nicht als behandelnder Therapeut. Meine Augen hatten den schmalen Rücken des nur wenig jüngeren Mannes fixiert und ich zog etwas in Gedanken meine Brauen zusammen. Wir waren annähernd im selben Alter und trotzdem bemerkte ich, wie stark die Kluft zwischen den Persönlichkeiten der Menschen herrschte. Auf der einen Seite saßen die wohlbehüteten Seelen, auf der überwiegenden, anderen Seiten jene Sterblichen, welche mit Ängsten, Krankheiten und Leid zu kämpfen hatten. Nicht bei jedem sah man es sofort an. Abgesehen von den Einmalhandschuhen an seinen Händen schien Jax eigentlich wie ein normaler, junger Mann zu sein. Einzig seine Augen schienen eine seltsame Leere inne zu haben, welche leider ein eindeutiges Zeichen für Depressionen war. Keine Tränen zeigten uns, dass ein Mensch an dieser nervenzerreißenden Krankheit litt. Es war die Leere in ihrem Blick, die fehlende Fähigkeit, Emotionen zu empfinden oder gar einen Antrieb zu haben, etwas Neues zu beginnen. Dazu der versuchte Selbstmord, der nach wie vor nicht bestätigt war... Beinahe wäre mir ein Seufzen über die Lippen gekommen und ich wandte meinen Blick ab, ehe der Blondhaarige diesen bemerken würde. Wie zur Hölle sollte ich das Ganze nur beginnen? Sicher, das Sprechen über sein Leben wäre wohl ein guter Anfang und alles, was ich momentan in der verbleibenden Zeit anstellen könnte. Und trotzdem musste ich zwar auf einer professionellen Schiene bleiben, jedoch nicht den Anschein erwecken er wäre nur eine Aktennummer oder gar ein verzogenes Kind. Mir ein Herz fassend sah ich auf, als er wieder genauso steif Platz nahm wie zuvor.

      "Ich weiß, dass es Ihnen sicherlich unangenehm ist, hier zu sitzen und mit mir sprechen zu müssen. Aber sehen Sie es einfach als Gelegenheit, mit mir über alles zu reden, was Ihnen in den Sinn kommt, Jax. Egal wie trivial das Thema auch sein mag, sagen Sie es mir ruhig.", begann ich langsam und entschied mich, ehrlich mit ihm umzugehen. Zumindest soweit es mir erlaubt war.
      "Angefangen bei der einfachen Frage: Wer sind Sie, Jax? Erzählen Sie mir von sich, von ihrer Arbeit als Lektor oder ihrer Freizeitgestaltung.", ermunterte ich meinen Patienten, einfach über etwas zu sprechen, was ihn nicht unbedingt sofort zu dem Ursprung seiner Krankheit führen würde. Er sollte diese steife Haltung ablegen und sich entspannen können, das ging am einfachsten, wenn er über unser Gespräch entscheiden könnte. Ich würde nur lauschen, vielleicht bei dem ein oder anderen Thema selbst etwas einwerfen um ihn zu signalisieren, dass mir das Gesagte nicht gleichgültig wäre. Ich lehnte mich in dem Sessel wieder zurück und schenkte ihm ein ruhiges Lächeln.
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    • JAX RIVER O`TOOLE

      "Wissen Sie, dass ich früher oft darüber nachgedacht habe, zu einem Psychologen zu gehen?"

      Meine Worte kamen mir fremd vor, so völlig ohne Emotionen, ohne einen Hauch von Traurigkeit. Endlose Male hatte ich diesen Moment in meinen Kopf durchgespielt, wenn ich Nachts wachgelegen und von meinen eigenen Gedanken gequält worden war. Doch nie war dieser Moment in meinen Gedanken so gefühllos gewesen. Ich hatte Verzweiflung, Trauer, Hoffnungslosigkeit gefühlt. In meinen Gedanken war dieses Gespräch erlösend gewesen, als wäre mir eine Last von den Schultern genommen worden.

      Und dann begann der nächste Morgen und die Emotionen waren nur noch eine ferne Erinnerung. Da gab es einfach nichts mehr, dass man fühlen konnte und die tiefen Gefühle der Nacht zuvor waren eine stetige Mahnung daran, dass all diese Probleme nur eine Illusion in meinem Kopf waren. Eine Illusion, die das gesamte Leben veränderte. Doch wie konnte etwas eine Illusion sein, was sich so verdammt echt anfühlte? Etwas, das ich nicht besiegen konnte, nicht besigen wollte, weil mir der Antrieb dafür fehlte? Für mich war das keine Illusion, es war meine Realität.

      "Jedoch fehlte mir tagsüber jeglicher Antrieb. Eigentlich will ich auch nicht wirklich etwas an meiner Situation verändern."

      Mit einem mitleidvollen Blick Richtung Aiden Dearing erhob ich mich von der weißen Ledercouch und folgte seiner Weisung Richtung Kühlschrank. Nun konnte ich auch den angrenzenden Park durch die große Fensterfront genauer erkennen. Mein Körper bewegte sich für einige Sekunden nicht und ich blickte einfach nur ausdruckslos auf die Szene unter mir. Ein Teil der Anlage war wundervoll Beflanzt mit den verschiedensten Blumen in den verschiedensten Farben. Im Sommer mussten jene einen wundervollen Duft verströmen. Selbst an diesem verregneten Tag schienen einige bereit dazu zu sein, die Schönheit dieses Parks zu bewundern. Ich selbst mochte es nicht, nass zu werden, also verstand ich diese Menschen nicht. Aber die Faszination für diesen Park konnte ich nicht abstreiten.
      Mit ruhigen, bedachten Schritten lief ich weiter und öffnete die Kühlschranktür. Eine Vielzahl von verschiedensten Getränken drang in mein Blickfeld ein. Ich entschied mich für ein einfaches Wasser ohne Kohlensäure.
      Anschließend setzte ich mich stumm wieder auf meinen Platz und blickte Aufmerksam zu dem Psychologen als er dazu ansetzte, etwas zu sagen. Er war sehr direkt, was sich positiv in mein Gedächtnis brannte. Eine lange Zeit antwortete ich ihm nicht, weil ich einfach keinen Drang danach verspürte, mit ihm zu sprechen - aber um irgendwelche Fortschritte zu machen, musste ich wohl etwas sagen.

      "Eigentlich will ich nicht mit Ihnen sprechen, weil ich keine Lust dazu habe. Es ist mir zwar nicht unangenehm, aber es kostet mich Zeit, die ich eigentlich nicht habe. Eigentlich ist es mir egal, ob Sie meine ganze Lebensgeschichte kennen oder nicht. - Aber es sollte mir nicht egal sein, habe ich recht?"

      Nachdenklich blickte ich ihn an. Es war nicht fair, ihn gleich mit solchen Sprüchen zu bombadieren. Und doch war es die Wahrheit: Ich sah meine Probleme nicht als Problem - jedoch taten meine Mitmenschen genau das. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Es war anstrengend, gegen etwas anzukämpfen, dass sofort im Keim erstickt wurde, weil es 'normal' war. Ich selbst hatte diese Erfahrung auch schon das ein oder andere Mal gemacht. Irgendwann hatte man einfach keine Lust mehr zu kämpfen.

      "Ich lebe in der Nähe der Themse. Zu Fuß sind es nur 15 Minuten bis zu meiner Arbeit bei HarperCollins. Es gibt einige Cafés und nette Parks. Viele Menschen halten Hunde. Ich habe auch einen Welpen, er heißt Pomipdou. Mein Kater heißt Mushroom."

      Ich versuchte wirklich, mich zusammen zu reißen und diese Vorstellung meiner Person nicht vollkommen ins lächerliche zu ziehen - leider, so empfand ich, passierte es trotzdem. Ungewollt. Mich störte die Belanglosigkeit dieser Unterhaltung, also entschied ich, nichts weiter zu sagen. Zumindest nicht dazu.

      "Hören Sie, ich weiß, Sie verstehen das nicht, weil Sie nicht so empfinden wie ich, aber ich bitte Sie, das Gespräch für heute zu beenden. Es raubt mir meine Kraft, weil ich einfach keinen Impuls verspüre, zu reden. Jedes Wort ist gezwungen und anstrengend. Ich würde für heute lieber alleine sein."

      Mein Blick glitt auf den kalten, leeren Boden. Viele glaubten, das Leiden sei anstrengender und qualvoller, als darüber zu sprechen. Das war falsch. Es war anstrengend, zu reden, obwohl man es nicht wollte.
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.