Die Ränder der Welt[Daisy&Daora]

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    • Die Ränder der Welt[Daisy&Daora]

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      Mit wahnsinnigen Tempo werden die letzten weißen Flecken der Landkarten mit Farbe gefüllt. Erkenntnisse aus aller Welt schmücken die Titelseiten der Zeitungen, exotische Tiere verlassen käfigweise die riesigen Schiffe, wundersame Pflanzenöle versprechen jede Krankheit zu heilen. Eine Zeit der Entdeckungen und Wunder.
      An Bord der Seeschwalbe, einem der großen Forschungsschiffe, soll ein Team von Wissenschaftlern und Quacksalbern eine Inselgruppe am Rand der bekannten Welt erkunden und vermessen. Der traumhafte Strand lädt zum entspannen ein aber bereits kurz hinter dem hellen Sand zeigen sich seltsam anmutende Bäume. Die Vögel singen in andersartigen Gesängen und vieles wirkt deplatziert und fremd. Unbekannte Gefahren und Wunder warten, eine grandiose Zeit für Entdecker.

      @Daisy
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Herriet K. Williamson
      Müsste jemand die junge Herriet beschreiben, so würde man wahrscheinlich zunächst ihr hübsches Gesicht ansprechen. Es war rund, ihre Lippen hatten einen verspielten Bogen und eine zarte rötliche Farbe. Die Augen waren groß und konnten durchaus bezaubern. Würde man ihr vielleicht den Mund zunähen, sie in ein hübsches Kleid stecken und irgendwo dekorativ neben einen Mann platzieren, wäre sie sicherlich ein angesehener Teil der Gesellschaft. Doch da stimmte etwas nicht mit dem, was sich in ihrem Kopf befand. Man hörte es an jeder Ecke, hinter einer vorgehaltener Hand war die Wahrscheinlichkeit groß, dass man über den Armen Williamson sprach mit der verrückten Tochter. Mein munkelte hier und da sie gehöre zu diesen barbarischen Frauen, die wählen wollten. Wo das denn hinführen sollte! Würde sie als nächstes in die Mienen gehen oder in den Krieg ziehen? Es wurde verächtlich die Nase gerümpft, wenn sie vorbei ging und jeder, der das Gespräch mit ihr suchte, brach es schnellstmöglich wieder ab. Denn dieser hübsche Kopf steckte voller Wissen. Wissen, das heraussprudelte, sobald sie ihre Lippen öffnete. Ihre Augen suchten nach Wissen, mussten alles, jede Faser, jedes Detail von etwas Neuem in sich aufnehmen und katalogisieren, auf dass sie es sofort hervor holen und andere damit belästigen konnte. Ihre Begeisterung war unerträglich und nicht wenigen rauchte der Kopf, nachdem sie fertig gewesen ist. Was für eine Verschwendung, hieß es von den heiratsfähigen Männern ihres Dorfes. Doch auch, wenn sie nur unter wenigen Frauen aussuchen konnten, so scheute man sich doch sie zu wählen, der man die Verrücktheit nachsagte. Am Ende vererbte sich das noch auf das Kind! Was würde nur mit dem Ruf der Familie geschehen, wenn sie tatsächlich eine dieser Emanzipierten wäre? Möglicherweise stellte sie ja sogar eine Gefahr dar, wie unheimlich!

      "Schluss jetzt!", donnerte Arthur Williamson, der Onkel der jungen Frau, seine Faust auf den Tisch. Augenblicklich verstummten sein nichtsnutziger Bruder und seine noch nichtsnutzigere Frau. "Das reicht, es ist genug!", machte er seinen Standpunkt noch ein bisschen deutlicher. In seiner Rage war er auf die Beine gesprungen, sein Kiefer mahlte ein wenig in blankem Ärgernis und mürrisch ließ er seinen schweren, etwas übersetzten Körper wieder auf den Sessel fallen. "Das Kind möchte lernen! So lasst sie lernen! Kann doch nicht jeder mit dem Geschenk der Dummheit gesegnet sein, wie ihr beide!", bellte er die Eltern seines Schützlinges an. Nun war es an dem Vater, dass sein Gesicht rot vor Wut wurde. "Wie sprichst du zu mir, in meinem eigenen Haus, du verfluchter Narr!", erhob er seine Stimme und schnell war seine Frau an seiner Seite, um ihn zu beruhigen. Doch das war in diesem Moment nicht möglich. Der Mann in seinen späten fünfzigern erhob die Hand und schleuderte die Mutter seiner Töchter zurück auf ihren Platz. "Und du! Dir gebe ich ebenso die Schuld an dieser Tragödie! Du hast sie verzogen, hast sie diese... diese Bücher - diese Blasphemie! - lesen lassen!" Wutentbrannt wandte er sich wieder an seinen Bruder. "Und von dir hat sie diese Schandwerke überhaupt erst erhalten! Schämst du dich denn überhaupt nicht?" Arthur schnaubte verächtlich und besah seinen närrischen, älteren Bruder mit nichts als Missbilligung. Dass ein kluger Kopf aus diesem Spross gedeihen konnte war seiner Meinung nach wirklich ein Versehen Gottes gewesen. Kraftlos ließ er sich wieder fallen, sein Körper schien so träge von all der Aufregung, dass seine Arme einfach leblos an den Seiten seines Stuhles herunter hingen. Benommen legte er das Falten behangene Gesicht in seine Hand und rieb sich über den ergrauten Bart. "Und nun das. Es war ja nicht schon schlimm genug, dass dieses Balg der Verrücktheit verfallen ist! Nein, jetzt will sie auch noch auf See? Irgendeinen Wissenschaftler auf einer Expedition begleiten?! Um was zu tun? Dem Tod in die Arme zu laufen? Ein uneheliches Kind mit nach Hause zu bringen? Seuchen und Krankheiten nach England zu schleppen? Unsere Familie noch mehr beschämen und ruinieren, als sie es ohnehin schon tat?!" Die Mutter fing nun leise an zu schluchzen. Tränen rollten ihr über die Wangen und sie beeilte sich die Nässe schnell mit einem Stofftaschentuch zu trocknen. "Kannst du nicht irgendetwas tun, Arthur? Sie hört doch nur auf dich! Kannst du nicht versuchen ihr diesen... diesen Irrsinn auszureden? Ich flehe dich an..." Der Angesprochene wendete schnell den Blick von seiner Schwägerin. Er selbst wusste, dass da durchaus Schuld gewesen ist, die auf seinen Schultern lastete. Selbstverständlich machte er sich selbst Sorgen um das Wohlergehen seiner Nichte und es war nicht notwendig ihn zu bitten oder anzuflehen. Er hatte sofort versucht ihr ihre Träumereien auszureden, kaum dass sie ihm davon berichtet hatte. Doch nichts konnte dieses nach Abenteuern und Wissen lechzende Herz beruhigen. Sie hatte es ihm erklärt. Alles Wissen, dass sie aufsaugte, in sich aufnahm und hütete wie einen Schatz war Wissen, dass sie niemals erblickt hat, nie kennengelernt. Was hatte sie davon die Welt zu kennen, wenn sie sie noch nie gesehen hat? Mehr noch als einen Mann, mehr noch als eine Familie, wünschte sie sich diese Unvollkommenheit in sich auszulöschen. Die Leere zu füllen mit Erinnerungen. Dem Wissen Bilder ihrer eigenen Augen hinzuzugeben, bis ihre Seele, ihr Leib und ihr Durst gesättigt gewesen sind.
      "Das Kind hat eben ihren eigenen Kopf!", maulte Arthur nach einer Weile wieder. Er wollte nicht diesen beiden Idioten verraten, dass auch er gegen diese Expedition gewesen ist. Gegen diese Reise in ein unerforschtes Gebiet an der Seite dieses Gelehrten, der nicht einmal einen renommierten Namen hatte, wenn es dabei nicht gerade um Gewürze ging. Die Frau mit dem aschfahlen Haar begann wieder hemmungslos an zu weinen. Sie betrauerte den Verlust ihrer Tochter ohne dass sie ihr Leben lassen musste und versuchte nicht einmal für ihre sichere Heimkehr zu beten oder sie noch einmal sprechen zu wollen. Sie bat ihn nicht darum ihr etwas auszurichten, sie in die Arme zu schließen oder dergleichen. Der Mann schaute hinter hinter gerunzelten, dicken Augenbrauen zum Fenster des kleinen Wohnzimmers. Die Kutsche stand noch immer in der Einfahrt, die Vorhänge waren zugezogen. Herriet musste sehr still dasitzen und geduldig warten. Nicht einmal sah er, dass der verdeckende Stoff sich verräterisch bewegt hatte. "Ich möchte dass du weißt, mein dummer, närrischer Bruder", setzte der Hausherr der Familie Williamson wieder an, worauf Arthur nur genervt seinen Blick heben konnte. Immer, wenn er tat als hätte er etwas wichtiges zu sagen kam meistens nur heiße Luft aus seinen Lippen. "Ich möchte dass du weißt", wiederholte er ein zweites Mal der Theatralik wegen. Er atmete schwer ein, seine Nasenflügel flatterten dabei und den Zeigefinger hatte er mahnend in seine Richtung erhoben. "Ich gebe dir die Schuld dafür. Dir ganz allein! Du hast Mutter mit dieser Art von dir ins Grab gebracht. Du bist die Enttäuschung unserer Familie, ein armseliges Bild von einem Mann, der nicht einmal eine Frau finden konnte. Und jetzt hast du meine Tochter in deine Hölle hinabgerissen, weil du diese Schmach nicht mehr tragen wolltest! Es muss sich gut für dich anfühlen, dass nicht mehr du der Schandfleck bist, sondern sie dein erbärmliches Leben übertrifft. Du bist herzlos, ein Gauner, ein Verräter! Wenn du durch diese Tür gehst und meine Tochter fort schickst, dann habe ich weder eine Tochter, noch mehr einen Bruder!"
      Faszinierend. Das erste Mal dachte Arthur, dass sein Bruder etwas förderliches beitrug. Zum ersten Mal waren die Worte die er wählte vielleicht keine schlechten. Seit über einem Jahr lebte der kauzige Mann nun schon mit der jungen Herriet zusammen. Sie brauchte so einen Vater nicht. Das Mädchen war fleißig, interessiert, neugierig und ambitioniert. Alles Eigenschaften, die seinem Bruder fehlten, schon immer. Er hatte ihr nichts zu bieten. Und wenn er so mit der Situation umgehen wollte, so würde Arthur ihm mit Vergnügen diesen Gefallen tun. Mit einem Satz erhob er sich aus den Polstern. Er richtete sein Hemd und den Frack und schnappte sich seinen Hut vom Kleiderständer bei der Tür. "Wenn das so ist, werter Herr Williamson. Wünsche ich Ihnen, Ihrer Frau und Ihren vier reizenden Töchtern ein gutes Leben in Gesundheit. Möge Gott Ihnen gnädig sein!" Herriets Mutter begann nun hysterisch zu werden und ihr Vater sprang auf die Beine und rief voller Inbrunst; "Raus hier! Verschwinde sofort aus meinem Haus!" Und das tat er. Ohne sich ein zweites Mal bitten zu lassen schlug er fest die Tür hinter sich zu und stapfte mit schweren Schritten über den ungepflasterten Weg zu seiner Kutsche. "Zurück zum Bahnhof!", bellte er dem Kutscher die Anweisung zu, ehe er sich mit seinem wuchtigen Körper auf eine der Bänke fallen ließ. Die Kutsche wackelte leicht, als er einstieg und bevor jemand einen Blick auf das Innere des Wagens erhaschen konnte, zog er zügig die Tür wieder zu. Die blonde junge Frau saß ihm seelenruhig gegenüber. In ihrem Schoss lag ein Buch, ihre schlanken Hände waren darüber gefaltet und ihre Schultern hingen entspannt herunter. Ihre Augen waren geschlossen, als würde sie schlafen. Erst nachdem der Kutscher die Pferde in Bewegung gesetzt hatte und einige Minuten verstrichen waren, schnaufte der Mann mit vor der Brust verschränkten Armen verächtlich. "Willst du gar nicht wissen, wie es gelaufen ist?!", knurrte er, als er selbst zu ungeduldig wurde, um auf ihre Frage zu warten. Die schmalen Lippen des Mädchens verzogen sich zu einem sachten Lächeln und sie schlug die Augen auf. "Nein, die Wände sind dünn, ich konnte das meiste mithören.", versicherte sie ihrem Onkel. Dieser biss sich unzufrieden in seine Wange. Konnte dieses Ding nicht wenigstens ein bisschen einfühlsamer handeln? "Na dann, herzlichen Glückwunsch. Du bist jetzt offiziell Waise." Herriet nickte, noch immer das selbe Lächeln auf den Lippen. Sie würde lügen, würde sie sagen, dass ihr Herz sich nicht schmerzlich zusammengezogen hatte, als sie das hysterische Weinen ihrer Mutter vernommen oder die Beschuldigungen ihres Vaters mit angehört hatte. Doch sie hatte sich bereits darauf vorbereitet. Sie kannte ihre Eltern, ihre Meinung und Ansichten. Sie kannte ihren Ruf und das Leid ihrer Familie. Doch nichts davon war sie gewillt zu ändern. Niemand vor ihnen war ihr wichtig genug, um den Durst, den sie empfand zu ignorieren. Für niemanden würde sie ihr eigenes Leben wegschmeißen und sich in eine sinnlose Ehe stürzen, wo sie als Verrückte verschrien wäre, wenn ihre Finger auch nur über den Rücken eines Buches strichen, das für Männer gedacht gewesen ist. "Hoffentlich wirst du glücklich mit deiner Entscheidung", flüsterte ihr Onkel irgendwann in sich hinein. Er machte sich Sorgen, große Sorgen, doch er respektierte sie und ihre Entscheidung. Wahrscheinlich war das sogar der Grund dafür, dass sie den Mut auch gefunden hatte das zu überleben. Nur die Liebe, die sie für ihren Onkel empfand hat ihr die Kraft gegeben ruhig in dieser Kutsche zu verweilen und an ihren Wünschen und Träumen festzuhalten. Sie legte das Buch beiseite und wechselte schnell auf seine Bank, schlang die Arme um ihn und bettete ihren Kopf in seiner Brust. Wieder schnaubte er nur und murmelte etwas davon, dass sie ihn noch ins Grab verfrachtete und jeden Tag dem Sensenmann einen Schritt näher kam. Dennoch legte er etwas schroff, doch liebevoll gemeint seine Hand auf ihren blonden Haarschopf. "Wie heißt dieser Professor noch gleich, den du begleiten willst?", fragte er nach einem Moment der Stille und Herriet sah wieder zu ihm auf. "Sein Name ist Pablo Diom!" - "Hmpf! Der muss mindestens so verrückt sein wie du, wenn er ausgerechnet dich mitnehmen möchte." Das war der Teil, den seine Nichte ihrem Mentor noch nicht anvertraut hatte. Sie lächelte ihn entschuldigend an, was Arthur im ersten Moment nicht ganz verstand. Skeptisch zog er beide Augenbrauen in die Höhe. "Sprich, Weib, oder ich reiße dir die Zunge aus!", mahnte er sie zwischen den Zähnen hervor pressend und sicherheitshalber ließ die Blondine von ihrem Onkel ab. "Genau genommen hat er mich abgelehnt. Noch in der Sekunde, in der ich meine Bitte zu Ende formuliert habe"; gestand sie schließlich mit einem unschuldigen Schulterzucken.
      Arthur brauchte eine sehr lange Weile, um ihre Worte in Gänze zu verstehen, wobei sein Gesicht immer mehr rote Farbe annahm. "Was?!", schrie er dann so laut, dass selbst der Kutscher für einen Moment erschrocken zusammen zuckte und auch die Menschen, die am Straßenrand entlang liefen schauten der Kutsche verwundert hinterher. "Heißt das das alles war nur eine Scharade von dir? Möchtest du dich über mich lustig machen? Du kleine Göre! Ich hätte jetzt große Lust dich mit Anlauf zurück in dein Elternhaus zu schicken, auf dass du deinen Vatern auf Knien anflehst zu ihm zurück kehren zu dürfen!" Mit größter Mühe unterdrückte Herriet sich ein Kichern, bei diesem Wutausbruch. Er würde noch lange Selbstgespräche führen, doch sie unterband dies, indem sie ihre Hand sanft auf seinen Arm legte. "Mach dir nur keine Sorge, Onkel! Er wird mich mitnehmen. Das verspreche ich dir." Und war Herriet versprach, das hielt sie auch.
      Direkt am nächsten Morgen war sie besonders früh in der Universität angekommen. In absurd zügiger Routine hatte sie die Bibliothek aufgeschlossen, die zurückgegebenen Bücher vom Vortag einsortiert und alle Bücher heraus gesucht, die der Professor in seinem letzten Gespräch mit einem Kollegen in ihrer Hörreichweite erwähnt hatte. Sein säuberlich hatte sie sie zusammen gelegt und erschien um Punkt 8 Uhr bei seinem Büro, die genaue Uhrzeit in der er zu arbeiten begann und anfing Leute zu empfangen. Sie klopfte ein und trat ein nach einem starken Herein. "Guten Morgen, Professor!", strahlte sie regelrecht, als sie das kleine Zimmer betrat, die Bücher unter ihrem Arm. Sie erkannte schnell, dass der schöne Mann verwirrt gewesen ist über ihr Erscheinen. Vermutlich erinnerte er sich nicht einmal mehr an sie. "Oh, ich bin Herriet Williamson, Sir! Ich habe Ihnen alle Bücher gebracht, die sie brauchen. Sie haben es in Gesprächen immer mal wieder angesprochen und ich bin bis ans andere Ende der Stadt um sie zu beschaffen. Ich bin sehr gewissenhaft müssen Sie wissen und immer noch sehr an der Stelle als ihre Assistentin interessiert!" Sie legte ihm übermotiviert den Stapel Bücher auf den Tisch... und wurde abgelehnt. Einige Stunden später erschien sie vor seinem Fenster in den Büschen mit einem Lappen und einem Eimer Wasser mit Seifenlauge. "Hallo Professor!", rief sie durch das Fenster und hielt sowohl ihren Eimer, als auch den Lappen hoch. "Mir ist aufgefallen, dass ihre Fenster schmutzig sind!", rief sie laut genug, so dass er sie gedämpft hören musste. "Ich bin sehr fleißig müssen sie wissen!", versicherte sie und begann damit seine Fenster zu putzen. Er schloss die Gardinen, woraufhin sie enttäuscht die Schultern fallen ließ. Wieder einige Stunden später wurde es ein bisschen lauter auf dem Flur vor seinem Büro und als er den Kopf heraus streckte, erblickte er Herriet und einen jungen Studenten, der missbilligend und wütend davon stapfte. Die junge Frau wirbelte herum und begann so gleich an zu strahlen, als sie den Professor erblickte. "Hallo, Professor! Wissen Sie, ich bin auch äußerst praktisch, wenn es darum geht Menschen wegzuschicken, damit niemand Sie bei ihrer Arbeit stört! Ich kann sehr überzeugend sein, trotz meiner Größe!"

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    • "I did not tell half of what I saw, for I knew I would not be believed."


      Pablo Diom


      Die Luft war warm, feucht und schrecklich stickig. Natürlich handelte es sich nicht um einen Tropenwald, auch wenn man das meinen könnte wenn man die Augen und Ohren fest genug schloss. Und wenn man es irgendwie schaffte den Geruch von saurem Bier auszublenden. Die Spelunke war so herunter gekommen, dass man es als Wunder ansehen konnte wie die Stadt dieses Loch noch nicht gestopft hatte. Männer unterhielten sich in einer Lautstärke die den großen Seehunden an der Küste Konkurrenz machte, leerten Bierkrüge, immer wieder wurde irgendwo ein Liedchen angestimmt. Leicht bekleidete Frauen mit schwerem Parfüm, welches selbst den allgegenwärtigen Gestank zu überdecken schien schmiegten sich an Seemänner, die die vollen Börsen allzu offensichtlich zur Schau stellten. Ein Teil des Klientel schien zu schlafen, bewusstlos oder tot zu sein aber keiner machte sich die Mühe das eindeutig festzustellen. An einem Tisch saß ein großer Mann, die schwarzen Haare kurz rasiert, nicht länger als eine Münze breit. Sein gewaltiger Vollbart war größtenteils dunkel aber von einigen roten Haaren durchzogen und wuchs wild in jede mögliche Richtung. Der Mann der ihm gegenüber saß war genauso sonnengebräunt, fast schon ledrig, wie der Bartträger aber geschätzt nur halb so schwer. Die Worte die sie untereinander austauschten waren wenig mehr als Grunzen und so fielen sie in dem allgemeinen Schweinestall nicht weiter auf. Anders dagegen verhielt es sich mit dem Mann der da hinter dem massigen Bart saß. Seine Kleidung war sauber und allein das war eigentlich schon so auffallend wie ein in Brand gesetzter Hund an der gleichen Stelle, noch dazu war er eindeutig kein Seemann. Sein Waistcoat war von einer angenehmen beigen Farbe, der edle Stoff versprühte praktisch Überheblichkeit. Es war seinem ganzen Auftreten jetzt auch nicht wirklich zuträglich dass er es in all dem Lärm schaffte ein Buch zu lesen. Nein, Pablo gehörte wirklich nicht hier her und keiner von diesem Gesindel gehörte auf sein Schiff aber es gab Dinge die konnte man nicht ändern. Mit Strenge in den Augen, die Bände darüber sprach was er davon hielt gestört zu werden, blickte er auf als sich Bart und Mann zu ihm umdrehten. „Den nehm’n wir auch Chef.“ Die Stimme des Mannes war rau als schien er Schwierigkeiten nach dem Grunzen wieder auf die menschliche Sprache zu wechseln aber wahrscheinlicher war natürlich, dass seine Stimme unter der See genauso gelitten hatte wie seine Haut. Der Professor gab nur ein Handzeichen von sich welches gar nichts aussagte und widmete sich wieder seinem Buch. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es sich als so schwer herausstellen würde Leute für seine Mannschaft anzuwerben, immerhin bezahlte er gut. Es war fast so als wäre gute Bezahlung bei unbekannter Reisedauer und unbekannten Gefahren am Rande der Welt nicht ausreichend. Stattdessen musste er sich mit diesem Haufen Halsabschneider und Taugenichtse herum schlagen. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und Pablo wäre dazu übergegangen die Männer zu schanghaien auch wenn er genau wusste, dass sie ihn schon lange bevor sie das nächste Mal Land sehen würden über Bord geworfen hätten. Nein die Männer die sein Maat gerade anheuerte waren Menschen die nichts mehr zu verlieren hatten. Die meisten von ihnen waren pleite oder auf der Flucht vor dem Gesetz und wahrscheinlich meistens beides. Diesen Männern war egal wo sie waren und wo sie starben, in einem völlig unbekannten Land war zumindest gedanklich weiter entfernt als in einer Gasse die Kehle aufgeschnitten zu bekommen worauf also warten? Die große Besatzung für seinen Dreimaster aufzutreiben war langwierig und bereits nach dem zweiten Tag hatte er die Aufgabe ganz auf Bannon übertragen, der diesem Auftrag mit großer Genauigkeit nachkam. Mittlerweile jedoch nutzte Pablo diese Spelunken als letzten Zufluchtsort. Wenn sie ihm nicht so tierisch auf den Geist gehen würde, hätte er sich vielleicht dazu durchringen können Herriet Kate Williamson, zumindest geistig, Respekt zu zollen. Die Standhaftigkeit die sie an den Tag legte war beinahe bewundernswert und der junge Professor war sich vollkommen sicher dass nicht mehr viel fehlte bis sie es schaffte ihn in seinen Träumen heimzusuchen. Um sein Haus nicht zum Schlachtfeld ihrer psychologischen Kriegsführung zu machen hatte er es vorgezogen seine letzten freien Tage zwischen stinkenden Männern und lackem Bier zu verbringen. Es war eine Eingewöhnung auf das was ihn auf See erwarten würde, zumindest redete er sich das ein.

      […]

      Mittlerweile war es soweit, dass er sein Büro nicht mehr betreten konnte ohne es hinter ihm Klopfen zu hören. Wochen voller sorgsam geplanter Angriffe auf seine geistige Gesundheit forderten langsam ihren Tribut. Ohne recht bei der Sache zu sein ging er Listen durch, strich Bestellungen durch und kontrollierte Bestände. Der logistische Aufwand der hinter einer solchen Reise steckte war weit mehr als ein einzelner Mann bewältigen konnte aber nicht für eine Sekunde dachte er daran eine solche Aufgabe aus der Hand zu geben. Nein, das war sein Schiff, seine Reise und nur ein verdammter Narr würde sich die Arbeit jetzt ein wenig leichter machen nur um die Hälfte der Mannschaft an Skorbut zu verlieren. Skorbut war eigentlich ein guter Punkt, ein weiteres Mal rechnete er nach wie viele Zwiebeln sie für die Reise brauchen würden. Es war egal wie oft er Fracht und Vorräte auf seinen Listen verschob, ein zentrales Problem blieb, wenn sie am letzten bekannten Hafen ihre Vorräte aufstockten hätten sie Proviant auf den Inseln für etwa zwei Wochen. Nicht mal wenn sie direkt umdrehten wenn die neuen Ränder der Welt in Sicht kamen hätten sie genug Vorräte für die Heimreise. Sie wären darauf angewiesen Nahrung im Neuland zu erschließen. Brauchten sie wirklich derart viele Ersatzsegel? Natürlich, anhand der Strecke musste er mit einem Mindestverschleiß von einem rechnen, ein Sturm konnte mit Leichtigkeit ein weiteres fordern aber im Notfall konnte das Schiff mit nur einem intakten Segel seine Reise fortsetzen. Auf der anderen Seite würde das natürlich die Geschwindigkeit senken und das wiederum würde den Nahrungsmittelverbrauch in die Höhe schießen lassen. Pablo zuckte zusammen als er ein Klopfen hörte und dann noch einmal als er erkannte, dass er sich das Geräusch nicht eingebildet hatte.
      „Herein.“
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Herriet K. Williamson
      Es war eine deprimierend offensichtliche Tatsache, dass Professor Diom Ihre Bewerbung nicht im Entferntesten ernst nahm. Weder nannte er ihr einen Grund für seine Absage, noch sah er es als notwendig an sich mehr, als zwingend notwendig damit zu beschäftigen. Inzwischen fühlte die junge Frau sich mehr wie eine Fliege, nach der er in der Luft ein wenig schlug, damit sie doch endlich in eine andere Richtung flog. Wohin war dabei ganz gleich, nur Hauptsache weit weg von ihm. Auch wenn sich die junge Frau dafür rügte kamen ihr doch langsam aber sicher Zweifel an der ganzen Angelegenheit... Hatten ihre Eltern vielleicht doch Recht gehabt? War eine Frau in der Forschung vielleicht tatsächlich ein so undenkbares Phänomen, dass sie auch genau so gut versuchen konnte Schweinen das Fliegen beizubringen? Ach, es war zum verzweifeln und nichts anderes tat sie nach Wochen der Abweisung auch. Erneut kam sie nach einem erfolglosen Tag nach Hause. Die alte Holztür der Bibliothek knarzte etwas, als sie sie öffnete und kaum hatte der erste Fuß die schön polierten Holzdielen betreten, entwich aus ihren Lippen ein so tiefes Seufzen, dass ihr Onkel am Empfang seine Zeitung herunter nahm und mit skeptisch hochgezogener Augenbraue seine Nichte musterte.
      Er schnaufte verächtlich. "Na du bist mir ja ein Anblick!" Der ältere Herr nahm einen tiefen Zug aus seiner Tonpfeife und blies ihn nach oben in die Luft, bevor er mit dem Mundstück voraus auf sie deutete. "Du kannst dich direkt in die letzte Ecke setzen zu diesem Tunichtgut! Dann kröne ich den Platz hinten am Fenster den Tisch der Schande." Nicht nur Herriet war enttäuscht darüber, dass ihre Pläne nicht aufgingen. Arthur, der von Natur aus ein sehr pessimistischer Gesell gewesen ist, war ebenso enttäuscht. Zwar hätte er es besser wissen müssen, aber die Engstirnigkeit und schließlich auch der unermüdliche Ehrgeiz seiner Nichte ließ ihn doch noch an ein Wunder glauben. Und deswegen war er eigentlich noch wütender auf sich selbst, als auf dieses dumme Ding. Noch immer stand die Frau in der Tür, ihre Arme waren an den Körper gedrückt und wütend bis sie auf ihrer Lippe herum. Drei Mal holte sie Luft um etwas zu sagen, ließ es dann aber doch und stapfte mit rot gewordenen Wangen an ihm vorbei.
      "Die Tür!", brummte ihr Onkel ihr nach und sie machte auf dem Absatz kehrt, schloss die Tür zur Bibliothek und stapfte dann wieder mit einem eingeschnappten Schnaufen davon. Wie das Schicksal es so wollte, war der Tisch der Schande der einzige, an dem noch genug Platz für eine außen stehende Person gewesen ist und wie ein bockiges Kind stürzte sie sich regelrecht in den Stuhl gegenüber eines Mannes, der leicht zusammenzuckte von ihrer brutalen Gestik. Enttäuscht hatte sie die Arme vor der Brust verschränkt und sah dem fremden bissig ins Gesicht. Hätte er sie angesprochen hätte sie ihn bestimmt angeschrien. Los! Worauf wartete er noch? Sollte er es doch wagen! Doch stattdessen seufzte er nur mit hochgezogener Augenbraue. Auch er rauchte Pfeife, nahm einen Zug davon und hielt schließlich Herriet den Kolben hin. Kurz war sie irritiert. Dermaßen verwundert sogar, dass ihr alle Luft aus den Segeln genommen wurde. Verständnislos schaute sie von der Hand des Mannes zu seinem Gesicht und wieder zurück.
      "Was...?" - "Du siehst aus, als könntest du es gebrauchen. Das beruhigt." Er klang dermaßen... gleichgültig. Herriet konnte weder heraushören ob er es ernst und freundlich meinte, oder ob seine Intention es gewesen ist sich über sie lustig zu machen. Mit dieser Stimmlage hätte man sagen können, dass man das Wetter schön fand. Wobei, nein, das war bereits zu viel Wertung! Er hatte in exakt dieser Stimmlage sagen können, dass das Wetter passabel war. Als sie viel zu lange keine Antwort gab, fühlte Herriet sich plötzlich schrecklich unter Druck gesetzt und gerade, als der Fremde seine Pfeife wieder zurück ziehen wollte, riss die Frau sie ihm regelrecht aus der Hand. "Dankeschön!", sagte sie viel zu energisch, jede Silbe betonend, ehe sie das Mundstück an ihre Lippen legte. Noch nie zuvor hat sie geraucht, niemals wäre es ihr in den Sinn gekommen. Daher wusste sie auch überhaupt nicht was sie tat, als sie einen entsetzlich tiefen Zug nahm, als hole sie Luft für einen langen und lauten Schrei. Sofort zog sich alles in ihr zusammen und sie schmiss die Pfeife regelrecht weg als ihr Körper von einem grauenvollen Husten erschüttert wurde, was den fremden Mann schließlich sogar zu einem Lachen bewog.
      Kopfschüttelnd rauchte er selbst weiter, während die Blondine sich langsam wieder beruhigte und japsend nach Luft schnappte. "Was um alles in der Welt hast du mir da gegeben?", kreischte sie ein wenig heiser und hielt sich dabei den Hals. Sie hatte schon sehr sehr lange Zeit keinen Mann mehr einfach so mit du angesprochen. Genau genommen war momentan das einzige, wie sie einen Mann ansprach Herr Professor. Erst jetzt besah sie den Fremden ein bisschen eingehender. Er wirkte schlang, fast ein bisschen zu dünn. Seine Handgelenke waren knochig, seine Züge ein bisschen eingefallen aber durchaus nicht hässlich. Die Haare hingen ihm in pechschwarzen Locken ins Gesicht und waren hinten Zusammen gebunden. Sein Bart war unordentlich und schien nicht gut zu wachsen und an seinen Schultern hing eine alte Jacke, die sicherlich irgendwann mal recht schick gewesen sein musste, allerdings schon seit fünf Jahren außer Mode.
      "Gewöhnlicher Tabak. Aus Indien", erklärte der Mann sich und zuckte die Schultern. "Zwar guckst du mich immer noch böse an, allerdings traue ich dir jetzt nicht mehr zu, dass du mir die Augen auskratzt." Wie konnte jemand nur eine so gleichgültige Stimmlage haben! In offensichtlich jedem Gesprächsthema. Herriet schnaufte. "Na wunderbar. Geholfen mit meinen Sorgen hat mir das trotzdem nicht." Sie legte die Arme auf den Tisch und stieß dabei an die vielen Bücher, die vor dem Raucher ausgebreitet gewesen sind. Ungefragt schnappte sie sich eins davon und besah sich die oberste Seite. "Rechtswissen? Bist du Jura Student?" Als die Frau aufsah, konnte sie genau erkennen, dass der Mann schrecklich genervt zur Seite schaute und für einen Moment regelrecht auf das Mundstück seiner Pfeife biss. "Ja. Bin ich.", antwortete er - mit einer anderen Stimmlage! - zwischen seinen Zähnen herausgequetscht. Oh, da schien das Studium aber gar nicht gut zu laufen. Herriet verstand, warum ihr Onkel gerade seinen Tisch als den Mittelpunkt der Schande betitelte.
      "Hast wohl Schwierigkeiten, was?" - "Nur mit der Abschlussprüfung." - "Oh! Musstest du sie wiederholen." Er zögerte kurz bevor er antwortete, doch dann lehnte er sich zurück und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. "Ach, bisher nur vier mal." Herriet fiel fast das Buch aus den Händen, als sie seine Worte verarbeitet hatte und blickte schockiert zu ihm auf. "Was? Ich wusste gar nicht, dass man so oft wiederholen darf!", meinte sie ehrlich erstaunt, woraufhin sie wütend gemustert wurde. "Ach, halt du doch die Klappe!", bellte der schwarz-haarige und das Mädchen war wirklich verwundert über eine solche Art mit ihr umzugehen. Sie hatte etwas... männlich. Es fühlte sich nicht an, als würde dieser Student zu einer Frau reden. Genau genommen schien ihn das nicht weniger interessieren zu können, gemessen daran, dass er sie direkt unhöflich angesprochen hatte und ihr sogar seine Pfeife angeboten hatte. Das hier vor ihr war eindeutig ein Rüpel der schlimmsten Sorte... Und Herriet war hellauf begeistert. Sofort fand sie zurück zu ihrem alten, positiven, ehrgeizigen und energiegeladenen Selbst!
      Mit einem breiten Grinsen legte sie das Buch wieder zurück. "Warum gibst du nicht auf, wenn du so schlecht bist?", fragte sie ihn und hoffte inständig er würde jetzt nichts falsches sagen. Doch der Fremde sah einfach wieder auf seine Unterlagen. "Ich wollte immer schon Anwalt werden - wobei es dich streng genommen nichts angeht. Jetzt kneife ich doch nicht auf den letzten Metern. Entweder ich schaff diese dumme Prüfung, oder ich kenne sie bald auswendig." Die Blonde versuchte ihr Lächeln zu zügeln und nickte stattdessen aufmerksam. "Mhm, mhm, ich verstehe. Das finde ich gut, du hast meine Unterstützung! Ich bin mir sicher du schaffst das." Mit schierer Verwirrung in den grünen Augen, sah er ihr prüfend ins Gesicht. Diese Worte schien er schon lange nicht mehr gehört zu haben. Unfähig darauf vernünftig zu reagieren gab er nur einen kurzen mürrischen Ton von dir, ehe er leicht die Augenbrauen zusammenzog. "Und was ist mit dir? Bist du nicht dieses Frauenzimmer, über das sich jeder in der Bibliothek und der Universität das Maul zerreißt? Was war es noch...? Du wolltest..." Sie nahm ihm die Suche in seinem Gedächtnis ab. "Ich möchte die Assistentin werden von Professor Diom auf seiner Forschungsexpedition." Er nickte langsam und deutete auf die Frau. "Richtig, das war es! Und? Wie läuft's?" Herriet machte eine Gestik, als würde sie tonlos lachen, ehe sie schwer seufzte. Frustriert legte sie das Gesicht in ihre Hand und verdeckte damit ihren Mund.
      Die Antwort ist offensichtlich gewesen. Stille legte sich über die beiden. Der Student wusste offensichtlich nicht um großartig tröstende Worte und kurz überlegte er ihr noch einmal seine Pfeife anzubieten. "Warum denkst du denn, dass du das Zeug dafür hast?", fragte er eher ein bisschen unschlüssig. "Keine Ahnung, sind Frauen nicht ständig am Stricken oder so? Oder kochen? Ich hoffe doch du planst nicht ihn damit zu beeindrucken." Herriet schien empört und in ihre Augen trat ein kämpferischer Funke. "Aber natürlich nicht! Ich sehe mich geeignet für die Position, weil ich... ja weil ich..." Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie hatte die ganze Zeit damit zugebracht den Professor damit zu konfrontieren was für eine perfekte Persönlichkeit sie für diese Aufgabe wäre. Aber der fremde hier sprach wahrlich von Qualifikationen. "Ich bin...", setzte sie wieder an und dachte zum ersten Mal darüber nach, womit sie sich nützlich machen konnte. "Ich bin sehr belesen. Vor allem mit Planzenarten kenne ich mich aus und ich kann hervorragende Konzeptzeichnungen anfertigen, wie auch kartographieren.", sagte sie entschlossen. Der Fremde zuckte die Schultern. "Ich habe keine Ahnung, was man bei so einer Expedition braucht, aber klingt das nicht gut? Zumindest das stelle ich mir vor, wenn man mich darum bitten würde mir über einen möglichen Assistentin für eine Expedition vorzustellen. Ich weiß aber auch nicht worauf euer Augenmerk liegen wird."
      Herriet schüttelte schnell den Kopf. "Ich glaube damit hast du mir bereits unglaublich geholfen! Ich glaube ich bin die Sache selbst falsch angegangen! Ich habe die ganze Zeit versucht zu beweisen, dass ich obwohl ich eine Frau bin mich nützlich machen kann, aber mich einfach mit meinen Qualifikationen zu bewerben wie ein Mann kam mir noch gar nicht in den Sinn!" In ihrer Rage war sie aufgesprungen und sah aufgeregt hin und her. Ihre Hände fuhren durch ihre Haare und pressten sich danach auf ihren Bauch, rastlos und ohne zu wissen wohin damit, ehe sie ganz abrupt inne hielt und wieder zu dem Fremden sah. "Dankeschön!", hauchte sie fast schon ehrfürchtig. Wie konnte sie nur so einen Fehler machen? "Wie ist dein Name?", fragte sie aus heiterem Himmel und der schwarz-haarige schmunzelte ein bisschen schief. "Duke MacGahan." Er hielt ihr die Hand hin, die sie mit beiden von ihren überschwänglich ergriff. "Vielen Dank, Duke. Ich bin Herriet Williamson und du bist möglicherweise gerade zu meinem lebenden Lieblingsmenschen geworden. Wenn du die Abschlussprüfung geschafft hast verspreche ich dir, ich werde deine beste Kundin und sollte ich lebend von der Expedition zurück kehren, lade ich dich auf Kuchen und Tee ein!"
      Kaum, dass sie zu Ende gesprochen hatte war sie auch schon verschwunden und stürmte gerade zu aus der Bibliothek heraus um alles vorzubereiten.

      Am nächsten Tag hatte sie sich besonders hergerichtet. Sie hatte ihre Haare angemessen zu einem Knoten gebunden, ihr Kleid warf keine unschönen falten und an ihrer Jacke war jeder Knopf nachträglich noch einmal festgezogen worden. In ihren Händen hielt sie eine Mappe und lief bereits einige Runden nervös vor dem Büro des Professors auf und ab, ehe sie endlich all ihren Mut zusammen fasste und zaghaft an die Tür klopfte. Zu ihrer Überraschung bat er sie sogar herein. In den letzten Tagen hatte er sich immer vorher danach erkundigt, ob sie es gewesen ist, um zur Not aus dem Fenster vor ihr zu flüchten. Vielleicht war gerade das ein Wink des Schicksals? Sie atmete noch einmal tief durch und drückte schließlich die Klinke herunter und trat zögerlich ein.
      "G-Guten Morgen, Professor!", sagte sie deutlich zurückhaltender als die letzten Tage und setzte vorsichtig ein Lächeln auf. Sofort erkannte sie in dem Gesicht des schönen Mannes, dass er sie sogleich rausschicken wollte, doch da stolperte sie schnell noch einen Schritt nach vorne. "Bitte warten Sie! Bevor sie mich wegschicken! Ich... ich habe hier etwas für Sie. Und das hier wird meine... meine letzte Bewerbung für den Posten Ihrer Assistentin..." Ihr Herz raste wie wild. Sie hatte nur noch eine einzige Chance. Gerne hätte sie sofort wieder zurück genommen was sie gesagt hat. Oder auch nicht, könnte sie noch schnell dran hängen. Doch sie tat es nicht. Würde er sie jetzt ablehnen hätte sie eine Begründung. Wenn sie nicht gut genug gewesen ist, dann hat sie es nun aber wirklich versucht und dann hatte sie einfach von vorne herein keine Chance gehabt. Sie räusperte sich leicht und versuchte den Kloß in ihrem Hals herunter zu schlucken. "Hier...", meinte sie und legte dem Mann vorsichtig ihre Mappe auf den Tisch. "Das hier sind von mir angefertigte Konzeptzeichnungen, Listen von Bücher, die ich allesamt gelesen und verinnerlicht habe, Karten, die ich aus Büchern abgezeichnet habe und ein Arbeitszeugnis des hiesigen Bibliotheksleiter, in dessen Dienst ich inzwischen eine Weile stehe und der viel zu meiner Arbeitsmoral und der Sauberkeit meiner Arbeit sagen kann." Als müsste sie vor einem Richter stehen, angespannt, die Hände nervös auf ihren Bauch drückend, ehe ihr die Geste auffiel und sie schnell ihre Arme fallen ließ. "Professor Diom, es wäre mir eine unglaubliche Ehre Sie begleiten zu dürfen und ich würde dieses Privileg auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen. Also wenn Sie auch nur im Entferntesten sich vorstellen könnten mit mir zusammen zu arbeiten, werde ich alles in meiner Machtstehende tun, um Ihnen zu beweisen, dass es die richtige Entscheidung gewesen ist."