Cold Disgrace [Codren & Kyo]

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    • Cold Disgrace [Codren & Kyo]

      Tag 87

      Als ich noch ein Kind war, packte ich einmal aus bloßer Neugierde ein Fernrohr und versuchte von den Grenzmauern des Landes aus, soweit wie es nur möglich war nach draußen zu blicken. In die Außenwelt, einem Ort über welches die Alten ständig sagten, dass er nur Unheil über einen bringen würde und stets gemieden werden sollte. Etwas, dass ich zu der Zeit noch nicht begreifen konnte, sah nämlich alles kaum anders aus als hier, auf unserem Heimatboden. Erst kürzlich zeigte sich mir die wahre Bedeutung der einst gesprochenen Worte über die Bedrohung, die sich offenbar direkt vor uns befand. Dabei lag es augenscheinlich so weit entfernt und doch machte es sich bereits bemerkbar, die kalte Luft, die selten zu uns überschlug, dann jedoch immer die Garmkescher ihrer Unverträglichkeit wegen, heftig traf. Schaute man nämlich jetzt mit dem Fernrohr hinaus, zeigte sich einem kein wolkenklarer Himmel mehr, sondern ein kristallfarbiges Türkis, das in ein dunkles Blau überging. Eine Seltsamkeit, die von einem tapferen Soldaten näher ergründet werden sollte und weshalb dieser sich nach draußen wagte. Bei seiner Rückkehr schließlich wirkte er sehr geschwächt und noch bevor er einige Tage darauf an den eingenommenen Krankheiten verstarb, berichtete jener von der weißen Wüste, die näher bei uns lag als es noch einst die Ersten des Landes erzählten. Angst machte sich infolgedessen im Reich breit, denn die Kälte schien uns immer häufiger beizuwohnen und damit auch die Plagen, gegen die wir nicht ankämpfen konnten. Letzten Endes wurde klar, dass alle sterben, wenn sie keine Hilfe ereilte. Eine Hilfe, die irgendwo da draußen, im Auge des eisigen Sturmes, zu finden wäre. So hoffte man es zumindest.

      Es ist für mich eine Ehre und gleichzeitig auch eine enorme Bürde, die ich gewillt bin bis zu meinem letzten Atemzug zu tragen, dass man die Caramon damit beauftragt hat, Garmkesch vor dem Untergang zu retten. Doch kann ich es nicht leugnen, von all den Aufgaben und Schwierigkeiten, die ich in meiner Vergangenheit gemeistert hatte – und das waren bei Leibe keine einfachen Dinge – ist das wohl jene, bei der ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht gewiss bin, ob ich es schaffen werde.
      Dies ist nun der 87. Tag, seit ich meine Heimat verlassen habe und mich in das Unbekannte reinwagte und alles, was sich mir seither entgegenstellte, war das grausame Wetter, das mich nicht bei sich haben will. Einigen Inschriften zufolge nannte man den weißen Regen, der sich an jeder Stelle breit machte, Schnee. Kalt, weich und nass konnte er sein, aber auch hart und rutschig wie Stein werden. Eine Merkwürdigkeit, an die ich mich alsbald zu gewöhnen begann, doch sollte sich dies als mein geringstes Problem herausstellen. Die Essensvorräte waren bereits nach wenigen Wochen völlig verbraucht und mehrmals glaubte ich, am Hunger zu erliegen. Sich dabei wiederholt an der Grenze meines Bewusstseins befindend, vermutete ich anfangs noch dass mein Geist mir einen Streich spielte, als sich mir dermaßen abstruse Tierwesen zeigten, deren richtige Namen ich nicht einmal kannte. Ein Elefant, mit gewaltigen Stoßzähnen und Fell über dem ganzen Körper. Ein riesiger Stier, der unnachgiebig über Tage hinweg einen verfolgte und mit seinen Mundausflüssen den Boden verätzte. Falken, die mit einem einzigen Flügelschlag einen um Meter zurückdrängen und so laut schreien konnten, dass man sich am liebsten die Ohren ausreißen würde. Noch mühseliger war es aber, ein solches Tier zu ergreifen und sich etwas für den weiteren Weg zurechtzumachen. Überhaupt ist es ein Wunder, dass ich noch unter den Lebenden weile. Mit Einträgen in mein Tagebuch versuche ich meinen Kopf klar zu behalten und nicht einem Irrsinn zu verfallen, mit ständigen Erinnerungen an meine Heimat beabsichtige ich meinen Willen nicht zu verlieren und doch sollte all dies kein Allheilmittel sein, wie sich später herausstellte.

      Merkbar entkräftet und mit einer getrübten Sehkraft, lasse ich mich von meinem treuen Pferd gen Nordwesten tragen. Im Angesicht der Kühle ist es mir unerklärlich, wie ich von Fieber heimgesucht werden kann – oder ist es gar kein Fieber, sondern etwas anderes? Trifft es nun auch mich, eine dieser gefährlichen Krankheiten, von denen man sich zu Hause erzählte? Ich weiß es nicht und soweit wie ich inzwischen gekommen bin, gibt es sowieso kein Zurück mehr. Alles was ich nun tun kann, ist mich meiner Aufgabe zu widmen. Immer weiter nach vorne, für Garmkesch.


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    • "Es geht weiter!", ertönt es von draußen und reißt mich aus meinem unruhigen Schlaf.

      Die zweite Woche sind wir nun schon unterwegs. Zwei Wochen, in denen wir keiner Menschenseele begegnet sind und in der wir jeder Stadt ausgewichen sind, die unsere Späher - und darunter auch ich - ausgemacht haben. Selbst die letzte Steinruine, die wir unter dem ganzen Schnee zuerst für einen Felsen gehalten haben, haben wir gemieden. Alles auf Anweisung von Zoras, der so vorsichtig vorgehen möchte, als könnten wir mit einem Fehltritt sofort alle sterben.
      Dementsprechend aber ist meine Stimmung, als ich mir den Schlaf von meinen Gliedern zu strecken versuche und mit meinen nackten Füßen gegen die Brust einer Frau stoße. Deren Besitzerin, ich erinnere mich, dass diesmal Klera bei uns geschlafen hat, gibt eine grummelnde Beschwerde von sich und versucht, in dem kleinen Zelt etwas Abstand zu gewinnen, aber darauf achte ich gar nicht. Ich strecke mich weiter, drehe mich auf die Seite und stoße dabei mit der Hand gegen Rytoran's Hüfte. Aber der bullige Späher, mit den hellblonden Haaren und den dünnen Lippen, bemerkt das nicht. Er hat den Ruf von draußen ja noch nicht einmal gehört.
      Von hinten windet sich ein starker Arm um meine Hüfte und zieht mich zu sich. Ich verpasse dem Arm einen unkoordinierten Schlag, bin aber noch zu müde, um mich ernsthaft zu wehren.
      "Lass das, Merik!"
      "Mhhhhhhmmmmmmm", kommt die heisere Antwort. Ehe ich es mich versehe, liege ich schon auf ihm, seine beiden Arme in einem unbarmherzigen Klammergriff um meinen Körper.
      "Lass mich los du Fettsack."
      Ich boxe ihm halbherzig gegen den nackten Bauch, was er nichtmal wirklich zur Kenntnis nimmt. Seine Augen sind noch geschlossen, aber ich weiß, dass er schon längst wach ist.
      "Loslassen sag ich!"
      Ich stoße ihm das Knie zwischen die Beine und da lässt er mich endlich frei. Ich wälze mich von ihm weg, stoße dabei in dem kleinen Zelt unmittelbar an Rytoran, aber bevorzuge vorerst seinen riesigen Rücken, den er mir präsentiert, als Merik's grinsende Visage, die sich bestimmt gleich über mich lustig macht. Am Fußende hat sich Klera mittlerweile aufgesetzt und streckt sich - ihre Hände stoßen dabei gegen die niedrige Decke.
      "Wer ist heute dran?", fragt sie gähnend.
      "Das werden wir gleich rausfinden."
      Ich schnappe mir meine Felle, schnüre alles fest an meinen Körper und schiebe mich dann an den anderen drei vorbei nach draußen.

      Unser Lager hat seit zwei Wochen schon jeden Abend die gleiche Form: eine runde Spirale, deren äußerste Zelte die mit den Bärenfellen darstellen. In der Mitte, in dem einzigen Zelt, das ein bisschen Abstand zu den anderen hat, schläft Zoras, unser Anführer, mit seiner Frau und seiner Tochter. Daneben kommen zwei Zelte mit Wachleuten, danach erst die ganzen normalen Mitglieder der Eisspitzen: Waschfrauen, Architekten, Mütter, Pflanzenkundige, Köche, Schneiderer. Danach bilden die ersten äußeren Zelte wieder die Wachleute, dann wir Späher und zum Schluss nochmal Wachleute. Weil wir bisher noch nicht mit einer wirklichen Gefahr konfrontiert wurden, hat keiner eine Ahnung, ob diese Aufstellung überhaupt sinnvoll ist. Aber wir vertrauen auf Zoras, der als einer der wenigen von uns belesen ist und sein Können schon mehrmals unter Beweis gestellt hatte. Deshalb wollen wir alle momentan auch gar keinen anderen Anführer. Vielleicht erst, wenn wir uns irgendwo wieder niederlassen haben.

      Aus dem Zelt neben uns tritt Kessrim hervor, ein schlanker Junge Anfang 20, der immer gleich in den Himmel schaut, als wolle er da irgendetwas sehen, was er schon immer gesucht hat. Auch jetzt wandert sein Blick hinter dem verschleierten Gesicht erst zu den Wolken, bevor er mich sieht und freundlich lächelt.
      "Gut geschlafen, Codren?"
      "Nein. Und selbst?"
      "Wie denn? Das Zelt ist nicht groß genug für drei Riesen. Cizeri hat mir heute morgen fast einen Zahn ausgeschlagen, weil er sich immer so ungestüm streckt."
      "Ja, tja. Wenigstens ist es warm."
      Kessrim nickt wohlwollend. Ja, die Zelte sind alles andere als groß. Aber auch das hat Zoras uns erklärt und uns schon beweisen können: große Zelte können wir in einem Schneesturm schlechter zusammenhalten. So müssen wir auf engstem Raum zusammen schlafen; Sehr zum Leidtragen von Klera, die sich seit zwei Wochen mit drei Burschen das Zelt teilen muss. Davon kann ich auch ein Lied singen, aber seit einer Woche, seit dem Tod von Rem, bleiben nur noch Merik und Rytoran in meinem Zelt übrig. Zwei sind nicht so anstrengend wie drei gleichzeitig, das weiß ich ganz genau. Besonders wenn am Abend davor getrunken wurde. Deswegen hab ich auch bereitwillig zugestimmt, als Klera uns letzten Abend gefragt hat, ob sie zu uns ins Zelt könne. Merik hatte das gar nicht gestört, er hat getan, was er immer getan hatte, nur Rytoran hatte plötzlich schiss bekommen in der Anwesenheit einer anderen Frau, und hatte sich gleich schlafen gelegt. Das war mir auch recht gewesen. Und Klera erst.

      Das Zelt hinter mir geht auf und die andere Frau kommt heraus. Auch sie hat hellblonde Haare, wie die meisten hier in unserem Stamm, und ist fast genauso groß wie ich. Dafür hat sie allerdings zehn Kilo weniger, wenn ich sie aber frage, ob sie nicht Hunger hat, dann verneint sie es immer. Mittlerweile glaube ich es ihr sogar. Sie sieht so gesund aus wie jeder andere auch.
      "Gut geschlafen?"
      "Nein. Und du?"
      "Sehr. Danke für den Schlafplatz."
      Sie sieht Kessrim und nickt ihm zu. Er erwidert die Geste. Dann macht er sich auf den Weg und auch wir beide gehen in dieselbe Richtung um zu erfahren, welche Gruppe von uns heute als Späher ausreiten würde.
    • Das ständige Hin- und Herschaukeln auf meinem Pferd erweist sich als ernsthafte Herausforderung, ob ich das bisschen Nahrung, dass ich eingenommen hatte, wieder erbrechen würde oder nicht. Es war nur gut, dass der Wind bisher weitestgehend ausblieb, doch möchte ich kein Unglück provozieren. In meiner Satteltasche habe ich genügend Rationen für ein paar Tage verstaut und an Wasser mangelt es mir auch nicht, bei meiner Verfassung wäre es daher nicht allzu verkehrt, an einer ruhiggelegenen Stelle Rast zu machen und sich zu erholen. Doch ist es meine Ungewissheit, die mich an dieser Entscheidung zweifeln lässt. Wie geht es den Leuten zu Hause? Wie viele Menschen warten gerade auf die frohkundige Botschaft eines zurückgekehrten Soldaten? Kann ich es mir wirklich erlauben, eine Pause einzulegen? Letzten Endes hatte ich bereits zu Anfang geahnt, dass mich hier draußen nur das Allerschlimmste erwarten wird. Ich bin bereit zu sterben und doch darf ich es nicht. Dafür ist der Nutzen, den abertausende von Menschen aus mir ziehen könnten, und sei die Chance noch so gering, viel zu kostbar. Eine mickrige Krankheit wird meine Entschlossenheit nicht brechen und stolz über den gewonnenen Gewissenskampf, peitsche ich ermutigt meinen Begleiter mit der Zügel zum sachten Beschleunigen an.

      So vergeht wieder einige Zeit und aus der kurzzeitigen Euphorie, kommt die trockene Feststellung, dass es mir tatsächlich nicht gut geht und ich mich wohl doch etwas übernommen habe. Seit ich den flachen Boden hinter mir gebracht habe und es nun steil aufwärts geht, haben sich die wippenden Bewegungen des Pferdes nur verschlimmert und mein Wohlbefinden damit auch. Mir wird klar, dass ich so nicht weitermachen könne, schlussendlich hilft es niemandem, wenn ich gerade wegen einer mickrigen Krankheit verscheide. Sich von Emotionen leiten zu lassen in dieser menschenverachtenden Gegend, wäre der sichere Tod und ein solcher Fehler wäre unverzeihbar für mich. Es gilt deshalb, zunächst einmal die Wegspitze zu erreichen und dann nach einer schützenden Höhle Ausschau zu halten.

      Was sich mir dort angekommen aber zeigt, verschlägt mir wahrlich die Sprache. Es ist ein hoher Aussichtspunkt und einige vielversprechende Stellen zur Genesung habe ich mir bereits einprägen können, doch wäre das kein Grund, um unruhig zu werden. Erst mit dem Fernrohr ist es mir möglich, einen genaueren Blick darauf zu werfen: Eine Gruppe von lebenden Menschen, inmitten des Schnees. Habe ich etwa den Verstand verloren? Es ist nämlich nicht nur das, die strukturierte Anordnung ihrer zugegeben, äußerst bescheidenen Behausungen, die vereinzelten Interaktionen unter den dort Verweilenden… das alles wirkt, gewöhnlich? Leben die etwa hier? Wie ist das bitte möglich? Mehrmals kneife ich mich absichtlich, im Glauben, dies sei eine Illusion. Doch trügen mich meine Augen offenbar nicht, es ist echt, was vor mir liegt. Obwohl ich mir vorhin noch gesagt hatte, dass ich bedacht handeln sollte, bin ich nun viel zu aufgebraust, als dass ich mich seelenruhig irgendwo zurückziehen kann, während ich weiß, dass vor mir die Lösung für all unsere Probleme liegen könnte. So viele Fragen sammeln sich in meinen Kopf gerade an und mein Tatendrang steigt ins Unermessliche, hingegen wäre ein blindes Hinsteuern zu den Fremden ein zu großes Risiko. Keiner vermag es zu wissen, was die Außenwelt für Gefahren mit sich bringt und all die Wochen, die ich hier bereits verbracht habe, gaben einem eindeutig zu verkennen, dass hier nur der Tod auf einen wartet. Das gilt gleichermaßen für Tiere, wie auch die Menschen vor mir. Für den Moment gehe ich daher wieder zurück auf die andere Seite des Hügels, fernab von möglichen wachsamen Augen und denke nach. Was soll ich tun?
    • "Drei Tage lang werden wir noch weiter gen Norden marschieren und dann dort nach einer Stadt namens "Narzarek" umsehen. Sie soll ein einziger Knotenpunkt zwischen den Grenzen gewesen sein und ist dementsprechend auch groß. Wir werden dort nicht die einzigen sein und deshalb werden wir nach den drei Tagen uns auf alles vorbereiten. Damit meine ich auf alles. Jeder einzelne von euch wird mithelfen."
      Wir hatten uns alle in einem Kreis um Zoras versammelt und der hielt jetzt seine übliche Ansprache. Das tut er immer zweimal am Tag, einmal am Morgen und am Abend, aber manchmal fallen seine Reden auch sehr kurz aus. Diesmal aber nicht. Diesmal gibt es viel zu sagen.
      "Wenn wir den 3-Tages-Marsch hinter uns haben, werde ich alle Wachen auf strikte Posten verteilen. Wir werden ab dann in geordneter Formation marschieren und unsere Waffen griffbereit halten. Wir sind jetzt nicht mehr an der Grenze draußen, zu der sich eh niemand mehr hintraut; Das hier ist schon Feindesgebiet. Wir sind hier nicht mehr Zuhause und deshalb wird uns niemand willkommen heißen. Ich verlange von jedem von euch stetige Wachsamkeit und ein Auge auf seinen Nachbarn. Ab übermorgen werden wir das Essen rationieren."
      Ein allgemeines Stöhnen fährt durch die Gruppe und Zoras bekundet das mit einem scharfen Blick. Er ist groß und schlank unser Anführer, aber er hat Augen wie ein Adler. In einem Kampf, denke ich, würde er wohl kaum auf Kraft, sondern Intelligenz zurückgreifen. Ich habe ihn aber auch noch nie kämpfen gesehen; Nur die Älteren, die, die noch andere Zeiten mit Zoras erlebt haben, können von seinen wirklichen Taten erzählen. Hinter Zoras, bei seiner Frau Halgre, zieht seine 16 jährige Tochter Lyse ein grimmiges Gesicht. Ich kann Lyse nicht leiden. Und das hat seinen Grund.
      "Wir sind alle erschüttert von dem plötzlichen Tod von Remmann, aber das soll uns nicht aufhalten. In den nächsten Tagen werde ich mir all jene Bewerber anhören, die sich um den freien Platz des Spähers bemühen. Bevor wir uns aber nicht niedergelassen haben, bleibt unsere Spähertruppe bei 7 Personen. Das bedeutet, dass ich fortan nur noch 3 von ihnen als Jäger entbehren kann - deswegen werden wir das Essen rationieren. Uns kann jederzeit ein 3-Tages-Sturm ereilen und darauf müssen wir eher vorbereitet sein, als etwas Hunger zwischendrin. Ich denke, ihr könnt das alle nachvollziehen."
      Ich, und auch ein paar andere, nicken stumm. Der Rest schaut eher missmutig drein, auch wenn ich das teils durch die Tücher vor den Gesichtern nicht richtig erkennen kann. Wir tragen alle weiße Leinen vor den Gesichtern, die uns vor der Kälte und dem Schnee schützen. Mit den durchgehend hellen Fellen und den hellen Haaren, sehen wir wie Brüder und Schwestern aus. Nur die Eisbären, also die, die damals in einem anderen Stamm aufgewachsen sind als bei den Eisspitzen, die besitzen noch richtig weiße Haare, so wie ich. Der Rest hat eher ein helles Blond. Meine Mutter erzählte mir einst, als ich noch ein kleines Kind war, dass die blonden eher sterben, weil man sie im Schnee besser sieht, deshalb sollte ich immer glücklich um meine weißen Haare sein. Und meine Ur-Großmutter, die schon ein stolzes Alter von 50 Jahren erreicht hatte, hatte mir einmal flüsternd erzählt, dass es auch Menschen mit braunen und schwarzen Haaren geben soll. Aber das habe ich ihr nie wirklich geglaubt. Die werden doch im Schnee sofort gesehen und getötet.

      Zoras redet noch eine Weile von allen wichtigen Ressourcen, die wir benötigen und lagern müssen, und teilt dann mich, Merik und Rytoran als Jäger ein. Die anderen vier setzen sich darauf gleich in Bewegung und satteln ihre Büffel, die am Ende der Zeltreihen ihre Köpfe in den Schnee gesteckt haben und dort nach Gras knabbern. Sie haben allesamt langes, weißes Fell und Hörner, die einem von den Fingerspitzen bis zu den Achseln reichen. Aber sie sind alle fromm und lieb und bisher hatte es mit ihnen noch keinen einzigen Unfall gegeben.
      Auch ich setze mich ab und gehe zu meinem Tier, das mir schon mit dunklen Augen entgegen stiert. Hinter mir höre ich Merik abwertend pfeifen, während er mir folgt.
      "Jäger, pah. Als ob wir nicht zu was besserem gut sind, als irgendwelche Spuren zu verfolgen."
      "Irgendjemand muss das Essen heimbringen." Ich schnüre den Sattel fest.
      "Ja, aber doch nicht wir. Wenn du mich fragst, machen uns andere Stämme viel mehr Ärger als das bisschen Hunger. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren."
      Auch er zäumt sein Reittier und Rytoran kommt hinter ihm angeschlendert, aber der hünenhafte Mann sagt nichts. Er bindet nur sein Seil um die Hörner seines Büffels und steigt auf. Ich klettere auch nach oben und werfe von dort aus einen letzten Blick über das Lager. Die ersten Zelte werden bereits zusammengeräumt und auf den Packbüffeln verstaut, die man nicht als normale Reittiere verwendet. Wir haben gerade mal noch zwei Dutzend Büffel, davon gehen 7 an die Späher, 12 an die Wachleute und der Rest wird abgewechselt. Ich finde das manchmal ein bisschen erbärmlich und frage mich, ob andere Stämme auch unter einer solchen Büffelnot leiden. Aber dann frage ich mich automatisch, ob sie uns dann überlegen wären, wenn sie es nicht täten, und diese Gedanken lassen mich zweifeln. Werden wir wirklich gegen einen anderen Stamm ankommen? Ich weiß es nicht. Ich möchte es eigentlich gar nicht wissen, aber es wird passieren.
      "Gehen wir erstmal zu den Hügeln da hinten? Vielleicht lassen sich da ein paar Höhlen finden. Oder sogar ein ganzes Vogelsnest."
      Merik und ich nicken zustimmend und dann lenken wir unsere Tiere auch schon weg von der Gruppe und hinaus in die weite Landschaft, die keinen anderen Farbton als weiß bietet und von sanften Schneeflocken begossen wird.
    • Das größte Problem gerade ist, einen angemessenen Plan zu schmieden, der zu den gegebenen Umständen passt und entsprechend umgesetzt werden kann. Meine Ausgangssituation schaut offen gesagt ziemlich mau aus, denn im Grunde weiß ich gar nichts über sie. Überhaupt stellt es sich schon als schwer genug dar, Ruhe zu bewahren, wo ich doch ein so dringendes Bedürfnis verspüre, einfach meinen Instinkten zu vertrauen und die ganze Angelegenheit anzugehen. Aber was überhaupt will ich eigentlich erreichen? Eine kämpferische Auseinandersetzung steht höchst wahrscheinlich außer Frage und ist nur eine Notlösung. Auch wenn ich hier schon eine Weile inzwischen bin, so ist das unberechenbare Klima noch immer schwer für mich einzuschätzen und wenn man vom Jagen von Tieren absah, habe ich noch nie außerhalb Garmkeschs zur Waffe gegriffen. Dazu kommt noch, dass ich mich körperlich nicht auf dem Gipfel meiner Stärke befinde, um nicht gleich zu sagen auf dem absteigenden Ast. Nur Gott kann mir sagen, ob meine Tatbereitschaft tatsächlich lange genug halten wird, um mein schwächelndes Selbst voranzubringen, oder ich doch zunächst gegen die Krankheiten in mir vorgehen müsse. Doch auch wenn all dies kein Hindernis für mich wäre, so bleibt immer noch die unerfreuliche Wahrheit, dass meine Seite aus nur einem Mann, nämlich mir, besteht, während die Fremden zahlenmäßig weit überlegen sind. Einmal mehr wird mir dadurch bewusst, dass dies kein Vergleich zu meiner Heimat ist, wo ich meist neben anderen Soldaten die Macht darstellte und vereinzelte Verbrecher binnen kürzester Zeit dingfest machte. Diesmal sind jedoch die Rollen völlig vertauscht, ich bin derjenige, der in der Ordnung um seinetwillen Chaos herbeibringen wird.

      Natürlich ist es nicht mein Bestreben, andere auf mich aufmerksam zu machen. Was immer ich auch zu tun gedenke, es muss unauffällig geschehen. Wichtiger als ein sinnloses Blutvergießen ist noch immer meine eigentliche Aufgabe und um diese zu erfüllen, brauche ich erstmal Informationen. Die Menschen auf der anderen Seite des Hügels scheinen die Gegend außerhalb definitiv besser zu kennen als ich und das macht sie somit zu einer guten Wissensquelle. Wie sind diese Leute nur dazu in der Lage, so lange hier zu verweilen? Werden die gar nicht krank? Ich muss unbedingt in Erfahrung bringen, was es mit alledem auf sich hat! Jetzt stellt sich nur noch die Frage, auf welche Weise ich das am besten anstellen kann. Im Minutentakt blicke ich vorsichtig mit meinem Kopf hoch und nutze das Fernrohr, um das Geschehen zu verfolgen, in der Hoffnung, es würde mich ein Geistesblitz dadurch ereilen, während ich eifrig zum Essen greife und für das jetzige Mahl so viel bereitlege, wie ich normalerweise in zwei ganzen Tagen esse um zumindest gewappnet zu sein für das, was möglicherweise anstehen könnte.

      Nach einer kleinen Weile tut sich sodann endlich was bei den Eismenschen. Es macht den Anschein, als wolle man die spärlichen Zelte wegräumen und die Büffel damit beladen. Haben die etwa vor von hier wegzuziehen? Das wäre ungünstig, wenn deren zurückzulegende Strecke besonders weit ausfällt. Einmal weiß ich nicht wohin es sie hintreibt und dann natürlich, ob ich da überhaupt mithalten könnte. Die Gegend hier ist zu meinem Vorteil sehr uneben und besitzt viele Höhungen, die eine ideale Lage zum Verstecken darbieten. Auf einem rein undichten Feld würde man mich definitiv sehen, wenn ich in Sichtweite zu sein beabsichtige – wobei das voraussetzt, dass sie über ein ähnliches Fernglas wie ich verfügen, doch ich will es nicht drauf anlegen.
      Dann jedoch horche ich kurz auf, als ich eine andere Entwicklung beobachte als anfangs noch angenommen. Nun, zumindest in Teilen. Während all die anderen ihrer erwarteten Beschäftigung nachgehen, scheinen drei von ihnen etwas anderes zu beabsichtigen. Ein Hüne, ein etwas fülligerer Kerl und Du. Gespannt schaue ich zu euch rüber und muss sodann feststellen, dass ihr in meine Richtung reitet. Wurde ich etwa bemerkt? Nein, das kann nicht sein. Vielleicht seid ihr eine Art Vorreiter-Trupp? Wer hätte gedacht, dass es außerhalb auch so etwas wie ein strategisches Bewusstsein gibt? Nun, was auch immer es letzten Endes sein mag, dies könnte eine Chance für mich sein, die ich mir gewiss nicht entgehen lassen werde. Drei Leute versprechen zwar nach wie vor keinen Erfolg, doch ist es besser als eine ganze Kolonne. Die größten Hürden sind mit Sicherheit die zwei Männer und wenn es möglich ist, werde ich versuchen eine Konfrontation mit ihnen zu vermeiden. Du wiederum bist eine Frau, das sollte schlimmstenfalls selbst bei jemand Erkranktes wie mir nicht mehr als ein kaum ernstzunehmendes Gerangel hervorrufen.
      Es war eine weise Entscheidung von meinem ehrwürdigen König, sich bei der Kapuzenrobe dafür zu entscheiden, die Innenseite in einer pechschwarzen Farbe anzufertigen, denke ich mir, während ich das Bekleidungsstück neu um mich binde. Ein Blutrot könnte sich als zu bemerkbar erweisen, sollte man irgendwie doch auf mich aufmerksam werden, während ich mich der kleinen Gruppe nähere. Die beendete Mahlzeit ist sodann auch für mich das Zeichen, das Pferd zu besteigen und mich auf zu machen…
    • Eine Stunde dauert es nur und von den anderen ist bereits niemand mehr zu sehen. Der fallende Schnee hat sie hinter seiner unsichtbaren Wand versteckt und würde sie dort auch bis zum Abend nicht mehr hervorlassen, bis wir ihren Spuren gefolgt und wieder zu ihnen gestoßen sind. Bis dahin gibt es erstmal nichts weiter als uns drei und den Schnee, den immerzu fallenden Schnee, der unsere Felle erschwert und sich seinen Weg unter unsere Kleidung zu bahnen versucht. Aber das schafft er nicht; Zwischen der obersten Lage der Felle, der mittleren Lage der Tierhäute und der untersten der Leinen gibt es keine Lücke, keine einzige Chance, um auch nur einen einzigen Tropfen durchzulassen. Selbst die Tücher vor unseren Gesichtern bewahren Mund und Nase, auch wenn die Augen offen bleiben. Wir haben spezielle Brillen für den Schnee, der mit Wucht und unbarmherzig bei einem Sturm vom Himmel fällt, die durch und durch aus Plastik bestehen und selbst den Schnee von den Augen fern halten, während man selbst noch sehen kann. Von Zoras habe ich damals gelernt, dass diese speziellen Brillen wohl damals in "Laboren" benutzt worden sind und ihr einzigartiges Material dafür gesorgt hat, dass viele von ihnen heutzutage noch intakt sind. Ich kann mir zwar nichts unter einem Labor vorstellen und auch nicht, wie ein Mensch jemals solche Brillen tragen würde, wenn es nicht darum geht den Schnee fernzuhalten, aber ich schaue zu Zoras auf und hinterfrage deshalb seine Worte nicht. Sie tun ihren Zweck und mehr will ich gar nicht.

      Der Ritt verläuft größtenteils schweigend und während ich noch darauf warte, dass Merik bald das Zeichen gibt dass wir uns aufteilen, mustere ich die Gegend vor uns. Der Schnee auf dem Boden ist ganz glatt und flockig, ein unmissverständliches Zeichen, dass in der letzten Woche niemand dort entlang gegangen ist. Zwar weiß auch ich mittlerweile um die tödliche Gefahr der Maulwürfe, die sich unter einer so harmlos scheinenden Schicht verbergen und herausspringen, um ihre Opfer von unten aufzuschlitzen, aber dabei vertraue ich meinem Büffel, dessen einziger Lebenszweck dazu dient den ganzen Tag in diesem Schnee zu überleben. Sein Kopf ist stets so nah am Boden, dass er hin und wieder den Schnee vor sich aufwühlt, und ich lasse ihn das machen. Es ist mir lieber, als dass er einen dieser Maulwürfe übersehen würde.

      Als die Hügel nur noch einen kurzen Ritt entfernt sind, gibt Merik endlich das ersehnte Zeichen und die drei reiten auf selbstverständliche Art auseinander. Merik schlug den Weg links um den Hügel herum ein, Rytoran rechts und ich, die in der bisherigen Formation in der Mitte geblieben ist, reite weiter gerade aus. Für eine Weile höre ich noch ihr knisterndes Stapfen im Schnee, dann verschluckt die Umgebung auch dieses und ich bleibe allein zurück. Nun gilt es nach möglichen Höhlen Ausschau zu halten.
      Mein Büffel kämpft sich den Hügel in einem furchtbar langsamen Tempo nach oben, aber das Tier ist immer hin auch schwer und bei einem Fehltritt würde es mich unter sich begraben. Also lasse ich ihm Zeit, während er behutsam einen Huf vor den anderen setzt, immer im Zickzack, zwei Schritte nach links, zwei nach rechts und stets ein wenig aufwärts. So dauert es deutlich langsamer, aber ich helfe ihm nur, indem ich mich immer in Richtung des Aufgangs lehne. Als es an die Spitze geht wird es ein wenig flacher und so kann mein Tier auch wieder normal gehen. Einige Schritte lang geht es vorwärts, dann ganz plötzlich ziehe ich so ruckartig an den Seilen, dass das Tier mit einem protestierenden Schnauben zum Stehen kommt.

      Meine Augen sind weit aufgerissen, mein Mund in Unglauben geöffnet, als ich dich und dein merkwürdiges Tier dort oben stehen sehe, eine lange Klinge gezogen, deren spitzes Teil so lang ist, dass ich mir gar nicht erklären kann, von welchem Tier das kommen sollte. Ich starre dich an, in meiner Überraschung für den Moment erstarrt, als ich mir die Erscheinung nicht erklären kann. Das Tier, groß und lang und mit langen Beinen, hat ein so kurzes Fell, dass ich mich frage, wieso man dem armen Tier die Haare so kurz schneiden würde. Seine Schnauze ist lang und auf seinem Hals sind seine langen Haare geblieben, aber die schützen es doch nicht vor der Kälte. Ich starre wieder dich an in deinem komischen Aufzug, bei dem der Wind doch durch alle Lücken kommen muss und der du dein Gesicht nicht einmal bedeckt hast. Ich starre auf deine Haare, die dunkle Farbe, starre auf deinen Umhang, der genauso dunkel ist. Ich denke im ersten Moment nicht, dass du ein wirklicher Mensch bist, sondern ein Geist, oder eine Illusion.
    • Mein Vorsprung erweist sich als große Hilfe, wie sich herausgestellt hat. Anders als du, die völlig unwissend nach vorne schritt und diese Gestalt von einem richtigen Menschen in mir erstmals zu Gesicht bekommt, habe ich meinen Schock durch die abstruse Begegnung mit euch schon längst verarbeiten können. Ich kann mir vorstellen, was du dir gerade denkst und wie du dich fühlen musst. Sage mir, bist du so geschockt, weil du glaubst einen Feind vor dir zu haben? Ist es wegen mir selbst, weil du nicht geglaubt hast jemand anderes menschliches, würde fernab deines Stammes noch existieren? Oder ist es etwas ganz anderes? Würdest du mich eigentlich verstehen, sprechen wir dieselbe Sprache!? Oh, du glaubst nicht, wie erleichtert ich darüber bin dich vor mir zu sehen! Mit jedem weiteren Augenblick gerät mein Blut immer weiter in Wallung, für diesen einen Augenblick scheinen meine Qualen mich verlassen zu haben und jede Krankheit besiegt worden zu sein. Mir geht es gut, nein, mir geht es sehr gut, es könnte mir kaum besser gehen! Mein Name ist Kamil Akhtar, ein stolzer Soldat Garmkeschs, der für sein Volk, für sein Land und für seinen König kämpft und dazu bestimmt ist, dich auf der Stelle in Gewahrsam zu nehmen! Bei meinem Glauben als Havallid, bete ich zu Gott, dass du jene bist die man mir zur Rettung meines Heimatlandes geschickt hat! Komm zu mir, Eismensch!!!
      Geschwind schlage ich mit der Zügel heftig auf den Rücken des nachtschwarzen Pferdes und dieses weiß sofort, was es zu tun hat. Laut wiehert es und stellt sich für den Bruchteil einer Sekunde bedrohlich auf die Hinterbeine hoch, nur um dann im schnellen Tempo zu dir runter zu galoppieren. Die Stelle, auf der du dich befindest, ist zum Glück flacher als der Weg dahinter und ich brauche deshalb nicht zu befürchten, dass mein Reittier den Spurt in deine Richtung nicht bewältigen könne. Selber nehme ich die Hände weg von meinem Begleiter und greife stattdessen in meine beiden Seitentaschen, aus denen ich je einen Dolch herausziehe und diese spielerisch kurz hochwerfe. Die kurzen Waffen sind äußerst länglich und stark gebogen angefertigt wurden, sodass es sich immer noch wie ein Stoßmesser verwenden lässt, aber auch im Gleichtakt zu meinem schnellen sowie flinken Kampfstil den Bogen ausnutzbar macht, wie die vielen raschen Schnitzer durch die Kehlen anderer bewiesen haben. In unserer Heimat war es für gewöhnlich viel zu warm, als dass man auch nur den Gedanken haben könnte, so warme und feste Kleidung, wie du sie gerade trägst, zu machen. Nein, wir lieben unsere Leichtfüßigkeit und zu viel zum Tragen würde uns nur unserer Begabungen berauben. Ich kann es zwar nicht leugnen, dass in so kalten Gegenden wie dieser eine solche Philosophie einem schnell das Leben kosten kann, doch scheint das Schicksal es zumindest heute so gewollt zu haben, dass ich in der Lage bleibe von meinen Fähigkeiten zu Gänze Gebrauch zu machen.
      Mit beiden Beinen stelle ich mich auf das Pferd und gehe indessen bei völliger Körperspannung in die Hocke, darauf wartend dass ich dir nahe genug komme. Von der Sekunde an, als du mich erstmals angeblickt hast, war an deinem fassungslosen Gesichtsausdruck bereits klar für mich, bei wem das Momentum liegt. Nun gilt es nur noch die Initiative zu ergreifen, dich ruhigzustellen, bevor doch noch ein Problem aufkommt. Jetzt! Sofort springe ich von meinem Pferd zu dir nach vorne und während ich mich noch gefühlt schwebend in der Luft befinde, werfe ich den Dolch zu meiner Rechten punktgenau zwischen die Augen des Büffels und lasse mich sodann in deine Richtung fallen, ohne natürlich nicht meinen waffenlosen Arm auf Höhe deiner Schultern dafür zu nutzen, um dich mit mir auf den kaltnassen Schneeboden zu werfen. Hastig will ich mich daraufhin aufrichten, mit einem einfachen Stoß wird es sich auch bei einer bloßen Frau nicht getan haben!
    • Ich kann es mir nicht erklären. Der Mann, den ich da vor mir sehe, passt mit nichts in das unendliche Weiß der Landschaft, nichts an deinem Körper ist hell. Stammst du etwa nicht von hier?, frage ich mich, während ich dein dunkles Tier anstarre, das mir so bedrohlich vorkommt, obwohl es noch nicht einmal lange Zähne aufweist. Hat es in dem Schnee, wo ich es nicht sehen kann, etwa lange Krallen? Kämpft es auf zwei Beinen, so wie ein Bär? Wieso ist es so dunkel? Wieso hat die beiden noch nichts angegriffen? Meine Fragen werden zumindest für einen Teil beantwortet, als das Tier seine Vorderläufe hebt und dann mit einem rasanten Tempo auf mich zugeschossen kommt. Da ist es auch um meine anfängliche Starre geschehen. Ich reiße die Seile des Büffels herum und er schnaubt erneut, senkt seinen Kopf um dein Tier mit seinen Hörnern aufzuspießen, aber dann geschieht alles so schnell, dass ich noch nicht einmal Zeit habe zu meiner Waffe zu greifen. Ich sehe dich aufstehen, in die Luft springen und sehe auch das Blitzen deiner merkwürdigen Waffen, die mir so klein und krumm erscheinen, aber du bist viel schneller, als ich es mir jemals bei einem Lebewesen erträumt hätte. In der einen Sekunde, die du brauchst bevor du dein Ziel erreichst, wird mir klar, dass du dich nicht vom Schnee beeinflussen lässt, dass nicht du derjenige bist, der sich an seine Umgebung anpasst, sondern dass du sie an dich anpasst, dass du dich nicht von kaltem, weißen Matsch beeinflussen lässt. Ich reiße die Arme empor, höre ein gequältes Brüllen meines Tieres und dann erreichst du mich schon und ziehst mich mit deiner Wucht nach hinten. Wir fallen beide in den Schnee, ich schreie kurz auf, aber nicht aus Schmerz oder Angst, sondern aus Überraschung von dem, was dort gerade mit mir geschehen ist. Der Aufprall drückt mir die Luft aus den Lungen und in meinem Kopf klingelt es, aber ich bin noch so sehr bei Sinnen, dass ich meinen Arm empor reiße und dein Handgelenk zu fassen bekomme, bevor du mir mit einer deiner merkwürdigen Waffe an die Kehle könntest. Du bist so dünn, so wie wir anderen auch, aber auf eine andere Art, nicht die Art wie wir dünn werden wenn wir eine Woche nichts essen, sondern auf eine schwache Art. Eine kranke Art. Ich merke es an deiner Kraft und deiner Bewegung, denn so wie andere Frauen auch habe ich mein halbes Leben damit verbracht, mich unter Männern hervorzuwinden und sie davon abzuhalten, mir die Felle vom Leib zu reißen. Die Bewegungen sind in meinen Muskeln einstudiert, während ich deinen Arm nach hinten reiße und dich mit einem gezielten Tritt in den Bauch schnell von mir herunter befördere. Du landest weiter hinten am Hang, dort, wo es bereits anfängt wieder steiler zu werden, und ich raffe mich schnell auf, um dich zu mir zu ziehen, denn ich will nicht dass du dort hinunterfällst, ich will wissen wer du bist und woher du kommst und was dein schwarzes Tier ist. Aber da fällt an uns vorbei schon der massive Körper meines Büffels, ich sehe kurz den Griff dieser komischen Waffe aus dessen Kopf ragen, und er wirbelt den ganzen Schnee auf, durch den er fällt. Ich will mich schnell nach oben retten, hoch zur Spitze, denn ich weiß aus meiner Erfahrung und einem Leben im Schnee, was gleich kommt, doch da löst sich der Schnee unter mir bereits und nimmt mir den Halt. Auch an deiner Stelle löst sich die Lawine und wir werden beide nach unten getrieben, fallen den Hang hinab, um uns herum überall Schnee, nichts, an dem wir uns festhalten können. Der Aufprall ist zu viel für mich, denn auch wenn wir den größten Teil herunter gerollt sind, so sind wir das letzte Stück gefallen, und ich spüre es knacken in meinem Arm, bevor mein Kopf aufschlägt und mich in eine tiefe Dunkelheit zieht.

      Als meine Sinne zurückkommen merke ich, dass ich keine Luft bekomme, und das wird es auch gewesen sein, was mich aufgeweckt hat. Ich drehe mich, spüre um mich herum nichts als Schnee und kämpfe mich dann nach oben, durchbreche die Oberfläche und schnappe nach Luft, meine Lunge wird von einem Husten erschüttert. Mein Tuch habe ich verloren, das merke ich daran wie kalt es an meinen Wangen ist, und mein Körper tut weh, aber ich kämpfe mich weiter empor, ziehe mich aus dem Schnee heraus. Dort bleibe ich für einen Moment liegen, keuchend, noch zu benommen aufzustehen.
    • Bist du wirklich eine normale Frau? Bis eben lief alles noch so wie ich es mir ausgemalt habe, vom Ritt, bis zum Sprung und dem darauffolgenden Angriff auf dein Tier und dich selbst. Ich bin zwar von einem Maß an Gegenwehr auch bei dir ausgegangen und der entscheidende Moment kam auch sodann, während wir im Schnee lagen, doch dein kraftvoller Tritt gegen meine Magengrube wirft mich mit schmerzverzerrtem Gesicht weit von dir zurück. Kurz versuche ich mich zu sammeln, denn einen solchen Widerstand habe ich wahrlich nicht erwartet. Für gewöhnlich gelten bei uns Damen als zarte Geschöpfe und keine wilden Furien, die ihre Gliedmaßen auf ähnliche gewaltbereite Weise verwenden würden wie ein Kerl. Vielleicht sollte das aber gar nicht mal so verwunderlich sein, schließlich bist du von außerhalb. Und alles fernab unserer Grenzen gilt als gefährlich, wild und vor allem menschenablehnend. Mag sein, dass dein Aussehen dem eines Menschen nahekommst, aber letzten Endes wird es seinen Grund haben, weshalb du nicht aus meiner Heimat stammst und stattdessen in diesem Niemandsland weilst. Du bist genauso wie die vielen anderen, die versucht haben in unser Land einzutreten und für ihre anmaßendes Flehen mit dem Tode bestraft wurden. Deine bloße Existenz in dieser Eiswüste macht dich nicht besser als ein dummes Tier und deshalb werde ich dich von jetzt an als ein solches sehen.
      Eilig stelle ich mich wieder auf und versuche dich ausfindig zu machen, nur um dich dann dabei zu beobachten wie du von mir davonzulaufen scheinst. Eine Fehleinschätzung, die ich zunächst nicht bemerke, da mein nur von Adrenalin getriebener, jedoch äußerst schwacher Körper nicht mehr über die Klarsicht verfügt, um meinen Fokus von dir auf dein fallendes Reittier umzulenken, dass immer schneller in meine Richtung fällt. Doch ein verendender Büffel soll mich nicht von meiner Aufgabe behindern, daher stecke ich meinen verbleibenden Dolch ein und beginne hochzulaufen, bis mir schließlich doch auffällt, dass hier etwas nicht stimmt. Ich komme irgendwie nicht voran, mehr noch, ich rutsche weiter nach hinten! Was ist das nur? Gehetzt schaue ich mich um, ein dumpfes, bröckelndes Geräusch ist zu vernehmen, dass immer lauter zu werden scheint. Erst dann gucke ich auf meine Füße und erkenne, dass es das nachgebende Eis ist, dass mich meines Gleichgewichts beraubt. Was hat das nur zu bedeuten? Der Boden bricht? Ich werde panisch, mein Blick wandert hoch zum Gipfel des Hügels und ich muss erschreckt feststellen, dass nicht nur ich davon betroffen bin. Eine riesige Fläche an Schnee hat sich gelöst und dich mindestens genauso sehr in Schwierigkeiten gebracht wie mich. Es wird einmal mehr deutlich, wie unvorbereitet ich für dieses Klima doch bin, denn niemals hätte ich mir erträumen können, dass so etwas passieren könnte. In all den Wochen ist das nicht einmal geschehen, doch warum ausgerechnet jetzt, vor den Augen meines Hoffnungsschimmers? Wird es das für mich gewesen sein?

      Ich fühle mich erschöpft und schläfrig, als ich zaghaft meine Augen öffne und mich versuche daran zu erinnern, was passiert ist. Das knallende Sonnenlicht erwärmt mich, ich glaube, dass ich das vermisst habe. Ich will mich aufrichten, doch irgendwie ist mir das nicht möglich, weshalb ich nur meinen Kopf zur Seite drehe um mich umzusehen. Wo bin ich nur? Der Boden ist seltsam weiß – ah, das ist doch dieses Schnee von letztens. Ich muss mich wohl noch außerhalb befinden. Ein starker Wind weht und lässt meine Kleidung unruhig werden, doch selber spüre ich davon nichts. Es ist mir auf eine seltsame Weise völlig gleichgültig, dass ich auf dem Weiß liege. Mir ist ja nicht kalt, im Gegenteil. Das ist komisch, noch komischer als dass mich das alles gar nicht erst interessiert. Weshalb das wohl so ist? Bin ich gerade ernsthaft dabei mein fehlendes Interesse zu hinterfragen? Zeugt das nicht von… Interesse? Warum überhaupt denke ich über solch unsinniges Zeug nach, bin ich etwa auf den Kopf gefallen? Nein, aber da – warte. Fallen? Hm. Da war doch was, aber was? Ich glaube, das ist wichtig. Bin ich etwa wirklich gefallen? Wann? Und wie? Verdammt, ich will das wissen. Kann mir hier einer helfen? Offenbar ist nichts in meiner linken Seite zu sehen, vielleicht habe ich ja mehr Erfolg auf der anderen? Mühsam schwenke ich meinen schweren Schädel dorthin und will nach etwas Ausschau halten, dass mir nützlich sein kann. Hingegen ist auch da nichts zu finden wie es aussieht. Lediglich eine riesige Mauer ist dort, auf die ich einen guten Blick habe. Da mir offensichtlich nicht viel bleibt für den Moment, will ich mich mit dem beschäftigen was mir dargeboten wird, weshalb ich etwas detaillierter das Gebilde begutachte. Die vielen großen Eisspitzen an den Rändern deuten darauf hin, dass es schon ziemlich zugefroren sein muss. Schade eigentlich, denn selbst mit den Augen eines Laien wird klar ersichtlich, dass sehr viel Arbeit darin steckte. Die perfekt zugeschnittenen Gesteine, die Stück für Stück aufeinander gleichmäßig liegen und die künstlerisch äußerst ansehnlichen Anfertigungen von Falkenstatuen, die vom einen Ende bis zum anderen, bei einer wiederholenden Mannsbreite von zehn Personen platziert wurden. Das beeindruckende Tor in der Mitte, dass einem die immense Wichtigkeit des sich dahinter befindenden deutlich machte. Ich lache zwar äußerst wenig, doch kann ich mir diesmal zumindest ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Die ganze Vorrichtung sieht fast so aus wie die in meiner Heimat. Heimat? Mein Gesicht wird mit einem Mal völlig blass, als ich anfange zu realisieren, was sich genau vor meinen Augen befindet. Das Tor, die Statuen, das Gestein – es ist alles völlig identisch, zweifelsohne, ich befinde mich in Garmkesch! Und es ist zugefroren! Laut schreie ich auf, doch kann ich meine Stimme nicht hören. Was ist nur los, habe ich es etwa nicht geschafft? Sind alle gestorben? So helft mir doch einer! Bittere Tränen rennen seitlich mein Gesicht hinunter, meine Familie, meine Freunde, mein ganzes Land, es ist alles weg und es gibt nichts, dass ich tun kann. Wie konnte ich das nur zulassen? Wenn die anderen weggereisten Soldaten es nicht geschafft haben, dann hätte doch wenigstens ich mich darum kümmern können, es war doch immerhin meine Pflicht! Und sieh nur an was du nun angerichtet hast! Es ist eine Strafe, die dich dein ganzes Leben lang begleiten wird, weil du deiner Aufgabe nicht würdig gewesen bist! Oh, wenn ich doch nur alles rückgängig machen und meine Fehler ausmerzen könnte. Es ist so gekommen, weil ich gefallen bin! Dieser verdammte Eisbruch, ich erinnere mich! Ich erinnere mich vollständig! Diese Frau und ihr Tier, der Hügel. Jede Einzelheit wird mir wieder einverleibt und ich weiß wieder, dass ich mich zuletzt im freien Sturzflug befand. Habe ich das etwa nicht überleben können? Bin ich tot? Das ist aber weder der Himmel, noch die Hölle, die sieht anders aus! Bedeutet das, ich lebe doch noch? Befinde ich mich an der Schwelle zum nächsten Leben? Wenn das so ist, soll heute noch nicht mein Ende kommen. Heute ist nicht der Tag, an dem ich sterben werde. Diese Wärme hier, diese Umgebung, das ist alles nur ein Trug! Es besteht noch Hoffnung! WACH AUF!

      Ich fühle mich erschöpft und schläfrig, als ich zaghaft meine Augen öffne und mich versuche daran zu erinnern, was passiert ist. Es ist eisig kalt, jede Faser meines Körpers schmerzt, doch bin ich erleichtert darüber. Das hier ist definitiv echt. Etwas benommen vom Sturz blicke ich mich sodann um, als ich mir anmerke, wie meine Beine im Schnee vergraben sind. Neben mir befindet sich der Büffel, das viele Blut, dass von der von mir gegebenen Wunde hinuntergeflossen ist, muss wohl heißen, dass es bereits gestorben ist. Vielleicht hat es aber auch einfach den freien Fall nicht überstanden. Mit größter Anstrengung wische ich den Schnee zur Seite und stelle mich behutsam auf, ich habe mir glücklicherweise nichts gebrochen. Während ich zum erlegten Reittier schreite um meinen Dolch aus es rauszubekommen und wieder bei mir zu verstauen, bin ich am überlegen was aus dir wohl geworden ist. Du kannst nicht allzu weit weg sein, vorausgesetzt du hast mein hoffentlich geflüchtetes Pferd nicht in die Finger bekommen können. Das muss ich im Übrigen auch noch unbedingt finden, da ich auf jenes wichtige Gebrauchsmittel verstaut habe, ohne die ich aufgeschmissen wäre. Momentan stehe ich am Fuße des Hügels und auch wenn ich mich in einer misslichen Lage befinde, so hätte es schlimmer sein können. Die Mittagssonne scheint noch, also habe ich nicht mehr als zwei Stunden verloren. Bei dem Ausmaß dieses Eisfalles werden deine Kameraden vermutlich sofort von der Begebenheit erfahren haben und wenn sie beabsichtigten, dich sofort zu suchen, dürfte ich noch etwa eine Stunde vor ihnen liegen. Jetzt ist aber das Problem, dass ich zu Fuß unterwegs sein werde – und außerdem muss ich dich vorher noch finden und es ist nicht davon auszugehen, dass du mir stillschweigend folgen wirst. Ein Rennen gegen die Zeit also. Eindeutig keine einfache Situation, aber lieber nehme ich diese Chance, anstatt den Traum aus meiner Nahtoderfahrung Realität werden zu lassen.

      Wie durch ein Wunder erweist sich die Suche nach dir als nicht mehr notwendig, denn am Ende bist du es, die mir praktisch direkt vor die Füße läuft. Aus einem Schneeberg kriechst du hervor, merkbar angeschlagen und offenbar nahe der eigenen Grenzen. Eine Einladung an mich, die ich nicht ausschlagen werde, als ich mit bestimmten Schritten dir näherkomme. Bedrohlich drücken meine Schuhe sich in das Schnee hinein und ich erahne bereits, dass ich meine Teilaufgabe erreicht habe. Langsam und entschieden hebe ich meinen rechten Arm nach oben und nehme den Griff meines Schwertes feste in die Hand. Ich starre dir in die Augen, will dir zu verkennen geben, dass du nichts Unkluges versuchen solltest, wenn dir noch etwas an dieser Welt außerhalb liegt, obgleich es mich nicht verwundern würde, wenn dem nicht so wäre. Bis ich bei dir endgültig ankomme und vor dir stehe, habe ich mein Schwert bereits herausgezückt und die scharfe Spitze vor dein Hals anvisiert. Eingehend mustere ich dich nochmals aus nächster Nähe an. Weiße Haare und doch ein so junges Gesicht, vielleicht in meinem Alter sogar, obwohl mein Bart inzwischen so stark nachgewachsen ist, dass ich auch als jemand nahe der 40 durchgehen könnte. Dein ganzes Wesen ist mir ein Rätsel und schon bald werde ich all meine Antworten von dir bekommen. Für den Moment musst du jedoch schlafen, Eismensch. Unbarmherzig setze ich mich auf deine Beine und lege das Schwert zur Seite, sodass ich dir wenig später eine scharfe Gerade gegen deine Schläfe geben kann, die dich fürs Erste bewegungsunfähig machen sollte. Es ist dabei äußerst bedauerlich, dass sich mein Seil auf dem Pferd befindet, weshalb ich notgedrungen improvisieren muss. Zum Festbinden deiner Hände hinter dem Rücken verwende ich meinen Schal und als sei das nicht genug, nehme ich die Robe und tue dasselbe mit deinem Körper, während ich das fallende Ende des Kleidungsstückes über meinen Rücken zum Ziehen hänge. Ich werde bei meinem König für das Besudeln der Ausrüstung um Vergebung bitten müssen, doch habe ich keine Zeit mehr zu vergeuden. Ich werde schon langsam genug durch dich sein und muss noch dazu Ausschau nach Verfolgern halten, mal ganz zu schweigen davon, dass ich nun noch stärker der Kälte ausgesetzt bin. Es gilt eine Höhle auf der hinteren Seite des Hügels neben dem, von welchem wir gefallen sind, zu finden, um aus dem Sichtfeld der Vorreiter zu kommen. Außerdem habe ich meine Pause lange genug aufgeschoben, das Fieber ist von dem ereignisreichen Fall merklich gestiegen…

      Wenn es eines gibt, dass ich bis zu meinem Ableben nie mehr wieder machen möchte, dann ist es eine solch mühsame Flucht. Ich hätte dir deine Bekleidung entnehmen müssen, denn gerade wiegst du vielleicht so viel wie ich es tun würde. Dich dann noch unter Schwerstbedingungen steil hochzuziehen und bei Bedarf meine Faust dazu zu verwenden, um zumindest das in Ruhe zu bewerkstelligen; Ständig muss ich eine Pause einlegen, um noch das letzte Bisschen an verfügbarer Stärke aus mir hervorzubringen. Meine Arme, Füße und das Gesicht sind übersät mit Frostbeulen, dabei ist mir selber unglaublich heiß. Erst gegen Nachmittag gelingt es mir uns hinter den Hügel zu bringen, da ich nur den sichersten Weg nehmen konnte um auch ja nicht bemerkt zu werden. Als dann der Abend anbricht und ein Schneesturm aufkommt, bin ich zwar einerseits zuversichtlich, dass uns keiner mehr finden würde, hingegen ist das Finden einer zeitweisen Bleibe die nächstgrößere Sorge. Bis spät in die Nacht brauche ich um letzten Endes das zu finden, was ich begehrt habe und kaum ist das geschehen, falle ich sofort zu Boden und schlafe tief und fest…

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    • Ich sehe dich auf mich zukommen und mein animalischer Instinkt bewegt mich dazu mich aufzurichten, in die Höhe zu drücken und einen festen Boden zu gewinnen. Aber mein Kopf ist noch nicht soweit, er pocht von unserem Aufprall auf dem Hügel und dem nachfolgenden Sturz, ich lasse mich wieder zurücksinken als du ankommst, deine festen Schritte lassen keine Zweifel, dass mehr Kräfte in dir schlummern als es den Anschein hat. Ich habe schon früh gelernt meine Niederlage zu erkennen, mich zu unterwerfen und meine Kraft zu geeigneter Zeit zu sammeln, so habe ich bisher überlebt, so überlebt der Vogel mit den gebrochenen Flügeln, der sich einem Bären gegenüber sieht. Denn auch ohne Flügel hat er Krallen und seinen Schnabel, mit dem er kämpfen kann, aber der Bär sieht meist nur die Flügel, erkennt die Schwäche und wird überheblich, vergisst, dass auch der Vogel woanders seine Beute schlägt. Diesen Eindruck will auch ich erwecken, den des gebrochenen Beutetiers, das der Kampfgeist verlassen hat. Aber ich vertraue auf meine Fähigkeiten, ich weiß, dass mich meine Kraft nicht im Stich lassen wird, wenn ich sie wirklich brauche. Aber jetzt gebe ich mich geschlagen, hebe in abwehrender Haltung meine Hände, zeige dir, dass ich nicht zu meiner Waffe greife, die unter meinem Oberfell schlummert, aber es hält dich nicht von mir fern. Du bedrohst mich mit deinem komisch langen Zahn und bevor ich überhaupt begreife was du vorhast, versinkt die Welt um mich herum in einer trüben Dunkelheit.

      Als ich wieder zu mir komme, bleibe ich regungslos liegen, die Augen geschlossen, den Mund in vermeintlicher Bewusstlosigkeit halb geöffnet. Meine Wangen brennen von der Kälte, mein Arm schmerzt, mein Kopf dröhnt, die Seite, auf der ich liege, fühlt sich ganz taub an. Aber ich rege mich nicht, bewege mich kein Stück, halte den Atem flach, setze periodisch damit aus um meinen Herzschlag tief zu halten. Ich lausche.
      Bist du noch da? Was ist passiert? Als ich auch nach einer gefühlten Ewigkeit nichts höre als das Jaulen des Windes, der mich mit seinen eiskalten Klauen nicht einmal an der Wange streicht, sehe ich mich gezwungen die Augen zu öffnen. Ganz langsam nur, in ständiger Vorsicht, dass du mich beobachten könntest, öffne ich sie zu kleinen Schlitzen. Um mich herum sehe ich nichts, es dauert eine Weile, bis ich die eisernen Wände einer Höhle ausmachen kann und dich, der neben mir liegt. Ich erstarre zunächst merke aber schnell, dass du nicht bei Sinnen bist. Dein Gesicht ist rot, ich sehe unzählige Frostbeulen hervorragen, und deine Lider flackern unruhig, als würdest du an einem Albtraum leiden. Ich rege mich ein wenig, versuche mich aufzurichten - aber es geht nicht. Meine Hände lassen sich an meinem Rücken nicht bewegen und ich verfluche dich und deine grausame Art, jemanden um sein Leben bringen zu wollen. Gefesselte Hände sind gefährlich in einer Landschaft, in der jede Sekunde ein Eiswolf hervorstürmen und sich durch seine Kleidung fressen kann, es ist gefährlich gefesselte Hände zu haben, wenn jede Sekunde ein Sturm aufkommen und einen von den Füßen reißen kann. Ich kämpfe mich in die Hocke, zerre an den Fesseln, merke, dass sie ein wenig nachgeben, aber eben nicht locker werden. Aber irgendetwas sagt mir, dass das gar nicht in deiner Absicht lag. Wieso hast du es dann nur gemacht? Ich verfluche dich ein weiteres Mal.
      Von draußen kommt der Wind nicht hinein, aber hin und wieder regnen ein paar Flocken vor den Eingang und ich behalte ihn durchgehend im Auge, in der Angst, eine Lawine könnte ihn verschütten. Ich denke an Merik und Rytoran, frage mich ob sie mittlerweile die anderen wiedergefunden haben oder in diesem Sturm voran zu kommen versuchen. Ich weiß, dass ich so schnell wie möglich zu ihnen aufschließen muss, denn ich sorge mich zwar nicht ihre Spur zu verlieren, in dem Schnee wird sie noch eine Woche lang auszufinden sein, aber ich möchte nicht die Nächte frierend in Höhlen verbringen. Außerdem macht sich nun die Angst in mir breit, selbst einem anderen Stamm in die Arme zu laufen, denn dann wäre es sicherlich um mich geschehen.
      Ich muss dort hinaus.
      Mir fällt deine Waffe wieder ein, der merkwürdig lange Zahn, den ich noch nie bei einem Tier gesehen habe. Vor allem aber fällt mir die scharfe Spitze ein, die flache Kante, diese Gefahr, die davon ausging. Wenn ich mich befreien will, dann nur damit.
      Ich sehe wieder hinab auf dich, beobachte deinen unruhigen Schlaf, mustere deine roten Wangen. Auch ich kann zwischen gesund und krank unterscheiden, auch wenn ich noch nie eine wirkliche Krankheit gesehen habe, aber mein Instinkt ist ausgeprägt und mein Verstand schließt sich ihm an. Ich beuge mich über dich, suche nach der Waffe und finde schließlich den Griff, der in einer Halterung steckt. Ich muss mich ein wenig verrenken, verbiege meinen Rücken, beuge mich nach vorne und schaffe es schließlich, deine Waffe nach draußen zu ziehen.
      Sie ist überraschenderweise sehr schwer, passt aber mit dem Griff so perfekt in die Hand, als wäre sie nur dafür geschaffen worden. Ich verrenke mich erneut, passe auf, dass mir die scharfe Spitze nicht durch die Handschuhe schneidet, und durchtrenne endlich meine Fesseln. Die Waffe behalte ich allerdings in meiner Hand. Sie gefällt mir.
      Als ich bemerke, dass du selbst davon nicht wach geworden bist, fange ich an mir Gedanken zu machen, was ich wohl mit dir tun sollte, wenn du hier drinnen stirbst. Sollte ich deine Leiche etwa mitnehmen, den ganzen Weg, bis zu meinem Stamm? Ich weiß, dass ich dich nicht einfach zurücklassen könnte, zu merkwürdig erscheinen mir deine Haare und deine Kleider. Aber nein, wie soll ich dich ohne Büffel zu den anderen schaffen? Das geht auch nicht. Ich brauche dich lebend und gesund.
      Vorsichtig beuge ich mich über dich und lausche deinem Atem. Er kommt stoßweise, vielleicht von dem Albtraum, den du hast. Ich ziehe meine Handschuhe aus und lege die Finger an deine Wange, nur um dann wieder zurück zu schrecken. Deine Haut ist kalt, eisig wie bei einem Toten, aber dein Gesicht darunter ist glühend heiß, sodass ich die Wärme selbst durch meine frostigen Finger hindurch spüren kann. Ich sehe zurück zum Eingang, schaue dann wieder dich an und überlege.
      Lange überlege ich. Draußen tobt der Wind und wirbelt den Schnee auf, drinnen glänzt das meterdicke Eis, das an einigen Stellen dem Fels rundherum Platz macht. Sehr lange sitze ich da und beobachte dich, nach draußen kann ich sowieso nicht ohne das Tuch, das ich beim Sturz verloren habe.
      Schließlich fasse ich einen Entschluss. Ich beuge mich wieder über dich, fasse dir an beide Schultern und schüttele dich dann so fest, dass du davon aufwachst. Du schlägst die Augen auf und ich lasse ab von dir, krieche ein Stück zurück, gebe das verängstigte, vorsichtige Beutetier, das ich nicht bin. Deine Waffe liegt neben mir. Beschwichtigend hebe ich die Hände.
      "Was ist mit dir?", frage ich geradewegs heraus und, weil ich nicht weiß ob du mich verstehst, zeige auf dich und tippe dann auf meine Wangen. Du siehst nicht gut aus, das kann sogar ich erkennen. Aber solange du davon nicht stirbst, habe ich vorerst nicht die Absicht dir dabei zu helfen.
    • Obgleich ich einen quälenden Eindruck im Schlaf erwecke, so kann ich mich nicht daran erinnern ob es an einem schlechten Traum lag, der eisigen Kälte die mich förmlich umarmt oder meiner eigenen Verfassung. Vielleicht ist es von allem ein wenig, hingegen war ich bei meiner Erschöpfung so tief weggetreten, dass mich das kaum kümmerte. Schon am frühen Morgen wusste ich bereits, dass etwas mit mir nicht stimmte, doch wollte ich da noch ein Etappenziel für den Tag erreichen, bevor ich mich um mein Selbst zu kümmern beginnen würde. Dass die Begebenheiten all dies nicht erlaubten – von der erstmaligen Beobachtung eures seltsamen Stammes, bis hin zum Kampf mit dir und dem Naturunglück, dass mich einmal mehr in äußerste Bedrängnis brachte, woraufhin ich dich alleine mit mir zu schleppen hatte. Am Ende hat sich dies alles als zu viel für mich erwiesen, aber auch lohnenswert. Schließlich habe ich nun dich in meinem Besitz und das soll für den Moment ausreichen.
      Nach einem solch ereignisreichen Tag bin ich zwar einerseits zuversichtlich, dass ich wahrhaftig alles in meiner Macht Stehende getan habe, doch ist es gleichermaßen auch enorm ärgerlich, dass es nicht für ein wenig mehr ausgereicht hat. Du magst zwar stark gefesselt sein, doch kann ich dich noch nicht gut genug einschätzen, als dass ich wissen kann, dass dies für dich genügen würde. Lieber hätte ich dich noch an einen Felsen oder sondergleichen, innerhalb der Höhle angebunden und deine Waffen dir entnommen, um auch ja sicherzugehen. Ein kleines Feuer zum Erwärmen wäre nützlich gewesen, eine kurze Kontrolle ob der Raum tatsächlich verlassen ist auch. Abseits des vom Mondlicht durchleuchteten, vorderen Abschnittes, ist weiter drin nur die pure Dunkelheit erkennbar. Wer weiß, wie tief es hier reingeht und ob da nicht vielleicht etwas Gefährliches schlummern könnte. Schlussendlich muss ich mich damit abfinden, dass ich fürs Erste nichts ausrichten kann und allem ausgeliefert bin, dass mir ereilen könnte.

      Wahrscheinlich würde ich es sowieso nicht wirklich wahrnehmen können, so angeschlagen wie ich bin. Als ich unangenehm aus meinem Schlaf herausgerissen werde, ist nicht mein erster Gedanke, was um alles in der Welt mich meiner Ruhe beraubt, sondern, dass es mir verdammt schlecht geht. Mein Kopf schmerzt so sehr, dass es mir vergönnt bleibt klar zu denken, mein Augenlicht ist so verschwommen, dass es keinen Sinn mehr hätte weiter wach zu sein, meine Nase und Ohren führen dabei die kalte Luft unnachgiebig in mein Innerstes hinein und meine trockenen Lippen sind ohnehin schon viel zu versteift, dass ich diese zum Reden verwenden könnte. Und doch bin ich plötzlich wach, was bedeutet, dass etwas anderes als ich dafür gesorgt haben muss. Dabei gibt es doch nichts Umliegendes, was das verursachen könnte, oder? Völlig ausgelaugt versuche ich meine Augen auf einen einzelnen Fixpunkt über mir zu fokussieren, dass ich sodann die tödlich hervorragende Eisspitze an der Decke erahne, die wahrscheinlich nur einmal geradewegs hinunterfallen müsste, um meine Brust mit einem gewaltigen Loch aufzuspießen. Glasklar und etwas blau blinzelt mich das Stück förmlich an, aber so fest wie es da oben vermutlich hängt, wird es mir bestimmt nichts antun können. Dann drehe ich meinen Kopf, es ist fast schon wie in meinem Traum von vorhin, denke ich mir. Doch ist es nicht meine Heimat die ich sehe, sondern dich. Auf dem Boden sitzend und mich direkt dabei anblickend. Unter dem hellen Mondschein fallen mir sofort als nächstes deine fast schon leuchtenden weißen Haare auf, dann deine reinblasse Haut, und ich kann nicht leugnen, dass dieser Anblick durchaus etwas Schönes an sich hat. Eindeutig muss ich wohl gerade nicht mehr bei klarem Verstand sein, dass ich so seelenruhig dich begutachten kann ohne zu realisieren, was das eigentlich zu bedeuten hat. Du hebst deine Arme und drückst diese seltsam an dein Gesicht, die Arme, die ich doch vorhin noch gefesselt hatte. Wie bist du nur von meinem Schal losgekommen? Habe ich nun doch versagt? Du scheinst irgendetwas zu sagen, und mir ist unklar ob es möglicherweise an der Sprache oder meinen zugefrorenen Ohren liegt, dass ich dich nicht verstehe. Wenn es wichtig ist werden wir schon später darüber reden können, ich bekomme schon noch alles aus dir heraus, warte es nur ab, Eismensch. Als ob meine abschließende Kampfansage das Signal für mich ist mich wieder mir zuzuwenden, schließe ich langsam erneut die Augen und schlummere, bis in den Nachmittag des nächsten Tages hinein…
    • Du scheinst mir nicht ganz bei Sinnen zu sein - nein, lebendig scheinst du mir nicht zu sein. Das ist der richtige Ausdruck für den leeren Blick den du mir zuwirfst und bei dem ich mir nicht sicher bin, ob du mich überhaupt wahrgenommen hast. Du drehst dich wieder auf die Seite, unbeeindruckt von meiner Störung und noch weniger dazu bereit, mir deine Aufmerksamkeit zu schenken. Das überrascht mich. Schließlich warst du es doch, der mich auf dem Hügel als erster angegriffen hat und auch wenn ich ebenso gehandelt hätte, sobald ich meine Schockstarre überwunden hätte, so warst du doch letztendlich derjenige, der es auf meinen Tod abgesehen hatte. Obwohl ich bei letzterem mittlerweile nicht mehr ganz so sicher bin. Du bist mir ein Mysterium, du mit deinen auffallend dunklen Haaren und in dieser leichten Bekleidung, die mich noch immer in den Bann zieht. Aber da fällt mir urplötzlich das Problem auf, es war doch so offenkundig, wortwörtlich direkt vor meinen Augen und ich schäme mich dafür, dass jemandem wie mir so etwas entgangen ist. Ich krieche wieder zu dir, drehe deinen Kopf in meine Richtung und versuche erneut, dich aus deinem Schlaf zu holen, aber diesmal bleibst du davon unbeirrt. Mir wird schnell klar, dass das mehr als nur ein tiefer Schlaf ist.
      Draußen tobt noch immer der Sturm und vereinzelte Böen, die sich ihren Weg in die Höhle verirren, treffen mich am ganzen Körper. Es zeigt mir, dass der Sturm sein Hoch erreicht hat und es nur noch wenige Stunden zum Sonnenaufgang sein muss. Wie lange ich selbst geschlafen habe, stelle ich fest, als ich meine Felle abschnüre und vor mir ausbreite, nur die größten Teile, die sich für etwas eignen. Nun trage ich nur noch die Schicht Tierhaut und meine Unterkleider, aber in der Höhle genügt mir das und am Morgen werde ich mich von der Sonne aufwärmen lassen. Ich lege dir die Felle um, schnüre sie sogar fest, sodass sie nicht verrutschen und ziehe dich ein Stück nach hinten, weg vom Eingang, hinein in die finstere Dunkelheit, aus der man auch den Wind teils hören kann. Ich mache mir keine Gedanken darüber, was in dieser Dunkelheit lauern könnte, denn ich weiß, dass das Eis an den Wänden mein Freund ist und mich vor allen Gefahren warnen wird, wenn ich nur weiß, worauf ich dabei achten muss. Aber ich habe seit meinem 16. Lebensjahr als Jägerin gearbeitet und habe mich später zur Späherin beworben, ich habe sehr viel Erfahrung mit dem Eis und welche Laute es von sich gibt.
      Als ich zufrieden mit der Stelle bin, ziehe ich mir selbst die Handschuhe aus und dir über deine Hände. Sie sind dir ein wenig klein, aber du beschwerst dich nicht und es interessiert mich sowieso nicht besonders, ob deine Hände noch Blut abbekommen, solange du noch am Leben bleibst. Dann setze ich mich zu dir, verschränke die Arme und falle dann selbst in einen leichten Schlummer.

      Ich wache selbst wieder auf, aufgeweckt durch meine Sinne, die mir die Abwesenheit des Windes flüstern. Ich bewege mich noch nicht, öffne nur die Augen und schaue dann zuerst zu dir, der du unbewegt noch dort liegst. Für einen Moment packt mich der Schrecken und ich stürze nach vorne, aber dann kann ich hören, dass du noch atmest, und das erleichtert mich ein wenig. Trotzdem siehst du mir mehr tot als lebendig aus und das bedeutet die Dringlichkeit, mit der ich dich zu meinem Stamm schaffen muss. Allerdings weiß ich noch nicht sehr genau, wie.
      Ich rappele mich auf, reibe mir die eiskalten Hände und trete dann an den Höhleneingang, um einen Blick nach draußen zu werfen. Meine Erleichterung ist groß, als ich sehe, dass wir nicht weit entfernt vom gestrigen Hügel sind und mir somit die Suche dorthin erspart bleiben wird. Von dort kann ich selbst mit dem Sturm die Spuren von Merik und Rytoran ausfindig machen, die mich dann hoffentlich zu den anderen führen. Ich weiß, dass ich wohl einige Tage brauchen werde, bis ich aufgeholt habe, aber ich bleibe zuversichtlich.
      Allerdings...
      Ich sehe wieder zurück zu dir, mustere das schwache Häufchen, das du dort auf dem Boden darstellst und gehe wieder zu dir zurück. Ich habe vorgestern die letzte Mahlzeit eingenommen, einen weiteren Tag halte ich es ohne aus, aber du? Du brauchst Essen und vor allem brauchst du Wasser, warmes Wasser, was deine kalten Wangen erhitzt. Es wird dich stärken und dir die Krankheit nehmen, die in dir sitzt. Mir fallen die Worte meiner Großmutter ein, die sich darauf verstanden hatte fremde Wunden zu pflegen, und immer gepredigt hatte, frisches Fleisch wäre am gesündesten. Ich habe ihr immer geglaubt und auch jetzt erscheint es mir als die beste Alternative.

      Eine plötzliche Idee lässt mich die Augen aufreißen. Der Büffel, natürlich! Einfacher sollte ich es wohl nicht haben. Ich ziehe dich erneut ein Stück in die Höhle hinein, lege dir dein Schwert auf den Schoß und gehe dann nach draußen. Ein letztes Mal drehe ich mich noch zu dir um und laufe dann davon.
      Zu meinem größten Glück haben Merik und Rytoran den Büffel nicht angerührt, auch wenn ich ihre Spuren in seiner Nähe wiederfinde. Ich nehme all meine Kraft zusammen und ziehe das große Tier aus dem Schneehaufen, unter dem es begraben gelegen hatte. Ich zücke meinen Bärenzahn und schlitze mit dessen Hilfe den Bauch auf. Allerdings warte ich nur darauf, dass das ganze Blut abfließt, ehe ich anfange das Tier zu häuten. Es dauert eine ganze Weile und lässt mich selbst in meinen leichten Kleidern schwitzen, aber ich kann sein Fell in einem ganzen Stück abziehen und lege es neben mir in den Schnee. Das kühle Nass wird den Pelz größtenteils von Blut reinigen und dann kann ich dich damit eindecken. Nun gilt es nur noch, das Fleisch herauszuschneiden. Auch daran arbeite ich eine halbe Ewigkeit, aber schließlich bin ich soweit zufrieden, um sogar selbst noch etwas davon essen zu können. Das muss reichen.
      Gerade will ich meine Beute ineinander verpacken und mich auf den Weg zurück zu dir machen, da lässt mich ein verräterisches Stampen im Schnee herumwirbeln. Ich lasse sofort alles fallen, zücke meine Waffe, aber dann sehe ich etwas völlig anderes, als ich erwartet habe. Dein komisches Tier steht dort. Es glotzt mich aus den dunklen Augen an und ich rühre mich nicht, weiß nicht, was es als nächstes tun wird. Eine ganze Weile lang stehen wir uns so gegenüber, manchmal schnaubt es, tritt mit seinen Hufen auf den Schnee, aber mehr tut es nicht. Ich lasse es nicht aus den Augen, als ich das Fleisch und das Fell wieder an mich nehme, säuberlich ineinander verpackt und so besser zu transportieren. Ich gehe ein paar Schritte rückwärts, immer noch vorsichtig und alarmbereit - und das Tier geht einen Schritt nach vorne. Ich bleibe wieder stehen. Es auch.
      Ein wenig grüble ich, aber dann gehe ich doch mit entschlossenen Schritten wieder zu der Höhle, in der du noch schläfst. Tatsächlich folgt das Tier mir. Ich entscheide, dass es wohl das beste ist, eine Alternative zu dem Büffelsfleisch zu haben, falls es für dich nicht ausreicht. Vielleicht kann man sogar mit diesem kurzen Fell etwas anfangen.

      Zurück in der Höhle sehe ich mit einer gewissen Erleichterung, dass du noch immer nicht zu dir gekommen bist. Ich breite meine Beute auf dem Boden aus und beginne dann damit, das Fleisch mit Schnee zu reinigen. Diesmal bin ich besonders gründlich, achte sogar darauf, dass der Schnee nicht dreckig ist, und bin äußerst zufrieden mit dem Endergebnis. Ich hoffe, dass du Büffel magst. Aber sehr viel mehr bleibt dir nicht.
      Vom Höhleneingang aus höre ich ein Klappern und da steht dieses Tier wieder, hat sich hinter mir den Hang herauf gekämpft und schnaubt nun unruhig, während es uns beide nun dumm anglotzt. Ich will ihm keine Beachtung schenken, aber da regst du dich, kommst wohl wieder zu dir und ich springe gleich nach vorne, um dir an die Wangen zu fassen. Du bist noch immer so kalt, aber diesmal habe ich auch noch das Büffelsfell und ich lege es dir noch obendrauf, es stinkt zwar noch ziemlich nach dem Tod, aber es macht deutlich wärmer. Dann halte ich dir ein unförmiges Fleischstück vor die Nase und lächle aufmunternd.
      "Essen. Hier, warte."
      Ich schnappe mir mit der anderen Hand ein zweites Stück und schiebe es mir roh in den Mund, kaue und schlucke ich runter. Dann halte ich dir das Stück hin.
      "Iss. Das ist frisch."
    • Tag 88

      Seit sich meine Gesundheit so verschlechtert hat, glaube ich immer wieder aufs Neue dasselbe Gedankenspiel in mir zu führen. Zunächst zeigt sich mir ein Bild, was im ersten Augenblick völlig normal wirkt, doch dann merke ich irgendeine Ungereimtheit die mich aufschrecken und wachwerden lässt. Auch jetzt ist es kaum anders gewesen, einige Erinnerungen an meine Vergangenheit sind aufgekommen, dann eine unheilverheißende mögliche Realität, die ich so stark ablehne, dass ich mich im Traum vehement dagegen wehre und schließlich aus dem Schlaf gerissen werde. Dabei richte ich meinen Oberkörper mit einem erschreckten Gesichtsausdruck auf, ein Albtraum muss wohl diese Reaktion in mir bewirkt haben, wie ich wiederholt anerkenne. Seltsamerweise weiß ich diesmal gar nicht mehr, welches unangenehme Kopfkino dafür verantwortlich war, doch wird mir auch kaum die Gelegenheit gegeben, dies näher zu erörtern, als ich plötzlich deine beiden Hände an meine Wangen spüre. Ungläubig schaue ich zu dir hoch und bekomme bestätigt, dass du das wirklich bist, die Frau mit den weißen Haaren. Sofort will ich mich wehren, doch kann ich meine Situation nicht schnell genug erfassen, um ernsthaft eine Gegenmaßnahme vorzunehmen. Ehe ich meine Gedanken ordnen und mich für eine Option entscheiden kann, lässt du mich bereits wieder los und wendest mir den Rücken zu, nur um dann zurückzukehren um mir eine unangenehm riechende Abdeckung auf die Beine zu legen. Es ist nur gut, dass meine Nase von der Erkrankung noch äußerst eingeschränkt arbeitet und nicht das volle Ausmaß des Gestankes vernehmen kann. Aber was in aller Welt soll das überhaupt sein? Ich habe keine Ahnung was vor sich geht und alles, was ich momentan wahrnehme, ist wie mir wärmer um die unteren Gliedmaßen wird. Soll dieses fellartige Stück etwa eine Decke darstellen? Verwirrt blicke ich darauf und stelle fest, dass das wirklich der Fall sein könnte. Aber weshalb? Noch bevor ich mir weiter darüber den Kopf zerbrechen kann, schweift mein Blick direkt wieder zu dir, als du mir etwas glitschig Ausschauendes vor das Gesicht hältst. Ist das etwa Fleisch? Meine Augen wandern zu dir und ich sehe dein Lächeln, dass mich nur noch weiter irritiert. Du beginnst etwas zu sagen, hingegen verstehe ich keinen einzelnen Laut davon. Versuchst du etwa wie ein Mensch zu sprechen? Konsterniert verfolge ich weiter das Schauspiel und wie du noch eines dieser rohen Fleischbatzen hervorholst, nur um es dir in den Mund hineinzuschieben. Unschön überrascht von dem Anblick, wende ich mein Sichtfeld von dir ab, man kann doch so etwas nicht einfach so verspeisen, ohne es wenigstens anzubraten. Aber diese Naivität in deinem Gesichtsausdruck, die Art wie du mit mir umgehst. Ich begreife es einfach nicht und zu versuchen es zu tun, bereitet mir nur Kopfschmerzen.

      Ich glaube jedoch, mir geht es besser als zuvor noch. Nicht, dass es unbedingt insgesamt gut ist – nein, ich fühle mich nach wie vor miserabel, aber eben nicht mehr so schlimm. Obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie etwas derart Schreckliches durchmachen musste, gab es schon zwei Ereignisse, an denen ich zumindest etwas Vergleichbares erlebte. Als ich noch ein kleines Kind war, hatte mich einmal eine tödliche Giftschlange gebissen gehabt, die mir so sehr zusetzte, dass ich über Wochen hinweg im Krankenbett lag. Das zweite Geschehnis war während des Putschversuches in unserem Land, als ein gefährlicher Mann namens Ratuk die Bevölkerung in Chaos versinken ließ und unter anderem mich unerfahrenen Soldaten dabei schwer verletzte. Bei beiden Begebenheiten prägte sich in mir die Zeit ein, in der man sich liebevoll um mich gekümmert hat, bis ich wieder vollständig genesen war. Irgendwie muss ich gerade daran denken, wo ich doch weiß, dass das eigentlich völlig unbegründet ist. Das ich hier so liege und nicht tot bin, dass du dich direkt neben mir aufhältst und nicht Anstalten machst, mich zu erledigen oder auch nur zu flüchten. Und dann noch wäre noch immer dieses Lächeln, dass alles heißen könnte, bis auf etwas bedrohliches. Was für ein Spiel treibst du hier nur? Hast du nicht vergessen, wie ich dich angegriffen habe? Wie ich dein Tier tötete und dich bewusstlos schlug? Dich noch dazu von all deinen Kameraden entführte? Bist du wirklich nur ein dummes Vieh, dass nach alledem nichts menschliches wie Wut oder Rachegelüste mir gegenüber empfinden kann? Glaubst du, diese scheinheilige Freundlichkeit, oder was auch immer das sein mag was du mir vormachst, wird irgendetwas verändern? Sind dir nach all der Zeit außerhalb die Gehirnzellen zugefroren?! Du widerst mich an, denke mir aufgebracht, als ich mit einer schnellen Bewegung deine reichende Hand wegpeitsche, sodass das Fleisch gegen die kalte Wand knallt und dann zu Boden klatscht. Ich kann zwar keine Erklärung dafür finden, weshalb mein Pferd schon die ganze Zeit über vor dem Höhleneingang steht, doch sieht es munter und unverändert aus. Das ist gut. Die Sattelausrüstung mit all den weiteren Utensilien, befindet sich scheinbar nach wie vor auf jenes und eigentlich ist diese Konstellation, bestehend aus uns beiden und meinem Reittier, die, welche ich von Anfang an haben wollte. Das bedeutet nämlich, dass wir ungestört sind und keiner mich behindern wird. Fehlt nur noch, dass ich mich endgültig und sorgsam um dich kümmere, dass ich auch ja ausnahmslos alles aus dir herausbekomme. Finster schaue ich zu dir rüber und mache deutlich, dass es ein Fehler war, mich nicht auf der Stelle umgelegt zu haben, als du noch die Chance dazu hattest.

      Geschwind packe ich dir an deinen Nacken und ziehe deinen Körper zu mir, meinen Kopf bewege ich dabei schnell in deine Richtung und komme damit hart auf deine Stirn auf. Der beabsichtigte Aufprall tut auch mir weh, aber bestimmt nicht so sehr wie es bei dir Fall ist, weshalb ich die Zeit nutzen und mich von der Bedeckung lossagen möchte. Unerwarteterweise stellt sich dies als etwas umständlich heraus, denn selbst mein Körper ist von dem Fell, welches du gestern noch getragen hattest, förmlich ummantelt und ermöglicht es mir nicht, mich so frei wie sonst zu bewegen, jedoch gelingt es mir mit etwas Mühe letztlich aufzustehen. Zwei meiner Finger führe ich halb in meinen Mund hinein, nachdem ich einen Handschuh runterreiße und pfeife damit energisch das Pferd an, das gehorsam zu mir galoppiert. Wegen der beengten Räumlichkeit ist sein Tempo jedoch nur mäßig, daher setze ich ein paar Schritte dem entgegen um den Prozess zu beschleunigen, denn ich brauche schleunigst das Seil um dich in Gewahrsam nehmen zu können. Überrascht merke ich jedoch, wie meine Knie nachgeben und ich an den Beinen zittere; Was ist nur los? Geht es mir etwa noch nicht gut genug? Das ist nun unwichtig, jetzt brauche ich erstmal das Seil! Kaum ist das Pferd da, hole ich mein Objekt der Begierde aus der Satteltasche hervor und drehe mich sodann zu dir. Das wars für dich, Eismensch!

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    • Du scheinst mir nicht sehr angetan von dem, was ich dir an Essen biete, aber vielleicht bist du einer derjenigen, die lieber an sehnigem Wolfsfleisch herumkauen, als sich das salzige Fett eines Büffels schmecken zu lassen. Ich kann es dir nicht verübeln, auch ich habe an manchen Tagen Schwierigkeiten einen Bär zu vertilgen, aber wenn man überleben will, muss man sich nunmal mit soetwas begnügen. Ich will Verständnis zeigen, gehe sogar so weit zu planen, das Fleisch einfach mitzunehmen, damit du nachher noch etwas davon essen kannst, aber du scheinst nichts dergleichen im Sinn zu haben. Stattdessen schlägst du mir das Stück aus der Hand und es dauert nicht einmal eine Sekunde, da hat sich eine glühende Wut in mir entfacht. Wie kannst du es nur wagen, so mit einem frischen Stück Fleisch umzugehen? Mit einem Stück, das ja sogar von meinem eigenen Büffel kommt, den ich aus unserer Zucht erhalten habe? An dessen Tod sogar du noch Schuld bist? Ich bin dir nicht nachtragend in dem Sinn, dass du ihn getötet hast. Ich hänge nicht an meinen Tieren, denn ich weiß, dass sie jeden Tag sterben können und selbst wenn sie das nicht tun, werden sie irgendwann von alleine schwach werden und bleiben stehen, so ist der Lauf der Dinge, so ist die weiße Landschaft, durch die wir die letzten zwei Wochen gestapft sind. Wir wollen alle überleben und der Schnee ist dabei nur ein kleiner Feind, nur eine geringe Bedrohung, die vorhersehbar ist und der man ausweichen kann. Deshalb verstehe ich auch deinen Angriff, denn auch ich will nicht auf Fremde hier draußen stoßen, die mir meine Kleider und meine Waffen stehlen und mein Fleisch zum Abendessen verspeisen. So ist unser aller Überlebensinstinkt getrimmt und deshalb bin ich dir nicht nachtragend, deshalb will ich keine Rache für mein gestorbenes Tier und die Umstände, in die du mich versetzt hast.

      Aber das Fleisch wegzuwerfen, das einzige Gut, was uns in dieser Welt am Leben hält, denn etwas anderes als Fleisch finden wir hier draußen nicht; So rücksichtslos damit umzugehen, das entfacht eine Wut auf die Verschwendung, die du damit begehst. Dafür will ich mich rächen, dafür will ich dir einen Verstand einprügeln, aber gerade, als ich dazu schreiten will, kommst du mir zuvor. Unsere Köpfe prallen zusammen und ich sacke für den Moment benommen in mich zusammen, aber mein Zorn hat mich bereits rasend gemacht, ich zwinge meinen Körper zur Tat, kämpfe mich trotz des Schwindels auf die Beine und ziehe meine Kampfwaffe, den länglichen Knochen des Hinterbeins eines Bären, an dessen Spitze 7 tödliche Adlerklauen herausragen. Ich fasse mir an den Kopf, gewinne langsam wieder eine ungetrübte Sicht und sehe dich dort vor mir stehen, ein Seil in der Hand und einen wild entschlossenen Ausdruck in den Augen, den ich nur zu gut von Wermar dem Wachmann kenne, wenn er zu viel getrunken hat und sich bereits die zweite Frau zu schnappen versucht. Aber so wie auch bei Wermar werde ich nicht einfach aufgeben und mich dir fügen, o nein, das verängstigte Beutetier ist verschwunden und ich will dir das Raubtier zeigen das ich bin und das nicht davor zurückschreckt, seine Beute in Fetzen zu reißen. Ich sehe wie wackelig du auf den Beinen stehst, ich habe deinen Geruch in meiner empfindlichen Nase, ich schmecke das Salz deiner Angst, die du nicht unterdrücken kannst. Ich bin mir meiner Fähigkeiten vertraut, ich habe sie oft genug unter Beweis gestellt, ich weiß genau worauf ich mich einstellen muss, aber du mit deinem roten Gesicht siehst so aus, als hättest du keine Ahnung, worauf du dich überhaupt einlässt.
      "Lass das Seil sofort fallen", knurre ich und zeige mit dem Knochen auf dich, du bist noch zu weit entfernt dass ich dich damit erreichen könnte, aber es soll dir auch nur als Warnung dienen.
      "Lass es los oder ich werde dir beide Arme abhacken." Ich fletsche feindselig die Zähne, nun ist es vorbei mit meiner Freundlichkeit und ich nehme die Dinge jetzt in die Hand, ich werde mich dir nicht mehr unterwerfen. Und das zeige ich dir auch deutlich, ohne dass du meine Worte verstehen musst.
    • Bei unserer ersten Begegnung war es noch anders. Dein gelähmter Gesichtsausdruck, der mir verriet, dass ich dich völlig in der Hand hatte, ist jetzt nicht mehr zu sehen. Im Gegenteil, du wirkst wie ausgewechselt. Diese animalische Wut, die du ausstrahlst, dieser starre Blick auf mich, hochkonzentriert und auf jede Bewegung von mir selbst vorbereitet, diese unverkennbare Ausstrahlung, die zu verstehen geben will, dass dies der pure Ernst ist und jeden Moment einer sterben könnte, und das gewiss nicht du wärest, wenn es denn nach dir gehe. Meine Augen mustern dich eingehend an, versuchen, eine Lücke in dieser schieren Gewaltbereitschaft vor mir zu entdecken. Regungslos stehe ich dabei neben meinem Pferd, das Seil fest im Griff, der Körper bereit etwas jeden Moment zu unternehmen und gleichzeitig überlegend, wie ich nun vorgehen soll. Dieser seltsame Gegenstand mit den vielen Spitzen muss wohl deine Waffe sein und dass du dieses direkt auf mich richtest, während ich keinen vergleichbaren Gegenstand bei mir habe, macht die Situation nicht unbedingt leichter für mich. Die Bekleidung, die ich von dir bekommen habe, liegt zu meinem Unglück über meine Dolche und das Schwert befindet sich an der Stelle neben der Decke, von der ich mich eben noch losgesagt habe. Nur mit etwas zum Anbinden habe ich eindeutig das Nachsehen und als sei das nicht genug, faselst du schon wieder etwas Unverständliches. Schon an der Tonart wird bereits erkenntlich, dass dir nicht froh zu mute ist, doch schweift mein Gedanke dadurch für den Bruchteil eines Augenblickes vom Geschehen ab. Deine merkwürdigen Laute erinnern mich an die Worte meines einstigen Lehrers, der davon sprach, dass die darsische Sprache unseres Landes ursprünglich aus zahlreichen anderen hervorgegangen ist und es früher für die verschiedensten Dinge abertausende von anderen Bezeichnungen gab. Bezeichnungen, die man heute nicht mehr kennt, da der Lauf der Zeit sie irgendwann untergehen ließ und der Mensch sie nicht mehr brauchte. Wohlgemerkt nur der Mensch und wenn das, was du von dir gibst, wirklich etwas schon lange Vergessenes ist, dann bekräftigt das nur nochmals, weshalb du da bist wo du bist, weshalb du so bist wie du bist und warum du es nicht wert bist, wenn man dir mehr Beachtung schenkt als es für mich und meine Heimat unbedingt notwendig wäre. Wie dieses Nutztier, dass ich erlegt habe – solange es gehorcht und seinen Zweck erfüllt, ist es gut, ansonsten kann es auch gleich dem Ende entgegentreten.
      Eines scheinst du nämlich nicht zu verstehen, Eismensch. Ich mag mich zwar nicht in einer blühenden Verfassung befinden und die Umstände sprechen auch merklich gegen mich; Auch sehe ich ein, dass du durchaus nachvollziehbare Emotionen zeigen kannst und dein zorniges Gemüt selbst einen labilen Wahnsinnigen aufhorchen könnte. Aber lass es dir gesagt sein, dass nichts und niemand meinen Stolz als Mann brechen wird können, schon gar nicht eine wilde Kreatur, die über das Antlitz einer Frau verfügt. Es würde mich schlicht in meiner Ehre beleidigen, dem Willen einer Barbarin nachzugeben, da spielt es keine Rolle, ob du dich nun mir mit einem Knochen oder einer Axt widersetzt. Selbstverständlich bin ich nicht dumm und rechne mir meine Chancen ein – es ist nicht unmöglich, dich zu überwältigen und den Einsatz bin ich gewillt aufzubringen, wenn es heißt, dass die Belohnung dann dein Wissen, nach meinen Regeln und auf meine Weise, sein wird. Ich habe schon in Erfahrung bringen können, dass deine Kraft nicht die eines einfachen Weibes gleicht und dein Denken alles andere als zart und warm gestrickt ist. Diese Angriffslust in dir verdient es nur von mir gebrochen zu werden und ich werde sicherstellen, dass du akzeptierst wer das Sagen hat.
      Sofort versuche ich meinen Kopf geduckt zu halten während ich zu dir laufe, um der Waffe aus deiner Hand, so gut wie nur möglich zu entgehen und dich wie ein massiver Speer hart anspringe, mit den Händen dabei um deinen Bauch greifend, damit du auch ja mein ganzes Gewicht zu tragen hast und wir daraufhin zu Boden fallen. Etwas keuchend versuche ich zunächst mich darum zu bemühen, dass du den bedrohlichen Gegenstand loslässt, weshalb ich mich auf dich liegend feste gegen drücke und mit der einen Hand deinen weit zur Seite befindenen Unterarm ergreife. Noch nicht, aber bald habe ich es…
    • Sekundenlang starren wir uns nur gegenseitig an, unbewegt, einzig die Waffe zwischen uns. Ich bin fest dazu entschlossen dich damit kampfunfähig zu machen, es erspart mir weitere Komplikationen und ich kann mich endlich auf den Weg machen, mittlerweile neigt sich der Tag um ein Neues dem Abend zu und ich möchte noch vor der Stadt Narzarek zu meinem Stamm aufschließen, denn in der Stadt kann ich mir sicher sein, auf andere Leute zu treffen. Langsam ist also Eile angesagt. Und deshalb verliere ich auch langsam meine Geduld.
      Ich warte darauf, dass du dich von selbst ergibst, denn dein langer Zahn liegt nutzlos am Boden, weit entfernt davon dir zu dienen und ich schätze dich nicht als dumm genug ein, mir mit deinen Fäusten gegenüber zu treten. Aber sonst habe ich keinen Zweifel an meiner dir überlegenden Stärke.
      Damit, dass du trotzdem angreifst, habe ich gerechnet. Immerhin habe ich dich bisher nicht anders kennengelernt. Die Wucht deines Sprungs trifft mich trotzdem und ich falle mit dir zurück, schlage auf dem eisigen Boden auf. Der Sturz wäre nicht so schlimm gewesen, aber dein zusätzliches Gewicht drückt mit die Luft aus den Lungen und macht mich kurzzeitig atemlos. Ich fletsche erneut die Zähne, bin bereit zuzubeißen, sobald du mir zu Nahe kommst, dein Ohr zu erwischen oder vielleicht deine Nase. Ich scheue nun vor nichts mehr zurück, ich bin darauf besessen dir klar zu machen, wer von uns der Alpha ist. Ich will dich winseln sehen und dann will ich dich auf dein komisches Tier packen und mit euch beiden zurück zu meinen Leuten gehen. Und dort wirst du vor Zoras winseln.
      Leider kommst du mir nicht so nahe, dass ich zubeißen könnte, aber du greifst nach meiner Waffe, die ich nun nur noch weiter von dir wegstrecke. Du kommst sogar so weit, dass du das Ende des Knochen greifen kannst, aber da nutze ich die Lage bereits aus. Dein Gleichgewicht hängt von mir ab, von meinem Körper der unter dir begraben liegt, und das weiß ich mit all meiner Kraft auszunutzen. Ich schlage dir mit der anderen Hand seitlich gegen den Kopf, nutze deine kurzzeitige Gewichtsverlagerung und schiebe mein Bein nach, drücke dir das Knie gegen deine Hüfte und stemme mich dann zielgenau gegen dich. Du fällst von mir herunter, genau so, wie ich es beabsichtigt habe, und ich werfe mich sogleich auf dich. Der Knochen entgleitet mir dabei aus der Hand, aber darum kümmere ich mich nicht, ich reiße meine Faust sogleich nach oben und lasse sie auf dich hinabsausen, hole erneut aus, schlage erneut zu. Ich spüre dein kaltes Gesicht an meinen Knöcheln, jedes mal wenn ich auf dich einprügele und weiß, dass du nicht in der Verfassung für eine Tracht Prügel bist, aber das ist mir egal. Ich werde solange weitermachen, bis dich deine Bewusstlosigkeit erlöst.
    • Während ich mich bis eben noch im Sieg geglaubt habe, hat sich das ganze Blatt mit einem Mal völlig gewendet. Dabei hatte ich schon deine Waffe an meinen Fingerspitzen spüren können und war kurz davor, als Gewinner hervorzugehen. Doch als sei dies das Zeichen für dich gewesen, sich zu wehren, spürte ich einen unvorhergesehenen Schlag gegen die Kopfseite, der mich so sehr aus meinem Rhythmus brachte, dass ich plötzlich glaubte, meine ganze Stärke hätte mich wieder verlassen. All die angesammelte Kraft, die ich seit meiner Ankunft in dieser Höhle mir einverleiben konnte, war von jetzt auf gleich nicht mehr existent. Die unnachgiebige Entschiedenheit, dich mir zu unterwerfen, der Glaube, niemand könnte mich aufhalten. Alles verschwand in dem Moment, an welchem ich mit dem Rücken auf das eisige Gestein lag und du auf mir.
      Ich glaube, dass es dazu gekommen ist, war mein Fehler. Ich kann mir nicht einmal richtig erklären, weshalb. Vermutlich habe ich angenommen, dass ich, der trotz der schwierigen Situationen, die ich seit dem gestrigen Tage an, ein ums andere gemeistert habe, obwohl es mir so schlimm ging, auch dich bewältigen könnte. Auf eine bestimmte Art und Weise würde es mir schon gelingen, so wie zuletzt auch, hätte ich mir gedacht. Dabei war es bedeutungslos, wer oder was sich mir entgegenstellen würde, ich meine, ich lebe nun seit 88 Tagen in diesem Ödland und nichts hat mich bisweilen umbringen können. Einen verdammten Eissturz habe ich überstehen können. Wer würde da nicht glauben, dass ein Schutzengel über einem wacht? Anscheinend habe ich aber dieses Mal mein Glück ein wenig zu sehr an seine Grenzen gebracht, bei dir endet letztlich meine Serie an Erfolgen. So bedauerlich ist das. Ausgerechnet du, die so wertvoll für mich doch ist, kann ich nicht bezwingen. Was nützen mir all die anderen Meilensteine, wenn ich nicht das erreiche was ich schlussendlich will? Direkt vor mir, direkt über mir sitzt du, und doch bist du so weit entfernt.
      „Gott, stehe mir bei…“, kommt es aus mir leise in meiner Heimatsprache raus, denn ich habe bereits die schmerzliche Vorahnung, dass das, was fortan geschehen wird, nicht mehr zu Gänze in meiner Hand liegen wird. Ein ums andere Mal sehe ich wie deine erbarmungslose Faust sich aufs brutalste mein Gesicht vornimmt, meine Sicht beginnt langsam zu trüben und die von dir vorgenommenen Stellen werden tauber. Das letzte, dass ich noch wahrnehme, ist eine warme Flüssigkeit, die mich am Kopf umgibt und als es schließlich auch mein Auge erreicht und ich die rote Farbe erkenne, weiß ich schon, dass es mein eigenes Blut ist, dass aus mehreren Schnitten hervorgeht. Damit wird es auch schon wieder dunkel um mich herum, ich habe verloren und auf ganzer Linie versagt.
    • Ich höre nicht auf, als dein Blut fließt. Ich höre auch nicht auf, als sich deine Augen unter meinen Schlägen nach hinten drehen und du unter mir spürbar erschlaffst. Ich höre erst auf, als ich der Meinung bin, dich an die Grenze deiner Existenz gebracht zu haben.

      Du hast das erste Mal gesprochen. Während ich keuchend von dir ablasse und mein Werk begutachte, klingen mir deine Laute noch in den Ohren nach, nisten sich in meinem Gehirn ein, um dort nie wieder zu verschwinden. Sie hören sich seltsam geschwungen an, weich und sanfter als meine eigenen, das wird mir zum ersten Mal klar. Dein R ist nicht so scharf wie meines, dein S so langgezogen, dass es eine Verbindung zwischen deinen Worten schafft und sie nicht abhackt, wie bei mir. Ich werde mir zum ersten Mal meiner Aussprache bewusst und genauso neugierig, was du da von dir gegeben hast. Welchen Sinn deine Worte haben, die du nicht schon eher an mich gerichtet hast sondern jetzt in diesem Moment, bevor du dein Bewusstsein verloren hast, frage ich mich. Ich hätte dich gern aufgeweckt um dich zu fragen, aber wie sollte ich das tun? Du würdest mich ja doch nicht verstehen. Aber ich nehme mir vor, mich in Zukunft mit Hilfe von Handzeichen mit dir zu verständigen.

      Das Tier hinter mir schnaubt laut und ich wirbele aufgeschreckt herum, weil ich ganz vergessen habe, dass es dort steht. Aber es glotzt mich nur dumm an, peitscht mit seinem Schwanz und klopft mit seinen Hufen auf das Eis. Ein bisschen erinnert es mich an unsere Büffel und ich denke daran, wie du auf dieser Tierhaut gesessen hast, bevor du mich angegriffen hast. Es ist wohl dir ein Reittier wie der Büffel meines ist. Und vielleicht kann ich es auch dazu benutzen.
      Doch zuerst kümmere ich mich um dich. Ich verbinde deinen Kopf mit der Rolle Leinen, die ich stets bei mir herumtrage, und sorge dann dafür, dass dein Blut aufhört zu fließen. Dann schnüre ich die Felle um deinen Körper fest, zerschneide das Büffelsfell, um ein Teil davon auch um deinen Kopf zu wickeln und umschließe deinen restlichen Körper damit. So will ich dich vor einem kalten Tod bewahren, den du dir unmittelbar holen würdest. Dann hieve ich dich nach oben und nähere mich mit dir deinem Tier.

      Es gelingt mir, dich auf seinem Rücken fest zu machen und außerdem noch die restlichen Stücke Fleisch zu zerstauen. Für einen Augenblick bin ich gewillt, in die ganzen Taschen zu blicken, die du dort herumträgst, aber ich möchte nicht noch mehr Zeit vergeuden. Wenn ich Glück habe, bleibt der Sturm diese Nacht aus und ich werde durchwandern können. Wenn nicht, muss ich schon bald eine neue Bleibe finden. Aber das werde ich zu geeigneter Zeit regeln.
      Ich nehme das Tier unsicher an seinen ledernen Seilen und führe es dann aus der Höhle heraus. Es folgt mir, nervös, aber gehorsam.



      Bis zum Einbruch der Dunkelheit wandere ich so mit dir durch die Landschaft. Es friert mich am ganzen Körper, weil du meine ganzen Felle um dich hast, aber ich will durchhalten, um zügig voran zu kommen. Dein Tier folgt mir willig, aber ich traue ihm noch nicht so sehr, sodass ich es auf Abstand halte. Bisher funktioniert das auch recht gut.
      Es dauert ein bisschen, bis ich die Spuren von Merik und Rytoran wiedergefunden hatte, doch seitdem konnte ich ihnen problemlos folgen, während ich selbst etwas seitlich davon gehe, damit es für eventuelle Verfolger nicht so aussieht, als würde ich ihnen folgen. Ich hoffe, dass der Sturm nicht alles verwischt hat, aber zur Not halte ich mich stets gen Norden und stoße dann, hoffentlich, auf die tiefen Spuren meines Stammes. Die Fußstapfen von 50 Leuten halten nämlich länger, als die von zwei Büffeln.
      Mein Glück hält sogar an, als zwar ein eisiger Wind aufkommt, aber der Sturm ausbleibt. Ich ziehe einfach meinen Kopf zwischen die Schultern und gehe ein bisschen schneller.

      Lange geht es so allerdings nicht weiter und ich sehe in der Ferne plötzlich eine Bewegung. Ich bleibe augenblicklich stehen, weil ich mich auf meine geschulten Augen verlasse. Mehr sehe ich auch nicht, in der Ferne, durch den leichten Schneefall, aber mein Instinkt trügt mich nicht, während ich weiter still stehe. Dein Tier ist unruhig, ihm ist wahrscheinlich kalt, aber das ignoriere ich. Ich verharre auf der Stelle und warte.
      Es dauert nicht lang, da sehe ich eine erneute Bewegung und spätestens da wird mir voller Grauen bewusst, dass derjenige mich auch gesehen hat. Ihm wird das dunkle Tier nicht entgangen sein und auch ich trage nicht mehr meine weißen Felle oben, sondern die gräuliche Haut darunter. Wir stechen schmerzlich auffällig aus der Schneelandschaft hervor und deshalb versuche ich auch gar nicht, etwas Distanz zwischen uns und dem Fremden oder dem Tier zu bringen. Sie werden uns schon längst gesehen haben.

      Und tatsächlich, kaum einen Augenblick später bewegt es sich erneut und dann sehe ich endlich ein paar Umrisse. Drei Reiter kann ich bald ausmachen und mit großer Bestürzung, dass sie nicht von meinem Stamm sind. Sie kommen direkt auf mich zu, umzingeln uns binnen kürzester Zeit und zeigen mit langen, geschliffenen Steinen auf mich und das Tier. Ich hebe die Hände zum Zeichen meiner Kapitulation und der eine fährt mich barsch an:
      "Wo sind deine Leute?"
      "Ich habe keine Leute. Ich bin Einzelgänger."
      "Schwachsinn!"
      Er springt hinab und steht kurz darauf vor mir, aber da habe ich bereits meine Waffe gezogen und jage ihm die Klauen quer über sein Fell. Er schreit wutentbrannt auf und stürzt sich auf mich, ich lande unter ihm, keuche laut auf, aber irgendwie habe ich es geschafft, ihm eine Wunde am Kopf zu verpassen. Bevor seine Kameraden bei uns sind, schlage ich ihm das Ende meiner Waffe darauf und er sackt augenblicklich in sich zusammen. Sein Blut ergießt sich schnell über meine Brust.

      Die anderen erreichen mich und packen meine Arme, ich will mich wehren, aber gegen zwei komme ich nicht mehr an. Sie haben ein leichtes Spiel mich zu fesseln und obwohl ich dem einen noch in die Wange beißen kann, bin ich schon schnell kampfunfähig gemacht worden. Das war es nun mit dem Versuch aufzuholen. Sie verprügeln mich beide gleichzeitig, einer mit den Füßen und der andere mit den Händen und bald verliere auch ich die letzte Sicht, bevor ich ohnmächtig werde.


      Während ich langsam wieder zu mir komme, dringen Geräusche zu mir durch. Mir ist ein wenig kühl, aber vor allem dröhnt mein Schädel und alles schmerzt. Ich rühre mich nicht, möchte weiterschlafen, aber da spüre ich raue Hände auf der nackten Haut meiner Arme und öffne meine Augen schließlich doch, mit der Erkenntnis keine Kleider mehr am Leib zu haben.
      Wir sind in einem breiten Zelt, geschützt von Wind und Schnee, mit insgesamt einem Dutzend anderer Menschen. Ich kann nicht mehr von ihnen zählen, als sich ein breites Gesich in mein Sichtfeld schiebt und der Mann meinen Kopf an meinem Kinn hochdrückt. Ich winsle gequält, werfe ihm dann aber böse Blicke zu.
      "Ich dachte schon, du wärst uns verreckt. Da ist ja noch dein merkwürdiger Freund lebendiger." Ich sehe zu dir der neben mir sitzt, auch gefesselt und ebenso von deinen Kleidern entledigt. Man wollte sicherstellen, dass wir keinerlei Waffen bei uns tragen.
      "... Hey! Ich rede mit dir!"
      Der Mann vor mir verpasst mir eine Ohrfeige und ihm Gegenzug trete ich ihm meinen Fuß in den Bauch. Er brüllt auf vor Wut und reißt mich von meinen Fesseln, ich fühle wie sie mir in die Haut schneiden, nur um mich vor ihn auf den Boden zu werfen. Ich spüre ein Dutzend Augenpaare auf uns und wehre mich in dieser Demütigung nur noch mehr. Ich kann ihm einen weiteren Tritt verpassen, bevor er sein Knie auf meine Brust drückt und seine Hand in meinen Hals krallt. Ich spüre, wie mir die Luft abgeschnürt wird.
      "Du Miststück! Wo sind deine Leute? Was ist das für ein Tier, auf dem der Kerl gelegen ist?"
      Er verpasst mir wieder eine und packt erneut meinen Hals und obwohl ich mich drehe und winde und versuche ihm in die Finger zu beißen, habe ich in dieser Lage keine Chance. Um uns herum wird aufgeregt gemurmelt, man findet wohl gefallen an dieser Auseinandersetzung.
    • Inzwischen bin ich es fast schon leid, immer wieder aufs Neue auf eine andere, aber mindestens genauso schlimme Art aus meinen sich wiederholenden Albträumen zu erwachen. Wären die Begebenheiten nicht so ernst wie sie gerade sind, wäre das sogar ein Grund um sich daran amüsieren zu können, so abenteuerlich wie das alles war. Was würde mich wohl heute erwarten, wenn ich die Augen öffne? Mein Schädel brummt noch gewaltig von der Prügel, die ich durch dich einstecken musste, aber meine Neugierde darüber, woher diese vielen leisen Stimmen kommen, die ich vernehme, verleitet mich letztlich dazu, einen zaghaften Blick auf die Umgebung werfen zu wollen. Obwohl ich schon seit einer Ewigkeit mein Gesicht nicht mehr begutachten konnte, spüre ich auch so schon, wie angeschwollen dieses ist. Abgesehen von den noch immer vorhandenen Frostbeulen, die meine Wangen und Stirn blaurötlich färben, sowie den vielen vereinzelten Schnittwunden, ist mein Sichtfeld zu meiner linken so sehr eingeengt durch eine hervorragende Beule nahe den Augenbrauen, dass dieses für jemand anderes wie geschlossen wirkt. Glücklicherweise erweist sich dies als vorteilhaft gerade, denn so kann ich ohne Aufmerksamkeit zu erregen, meine heimliche Observation starten.
      Eindeutig befinde ich mich nicht mehr in der Höhle von vorhin noch, dafür aber ist es überraschenderweise nicht so kalt wie ich vermutet hätte. Es ist ein geschlossener Raum, wobei die flatternden Wände darauf hindeuten, dass es ein Zelt sein muss. Dafür sieht es sehr geräumig aus, ja nahezu gemütlich. Die Laute kommen von Männern, die mit einigem Abstand zu mir gerichtet sitzen, mich jedoch trotz dessen eingehend zu beobachten scheinen. Im ganzen Raum verteilt sind kleine Laternen zu finden, die mit ihrem spärlichen Licht allen Teilhabenden genug zum Durchleuchten geben und auch mir helfen zu erkennen, dass die Kerle allesamt hellhäutig sind. Hast du mich etwa hierhergebracht? Sind das deine Leute, die ich bei unserer ersten Begegnung noch gesehen habe? Wo aber bist du nur? Mein kaum zu erkennendes Auge wandert runter, ich spüre, wie meine Hände hinter meinem Rücken gefesselt sind und das Band an einem Pfahl befestigt ist, woran ich mich mit dem Rücken angelehnt befinde. Unter mir liegt ein ausgebreitetes Fell, was den Verbleib auf diese Weise zumindest für den Moment noch zu ertragen lässt, doch ist es mein nackter Körper, der mich aus meiner bislang unbemerkten Ruhe bringt. Warum bin ich unbekleidet?! Mein rechtes, bisher geschlossen gehaltenes Auge, nutze ich nun doch um mich umzusehen und meine Ausrüstung wieder zu finden, hingegen zeigt sich mir anstatt dessen aufs skandalöseste dein Selbst, so wie es in die Welt gekommen bist, mit allem, was ich nicht sehen sollte. Es gehört sich nicht als männlicher Havallid, ein anderes Weib als das eigene in dieser Aufmachung anzusehen und dass ich das doch getan habe, ist in jeder Hinsicht beschämend und sündhaft. Zügig drehe ich mich weg von dir, soweit es mir die Fesseln ermöglichen und hoffe, dass nicht noch mehr von dir meine Überzeugungen aufs Dreiste beschmutzt. Was in aller Welt machst du hier überhaupt? Hast du mich nicht in Gewahrsam genommen? Wie viel ist geschehen, seit du mich bewusstlos geschlagen hast? Es ist schon schlimm genug, dass ich gefangen genommen wurde, aber dann noch so?

      Dass ich so einen Aufstand wegen unserer fehlenden Kleidung mache, ist den anderen Beiwohnenden natürlich nicht entgangen, als sodann ein riesiger Kerl vor mir auftaucht, breitschultrig und so muskelbepackt, dass man das auch trotz des dicken Oberteils erkennt. Anders als du, die ein Fell getragen hat, sieht die Oberfläche bei ihm rau und hart aus, wie die Schuppen eines weißen Krokodiles. Wie all die anderen auch verfügt er außerdem über eine helle Hose und schwarze Stiefel, darüber hinaus besitzt der bullige Mann an seinem linken Ohr drei goldfarbene Glöckchen-Ohrringe. Am markantesten ist eine riesige Narbe in der Form eines Kreuzes, dass an eines der beiden oberen Enden besonders langgezogen ist und ihm einen bedrohlichen Ausdruck verleiht. Stechend-grüne Augen, ein kaum erkennbarer Bart und kurzes braunes Haar zu einem kantigen Kiefer, komplettieren sein Antlitz eines Mittdreißigers. Selbst ich bin mir darüber im Klaren, dass er niemand ist, mit dem man es zu leichtnehmen sollte und das bestätigt er nur nochmal: „Du bist ja eine richtige Missgeburt“, will er feststellen und lacht zu seinen Kameraden rüber, die es erwidern. Obwohl ich nicht ein Wort verstehe, könnte ich ihm eine solche Bemerkung vermutlich nicht einmal verübeln, wenn ich es täte, so demoliert wie ich aussehe. Dann kommt er näher auf mich zu, meine Beine habe ich eng an meine Vorderseite gezogen um mit dem bisschen Würde, dass ich besitze, wenigstens irgendwie meinen Intimbereich verdecken kann. Er jedoch mustert mich kurz von oben nach unten an und erkennt, dass mich etwas anderes gerade zu beschäftigen scheint. „Wenn du schon eine Missgeburt bist, dann benimm dich wenigstens wie ein Mann!“, schreit er mich lautstark an, als habe er sofort erahnt, worum es sich handelt, woraufhin er mit seinem Fuß weit ausholt und damit absichtlich gegen meinen Schambereich zielt, sodass ich ein seltsam klingendes Keuchen von mir gebe. Mein Schmerz selbst ist zu groß, als dass ich dies mit Lauten zeigen könnte und stattdessen wie ein nasser Sack auf die Seite falle. Ein wildes Grölen kommt im ganzen Raum auf und der bullige Mann lässt sich von seinen Mitstreitern feiern: „Habt ihr das gesehen!? Der wollte ernsthaft seinen Schwanz verstecken!“ Das habe ich also nun davon, dass ich es mit meiner Glückssträhne zu weit getrieben habe…

      Schließlich wachst auch du auf und während ich völlig regungslos auf der entgegengesetzten Seite ins Leere starre, höre ich nur wie es bei dir offenbar hitziger wird. Der gefährlich wirkende Mann erhebt erneut seine Stimme, du seufzt angestrengt, er auch, dann du wieder und er brüllt förmlich, bis es wenig später ruhiger um euch wird.
      „Was ist das hier für ein Lärm?“, kommt auf einmal aus dem Nichts eine unpassende Stimme, die selbst das Gemurmel zum Verstummen bringt. Kurz kommt ein unangenehmer Luftzug in den Raum rein, der bei mir eine Gänsehaut bewirkt, denn der Vorhang zum Zelt steht eine Weile lang offen, nachdem ein weiterer Mann hineintretet. Im Gegensatz zu seinen Kameraden ist er wesentlich kleiner, obwohl man das auch seinem ergrauten Haar und dem hohen Alter anrechnen könnte. Nichtsdestotrotz ist seine Haltung stramm, die Mimik ernst und es macht den Anschein, als ob er eine besonders geschätzte Rolle unter den Barbaren besitzt.
      „Solltest du nicht schon im Bett liegen, alter Mann?“, frech grinst der Braunhaarige den Hinzugekommenen unter dem kurzen Gelächter einiger weniger Mutigen an, während sein fester Griff von deinem Hals nicht weicht und seine andere Hand, als sei es das Normalste für ihn, deinen Körper entlang runtergleitet und an deiner heiligsten Stelle stoppt, um mit einer überraschenden Zärtlichkeit über jene Lippen zu fahren. Dabei schenkt er dir keine weitere Beachtung, sondern vertraut lediglich darauf, dich mit seiner puren Mannskraft im Zaun zu halten, während er eine Reaktion des Alten erwartet.
      „Euch Gören kann man leider nicht alleine lassen. Ich habe gehört, ihr habt zwei Fremde gefunden.“
      „Ja, wobei der Eine eher tot als lebendig ist. Und der Kleinen hier muss ich erst noch das Sprechen beibringen…“, grinst er dich erneut an, darauf gespannt zu sehen, wie du die Berührungen denn empfindest, als plötzlich zwei seiner großen Finger in dich hineingeführt werden. „Na bist du nicht schön eng, hm? Der Kerl sieht seltsam aus, wenn man von den Verletzungen absieht.“
      Der Grauhaarige tretet näher heran, sein Interesse ist definitiv geweckt, auch wenn sie eher mir gilt als dir. Einen hölzernen Gehstock hat er bei sich, womit er mich an der nach oben gerichteten Schulter antippt und flach mit dem Rücken gegen den Pfahl drückt, dass er mich eingehend begutachten kann. Ich leiste dabei keinen Widerstand, da ich mir bereits darüber im Klaren bin, dass es über kurz oder lang nicht viel bringen wird. Nicht einmal sehe ich zu dir, sondern nur geradewegs nach vorne, auf dieses faltige Gesicht, dass förmlich in mein Innerstes zu starren beginnt, bis es plötzlich seinen gelassenen Gesichtsausdruck verliert und wie ausgewechselt wirkt. Wütend, adrig und absolut hasserfüllt. „Ein Garmkescher! Er ist aus dem warmen Land!“
      Noch ehe der massivgebaute Kerl sich weiter an dir vergreifen kann, hält er plötzlich still und lässt seinen Griff von deinem Hals ab. „Ein Garmkescher? Was sagst du da?“ Sein Tonfall ist ungewöhnlich ruhig und besonnen, als versuche er sich gerade anzustrengen, zu verstehen, was ihm da gesagt wurde.
      „Du hast richtig gehört, Rogar. Er ist aus dem Land, dass meinen Bruder und deinen Vater, so wie viele andere auch aus unserem Stamm, gehängt hat“, bestätigt er nochmal, seine Augen zittern leicht, darum bemüht, sich an etwas lange Vergessenes zurückzuerinnern. „Ich weiß es noch ganz genau. Diese braune Haut und ihre schwarzen Bärte, ihre seltsamen Tiere mit den langen Beinen, wie sie uns vor den Toren ihres Landes mit Bogenschüssen vertrieben, bis wir weit genug entfernt waren, damit auch ja keine Krankheit deren Einheimische erreichen konnte. Eine Krankheit, die es niemals gab! Erst dann kamen ihre reitenden Kämpfer auf uns zu, mit ihren scharfen, langen Zähnen in den Händen und metzelten alles und jeden nieder, bis auf einige wenige, die sie hämisch anlachten und weglaufen ließen, weil sie wollten, dass es uns Menschen vom Eisland eine Lehre sein wird. Er ist einer von ihnen! Ich kann so ein verlogenes Gesicht selbst dann erkennen, wenn es von zehnmal so vielen Wunden übersät ist!“ Schnaufend zeigt er auf mich ärmliche Gestalt, sein entschiedener Blick ist dabei an alle anderen Anwesenden gerichtet, die ihm ohne zu zögern offenbar glauben. Obwohl ich noch immer nicht den blassesten Schimmer habe, was vor sich geht, habe ich ein ganz ungutes Gefühl bei der gedämpften Stimmung, die gerade herrscht. Und wie sich herausstellt, ist dies wohlbegründet, als Rogar, der die ganze Zeit über ungläubig zu uns blickte, dich einfach liegen lässt und seinen Weg zu mir setzt. Seine Arme sind unruhig, die Fäuste feste zusammengeballt und bis auf den jaulenden Wind, ist nichts anderes mehr zu hören. Dann beginnt der zu mir Kommende aufgeregt zu lachen, sein psychopatisches Lächeln lässt auch mich erschaudern.

      „Ich glaube, du verstehst nicht was ich an dich richten werde, aber das geht schon in Ordnung“, sagt er und zieht mich an den Haaren nach hinten, dass ich seinem unangenehmen Gesichtsausdruck nicht entweichen kann. „Ich heiße Rogar Eklund, der Anführer des Stammes der Schneekrokodile und außerdem, von diesem Moment an, dein neuer bester Freund. Es ist zwar schon über 30 Jahre her, dass ihr meinen Vater umgebracht habt und bestimmt war es nicht einmal deine schuld, aber als mein bester Freund verstehst du es sicher doch, dass ich trotzdem sehr wütend bin. Wirklich, sehr, sehr wütend. Und ich fürchte, nur du kannst mich beruhigen. Und du glaubst ja nicht, wie sehr ich mich darüber freue, dass du dich dazu bereiterklärst, mir zu helfen… danke, vielen, vielen Dank. Auf eine schöne Zeit, mein Lieber“, fährt er abschließend fort, doch seine letzten Worte bestehen mehr aus einem lauten Flüstern, dass er direkt in mein Ohr gesprochen hat, als er sodann zu meiner Überraschung die Fesseln löst und die eine Hand nahezu liebevoll auf den Boden legt, sie kurz sogar streichelt und väterlich beobachtet, nur um plötzlich einen seiner gespitzten Steine zu schnappen und er mir damit in den linken Handrücken reinbohrt. Ein ungemeiner Schmerz, der all meine anderen Beschwerden so sehr übertönt, dass ich nicht anders kann als so laut aufzuschreien, dass vermutlich selbst die Menschen aus den umliegenden Zelten dies gehört haben. Meine Hand ist gebrochen, Rogar lacht wieder krank auf, der alte Mann blickt mich noch immer zornig an und die anderen im Zelt beginnen abermals zu grölen.

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    • Eine weitere Stimme zieht sämtliche Aufmerksamkeit auf sich und ich bin erleichtert darum, dass man unsere Auseinandersetzung nicht mehr ganz so freudig beobachtet. Allerdings lässt der Kerl nicht von mir ab und obwohl ich mich beherrschen will, zum Wohle meiner Gesundheit, entglitt mir ein Wimmern, als er meine Scham zwischen meinen Beinen erkundet. Ein triumphierendes Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus und ich hasse ihn dafür nur noch mehr, würde mich nicht einmal mehr damit zufrieden geben ihm den Kopf abzuhacken. Leiden soll er, das nehme ich mir vor, als ich die Beine zusammenpresse, in dem lächerlichen Versuch ihn von seiner Berührung abzuhalten. Natürlich funktioniert das keineswegs und er scheint daran nur noch mehr zu Spaß zu haben, was ich an der deutlichen Beule in seiner Hose erkenne. Ich wende mich ab und suche nach einem Ausweg.
      Als der neue Mann allerdings unvermittelt erklärt, woher du wirklich kommst, was deine dunklen Haare erklärt, höre auch ich auf, obwohl der Mann den man wohl Rogar nennt, endlich von mir ablässt. Ich sehe zu dir und mustere dich erneut, diesmal aber in einem anderen Licht als zuvor. Auch ich habe von Garmkesch gehört, dem Land von dem es heißt, dass dort nicht einmal in den kältesten Nächten der Schnee fällt und die Leute sich nur mit dünnen Stoffen bekleiden, weil sie sonst von der Sonne allein schwitzen. Ich habe die Erzählungen immer für ein Märchen gehalten, für mich gibt es nichts anderes als weißen Boden und weiße Hügel und dunkle Wolken, aber dich nun vor mir zu sehen, jemand der direkt von dort kommt, das ändert meine ganze Sichtweise. Mein Interesse daran mehr von dir zu erfahren steigt weiter und ich sorge mich nicht mehr darum von hier zu verschwinden, sondern wie ich dich hier rausbekomme. Ich weiß noch nichtmal, wo genau wir sind, es wird wohl noch eine Weile dauern.
      Rogar lässt mich liegen und geht weg, ich krieche instinktiv ein Stück in die andere Richtung, bis ich an den nächsten stoße, der die Ablenkung nutzen will und mich ähnlich berührt wie Rogar zuvor, nur dass er nicht in mich einfährt, er scheint wohl durch etwas gehemmt zu sein. Ich beachte ihn gar nicht, meine Augen sind weiter auf dich gerichtet, ich beobachte was sie mit dir tun. Dein anschließender Schrei dringt selbst mir durch alle Knochen und ich reiße mich von dem Mann los der mich festhält, kämpfe mich auf die Knie.
      "Es gibt noch mehr von ihnen!!", brülle ich über den Lärm hinweg und auch wenn Rogar mich nicht beachtet, wendet der Alte mir doch seine scharfen Augen zu.
      "Was hast du gesagt?"
      Es wird ein bisschen stiller.
      "Es gibt mehr von ihnen. Ich hab noch mehr gesehen."
      Während Rogar noch Spaß daran hat dich zu malträtieren, kommt der andere näher.
      "Es würde dir gut tun mich nicht anzulügen. Überleg dir gut was du sagst, Mädchen."
      "Ich weiß, was ich sage", knurre ich zurück und starre zu ihm auf. "Es gibt eine ganze Gruppe von ihnen. Vielleicht zwanzig Leute. Ich habe sie beobachtet, nicht weit von dort entfernt, wo ihr uns geschnappt habt."
      Er scheint kurz zu überlegen, mustert mich mit runzeligen Augen.
      "Woher soll ich wissen, dass du uns nicht in eine Falle locken willst? Vielleicht warten dort deine Leute?"
      "Ihr müsst ja noch nichtmal da hingehen, ihr müsst nur ihre Spuren finden. Sie werden ihren Freund sicherlich vermissen und ihn suchen. Die denken doch anders als wir."
      Der Mann nickt langsam, die umstehenden Leute starren ihn an, warten auf eine Entscheidung.
      "Da könntest du sogar recht haben. Es ist unwahrscheinlich, dass er alleine durch das Ödland zieht. Und mehr von ihnen machen sicherlich mehr Spaß als nur einer."
      Er sieht zu dir und lächelt leicht.
      "Ich werde morgen zwei losschicken, um danach zu suchen. Wie viel hast du gesagt, 20? Dann nehmt lieber einen dritten mit. Wir werden sie uns anschauen."
      "Dann könnt ihr mich auch gehen lassen! Ihr habt Informationen bekommen, mehr kann ich euch nicht geben."
      "Dich gehen lassen? Ganz sicher nicht. Wenn du wirklich ein Einzelgänger bist, wie du es behauptest, wird dich sowieso niemand vermissen."
      "Was?!"
      Ich gebe mir Mühe, in meiner gespielten Empörung so überzeugend wie nur möglich zu wirken. Tatsächlich will ich nur den Schein wahren, lediglich an meine eigene Freiheit zu denken.
      "Macht sie dort hinten irgendwo fest, nicht dass sie uns abhaut. Und dann achtet mir bloß darauf, nicht den Boden zu versauen."
      Das war wohl das Zeichen, denn sofort nähern sich fünf von den Männern und ziehen mich mit sich in einen dunklen Bereich des Zeltes, in dem sie mich erneut festbinden. Ich trete in alle Richtungen, schreie die Männer vor mir mit Beschimpfungen an, aber bald haben sie meine Beine fest umklammert und meine Flüche verwandeln sich in Schmerzenslaute, als der erste bereits seine Hose runterlässt und rücksichtslos in mich rein stößt. Ich wimmere gequält und unternehme noch einige Versuche mich zu befreien, allerdings erfolglos. Der Alte schaut uns noch für einen Moment zu und geht dann zu dir, um Rogar an der Schulter zu packen. Der Riese hat im Moment mehr Lust daran dir Schmerzen beizubringen, als sich seinen Genossen anzuschließen, aber jetzt schaut auch er auf und zu dem Alten empor.
      "Reite in der früh mit den beiden aus und such die Spur, von dem das Weib geredet hat. Nimm dir noch zwei andere mit, dass sie dir nicht abhauen. Wenn es stimmt, was sie sagt, können wir uns gleich an allen gemeinsam rächen."
      Rogar nickt vergnügt und wendet sich dir wieder mit einem breiten Lächeln zu.