Cursed [Aki & Fif]

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    • Cursed [Aki & Fif]

      X stammt aus der angesehenen Familie W und wurde von seinen Eltern sein leben lang auf eine Aufgabe vorbereitet: das nächste Oberhaupt zu sein. Kurz vor diesem Ziel, verschwindet X von der Bildfläche und wurde ab da an nicht mehr gesehen. Jahre vergingen ohne eine einzige Spur. Nun ist die einzige Hoffnung Y, der Sohn einer eingeheirateten Frau. Niemand ist mit dieser Entscheidung sonderlich entzückt, denn Y ist zum einen nicht der leibliche Sohn des Vorsitzenden, sondern gehört auch noch der Familie Z an. Beide Familien sind seit der Gründung Londons verfeindet. Jedoch bleibt der Familie W keine andere Wahl, als diesen Weg zu wählen, es wäre sonst ihr Untergang.
      Kurz bevor Y jedoch zum Oberhaupt ernannt wird, begegnet er eines Morgens X. Ihre Chemie könnte nicht unterschiedlicher sein. Die Gemüter wanken wie ein kleines Fischerboot auf offener See, dass ein Unwetter ansteuert. Trotz des gegenseitigen Missmutes besteht eine eiserne Anziehungskraft. Ab da an verflechten sich ihre Schicksale und das Leben der Familien auf eine Art und Weise, die niemand erahnen konnte. Eine Jagd um den roten Faden der Zukunft beginnt. Blut, Wissen und Dunkelheit ebnen ihre Wege.

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      ※Name※
      Joseph Eliott Wallace
      aka Joe Colt

      ※Alter※
      24

      ※Charakter※
      Joseph war schon immer etwas anders. Er ist nicht die Art von Mensch, die seine Eltern gerne hätten. Er schert sich einen feuchten Dreck um Politik und folgt eher seinem eigenen Weg. Anstatt auf Festen wie ein dargestelltes Tier herumzustolzieren, verbrachte er die Zeit in seinem Zimmer mit anderen Dingen. Ein Hobby, welchem er mit Herzblut nachging, war und bleibt der Maschinenbau. Er liebte es, Maschinen nach den Abbildern von Tieren zu konstruieren.
      Dennoch ging er den Aufgaben seiner Eltern nach. Er kann ein ziemlicher Sturkopf sein und ein Rebell noch dazu, dennoch besitzt er ein ruhiges Gemüt und Nerven aus Stahl. In Situation, in denen den meisten Menschen die Knie vor Angst zittern, behält er einen kühnen Kopf, denn dumm ist er keines Wegs. Manchmal ein bisschen zu risikofreudig, aber daran arbeitet er. Er ist, wie man vielleicht bemerkt, nicht der Standard eines Adeliegens.
      Nachdem er verschwand und mit seiner neuen Situation klarkommen musste, etwas mürrischer geworden, dennoch ist sein Herz nicht erkältet. Seine Umgangsart mag zwar für viele rau erscheinend, aber es sieht schlimmer aus, als es ist. Zudem hat die Zeit Narben hinterlassen. Körperlich, sowie seelisch und Angewohnheiten an Land gezogen, die vielleicht nicht die besten sind. Rauchen fördert in äußerste Stresssituation nicht der Gesundheit, hilft ihm jedoch zu entspannen.

      ※Besonderes※
      Joseph tauchte unter. Ihm lag schon lange das Bedürfnis auf dem Herzen, diese Bürde von seinen Schultern zu nehmen. Tag ein, Tag überlegte er, einfach alles hinter sich zu lassen. Und eines Tages war es soweit. Er verschwand.
      Diese Entscheidung wurde durch eine sehr grausame Wendung des Schicksals herbeigeführt. Ein Fluch. Der junge Mann weiß nicht wie es geschah, noch wer es heraufbeschwor. Er verwandelt sich nachts in eine hundeähnliche Gestalt. Lange Krallen zieren die Pfoten, Knochen ragen aus seinem Rückgrat heraus und leuchtende Augen schimmern aus dem Schädel eines Carnivoren. Der Back- oder auch Hellhound genannt war geboren. Unregelmäßig verwandelt er sich in der Dunkelheit der Nacht in jene Kreatur und geht auf die Jagd. Jagd nach Sündern. Dieses Leben begann vor 6 Jahren.
      Er bildete eine kleine Gruppe an Banditen, wenn man sie denn so nennen kann. Nicht nur geht er seinen Interessen nach, sondern plündert auch reiche Leute, die des Wegen im Wald vorbeikommen. Er hat sich eine neue Existenz als Joe Colt aufgebaut, der etwas absonderlich ist. Ein Mann mit einem Fluch.

      ※Aussehen※
      Natürlich mit einer Vielzahl an Narben.


      Die natürliche Augenfarbe ist ein helles blaue. Das Gemisch aus dem Türkis mit der leicht orangebraunen Stelle ereignete sich durch den Fluch.


      Hellhound


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      Name:
      Edgar William Hughes

      Alter:
      22

      Charakter:
      Edgar oder auch nur Ed ist eine außergewöhnliche Person und sticht meist aus der Menge heraus. Müssten andere Menschen ihn beschreiben würden sie ihn als exzentrisch, idealistisch und zynisch bezeichnen. Er hält nicht viel von anderen Personen und ist sich meist selbst der Nächste. Nur zu Wenigen hat er je eine feste Vertrautheit empfunden und ist demensprechend auch sehr skeptisch. Trotzdem kann er dennoch charmant sein, auf eine kühle und kultivierte Art, die die meisten Frauen sogar anziehend finden. Wie ein Diamant in einer dunklen Höhle von einer tiefen Schlucht beschützt und nicht erreichbar. Einzig zu Tieren und Kindern ist er sehr kulant und sanft, selbst zu denjenigen, die in den Gassen leben.
      Edgar ist dabei auch sehr zielstrebig und ausdauernd. Er reagniert meist aus dem Bauch heraus und hört auf seine Instinkte. Er ist definitive machthungrig und manipulative. So gelangte er bis jetzt setig an sein Ziel.

      Hintergrund:
      Edgar entstammt nicht ursprünglich aus einer Adelsfamilie. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er bei seinen leiblichen Eltern auf der Straße. Sie hatten weder Geld noch einen Dach über dem Kopf. Bis zu dem Tag, als das Oberhaupt der Hughes Familie zu ihnen trat. Er versprach seinen Eltern viel Geld und Wohlstand, wenn sie ihm ihren Sohn übergeben würden. Ohne zu zögern verkauften sie ihn also, verließen die Stadt und waren seitdem nicht mehr gesehen. Die nächsten Jahre waren für Ed ein Albtraum. Er erinnert sich an nicht mehr viel, nur an ein kaltes Labor und verschiedene Experimente. Selbst das Gesicht seiner Eltern kannte er nicht mehr. Als würden die ersten Jahre fast vollständig aus seinem Gedächtnis gebrannt. Doch er ließ es hinter sich, akzeptierte sein Schicksal und schwor sich eines: Das Oberhaupt der Familie zu werden und sich an allen Personen zu rächen, die seine ersten Jahre so zerstört haben.

      Aussehen:
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      @Aki
    • Joe

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      Ein noch eisiger Wind weht durch das raue Fell. Der Winter ist gerade so hinter sich gebracht worden und der Frühling bahnt sich seinen Weg in die Welt. Es war ein schöner Abend, bis zu jenem ziehen in der Brust, welches der Vorbote für ein Unheil ist. Die Jagd. Seit Jahren zieht in die Jagd in die Dunkelheit der Stadt, weg aus seiner kleinen Waldhütte. Noch ein größerer Jammer, dass es keinem Muster folgt und er nicht ahnen kann, wann es das nächste Mal Zeit ist, hinaus zu ziehen und einen tiefsitzenden Hunger zu stillen, der in ihm schlummert.
      So verlief der Tag ganz angenehm. In der Werkstadt war nicht viel los und der alte Franklin – stolzer Besitzer – hatte sich heute freigenommen und dem Burschen das Feld überlassen. Seiner Frau geht es in dieser Jahreszeit immer besonders schlecht. Das Alter lässt sie den Wechsel intensiver spüren, als es andere tun. Aus diesem Grund schmiss er heute den Laden. Der Besitzer vertraut ihm aus vollster Seele und redet, wenn die Tage lang sind, davon, dass er gerne einen Sohn gehabt hätte, wie ihn. Er hat eine Tochter, eine bezaubernde Frau, aber sie hat einen Mann geheiratet, den Franki einfach auf Teufel komm raus nicht ausstehen kann. Also hatte er beschlossen, dem Schwarzhaar das Geschäft zu überlassen, wenn er einmal das Zeitliche segnen sollte. Allein, dass er davon redet, bedeutet Joe die Welt. Noch nie hatte er sich gefühlt, irgendwo dazuzugehören. Aber hier? Hier fügt er sich perfekt wie ein Zahnrad in einem Getriebe ein. Es war Schicksal. Nachdem er ziellos durch die Gegend gezogen war, hatte sein Herz ihn letztendlich doch wieder zurück nach London geführt. Und nun ist er hier. Arbeitet seit vier Jahren in diesem Geschäft und hört zu Hause nicht damit auf. Materialien, die nicht mehr gebraucht werden, darf er mit zu sich nehmen und experimentiert weiter an Ideen herum, die er alle samt in einem kleinen Büchlein festhält. Da hört es jedoch nicht auf. Auch die Biologie hatte es ihm im Laufe der Zeit angetan. So ist die kleine Hütte mit Sachbüchern befüllt, sowie Karten und Skizzenrollen.
      Als jedoch der pochende Schmerz in der Brust aufblühte, ließ er den Stift fallen und drehte sich von der Skizzierung eines dampfbetriebenen Hasen ab und taumelt schwer atmend aus der Hütter hinaus. Neben dem kleinen Gebäude stützt er sich an einen Baum und könnte vor Übelkeit erbrechen. Speichelt tritt aus seinem Mund und tropft zu Boden. Keuchend entfacht ein Feuer in seinem Innern und schießt durch die Venen durch den ganzen Körper. An diesen Schmerzen kann sich der junge Mann niemals gewöhnen. Er keucht. Er bäumt sich. Er könnte aufschreien.
      Joe hockt sich auf den Boden, als unter seinem Oberteil sein Rückgrat anfängt zu brechen, die schimmernd weißen Knochen wie skurrile Ornamente den Stoff zerreißen und herausragen. Blut tropft zu Boden und befleckt das Moos. Er streift sich die Schuhe von den Füßen, als auch diese sich mit den Händen anfangen zu verformen. Von der Wirbelsäule an überzieht ein dunkles Haarkleid seinen Körper, der sich verbog und brach. Schreie würden durch den Wald hallen und ein unheimliches Echo erzeugen, also versuchte er wie immer sein bestmöglichstes, eben das nicht zu tun. Zu allerletzt überzieht ein grauweißer Carnivorenschädel sein Gesicht und das helle blaue verwandelt sich in ein schauriges gelb.
      Von einer kleinen Klippe aus, nicht weit von seiner Hütte entfernt, schaut die Bestie nun in der Nacht leuchtenden Stadt hinab. Es ist an der Zeit. Graziös und leise wie ein Assassine rutscht er den Abhang hinunter und verschwindet in den tiefen der Schatten. Die Jagd beginnt.

      Schreie hallen durch die von Laternen beschienen Straßen. Gurgeln von Luftröhren, die sich mit Blut befüllen, verstummen. Vergewaltiger rennen und denken dem Tod zu entkommen. Doch kein Mann kann schneller rennen, als dass es diese Pranken tun könnten. Es gibt kein entkommen. Die langen Krallen gleiten durch Haut und Knochen, als wäre es Butter. Die Wände werden mit Blut besprenkelt und verwandeln sich zu skurrilen Gemälden, die den Todbringer bezeugen. Er ist Wirklichkeit. Er ist real. Es gibt kein Entkommen. So vergeht erneut eine Nacht, indem Tod und Blut die Vorherrschaft besitzen.
      Die Morgendämmerung bricht herein. Der tiefblaue Himmel wird heller und so endet die Jagd. In einer der Seitengassen verwandelt sich Joe zurück. Nach Minuten der Schmerzen steht er zitternd, nackt und mit Blut besudelt da. Gott sei Dank besitzt er die besten Freunde, die Kleidung verstecken. Und witziger Weise, endet er meist an einer dieser Stellen. Durch den gestrigen Regen hatte sich eine Tonne mit Regenwasser gefüllt. Nicht die beste Qualität, aber besser als gar nichts. Also beginnt er sich mit einem Tuch zu waschen, bedeckt zunächst alles unterhalb der Gürtellinie und macht sich dann an alles andere. Seine Hände zittern noch, also krallt er sich in den Rand und versucht zu Atem zu kommen. Erneut überkommt ihn ein Gefühl der Übelkeit. Flach atmend sitzt er es aus und spritzt sich anschließend das leicht riechende Wasser in das Gesicht und auf den Oberkörper, um die letzten Spuren seiner Tat wegzuwaschen.

      Ein Miauen. Er schaut auf und begegnet nun blaue Augen eines Blondkopfes.
    • Die Straßen waren wie leergefegt, man hörte nur das helle Zwitschern der Vögel, welche sich aufmachten, um für ihre Säuglinge auf Futtersuche zu gehen. Der frische Tau von der Nacht verlieh den sonst dreckigen Mauern ein Spiel aus funkelndem Licht und sanften Schatten. Aus Rinnen tropfte das letzte Regenwasser des letzten kleinen Sturms, während die befestigte Straße noch feucht glitzerte. Der Wind war frisch an diesem Morgen und enger zog sich Edgar William Hughes den dickeren, braunen Mantel um seinen Körper. Obwohl die Luft überraschend rein und noch nicht vom dicken Smog umhüllt war, trug er dennoch eine Maske aus dunklem Leder und golden leuchtenden Nieten, welche Mund und Nase bedeckte. Seine blonde Mähne wurde teilweise von einem schwarzen kleinen Zylinder verdeckt. Lockige Strähnen umrahmte sein Gesicht. Eisblau funkelnde Augen schauten sich argwöhnisch um, als er das Pferd an einen Pfosten anband. Ein Schimmel, welcher genauso wenig in diese Szene passte wie sein Herr. Noch einmal klopfte Edgar diesem an die Flanke und gab ihm ein kleinen Zuckerwürfel als Belohnung. Vom hellbraunen Sattel löste er ein kleines Säckchen, nicht größer als seine Handfläche und band es sich um den Gürtel. Er schaute auf sich hinab. Die schwarzen Reitstiefel waren leicht bedeckt mit Dreck, er würde sie, sobald er wieder zurück auf dem Ansehen war, wohl einer Magd in die Hand drücken. Seufzend fasste er sich an den Oberschenkel, der kleine verzierte Dolch war noch immer an Ort und Stelle und unter seinem Mantel versteckte sich eine kleine Pistole. Die meisten nannten ihn zu Paranoid oder zu skeptisch. Niemand würde ihn in der Stadt angreifen, welcher nicht bei Verstand war. Zu groß war das Ansehen seiner Familie und unübersehbar dessen Wappen, welches auf seiner Brust prangte. Ein Rabe, umschlungen von Dornenranken. Aber wenn Ed eines gelernt hatte, dann war Vorsicht besser als Nachsicht.


      Nachdem er sich erneut vergewissert hatte, dass das Pferd richtig angebunden war, machte er sich auf dem Weg. Er würde heute früh zu einer bekannten Werkstatt gehen. Das Erachten seines Vaters her die beste der Stadt. Nun, darüber würde er sich selbst ein Urteil machen. Doch zuerst musste er noch woanders hin.

      Es war schon fast ein kleines Ritual, eine Geste, die seinem Geist wenigstens für einen Moment ruhen ließ. Also machte er sich auf den Weg zu einer bestimmten Gasse. Sie lag abseits des großen Trubels der Stadt, welche schon bald beginnen sollte. Sie war dunkel, roch entsetzlich nach Urin und anderen Fäkalien. Selbst unter der Maske musste er die Nase rümpfen und verfluchte seinen guten Geruchssinn. Heute war jedoch noch etwas anderes darunter. Metallisch? Roch es nach Eisen? Er kannte den Geruch und ein Schauer lief seinen Rücken hinunter. Er konnte es jedoch nicht zuordnen. Ruckartig schüttelte er den Kopf und rieb sich die behandschuhten Hände. Bevor er tiefer in die Gasse ging, setzte er den Hut ab und schüttelte sein weißblondes Haar. Die Streuner würden sonst nur vor ihm fliehen.

      Lange musste er nicht warten. Die erste magere Gestalt schlich aus dem Schatten auf ihm zu. Eine kleine, zierliche Katze, strahlend weiß mit schwarzen Pfoten. Elli, so hatte er sie genannt. Langsam kniete er sich hin und griff in den kleinen Beutel. Brocken trockenes Fleisch erschienen in seiner Hand und schnurrend schnappte sich Elli das erste Stück.


      „Iss langsam“, flüsterte Ed mit etwas rauer Stimme und kleinem Lächeln auf den Lippen. Ein seltener Ausdruck auf seinem Gesicht. Er hatte nach dem Aufstehen mit keinem Gesprochen, seine Stimmbänder waren noch steif vom Schlaf.

      Mit einem runzeln der Stirn schaute er sich um. Er spürte, wie das Gefühl der Sorge langsam in ihm aufkeimte. Wo war George? Außer Elli konnte er keinen weiteren Streuner erkennen. War ihm etwas zugestoßen? Und da erblickte er den breitschultrigen schwarzhaarigen Mann, welcher zuerst nur seinen nackten Rücken ihm zugewandt hatte und sich dann umdrehte. Seine Haut war von Narben überseht. Die ein oder andere sogar frisch. Das kantige Gesicht mit einem markantem Unterkiefer war umrahmt vom schwarzen, glattem Haar, das ungewöhnlich seidig aussah. Ruckartig stand Ed auf, ignorierte das protestierende Miauen von Elli. Sein Blick viel zuerst auf das blutbesudelte Tuch in denen Händen. Eher Pranken, fiel es Ed in den Kopf und langsam glitt seine Hand hinter seinen Rücken. Seine Finger ertasteten die Pistole.

      „Was zur Hölle!?“, zischte er feindselig unter der Maske hervor und vergaß jegliche Etikette. Wieso auch? Wie ein Adliger sah er nicht aus. Eher wie einer, der gerade aus einer Prügelei entkommen war

      „Nur Gesindel“, murmelte er und entspannte sich wieder etwas.

      Der fremde Mann hatte sich immer noch nicht bewegt, schaute ihn nur mit wachsamen Augen an. Musterte er ihn? Ihm war wahrlich unwohl unter dem Blick der ungewöhnlich gefärbten Augen. Etwas in ihm schien sich zu regen, etwas Absonderliches. Irgendwie kam ihm der Mann bekannt vor. Leicht legte er den Kopf schief. Ja, tatsächlich. Aber woher? Normalerweise konnte sich Ed jedes Gesicht merken, genauso wie dessen Ausdruck deuten. Als könnte er Gedanken lesen. Doch der fremde Mann war ihm gänzlich ein Rätsel. Er konnte nicht sagen, wer er war oder was genau er getan hatte. Einzig und Allein als Verrückter konnte er ihn abstempeln.

      Plötzlich hörte er ein weiteres Miauen. Seine blauen Augen huschten zur Quelle und er erkannte George, ein aufgeplusterter, dunkel gestreifter alter Kater mit bernsteinfarbenen Augen und löchrigem Pelz. Auch dieser funkelte den Fremden argwöhnisch an.


      „George, komm her“, seufzend kniete sich Ed wieder hin, fing an den Fremden zu ignorieren und weiter die zwei Streuner zu füttern. Trotzdem beobachtete der ihn aus dem Augenwinkel, nachdem er sich angezogen hatte und langsam an ihm vorbei ging. Kurz trafen sich erneut ihre Blicke und der adlige junge Mann rümpfte angewidert die Nase. Der erstickende Geruch von Eisen und Dreck drang zu ihm durch und er spürte plötzlich ein leicht flaues Gefühl im Magen. Was war das für ein Gestank, der ihm selbst Tränen in die Augen trieb? Er schmeckte den Geruch selbst auf seiner Zunge und er erinnerte ihn an …. Blut? Kein Wunder, dachte er sich, als ihm das blutige Tuch ins Gedächtnis schoss. Aber es war zu wenig. Es roch nach wahnsinnig viel Blut, welches ein Mensch allein nicht vergießen konnte. Vor allem nicht nach einer normalen Prügelei.

      Edgar drehte sich um, doch er konnte niemand mehr erkennen. Außer ihm und die Streuner war keiner mehr in der Gasse. Der fremde Mann war verschwunden. Langsam richtete er sich wieder auf und schaute auf die Taschenuhr. Es war Zeit sich auf den Weg zu machen.

      Und mit der Erscheinung des Mannes noch immer in seinem Gedächtnis, machte er sich zurück zu seinem Pferd.
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    • Joe
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      Es war kalt. Der Wind fegt eine Gänsehaut über seinen entblößten Oberkörper, während er den Mann beobachtet, der zu solch einer absurden Morgenstunde herumstreunende Katzen füttert. Der Mond ist erst vor einigen Momenten hinter dem Horizont verschwunden und hier steht er, in einer sonst verlassenen Gasse und bekam besuch. Joe hätte fast angefangen zu lachen, weil diese Situation so unsagbar falsch ist, dass es wieder zum schreien komisch scheint. Also wäscht er den letzten Rest weg und versucht mit dem Tuch die Haut zu trocknen. Sie verliert in diesen wenigen Sekunden sehr viel Wärme. Mit einem Seitenblick betrachtet das Schwarzhaar das Wasser in der Tonne, welches nun leicht rötlich schimmert. Super. Aber es scheint, als würde der Mann vor ihm, ihn als einen einfachen Rüpel und lausiges Gesindel abtun. Eine Prügelei ist und bleibt eine realistische Ausrede.
      Besser so als alles andere. Aus den verschiedenen farbigen Iriden mustert er das Blondhaar. Das Gesicht ist unter einer ledernen Maske versteckt, welches von Locken eingerahmt wird. Und unübersehbar ist die Gestalt gut gekleidet und besitzt ein Wappen, welches deutlich zu erkennen ist. Ein Rabe. Ein verdammter Rabe, welcher von Dornranken umschlungen wird. Leicht kneift er die Augen zu. Ja, dieses Wappen verbindet er mit Erinnerungen, die er liebend gerne einfach in seinem Unbewussten Sein wegsperrt. Am Besten in die hinterste Ecke. So weit weg wie möglich. Er hat sich von diesem Leben abgesagt, sich ihm gänzlich entzogen. Er bezweifelt, dass jemand auch nur ansatzweise erahnt, was für ein Blut in seinen Adern fließt und dass er die Häuser mit ihren Wappen, für immer den Rücken zudreht. Leider, so bedauert der junge Mann, hat er mit ihnen öfter zu tun, als ihm lieb ist. Die Künste und die Fertigkeiten, die er in der Werkstatt zeigt, ist zu gut, um sie verstecken zu können. Immerhin wollte er nicht mehr ein einfacher Bandit sein, sondern das Geld auf ehrliche Weise verdienen. Was er nun tut. So fährt sich Joe mit einer nassen Hand über den Nacken und richtet sich auf. Gut, dass es der Rabe ist, und nicht der auf zwei beinen stehende Hund, mit seinem Baum im Hintergrund und den gekreuzten Geweihstangen. Ja, sogar sehr gut. Niemand hätte das Ende dieser Begegnung vorhersagen können.
      Der Blick wird vom Adeligen entzogen, als ein älterer Kater seinen Mut zusammennimmt und ihn feindselig anfaucht. Eine Reaktion solchen Ausmaßes besitzt er immer kurz vor, kurz nach oder während der Verwandlung und er merkt ganz genau, dass sich das Biest ihn ihm räkelt. Jeder hat Angst davor, sogar der junge Mann selbst. Es ist beängstigen, vor allem durch den herbeiführenden Gedächtnisverlust. Was in der dieser Gestalt passiert, bleibt auch in dieser Gestalt. Die Ausmaße seiner Rampage erkennt er erst im Nachhinein – zu seinem Leidwesen. Es hat ihn über die Jahre abgestumpft. Er beendet seine Wäsche und streift sich ein abgenutztes Oberteil über den Kopf, welches definitiv zu dünn für die Jahreszeit ist. Jedoch kann der Bursche nicht wählerisch sein und wird sich einfach warmarbeiten. In der Werkstatt riecht es tagtäglich nach Schweiß, Metall, Kupfer, Messing und jeglichen anderen Gerüchen, die sich eben auftuen. Da wird sich der Vierundzwanzigjährige blenden eingliedern, ohne auch nur ansatzweise Schwierigkeiten zu besitzen. Es wird Zeit.
      Sein Körper zittert nicht mehr durch die Verwandlung, zieht jedoch hier und da etwas. Manche Stellen, vor allem die Wirbelsäule, fühlt sich wund an und wirkt empfindlich. Der andere Mann widmet sich nun intensiver die Katzen, weshalb er sich von der Tonne entfernt und an ihm vorbeimarschiert. Er hatte den Griff hinter den Rücken gemerkt, aber nicht übermäßig viel Beachtung geschenkt. Die Werkstatt liegt irgendwo in diesem Teil der Stadt. Hier kann man sich mit all den Gassen und kleinen Nebenstraßen, sehr schnell verirren und landet in einem sehr verzweigen Labyrinth.

      Am besagten Ort angelangt, klopft er gegen die Tür. Ein Mann mit schütterem, ergrautem Haar öffnet und mustert den jungen Burschen. »Raue Nacht gehabt?« fragt ihm fast beiläufig, als was es ein Punkt an der Tagesordnung. Immerhin macht Joe den Eindruck, mehrere Nächte nicht geschlafen zu haben, mit den Tränensäcken unter den Augen und den anhaftenden Geruch. »Mhmm« antwortet er ihm beiläufig und schaut sich in der Werkstatt um, wo er als aller erstes Anfangen sollte. »Der Andere sieht besteht schlimmer aus« gurrt der Besitzer und schiebt einige Schrauben von der Werkbank. »Ja« verschluckt sich das Schwarzhaar fast an seiner Antwort. Ja, die anderen sehen schlimmer aus. Sie leben nicht mehr.
      Aber um diese Gedanken beiseitezuschieben, drückt er den Rücken durch und lässt vereinzelte Wirbel knacken, um anschließend eine bald austauschbedürftige Glühbirne über einen der Holztische anzuknipsen und die losen Teile zu inspizieren, die hier wüst herumliegen. »Hattest du heute Nacht wieder einen Moment?« fragt er Franki über der Schulter hinweg. Dieser fängt an zu kichern. »Das wirst du nicht glauben! Ich hatte eine grandiose Idee!« Also dreht sich das Bürschchen um, lehnt sich gegen den Tisch und lauscht den Worten des alten Mannes, welcher mit einer Euphorie und funkelnden Augen davon erzählt, was er letzte Nacht vollbracht hatte. Wegen diesem Elan liebt er diese Städte einfach. Das findet er nur hier. Dieses leuchten. Diese Funken und die Begeisterung für eine Sache. Ein Lächeln schleicht sich auf seine Lippen. Als er endete, verschwindet er in den hinteren Teil, um ihnen beiden etwas Wasser zu bringen. Seine Kehle ist trocken und er vermutet, dass er nicht der einzige Ist, der etwas Flüssigkeit benötigt.
      Aus der Ferne hört er die Klingel der sich öffnenden Tür, in der Hoffnung, dass sie Kunden auch während der Arbeit wahrnehmen. Franklin muss wohl das Schild umgedreht haben. Als er mit den beiden Bechern Wasser zurückkommt hört er nur ein »Da kann ihnen Joe im Besonderem weiterhelfen. Wissen sie, diese alten Hände sind darin nicht mehr ganz so gut, wie sie eins Mal waren. Es wäre ein Jammer, wenn was schief gehen sollte.« Dann erblickt er Joe. »Ah, da bist du ja!« Und beim Anblick des Kunden glaubt der Bursche, das Schicksal spiele ihm einen bösen Streich.
    • Die Hufe ergaben einen rhythmischen Klang auf der steinernen Straße, während Ed gemütlich in Richtung der Werkstatt lief, das Pferd an der Hand hinter ihm her trödeln. Aufgeregt schmiss es seinen Kopf von rechts nach links hin und her. Abrax, so sein Name, blähte die Nüstern auf und begann aufgeregt zu tippeln.

      „Du bist viel zu aufgeregt dafür. Du kennst das doch alles“, murrte Edgar und rollte mit den Augen. Schon bald erreichte er den schäbigen alten Laden in einer kleineren Seitenstraße. Hatchardons prangte in schwarzen Lettern auf einem hellbraunen, fast schon gelben Holzschild. Der ein oder andere Buchstabe hing schief oder drohte sogar gleich ganz abzufallen. Schon von draußen konnte der Blondschopf erahnen was für eine staubige Atmosphäre drinnen herrschen müsste. Das kläglich kleine Schaufenster – wenn man es denn so überhaupt nennen konnte – zeigte nichts weiter als auf einem Holztisch drapierte Werkzeuge oder … Dinger, wie es Ed erahnen konnte. Dabei erkannte er keinerlei davon. Was war das für ein komischer Gegenstand? Vielleicht ein Hammer? Das andere ähnelte einer Uhr.


      „Sieht aus wie ein Ramschladen. Vater wird wohl zu alt“. Seufzend und mit nicht gerade begeistertem Gesichtsausdruck kam er der Tür näher. Die Maske hatte er vor der Tür abgesetzt und entblößte nun schmal geschwungene Lippen und ein auch sonst schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und kantigem Kiefer. Direkt bereute er es und endete nach dem hohen Klingeln der Eingangsglocke in einem wütenden Hustenanfall, als der feine Staub in seine Lunge drang. Der Laden war übersäht mit Tischen auf denen ruhelos Materialien, Dinge und Geräte verteilt waren. Überall entdeckte er einen feinen Staub, sei es aus Holz oder Metall.

      „Ah! Kundschaft!“, ertönte plötzlich eine alte, krächzende Stimme und beim Anblick des Mannes, welcher humpelnd auf ihm zukam schossen seine Augenbrauen in die Höhe und er musste sich ein genervtes Aufstöhnen verkneifen. Der ältere Herr schien alles andere als dazu fähig zu sein, seinen Auftrag erfolgreich auszuführen. Selbst aus der Entfernung konnte er das Zittern der Hände sehen, seine Augen lagen in tiefen Falten, unterstützt durch seine aschfahle Haut und das graue Haar.

      „Guten Tag, wie kann ich ihnen helfen?“, fragte der Alte. Franki Hatchardson, so erinnerte sich Ed.

      „Guten Tag, ich suche jemanden, der das für mich reparieren kann.“. Der adlige junge Mann griff hinter seinen Rücken unter seinen Mantel und holte einen ungewöhnlichen Revolver heraus, eine Westwood. Der Griff bestand aus dunklem Eichenholz und war verziert mit einem goldenen Rahmen. Der Lauf der Waffe war so schwarz wie der dunkelste Obsidian und sein Name war darauf eingraviert. Ein Geschenk eines alten Bekannten, einer der wenigen Personen, denen er je vertraut hatte.

      „Oh, eine wahrlich schöne Waffe. Aus Amerika, richtig?“, fragte Franki und Edgar antwortete nur mit einem knappen Nicken. Er liebte diese Waffe und verfluchte noch immer diese Ratte von einem Onkel, welche sie fast zerstört hatte. Deutlich erkannte man einen Riss, der sich durch das Eichenholt zog. Leicht war auch der Lauf verbogen. Es hatte noch immer keine Ahnung, wie das dieser Bastard geschafft hatte.

      „Ah ich seh schon, ich seh schon. Da kann ihnen Joe im Besonderem weiterhelfen. Wissen sie, diese alten Hände sind darin nicht mehr ganz so gut, wie sie eins Mal waren. Es wäre ein Jammer, wenn was schief gehen sollte.“ Schon setzte er alte Mann sich ächzend in Bewegung und führte ihn in ein hinteres Zimmer.

      Kurz strich sich Ed durch das Haar. Wirklich Lust ihm zu folgen hatte er nicht, spürte schon eine dünne Schicht staub auf seiner hellen Haut und seine Lungen verlangten so langsam wieder nach mehr Luft, welche ihm dieser kleine Raum nicht bieten konnte. Er würde definitive drei Kreuzer machen, sobald er aus diesem schäbigen Laden kommen würde. Also ging er ihm nach, bedacht nichts anzufassen und trat durch den dreckigen Umhang, der spärlich als Tür diente und die beiden Räume wohl trennen sollte.


      „Da bist du ja!“.

      „Nicht, dein Ernst“, schoss es Ed direkt aus dem Mund, als er den Mann am Tisch erkannte und er konnte nicht anders als lauthals anfangen zu lachen. Ein heller, klarer Ton. Er hatte ihn den ganzen Weg nicht aus dem Kopf bekommen, genauso wenig wie der Gestank nach Blut, der immer noch an seinem Körper zu haften schien. Jo, so hieß er also. Passt zu einem Gesocks wie ihm, dachte er sich und schaute neugierig zu, wie Franki ihm zögerlich und vorsichtig die Waffe übergab.

      „Also, ich würde mich dann soweit verabschieden. Leider muss ich zurück zu meiner Frau. Das alte Mädchen braucht ein bisschen Pflege.“, lachte er an Ed gewandt, bevor er sich kurz zu seinem Angestellten hinunter beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Kurz nickte er ihm noch zu und schon verschwand er mit einer Schnelligkeit, die ihm der Blondschopf nicht zugemutet hatte.

      „Also? Könnt Ihr das reparieren? Geld spielt dabei keine Rolle. Nennt mir Euren Preis.“. Ed wartete kurz, aber bis auf ein knappes und müdes Ja bekam er keine weitere Antwort. Er beobachtete den Arbeiter sorgfältig und mit skeptisch gerunzelten Augenbrauen. Jede Bewegung wird genau inspiziert, um jeder Zeit einschreiten zu können, sollte der Tölpel es wagen den kostbaren Revolver fallen zu lassen. Doch so langsam verließ ihm seine Geduld. Noch immer hatte er nichts gesagt, wiegte die Waffe nur weiterhin in den Händen. Knurrend schmiss er dem schwarzhaarigen Mann ein paar Goldstücke auf den Tisch.

      „Beeile dich und arbeite sorgfältig. Ich warte draußen“, hustete er und kehrte ihm mit wehendem Mantel den Rücken zu, um eilig diesen staubigen Laden zu verlassen.
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    • Joe
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      Das ist doch alles ein schlechter Scherz!
      Innerlich schüttelt er mit dem Kopf und betrachtet den Blondschopf, wie er in ein klares und lautes Gelächter verfällt. Seufzend fährt sich der junge Mann durch die wüsten Haare und richtet seine Aufmerksamkeit dann auf Franki, der mit einer Waffe in der Hand auf ihn zu kommt. Er reicht ihm diese vorsichtig und erklärt ihm knapp, sie soll repariert werden. Sind diese Worte ausgesprochen, verkündet der alte Mann auch schon, dass er zu seiner geliebten Frau muss. Ihr Gesundheit ist nicht mehr die beste und wenn sich der Jungspund richtig erinnert, müsste heute sogar der Hochzeitstag sein. Ein leichtes Lächeln schleicht sich auf seine Lippen. »Grüß sie von mir!« Und bevor er rasant verschwand, flüsterte er ihm zu, dass er später gerne wissen wollen würde, wie sich diese beiden so hoch unterschiedlichen Männer, kennen. Lange rede, kurzer Sinn. Sie werden morgen wahrscheinlich wieder ein Plauscherchen halten, nur gibt es da nicht viel zu sagen. Und so ist Frank auch schon verschwunden. Weshalb seine Aufmerksamkeit auf der Schusswaffe liegt, die ihm in die Hände gelegt wurde. Dabei ignoriert er die andere Person gepflegt und antwortet auf die Frage, ob er sie denn reparieren könne, mit einem knappen »Ja«. Als er nach einem kurzen Moment keine weiteren Worte ausspuckt, werden ein paar Goldmünzen auf den Tisch geworfen und der Schönling marschiert wieder davon. Wie zur Hölle konnte er da hineingeraten? Er legt den Kopf schief. Ändern kann man an dieser Tatsache nichts, also sollte er daran keine Energie verschwenden. Unnütze Gedanken schaden der Qualität der Arbeit.

      Er schaut erneut zum Revolver.
      Die Waffe liegt angenehm schwer in seiner Hand. Joe hatte schon einmal von diesen Modellen gehört: eine Westwood. Aber noch nie hatte er zuvor solch ein Exemplar gesehen, geschweige denn gehalten. Jetzt versteht er auch, warum es so hochgeredet wird. Es ist wahrlich eine Augenweide. Er schiebt die Goldstücke, welche zuvor vom Adeligen hingeworfen wurden, desinteressiert an den oberen Rand des Tisches. Er braucht seinen Platz zum Arbeiten. Der junge Handwerker erhebt sich vom Stuhl und streckt den Rücken durch. Die Waffe legte er vorsichtig auf den Tisch. Womit fängt er als aller erstes an? Das Holz. Der hölzerne Griff muss komplett ausgetauscht werden. Der Riss zieht sich durch die ganze Maserung und führt nur zur Unstabilität, auch wenn Eiche ein Hartholz ist, kann es splittern. Und eine Waffe sollte nicht bei dessen Verwendung in der Hand splittern.
      So wendet er sich an einen kleinen Schrank, zieht die erste Schublade auf und wühlt in seinem kleinen Repertoire an Meißel und Holzschaber heraus. Die Geräte legt er zu der Waffe auf den Tisch und geht nun zu jener Wand, an denen verschiedenste Holzbretter lehnen und andere Holzstücke herumliegen. Soweit er es erkennt, haben sie keine Eiche mehr vorhanden, aber das sollte kein Problem sein. Der junge Mann hat schon eine andere Idee im Kopf und umrundet den Tisch um anschließend zurück in den ersten Raum zu gelangen. Mit zielstrebigen Schritten marschiert er auf eine kleine Leiter zu, die vor einem kleinen Hohlraum steht. In diesem liegen wahllos unterschiedliche Materialien. Da! Amerikanische Mahagoni. Sie haben nicht viel davon importiert, weil es extra für eine spezifische Nachfrage besorgt wurde und diese Reste sind einfach nur perfekt für diesen Auftrag. Er schnappt sich das Stück und marschiert zu seinem Arbeitsplatz.
      Er sitzt sich hin, knipst die Glühbirne einer kleinen Tischlampe an und macht sich daran, das gerissene Holz zu entfernen. Es dauert etwas, um das herumliegende Material nicht zu beschädigen und weil er dafür die Waffe halb auseinanderbauen muss. Mithilfe eines kleinen Maßbandes misst er die Maße des Griffes aus und fertig geschwind eine Skizze an. Abrupt steht er auf und zeichnet den Umriss, den er benötigt, zuerst auf ein Stück Papier und anschließend auf dem Holz auf. Eine kleine Handsäge ist das Arbeitsgerät seiner Wahl. Mittels diesem schneidet er das Holz erst in grobe Figuren, um anschließend mit Hobel und dem Schleifpapier Schicht für Schicht abzutragen. Für diese Präzision wäre jedes Gerät, welches sie hier besitzen zu grob. Joe glättet die Oberschicht, befestigt den neuen Griff mit den Nieten und bastelt alles wieder zusammen.
      Der erste Schritt ist getan. Jetzt spannt er das gute Stück in den Schraubstock, um sich als zweiten Schritt am leicht verbogenem Lauf zuschaffen zu machen. Wie man das geschafft hat, weiß er nicht. Ihm würde nur einfallen, die Waffe mehrmals gegen einen harten Gegenstand zu schlagen oder wie er es eben tut, in einen Schraubstock einzuspannen und dann zu bearbeiten. Er seufzt.
      Mit einem kleinen Hammer bügelt er alles wieder grade. Anschließend dreht er den Kolt. Alles passt wie eh und je. Wenn er arbeitet, vergisst der Vierundzwanzigjährige jedes Zeitgefühl. Er lässt die rechte Schulter etwas kreisen, während er zu einen der anderen Tische läuft und sich dort eine feine Feile grabscht. Jetzt gilt es daran, die ganzen Risse zu glätten. Die Westwood wird wieder festgespannt. Joe schließt für einen Augenblick die Seelenfenster um der Ausschöpfung der Maximalkonzentration zu verhelfen. Hier ist größte Fingerspitzengefühl gefragt. Das Geräusch der Feile klingt in diesem leisen Raum wie ein von lauten Trompeten verfolgter Marsch und der feine Staub vermischt sich mit all den anderen Hinterlassenschaften, die hier ihr zeitliches segnen. Ihm folgt der Nutzen von einer laut klirrenden Schleifmaschine.
      Er pustet den Staub vom schwarzen Material und fährt vorsichtig mit der Fingerkuppe darüber. Nichts. Keine Unebenheiten mehr. Um dem seine Abrundung zu verleihen trägt der Bursche mithilfe eines Pinsels eine spezielle Tinktur auf, die das Metall schützt und zum glänzen bringt. Jetzt fehlt nur noch das I Tüpfelchen. Mit der Westwood in der Hand, lehnt er sich gegen eine kleine Kommode und befördert ein kleines Gefäß an das Tageslicht. Während er das Holz mit Bienenwachs einreibt, klemmt in seinem Mundwinkel eine Zigarette und qualmt langsam vor sich her. Die Maserung wieder hervorgehoben, sowie die satte Farbe.

      Mit mäßigen Schritten tritt er aus der Tür und kneift abrupt die Augen zusammen. Die Sonne steht hoch am Himmelszelt und scheint fröhlich munter vor sich her, tendiert doch tatsächlich dazu, den Burschen zu erblinden. »Hier« er hält dem Blondchen die Westwood entgegen. »Das Eichenholz war nicht mehr zu retten. Beim nächsten Schuss wäre es durch den Druck gesplittert und hätte mehr schaden bei dir angerichtet, als bei deinem Gegner. Da wir keines mehr im Laden hatten, habe ich amerikanisches Mahagoniholz benutzt. Es ist stark und äußerst witterungsbeständig.« Er lehnt sich gegen die Wand und haucht eine kleine Wolke in den Himmel. »Es wird dir gute Dienste erweisen«
      Er fragt nicht nach, warum ausgerechnet ein Adeliger zum Hatchardson kommt. Er hat vor langer Zeit aufgehört, solche Fragen zu stellen. Zumindest war es ein interessanter Auftrag. Und während die Zigarette vor sich her glimmt, richtet sich sein Blick auf das Schild, das ebenfalls renovierungsbedürftig ist. Da Franki heute wahrscheinlich nicht mehr auftauchen wird und keine akute Bestellung vorliegt, kann er sich daran versuchen oder die Fassade mal wieder Streichen. Er müsste irgendwo noch einen halben Topf mit dunkelgrüner Farbe vorfinden können. Joe schließt die Augen und genießt die Sonne auf seinem Gesicht.
    • Die Türglocke erklang erneut, als Edgar den Laden verließ und in die friedliche Morgensonne trat, atmete erleichtert auf und streckte genüsslich den etwas steifen Rücken. Er sah noch einmal skeptisch zurück. Ob es eine gute Idee war ihn alleine mit seiner geliebten Waffe zu lassen?
      „Naja, mehr zerstören kann er ja nicht mehr“, grunzte er und lief zu Atrax. Der Schimmelhengst stand dösend in der Sonne, den Kopf gesenkt, die Ohren entspannt nach außen gedreht und das linke Hinterbein entlastet. Erst als sein Herr zu ihm trat, hob er mit gespitzten Ohren den Kopf und ließ ein freudiges Blubbern ertönen.
      „Mein Junge, wir werden noch etwas länger warten müssen“, redete er zum Hengst, als könnte er ihn verstehen. Lässig lehnte er sich an seine Flanke und spürte den Sattel in seinem Rücken. Er hoffte inständig nicht den kompletten Tag hier verbringen zu müssen. Er hasste diesen Teil der Stadt. Das Elend kroch aus allen Ritzen und Löchern. Ed spürte schon seitdem er aus dem heruntergekommen Laden gekommen war, dass verschiedene Augen ihn immer wieder beobachteten. Vielleicht warteten sie auf eine Gelegenheit ihn ausrauben zu können. Nur zu gerne würde er sehen, ob ein Haufen dürrer Lumpen das schaffen konnten. Die meisten Menschen des einfachen Volks dachten stetig, dass Adlige zu schwach und zu fein waren, um sich zu verteidigen. Für die meisten Menschen traf es tatsächlich auch zu. Aber es gab immer noch ein kleiner Prozent seiner Schicht, die sich gewiss zu Verteidigen wussten. So auch Edgar. Schon seit klein auf wurde er unterrichtet. Erwies sich als äußerst begabt mit Fernwaffen, wie der Revolver, den er her brachte. Auch mit Pfeil und Bogen wusste er sich zu helfen. Einzig der Nahkampf, das war nicht seine Stärke. Er war zu schwach dafür, seine Muskeln einfach nicht ausgeprägt genug. Er hatte es versucht. Stetig mit seinem Lehrmeister gekämpft, trainiert. Aber sein Körper wollte einfach nicht mitspielen. Er blieb schmächtig, war zwar kein Hempfling und trotzdem bemuskelt genug, aber zu mehr reichte es nicht.

      „Seine Arme sahen so aus, als könnten sie mit Leichtigkeit meinen Kopf zerquetschen“, murrte Ed mit einem Stirnrunzeln, als er an den Handwerker dachte. So würde er niemals aussehen. Dann dachte er an dessen Oberkörper und Neid überkam sein Herz.
      „Einfach unfair“.
      Der Blondschopf strich sich eine lockige Strähne aus dem Gesicht und stieß sich von Atrax ab. Warum musste er jedes Mal schmollen, wenn er einen gut gebauten Mann sah? Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Er schaute auf seine Taschenuhr. Es waren schon 20 Minuten vergangen. Seufzend öffnete er die Satteltaschen und holte ein kleines Buch heraus. Es war ein Roman eines unbekannten Autors, importiert aus Amerika. Sein Vater hatte es ihm mitgebracht. Es erzählte eine Geschichte über einen kleinen Jungen, der seinen Weg aus der Gasse zu finden versuchte.
      „Es erinnert mich sehr an dich“, hatte er geschmunzelt und es ihm in die Hand gedrückt. Seitdem drängt und nervte er ihm es endlich zu lesen, damit sie endlich darüber reden konnten. Jetzt schien wohl ein guter Zeitpunkt dafür zu sein.

      Also setzte sich Edgar auf eine Holzkiste, nachdem er sie so gut es ging abgestaubt hatte, öffnete die ersten Knöpfe seines Mantels und schlug die erste Seite seines Buchs auf. Ein Oberschenkel wurde auf den anderen geschlagen, neben ihm ruhten Zylinder und Maske auf dem restlichen Stück der Kiste. Auf seiner Brust spürt er die sanfte Brise vom kühlen Wind. Unter dem Mantel war er mit einer blaugrünen Anzugsweste bekleidet. Der Stoff zeigte ein feinbesticktes Spiel aus floralen Ornamenten, darunter trug er ein strahlend weißes Leinenhemd. Am Kragen war eine Brosche befestigt. Ein himmelblauer Diamant, eingelassen in einer goldenen Umrandung, befestigt mit zwei feingliedrigen Ketten. Es war ihm wichtig, wichtiger als jedes andere Schmuckstück das er besaß, denn er hatte es an seinem ersten Tag erhalten. Für ihn war es ein Zeichen seines neuen Lebens und seines Lebenswillen.
      Plötzlich ertönte die Türglocke und der Handwerker trat aus dem Laden, die Pistole hielt er in seiner Hand. Ed legte das Buch zur Seite, er war bis zum elften Kapitel gekommen. Wie lange saß er nun schon hier?

      „Mh“, brummte er nur und nahm seine Waffe entgegen.
      „Warum hat das solange gedauert?“ Missmutig musterte er den Gesichtsausdruck des Mannes mit zusammengekniffenen blauen Augen. Noch immer konnte er diesen nicht deuten und das ärgerte ihn. Er fühlte sich nicht wohl dabei im Dunkeln gelassen zu werden. Von weitem hatte er dem alten Mann angesehen, dass seine Frau krank war, daheim lag. Vielleicht hatte er auch einen wichtigen Tag vergessen? Er konnte es alles aus seinem Gesicht lesen. Die tiefen Furchen, das müde Gesicht, die leichte Panik und Eile in den alten Augen.
      Aber bei ihm? Er war ein verschlossenes Buch. In der Gasse schob er es auf das düstere Licht, doch hier konnte er jeden Zentimeter seines Gesichts erkennen. Er trat einen Schritt nach vorne, kam seinem Gesicht näher. Er hatte ungewöhnlich lange und dunkle Wimpern, die große Augen bedeckten. Lenkten jedoch trotzdem nicht von den großen Augenringen unterhalb ab. Er besaß einen leichten Stoppelbart, den man in einem fahlen Licht gar nicht sehen könnte. Seine Lippen waren blass, dennoch konnte Ed sich gut vorstellen, wie sie gepflegt aussehen könnten. Voll, sinnlich geschwungen mit einem satten Farbton. Das Kinn war ausgeprägt, maskulin, kantig. Er konnte eine kleine Narbe erkennen, die seinem Gesicht eine gewisse Wildheit verlieh.
      Seine Augen waren besonders anziehend. Das eine tief blau, glich dem rauen Ozean. Das andere zeigte einen kupfernen Klecks in der Mitte. „Interessant“, murmelte er, hatte die Hände vor der Brust verschränkt und war ihm ungewöhnlich nah gekommen. Schlussendlich seufzte er und schüttelte wehmütig den Kopf.
      „Was für eine Verschwendung“.
      Er riss sich vom jungen Mann los und begutachtet erneut den Revolver. Ein kleiner Pfiff entrinn seinen Lippen. Er hatte gute Arbeit geleistet. Er verliebte sich direkt in das feine Holz und musste zugeben, dass die Waffe noch mehr an Schönheit gewonnen hatte.

      „Dann wollen wir mal schauen“, schnurrte er, trat erneut an seine Satteltaschen und holte ein Säckchen mit Munition heraus. Mit flinken und geschickten Fingern lud er die Waffe und suchte sich ein Ziel. Ein kleines Grinsen entblößte eine Reihe von weißen Zähnen, als er mehrere alte Dosen entdeckte.
      Kurz schloss er die Augen und atmete durch, er hatte lange nicht mehr geschossen und hoffte nicht aus der Übung zu sein. Der Revolver lag leicht in seiner Hand, die Finger schmiegen sich um den Griff und er ertastete den kalten Abzug. Dann schoss er.
      Der erste Schuss ging daneben. Es legte den Kopf schief und schnalzte mit der Zunge. Er bewegte die Schulter und schwor sich definitive mehr Schießübungen zu machen. Dann zielte er erneut.
      Die Kugel traf die Büxe in der Mitte, warf sie um und landete klappernd auf dem Boden. Auch die nächsten zwei Dosen fielen seinen Übungen zum Opfer und er spürte, wie Erleichterung sich in seinem Inneren breitmachte. Seufzend steckte er die Waffe zurück in seine Halterung an seinem Rücken und klopfte sich den Dreck vom Mantel.

      Sein Blick glitt erneut zum Handwerker.
      „Wahrlich bedauernswert“. Ed erkannte sein Potenzial, begabt und gutaussehend. Eine pure Verschwendung in diesem schäbigen Laden.
      „Nun, ihr habt gute Arbeit geleistet“, begann er und schmiss ihm noch ein Säckchen Goldmünzen hin.
      „Zur… Renovierung“, sagte er noch und nickte zum hängenden Schild hin, bevor er sich aufs Pferd schwang. Noch einmal schaute er ihn an. Er konnte sich kaum lösen, zu stark pochte sein Herz vor Neugierde. Solch ein Interesse hatte noch kein Mensch in ihm geweckt. Im Gegenteil, er hasste Menschen.

      Kurz nickt er ihm anerkennend zu, setzte sich Zylinder und Maske auf und trieb sein Pferd vorwärts. Irgendwie spürte er, dass dies nicht ihre letzte Begegnung war
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      Courage is the magic to turn dreams into reality

    • Joe
      _________________________

      Auch wenn Joe vor einiger Zeit aufgehört hatte die Aufträge zu hinterfragen oder besser, dessen Besitzer, erstaunt es ihn jedes Mal aufs Neue, was für Verbindungen der alte Mann besitzt und auch pflegt. Er hegt sogar die Intention, diese an den jungen Burschen zu vermachen und fing schon vor einigen Monaten damit an, ihn mit Mittelsmännern und Händler bekanntzumachen, sodass er selbst Bestellung aufgab und mit ihnen Interagieren musste. Dieser schlaue alte Fuchs. Hält so lange durch, bis er jemanden findet und soweit bringt, sein Vermächtnis weiterzuführen. Aber wieso sollte ihn das stören? Das Schwarzhaar nimmt lieber dieses Schicksal an, als jenes, welchem er den Rücken gekehrt hatte. Wie lange ist es schon her? Er kann es nicht sagen. Ein weiterer Zug wird genommen und der Rauch in die Luft entlassen. Es war an einem verregneten Herbstmorgen oder war es in der Nacht? Die Erinnerung wabbern nur noch verschwommen in seinem Gedächtnis herum. Aber wen kümmert es schon? Es ist gleich ob es morgens, mittags, abends oder nachts war. Feststand nur, er ist dieser Familie entkommen, in welcher er sich fühlte wie ein Außenseiter. Klar, gute Miene zum bösen Spiel, doch irgendwann besaß auch er die Kraft nicht mehr, jemand zu sein, der er nicht ist. Seine Seele schrie nach Freiheit. Und so griff er nach etwas Handfesten. Er griff nach der Außenwelt. Er entkam.

      Auf die Frage reagiert der Bursche nicht. Aus dem simplen Grund, dass er sie nicht wahrnimmt, da seine Gedanken in einem kleinen Strudel versanken. Die Sonnenstrahlen wärmen die Haut, wo nachts das fahle Licht des Mondes den schwarzen Pelz beschien und Konturen sichtbar machte. Zwei Wesen in einer Gestalt. Absurd. Bis er verflucht würde, hat er an diesen ganzen Hokuspokus nicht geglaubt, doch nun? Nun hat es eine gewisser Ehrfurcht in seinem Herzen gewonnen. Innerlich lacht er fast bitter. Ja, dass woran man nicht glaubt, wird zur Wirklichkeit.
      Er blinzelt mehrmals. Etwas hat ihn dermaßen aus dem Konzept gebracht, sodass er aus den Tiefen seines Bewusstseins herausgezogen wird. Der Blick wandert zu seiner linken Seite, wo das Blondchen in unangenehme Gewässer watet. Eine Augenbraue wandert in die Höhe und er lehnt sich in die entgegengesetzte Richtung, um soweit wie möglich vom Gesicht des anderen zu entkommen, ohne einen Fuß zu bewegen. Hatten Adelige immer solch eine komplette Nonexistenz von einer Komfortzone, dass sie immer intervenieren? Stopp. War er damals auch so? Er glaubt nicht. An so etwas könnte er sich erinnern. Nein. Nein, er hatte Menschen eher gemieden, anstatt an ihnen zu kleben. Unangenehm ist es jedoch allemal.
      Als der Namenlose sich dann jedoch wieder zurückzieht, pustet er wieder etwas von dem Qualm in die Luft. Die Zigarette ist mittlerweile zu einem mitkriegen Stummen dahinvegetiert. Hat er jetzt endlich wieder seine Ruhe? Und lacht bei der Aussage des anderen praktisch auf. »Was sie nicht sagen« und nimmt das stille Lob durch den Pfiff war. Natürlich hat er gute Arbeit geleistet. Etwas anderes würde er nie auch nur in Erwägung ziehen.
      Joe wendet sich ab, als der Schönling zu seinem Pferd marschiert und etwas aus der Satteltasche herausfischt. Selbstverständlich muss die Schusswaffe hier an Ort und Stelle ausprobiert werden. Was hätte er anderes erwarten können? In den Seitengassen kann man vor allem hervorragend Schießübungen vollziehen. Er schnaubt leise und gibt dem Stummel unter den Sohlen seiner bald Müllreifen Schuhe sein Ende.
      Er dreht sich gähnend um, reibt sich mit den Fingern über die Kopfhaut und beobachtet seinen Kunden bei seinen Übungen. Die Statur ist schmächtig, aber nicht zu dünn mit definierten Muskeln. Von seiner Haltung her kann das Schwarzhaar erkennen, dass dieser Mann durchaus in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen. Er besitzt außerdem Erfahrung und wahrscheinlich auch einen sehr guten Lehrer. Was nur selten der Fall ist. Das weiß er noch zur Genüge. All diese Hochnäsigkeit und wenn sie Joseph zu sehr geärgert haben, dann schrien sie heulend nach Erwachsenen, trotz seiner ausgeprägten Schmächtigkeit. Und er würde seine Hand dafür ins Feuer legen, dass es heute nicht anders wäre.
      Er selbst ist im Nahkampf bewandert, kann jedoch unbeschreiblich gut mit Schusswaffen hantieren, die er jedoch nicht ganz so leiden kann. Hätte er die Wahl, er würde alles den Schusswaffen vorziehen. Den Grund dafür kann der Bursche nicht ganz so gut benennen, vielleicht, aber auch nur vielleicht, weil man so gerne auf ihn schießt, wenn er als Hellhound durch die Straßen streift. Fakt ist, er kann sich verteidigen, weshalb zu seiner Anfangszeit eine Menge Leute auf harte Weise lernen mussten, dass dieses Geschäft tabu für ihre schmierigen Finger sind. Mittlerweile werden sie nicht mehr belästigt.

      Er horcht mit einem dumpfen »Mhmm?« auf, als man wieder das Wort an ihn richtet. Der Kunde scheint mit der Arbeit tatsächlich zufriedengestellt worden zu sein. Erstaunlich bei dieser ganzen Skepsis, die diesem Gesicht Falten einbüßen lassen wird. Gut für ihn, eine Nervensäge weniger für diesen Tag. So schaut er dem Pferd hinterher, dass sich davonmacht. Und irgendwie bekommt er das Gefühl nicht los, dass diese ganze Angelegenheit einfach noch nicht zu Ende ist.
      Er zuckt mit den Schultern, hebt den Sack mit den Goldmünzen auf und zündet sich eine neue Zigarette an. Das Geld wird er Franki geben. Der wird es für seine Frau gut gebrauchen können. »Also gut, wo ist das grün?« redet er zu sich selbst. Der junge Mann hat beschlossen, die Außenfassade zu putzen und anschließend neu zu streichen. Aus diesem Grund sucht er sich einen Eimer, füllt ihn mit Wasser und stellt diesem, samt Lappen und einer Leiter vor den Laden. Er sollte hier vielleicht tatsächlich mal putzen. Die Luft kann er hier eh nicht verändern, dazu herrscht einfach zu wenig Zirkulation. Seufzend stellt er die Leiter an die linke Seite, klettert mit dem Eimer hinauf und beginnt zu wischen. Dabei will ihm das Gesicht des Schönlings einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Irgendwoher kannte er ihn… doch woher? Während seine Hand kreisende Bewegungen vollzieht, versucht Joe in seinem Grübchen nach der Antwort zu suchen, die er so gerne wissen würde. Immerhin weiß er, von welchem Hause der Fremde ist, aber das erklärt noch nicht diesen unheimlichen Präsenz, ihn zu kennen.
      So ein Gesicht vergisst man doch nicht einfach so! Hohe Wangenknochen und dieses Lächeln, bei dem die Zähne entblößt wurden! Er zieht die Augenbrauen zusammen und inhaliert den Rauch in die Lunge. Außerdem dieses blau, dass dem Himmel bei einem warmen Sommertag gleicht, sieht man nicht alle Tage. Es will ihm nicht einfallen und genau das frustriert ihn gerade mehr, als alles andere.
    • Die Sonne stand im Zenit, als Edgar auf Zu Hause ankam. Das Anwesen glich einem alten, kleinen Herrenhaus. War nichts im Vergleich zu der Behausungen, in denen die hohen Tiere oder das Oberhaupt hauste. Dennoch könnte man ohne Probleme eine größere Familie unterbringen. Wenn nicht sogar zwei. Das Anwesen lag abgelegen, abseits von London versteckt in einem kleinen Wäldchen und umzäunt mit einer Mannes großen Steinmauer. Direkt neben dem Alt englischen Herrenhaus lag ein kleiner See mit einem Steg, dessen Größe bis zur Bitte des Gewässer reichte und in einem Pavillon endete. Der große Rasen vor dem Haus war gepflegt, es fehlte jedoch an jeglichen Blüten. Ed hielt nicht viel davon, zumal der Gärtner auch nicht mehr der Jüngste war.
      Man konnte die Haustür direkt vom aus festem Eisen bestehendem Tor sehen. Der sorgfältig angelegte Sandsteinweg führte ohne Umschweife dorthin. Der Umriss des Hauses ähnelte einer Aneinanderreihung von drei hohen Häusern, das größte davon stand in der Mitte. Große, weißumrandete Fenster schmückte die Außenfassade.

      Gemütlich schritt Atrax voran, wusste schon genau wo hin es ging. Die Stallungen lagen etwas versetzt rechts neben dem Haus. Es war ein kleines, längliches Gebäude und besaß nicht mehr als höchstens vier Boxen, davon waren nur zwei belegt. Dahinter erstreckte sich zwei weitere kleinere Stücke Rasen. Doch im Gegensatz zur anderen Seite sah man dort die vielen Hufspuren und die uneinheitlich Größe der Halme. Schon von weitem erkannte er die Silhouette eines Tieres. Ihr rostbraunes Fell brannte wie Feuer in der Mittagssonne. Der zierliche Körper bewegte sich geschmeidig dem Holzzaun entlang. Freudig wieherte die Fuchstute ihnen entgegen und Ed knurrte kurz genervt auf, als der Hengst begann aufgeregt unter ihm zu hüpfen. Schon kam ihm der Stallbursche entgegen. Ein schlaksiger Junge von vielleicht 15 Jahren mit orangenen Haaren, auffällig vielen Sommersprossen und blass grünen Augen. Der Adlige nickte ihm nur zu, hatte schon wieder seinen Namen vergessen, drückte ihm Atrax in die Hände und schritt weiter Richtung Eingang. Noch bevor er überhaupt durch dessen Tür durchschreitet konnte, hatte man ihm Zylinder, Maske und Mantel abgenommen.

      „Junger Herr, es erwartet Euch Besuch in der Lounge. Euer … Stiefbruder ist heute Vormittag angereist.“ Der Butler überreichte ihm ein feuchtes, lauwarmes Tuch, damit er sich kurz erfrischen konnte. Edgar kniff die Augen zusammen und knirscht mit den Zähnen. Was wollte dieser Idiot jetzt schon wieder? Dabei war ihm jetzt mehr nach Training als nach einer langweiligen Unterhaltung mit seinem Möchtegern Bruder. Der Blondschopf nickte dem Butler zu und drückte ihm das nun schmutzige Tuch zurück in die Arme. Verdammt, war dieser Laden dreckig gewesen. Noch einmal wuschelte er sich durch das wilde, lockige Haar und begann ein falsches Lächeln aufzusetzen. Mal schauen, wo das heute noch hinführt, dachte er sich. Bis jetzt war sein Tag sehr interessant gewesen.

      Die große Flügeltür schwang auf und Ed trat in einen größeren, runden Raum. Er war befüllt mit drei großen Ledersofas, welche um einen massiven Holztisch aufgestellt waren. Mehrere aus dem gleichen Holz bestehende Bücherschränke versperren diese weiß tapeziert Wand. Durch eine weitere Tür am anderen Ende gelangte man in Eds Arbeitszimmer. Die große Fensterfront durchflutete das Zimmer mit natürlichem Tageslicht und zeigten direkt die Stallungen vor ihnen an. Ed konnte Atrax erkennen, der genüsslich am Gras knapperte. Dahinter, auf der zweiten Koppel, beobachtete die junge Fuchstute den Hengst genau.
      Doch seine Aufmerksamkeit wurde ruckartig auf einen Mann gelenkt, der die gleiche Aussicht zu genießen schien. Das glatte, mitternachtsschwarze Haar war sorgfältig nach hinten gekämmt und fixiert worden. Er hatte die Hände in die schwarzen Hosentaschen gesteckt. Das weiße Hemd spannte sich über den muskulösen Rücken.
      „Dennoch nichts im Vergleich zu diesem Tölpel“, murmelte Ed unbedacht und der Besucher drehte sich um. Die smaragdgrünen Augen fixierten ihn direkt und ein spitzbübisches Lächeln wurde aufgesetzt. Er besaß höhere Wangenkochen als Ed und ein äußerst Markantes Gesicht mit hoher Stirn. Er ähnelte Tatsächlich fast dem Handwerker von heute morgen. Edgar war kurz irritiert. Sie sahen sich tatsächlich ziemlich ähnlich, fast schon auf eine gruselige Art und Weise. Auf seiner Brust konnte er die Brosche seines Hauses erkennen. Ein prachtvoller Hirsch.

      „Was kann ich für dich tun, Ethan?“. Murrend nahm er sich ein leeres Glas, das auf dem Tisch stand und schenkte sich eine braune Flüssigkeit ein. Der Brandy brannte in seiner Kehle und Ed unterdrückte einen aufkeimenden Hustenanfall. Daran würde er sich nie gewöhnen können.
      „Brauch ich den einen Grund um meinen großen Bruder besuchen zu können?“, schnurrt Ethan Lewis Wallice und überwand die paar Meter Abstand zwischen ihnen. Edgar rollte nur mit den Augen. Er war so abartig einschleimend wie immer.
      „Wie geht es Vater?“, fragte er und entkam flink der ausgestreckten Hand des Schwarzhaarigen, der vermutlich nur wieder durch seine Frisur wuscheln wollte. Obwohl Ed zwei Jahre älter war, war Ethan größer als er. Fast so groß wie …, frustriert schüttelte er den Kopf. Was war nur los mit ihm?
      „Dem alten Mann geht’s gut. Bereitet sich schon auf seinen wohlverdienten Ruhestand vor. Bald ist es soweit, was? Dann muss ich dich wohl öde übel Herr Vorsitzender nennen“.

      Ed seufzte. Tatsächlich waren nur noch wenige Wochen bis zur Ernennung des nächsten Oberhauptes. Jeder wusste wer es wurde und niemand konnte es leugnen, dass ein gewisser Blondschopf schon die Zügel der Familie in der Hand hatte. Alle tanzten nach seiner Nase und ein kleines diabolisches Lächeln huschte über sein Gesicht. Als Antwort brummte er nur zufrieden und spürte die gleiche Vorfreude, die er heute morgen beim Schießen empfunden hatte.
      „Dann werde ich wohl weniger Zeit für dich haben. Welch eine Schande“. Sarkastisch zogen seine schmale Lippe einen Schmollmund. Noch ein Grund sich zu freuen, denn er musste diesen aalglatten Bastard weniger sehen.
      „Ach, darüber mache dir keine Sorgen“. Als hätte er den freudigen Unterton aus Eds Stimme überhört zwinkerte Ethan ihn optimistisch zu. „Überlasse das nur mir“.
      Sie redeten noch eine kleine Weile. Genervt hörte sich Ed den neuen Klatsch und Tratsch der Oberschicht an. Wie die Aktien laufen, was in der Politik vor sich geht oder was der neuste Trend der feinen Damen war. Schon beinahe wäre er eingeschlafen. Sein Körper verzerrte sich nach frischer Luft und Bewegung.

      „Lass uns jagen gehen“, unterbrach er Ethan, der erneut ansetzen wollte, um sich über seine letzte Absage von einer in seinen Augen unterbemittelten Dame aufregen zu können. Und schon wenig später saßen sie im Sattel. Statt Atrax hatte Ed die hübsche junge Fuchstute mit der weißen Bläse genommen, welche nun ungeduldig unter ihm quengelte und schon bereute er seine Wahl. Er hatte sie erst kürzlich bei sich aufgenommen, als Atrax alter Freund verstarb. Sie war noch immer am Anfang ihrer Ausbildung eines Jagdpferdes. Doch der Schimmelhengst würde zu sehr auffallen. Also musste er die Zähne zusammen beißen und hoffen, dass Dakota – so ihr Name – ihn nicht aus dem Sattel warf. Ethan saß auf einem protzigen schlammfarbenen Wallach, der aussah, als würde er gleich einschlafen.
      „Du solltest dir dringend ein neues Pferd zu legen.“, gluckste Ethan und musterte das stämmige Tier kurz. Er bezweifelte, dass es mit ihm mithalten konnte. Noch kurz befestigte er den Köcher fester an seine Hüfte. Er trug ein Eichengrünes Hemd, darüber ein dunkelbraune Schutz aus Leder mit dem Wappen seiner Familie eingraviert. Die Hände steckten in halboffenen Lederhandschuhen, die unter einem Armschutz lagen. Die Fingerspitzen waren zu sehen, so hatte er mehr Gefühl am Bogen. Ethan trug noch immer seinen schwarzen Anzug, hatte nichts anderes zum Anziehen mitgenommen und Edgar’s Klamotten waren ihm zu klein.
      „Lass uns loslegen, mir friert gleich alles ein“, zitterte der Schwarzhaarige und trieb das Pferd direkt in einen gesetzten Galopp.

      Sie waren schon länger unterwegs. Ed hatte erfolgreich ein Wildschwein erlegt und während die Bediensteten den Keiler zum Anwesen brachten, ggönten beide Herren sich eine Pause. Die Pferd waren abseits angebunden und gierig trank Edgar aus eine Wasserflasche.
      „Ich treffe noch einen, warte hier“. Und mit den Worten hatte Ethan ihn vor ein paar Minuten verlassen. Doch der Blondschopf traute ihm nicht, eher würde er sich selbst verletzten als ein anderes Tier. Er war nicht der geübteste Schütze.
      Also nahm Ed den Bogen vom Sattel, verstaut die Flasche und lief den Spuren seines Stiefbruders nach. Er war tief in den Wald gelangt, tiefer, als Ed es gewollt hatte.
      „Dieser Vollidiot, als hätte ich nicht besseres zu tun“. Knurrend biss er die Zähne zusammen, immerhin war es seine Idee gewesen. Irgendwann lichtete sich das Dickicht und Ed erkannte eine kleine Hütte vor ihm.
      „Wo zur Hölle bin ich hier gelandet?“. Plötzlich öffnete sich die hölzerne Tür und der Adlige duckte sich tiefer ins Gebüsch. Da sah er ihn und spürte ein kleines Grinsen auf den Lippen. „Wusste ich es“, hauchte er und beobachtete den schwarzhaarige Handwerker dabei, wie er anfing die Axt zu schwingen. Seine Rückenmuskulatur spannte sich unter dem dreckigen, einfachen Hemd an, welches den Oberkörper des Schwarzhaarigen kaum bedeckte. Mit einem krächzenden Laut verbastete das Stück Holz, als wär es nicht stabiler als ein armseliges Stückchen Ast.
      Wieder empfand Ed Neid. Doch bevor er weiter darin versinken konnte, sah er eine weitere Gestalt, am Rand der kleinen Lichtung, den Bogen gespannt. Die Pfeilspitze auf eine bestimmte Person gerichtet.
      „Ethan, nicht!“, brüllte Ed aus vollen Lungen und hatte mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung ebenfalls den Bogen gespannt. Noch bevor Ethan Pfeil den Handwerker erreicht hatte, surrte Eds Pfeil dazwischen und änderte seinen Kurs. Tief drang die Spitze in die Holzwand, knapp an Jo vorbei. In Edgar kochte es. Wie konnte es dieser Idiot wagen auf ihn zu zielen? War er nun von allen Sinnen geraten?
      „Hast du sich nicht mehr alle?“, zischte Ed, nachdem er aus dem Gebüsch gesprungen war und mit wenigen Schritten zu seinem Bruder gelangt war. Wütend riss er ihm den Bogen aus der Hand und knallt ihn zu Boden.
      „Du sollst Wild jagen und keine Menschen, du Vollidiot“. Seine hellblauen Augen funkelten den schwarzhaarigen Mann vor ihm an.

      „Was? Da war ein Eichhörnchen.“ Verwirrt schaute Ethan zurück und zeigte auf den leeren Platz hinter Edgar. Dieser entdeckte noch den buschigen Schwanz des Tieres, als es in den dichten Baumgipfeln verschwand und schaute zum anderen Mann. Er hatte eine ungewöhnlichen Gesichtsausdruck aufgenommen. Hatte sich der kupferfarbene Fleck vergrößert? Die Lippen waren fast zu einem grimmigen Grollen verzogen, die Augenbrauen hasserfüllt zusammengepresst. Edgar spürte, wie sein Mund austrocknete, sich seine Nackenhaare aufstellen und seine Hand sich wieder hinter seinen Rücken stahl. Eine instinktive Bewegung. Ein kalter Schauder ran seinen Rücken runter und Edgar konnte nicht anders, als seine Muskulatur anzuspannen. Die Hand umfasste den kühlen Griff des Revolvers und der Blondschopf atmete durch.
      „Geh zurück zu den Pferden. Ich komme gleich nach“, keuchte er durch zusammengebissenen Zähnen. Hörte er da ein animalisches Knurren aus der Brust des Handwerker kommen? Langsam nickte er ihm zu, nachdem Ethan gegangen war. Noch immer hatte sich sein Gegenüber nicht bewegt.
      „Verzeiht, mein Bruder ist wahrlich nicht der beste Schütze“, krächzte er mit rauer Stimme, die Hand noch immer an der Waffe. Er war zweigespalten. Er spürte, wie seine Instinkte ihm rieten wegzulaufen. Absurd, dachte er sich. Vor ihm stand kein wildes Tier. Nur ein wütender Mann. Andererseits war er erneut fasziniert. Er spürte eine Anziehung, die er noch nie empfunden hatte. Als würd sich tief in seinem Inneren etwas regen. Etwas, dass eigentlich hätte verborgen bleiben sollen. Ed konnte seinen Blick nicht von ihm abwenden, zu neugierig war er. Also blieb er.
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      Courage is the magic to turn dreams into reality

    • Joe

      ______________________________

      Nach mehrmaligen Wasserwechsel ist die alte Holzfassade sauberer, als sie zuvor war und durch die Sonne, trocknet sie recht schnell. Aus diesem Grund stellt er den metallenen Eimer mit der darin enthaltenen Farbe nach draußen und heben mittels eines Schraubenziehers den Decken aus. Tatsächlich ist nicht nur die Hälfte vorhanden, sondern noch dreiviertel an der Farbe, die er nun mit einem Stock herumrührt. Das Öl hat sich oben abgelagert und muss nun wieder untergemischt werden. Joe verschwindet wieder durch die Tür ins Innere des Geschäftes und sucht in einer der Ecken nach brauchbarem Pinsel, die nicht kaputt oder eingetrocknet sind. Er wird sogar fündig. Mit besagtem Utensil ausgerüstet, steigt er samt Eimer erneut auf die Leiter und beginnt vorsichtig, von oben an, das Holz mit einem wunderschönen dunkelgrünen Lack zu überziehen, der das Holz nicht nur pflegt, sondern auch wieder einigermaßen Witterungsfest macht. Während er mit sachten Bewegungen die Flüssigkeit aufträgt, pfeift er leise vor sich her.

      »Ein schönes Lied«
      Joe hält inne und lässt den Blick von der Leiter hinunter zum Boden gleiten. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. »Vinry« schnurrt er geradezu und nimmt die Arbeit erneut auf. Er kann es sich nicht leisten, dass die Sonne die Farbe schneller trocknet lässt, als er mit dem Streichen hinter kommt, sonst bilden sich unansehnliche Flecke, die er gerne bestmöglichst vermeiden möchte. »Wie ich sehe bist du wie immer fleißig am arbeiten« kichert sie in ihrer Art und Weise, dass sich Lachfalten bilden und sie ihrer Mutter weiter ähnelt. Als ob das noch möglich wäre! »Was soll ich sagen?« zuckt er mit den Schultern und lenkt noch einen Blick zur jungen Dame. Sie hatte sich heute anscheinend für ein eher schlichteres Kleid in einem dunklen Blauton entschieden, welches aus einem festen Stoff besteht und somit hervorrang für dieses Wetter passt. »Das hat nicht dein werter Gatte ausgesucht«
      Ihr Mann ist kein Mann, der etwas mit seinen Händen zustandebringen kann, zumindest nicht in den Umständen, die sich Franki gerne erhofft hatte. Vielleicht wird er aus diesem Grund mit dem Burschen nicht sonderlich warm. Außerdem hat Garry einen unausgesprochenen schlechten Geschmack im Punkto Kleidung, nicht, dass er da in irgendeiner Weise besser wäre. Und dennoch. Er mag ihn. Ein netter Geselle, der seiner Frau kein Haar krümmen würde. Ab und an ein bisschen zu formell und zu steif, aber auch das wird sich irgendwann noch legen – so hofft es Joe zumindest. Wie sonst sollen sie mal ein Bier zusammen trinken gehen, um die Frau des Hauses zeit für sich und ihren Freundinnen zu geben. »Jessica?« fragt das Schwarzhaar subtil. Vinry kichert und verschränkt ihre Hände hinter dem Rücken, während sie auf ihren Zehenspitzen herumtänzelt. »Erraten« spricht sie langsam aus und gurrt dabei etwas. Jessica besitzt nicht das rötliche Haar ihrer Freundin, ist jedoch genauso schön anzusehen, mit dem kastanienbraun. »Hmhmm« summt er daher als schlichte Zusage. Die feine Dame besitzt ein zierliches Gesicht, hohe Wangenknochen, die von rötlichen locken eingerahmt werden. Außerdem braune Augen, die die Intelligenz förmlich zeigen. Für sie ist Joe praktisch Familie. Daher haucht sie ihm auch einen Kuss auf die Wange, sobald er mit seinen Materialien die Leiter heruntersteigt. Diese Menschen haben ihn wie einen Sohn aufgenommen, als er gerade im Inbegriff war, sich ein Leben und eine Existenz aufzubauen, vor der er sich nicht schämen muss.
      »So gut gelaunt heute« und deutet eine Umarmung an. »Du weißt, ich würde ja gerne, aber nicht so« und lacht dann sanft. »Du musst ein Bad nehmen!« er hebt beschwichtigend die Hände. »Ich weiß, ich weiß. Ich stinke.« und stellt die Leiter beiseite. »Besuchst du deine Eltern?« fragt er nun und macht sich daran, den unteren Teil anzupinseln. »Ja.« - »Gut« nickt er. »Hinter der Tür liegt ein Beutel. Den kannst du für sie mitnehmen« Mit einem neugierigen Blick streckt sie ihren Kopf durch die Tür und schiebt den Körper hinterher, ehe ein tiefes Einatmen und ein »Joe!« zu hören ist. Das Grinsen wird breiter. »Das…!« beginnt sie. »Das ist für euch« beendet er den Satz und die Dame weiß, dass er es nicht nehmen wird. Theatralisch wirft sie die Hände in die Luft, ehe sie auf ihn zugestapft kommt.
      »Danke« haucht sie ihm ins Ohr und während sie ihm ein Abschiedskuss auf die Wange drückt, steckt sie ihm einige der Goldmünzen in die Hosentasche. Selbstverständlich merkt das Schwatzhaar diese Geste, aber dagegen was zu unternehmen, währe nichts als Zeitverschwendung.
      Nach einigen Metern dreht sie sich um und läuft rückwärts weiter. »Wenn du mit dem Streichen fertig bist, machst du Schluss für heute. Verstanden?!« und schon ist sie verschwunden. Er grinst breit. »Ja Myladie«
      Nach einer weiteren halben Stunde ist auch der Rest fertig und der Eimer nun leer. Bei einigen Stellen musste er mehr als einmal streichen, aber das Endergebnis ist es allemal wert. Die Farbe sieht frisch aus und verleiht dem Laden einen ganz neuen Charm, der ihm sogar ziemlich gefällt. Der Bursche hatte nicht angenommen, dass es solch einen großen Unterschied bewirkt, aber siehe da! Er lässt den linken Arm kreisen und bringt die Leiter wieder ins Innere, wo er sie wieder verstaut. Er dreht sich um. Vielleicht sollte er durchaus auch hier die Tage aufräumen, um für die Kunden tatsächlich eine angenehmere Atmosphäre zu gestalten. Aber nicht heute. Vinry hat klar ausgedrückt, dass er für heute Feierabend machen soll. Und ihren Zorn auf sich ziehen, ist das letzte, was er tun möchte. Alles nur das nicht. Also schließt er mit seinem Zweitschlüssel ab.

      Im Gegensatz zur Werkstatt, ist seine Hütte das reinste Paradies. Trotz der Arbeitsgeräte findet man hier keine dicke Schicht aus jeglichen Spänen. In zwei Regale, die auf der linken Seite der Hütte stehen, sind Bücher und Papierrollen eingeräumt. In der Kommode, welche daneben drapiert ist, liegen Materialien und in den Schubläden sind verschiedene Werkzeuge verstaut. Der Tisch, welcher sich recht in der Mitte befindet, besteht simpel aus einfachem Kiefernholz. Der Stuhl ebenfalls. An der gegenüberliegenden Wand, von der Tür aus gesehen, befindet sich ein kleiner Kamin, der gleichzeitig zum Heizen, sowie zum Kochen benutzt wird.
      Er hockt sich vor diesen und schaufelt mit einer kleinen Schippe etwas von der Asche in eine danebenstehende Schüssel. Joe sollten diesen Platz bestmöglich in Schuss halten und außerdem braucht er das Zeug für das Plumpsklo, welches sich auf der linken Seite des Hauses befindet. Ein Blick neben den Kamin reicht, um ihn wieder aufstehen zu lassen. Das Holz ist praktisch alle. Der Bursche benötigt mehr Holzscheitel. Mit einem sehnsüchtigen Blick schaut er zu seinem bescheidenen Bett und erinnert ihn daran, dass er die letzten Tage wenig bis gar kein Schlaf erhalten hatte. Aber so gerne er sich einfach hinlegen und die Augen schließen würde, das ziehen in seiner Magengegen ist penetranter. Essen ist seinem Körper gerade wichtiger als Schlaf. Und so soll es geschehen.
      Er steht auf und streckt sich das einige Wirbel knacken, eher er sich gähnend durch die Haare fährt und aus der kleinen Hütte hinaustritt. Vor dieser bleibt der junge Mann kurz stehen und atmet den erfrischenden Duft nach Wald ein. Viel besser, als die Stadt. Viel, viel besser
      Neben dem kleinen Gebilde steht ein Holzblock, in dem eine Axt steck. An der Hüttenwand sind verschiedenen Holzscheitel aufgestapelt, die jedoch für seinen kleinen Kamin zu mächtig sind. Also schnappt er sich eins und stellt es senkrecht auf den Block. Beide Hände umgreifen den glatten und abgenutzten Griff der Axt, spannt die Muskeln unter dem schmutzigen Oberteil an und schwingt sie. Das Metall gleitet ohne Probleme hindurch und spaltet den Scheitel.

      Dann erstarrt er an Ort und Stelle. Nicht durch den Pfeil, der knapp neben seinem Oberkörper in das Holz der Behausung eindringt. Nein. Eher lässt der Name, der gebrüllt wurde, seinen Atem zum stocken bringen. Ethan. Wie lange ist es her, dass er diesen gehört hatte? Seine Gedanken erloschen zu einem einzigen Nichts. Es wird in den kurzen Augenblick blank gefegt und von jeglich schlechten Erinnerungen an seinen kleinen Bruder ausgetauscht. Ethan. Sein kleiner, persönlicher Quälgeist, der mehr das Leben zum Schlechten wand, als all die anderen Personen. Er war genauso schlimm, wie es sein Vater war. Seine Gesichtszüge verziehen sich zu einer undefinierten Fratze, während sich sein Blick auf den jungen Mann heftig, der zu seinem Ebenbild nicht so viel Unterschiede aufweist. Das schwarze Haar, definierte Muskeln, aber schmächtiger und vor allem von Grund aus verdorben. Nie um eine Ausrede verlegen, wie es ihm scheint.
      Ob es nun Absicht war oder nicht. Das ist egal. Nur der Hass, der sein Herz umhüllt, ist es nicht. Mit eisernem Blick starrt er ihn an und bemerkt nicht einmal, wie sich die kupferne Farbe in seiner Iris langsam ausbreitet, wie ein Farbklecks in Wasser. Und mit ihm greift eine leise Stimme an die Oberfläche. Lass mich ihn zerstören. Lass mich ihn zerreißen. Lass mich in seinem Blut wälzen. Wie ein leises Flüstern erfüllt es seinen Kopf. Lass mich frei Seine Ohren sind taub für Einflüsse der Außenwelt, sind taub für Eds Worte. Einzig und allein das Flüstern ist zu vernehmen. Leise. Eindringlich. Betörend. Befehlend.
      So verwandelt sich der lange, von der hoch am Himmel stehenden Sonne verursachten Schatten des Schwarzkopfes von der Gestalt eines Mannes zu der einer Bestie. Unheilvoll bedeckt er den Boden und verbindet sich mit der Dunkelheit des Waldes.

      Ehe er sich versieht, liegt er nun in einer aus Porzellan bestehenden Badewanne samt angenehm warmen Wasser, welches sein Körper wohlwollen annimmt. Er runzelt die Stirn. Wie konnte es so weit kommen? Ah, er erinnert sich. Nachdem die Bestie sich in den Vordergrund drängen wollte, hatte es alles andere um ihn herum ausgeblendet, doch das hielt nicht lange an. Sein Körper ist von den letzten Tagen geschafft und einfach nur unendlich müde, also hatte Joe es irgendwie – er weiß gar nicht mal wie – hinbekommen das Ungeheuer wieder nach unten zu drücken. Anschließend wollte der Bursche nicht mal mehr was essen, sondern einfach nur schlafen.
      Witziger weise wollte der Adelige, dessen Namen sich als Edgar herausstellte, sich revanchieren und hinderte ihn nur mit wenigen Worten daran, dass er auch nur einen weiteren Fuß vor den anderen setzen konnte. Und Joe kann es nicht beschwören, doch etwas im Blick – in diesen himmlisch hellen blauen Iriden – hatte ihn bezaubert und dazu getrieben, diese absurde Einladung anzunehmen. Er seufzt und rutscht etwas mehr in das Wasser. Wieso hat dieser Mann solch eine irrwitzige Macht über ihn, dessen aufkeimende Gefühle er nicht einmal ansatzweise beschreiben kann? Wo hat er sich hier schon wieder hereingeraten?
    • „Was. Zur. Hölle. Mache. Ich. Hier?“. Mit zusammengefalteten Händen stützte er seinen Kopf. Der Mond hatte mittlerweile die Sonne verdrängt und einen wolkigen Nachthimmel hinterlassen. Edgar schüttelte schon zum dritten Mal den Kopf, seitdem er vor ein paar Minuten heimgekehrt war. Ethan hatte er sofort weggeschickt. Dieser Idiot von einem Stiefbruder konnte er keine weitere Minute aushalten. Vor allem aber schien der Handwerker anscheinend nicht gerade begeistert von ihm zu sein. Die bedrohliche Aura haftete noch den ganzen Heimweg an ihm, flammte wieder auf, als sie erneut Ethan zu Gesicht bekamen. Sofort hatte er ihn mit der Magd in den Waschraum geschickt und ihr noch einmal nachdrücklich befohlen, dass er ihn erst wieder sehen wollte, wenn kein Fünkchen Dreck mehr da war und er nicht mehr wie eine verrottete Wasserleiche stank. Laut. In seinem Beisein. Es war Edgar egal. Seine Nerven bräuchten nun dringend Alkohol. Solch eine Anspannung hätte er das letzte Mal gespürt, als er seine leiblichen Eltern verlassen hatte. Und das war äußerst lange her gewesen.
      Ed lehnt sich in seinem Sessel zurück. Er saß in seinem Arbeitszimmer, ein langgezogener Raum mit hohen Wänden, versteckt hinter mächtigen Bücherregalen. Ein alter, grauer Ohrensessel – auf genau dem er saß - stand auf einem weinroten Teppich, neben ihm ein kleiner, runter Beistelltisch aus dunkel glänzendem Holz. Darauf ein geschlossenes Buch, welches er heute morgen in der Gasse angefangen hatte zu lesen, und eine Lampe, die momentan als einzige Lichtquelle diente. Die große Deckenleuchte war erloschen, Edgar möchte das schummrige Licht lieber Ging man weiter durch den Raum kam man zum Schreibtisch des Adligen. Ein Prunkvollen Exemplar, leider überhäuft mit Stapeln von Dokumenten und Briefen, fast schon so breit wie der ganze Raum selbst. Dahinter erstreckte sich ein einziges großes Fenster mit breiter Fensterbank. Es zeigte ein Teil des Grundstücks, bis zu den Stallungen.

      Ed fuhr sich über sein Gesicht. Er trug ein einfaches weißes Hemd, welches nur zur Hälfte zugeknöpft war uns seine sich stetig senkende und hebende Brust entblößte. Seine Beine steckten in einer weichen, schwarzen Anzugshose. Es trug weder Socken noch Schuhe und spürte wie sich die Kälte um seine Zehen schmiegte.

      Wie kam er nur auf die Idee, dem Handwerker mit auf sein Anwesen zu nehmen? Was sollte er jetzt überhaupt damit anstellen? Er versank tiefer in seine Gedanken, als er an di Szene im Wald dachte. Noch nie hatte sein Herz so schnell vor Unbehagen geklopft. Unbehagen, keine Angst. So redete er es sich immerhin ein. Doch er bekam das Gefühl nicht los in diesem Moment vor einer echten Bestie zu stehen. Hatte er es sich eingebildete? Nein, sein Schatten hatte er genau gesehen. Ein Monster, mit langen krallen, gekrümmten Rücken und furchteinlößend glühenden Augen.
      „Ein Schatten kann sowas nicht“, murmelte er vor sich hin, doch war er sich sicher zwei bernsteinfarbene Punkte gesehen zu haben. Genau dort, wo eigentlich das Gesicht des Mannes hätte sein sollen.
      Eine Schweißperlen rann seiner Schläfe hinunter und seine Lider flatterten, bevor er die Augen komplett schloss und den Kopf in den Nacken legte. Es herrschte Stille, bis auf das immer wiederkehrende Geräusch von einem Zähne fletschenden Knurren, das in seinen Erinnerungen widerhallte wie ein Echo in einer weitreichenden dunklen Höhle. Plötzlich klopfte es an der Tür und seufzen öffnete Edgar die Augen.
      „Herrein“, kam es mit rauer Stimme und zaghaft wurde die stämmige Flügeltür geöffet. „Jünger Herr, ihr Gast ist fertig.“, murmelte Magd zaghaft mit einem leicht ängstlichen Unterton.
      „Dann bring ihn herein“. Ein leichtes Nicken, dann wurde die Tür wieder geschlossen, nur, um sie ein paar Minuten später wieder zu öffnen. Zuerst nahm er allen Ernstes an, Ethan würde erneut einfach reinplatzen, wollte die Magd schon anschnauzen, doch beim zweiten Mal hinschauen erkannte er Jo. Er blinzelte, rieb sich die Lider und schaute erneut hin. Kurz regte sich nichts in seinem Gesicht, die Augen leicht aufgerissen, die schmalen Lippen einen kleinen Spalt geöffnet. Als würde Ethans Bruder vor ihm stehen, schoss es durch seinen Kopf. Schon begann er heftig den Kopf zu schütteln und massierte sich die Schläfen. Nun war er komplett verrückt. Er sollte vielleicht die Tage den Arzt aufsuchen, brauchte er vielleicht doch eine Brille?
      Edgar entließ die Magd mit einem beiläufigen Winken seiner Hand. Wieder wurde die Tür geschlossen und Stille kehrte wieder ein. Seufzend erhob sich der Blondschopf und kehrte seinem Gast den Rücken zu.
      „Na, was ein einfaches Bad alles erreichen kann.“, rief er ihm über die Schulter zu und lief zu einem Teil des Bücherregals, welches keine Literatur beherbergte, sondern nur die erlesensten Tropfen an Spirituosen und Wein. Mit feingliedrigen Fingern – holte er eine Flasche raus und schenkte sich ein Glas Gin ein. Mit hochgezogenen Augenbrauen hielt er ihm das Glas hin und konnte sich ein spitzbübisches Grinsen nicht verkneifen, als dieser die Aufforderung annahm, zum Glass griff und es direkt runterschluckte. Edgar schnalzte mit der Zunge und schüttelte leicht den Kopf, sowas verschlang man doch nicht mit einem Schluckt. Genüsslich goss er sich ebenfalls ein Glas ein und nippte daran. Seufzend schloss er die Augen, als die bittere Flüssigkeit seinen Rachen runterglitt.
      „Ich muss mich wohl noch einmal bei Dir entschuldigen“, begann er und lief vom Schrank weg, umrundet mit eleganten Bewegungen den Schreibtisch, um sich in seinen Schreibtischstuhl zu senken.
      „Nimm es ihm nicht übel. Er war noch nie ein guter Schütze und auch nicht die Hellste Leuchte am Kerzenständer“, schnurrte er und nahm einen weiteren Schluck vom Gin. „Aber er ist schon abgreißt. Du wirst ihn also nicht mehr ertragen müssen“. Wenn ich das nur auch von mir sagen könnte, dachte sich Ed bitter den Rest. Ethan würde er wohl öde übel auch noch nach diesem Abend ertragen müssen.
      „Sag mal …“. Jäh unterbrach ein Klopfen der Tür seinen angefangenen Satz.
      „Vergiss es. Herrein“, führte er fort und ein Butler streckte den Kopf in den Raum. Fast hätte er ihn wegen diesem Schatten angesprochen. Es wollte ihm nicht loswerden und irritiert runzelte er die Stirn. Auch schien der Handwerker seinen Stiefbruder zu kennen, sonst hätte er niemals mit solch einer feinseligen Aura reagiert. Er hätte schwören können, das Mordlust und die Gier nach Blutvergießen ihn in diesem Moment umwarb hatte, wie ein Schwarm Fliegen eine Leiche.
      „Sir, das Essen ist serviert für sie“. Er riss sich von seinen Gedanken los und schwor sich die Tage nun wirklich einen Arzt aufzusuchen.
      „Wollen wir dann?“, stellte er eine eher rhetorische Frage Jo, bevor er sich aus dem ledernden Sessel erhob, noch schnell sein Glas leerte und noch immer barfuß durch den Raum zum Ausgang trat.
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    • Joe

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      Seufzend legt er den Kopf in den Nacken und starrt die Decke durch seine gespreizte Hand an, an der warmes Wassertropfen niederplätschen, ehe er die müden Augen schließt. Warum fragt er sich immer wieder in Gedanken. Warum hatte er zugestimmt? In seinem Innern wusste er, dass es keine gute Idee war – nicht für seine Seele. Allein das hereinbrechen der Gefühle und Erinnerungen, als er den ersten verdammten Schritt in dieses Anwesen gesetzt hatte. All die prunkvoll vierzierten Wände, die ganzen Ornamente, die ganzen Bilder…! All das schlug mächtig wie Thors Hammer selbst auf ihn ein und brachte den jungen Mann fast aus dem Gleichgewicht. Nicht nur gegen die Dunkelheit in seinem Herzen hat er anzukämpfen, sondern auch gegen die Vergangenheit. Also warum, warum hatte er zugestimmt?
      Zaghaft und leicht zitternd führen die Fingerkuppen an der hölzernen Vertäfelung der Wand entlang und erinnerten ihn so sehr an sein eigenes, altes Arbeitszimmer, in welchen er Stunden, Gott – sogar Tage verbracht hatte. Bis… Bis sein Vater nach Hause kam und der guten Zeit ein Ende gesetzt hatte oder Ethan. Noch immer sieht er dieses Gesicht vor ihm, dieses herangewachsene Gesicht, welches seinem in solch vielerlei Hinsichten ähnelt, dass er sich am liebsten übergeben hätte. Diese hinterlistige Schlange kriecht noch immer in den Hintern, um Schmeicheleien auszuteilen und eine der ausgeprägtesten Schleimspuren zu hinterlassen, die Joe jemals begegnet ist. Aber im Wald, bei seiner Hütte. Er konnte es im Blick seines kleinen Bruders sehen, das Wissen erkannt worden zu sein und die Gier, die in diesen grünen Augen aufblitzte. Schon immer war er dem großen Bruder hinterher, trachtete nach dem, was er hatte. Schmachtete nach allem, was er nicht bekam und hasste den Älteren für alles, was dieser verkörperte. Schnell hatte er gefallen daran gefunden, Dinge zu erzählen und Geschichten zu erfinden, gar Unwahrheiten auszusprechen, um ihm bei seinem Vater ins schlechte Licht zu rücken. Aber vor allem liebte er es zu sehen, wie Joseph bestraft wurde. Er nannte es disziplinieren, aber es war alles, nur nicht das. Allein an diese Zeit zurückzudenken, lässt einige seiner Narben verdächtig schmerzen.
      Aber vor allem wird sein Geheimnis ein Geheimnis bleiben. Ethan kann es sich nicht leisten, wenn sein über alles geliebter Bruder aus der Versenkung auferstehen wird. Joe ist sich ziemlich sicher, dass sehr viele Personen glauben, Joseph Elliot Wallace wäre vor einigen Jahren verstorben. Und so sollte es auch bleiben. Aus diesem simplen Grund wird sein kleiner Tyrann die Lippen versiegelt lassen und keinem Menschen etwas über seiner Entdeckung erzählen, sondern es selbst in die Hand nehmen. Heute konnte man sehen, wie ernst es ihm ist. Dieser kleine Blutegel!
      Er schnappt nach Luft. Das Schwarzhaar hatte nicht gemerkt, dass er gedankenverloren immer weiter hinuntergerutscht war, bis er komplett im Wasser verschwand. Mit einem Ruck richtet er den Oberkörper auf und füllt seine Lungen gierig mit Sauerstoff. Die Hände schieben das Wasser aus seinem Gesicht und kämmen die nassen Haare nach hinten. Heiser lacht er leise vor sich her. Wie kann ein Leben innerhalb eines Tages so heftig auf die schiefe Bahn geraten? Das ist zum Schreien komisch.
      »Wie taktvoll« schnurrt er leise vor sich hin, als er an die Aussage denkt, dass Edgar ihn erst wieder zu Gesicht bekommen will, wenn der Handwerker dreckfrei ist und nicht mehr wie etwas riecht, das seit Tagen tot in der Sonne verwehst. Genauso direkt wie Vinry, was ihm aus einem unerklärlichen Grund gute Laune bereitet. Die verschrumpelten Fingerkuppen deuten an, dass diese Zeit nun gekommen ist. Langsam richtet er sich auf, um nicht aus eigener Tollpatschigkeit auf dem Porzellanboden der Wanne auszurutschen und sich den Kopf einzuschlagen. In diesen Dingen ist er aus der Übung geraten.
      Seufzend steigt er aus und nimmt sich jenes Handtuch, welches man ihm zuvor hingelegt hatte. Seufzend trocknet er sich ab und bindet sich das Tuch anschließend um die Hüfte, während er sich die noch leicht feuchten Haare mit der Hand erneut nach hinten kämmt, damit sie ihm nicht lästig an der Stirn kleben. Er dreht den Kopf und legt ihn anschließend leicht schief, als der Bursche seine Kleidung nicht vorfindet, die er mit ziemlicher Sicherheit hier abgelegt hatte. Stattdessen liegt hier ein stapel mit anderer Kleidung. Skeptisch kneift er die Augen zusammen und wendet sich an die Tür. Er klopft und fragt nach seiner Kleidung. Die Antwort ist nur jene, dass der Herr ihm neue zur Verfügung stellt. Überlegend bleibt er an der Tür stehen, aber ihm wird nichts anderes übrigbleiben. Wer weiß, was sie mit seinen Lumpen angestellt hat, die er als Anziehsachen bezeichnet. Er lacht innerlich. Haben sie diese vielleicht verbrannt?
      Unangenehm zupft er am Ärmel des schwarzen Hemdes, währen er aus dem Badezimmer tritt. Es ist sehr lange Zeit her, dass er solchen Stoff auf der Haut trug, der sich nun irgendwie falsch anfühlt. Ein schwarzes Hemd und dazu eine ebenfalls schwarze Hose die mit einem Gürtel an seiner Hüfte fixiert wird.

      Beim Eintreten in das Arbeitszimmer des Blondschopf, stößt er ein beachtliches Pfeifen aus. Nicht schlecht würde er sagen. Auch wenn er es nicht gerne zugeben würde, hatte solche Zimmer es immer erträglicher gemacht, solch ein verhasstes Blut in den Venen fließen zu haben. Die riesigen Bücherregale faszinieren ihn immer am meisten. Diese ganze Ansammlung würde nicht einmal in seine bescheidene Waldhütte passen. Erstaunlich. Dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf Ed, welcher ihn mit einem geradezu sprachlosen Gesichtsausdruck anstarrt. »Ein Gespenst gesehen?« fragt er fast schon freundlich brummend, ehe man ihm den Rücken zukehrt. Ja, ein Bad in dem er fast das zeitliche gesegnet hätte, aber das bleibt sein kleines Geheimnis.
      Das Licht in diesem Raum ist angenehm schwach und doch stark genug, dass man sich gegenseitig erkennt. Der junge Mann geht einige Schritt in das Zimmer, wo man ihm ein Glas mit Gin reicht. Woran er das erkennt? Das feine Aroma ist unverwechselbar und es stand in seinem alten Anwesen auch immer im Arbeitszimmer seines Vaters. Außerdem ist der Bursche kein Heiliger und trinkt oft etwas, um einfach die Nerven aufrechtzuhalten. Also kippt er sich den Inhalt mit einem Ruck hinter und wartet auf das angenehme brennen in seinem Rachen, welches nur mäßig erfolgt. Vielleicht ist er über die Jahre hinweg schon leicht abgestumpft. Ed scheint diese Vorgehensweise nicht für richtig zu halten, nippt stattdessen an seinem Glas, während Joe sich an das Fenster stellt und in die hereinbrechende Nacht starrt.
      »Mhmm?« summt er beiläufig währen die Iriden weiterhin starr in die dunklen Schatten schauen. »Was für einen aufrichtigen Bruder er doch hat, diese nicht hellste Leuchte am Kerzenständer. Er kann sich glücklich schätzen« gurrt er in einen sehr bizarren Tonfall und glaubt Kreaturen im Zwielicht tanzen zu sehen, während das Kupfer im Blau flackert, sich jedoch zu seiner ursprünglichen Größe zurückzieht, als er sich umdreht. »Nein, ich muss mich für diese Gastfreundlichkeit bedanken. Es ist nicht selbstverständlich« Manieren sollten aufrechterhalten haben, auch wenn es nicht gerade zu einem guten Gemüt beiträgt. Es stand nicht zur Debatte, jetzt abzulehnen, also stellt er im vorbeigehen das leere Glas auf den kleinen Tisch und folgt dem Blondschopf aus dem Arbeitszimmer direkt in das Speisezimmer.

      Dieses ist ebenfalls geschmacklich gut eingerichtet. Über dem langen, aus dunklem Holz bestehenden Esstisch, hängt ein bezaubernder Kronleuchter. Unter den Beinen liegt ein Teppich, der jegliche Geräusche verschluckt und das Laufen zu einer Stille verzaubert, die Musik für die Ohren ist. Beide Tischenden sind gedeckt, also nehmen die Männer an den jeweiligen Enden platz.
      Er fühlt sich hier fehl am Platz und unbehaglich. Lange ist es her, dass er keine einfache Mahlzeit zu sich genommen hat, in den vertrauten vier Wänden seiner kleinen Hütte, während das Feuer im Karmin seinen Rücken erwärmt und das wohlduftende Aroma der kleinen Speise in der Luft verteilt. Hier starrt er auf teures Geschirr, viel zu viel Besteck und eine Mahlzeit, die er niemals in seinem Leben selbst kochen könnte und doch treibt ihn der Hunger dazu, Messer und Gabel aufzunehmen. »Vielen Dank für das Essen« bedankt sich der Bursche erneut, sonst würde ihm Vinry eine harte Kopfnuss verpassen. Er beginnt mit dem Adeligen zu speisen und Gott Gnade ihm, der Geschmack explodiert förmlich auf seinem Gaumen. Es erinnert den Burschen an seinen alten Koch, bei dem er als kleiner Bube oft herumgelungert hatte, damit dieser ihm einige Sachen beibrachte. Selbstverständlich wollte Klein Joseph auch tatkräftig helfen, doch es wurde ihm nie gestattet.
      Dann richtet sich mit einem Mal seine gesamte Aufmerksamkeit auf ein Fenster, als lautstark ein Regenguss gegen die Scheiben hämmert. Äste fügen sich mit trommeln in den Takt ein und die Augen des jungen Mannes weiten sich. Mit einem Ruck steht er auf und sagt belegt, fast schon abwesend »Ich muss gehen« und macht Anstalten davonzuspringen. »Nein« kommt es nur herrisch vom anderen Ende des Tisches und zwingt den Handwerker, zum Adeliegen zu schauen. »Du bleibst. Ich lasse dir ein Gästezimmer herrichten. Du kannst da nicht rausgehen, nach keinen zwei Schritten bist du bis auf die Knochen durchgeweicht« und das ist keine Bitte. Er erkennt den Tonfall. Es ist ein Befehl. Leistet er dem folge? In den dunkelblauen Augen liegt eine Dringlichkeit, dass er gehen muss. Aber genau stark kann er in diesem hellblauen Iriden erkennen, dass Edgar es nicht zulassen wird.
    • Ed bewegte sich kein Stück, als der Handwerker aufsprang und etwas von Gehen sprach. Ein leichter, säuerlicher Geschmack trat auf seine Zunge und er unterdrückte ein missbilligendes Knurren in der Kehle.
      „Bleib“, schoss es nur aus seinem Mund. Herrisch, zynisch, es glich schon fast einem Befehl. Sachte legte er das zuvor in der Hand haltende Besteck auf den Tisch und winkte abfällig den Butler her. „Bereitet ein Zimmer vor. Der Herr wird heute bei uns übernachten“. Schon wird mit eiligen Schritten das Zimmer verlassen und beide Männer waren allein. Eine Diskussion stand außer frage. Ed war sich seiner Entscheidung sicher und duldet in diesem Moment kein Widerspruch. Als wäre nichts gewesen nahm er das Mahl wieder auf, hielt nur kurz Inne um mit einem vernichtenden Blick seinem Gast darauf hinzuweisen sich wieder hinzusetzen. Minuten vergingen und noch immer stand der Handwerker angespannt da. Seufzend beendete er mit einem letzten Biss sein Essen, Strich sich mit der servierte über den Mund und lehnte sich mit hochgezogenen Augenbrauen nach hinten, die Arme waren vor der nackten Brust verschränkt.
      „Du kannst stehen oder dich hinsetzen du weiter essen. Deine Wahl. Es wird sich jedoch nichts an deiner kleinen Übernachtung ändern. Eine Leiche im Garten kann niemand gebrauchen“. Ein Bein wird über das andere geschlagen, ein Arm ruht nun auf der lehne des Stuhls, das andere hielt ein Glas, in dem eine bekannte rote Flüssigkeit wippte. Und zu seinem Überraschen setzte sich sein Gegenüber wieder hin. Mit einem leichten Schmunzeln im Gesicht beobachtete Ed den jungen Mann vor ihm. Er konnte sein Unbehagen regelrecht in der Luft riechen. Auch war dort schon wieder dieser leicht bedrohliche Duft, welcher schon wieder an ihm haftete. Er war ihm wahrlich ein Rätsel. Ein Rätsel, welches nach und nach immer Interessanter wurde und danach Schrie gelüftet zu werden.
      Das weitere Essen lief Still ab und Ed amüsiert sich tatsächlich prächtig am vom Gesichtsausdruck des Schwarzhaarigen Mannes. Wieso konnte er ihn nun besser lesen als am helllichten Tag in der Gasse? Hatte er vielleicht etwas gesehen, das es ihm erleichterte? Was war es nur? Irgendwann schweife auch sein Blick zum Fenster und er konnte nicht anders als weiterhin darüber nachzudenken. In seinen Erinnerungen blitzte kurz ein Bild eines kleinen schmächtig en Jungen auf. Edgar rieb sich über die Augen. Dieses verhasst Gesicht hatte er lange nicht mehr in seinen Gedanken wiedergefunden. Es ist alt, sehr als. Eigentlich wollt er ihn vergessen und dachte es geschafft zu haben. Mit knirschendem Kiefer stellte er das Weinglas auf den Tisch und stand auf. Sein Rücken ächzte vom langen Sitzen und Reiten.
      „Folge mir“, erklang seine Stimme in einem auffordernden Ton, streckte kurz seinen Körper und lief mit sicherem Schritt zur Tür des Zimmers.

      Das Gästezimmer lag auf der gegenüberliegenden Seite des Herrenhauses. Ein Eckzimmer, mit atemberaubender Aussicht auf den in der Nacht glitzernden See. Die Sterne und der Halbmond spiegelte sich im tiefschwarzen Wasser, welches sich sanft mit dem Wind bewegte. Es war ein Raum mit beschauliche Größe und einfacher Einrichtung. Ein großes Himmelbett war gegenüber von der breiten Fensterfront gestellt worden, darauf lagen schon Klamotten, welcher sein Gast zum Schlafen anziehen konnte. Ed stellte sich in die Mitte des Raumes. Eine Alte Kommode stand in der Ecke vom Zimmer, fast direkt neben dem Eingang. Drehte sich Ed nach links, konnte er eine weitere Tür erkennen. Dahinter befand sich das Badezimmer.
      „Nun gut, solltest du noch etw-„ Noch bevor er seinen Satz zu ende bringen konnten, packten kräftige Hände seine Schultern und zerrten ihn mit einem ordentlichen Ruck in Richtung ausgang. Ein protestierender Laut entwich seinen Lippen, die Augen waren vor Überraschung geweitet. Er versuchte sich nicht einmal zu wehren, zu perplex war sein Gemütszustand, als das seine Muskeln ihn nun gehorchen konnten. Zog ihm dieser niedrige Bauer gerade eigenhändig aus einem seiner Zimmer?. Plötzlich verließen ihn die starken Hände wieder, schubsten ihn das restliche Stück nach vorne, sodass Ed sich mit einem kleinen Aufschrei an den Türrahmen krallen musste, um nicht direkt auf die Nase zu fliegen. Kurz verweilte er so, schien noch immer nicht ganz zu realisieren, was gerade geschehen war, als er ein mitleiderregendes Aufstöhnen von der Mitte des Raumes vernahm. Langsam – die Hände hielt noch immer den Rahmen fest – drehte er sich um und erkannte den sich krümmenden Mann vor ihm. Es klang alles andere als gesund, nicht einmal natürlich. Das Knacken der Knochen halte in seinen Ohren wieder, er konnte genau jede einzelne Wirbelsäule des Handwerker sehen. Animalische Laute verließen dessen zu einer Fratze verzogenen Lippen. Eds Herz begann wie wild in seiner Brust zu schlagen. Das gleiche Gefühl wie im Wald, schoss es durch seinen Kopf und tat genau das, was sein Verstand ihm zu Schrie nicht zu tun. Er schloss mit einem Ruck die Tür, sein sicherste Fluchtweg und trat einen Schritt vorsichtig vor den anderen. Edgar beobachtete ihn genau. Es war irrsinnig, er sollte lieber wegrennen als auf ihn zuzugehen. Zumindest riet ihm das sein Instinkt. Aber diese leuchtend kupferfarbenen Augen zogen ihn nun magisch an. Er schreckte nicht einmal zurück, als Jo einen Sprung nach vorne machte, geradewegs auf ihn zu. Das einzig was er tat – und zu diesem Zeitpunkt stempelte er sich endgültig als Verrückt ab – war seine Hand zum Schwung zu heben.

      Die Ohrfeige ließ seinen kompletten Arm erzittern und war noch immer zu hören, als er seine Hand wieder senkte. Deutlich konnte er den Abdruck auf der Wange des Schwarzhaarigen erkennen, welcher in seiner Bewegung abrupt gestoppt hatte.
      „Jetzt … besser?“ War das einzige, was er mit brüchige und trockener Stimme rausbrachte.
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    • Joe

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      Er folgte dem Mann. Ihm ist es rätselhaft, warum er dessen Befehle befolgt und nicht seinen so sonderlich ausgeprägten Sturkopf dazu benutzt, seine eigenen Meinungen auszuleben. Ed sprach davon, dass er keine Leiche im Garten haben möchte, was im Schwarzhaar nur ein lautloses, geradezu bitteres Lachen hervorruft. Und er möchte keine Leichen im Anwesen herbeiführen und gerade diese Gedanken jagt ihm einen kalten Schauer über den Rücken.
      Er tritt ebenfalls in das geschmackvoll hergerichtete Zimmer. Sein Blick fällt auf die Fensterfront und im speziellen, auf der dahinter liegenden See. Im tiefschwarzen Wasser spiegelt sich der Halbmond, aber es ist nicht dieser Anblick, der sein Herz zum Aussetzen verhilft. Es ist der verschwommene Umriss im Glas, mit den hellen Punkten, welcher in anstarrt und leise etwas flüstert. Nein! brüllt er in seinem Kopf und fühlt, wie die Dunkelheit sich einen Weg nach oben bahnt und unter seiner Haut lauert. Nein. Nein. Nein.
      Mit einem Ruck packt er die Schultern des Blondkopfes. Er muss aus diesem Zimmer. Er muss aus dieser verdammten Todesfalle heraus und dann schließt er die Tür. Ja. Dann verbarrikadiert er sich und wird die Nacht hoffentlich irgendwie durchstehen. Vielleicht, so bahnt es sich verrückt in seinen Schädel, vielleicht hat die Bestie auch kein Interesse, hier in diesem Anwesen herumzuwüten und bevorzugt die Stadt mit all seinen betrunkenen Halunken. Vielleicht lässt er die Menschen hier auch einfach in Ruhe. Und bevor er diese Gedanken zu ende formen kann, lacht er darüber auch schon lautlos. Wie idiotisch er doch denkt. Die Bestie will Blut, dass spürt er, diese intensive Blutlust. Das Tier will in den Berserkermodus, zu sehr hat es heute an negative Gefühle genagt, zu sehr hat es sich auf die Nacht gefreut. Nein. Es will heute Nacht ein Massaker.
      Mit letzter Kraft schupst er den Blondschopf in Richtung Tür.

      Er schafft es nicht.

      Die Schmerzen hämmern mit solch einer Gewalt auf ihn ein, dass ihm der Atem aus den Lungen gepresst wird. Seine Hände verkrampfen sich und die Linke verkrallt sich in das Gestell des Himmelbettes, sodass die Knöchel kreidebleich anlaufen.
      Er stöhnt auf, die Schmerzen sind zu überwältigend, zu intensiv und zu groß. Das Schwarzhaar verkrümmt den Rücken, hört das Blut in seinen Ohren pochen und mit ihm die sich knackenden Rückenwirbel. Er kann es spüren, wie sie aus ihrer ursprünglichen Form hervorbrechen und sich verschieben wollen, doch heute kämpft Joe mit seiner ihm zur Verfügung stehenden Macht dagegen an. Heute kann er nicht nachgeben. Nicht hier und nicht jetzt. Nicht bei diesen Menschen. Die sich biegende und brechende Wirbelsäule zeichnet sich deutlich unter dem schwarzen Stoff des Hemdes ab, das passend an seiner Haut anlag und jetzt wie ein Gefängnis wirkt. Es schmerzt. Es zieht und es fühlt sich wund an. Sein ganzer Körper scheint in Flammen zu stehen und das Blut, diese wunderbar tiefrote Flüssigkeit, verwandelt sich in kochende Lava, die ihn schier heraus von innen her bei lebendigem Leibe kocht. Schweißperlen bilden sich an der Stirn und um Nacken. Mit zusammengepressten Zähnen atmet er hektisch und Flach. Das Kupfer im Auge hat sich ausgebreitet und nun auch die andere Iris angegriffen.
      Lass mich frei. Schnurrt eine verlagernde Stimme in seinem Kopf. Lass mich tun, wozu du nicht bereit bist vibriert es in seinen Gehörgängen. Komm schon. Wir sind eins. Und für den Bruchteil einer Sekunde scheint er dieser süßen Versuchung nachgeben zu wollen, was das Biest natürlich nutzt. In seinem Kampf um die Oberhand, hatte der Handwerker nicht mitbekommen, das Ed nicht verschwunden ist und nach weniger, dass er sich mit diesem gefährlichen Wesen, in dass er sich jeden Moment verwandeln kann, eingeschlossen hat.
      Der Körper des Mannes springt nach vorne, auf den Adeligen zu. Nur konnte niemand ahnen, was dieser für eine wahnwitzige Handlung vollführt. Anstatt sich von Ort und Stelle zu bewegen, holt er mit dem Arm Schwung und verpasst dem Größeren eine satte Ohrfeige, die es in sich hat. Der Körper hält in seine, Tun ein und das Kupfer starrt geradewegs in das himmlische Blau. „Jetzt … besser?“ kommt es aus trockener und brüchiger Stimme.
      »Ja« ertönt es heiser und etwas menschlicher, als zu vor von Joe.

      In der nächsten Sekunde fällt er auf seine Knie. Er weiß nicht, was dieser Adelige getan hat. Aber egal was es war, es gönnt ihm einen Aufschub. Es gab ihm irrwitziger Weise neue Kraft, sodass das Kupfer nun in ein Flackern gerät, sich im viel zu schnellen Takt mit dem dunklen Blau abwechselt, als würde eine Flamme im Wind tanzen. Er kippt nach vorne über und landet mit einem dumpfen Geräusch auf den Bauch, ehe er sich dort erneut zusammenkrümmt. Joe muss heute kämpfen. Er muss alles geben und dieses Biest wieder in die Tiefen seiner Seele schieben. Wieder jagt eine Schmerzwelle durch seine Venen, ehe alles mit einem Mal verschwindet und den Mann flach atmend und schweißüberströmt auf dem Boden zurücklässt.
      In einem schnellen Rhythmus heben und senken sich seine Seiten, während das Herz in seinem Rippengefängnis eine Hetzjagd vollführt. Die Augen sind geschlossen. In seinem Kopf ertönt ein bestialisches Schreien Verräter!. Er kann die Klauen förmlich nach ihm greifen hören. Und dann ist es still. Hatte er es geschafft? Hatte er es tatsächlich geschafft, sich hier nicht in dieses Monster zu verwandeln und diese unschuldigen Menschen zu verletzten? Hatte es tatsächlich funktioniert? Es gleicht geradezu einem Wunder. Was hat Edgar getan, um ihm neue Kraft zu schenken? Die Ohrfeige fühlt sich noch immer schwer auf seiner Wange an, aber noch wichtiger. Es hatte gekribbelt, geknistert, als ob nicht nur Haut ihm berührt. Nein. Da war noch etwas anderes dabei.

      Es wird alles schwarz.
    • Mit offenem Mund huschten weitaufgerissene blaue Augen zwischen dem am Boden liegenden Mann und der sich nun rötlich färbenden Hand. Noch immer spürte er das Kribbeln in den Fingerspitzen, als würden mehrere Blitze durch sie hindurchfahren. Seine Körper fühlte sich leicht ein, zitternd vor plötzlicher Energie. Das Herz schlug mit kräftigen Schlägen in seiner Brust, ließ sein komplettes Wesen beben. Plötzlich wurde die Tür polternd aufgerissen. „Sir!“, schrie ein Diener aufgebracht und blieb abrupt im Eingang stehen. Weitere Bedienstete tauchten hinter seinem Rücken auf. Trug eine Magd ein Nudelholz in der Hand, erhoben zum richtigen Schlag? Schnell versteckte sie es hinter seinem Rücken und Ed war sich nicht sicher, ob sie es für oder gegen ihn verwendet hätte. So langsam kehrte sein Gemüt zum Normalzustand zurück, fühlte die aufkommende Erschöpfung in seiner Muskulatur, als hätte er gerade selbst einen Krampfanfall gehabt.

      „Genau, Krampfanfall. Das war es. Ein Krampfanfall. Nicht mehr, und nicht weniger“, krächzte Edgar panisch vor sich. „Sir?“, wiederholte ein Diener zum dritten Mal seine Worte. Ed schreckte auf, schaute zuerst die Bediensteten an, dann den bewusstlosen Handwerker und konnte sich gut vorstellen, wie das ganze Szenario aussehen müsste
      „Ähm … Macht …“, begann er, doch ihm fehlten die nötigen Worte, um sich rauszureden. Als seufzte er nur und massierte sich die pochenden Schläfen. „R-Räumt alles auf und … helft … ihm“. Damit verließ er Fluchtartig den Raum, die errötete Hand an die Brust gedrückt.

      Die ganze Nacht konnte der Blondschopf nicht schlafen, tigerte in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Versuchte sich mit Büchern abzulenken, aber vergebens. Zwischenzeitlich besuchte er sogar Atrax. Der große Schimmelhengt döste entspannt in seiner Box und ließ sich von seinem ihn zutexten Herren nicht beirren. Ab und zu wurde gleichgültig der Kopf gehoben, eine Hand angestupst zum Zeichen, dass wenn er schon hier sein musste, er wenigstens den Anstand besitzen könnte ihn zu kraulen.
      Doch auch das half nichts und nach geschlagenen zwei Stunden hatte er die Stallungen wieder verlassen, ohne ein beruhigtes Herz. Im Gegenteil hatte er sich nur noch mehr in Rage geredet. Also joggte er zum See. Sport würde ihm wahrscheinlich guttun. Aber wieder fühlte er selbst nach dem zahnten Mal, in dem er den Steg entlang rannte keine Ruhe.

      Schießübungen, keine Erfolg. Kampftraining – der Diener war nicht sonderlich begeistert -, auch kein Erfolg.

      Ziellos wanderte er im Anwesen herum, vermied jedoch bewusst den Gang mit Jos Zimmer und landete letztens Endes wieder in seinem Arbeitszimmer. Seufzend und ausgelaugt ließ er sich in den Ohrensessel fallen. Das weißblonde, lockige Haar lag wild zerzaust auf seinem Kopf, das weiße Hemd war aus der schwarzen Hose gerutscht. Durch das Kampftraining hatten sich die letzten Knöpfe gelöst und zeigten nun seinen kompletten Oberkörper. Es hing wie ein einfacher, zerkauter Lumpen auf seinen Schultern, die Ärmel waren hochgekrempelt worden. Seine Füße waren vom Rasen feucht und dreckig, als gerade ein Diener – der gleiche, mit dem er trainiert hatte – mit einem Wasserkrug, einem Tuch und einer leeren Schüssel eintrat.
      Ed schnurrte erfreut auf, als das warme Wasser seine geschundenen Fußballen umschloss. Mit halb geöffneten Lidern schaute er zum Fenster. Die Sonne begann sich langsam von ihrem Schlaf zu erheben. Die Nacht war vorbei und der junge Mann hatte noch immer nicht seine Ruhe gefunden.
      „Serviert unserem Gast im Zimmer sein Frühstück, sobald er aufwacht. Sagt mir Bescheid, sollte der Arzt eintreffen“. Er wollte ihn nicht sehen und hatte seinen Hauseigenen Doktor gestern noch einberufen, um seine wahnwitzige Idee eines Krampfanfalles bestätigen zu können. Vielleicht würde er dann endlich schlafen können. Der Diener nickte nur und eilte, nachdem Eds Füße sauber waren aus dem Raum. Noch bevor sich die Tür schloss spürte er, wie er anfing wegzudösen. Sein Kopf wippte immer wieder zur Seite, bis er endgültig auf seiner Schulter landete. Sein Tagtraum war ruhelos und nicht gerade erfrischend, denn er bekam einfach nicht diese glühende Augen aus dem Kopf.
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    • Joe

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      Das wirst du büßen summt es unheilvoll in der Finsternis. Ein Schatten mit leuchtenden Augen steht flackernd im Nichts. Ich komme wieder…

      Die Augenlieder zucken. Unter ihnen bewegen sich die Augäpfel und deuten an, dass der junge Mann bald aus seinem Schlaf erwachen wird. Murrend schiebt er langsam die Lieder zurück und starrt mit dem klaren Dunkelblau die Ecke an. Er blinzelt mehrmals und versucht seine Gedanken zu ordnen. Sein Kopf ist auf einem weichen Kissen gebettet, praktisch eingesunken. Sie Sonne scheint in den Raum…
      Mit einem Ruck ist der Oberkörper aufgerichtet. Joe bereits es auf der Stelle. Sein Kopf pocht, die Schläfe schmerzt und die Wange zieht. Mit einer Hand fährt er sich über das Gesicht. Die Ereignisse der letzten Nacht brechen wie ein Gewitter über ihn herein, während warme Strahlen des brennenden Sternes durch die große Front fallen und den Boden angenehm wärmen. Er muss… Ja, was muss er? Das Schwarzhaar kneift die Augen zusammen und bemerkt er, nachdem er die Decke weggeschlagen hatte, dass an seiner Kleidung nicht viel verändert wurde. Nur das schwarze Hemd, welches bei seinem Versuch sich zu verwandeln, wie ein Gefängnis wirkte, liegt ordentlich zusammengefaltet auf einer alten Kommode. Er schwingt die Beine über die Bettkannte und steht auf, nur um scharf die Luft einzuatmen. Das Stechen kam überraschend. Als ob jemand immer und immer wieder ein Dolch in seinen Rücken rammt, ziehen sich die Nerven zusammen und verursachen einen tiefsitzenden Schmerz.
      Mit einer Hand fährt er vorsichtig herüber, zuckt jedoch zusammen, als die Fingerkuppe die empfindliche Wirbelsäule berührt. Sie sitzt wieder an Ort und Stelle, fühlt sich weder surreal oder gebrochen an, noch sticht sie absonderlich von seinem ursprünglichen Erscheinungsbild ab. Er atmet aus, zittert leicht am ganzen Körper und vergräbt das Gesicht in den Händen. Was für ein Schlamassel. Und dabei war er all die Jahre vorsichtig, das so etwas nicht passiert. Und nun ist er hier, tief in der Tinte sitzend. Wie redet er sich da nun heraus? Wie erklärt man das, was Edgar letzte Nacht miterleben wurde?
      Es klopft an der Tür. Joe schaut auf, sagt jedoch erst einmal nichts. Es klopft erneut. Seufzend fährt er sich durch die Haare und bittet denjenigen herein, der penetrant vor der Tür. Es ist eine Magd, die sich vergewissert, dass er Wach ist und nach irgendetwas fragt. Braucht er etwas? Er schüttelt den Kopf. Er würde lieber nach Hause gehen und die ganze Sache ungeschehen machen. Ihm wird Frühstück in das Zimmer gebracht, doch nach einem Blick auf die Mahlzeit, vergewissert er sich, dass er keinen Appetit besitzt. Mehr noch, er glaubt erbrechen zu müssen, sollte er auch nur einen Bissen nehmen. Es liegt nicht an der Nahrung selbst, sondern an seinen momentan verwirrten Magen. Ja, er würde selbst nicht wissen, was zu tun ist.
      Der Bursche massiert seine Nasenwurzel und richtet anschließend den Blick aus dem Fenster. Und dann springt er erneut auf, nur um zischend zusammenzuzucken. Die Arbeit! Die Sonne steht bereits am Himmel, was bedeutet, dass Franki schon lange in der Werkstatt sein muss, wo er auch sein sollte. In wenigen Schritten ist bei der Tür, schnappte sich nebenbei das Hemd für den Oberkörper und stakst trotz des Protestes der eigenen Knochen den Flur entlang, nur im in einen Butler hineinzulaufen. Man weißt ihn darauf hin, dass bald ein Arzt kommen wird, aber Joe ist das egal. Er muss hier weg. Er muss aus diesem Anwesen weg und zurück zu seiner Arbeit. Franki hat nur ihn. Er braucht das frische Blut. Also zwingt er sich ruhig zu bleiben und versucht dem Angestellten so gut wie möglich die Sachlage darzulegen, woraufhin dieser sich auf die Befehle von Edgar beruft. Lange Rede, kurzer Sinn: Sie fangen an zu streiten.
      Und während die beiden Männer ihre Argumente vorbringen und dabei noch höchst professionell wirken wollen, kommt der besagte Arzt im Anwesen an. Eine der Magd begrüßt ihn und schickt diesen auf den direktesten Weg zu den beiden Streithähnen, um eine Eskalation zu vermeiden. Nicht, dass einer noch sein Temperament verliert, an dem sich Joe mit jeder Faser seines Geistes festklammert.

      Am Ende bekam der Doctor was er wollte. Immerhin hatte er mit nicht ganz offenen Karten gespielt und als der Mann ihm ihnen kleinen Klaps gegen den Rücken gab, wäre Joe ihm fast schreiend zu Boden gegangen, aber biss sich zur Unterdrückung auf die Zunge.
      Eine gute Zeit später verlässt der junge Bursche das Anwesen. Er muss schleunigst wohin und streift sich beim Laufen das Hemd über und atmet ruhig durch. Diese Nacht war überstanden, aber es graut ihn etwas, wie es in Zukunft aussehen wird. Edgar schien in seinem Arbeitszimmer eingeschlafen zu sein, weshalb er einen der Bediensteten bat, sein Dankeschön weiterzureichen. Seine ganzen Gedanken sind durcheinander, sowie seine Gefühle. Es ist verwirrend. So unsagbar verwirrend. Innerhalb der letzten Vierundzwanzigstunden ist zu viel passiert, um es mit einmal aufnehmen zu können. Vor dem Tor des Grundstückes dreht er sich noch einmal um. Was hat Edgar an sich, dass es so schwierig wird, ihn aus seinem Kopf zu verbannen?
    • Die Feder strich nur mäßig über das noch immer weiße Stück Papier, als es nach Stunden der Ruhe an der Tür zum Arbeitszimmer klopfte. Ein bröckliges Herein wurde geknurrt, jedoch nicht aufgeschaut.
      „Sir, ein Brief von ihrem Vater kam gerade an. Außerdem hat der Arzt ihnen etwas hinterlassen.“, berichtete ihm der Butler knapp, legte einen Brief, eine Ampulle und einen kleinen Zettel auf den Schreibtisch und verschwand mit eiligen Schritten wieder aus dem Raum. Genervt schmiss Edgar die Schreibfeder zurück in seinen Halter. Zuerst widmete er sich dem Brief seines Vaters. Wahrscheinlich nur wieder eine Aufforderung daran ihn mal wieder zu besuchen. Und tatsächlich. Handgeschrieben erzählte der alte Mann von seiner letzten Begegnung mit einem kleinen Herzog, der dachte, er könnte seinem Vater das Wasser reichen. Kurz musste Edgar schmunzeln.

      Sein Vormund war ein kleiner, stämmiger Mann, der jedoch jeden Schrank mit einem einzigen Blick nieder machen konnte. Er erinnert sich noch genau an seine erste Begegnung mit ihm. Damals war er 18 gewesen, etwas zierlicher als heute. Obwohl er nicht mit ihm Blutsverwandt war, sah er ihn trotzdem als richtigen Vater an. Zumindest hatte er einen besseren Job in den kurzen Jahren gemacht als seine leiblichen Eltern, welche ihren eigenen Sohn verkauft hatten, und seine Adoptivmutter. Er konnte sich an seine Kindheit nicht viel erinnern, wusste nur, dass die ersten Jahre in der Hughes Familie nur als Kälte, Schmerz und Leid bestanden hatten. Geistesabwesend strich er sich über eine kaum erkennbare Narbe über seinem Herzen. Plötzlich schütteln es ihn am ganzen Körper, spürte ein langsam aufbäumendes Pochen hinter seinen Augäpfeln. Schnell legte er den Brief weg, er konnte ihn auch nachher weiterlesen. Seine Aufmerksamkeit bewegte sich weiter zur Ampulle und zum kleinen Zettel.
      „Gebt das diesem Idioten von einem Patienten, der meint unbedingt krank in seinen dreckigen Laden gehen zu müssen“, lass Edgar ihn krakliger Schrift und musste kurz auflachen. Es klang genau wie Dr. Albert Smith. Der alte Arzt hatte wohl nur mäßig Erfolg beim Handwerker erzielen können.

      Also stand er auf und fand sich eine Stunde später vor der Hütte des Handwerkers wieder. Es war ein ewiges hin und her gewesen. Immer wieder war er umgekehrt, fand es plötzlich eine wahnsinnig schlechte Idee diesen Mann wieder zu sehen. Schlussendlich fand er dennoch den Weg zurück zur Holzhütte und sprang mit Schwung von Atrax Rücken. Er kam sich vor wie ein Protagonist eines schlechten Horrorschinkens, die keine bessere Idee hatten, als sich zu trennen und durch einen Wald zu fliehen, indem der wohlwissende der Mörder sich versteckte.
      Edgar klopfte an die Tür und wartete ein paar Minuten, bis er erneut lautstark sich bemerkbar machte. „Wohl nicht daheim“, murmelte er vor der noch immer verschlossenen Tür. Seufzend schaute er sich um, würde wohl oder übel warten müssen. Sein Blick richtete sich gen strahlend blauen Himmel, die Sonne schien wohlwollend auf sein Gesicht und der Blondschopf schloss die Augen. Er spürte den fehlenden Schlaf in seinen Knochen. Gähnend zog er seinen hellbraunen Mantel aus und legte ihn auf den Boden. Er trug dieses Mal eine sandbraune Anzugjacke – die Reithose war in einem gleichen Farbton – und ein weißes, dünnes Hemd.
      Der Boden war alles andere als bequem und Ed sehnte sich nach seinem weichen Bett im Anwesen. Ed spürte, wie die Sonne seinen Körper wärmte. Er freute sich, dass er noch einmal dieses Wetter genießen konnte, bevor der Winter einbrach. Sein Brustkorb hob und senkte sich in einem gleichmäßigen Takt, während er den Geräuschen des Waldes lauschte. Er hörte das kräftige Kauen vom Hengst, der nur wenige Meter genüsslich am frischen Gras kaute. Und irgendwann triftete er in einen leichten Schlaf ab. Obwohl Ed im wachen Zustand stetig damit gerechnet hatte im Traum wieder diese bedrohlich glühenden Augen zu sehen, träumte er dieses Mal von etwas anderem. Es war friedlich, er fühlte sich leicht und unbeschwert. Doch da war auch diese Traurigkeit, die sein Herz schwer schlagen ließ und eine tiefe, erdrückende Schwärze.

      „Beweg dich nicht, sonst bekomme ich dich nicht sauber“, ertönte eine helle, sanfte Frauenstimme in seinem Kopf. Ein Kichern, ein Echo von hohen Wänden und dann eine sanfte ruhige Melodie, die Eds Körper mit liebevoller Wärme erfüllte. Plötzlich lichtete sich das unendliche Schwarz und der junge Mann sah eine zierliche Gestalt vor ihm, die ihm den Rücken zugekehrt hatte. Die Narben stachen besonders hervor, sahen fehl am Platz auf der sonst so reinen Haut aus.
      „Mutter?“, sprach der kleine Junge vor ihm mit schwacher Stimme. Der Kopf mit dem nassen, schwarzen Haar war niedergeschlagen auf die Brust gestützt.
      „Ja?“, fragte wieder die Frau und unterbrach ihr leises Summen. Schon lange hatte sich diese Melodie in Edgars Gedächtnis eingebrannt. Woher kannte er sie? Wer war diese Frau und dieser kleine Junge?
      „Warum tut Vater mir das an? Was habe ich falsch gemacht?“. Ein jämmerliches Schniefen war zu hören und das Herz des adligen zog sich wehmütig zusammen. Die Frau antwortete nicht, sondern setzte ihr Lied einfach fort. Doch Ed spürte den Sturm der Gefühle in ihr. Wut, Zorn, Trauer, Hilflosigkeit. Liebe. Ihm war nach schreien zu mute, wollte diese Frau packen und genau die gleichen Fragen stellen.
      Eine aufgeregte Schnaupe drang zu ihm hindurch und ließ das Bild vor ihm zerbröckeln wie altes Brot. Langsam wurden die hellblauen Augen aufgeschlagen, schwer schluckend blinzelte Ed der Sonne entgegen. Eine Träne rann seine Wange hinunter und er spürte noch immer diesen Sturm von unbeschreiblichen Gefühlen in seinem Herz toben, welches mit jedem Schlag sich danach sehnte, den Grund des Traumes zu finden. Ihm war elend zu mute, fühlte sich noch schlechter als vor seinem Schlaf.
      Seufzend richtete er sich auf und wischte sich beiläufig mit einer Hand die Träne aus dem Augenwinkel. Zuerst schwenkte er die noch immer müden Augen zum Schimmelhengst, der noch immer unbeeinträchtigt kaute. Dann drehte er den Kopf in die andere Richtung und musste erneut heftig blinzeln.
      Der Anblick war ihm etwas fremd, vielleicht weil er damit nicht gerechnet hatte? Er trug noch immer das schwarze Hemd, welches er ihm letzte Nacht gegeben hatte. Natürlich, sein Zeug habe ich wegschmeißen lassen, erinnerte er sich. Das schwarze Haar lag ihm wild auf dem Kopf, zeigte nicht mehr viel von der Sauberkeit nach dem warmen Bad im Anwesen.

      Nun schien sein aufgewachtes Gehirn zu realisieren, wer genau vor ihm stand und japsend sprang er auf die Beine, wankte für einen kleinen Moment. Sein Blick flackerte, schwärzte sich für einen Moment, als er zu schnell wieder in eine senkrechte Position wechselte. Taumelnd krallte er sich an der Hauswand fest, bevor er sich wieder gefasst hatte und sich peinlich berührt den Staub von den nun leicht zerknitterten Klamotten klopfte und den Mantel vom Boden aufhob. Wie lange er dagestanden hatte? Hatte er ihn beim Schlafen beobachtet?
      „H-Hier … Medizin. Vom Arzt“, räusperte er sich mit brennenden Wangen knapp, rieb sich mit einer Hand verlegen am Nacken und holte die Ampulle des Doktors aus der Hosentasche.
      Zuerst trat er einen Schritt auf den Handwerker zu, bis die gestrige Situation wieder in sein Gedächtnis gerufen wurde. Kurz schaute er sich um und entdeckte den kleinen Hocker neben dem Eingang. Mit angehaltenem Atem legte er das kleine Fläschchen dort hin, warf sich den Mantel über und sprang mit eiligen Schritten zum Pferd.
      „Warte“. Edgar hielt inne, hatte die Zügel schon in eine Hand genommen und war bereits in einen Steigbügel gestiegen, um jeder Zeit aufsitzen zu können.
      „J-Ja?“, kam es zuerst zaghaft und dann kräftiger vom Adligen. Er hasste sich für sein plötzlich kleinlautes verhalten. Warum war er so angespannt? Er hatte nichts verbrochen. Langsam drehte er sich um und schaute in die ungewöhnlichen Iriden des anderen, obwohl alles in ihm schrie einfach aufzusitzen und schleunigst loszureiten.
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    • Joe
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      Das Laufen verlief nicht ganz einfach, denn bei jedem Schritt zogen sich die Muskeln in seinem Körper zusammen und verursachten ein sehr unangenehmes, fast schon stechendes Ziehen in seiner Wirbelsäulengegend. Aber was soll er sagen? Besser, als dass er sich ganz komplett verwandelt hätte. Noch immer ist es ihm ein Rätsel, wie er es unterdrücken konnte. Joe war sich so sicher gewesen, dass das Biest durch die Oberfläche bricht und ein unheilvolles Chaos verursacht. Er war sich so sicher. Und trotzdem sitzt er auf dem Hocker vor seiner Werkbank und fertigt auf einem Stück Papier eine Skizze an. Er reibt sich über den Nacken und kneift die Augen zusammen, während der Staub im fahlen Licht der Glühbirne über den Tisch tanzt. Als er in der Werkstatt ankam, war Franki nicht anwesend – an manchen Tagen kommt es vor – und der neue Anstrich lächelte ihm bereits aus weiter Ferne entgegen. Das Grün leuchtete satt in der Sonne und verzauberte ihn. Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen.
      Heute hatte sich der junge Mann vorgenommen das Schild auszutauschen. Immerhin besorgt es ihm, dass es jeden Augenblick beim nächstbesten Windstoß aus den letzten Angeln reißt und einem potenziellen Kunden auf den Kopf fällt. Dies würde er am besten Vermeiden. Auch wenn dieses Geschäft keine sonderlichen Schwierigkeiten besitzt, bestehen zu bleiben – dafür hat Franki zu viele Stammkunden – sollte man doch ab und zu etwas an das Äußere denken. Und wer weiß? Neue Kunden bringen neues Blut in das kleine Geschäft und vielleicht verbreitet sich ihr Dasein ja durch Vorschläge. Mund zu Mundpropaganda ist da durchaus mal hilfreich.
      Aus diesem Grund sitzt das Schwarzhaar an einer Skizze und nicht am neuen Schild. Während er dabei war, ein schlichtes Kiefernholzbrett zurechtzuschneiden, hörte er die Klingel und stand auf. Eine junge Dame trat mit schüchternem Blick und unseren Schritten herein. Er Blick verriet ihm ihre Skepsis und doch kam sie weiter in den Laden hinein und begrüßte den Burschen. Sie hörte durch eine Freundin von diesem Laden, als diese vor einigen Monaten ein Auftrag abgab, wenn er sich recht erinnerte, ging es um eine Kunstarbeit. Sie wollte eines verzierten und aus Bronze bestehenden Brieföffner und ja, den bekam sie auch. Dieser war einer seiner besten Arbeiten, immerhin besitzen sie weiter hinten, abgetrennt vom Rest der Werkstatt eine kleine Esse.
      Diese junge Dame würde gerne eine kleine Standuhr für ihren Gatten anfertigen lassen, der in zwei Monaten Geburtstag hat. Es könnte knapp werden, aber ganz sicher ist sich Joe darin nicht. Also nahm er den Auftrag an, hörte ihren Wünschen und Vorstellung geduldig zu und erklärte ihr, er würde heute eine Skizze anfertigen, sodass sie morgen bitte wiederkommen möge. Wenn ihr die Zeichnung zusagt, werden sie alles weitere wie zum Beispiel Materialien besprechen.

      Die Zeit verstreicht immer weiter. Irgendwann löst er sich aus seiner Konzentration und streckt die müden und schmerzenden Knochen. Er befindet seine Skizze als gut und legt den Stift zur Seite. Der junge Mann steht auf und läuft zu einer Kommode, auf welcher ein Krug mit Wasser steht. Er gießt sich etwas in einen Becher und kippt es mit einem Ruck die Kehle hinunter. Das tut gut. Die Zeit hat seinen Rachen austrocknen lassen, vor allem mit all dem Staub präsent. Also lässt er ein paar Halswirbel knacken und entscheidet sich, für heute zu schließen. Das Angefangene Kiefernbrett legt er auf eine Ablage für morgen, knipst die Glühbirne und tritt aus den Laden heraus. Mit einem tiefen Sog atmet er frische Luft ein, ehe er sich eine Zigarette anzünden möchte, aber nur in eine leere Hosentasche greift.

      Dem Burschen ist heute nach Fleischeintopf, also besucht er noch den Marktplatz.
      Er besorgt sich frische Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln und ein frisches, sogar noch warmes Brot. Schnurrend bedankt er sich bei der Bäckerin, die ihm fröhlich verabschiedet. Schon lange ist er ein Stammkunde und die ältere Dame weiß, dass er ab und an nach der Arbeit vorbeischaut. Sie hatte es sich heute schon erahnen können, als sie einen Plausch mit dem alten Schlitzohr Franki betrieb. Viele wissen, dass der Bursche warmes Brot liebt. Der letzte Stopp ist die Fleischerei, wo er sich etwas Rind gönnt und auch noch einen Sonderpreis erhält, da er bei der Reparatur von einigen Gerätschaften geholfen hatte und sonst auch gerne gesehen ist. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen macht er sich auf den Heimweg. Bei den Gedanken an ein feines Abendessen, vergehen die Schmerzen und wohlwollen breitet sich im Körper aus. Heute, so beschloss er, heute wird ein guter Abend.

      Die Sonne steht noch am Himmelszelt, als er den Wald durchquert und auf seine Lichtung tritt, wo ihn überraschenderweise Besucher erwarten. Der Apfelschimmel strahlt förmlich im Licht, während er kurz schnaubt, sich jedoch wieder den Grashalmen widmet. Der Blick gleitet vom Hengst zum jungen Adeliegen, der dösend auf dem Boden sitzt. Ein sehr interessanter Anblick, den er da bietet und witziger Weise den Mundwinkel für ein kleines Grinsen verschiebt. Wer hätte das gedacht.
      Als er näher kommt erwacht Edgar und richtet sich eilig auf, als man den Besitzer dieser kleinen Hütten bemerkt. Die Reaktion lässt ein entspanntes Brummen in seiner Brust vibrieren, während er sich denken kann, dann man an das Geschehen von letzter Nacht zurückdenkt, so wie sich das Blondschopf dagegen entscheidet, ihm die Medizin direkt zu geben. Der Blick folgt ihm und ein hektisches »Warte« wurde es von den Stimmenbändern produziert, als das Gehirn den fluchtartigen Rückzug mitbekommt. Was zur Hölle tut er da gerade? Der Adelige ist auf dem Sprung davonzureiten, dreht sich jedoch zum Handwerker um. Dieser schaut das himmlische Blau an, um anschließend den Blick verlegen auf ein anderes Objekt zu richten. Die Hauswand scheint dafür ideal.
      »Möchtest du vielleicht auf einen Tee hereinkommen?« räuspert er sich. »Es sind zwar keine teuren Sorten, aber gute Kräuter« fügt er an. »Und vielleicht auch ein… Abendessen« murmelt er fast in sich hinein, anstatt es an anderen zu richten. Joe hätte schwören können sich zu verhören, als das Angebot doch tatsächlich angenommen wurde. Zuerst schaut er hektisch wieder zu Ed und fragt sich, ob er sich das gerade nur eingebildet hat. Aber als dieser wieder vom Hengst ablässt, ist er sich sicher. Erneut räuspert er sich und öffnet die Tür.
      Das Innere ist nicht mit sonderlich viel Staub belastet. Mit schnellen Schritten ist er beim Kamin, nachdem er das Essen auf einer Ablage abgelegt hat und entzündet ein kleines Feuer mit jenen Holzscheitel, die noch zur Verfügung stehen. »Mach es dir… ähm gemütlich« krächzt er fast und macht sich auf zum gestapelten Holz, um einige Scheitel in gerechte Stücke zu hauen. Ist dies erledigt tritt er wieder in das Häuschen, hängt einen blechernen Kessel mit Wasser über das Feuer. Nun krempelt er wieder die Ärmel des schwarzen Hemdes hoch, während ihm ein kurzer Blick zeigt, dass sich sein Gast auf den Stuhl gesetzt hatte und kurz in den Büchern blätterte, die noch verstreut herumliegen.
      In einer kleinen Schüssel wäscht er das Gemüse ab und beginnt es, mit einem Messer in Mundgerechte Stücke zu schneiden und anschließend in einen Topf mit etwas Wasser zu geben. Die Kartoffeln werden mit geschickten Fingern ebenfalls geschält und kleingeschnitten. »Möchtest du eine der Karotten deinem Hengst geben?« fragt er über die Schulter hinweg, während er sich die Hände erneut wäscht und beginnt das Messer zu wetzen, damit es geschmeidig durch das Rindfleisch gleiten kann.
    • Mit gerunzelter Stirn und stumm zusammen gepressten Lippen, blätterte Edgar durch eines der dicken Bücher, die er auf dem Holztisch gefunden hatte. Verzweifelt hatte er gehofft, es würde ihn ablenken vom leisen Summen in seinem Kopf, welches immer wieder ihn dazu drang aus diesem kleinen Raum so schnell wie möglich zu verlassen. Stattdessen sah er nur Thesen, Beschreibungen und Erklärungen von wissenschaftlichen Themen.


      „Später vielleicht“, murmelte er nur als Antwort. Unzufrieden schlägt er das Buch wieder zu und legt es leise zurück auf den Tisch. Langsam lehnt er sich zurück, bemerkt aber zu spät, dass dieser Stuhl keine Lehne hatte. Kurz drohte er sein Gleichgewicht zu verlieren, doch entkam einem Sturz nach hinten. Verlegen rieb er sich den Nacken, so schusselig und nervös war er sonst nie und stand auf. Unruhig lief er herum. Das Haus bestand aus einem einzigen Raum, auf dessen einer Seite ein nicht bequem aussehendes Bett stand, daneben unzählige Regale. Ohne weiter darüber nachzudenken setzt Ed sich auf die harte Matratze und begann leicht zu wippen. Mit verzogenem Gesicht stand er wieder auf.
      „Wie kann man darauf schlafen?“, murmelte er seine Gedanken laut aus und lief weiter zu den Regalen. Mehr Bücher schauten ihn verlockend an, aber wieder konnte er nur wissenschaftliche Literatur erkennen. Also wandte er sich wieder ab, steckte die Hände in die Taschen der beigen Hose und legte den Kopf schief. Eine lockige, blonde Strähne fiel ihm ins Gesicht. Er musterte die breiten Schultern des schwarzhaarigen Mannes vor ihm, der noch immer mit kochen beschäftigt war. Die Narben hatte er schon einmal gesehen, diese ungewöhnlich angeordneten Mal auf dem Rücken ebenfalls. Doch woher? Edgar grübelte, doch es wollte ihm nicht einfallen. Seufzend riss er seinen Blick von Jo und schaute aus dem überraschend sauberen Fenster. Der weiße Hengst fraß noch immer genüsslich das frische Gras.Sein Mantel hatte er bei ihm gelassen, ruhte noch immer auf dem Cognac braunen Sattel.

      Als das Essen serviert wurde setzte der Adlige wieder an den kleinen Tisch und starrte skeptisch auf das Essen. Er kannte das Gericht, seine leibliche Mutter hatte es ihm immer gemacht. Es war einer der wenigen Erinnerungen, die er behalten hatte. Er runzelte die Stirn, spürte schon wieder dieses fiese Pochen hinter seinen Schläfen und ein komisches Ziehen in der Brust, als er versuchte näher an der Erinnerung festhalten wollte. Seufzend schüttelte er den Kopf und nahm den Löffel in die Hand. Er hatte eine komische Oberflächenbeschaffenheit. Holz, trotzdem glatt, aber nicht so kalt wie das Besteck, mit dem er sonst immer aß. Langsam hob er ihn an, versuchte nichts zu verschütten. Überrascht wurden blonde Augenbrauen hochgezogen. Er war schon lange anderes Essen gewohnt, trotz dessen schmeckte das Essen ihn. Es war das seiner Mutter sehr ähnlich.
      Niemand sprach in den nächsten Minuten, einzig hörte man das Klirren des Bestecks und das sanfte Knistern des Feuers im Kamin. Es war ein wahrlich sonderbares Bild. Edgar sah fehl am Platz aus, doch spürte er, wie die anfängliche Spannung mit jedem Bissen verfiel. Seine Mundwinkel zuckten, er besaß die besten Köche des Landes, welche nur die qualitativ hochwertigsten Lebensmittel besaßen und doch schmeckte er in diesem Eintopf etwas raus, das ihm sonst gefehlt hatte. Selbst der Tee war ungewöhnlich genießbar.


      Ein paar Minuten später, beide hatten vor leeren Schüsseln gesessen, standen sie nun draußen vor dem Haus. Edgar stemmte die Hände in die schmale Hüfte, war etwas zurückgetreten und beobachtete mit spitzbübischem Grinsen und schelmisch funkelnden Augen, wie der Handwerker versuchte dem Schimmelhengst eine Karotte zuzustecken. Man sah ihm sein Unbehagen an, dabei hatte er ihm versichert, dass Atrax ein sehr ruhiger und friedlicher Hengst war.

      Umso größer war Edgars Überraschung, als der Schimmel anfing zu tänzeln. Mit zwei großen Schritten war er zu ihnen getreten und schnappte sich seine Zügel.

      „He, alter Junge. Was ist den mit dir los?“, grunzte Ed und klopfte ihm den stämmigen Hals. Seine blauen Augen huschten zwischen dem Pferd und dem Mann und er konnte nicht anders als lauthals anfangen zu lachen, als er den Blick des Handwerkers auffing. Der Gesichtsausdruck schrie nach Enttäuschung und der Annahme, dass der Hengst ihn nicht mochte. Eine leichte Gänsehaut bedeckte seine nackten Arme. Die Ärmel vom weißen Hemd hatte er schon vor dem Essen hochgekrempelt.Es war ein heller Ton, der aus seinem Rachen raus in den Wald schalte. Eigentlich friedlich, aus dem Bauch heraus. Doch Ed konnte nicht anders, als auch einen kleinen hysterischen Unterton in seinem eigenen Lachen zu hören.

      Er konnte mit Sicherheit sagen, dass der Hengst ein ruhiges Wesen besaß. Jeden Idioten konnte auf ihm reiten, ließ sich auch von jedem kraulen und hatte vor nichts Angst. Nur wilde Tiere, die ließen sein ruhiges Gemüt ganz schnell verschwinden.
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      Courage is the magic to turn dreams into reality

    • Joe
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      Während Joe mit geschickten Händen das Rindfleisch zerteilt, huscht ein Seitenblick zu seinem Gast, der sich von seinen herumliegenden Büchern abgewandt hat und nun mit skeptischem Gesichtsausdruck auf der Matratze herumwippt. Seine Mundwinkel wandern nach oben. Aus einem mysteriösen Grund lässt es sein Herz fast schon schneller schlagen, was ihn anschließend lautlos lachen lässt. Und trotz der Ablenkung verletzt er sich kein einziges Mal mit der scharfen Klinge. Sein Körper hat sich schon seit einer langen Zeit an solche mechanischen Bewegungen gewöhnt und könnte sie wahrscheinlich im Schlaf oder mit verbundenen Augen ausführen. Gähnend fährt er sich nach getaner Arbeit durch das zerzauste Haar und schaut zu, wie der Eintopf über dem Feuer wohlduftend vor sich her brodelt.
      Es ist außerdem interessant zu sehen, wie sein Gast durch seine Bücher, sogar durch seine Regale stöbert und mit dem, was er vorfindet, nichts anzufangen weiß. Joe hatte noch nie wirklich etwas für Romane übriggehabt, sein Gehirn wollte die meiste Zeit Thesen zu bearbeiten und Informationen, über die er grübeln kann. Vor allem jedoch: wollte er sein Wissensschatz erweitern und seinen Geist weiterbilden. Die meisten Personen in seinem Umfeld, haben dies jedoch nicht verstanden und begegnetem ihm nur mit inkompetenter Ignoranz, ließen ihn immer weiter von der sogenannten Norm abweichen. Innerlich schüttelt er nur bemitleidet mit dem Kopf.

      Den Eintopf füllt das Schwarzhaar mit einer Kelle in – aus Holz bestehende – Schüsseln. Ein Freund hatte sie für sie angefertigt, nicht dass er selbst keine herstellen konnte. Es sind Erinnerungen damit verbunden. Das Material ist bereits etwas abgenutzt, doch die Liebe, mit der das Holz bearbeitet wurde, ist immer noch Präsenz. Noch nie hatte er sich einen Splitter eingefangen, was die Fähigkeit des Handwerkers bezeugt, welcher das Besteck herstellte.
      Der aromatische Duft steigt ihm in die Nase und erfüllt den Burschen mit einer angenehmen Wärme. Summend stellt er die Schüsseln auf den überfüllten Tisch, schiebt dafür Papierrollen und Bücher zur Seite. Der Wasserkessel pfiff vor einigen Minuten, sodass das Schwarzhaar ihn vom Feuer entfernte und die heiße Flüssigkeit in zwei Keramikbecher goss, in welchen bereits einige Kräuter liegen, die wohlwollen schmecken und ein Entspannungsgefühl auslösen.
      In den nächsten Momenten nehmen beide Männer in schweigsamer Zweisamkeit das Mahl zu sich, während ihre einzige Begleitung, dass Knistern des Kamines ist. Durch die verstrichene Zeit hatte sich die Hütter nach und nach aufgewärmt. Eine angenehme Wärme, laut Joes Geschmack. Die Nächste sind nicht mehr so kalt wie im Winter, jedoch auch noch im Frühjahr recht frisch. Da sagt er zu einer aufgeheizten Hütte nicht nein. Fast schon schnurrend nimmt er einen Löffel nach dem anderen, schenkt sich sogar noch ein weiteres Mal nach und trinkt den beruhigenden Tee, der seine Zunge mit einem süßlich herben Geschmack benetzt.
      Da Edgar die Schüssel nicht nach dem ersten Löffel durch das Innere des kleinen Gebildes warf, sind seine Kochkünste nicht ganz so schlecht, wie man annimmt. Es erfüllt ihn sogar mit einem Funken an Freude zu sehen, wie jemand anderes sein Essen genießt. Diese Nahrung erhält sie beide am Leben, also lächelt er still in sich hinein und genießt einfach diesen Augenblick.

      Die vorhin gestellte Frage, ob der Adelige seinem Hengst eine der Karotten geben will endet damit, dass sie nun beide vor der Hütte stehen, während sich die Sonne langsam gen Horizont aufmacht. Der Blondschopf hat ihm versichert, das Tier sei zahm und würde ihm nichts tun. Jedoch hegt Joe seine Zweifel. Seitdem die Bestie in ihm haust, haben Tiere keine gute Meinung von ihm und können ihn auf pertu nicht ausstehen. Kurz vor und nach der Verwandlung ist es am schlimmsten, dann zeigen sie es offen, doch sonst ist es passiv – sie meiden ihn.
      Also schreitet er mit zwiegespaltenen Gefühlen an dieses Unterfangen und hätte am liebsten die Hände in die Luft geworfen und gesagt, dass er es doch gewusst hatte. Der Hengst fing an zu tänzeln. Was war anderes zu erwarten? Warum hatte das Schwarzhaar sich leichte Hoffnung gemacht? Er sollte es nicht tun, es zieht ihn jedes Mal in ein tieferes Loch.
      Er horcht jedoch auf, als sein Gast auf einmal anfängt zu lachen, nachdem er dem Reittier auf den stämmigen Hals geklopft hatte. Es ist unverwechselbar, dass eine gewisse Hysterie mitschwingt, doch was soll er tun? Seufzend und durchaus enttäuscht, fährt er sich über den Nacken und reicht dem Adeliegen die Möhre. Mit diesen Worten verabschieden sich beide Männer und der Handwerker stapft wieder in die Hütte während der andere davonreitet. Er wäscht das Geschirr in einer größeren, mit Wasser gefüllten Schüssel ab und legt sich anschließend auf das – für den Adeligen zu harte – Bett. Was für ein komischer Tag es doch war. Noch eine Weile starrt er die Decke an, ehe er die Augenlieder schließt und in einen traumlosen Schlaf versinkt.




      Einige Tage später

      Husten fährt er sich durch die staubbedeckte Mähne und steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Der Laden lässt sich mittlerweile wieder zeigen, auch wenn es ihn vorher nicht gestört hatte. Gähnend betrachtet er das neue Schild, Kiefernholz mit bemalten Namen. Es lässt sich zeigen und sieht bei weitem besser aus, als das alte. Die vor Tagen gestrichene Fassade glänzt satt im tiefen Dunkelgrün. Es war eine gute Entscheidung, Franki hätte den Farbeimer eh nicht benutzt, sogar bestimmt schon dessen Existenz vergessen. Demnach hat es noch einen guten Zweck erfüllt.
      Im Innern des Ladens hatte sich auch einiges getan. Während er die Tage auf die Dame gewartet hatte, um ihr die Skizze vorzuzeigen, schwang er den Besen und den Wischmopp. Mit einem Lappen und einem Eimer mit frischem Wasser, hatte er die verschmutzen Gerätschaften gesäubert und die Arbeitsplatten abgewischt. Soweit es ging, hatte er die Arbeitsplatten abgewischt. Außerdem kann man den Holzboden wiedersehen, nachdem er nach stundenlanger Arbeit, diesen unter den Schichten von Dreck hervorbrachte.
      Die Tage waren warm, also trockneten die Dielen bei geöffneter Tür erstaunlich gut, während er die Materialien durchstöberte. Einige Holzbretter waren leider angeschimmelt, weshalb er dieser vor den Laden schmiss und später am Abend dann fortbrachte. Es ist erstaunlich, was einige Leute mit so etwas noch anfangen können. Einige der Feilen oder Schaber haben Rost gefangen, die er aus diesem Grund mit mühseliger Präzisionsarbeit schleifen musste. Es ist weitaus günstiger, sie mit Handarbeit wieder brauchbar zu formen, als neue zu kaufen. Außerdem waren einige Griffe gesplittert und abgenutzt, die er mit herumliegenden Resten neu konstruieren konnte.
      So lehnt er gegen die Wand und richtet den Blick in den Himmel. Die Tage waren äußerst produktiv und er hätte es nicht gedacht, dass der Boden jemals Wasser wieder Licht sehen würde. Doch der Gesichtsausdruck des Adeligen ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Es formte sich die Frage: wenn er putzen sollte, würden sie mehr Kundschaft an Land ziehen? Die Antwort blieb jedoch noch aus. Womöglich ist gerade nicht die Zeit dafür, Handwerker aufzusuchen. Umso mehr freute es ihm, dass gestern die holde Maid zur Inspektion kam und freudestrahlend die Skizze betrachtete. Es war genau das, was ihr vorschwebte. So sollte die Uhr im Nachhinein aussehen, also besprachen sie die letzten Feinheiten. Der Rahmen soll aus Haselnuss bestehen. Des Weiteren soll Zink, Messing und andere Metallarten miteingebaut werden. Für das Uhrwerk selbst muss er einen Auftrag bei einem Freund aufgeben. Zahnräder sind ihm dann doch eine Nummer zu kompliziert, aber damit hatte die junge Frau keinerlei Probleme.
      Er füllt die Lungen erneut mit dem Toxin und entlässt eine schale Wolke in die Luft. Mit dem Bau des Rahmes hatte er heute früh bereits begonnen. Einige Haselnussbretter hatte er noch auf Lager, auf denen er die Maße eintrug und anfing zu sägen. Aber auch irgendwann braucht sein Körper eine Pause, auch wenn er sich seit einigen Tage nicht mehr in das Biest verwandelt hatte, ist es nicht immer erholsam. Manchmal bleibt es auch wochenlang aus, nur um im tagestakt zurückzuschlagen. Joe gähnt erneut. Was für angenehm warme Sonnenstrahlen das doch sind.