Anomalien

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    • Eine Liste aller bekannten Anomalien, die hierzulande zu finden sind. Gemacht von Wahrheitssuchenden, für Wahrheitssuchende. Es ist anzumerken, dass viele der hier aufgeschriebene Phänomene ein Risiko für das körperliche und seelische Wohlergehen eines jeden darstellt, der sich mit ihnen auseinandersetzt. Aber das wusstest du natürlich schon, oder? Sicherlich, sonst wärst du nicht hier.

      Gib Acht, und lass dich nicht zu falschen Wahrheiten verleiten.
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    • 1. Die Kirche


      Irgendwo in einem der rheinländischen Wälder kann man zufällig auf eine winzige Kirche mitten im Dickicht stoßen, die aussieht, als wäre sie seit einer sehr langer Zeit nicht mehr betreten worden. Ihre uralten Wände besitzen zahlreiche Risse und sind mit Kletterpflanzen übersät, die Holztür am eingang morsch und modernd, auf dem Dach fehlen einige Ziegel und das Bildnis eines Heiligen an der Wand durch die zahlreiche Witterungen, die es überstehen musste, nicht mehr erkennbar.

      Betritt man sie, findet man nichts als einen schmutzigen, verstaubten Korridor, der bis auf ein paar ebenfalls stark mitgenommene Bänke komplett leer ist. Der Wahrheitssuchende wird jedoch wissen, dieses Gebäude nur während einer Nacht zu suchen, in der ein Halbmond am Himmel steht. Statt der Steinplatte mit dem Heiligengesicht wird an solchen Nächten eine Tür erscheinen. Trete ein und achte auf deinen Kopf, der Eingang ist recht klein.

      Das Innere wird nicht wiederzuerkennen sein: man wird in einem großen, prächtigen Saal stehen, der für das kleine Gebäude nicht möglich sein sollte. Sitzreihen mit Bänken aus feinstem Holz und rotem Polster, auf ihnen Gesangsbücher, geschrieben in einer unbekannten Sprache. Marmorsäulen, die zur bemalten Decke emporragen, Statuen und Goldverzierung, an den Wänden Gemälde, von denen einige in keine biblischen Erzählungen, weder aus dem alten noch dem neuen Testament, eingeordnet werden können.

      Gehe zum geschmückten Altar am Ende des Korridors. Im Gegensatz zu der restlichen Kirche wird er nur schwach beleuchtet sein. Du wirst auf ihm einen silbernen Kelch und einen kurzen, aber scharfen Dolch finden. Auch etwas, was wie ein Kranz gemacht aus menschlichen Händen aussieht, aber ignoriere dies. Nimm den Dolch und trete zum Gemälde der Mutter Maria hinter dem Altar. Schneide deinen Finger- ein kleiner Schnitt reicht schon- und schmiere dein Blut auf Augen, Mund und Nase der Maria. Hast du dies getan, drehe dich um und der Kelch auf dem Altar wird bis zum Rand mit einer roten Flüssigkeit gefüllt sein. Trinke sie aus.

      Das Getränk zu vertilgen wird dir Schmerzen zufügen, die du dir bis dahin nicht vorstellen konntest. Es wird sich anfühlen, als würdest du Säure trinken, die dein Inneres zersetzt und das Verlangen, den Kelch fortzuwerfen und das Getrunkene auszuspucken wird groß sein. Widersetze dich jedoch diesem Wunsch- solltest du dies tun, wird das Innere deiner Kehle für immer zersetzt und beschädigt bleiben, du wirst nie mehr normal essen, trinken und auch nicht reden können. Das Blut der heiligen Maria wird deiner Seele nie mehr zugänglich sein, als Strafe dafür, dass du es so undankbar von dir gewiesen hast.

      Schaffst du es jedoch, den Kelch bis zum Boden zu leeren, wird der Schmerz augenblicklich verschwinden. Und mit ihm auch jegliche körperliche Krankheiten und Gebrechen, die du zu diesem Zeitpunkt gehabt hattest, von Grippe bis hin zu gebrochenen Knochen, Krebs, Lähmungen und Blindheit. Verlasse die Kirche und erfreue dich an deinem einwandfreien Befinden. Beeile dich aber, du weißt, es dauert nie lange, bis sie das Blut eines Suchenden erriechen...
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    • 2. Das Zimmermädchen


      In unserer Hauptstadt kann man, wenn man weiß, wo man zu suchen hat, ein mittelgroßes, altes Hotel finden. Es ist sichtbar heruntergekommen und nicht mehr in Betrieb mit seinen fehlenden Fenstergläsern, der schmutzigen Fassade und ohne jegliches Personal. Seltsamerweise wird es jedoch nicht abgerissen, aber das haben Anomalien nun mal an sich: selbst, wenn man ihre physische Form sieht, entzieht sich ihr Wesen unserem Verstand und wird auf einer geistigen Ebene für uns unsichtbar, weswegen man es zwar bemerkt, aber nicht registriert. Der Suchende weiß es natürlich besser.

      Betrete das Hotel und suche das Zimmer 293. Es befindet sich mal auf dem dritten, mal auf dem vierten Stock, aber da ist es immer. Hast du es gefunden, betrachte die Tür. Ist sie leicht angelehnt und nicht ganz zu, verlasse das Gebäude sofort. Ist sie jedoch komplett geschlossen, klopfe drei Male und dritt ein. Im Gegensatz zum restlichen Hotel mit seinen beschädigten Fliesen, vor Schmutz kaum mehr erkennbaren Teppichen und verschimmelten Wänden wird dieses Zimmer in einem einwandfreien Zustand sein. Das Zimmer hat einen charmanten, 50er Jahre Flair, ein luxeriöses Bett und duftet angenehm nach Jasmin.

      Betrete das Bad rechts im Zimmer. Dort wirst du eine putzende Frau vorfinden, eine Uniform tragend, die für das Reinigungspersonal eines Hotels üblich ist. Niemand kann sich nach dem verlassen des Zimmers wirklich erinnern, wie sie aussieht. Manche beschreiben sie als dick, manche als dünn, als jung oder alt, aber fast alle behaupten, sie hätte auffällig osteuropäische Gesichtszüge.

      Sprich sie an. Nenne ihr einen Ort, einen Tag und eine Zeit, sei dabei so genau wie möglich. Wenn du fertig bist, wird sie nicken und sich wieder der Arbeit zuwenden. Lasse auf dem Nachtkästchen neben dem Bett ein großzügiges Trinkgeld liegen, sei keineswegs geizig, schließlich arbeitet sie hart für dich. Verlasse das Hotel.

      Der Ort, den du ihr genannt hast, wird von jeglichen Spuren, die du an dem genannten Tag und zu der genannten Zeit dort hinterlassen hast, gereinigt worden sein. Jeder deiner Fuß und Fingerabdrücke, jedes Haar, jeder abgefallener Knopf und jede Faser, die an dem Ort zurückgeblieben sind, werden verschwunden sein, als wärst du nie dagewesen. Die Menschen, die dich zu dem Zeitpunkt gesehen, dich angesprochen oder auch sonst wie auf dein Dasein aufmerskam geworden sind, werden vollkommen vergessen, etwas von dir mitbekommen zu haben und werden sich nicht erinnern, dass du da warst. Sehr praktisch, wenn man Spuren zu verwischen hat.

      Bedenke jedoch: Spuren von dir, die bereits gefunden und vom Ort weggetragen worden sind, können nicht mehr bereinigt werden. Handle also schnell, wenn du ihre Dienste nötig hast. Und manchmal, wenn auch selten, kann es passieren, dass das Zimmermädchen zu sorgfältig arbeitet und die beteiligten Leute nicht nur deine vorige Anwesenheit an dem genannten Ort vergessen, sondern deine gesamte Existenz.
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    • 3. Die Schaukel

      Im Norden des Landes gibt es eine Kleinstadt, in der ein von einem Holzzaun umringter Spielplatz gefunden werden kann. Er ist leicht zu übersehen: in ihm steht nur eine Schaukel, ein Sandkasten und eine auffällig rote Rutsche. Die Schaukel ist das, was den Suchenden interessiert. Begebe dich nachts auf den Spielplatz und setze dich, mit dem Rücken zum Ausgang, auf sie drauf. Schließe die Augen und warte. Manchmal dauert es nur zwei Minuten, manchmal Stunden, aber irgendwann wirst du spüren, dass dich jemand von hinten anschubst. Halte die Augen geschlossen und schaue nicht hinter dich. Mit der Zeit werden die Schubser immer kräftiger aggressiver, die Schaukel wird anfangen zu ruckeln, von Seite zu Seite und kreuz und quer herumgeschleudert werden, sich überschlagen, in eigentlich unmögliche Höhen dass du fast aus dem Sitz fällst. Halte dich gut fest und gebe dein Bestes, um nicht runter zu fallen. Dir wird immer übler werden, furchtbarer Schwindel wird dich heimsuchen. Und gerade in dem Moment, wo du das Gefühl hast, deinen Mageninhalt leeren zu müssen, kommt die Schaukel zu einem abrupten halt. Öffne nun deine Augen und steig ab.

      Du wirst, egal welche Höhen du auch besteigen magst, nie einen Schwindel verpspüren, jegliche Höhenangst verlieren und hoch gelegene Orte mit einer beflügelteren Leichtigkeit erklimmen können, als andere Menschen. Eine unterschätzte, aber sehr nützliche Anomalie.
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    • 4. Das Radio



      Hin und wieder taucht in (meist den größeren) Städten ein Radio auf, das zum Verkauf angeboten wird. Es sieht nach nichts Besonderem aus, um genau zu sein ist es ein veraltertes Röhrenradio, ein solches, das zur heutigen Zeit garnicht mehr produziert wird. Auf ihm steht nirgendwo ein Markenname, jedoch werden bei diesem Exemplar auf der seiner rechten Seite ein beflügeltes Auge sorgfältig eingeritzt sein. Das Radio wird meistens in staubigen, zugestellten Antiquariat und Second-Hand Läden zu finden sein. Der Verkäufer wird nie eine Ahnung haben, wie es dorthin gekommen ist, aber stets bereit sein, es für einen nicht allzu hohen Preis zu verkaufen.

      Trotz der geringen Bezahlung, die man für es aufwenden muss, ist es schwer zu bekommen, denn aufgrund des hohen Wertes, den er für Suchende hat, werden andere stets versuchen, es vor dir zu finden. Ferner erschwert die Tatsache, dass man nie wirklich weiß, wo es als nächstes auftaucht, die Suche. Solltest du es jedoch finden, schätze dich glücklich und kauf es sofort. Deine Mühen werden belohnt werden.

      Das Radio hat nur zwei Stationen, die beide vorerst nur Rauschen von sich geben, wenn man es zur falschen Zeit anschaltet. Dreht man es jedoch unter der Woche zwischen drei und fünf Uhr morgens auf, empfängt man den Musikkanal. Man wird einige Stimmen erkennen- die der Doors, des Presley, der Stones, aber auch viele unbekannte. In beiden Fällen werden es Lieder sein, die nie existiert haben- zumindest nicht in dieser Welt. Ein Album der Beatles mit dem Namen "Everyday Chemistry" und die Single "Paradolia Phenomena" von einer in unserer Welt nie dagewesenen Band namens "The Pheremone Phantasia" werden beispielweise oft zu hören sein. Dies mag sich zunächst nach nichts weiter als einer wundersamen Unterhaltung anhören- aber der kluge Suchende wird wie immer einen Nutzen daraus ziehen können. Die Lieder werden in ihren Texten oft Tatsachen beschreiben, die in ihren "Dimensionen" stattfinden. Solche, in denen der Atomkrieg stattgefunden hat. In denen Deutschland den zweiten Weltkrieg gewonnen hat. Namen von Personen werden in den Liedtexten fallen, die der Suchende nicht einordnen können wird, da sie in seiner Dimension entweder nie existiert haben oder nie von Relevanz waren. All das wird der Suchende zu verwenden wissen, denn er ist sich bewusst, dass alles zusammenhängt und alles sich gegenseitig beeinflusst- dass dieser "andere" Ort letztendlich der seine ist und umgekehrt. Und ihn darauf vorbereiten, sollte er vorhaben, diese Orte zu besuchen- geistig oder körperlich.


      An manchen frühen Stunden, wo der Mond besonders hell zu leuchten scheint und eine unerklärliche Spannung in der Luft knistert, wird das Radio Lieder spielen, die in keiner bekannten menschlichen Sprache gesungen, von nie gehörten Instrumenten gespielt werden. Solche Musik kann auf den Hörer alle möglichen Auswirkungen haben, von höchster Euphorie bis zu unerträglichen Schmerzen und sogar Krankheiten, weswegen viele Suchende das Risiko nicht eingehen. Aber wer keine Risiken eingeht, kann auch nicht gewinnen, nicht wahr?


      Samstags und sonntags kann von genau 0:00 bis 1:30 die zweite Station gehört werden: die Neuigkeiten, das Hauptinteresse eines Suchenden.
      Sie werden stets von einer ruhigen, sanften Frauenstimme vorgelesen, deren Name nie erwähnt wird. Diese Nachrichten erzählen von den Erfolgen anderer Suchender, die neue Anomalien entdeckt haben, Berichterstattungen aus dem "anderen" Berlin, und auch hilfreiche Vermutungen, wo sich weitere, noch nicht gefundene Anomalien befinden könnten und wo zuletzt übernatürliche Phänomene beobachtet wurden. Es gibt auch eine Nummer, die man anrufen kann. Wird man angenommen, darf man im Radio live eine Frage zu allem, was mit Anomalien, Okkultem und Magick zu tun hat, stellen, wobei die eigene Stimme im Radio sich verzerrt und unerkennbar anhören wird. Die Frage kann von einem anderen Suchenden, der die Nummer dann ebenfalls anruft, beantwortet werden. Manchmal hat man jedoch Pech und die Frage bleibt unbeantwortet. Es ist allgemein bekannt, dass Suchende ihre hart erarbeiteten Geheimnisse nicht gerne an andere abgeben- zumindest nicht kampflos. In diesem Fall wird man von der Moderatorin aufgefordert, nicht aufzugeben und weiter zu suchen. Die Moderatorin beendet die Sendung stets mit einem "Produktive Träume euch allen!" bevor man wieder nichts als Rauschen hört.

      Man hatte schon sehr oft versucht, die Radiosignale und die Telefonnummer zurück zu verfolgen, jedoch stets ohne Erfolg. Weder die Moderatorin, noch der Ort, an dem die Sendung stattfindet, konnte je gefunden werden. Jedoch findet man in vielen Großstädten hier und da Graffiti-Zeichnungen, die ein offenes, geflügeltes Auge darstellen...
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    • 5.Die Telefonzelle


      In der Hauptstadt kann man eine über acht Jahrzehnte alte, rote Telefonzelle finden. Sie ist überaus leicht zu übersehen, wie sie so winzig steht im Schatten der vielen Gebäude, die sie umringen, von den Menschen und der Zeit vergessen. Solche Gegenstände sind es, die anomalische Effekte praktisch anziehen.

      Erwähnt wird die Zelle in nur zwei 1938 gedruckten Zeitungsartikeln, beide jeweils örtliche Zeitungen. Landesweit hatte der Fall keine bedeutung gehabt.

      Laut den Berichten hatten sich einige Bewohner des Ortes beschwert, kryptische, verstörende Nachrichten zu hören, wenn sie den Hörer abnahmen. Desweiteren konnten sie ihre gewünschten Gesprächspartner nicht erreichen, auch, wenn sie die ordnungsgemäße Anzahl an Geld eingeworfen hatten. Stattdessen erwartete sie immer nur Rauschen oder die fremde, verhängnisvoll flüsternde Stimme. Man ging davon aus, dass irgendeiner es irgendwie geschafft hatte, sein eigenes Telefongerät mit dem der Zelle zu verbinden und sich nun einen Spaß draus machte, Anrufende zu terrorisieren. Die für die Zelle verantwortlichen Leute wurden dazu gedrängt, den Gegenstand zu untersuchen, konnten jedoch keine Schäden oder auch nur Anzeichen darauf, an der Zelle sei irgendetwas manipuliert worden, finden. Die Zelle wurde insgesamt drei Mal untersucht, drei Mal mit dem gleichen Ergebnis. Und das Flüstern hatte nicht aufgehört.

      Man gab auf und ließ das Objekt sein. Unter der örtlichen Bevölkerung wurde diese Telefonzelle zu soetwas wie einer urbanen Legende, unter Kindern wurde es zu einer Mutprobe, sich, wenn die Dunkelheit anbrach, zu ihr hinüber zu schleichen und einen Anruf zu tätigen. Durch das Chaos des Krieges aber geriet der Gegenstand aber bald schon in Vergessenheit und verstaubte ubenutzt in seiner Gasse. Bis heute.

      Begib dich nachts zu der Telefonzelle. Hast du sie Zelle gefunden- ihre rote Farbe fällt einem ins Auge und um sie herum scheint die Luft kälter als gewöhnlich zu sein- wirst du merken, dass sie von Innen beleutet ist. Durch das schmutzige, milchige Glas wirst du eine dunkle, menschliche Silhoutte in ihr erkennen. Öffnest du die Tür, wirst du jedoch niemanden vorfinden außer dich selbst und ein schwarzes Telefongerät mit eingerosteter Nummernscheibe. Nun wirst du Geld brauchen- undzwar keine modernen Münzen, denn ein Anruf kann ausschließlich mit Reichspfennig (5 Reichspfennig) getätigt werden. Und aus irgendeinem Grund auch nur mit solchen, auf denen ein Datum zwischen 1935 und 1939 geprägt ist. Gib mit der Fingerscheibe dein Geburtsjahr, Tag und Monat ein, in dieser Reihenfolge und lausche in den Hörer hinein.

      Du wirst ein Flüstern hören, dass gehetzt und nervös klingen wird, als wäre jemand hinter dem Sprecher her. Die Stimme am anderen Ende der Leitung wird dir sagen, an welchem Tag und Monat du sterben wirst, was die Ursache sein wird und auch, wie es zu deinem Tod kommen wird- jedoch nicht dein Sterbejahr. Danach wird die Stimme verstummen und du wirst dich in Stille wiederfinden.

      So mancher Suchender wird nach der Offenbarung wohl den Versuch unternehmen, einen verfrühten Tod zu verhindern, wenn sie das Gefühl haben, dass die Zeit gekommen ist. Jedoch tritt das vorhergesagte Geschehen dennoch oft ein, denn dem Tod entkommen zu wollen ist, als würde man versuchen, gegen die Flut anzuschwimmen.

      Ein Beispiel ist ein Suchender, dem am Telefon gesagt wurde, dass er an einem 14. März wegen einer Frau mit einem Goldanhänger, die ihn zu Fall bringen wird, das Leben lassen werden muss. Der Mann ging jeder Frau aus dem Weg, die Goldschmuck trug, verbarrikadierte sich schon eine Woche vorher in seiner Wohnung, prüfte vehement, ob sich auch in keinem Schrank, unter keinem Bett, hinter keinem Duschvorhang eine Frau mit Goldanhänger versteckte und bewaffnete sich bis auf die Zähne. Bei seinem umherirren durchs Haus bemerkte er nicht das Portrait, das er versehentlich zu Boden gestoßen hatte- und stolperte dann darüber, unglücklich aufkommend und sich den Hals brechend. Das Bild stellte eine junge Dame mit einem kaum sichtbaren Armband mit goldenem Anhänger, der unter ihrem Ärmel hervorschaute, dar.

      Der Suchende giert stets nach der Wahrheit, aber in manchen Fällen ist das Ungewissen die bessere Variante.
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    • 6. Der Untergrundmarkt



      Die Dunkelheit wurde von Menschen schon immer gefürchtet. Über Jahrtausende hinweg gab es von Feuer bis hin zu Glühbirnen nichts, was er nicht versucht hätte, um sie und die potentielle Gefahr, die sich unter ihrem Schleier verbirgt, zu bannen. Da ist es kein Wunder, dass Anomalien und andere Geheimnisse aller Art ihren Schutz suchen, um von neugierigen Augen undentdeckt zu bleiben.

      Eines davon ist der Unteregrundmarkt.

      Es gibt keine genaue Anleitung dazu, wie man ihn findet. Gefunden werden kann er theoretisch in allen größeren Städten, die ein ausgeprägtes U-Bahn Netz haben. Halte Ausschau nach Strecken, die nie befahren werden. Strecken, an denen schon seit geraumer Zeit "gebaut" wird, ohne, dass es ein sichtbares Vorankommen gibt. Strecken, die vergessen wurden, die sich den Augen entziehen. Auch Bilder sind hilfreich. Dass in U-Bahnen oft Graffiti zu finden ist, ist kein Geheimnis. Jedoch wirst du manchmal auf Bilder stoßen, die bei näherer Betrachtung einen bestimmten Eindruck bei dir hinterlassen werden, deren Inhalte dich seltsam Berühren und einen Tumult in deiner Seele und Gedanken herbeiführen. Es werden oft keine besonders großen oder detaillreichen Illustrationen sein, sondern solche, die leicht zu übersehen sind. Aber wenn du die Augen offen hälst und dich genau umschaust, wirst du wissen, wenn es so weit ist.

      Diese Bilder wurden von anderen Suchenden angefertigt und sind ein Indiz dafür, dass sich der Markt in der Nähe befindet.

      Nun gehe diese Strecke entlang. Du solltest natürlich vorher genau geforscht haben, ob sie auch wirklich nicht mehr befahren wird, um... "böse Überraschungen" zu vermeiden.

      Wenn deine Intuition dich nicht getäuscht hat, wirst du alsbald ein gedämpftes Licht am Ende des Tunnels sehen- und noch wichtiger, leise, durcheinanderwirbelnde Stimmen und Geflüster. Glückwunsch, du hast den Markt gefunden.

      Hier werden sich allerlei Gestalten aufhalten- größtenteils andere Suchende. Vermeide Augenkontakt. Suche stattdessen nach einem Stand, der dich interessiert.

      Die Verkäufer sind oft keine Menschen, auch, wenn sie jenes gut verstecken. Nur hin und wieder gibt ihre Tarnung etwas nach und du wirst du bei einigen Händlern Dinge sehen wie einen kurz aufblitzenden, zweiten Mund am Hals, einen Arm, wo keiner sein sollte, Augen, die schwarz und kalt sind wie die sternenleerste Nacht. Tue so, als hättest du es nicht gesehen. Keiner mag Gaffer.

      Hier, im Untergrundmarkt, kannst du alles finden. Es ist anzumerken, dass der Suchende Geld garnicht erst mit zu bringen braucht. Das, was er hier findet, kann man nicht mit Geld kaufen. Nein, der Preis ist ein ganz anderer.

      Ein Perfüm, dass dich mit nur einem Tropfen für jeden, der es riecht, charismatischer und attraktiver macht und dir mit Leichtigkeit erlauben wird, Mitmenschen um den Finger zu wickeln und zu manipulieren im Tausch gegen deine liebste, wertvollste Erinnerung.
      Ein makelloses Talent, Können und Begabung deiner Wahl im Tausch gegen deine Fähigkeit, zu Sprechen.
      Die Seelen deiner ungeborenen Kinder für ein Pulver, das dich von allen Sünden, die du bis zu diesem Zeitpunkt begangen hast, bereinigt, wenn du es inhalierst.
      Die größte Schwäche deines Todfeindes für deine Potenz.
      Die Lösung für das größte, unerklärlichste dir bekannte Geheimnis für 5-20 Jahre deiner Lebenszeit.

      Der Preis ist nie gering, und je begehrter und bedeutender die Ware, desto höher wird er sein. Der Suchende muss vor und Nachteile abwiegen können, er kann sich jedoch sicher sein, dass das, was er gekauft hat, mit 100%iger Garantie seine Wirkung entfalten wird. Das Gekaufte ist strikt an die Seele des originalen Käufers gebunden und jeden anderen, der versucht, es sich anzueignen oder für sich selbst zu verwenden, wird ein furchtbares Schicksal ereilen.

      Was nicht bedeutet, dass es keine Suchende geben wird, die erzürnt darüber sein werden, dass du ihnen ihre begehrte Ware vor der Nase weggekauft hast. Sei also besonders vorsichtig auf deinem Rückweg...
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    • 7. Der Mann in der Untergrundbahn



      Ein weiteres, wenn auch durchaus selten vorkommendes, Phänomen, dass man bei uns finden kann, ist der Mann in der U-Bahn. Theoretisch kann er in jedem Zug gefunden werden, der durch den Untergrund fährt. Er soll sogar zur selben Zeit in mehreren Zügen gesichtet worden sein. Es ist jedoch nicht bekannt, welche Faktoren ihn am ehesten erscheinen lassen, sein Auftauchen scheint vollkommen zufällig zu sein. Nur folgendes ist sicher: er taucht nur nachts und nie in einem vollen Zug auf und die Chance, ihm zu begegnen, ist dann am größten, wenn die Nachtfalter, Spätschichtler und all die anderen, die zu nächtlichen Stunden normalerweise die Bahn nutzen, nicht da sind. Der Suchende sollte sich eine Nacht aussuchen, an dem die Züge so leer wie möglich sind; am besten vollständig unbefüllt.

      Wenn er Glück hat, wird er in der hintersten Sitzreihe einen Mann unbestimmten Alter sitzen sehen, in einem braunen, schweren, altertümlich aussehenden langen Mantel. Setze dich gegenüber von ihm.

      Sein Gesicht wird nach unten gerichtet unter seinem Krempenhut kaum zu erkennen sein. Seine Hände, mit schwarzen Lederhandschuhen überzogen, werden sich gefaltet auf seinem Schoß befinden. Sobald du ihn siehst, wirst du augenblicklich das Gefühl haben, ihn schon sehr, sehr oft gesehen zu haben, ohne zu wissen, wo. Frage ihn, ob er etwas für dich hat. Er wird nicken, und aus seiner rechten Manteltasche eine kleine, viereckige, rote Schatulle herausnehmen, sie dir aber noch nicht übergeben. Du musst als Gegenzug eine Flasche Champagner bereithalten, undzwar keinen billigen Sekt aus dem Supermarkt, sondern einen echten, der in dem französischen Champagne hergestellt wird. Übergieb ihm das Getränk, und er wird dir die Schatulle überreichen. Nun kannst du aussteigen, wo auch immer du willst. Schaust du durch die Fenster des Zuges, wird der Mann verschwunden sein.

      Bringe die Schatulle mit dir nach Hause und öffne sie erst dort. Du wirst einen menschlichen Augapfel vorfinden, der die gleiche Farbe haben wird, wie deine.

      Nimm ihn heraus, lege ihn in ein Glas, das groß genug ist, und übergieße ihn mit Alkohol. Welche Sorte ist irrelevant, solange sie durchsichtig ist. Ist sie es nicht, wird das Auge in der Flüssigkeit nicht mehr zu finden sein.

      Ein Schluck dieses Getränks wird dir ermöglichen, für genau 18 Stunden die wahren Absichten eines jeden Menschen zu erkennen, mit dem du zu tun hast. Sobald die Flüssigkeit im Glas jedoch geleert ist, wird das Auge verschwinden. Und die Wahrscheinlichkeit, dem Mann mehr als einmal zu begegnen ist wirklich äußerst, äußerst gering. Der kluge Suchende wird das Getränk also weise nutzen müssen, wenn er über einen längeren Zeitraum einen Nutzen aus ihm ziehen will.

      Jedoch gibt es eine Möglichkeit, diesen Effekt für den Rest deines Lebens für dich zu vereinnahmen: anstatt Schluck für Schluck zu trinken, trinke das gesamte Glas mit einem Mal, ohne Unterbrechung, aus. Nun wird bis zu deinem Tod niemand mehr seine Intentionen vor dir verbergen können. Es wird dir jedoch dein Augenlicht kosten.
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    • 8. Die Gemälde



      Kaum einer kennt den Namen A.H Rost. Der während der 1920er tätig gewesene Künstler wird in keinerlei Medien, weder schriftlichen noch digitalen, je erwähnt. Keine Biographien, keine Lehrbücher der Kunstgeschichte, kein Museum macht je auch nur Andeutungen auf seine einstweilige Existenz. Es ist, als würde die Realität selbst versuchen, jegliche seiner Spuren zu verwischen.



      Jedoch wurde genau ein einziges, altes, verwittertes Heft an seinem angeblichen Geburtsort gefunden, dass eine kurze Zusammenfassung seiner Lebensgeschichte sowie eine Liste seiner Werke enthält.



      Laut diesem war Rost ein um 1890 geborener Österreicher, der im dritten Jahrzehnt des 20. Jahurhunderts abstrakte Gemälde angefertigt hatte. Keins seiner früheren Werke hatte je Aufmerskamkeit erregt. Im späteren Verlauf seines künstlerischen Lebens wurden seine Bilder immer abstrakter, skurriler, surrealer. Er hatte an nur einer Ausstellung teilgenommen, wo seine Werke selbst von Liebhabern exzentrischer Kunst erbarmungslose Kritik geerntet hatten. Sie seien geschmacklos gewesen, nichtssagend, absolut unansehbar, und einige Besucher sollen sich sogar beschwert haben, dass ein bloßer Blick auf die Leinwand bei ihnen zahlreiche unangenehme körperliche Reaktionen wie Übelkeit, Kopfschmerz oder Schwindel herbeigeführt haben sollten.



      Nach der Ausstellung soll sich Rost in seiner winzigen Mietwohnung verbarrikadiert haben, die er kaum mehr verlassen hatte. Nachbarn beschwerten sich über laute Stimmen und Schreie, manchmal sahen sie ihn durchs Fenster und berichteten, er würde wild gestikulierend mit einem nicht sichtbaren Gesprächspartner streiten. Er soll abgemagert und verwahrlost ausgesehen haben. Die Polizei wurde allerdings nie gerufen.



      Frühjahr 1928 fiel die Wohnung einem Brand zu Opfer, dessen Ursache nie herausgefunden worden ist. Fast alle Bewohner konnten sich retten: nur Rost blieb in den Flammen zurück. Beim späteren Durchsuchen seiner Wohnung fand man ausgebrannte Überreste von unzähligen Farben, Leinwänden und Staffeleien. Rosts Körper wurde nie gefunden.



      Die Fakten lassen davon ausgehen, dass die Werke des Künstlers alle vom Feuer verschluckt worden sind. Dem ist nicht so: Rosts Werke sind auch heute noch zu bestaunen, wenn man weiß, wo man suchen muss.



      Die Galerie, die seine Gemälde ausstellt, ist in drei Landeshauptstädten zu finden, und existiert an allen drei Orten gleichzeitig. An der Vitrine wird stets das betrügerische Schild mit der Aufschrift "GESCHLOSSEN" zu finden sein und schaut man in das Gebäude hinein, entdeckt man nichts als Staub und Spinnenweben in den Ecken. Man wird von Außen keine Bilder sehen und davon ausgehen, dass die Galerie leer steht. Trete jedoch hinein; die Tür wird aufgehen.



      In der linken Ecke des Raumes findest du eine weiße Tür mit rostigem Türknauf. Klopfe und sage, dass du wegen des Besichtigungsrundgangs hier bist. Ein kleiner, blasser, unscheinbarer Mann mit weißer Schürze wird die Tür öffnen und dich hineinlassen. Sieh dich um und du wirst zehn Bilder sehen, jeweils fünf links und rechts.



      Sie werden dich auf dem ersten Blick an gewöhnliche, abstrakte Gemädle erinnern, die man in jedem modernen Museum finden kann. Je länger du sie ansiehst, desto eher werden dich die einzelnen Pinselstriche jedoch hypnotisieren, sich wie Schlangen um deinen Verstand winden. Mit der Zeit wirst du in ihnen Bilder aus deinem Leben wiedererkennen können. Dein erster ausgefallener Milchzahn zwischen deinen Fingern. Das Grab deines verstorbenen Haustieres. Das Foto, dass du mit deinen Freunden vor Jahren aufgenommen hast. Jeder Zentimeter der Leinwände wird mit deinen Erinnerungen gefüllt sein, guten, schlechten, sowie neutralen. Du wirst, ohne es zu merken, dir jedes einzelne Bild angesehen haben und vor der nächsten Tür stehen. Gehe weiter. Der kleine Mann wird nicht mehr zu sehen sein.



      Der zweite Raum ist identisch mit dem ersten, jedoch größer. Hier werden nur sechs riesige Bilder hängen. Dem Suchenden wird vielleicht auffallen, dass der Raum viel größer ist, als das Gebäude, das er betreten hat, eigentlich sein sollte.



      Die Gemäde werden ähnlich sein, wie die im vorigen Raum. Nur diesmal werden sie nicht dein Bewusstes, sondern Unbewusstes wiederspiegeln. Das, was dein Verstand nicht wahrhaben wollte. Was er tief in deinem Unterbewusstsein vergraben hatte, dort, wo es dich nie hätte erreichen sollen. Du wirst plötzlich das blasse Gesicht sehen, das von der Decke deines Kinderzimmers auf dich herabgeschaut hat, das Foto, das du im Sandkasten deines Kindergartens ausgegraben hattest, auf dem eine Gruppe aller Kinder zu sehen war, die in den letzten 20 Jahren spurlos verschwunden sind. Der Mann, der hinter dir im Café saß und dir auf Latein die Geheimnisse der Stadt zugeflüstert hatte. Das riesige rote Gebäude, das eines Tages inmitten der Stadt aufgetaucht und am nächsten morgen wieder verschwunden ist, an das aus irgendeinem Grund nur du dich erinnern konntest. Das Schluchzen und Weinen, dass du aus einem Gulliloch vernehmen konntest, aber ignoriert hast.

      Du wirst auch diesen Rundgang ohne es zu merken beenden. Du wirst dich bekommen fühlen, dein Kopf wird schwer sein, dein Herz rasen. An dieser Stelle kannst du umkehren und den Rundgang beenden. Gehe einfach zurück durch die Tür, aus der du gekommen bist, und du wirst dich in dem verstaubten Eingangsbereich der Galerie wiederfinden. Diese kannst du dann einfach verlassen. (Egal, wie viel Zeit du in der Galerie verbracht hast, es werden in der „echten“ Welt stets zwei Stunden vorbeigegangen sein).

      Oder aber du betrittst die letzte, grau angestrichene Tür am Ende des Korridors.

      Tust du dies, wirst du nun den Raum sehen, in denen Rosts letzte Werke zu finden werden sind, die, die in der Nacht vor dem Feuer entstanden sind. Es werden acht sein, und sie sind alle Collagen gemacht aus dem Blut und Innereien von Heiligen. Das Blut ist stets frisch und tropft von den Leinwänden, die Herzen am schlagen, die Lungenflügel heben und senken sich. Schaust du sie alle an, wirst du Gottes wahren Namen erfahren und sein Antlitz erblicken, sowie seinen Plan für die Welt. Der Anblick wird dich wahnsinnig machen und deine geistige Gesundheit irreparabel beschädigen.

      Wie auch immer du dich entscheiden magst, versuche garnicht erst, eines der Bilder mitzunehmen und beachte die bekannte Museumsregel, nichts anzufassen. Der kleine Mann kann es nicht ausstehen, wenn seine Werke ohne Erlaubnis berührt werden und ist unglaublich pingelig, aber so sind Künstler nun mal.
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