Life Guard [Eni feat. Pumi]

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    • Life Guard [Eni feat. Pumi]

      Vorstellung -> Life Guard [Eni feat. Pumi]






      Pünktlich um sechs Uhr morgens rannte ein vierjähriger Junge die Treppe hinunter zum Strand. Der Sand war noch angenehm kühl um diese Uhrzeit, auch wenn die Sonne sich bereits über den Horizont schob.
      Der Junge rannte bis zum Ufer und tauchte die kleinen Fußzehen in die sanfte Brandung. Er kam alle zwei Wochen her und solange er nicht hier war, träumte er von diesem Ort.
      Hinter dem Jungen betrat ein Mann den Strand. Er hatte das gleiche blonde Haar wie der Junge, die gleichen blauen Augen. Er trug ein großes Paddelboard unter dem Arm, als er dem Jungen folgte.
      Sie waren nicht die einzigen am Strand. Für die Touristen und auch die meisten Einheimischen war es zu früh, um schon an den Strand zu gehen. Nur eine Hand voll Leute kannte das Geheimnis, das dieser Ort verbarg: so früh konnte man die besten Wellen einfangen, ohne von den Menschenmassen gestört zu werden, die jeden Tag hier einfielen. Unter diesen wenigen Menschen waren hauptsächlich Kollegen des Mannes, der jetzt mit dem Paddelboard in die Brandung watete. Der kleine Junge folgte ihm und ließ sich auf das Board helfen und gemeinsam paddelten sie nach draußen, um von den Wellen wieder zum Strand getragen zu werden.

      Ollie machte es sich im Schatten des Paddelboard bequem und genoss sein Frühstück, während sein Dad und dessen Kollegen damit begannen, die Schilder aufzustellen, die vor den Strömungen warnten, und die farbigen Flaggen zu hissen, die signalisierten, wo Besucher schwimmen durften. Er kannte das schon und wie jedes Mal, wenn er hier saß, teilte er sein Frühstück mit Hoppo, dem Besitzer eines Surf-Verleihs von der Straße weiter oben. Hoppo war ein Freund seines Vaters und damit auch ein Freund von ihm. Ollie hatte ihn eine Weile nicht gesehen, weil er mit seiner Mom in den Urlaub gefahren war. Anstatt vor zwei Wochen hier mit seinem Vater und mit Hoppo surfen zu können, hatte er sich den ekelhaften Kuchen seiner Tante schmecken lassen müssen. Er mochte seine Cousins nicht. Sie lebten landinwärts und redeten nur über Rugby. Ollie interessierte sich nicht dafür. Und jedes Mal, wenn sich die beiden anderen die Köpfe im Garten einrannten, saß er im Schatten und wollte zurück ans Meer.
      Einen Monat hatte er seinen Vater nun nicht mehr gesehen und dann musste er auch noch arbeiten. Aber das war okay, Ollie wusste, wie er sich zu benehmen hatte. Im Gegensatz zu den meisten anderen schwimmern hier wusste er nämlich, wie weit er raus durfte, wo er schwimmen durfte und wo er sich an- und abmelden sollte. Außerdem kannte ihn hier jeder, der was zu sagen hatte. Und wenn er Glück hatte, dann durfte er vielleicht sogar eine Runde im Strandbuggy drehen, wenn er einen der Life Guards dazu überreden konnte, ihn mitzunehmen.

      Holden hüpfte zurück auf den Fahrersitz des Buggies und fuhr zurück zum Tower, nachdem er das letzte Warnschild im Sand vergraben hatte. Es war zehn nach acht, der Strand war offiziell eröffnet und seine Schicht hatte begonnen. Bis um sechs würde er hier Wache schieben und Leute aus dem Wasser fischen. Er knirschte mit den Zähnen. Er würde die Zeit lieber damit verbingen, seinem Sohn surfen beizubringen. Aber Lianne hatte ihn ja unbedingt zu seiner Tante schleifen wollen. Jetzt war Holdens freies Wochenende umsonst gewesen. Die nächste Chance hatten sie erst in zwei Monaten. Es war Ollies Idee gewesen, die frühen Wellen zu nehmen. Holden hatte da nicht Nein sagen können. Er war sich ziemlich sicher, dass sein Junge es landinwärts kaum hatte aushalten können. In der Hinsicht waren sie sich ziemlich ähnlich: Ollie verbrachte jede freie Minute im Wasser. Schon als Baby hatte Holden ihn mit her genommen und seine Füßchen ins Wasser gehalten. Ollie war nicht für ein Leben an Land geschaffen. Lianne hasste es, wie ähnlich sie beide sich waren.
      Holden parkte den Buggy zwei Meter von seinem Sohn und seinem besten Freund entfernt und beobachtete sie einen Moment. Ollie verfolgte die Wellen und die Surfer im Wasser wie andere Kinder vielleicht den Fernseher. Perfekter kleiner Junge.
      "Wo musst du heute hin?", fragte der Knirps, als sich Holden neben ihn in den Sand setzte.
      Auch er ließ den Blick über das Wasser schweifen, aber aus einem anderen Grund.
      "Weiß ich noch nicht. Kommt drauf an, wer noch da ist", antwortete er, "Ich schätze, ich hab Buggy-Dienst irgendwo im Mittelfeld. Den Norden haben wir wegen dem Wetterbericht zugemacht und ich hab vorhin Jesse gesehen, der gern den Süden macht."
      Er zuckte mit den Schultern und schob sich ein Stück Mango in den Mund.
      "Ich geh mal im Tower Hallo sagen. Die neue Chefin ist da ganz wild drauf. Du solltest mitkommen. Nur damit du weißt, wie sie aussieht."
      "Du hast 'ne neue Chefin?"
      Holden nickte. Wirklich gut miteinander klar kamen sie nicht. Die Tante einen hatten einen Stock im Arsch so groß wie der Strand. Damit hatte Holden schon inmer so seine Probleme gehabt. Aber er ging immer sicher, dass jeder Life Guard seinen Jungen kannte und dass sein Junge alle Life Guards kannte. Man wusste ja nie, wozu das mal gut sein konnte.
      Er schnappte sich seinen Knirps und klemmte ihn unter den Arm. Hoppo kümmterte sich um sein Board, bis er es heute Abend abholen konnte. Ollie kicherte und zappelte den ganzen Weg bis zum Tower, wo ihn sein Vater dann endlich absetzte.
      "Sei nett zu ihr, okay? Sie kann mich nicht leiden."
      "Ich bin immer nett!"
      Holden folgte seinem Sohn die Treppe hinauf in das kleine Büro.
      "Morgen, Chefin. Darf ich Ihnen meinen Sohn vorstellen?"
      Ollie hüpfte gleich auf den Hocker neben der Brünetten, wandte sich ihr zu, grinste breit und reichte ihr die Hand.
      "Ich bin Ollie! Und wer bist du?"


    • Die Sonne ging gerade hinter dem Meer auf, als Amanda aus dem Glastower trat, in dem sie ihr Büro hatte. Sie schloss beide Hände um ihren Kaffeebecher, während sie die Wellen beobachtete, die durch das Licht golden zu glänzen schienen. Einige Zeit lang stand sie still vor dem Tower und fühlte, wie das gleichmäßige Rauschen der Wellen den Stress und die Müdigkeit aus ihrem Körper hinaus zu spülen schien.
      Diese wenigen, friedlichen Minuten waren die einzige Ruhepause, die Amanda sich gönnte. Es war die einzige Zeit, in der sie nicht das Gefühl hatte, dass sie für jede ihrer Handlungen beurteilt wurde. In diesem Moment war sie einfach nur ein Mensch wie jeder andere. Ein Mensch mit Gefühlen, Wünschen und Fehlern.

      Aber die Stille am Stand endete leider viel zu schnell, da keine halbe Stunde später das Geräusch der Lieferwagen zu hören war, die die Restaurants und Geschäfte nahe des Standes mit neuen Waren und Lebensmitteln versorgten. Amanda schloss kurz die Augen und atmete einmal tief durch. Dann straffte sie ihre Schultern und kehrte in ihr Büro zurück. Zwar hatte sie durch die breite Glasfront des Towers den gleichen Blick auf den Stand, trotzdem fühlte es sich anders an. Nun war er für sie nicht mehr der zauberhafte Ort, an dem sie so gut entspannen konnte. Stattdessen war er ihr Arbeitsplatz und es war ihre Aufgabe die Menschen, die sich dort aufhielten zu schützen. Dabei hatte sie keine Zeit, um die Aussicht zu genießen.
      Während sie ihren Laptop öffnete und die Dienstpläne für die Woche überprüfte, ließ sie ihren Blick immer wieder über den Stand wandern. In der Ferne konnte sie die beiden Hausmeister sehen, die wie jeden Morgen noch einmal nach Müll Ausschau hielten, damit die Touristen eine saubere Umgebung vorfanden. Es ärgerte Amanda oft, dass die meisten von ihnen das nicht zu schätzen wussten.

      Zwei Stunden später wurde die Tür zum Glastower mit ein wenig zu viel Schwung geöffnet. "Guten Morgen", der junge Mann, der zusammen mit etwas Sand in den Raum gekommen war, grinste gut gelaunt. Doch seine Mundwinkel fielen ein wenig nach unten, als er den skeptischen Ausdruck auf dem Gesicht seiner Vorgesetzt sah. "Guten Morgen, Jesse", gab sie zurück und warf einen kurzen Blick auf die Uhr ihres Laptops. Zufrieden stellte sie fest, dass der Rettungsschwimmer noch fünf Minuten bis zu seinem Dienstbeginn hatte. Insgeheim rechnete sie es ihm hoch an, dass er sich sogar überpünktlich bei ihr anmeldete, aber sie würde ihm das nicht auf die Nase binden. In ihren Augen war der junge Mann schon selbstbewusst genug.
      Kurz wurde es still in dem kleinen Büro. Jesse strich sich mit einer nervösen Geste durch die hellbraunen Locken, die durch die Sonne einige blonde Strähnen aufwiesen. Die Stimmung zwischen den beiden war ein wenig angespannt, seit der junge Mann während Amandas erster Woche versucht hatte mit ihr zu flirten - und dabei sehr hart abgeblitzt war. Im Anschluss hatte seine Chefin ihm dann erklärt, dass sie ihn abmahnen würde, sobald er seine Arbeit vernachlässigte, nur um den Badegästen schöne Augen zu machen.
      Doch auch wenn Amanda kein Interesse daran hatte, sich mit ihren Angestellten anzufreunden, so wollte sie sich dennoch keine Feinde machen. Deshalb bemühte sie sich um ein freundliches Lächeln. "Eigentlich habe ich den Einsatzplan schon fertig. Aber weil du als erster hier aufgetaucht bist, kannst du mir sagen, ob du irgendeinen bevorzugten Platz hast." Amüsiert beobachtete die junge Frau, wie Jesses Augen sich weiteten. Einen Moment lang sah er ein wenig überrumpelt aus, offensichtlich hatte er mit diesem Angebot seiner Vorgesetzten nicht gerechnet. Doch da Amanda in den letzten Wochen ein strenges Auge auf ihre Mitarbeiter gehabt hatte, wusste sie inzwischen, an welchen Plätzen sie gerne arbeiteten und wo sie sich am wohlsten fühlten. Deshalb ahnte sie auch bereits, wie die Antwort des Mannes ausfallen würde. "Nun, wenn noch niemand für den Süden eingeteilt ist, würde ich das machen. Ich war dort letzte Woche schon und es lief ganz gut..." Amanda nickte und unterdrückte ein Lachen. Es war beinahe schon niedlich, wie sehr der Mann versuchte seine Wahl zu rechtfertigen, als wäre er ein kleines Kind, das auf die Zustimmung seiner Eltern hoffte. Aber im Grunde war ihr Verhältnis ähnlich. Denn am Ende hatte Amanda das letzte Wort - auch wenn es einige Zeit gedauert hatte, bis der junge Mann dies akzeptiert hatte.
      "Klar, warum nicht", stimmt sie zu und tat so, als würde sie auf ihrem Laptop seinen Namen in den Dienstplan eintragen. In Wahrheit hatte sie ihm diesen Posten bereits zugeteilt, da sie gesehen hatte, wie gut er dort letzte Woche gearbeitet hatte. Doch wenn sie ihn den zahlreichen, langweiligen Schulungen in Personalführung etwas gelernt hatte, so war dies, dass man seinen Mitarbeitern auch Wertschätzung entgegen bringen musste. Und wenn dieses kleine Entgegenkommen dafür sorgte, dass Jesse nicht gegen sie rebellierte, so war es das wert. "Vergessen Sie nicht Ihr Walkie-Talkie anzuschalten." Mit diesen Worten wandte Amanda sich wieder ihrer Arbeit zu. Eigentlich rechnete sie mit einem beleidigten Widerspruch des jungen Mannes, da sie ihn auf etwas hinwies, was eigentlich selbstverständlich war. Aber stattdessen hörte sie nur ein leises "Okay" und das Geräusch der Tür, die sich hinter ihm schloss. Das Lächeln auf dem Gesicht der Frau wurde ein wenig breiter. Anscheinend wollte Jesse genauso wenig Zeit mit ihr verbringen, wie sie mit ihm.

      Die junge Frau hatte sich gerade eine neue Tasse Kaffee eingegossen, als endlich der letzte der diensthabenden Life Guards im Tower eintraf. Es wunderte Amanda nicht, dass ausgerechnet Holden sich nicht an diese einfache Vorgabe halten konnte. Sie hatte sich inzwischen eingestanden, dass der Mann ausgesprochen gut in seinem Job war und den Strand so gut kannte wie seine Westentasche. Leider schien er zu glauben, dass er sich über jede von Amandas Anweisungen hinweg setzen konnte und die junge Frau bekam Kopfschmerzen, wenn sie nur an die Diskussionen denken musste, die sie vermutlich heute wieder mit ihm haben würde. Sie hatte akzeptiert, dass er sie nicht leiden konnte - viele Leute konnten das nicht. Trotzdem war es frustrierend, dass er nicht einmal einfach nur das tun konnte, was man ihm sagte.

      "Morgen, Chefin. Darf ich Ihnen meinen Sohn vorstellen?" Amanda hatte bereits den Mund geöffnet, um den Life Guard zu fragen, ob er keine Uhr besäße, klappte ihn nun jedoch wieder zu. Sie blinzelte einmal, während ihr Blick von dem blonden Mann zu dem kleinen Jungen wanderte, der diesem wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein schien. Einen Moment lang war sie tatsächlich sprachlos. Sie wusste, dass Holden sich viele Freiheiten heraus nahm, aber damit hatte sie wirklich nicht gerechnet. "Das ist nicht Ihr Ernst, oder?" Amanda war über die ganze Situation so irritiert, dass es ihr nicht gelang ihre Stimme so wütend klingen zu lassen, wie sie es beabsichtigt hatte. Erneut sah sie kurz zu dem Jungen, der es sich inzwischen auf dem Stuhl neben ihr bequem gemacht hatte. Es war deutlich, dass er nicht zum ersten Mal hier war und es ärgerte Amanda, dass ihr niemand davon erzählt hatte. Kurz überlegte es, ob dies ein Streich der Mitarbeiter war, um ihre neue Vorgesetzte aus der Fassung zu bringen. Sie konnte das schadenfrohe Lachen der Männer geradezu hören.
      Kurz schloss sie die Augen, um sich zu sammeln, bevor sie zu dem Jungen hinunter sah, der ihr die Hand entgegen hielt. "Hallo, ich heiße Amanda", sagte sie und lächelte ein wenig, während sie die kleine Hand schüttelte. Das letzte, was sie gerade gebrauchen konnte, war ein weinendes Kind. "Meinst du, du kannst kurz draußen auf deinen Papa warten. Ich will mit ihm über die Arbeit reden." Das Wort 'Papa' fühlte sich ungewohnt auf ihrer Zunge an, da sie selbst ihren Vater nie so genannt hatte. Doch sie war bereit über ihren Schatten zu springen und ihre Wut herunter zu schlucken, wenn sie dadurch Holden den Spaß verderben konnte. Bestimmt hatte er gehofft seinem Jungen beweisen zu können, was für eine keifende Hexe seine Chefin war. Vielleicht hoffte er sogar, dass er sich über sie beschweren und sie dadurch loswerden könnte. Doch diese Genugtuung würde sie ihm nicht geben.
    • Ollie musterte die Frau einen Augenblick. Dann hüpfte er vom Hocker und verscheand aus dem Tower. Holden drückte ihm die Schlüssel zu seinem Wagen in die Hand, damit er sich seine Strandausrüstung holen konnte: Sandspielzeug, einen Ball, eine Schwimmnudel, Kleinkram eben. Was das anging, waren sie ein eingespieltes Team.
      Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, hob Holden abwehren die Hand. Er konnte sich denken, was jetzt kam.
      "Er wird nicht im Weg sein", sagte er, bevor seine Chefin Luft holen konnte, "Er kennt die Regeln. Hält sich besser dran als die Touristen. Kann sein, dass er heute Mittag herkommt, wegen der Hitze und so."
      Holden war ein entspannter Typ. Viele sagten, er passe zu diesem Strand. Viele sagten, er sei der typische Australier. Ihm war das egal. Ihm war auch egal, was seine Chefin von ihm hielt. Ihm war nicht egal, was sie gleich sagen würde. Es gab wenig, worüber sich Holden aktiv streiten würde. Aber sollte diese Frau irgendetwas gegen seinen Sohn sagen... Vielleicht sollte er Ollie zu Hoppo schicken? Nur als Vorsichtsmaßnahme.
      "Er hängt hier viel rum. Ich wollte nur, dass Sie einander kennen. Für den Notfall."


    • Noch während der Junge die Tür hinter sich schloss, bereitete Amanda sich auf die Diskussion vor, die nun unweigerlich führen würde. Und schon Holdens erste Worte zeigten, dass er nicht bereit war ihren Standpunkt auch nur anzuhören. Er hatte das Kind mitgebracht, damit sie es kennen lernte. Innerlich verzog die Frau bei diesen Worten das Gesicht. Sie hatte schon oft genug mit Holden gesprochen, um zu wissen, dass sie diese Diskussion verlieren würde. Denn wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte ihn niemand so schnell wieder davon abbringen. Oder vielleicht verhielt er sich auch nur ihr gegenüber so, weil er sie für inkompetent hielt...

      Einen Moment lang betrachtete sie ihren Mitarbeiter. Wie immer wirkte er auch jetzt entspannt, doch in sein Blick wirkte entschlossen und Amanda wurde bewusst, dass er auf keinen Fall auf sie hören würde. Selbst wenn sie ihm verbot das Kind mit zur Arbeit zu bringen, würde er dafür sorgen, dass es 'zufällig' ganz von alleine hier auftauchte. Allein diese Erkenntnis war frustrierender als alle anderen Ereignisse an diesem Morgen.
      "Ich versuche gerade einfach nur zu verstehen, wieso Sie mir nicht früher davon erzählt haben. Oder wieso mir niemand früher davon erzählt hat. Denn es ist offensichtlich, dass Sie Ihren Arbeitsplatz nicht zum ersten Mal als Kindergarten missbrauchen." Diesmal war sie diejenige, die eine Hand in einer abwehrenden Geste hob, um zu verhindern, dass der Mann ihr ins Wort fiel. Sie wusste wie schnell Eltern sich angegriffen fühlten, wenn man schlecht über ihre Erziehung sprach und achtete deshalb auf einen ruhigen Tonfall in ihrer Stimme. "Es gibt Gründe, wieso wir keine kleinen Kinder ohne elterliche Aufsicht auf den Strand lassen. Erklären Sie mir bitte, wieso Sie eine Ausnahme von der Regel darstellen. Und sagen Sie mir nicht, dass Sie ein Auge auf Ihn haben. Und genauso wenig will ich hören, dass in der Vergangenheit nie etwas passiert ist. Das haben die Eltern von dem kleinen Jungen, der vor zwei Wochen fast ertrunken wäre, auch gesagt." Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Auf einmal fühlte sie sich nicht mehr wütend, sondern nur noch müde.
      "Ich weiß nicht einmal, wieso mich das überhaupt noch überrascht...", sagte sie leise zu sich selbst und warf ihrer vernachlässigten Kaffeetasse einen wehmütigen Blick zu. Der Inhalt war inzwischen kalt und genauso unbefriedigend wie dieses Gespräch.

      "Hören Sie zu, Holden", begann sie, nachdem sie sich wieder dem Mann zugewandt hatte. "Ich bin nicht ganz so dumm, wie Sie vielleicht annehmen. Ich weiß, dass ich nichts dagegen tun kann, dass Sie ihr Kind mit hierher bringen. Und es ist mir lieber, wenn ich davon weiß, als dass Sie es hinter meinem Rücken tun. Sagen Sie ihm, dass er zu mir kommen soll, wenn er etwas braucht oder es zu heiß wird. Dann lenkt er sie zumindest nicht von der Arbeit ab. Und ich werde ihn auch nicht braten und auffressen. Versprochen." Bei dem letzten Satz lächelte sie ein wenig.
    • Holden biss sich auf die Zunge. Sie hatte ihm zugehört, also hörte er jetzt ihr zu. Was gegen all seine Instinkte lief.
      "Warum sollte ihnen jemand auf die Nase binden, dass er ein Kind hat?", fragte er stattdessen, als seine Chefin fertig mit ihrem Vortrag war.
      Er war überrascht, wie friedlich der gewesen war. Er hatte mit Hörnern, Feuerspucken und einem Riss in die Hölle gerechnet.
      "Wie gesagt: Ollie kennt die Regeln. Und er ist nicht unbeaufsichtigt. Der ganze Strand passt auf ihn auf. Er kennt jeden, der hier arbeitet. In den Restaurants, in den Towern, oben auf der Straße in den Läden. Er kennt sogar den verrückten Paddy und dessen Laufstrecke."
      Holden leerte schnell eine kleine Wasserflasche und hängte sich dann den Gürtel mit seinem Walkie um.
      "Ollie weiß, wie's hier läuft. Hat uns letzten Sommer sogar auf den ein oder anderen Sonnenstich aufmerksam gemacht."
      Er konnte nicht verhindern, sich vor Stolz ein bisschen aufzurichten. Ein Dreijähriger, der jemandem das Leben rettete, weil er bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Und das war sein Dreijähriger gewesen.
      "Mein Junge macht keinen Ärger", versicherte er noch einmal, schielte auf den Dienstplan auf dem Laptop seiner Chefin und ging dann, um sich an die Arbeit zu machen.

      Er behielt Wort. Ollie machte sein Ding mit einer Sandburg, ein paar anderen Kindern, mit seinem Lieblingscomic. Und Holden, der sich so viele Kommentare verkniffen hatte, machte seine Arbeit. Er behielt das Wasser im Blick, während Sonny den Strand beobachtete. Immer mal wieder fuhren sie mit dem Buggy ein paar Meter weiter. Den interessierten Tourisren erklärten sie die Strömungen und Regeln, ein paar der besseren Surfer kamen zu Holden für einen Bericht über die Wellen.
      Gegen elf ging die Tür zum Tower auf. Ollie marschierte direkt zu dem kleinen Gefrierschrank und holte sich zielstrebig ein Eis am Stiel heraus. Er setzte sich damit auf den Hocker ganz an der Wand, warf seinen kleinen Paw Patrol Rucksack auf den Tisch und machte sich an der Verpackung zu schaffen. Er brauchte einen Moment, aber schließlich riss Papier auf und er nuckelte an seinem Orangeneis. Beinahe schon unheimlich langsam drehte er sich dann zu der Frau, die seinen Dad nicht mochte und musterte sie eine schiere Ewigkeit lang.
      "Du siehst gar nicht einsatzbereit aus. Trägst du überhaupt Badehosen? Daddy sagt, als Life Guard muss man immer einsatzbereit sein."


    • Selbst als die Tür zu ihrem Büro sich längst wieder geschlossen hatte, sah Amanda noch einige Sekunden lang auf die Stelle, an der Holden zuvor gestanden hatte. Natürlich hatte sie nicht erwartete, dass er sich dafür bedankte, dass sie ihm seinen Willen durchgingen ließ, anstatt ihm eine lange Moralpredigt zu halten. Trotzdem frustrierte es sie, dass ihre Worte einfach an ihm abgeprallt waren. Am Ende hatte er nicht einmal ihre Frage beantwortet. Vermutlich konnte er das nicht einmal. Stattdessen hatte sie eine Auflistung von Standartaussagen bekommen, die sie schon von Hunderten von Eltern zu hören bekommen hatten, die ihr Kind unbeaufsichtigt herumlaufen gelassen hatten.
      'Er kennt sich hier aus'
      'Er kennt die Regeln'
      'Er passt besser auf als jeder andere'
      'Er hat das schon ganz oft gemacht'
      Schon unzählige Male hatte sie diese Sätze gehört. Und leider passierte es viel zu oft, dass gerade diese Kinder in Schwierigkeiten gerieten. Aber natürlich trug dann immer jemand anderes die Schult...

      Amanda verstand nicht ganz, wieso gerade jemand wie Holden, der seinen ganzen Tag damit verbrachte andere an die Regeln des Strands zu erinnern, für sein Kind eine Ausnahme machte. Aber natürlich war sein Kind klüger und besser als alle anderen.
      Erneut seufzte die junge Frau, bevor sie ihren kalten Kaffee mit einem großen Schluck austrank. "Vermutlich läuft er jetzt mit stolzgeschwellter Brust herum und erzählt allen, dass er sich gegen seine Chefin durchgesetzt hat." Sie verzog das Gesicht, was jedoch nicht nur von dem bitteren Geschmack ihres Getränks kam. "Erbärmlich, wenn man sich so benehmen muss, um sein Ego aufzuplustern." Sie sah aus dem Fenster des Towers und entdeckte Holden, der gerade mit seinem Sohn sprach. Genervt verdrehte sie die Augen und nahm wieder hinter ihrem Laptop platz. "Vielleicht sollte ich die anderen auch fragen, ob sie ihre Kinder, Enkel, Nichten und Neffen hier mit herbringen wollen. Dann können wir den Strand zu einem Hort umwandeln. Und wer versehentlich doch schwimmen will, muss nun einmal damit rechnen, dass er ertrinkt. Das wäre doch sicher spaßig", sagte sie leise zu sich selbst. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie sich gerade kindisch benahm. Doch in diesem Moment war sie einfach nur wütend. Wütend auf Holden, weil er sie nicht ernst nahm und offensichtlich nach Gelegenheiten suchte, um ihr das zu zeigen. Wütend auf die anderen Mitarbeiter, weil sie in jeder Situation zu ihm halten würden. Und wütend auf sich selbst, weil sie es nicht einmal schaffte, dass ein Mitarbeiter ihr zuhörte.
      Einen Moment lang sehnte sie sich nach dem kleinen Strand, an dem sie zuvor gearbeitet hatte. Auch dort war ihr Verhältnis zu den Mitarbeitern distanziert gewesen, aber man hatte trotzdem respektvoll zusammen gearbeitet. Es hatte keine Machtkämpfe gegeben, weil sie alle eingesehen hatten, dass sie nicht hier waren, um sich gegenseitig etwas zu beweisen. Sie wollten einen guten Job machen und Leben retten.

      Ein paar Stunden später war Amanda gerade dabei eine neue Bestellung für Verbandsmaterialien aufzugeben, als die Tür vom Tower aufging und Holdens Sohn es sich in ihrem Büro gemütlich machte. Sie schenkte ihm ein schmales Lächeln als er eintrat, auch wenn sie von seinem Auftauchen nicht begeistert war. Aber da sie - im Gegensatz zu Holden - kein egoistischer Mensch war, der immer seinen Willen durchsetzen musste, ließ sie das Kind gewähren. Zu ihrer Erleichterung stellte sich Ollie als nicht besonders gesprächig heraus, weshalb sie ihre Arbeit ungestört fortsetzen konnte.
      Allerdings nur für ein paar Minuten. "Du siehst gar nicht einsatzbereit aus. Trägst du überhaupt Badehosen? Daddy sagt, als Life Guard muss man immer einsatzbereit sein." Bisher hatte Amanda die durchdringenden Blicke des Kindes, die sie in ihrem Augenwinkel bemerkt hatte, ignoriert. Aber nun konnte sie einer Unterhaltung mit ihm nicht mehr aus dem Weg gehen. Kurz musterte sie ihre schwarze Shorts, die tatsächlich nicht wie eine Badehose aussah. "Ich habe einen Badeanzug unter meinen Kleidern an", sagte sie zu dem Jungen. "Aber es ist nicht meine Aufgabe schnell ins Wasser zu laufen, wenn etwas passiert. Dafür ist dein Papa da. Ich unterstütze ihn nur, damit er oder die anderen nichts übersehen. Und nebenbei mache ich den ganzen, langweiligen Papierkram, für den niemand anderes Zeit hat." Sie wusste nicht einmal, wieso sie dem Jungen ihren Beruf erklärte. Vermutlich hatte sein Vater ihm bereits seine ganz eigene Version von Amandas Tätigkeit erzählt. Innerlich stöhnte die Frau auf, während ihr bewusst wurde, dass sie hier eigentlich nur ihre Zeit verschwendete.
      "Du warst bestimmt früher schon hier im Büro. Was hat denn der Mann gemacht, der vor mir hier gearbeitet hat?"
    • Ollie schien einen Augenblick über die Antwort der Frau nachzudenken, während er als seinem Eis nuckelte.
      "BJ hat das auch immer gemacht. Aber der hatte, wie alle anderen auch, Badehosen an. Manchmal war der auch draußen."
      Wieder musterte er die Frau.
      "Daddy sagt, du magst ihn nicht. Warum?"
      Ollie wusste, er durfte die Frau nicht von ihrer Arbeit ablenken. Aber sie hatt doch sowieso nur auf den Bildschirm geguckt und nicht auf den Strand. Außerdem konnte sie beim Reden ja auch rausgucken.
      Er biss das letzte Stück Fruchteis vom Stiel und warf das kleine Holzstückchen pflichtbewusst in den Müll.

      In der Zwischenzeit war auf dem strand alles ruhig. Hin und wieder mussten ein paar Touristen ermahnt werden, in den gekennzeichneten Bereichen zu bleiben.
      "Wie hat die Neue Ollie verkraftet?", fragte Sonny über die Schulter.
      "Ich missbrauche den Strand als Kindergarten und was fällt mir eigentlich ein zu denken, besser als alle anderen Eltern hier zu sein", antwortete Holden, "warum fragst du?"
      "Weil der Knirps gerade im Tower aufgetaucht ist."
      Holden grinste in sich hinein und wusste, dass Sonny es auch tat. Die Jungs hier liebten Ollie. Er war praktisch das inoffizielle Maskottchen des Strandes. Und seit BJ in den Ruhestand gegangen und die Neue hier mit ihrem Regelbuch aufgetaucht war, hatten alle nur darauf gewartet, was ein bisschen Chaos mit der Frau machen würde. Ollie wusste zwar, sich zu benehmen, aber er hatte ein Talent dafür, immer genau ins Schwarze zu treffen. Der Junge war schmerzhaft ehrlich. Noch dazu kam er nach seinem Vater und hatte immer eine flotte Bemerkung parat.


    • Unbewusst nickte Amanda, als sie die Antwort des Jungen hörte. "Das ist bei mir ein wenig anders, weil ich ein Mädchen bin." Es war nicht die beste Erklärung, aber sie hoffte, dass der Kleine sich damit zufrieden geben würde.
      Sie hatte gerade die Bestellung abgeschickt, als Ollies nächste Frage dafür sorgte, dass sie in ihrer Bewegung inne hielt. Es wunderte sie nicht, dass sein Vater schlecht über sie gesprochen hatte, allerdings hatte sie mit Schlimmeren gerechnet. Einen Moment lang sah sie aus dem Fenster und ließ ihren Blick über den Strand wandern. Als sie dort jedoch nichts besorgniserregendes entdecken konnte, drehte sie sich um, damit sie den Jungen besser ansehen konnte. Kurz musterte sie das Kind, während sie sich ihre Antwort genau überlegte. Denn sie war sich sicher, dass der Kleine jedes ihrer Worte seinem Vater erzählen würde. Es war keine angenehme Vorstellung.

      "Ich glaube, dein Vater und ich verstehen und nicht, weil wir so unterschiedlich arbeiten. Weißt du, dein Vater und die anderen Life Guards haben eine sehr wichtige Aufgabe und ganz viel Verantwortung. Sie müssen gut aufpassen, damit niemandem etwas passiert. Und ich muss darauf aufpassen, dass die Life Guards ihre Arbeit richtig machen und ihnen nichts passiert." Kurz hielt sie inne, um zu prüfen, ob der Junge ihrer - zugegeben etwas wirren - Erklärung folgen konnte, doch zu ihrem Erstaunen sah Ollie sie mit großen, intelligenten Augen an und nickte sogar leicht. "Für deinen Vater bin ich so etwas wie eine böse Lehrerin. Die gemeine Frau, die einem sagt, dass man nicht auf seinem Stuhl kippeln soll, weil man sonst vielleicht umfällt oder die einem sagt, dass man nicht zu schnell trinken darf, weil man sich dann verschlucken könnte. Dein Vater ist schon groß, er mag es nicht, wenn ihm jemand sagt, was er machen soll. Er ist sich sicher, dass er niemals mit seinem Stuhl umkippen wird. Aber meine Aufgabe ist es, ihn trotzdem zu ermahnen, weil ich mir Sorgen darum mache, dass ihm doch etwas passieren könnte." Sie lächelte leicht, da die Vorstellung, dass Holden von einem Stuhl fallen könnte, sehr lustig war.
    • "Dann ist es ja gut, dass Daddy eh lieber auf der Tischplatte sitzt", kommentierte Ollie und beendete damit das Gepräch.
      Er wandte sich lieber seinem Rucksack zu und holte sein Malbuch raus. Selbstverständlich zeigte auch das verschiedene Szenen mit den Hunden von Paw Patrol. Ollie blätterte so lange darin herum, bis er eine Szene fand, in der die Hunde beim surfen gezeigt wurden. Nur einer der Hunde schaffte es, das Gleichgewicht zu halten. Die anderen schwammen umher, einer baute eine Sandburg demonstrativ weit weg vom Wasser.
      Ollie fischte die richtigen Buntstifte aus seinem Paw Patrol Mäppchen und begann damit, den surfenden Hund anzumalen.
      "Wenn ich groß bin, will ich auch Life Guard werden. Genauso wie Daddy", meinte er noch, bevor er sich vollkommen darauf konzentrierte, nicht über die Linien zu malen.

      Holden juckte es in den Fingern, einen Blick in den Tower zu werfen. Nicht, um den Helikopter-Papa raushängen zu lassen oder sowas. Er wollte nur sehen, wie sein Sohn seine Chefin verbal entwaffnete, ohne dass er überhaupt wusste, was das war.
      Aber Holden war zu pflichtbewusst. Er behielt das Wasser im Auge und vertraute auf die Fähigkeiten seines Sohnes. Das war es nämlich, worauf seine Erziehung basierte: Vertrauen. So hatte ihn sein Vater erzogen, so würde er seinen Sohn erziehen. Wenn Lianne das doch nur verstehen könnte...
      Holden wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er das typische Winken eines Hilfesuchenden im Wasser sah.
      "Sonny", machte er seinen Partner aufmerksam.
      Der betrachtete die Szene kurz und kam zu dem gleichen Schluss wie Holden. Während Sonny durch das Walkie Bescheid gab, zog sich Holden das Shirt über den Kopf, schnappte sich das Paddelboard vom Buggy und sprintete los.
      Seine Erfahrung als Surfer und als Life Guard hatten ihn gelehrt, die Strömungen zu lesen wie die morgendliche Zeitung. Er wusste instinktiv, wie er Paddeln musste, um schnellstmöglich den Hilfesuchenden zu erreichen.
      "Halt dich am Board fest!", rief er dem strampelnden Mann zu und sah sich um.
      Wo einer war, waren oft noch mehr. So auch diesmal. Kaum hatte er den einen aufgegabelt, begann ein zweiter ein paar Meter weiter, um Hilfe zu rufen. Holden erklärte seinem Passagier, was sie jetzt tun würden und gemeinsam manövrierten sie das Paddelboard zu dem zweiten Mann. Holden lenkte sein Brett dann so in die Wellen, dass sie entspannt in Richtung Strand getragen wurden. Das Ganze dauerte vielleicht drei Minuten.
      Die beiden Männer bedankten sich, bekamen einen kleinen Vortrag darüber, in den gekennzeichneten Bereichen zu bleiben und wurden entlassen.

      Ollie klebte praktisch an der Scheibe. In dem Moment, in dem er Sonny gehört hatte, hatte er aufgesehen und beobachtet, wie sein Dad ins Wasser lief. Er hatte schon dutzende Rettungen verfolgt, freute sich aber jedesmal, als würde er einem Superheld begegnen. Mittlerweile kniete er auf dem Tisch, die kleinen Hände gegen das Glas gedrückt. Er war sich ziemlich sicher, den coolsten Dad der Welt zu haben.


    • Es erleichterte Amanda ein wenig, als das Kind von sich aus das Gespräch beendete und sie nicht noch länger mit Fragen löcherte. Sie hatte zwar früher Schwimmkurse für Kinder gegeben - weil sich so etwas gut auf dem Lebenslauf machte - trotzdem konnte sie mit diesen kleinen Menschen nicht besonders viel anfangen. Sie waren zu unberechenbar für ihren Geschmack.

      Leider hielt die Ruhe auch diesmal nicht lange an. Diesmal war es jedoch der Funk, der einige Minuten die Stille im Raum durchbrach. Automatisch sprang Amanda von ihrem Platz auf und beugte sich vor, damit sie besser durch die große Fensterscheibe des Towers sehen konnte. Sie musste nicht einmal ihr Fernglas nutzen, um zu erkennen, von welchem Vorfall Sonny geradeberichtet hatte. Konzentriert beobachtete sie Holden, der bereits mit seinem Board auf dem Weg ins Wasser war, während sie versuchte die Situation einzuschätzen. Erleichtert stellte sie fest, dass sie wahrscheinlich keinen Rettungswagen rufen musste, sondern die leichtsinnigen Schwimmer mit einem Schrecken und einem Rüffel davon kommen würden. Trotzdem schaffte sie es erst wieder sich zu entspannen, als die beiden wieder sicher am Stand angekommen waren. Als kurz darauf Sonny meldete, dass sie die Lage im Griff hatten, musste sie ein erleichtertes Seufzen unterdrücken. "Gut gemacht", war alles was sie sagte. Doch in ihren Augen war auch nicht mehr nötig. Immerhin kamen die Life Guards im Moment ohne ihre Unterstützung zurecht und sie hatte kein Interesse daran Smaltalk zu halten.

      Erst jetzt erinnerte sie sich daran, dass sie nicht alleine in ihrem Büro war. Sie drehte den Kopf und bemerkte, dass Ollie noch immer seine Nase gegen die Scheibe gedrückt hatte und seinen Vater beobachtete. Ihr erster Impuls war ihn darauf hinzuweisen, dass er nicht auf dem Tisch sitzen durfte, aber irgendetwas an dem Gesichtsausdruck des Jungen hielt sie davon ab. Der bewundernde Ausdruck in seinen Augen erinnerte sie ein wenig an den Blick, mit dem sie als kleines Kind ihren eigenen Vater beobachtet hatte, wenn er vom Gericht nach hause gekommen war und von seinen Fällen erzählt hatte. Inzwischen wusste sie, dass er natürlich nur von den Dingen berichtet hatte, die gut für ihn gelaufen waren. Doch damals war er ihr Held gewesen. Jemand, der sich für die Schwachen einsetzte. Es war eine herbe Enttäusche gewesen, als sie viel später verstanden hatte, dass ihr Vater nicht der große Wohltäter war, für den sie ihn gehalten hatte.
      "Dein Vater ist wirklich gut in seinem Job. Du kannst stolz auf ihn sein." Letztendlich brachte Amanda es nicht fertig dem Jungens seine Illusion zu nehmen. Vielleicht würde er eines Tages lernen, dass auch sein Vater nur ein Mensch mit Fehlern war. Aber so lange er jeden Tag Leben rettete, durfte sein Kind ihn gerne als Held betrachten. Denn auch wenn sie Holden nicht besonders gut leiden konnte, musste sie zugeben, dass er gute Arbeit leistete.