Das Löwenherz und die Blüte [Daora & medusa]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Das Löwenherz und die Blüte [Daora & medusa]

      ___________________________________________________________________________________________________________

      Fokussiert betrachteten seine dunklen Augen das Brett, welches direkt vor ihm lag. Mit seinem linken Arm stützte er sich auf der Armlehne ab, während er regungslos zu überlegen versuchte, diese Runde einigermaßen zu retten. Es war jedoch auf den ersten Blick deutlich, dass seine Niederlage unumgänglich war. Vielleicht war sie das schon seit dem Moment, als er den ersten Zug gesetzt hatte. Nichts Neues für ihn - und umso weniger etwas Neues für seinen Gegenüber. Ein leichter Seufzer machte sich im Raum breit. ,, Hast du überhaupt vor, heute noch den Zug zu setzen, Ail?", ertönte die amüsierte Stimme vor ihm. Seine Augen schauten nach vorne und erblickten sofort das zufriedene Lächeln seiner Gegenspielerin. Da er schon wusste, dass es keinen Sinn mehr hatte, diese Runde noch mehr in die Länge zu ziehen, hob er verteidigend seine flache Hand. ,, Gib mir doch zumindest ein bisschen Zeit", versuchte er sich zu rechtfertigen. ,, Ein bisschen?", wiederholte sie gelassen, während sich ihre Augenbrauen hochzogen. Noch ein letztes Mal blickte er über die Schachfiguren und überlegte kurz, welcher Zug für ihn geeignet wäre, doch da es in seiner Situation sowieso keine Rolle mehr spielte, setzte er unüberlegt irgendeine Figur in Bewegung. Kurz nachdem er seine Entscheidung vollendete, konnte er ein leichtes Schmunzeln von seiner Gegnerin wahrnehmen. ,, Schachmatt!", mit dieser Aussage nahm diese Spielrunde ihr Ende, wobei die bernsteinfarbenen Augen den Verlierer grinsend betrachteten.,, Manche Sachen ändern sich wohl nie", erklärte die Siegerin, ohne jeglichen Wunsch, ihren belanglosen Triumph zu verschweigen. Sie konnte beobachten, wie ein leichtes Lachen die Lippen des Vordermanns umrandete. Und gleichzeitig konnte sie selbst nicht anders, als diese Geste zu erwidern. Es fühlte sich komisch an, nach solch langer Zeit aufrichtig lachen zu können. Besonders in ihrem jetzigen Zustand, der durch ständige Unruhe gekennzeichnet war.
      Der Grund für ihr täglich zunehmendes Unbehagen war eine ganz bestimmte Person. Genauer gesagt, ein Mann, den Ayana noch nie zuvor gesehen hatte. Trotzdem hatte er es geschafft, sie und ganz Sede in ein völliges Desaster zu versetzen. Man konnte sicherlich schon erahnen, um wen es sich handelte - dem König von Adon, Melaar al Caleum Ilios höchstpersönlich. Ein leichter Schauder machte sich in ihr breit, als sie nur seinen Namen in den Gedanken aufrief. Wahrscheinlich war er die berüchtigste Gestalt, die durch diese Welt wanderte.
      Genau dieser Mann hatte dem Freundschaftsbund des Königs von Sede, Amul dem Zweiten, zugestimmt und somit vorgenommen eines seiner Töchter zur Frau zu nehmen. Hätte ihr ein Fremder diese Geschichte erzählt, dann würde sie es für einen schlechten Scherz halten. Da sie jedoch die Tochter Amuls war, wusste Ayana, dass dieses Bündnis der Realität entsprach. Es würde demnach nicht lange dauern, bis es in wenigen Tagen in die Tat umgesetzt wurde.
      Sogar jetzt klang es in ihren Ohren immer noch absurd, doch der lebende Beweis müsste in Kürze in diesen Palast eintreffen. Sie atmete tief ein und drängte die Gedanken über die Ankunft des berüchtigten Königs weg. Die letzten Momente ihres Friedens wollte die Schwarzhaarige möglichst lange genießen. Diese Schachrunde tat ihr gut, weshalb sie diesen Augenblick etwas länger hinausziehen wollte.
      Ihr Kindheitsfreund war wohl die einzige Person, mit der sie sich auf diese Weise zwanglos unterhalten konnte - ohne jegliche Angst, dass jedes von ihr gesagte Wort letzten Endes gegen sie verwendet werden könnte.,, Ail", hauchte sie unüberlegt von ihren Lippen.
      ,, Ja?", fragte dieser schlicht nach. Nachdem sie das wahrnahm, zogen sich ihre Mundwinkel zu einem leichten Lächeln zusammen. Sie stützte den Kopf auf ihrer Hand ab und überlegte sich währenddessen, was sie ihn überhaupt fragen sollte, denn sie wollte diese Unterhaltung nicht so schnell beenden.
      ,, Erzähl mir von deiner Reise", schlug sie vor. ,, Ich meine, du warst ein Jahr lang in Ikar. Da findet sich doch bestimmt etwas zu berichten.‘‘
      Kurz nach dieser Aussage legte sich eine angenehme Stille in der Umgebung und Aninda beobachtete, wie der Vordermann seine Augenbrauen zusammenzog, wodurch sich mehrere Falten auf seiner Stirn bildeten. Während er sich in der überlegenden Starre befand, erlaubte sie sich, sein Gesicht näher zu betrachten. Es war nur ein Jahr vergangen seitdem sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Ganze zwölf Monate - nichts worüber man nachtragend sein konnte. Aber trotzdem war da etwas, was sie nicht in Worte fassen konnte. Er war anders. Genauer gesagt, anders geworden. Das konnte sie sofort erkennen. Schließlich waren die beiden Kindheitsfreunde und kannten sich demnach gegenseitig gut. Vielleicht sogar zu gut - zu gut, um schlichte freundschaftliche Gefühle zu pflegen, doch das war gerade nicht von Bedeutung. Irgendetwas schien mit ihm nicht zu stimmen. Etwas, was ihr nicht gefiel. Vielleicht bildete sich die Königstochter einfach zu viel ein, doch ihre Intuition hatte in seltenen Fällen unrecht. Ihre Augen glitten über sein leicht langes, schwarzes Haar, welches bis zu seinen Schultern reichte. Erst als er ihren Blick erwiderte, wurde sie aus ihren Betrachtungen gerissen. ,, Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", antworte der Vordermann auf ihre vorherige Bitte. ,, Erzähl mir über die Menschen von Ikar, wie sind sie? Was tragen sie? Wie leben sie? Woran glauben sie?"
      Bevor Aninda ihre Fragen beenden konnte, begann der Gegenüber schon zu reden. Anscheinend hatte er den passenden Ansatz gefunden. Sie hörte ihm ruhig zu, achtete darauf, keine einzige falsche Bewegung zu machen - aus Angst, sie könnte ihn ablenken, denn das Erzählen von Geschichten war eine der markantesten Talente Ails. Und sie musste zugeben, dass sie das sehr vermisst hatte, auch wenn sie das wohl nie offen gestehen würde. Er besaß die Gabe, mit seinen Worten jeden in den Bann zu ziehen, weshalb es nicht lange dauerte, bis sie in die Welt seiner Erzählungen abtauchte. Sie hörte ihm sorgfältig zu, Wort für Wort — darüber wie heiß es in Ikar war, dass es dort kaum regnete und die Sonne einen tagsüber förmlich quälte. Die Menschen in diesem Reich zeichneten sich besonders durch ihre Gastfreundlichkeit aus und waren angeblich stets mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht vorzufinden. Zumindest war es etwas, was Ail selbstsicher behauptete. Aninda lauschte ihm weiterhin gespannt zu und konnte an einigen Stellen nicht anders als zu lachen. Sie realisierte gar nicht, wie die Zeit verstrich. Das merkten wohl beide nicht, bis die Stimme des Vordermanns diese Unwissenheit durchbrach.
      ,, Ich habe übrigens ein Geschenk für dich", gab er kund und durchsuchte währenddessen seine Tasche, bis er endlich das Gewünschte rausnahm.
      ,, Für mich?", fragte sie überrascht nach und beobachtete, wie er seine Faust lockerte, in welcher eine Kette zu erblicken war. Das Hauptstück dieses Schmucks war ein Stein gewesen, der durch seine leuchtend blaue Farbe die Aufmerksamkeit des Betrachters weckte.
      ,, Ein Opal in Form einer Kette - ein recht seltenes Schmuckstück", nachdem er das erklärte, breitete er seine Hand aus, sodass Aninda ihr Geschenk entnehmen konnte. Sie nahm sich den besagten Stein vor und drückte diesen zwischen ihre Finger, um genauer dessen Aussehen zu betrachten. Bevor sie sich etwas länger dem widmen konnte, klopfte es an der Tür. Hastig versteckte die Königstöchter das Geschenk in ihrem Gewand und nahm sofort eine gerade Haltung ein. Währenddessen verfolgten ihre Augen, wie eine Dienerin den Raum betrat.
      ,, Auraria, Sie werden erwartet", kam es langsam und deutlich von der Bediensteten. Ihre Mundwinkel zogen sich zu einem sanften Lächeln zusammen und sie nickte schlicht. Ohne lange auf sich warten zu lassen, erhob sie sich und schenkte noch einen kurzen Blick ihrem Kindheitsfreund.
      ,, Ich hoffe, wir können unser Spiel ein andermal fortführen", erklärte Aninda, während ihre Augen auf das Schachbrett deuteten.
      ,, Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, mein Herr." Sie beugte sich kurz vor und nahm wahr, wie er diese Geste ebenfalls erwiderte. Anschließend drehte sie sich um und verließ den Raum, wobei sie spüren konnte, wie sein Blick weiterhin auf ihr ruhte. Ayana unterdrückte das unsichere Gefühl, welches sich in ihr aufkeimte, denn sie konnte förmlich spüren, dass Ail ihr etwas zu sagen versucht hatte. Dafür war es jetzt jedoch zu spät und es stand ein viel wichtigeres Problem bevor.

      Es hatte nicht lange gedauert, bis sie die Haupttoren des Palastes erreichte. Man konnte einige Bediensteten erkennen, die sich hastig in verschiedenste Richtungen bewegten. Sie schaute sich um und nachdem sie die bekannten Gesichter ihrer Familie, darunter auch ihren Vater, erblickte, gesellte sie sich unbemerkt zu ihnen. Ayana erlaubte es sich für einen kurzen Moment den König Sedes zu begutachten - insbesondere seine Kleidung. Wie es zu erwarten war, trugen seine Gewänder die rote Farbe, die seine autoritäre Macht verdeutlichen sollten.
      Seine gerade Haltung und der direkte Blick verstärkten seine Entschlossenheit; ob er sich tatsächlich so selbstsicher fühlte, konnte sie nicht beurteilen.
      Die Schwarzhaarige wandte ihren Blick ab und da sie nicht wusste, wie sie sich ablenken sollte, betrachtete sie schlicht ihre blaue Kleidung.
      Aus den Gesprächen konnte die Königstochter wahrnehmen, dass der Herrscher Adons die Stadtmitte erreicht hatte. Das bedeutete wiederum, dass er in wenige Minuten hier eintreffen würde. Sie zuckte unbemerkt zusammen, als sich die Toren mit einem lauten Krächzen öffneten. Jeder der Anwesenden war gespannt auf den Unbekannten und wurde gleichzeitig von der Unsicherheit geplagt. Schließlich wussten die Menschen Sedes nicht, wie sie sich auf so einen Gast vorbereiten sollten. Und sie waren noch mehr verzweifelt darüber, wenn es um diesen Friedensbund ging. Was sollte man davon halten? Konnte man überhaupt dieser Schreckensgestalt vertrauen? Niemand wusste es, doch eines stand sicherlich fest - das Schicksal Sedes lag in seinen Händen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 9 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Löwenherz


      Seine Schläfen pochten gegen das Innere des Helmes als versuchte sich ein Vogel aus einem Ei zu befreien. Benommen setzte er sich auf, schaffte es erst auf den zweiten Anlauf sich komplett aufzurichten. Seine Rüstung war leichter als jene die die Ritter trugen und dennoch schränkte sie seine Bewegung merklich ein. Nur mühsam bekam er den Helm vom Kopf und erkannte die Stelle an welcher der Splitter ihn getroffen hatte, vielleicht noch eine Haaresbreite mehr und der spitze Stein hätte das Metall durchschlagen. Benommen sah er sich um, erblickte das Geschoss, ein Felsbrocken von sicherlich 200 Pfund hatte das Zelt zerschlagen und die Männer darin getötet. Hätte der Bannerherr ihn nicht nach draußen geschickt wäre er jetzt wie sie unter dem massiven Stein begraben worden. Die Überreste des Zeltes lagen wie ein Totentuch unter dem Stein und verschonten so den jungen Mann von dem Anblick. Mann. Vor einem halben Jahr hatte die Köchin ihn noch aus der Küche gescheucht als er zusammen mit einer Magd Pasteten gestohlen hatte und nun stand er hier. Seine Rüstung war dunkel und ohne Schmuck, außer dem Baum der auf seiner Brust eingelassen war. Das Wappen war mit eisgrauem Silber in das dunkle Metall getrieben worden, statt wertvollen Steinen waren Glassplitter darin eingesetzt wie es für die Adligen von Adon üblich war bevor sie sich in einer Schlacht bewiesen hatten. Er sollte sich heute nicht beweisen, er hatte zusehen und lernen sollen. Sein Blick wanderte den sanften Hügel hinab wo die Schlacht von Sekunde zu Sekunde chaotischer wurde. Etwas lethargisch betrachtete der Mann wie die Formation seiner Soldaten auseinanderbrach. Vereinzelt erkannte er die schweren Ritter welche verzweifelt versuchten die Männer beisammen zu halten. Jetzt da ihre Führung verschwunden war ergriffen die Eingzogenen und Leibeigenen die Flucht, ohne Befehle von oben und die beißenden Rufe der Hauptmänner gab es nichts was die Flüchtenden dazu bringen konnte wenigstens die Waffen zu heben. Das waren Handwerker, Bäcker, Schmiede, da waren Farmer, Händler und Viehzüchter, das waren keine Soldaten. Man hatte sie überrascht, nie hätten sie es erwartet dass zwischen den Bäumen und Hügeln ein Tribok Zuflucht finden konnte. Die schwere Kriegsmaschine konnte nicht so einfach bewegt werden und musste mühsam auf und ab gebaut werden was darauf schließen ließ, dass ihre Feinde das Feld tatsächlich so gewählt hatten um den Eindruck zu vermitteln sie wären im Nachteil. Der junge Mann lächelte während er den Hügel hinunter stieg. Sein Name war Melaar und als Adliger Adons waren das seine Männer die hier starben. Seinen verformten Helm hatte er bei dem zerstören Zelt zurück gelassen. Er hielt die Flüchtenden, die an ihm vorbei rannten, nicht auf. Einen Deserteur erwartete in Adon die Todesstrafe aber wer konnte es einem verübeln wenn man lieber sein Glück daran versuchte als dem sicheren Tod auf dem Schlachtfeld entgegen zu treten. An der Hüfte von Melaar hing ein Rapier, ein schlankes Schwert für die schnellen Duelle bei Hofe aber auf dem Schlachtfeld vollkommen nutzlos. Er machte sich nicht die Mühe es zu ziehen und hob stattdessen das große Bastardschwert eines gefallen Ritters auf. Solche mächtigen Stahlwaffen hatten die wenigsten in ihrem Heer, die meisten trugen Lanzen, einige Äxte, nicht solche für den Krieg, nein Holzfälleräxte mit Axtköpfen so Stumpf dass selbst eine Eiche einen verspottete wenn man auf sie einschlug. Oder besser hatten sie solche getragen, die Feiglinge hatten sie längst von sich geworfen um schneller laufen zu können. Er packte das große Schwert und wog es in der Hand. Es war kunstvoll geschmiedet und trotz des Gewichts lag es angenehm in der Hand, der Griff war lang genug dass man es gut mit beiden Händen halten konnte. Mit einer einzigen Faust umfasst hob er es über seinen Kopf als handelte es sich um einen Zweig. "Ritter zu mir!" Seine Stimme hallte über das Schlachtfeld, übertönte den Kampflärm und die fliehenden Soldaten. "Zu mir!", klang sein Ruf noch einmal, doch schon beim ersten Mal hatten sich etliche Ritter in Bewegung gesetzt. In ihren schweren Rüstungen konnten sie nicht fliehen und jetzt griffen sie nach jedem Strohhalm. Als immer mehr Ritter sich um den jungen Mann scharrten kamen erste Zweifel aus ihren Reihen aber die bloße Ansammlung der ehrfürchtigen Erscheinungen sorgte dafür dass auch einige der 'freien' Männer sich innen anschlossen. So wuchs die Gruppe formierte sich an dieser Stelle neu und bereitete sich endlich auf Gegenwehr vor. Als die feindliche Front nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt war setzten sich die Ritter in Bewegung, an ihrer Spitze ein junger Mann ohne Helm. Mehr und mehr der verängstigten Soldaten schlossen sich ihnen an, halb Schutz suchend, halb entschlossen einen Beitrag zu leisten.
      Die Schwerter sangen durch die Luft und Schmerzensschreie folgten, noch hinter den Hügelkämmen konnte man hören wie es klang wie ein Mensch sein Leben ließ. Und all das wurde noch übertönt von dem klaren Lachen eines jungen Mannes der sein Schwert schwang und den Tod brachte und dabei eine Freude verströmte die nicht nur seinen Feinden einen Schauer über den Rücken trieb.
      Seit diesem Tage nennen sie ihn Löwenherz. Der Junge der sich einer Übermacht ganz allein gestellt hätte. Es war das erste Mal dass Melaar in Erscheinung trat und sein Name verbreitete sich schnell, jedoch nannten nur die ihn so die nicht bei ihm standen als er das Blut vergoss. Niemand der an seiner Seite gekämpft hatte sprach seinen Namen jemals aus, Niemand erzählte Geschichten von diesem Tag, lauschte den Lieder, zu groß war die Furcht vor dem was sie da erblickt hatten.






      Für Wartscha war es das erste Mal, dass er die gigantischen Säulenberge von Sede erblickte. Als hätten die Götter die Städte dieser Menschen auf steinerne Stelzen gesetzt so dass sie niemals wieder auf dem dreckigen Erdboden würden gehen müssen. Der junge Schreiber sah die Blicke seiner Kameraden die ebenfalls gebannt in die Höhe starrten. Es war unschwer zu erkennen wer ebenfalls zum ersten Mal seinen Fuß in dieses unwirkliche Land setzte. Er gehörte zu der kleinen Kolonne, die ihren König begleitete wie er sich seine zukünftige Königin aussuchen würde. Wartscha hatte kurz geschornes Haar und auch wenn niemand etwas sagte lag doch sein Schreibbrett, in das man Papier einspannen konnte, auf seinem Schoß bereit, denn kein Wort seines Königs sollte je vergessen werden. Wann immer es keine Worte gab die für die Ewigkeit fest gehalten werden sollten nutze der Schreiber seine Zeit um die visuellen Eindrücke fest zu halten. Gerade jetzt war er damit beschäftigt die kleinen Wimpel welche an die Hängebrücken herab hingen einzufangen und es so aussehen zu lassen als würden sie auf seinem Papier genau so im Wind schaukeln wie dort oben. Er fragte sich wie die ersten Siedler es fertig gebracht hatten in dieser Höhe überhaupt Brücken anzubringen. Die kleineren Felssäulem waren mit den hübschen Hängebrücken und bunten Wimpeln verbunden, zwischen den Größeren gab es auch Brücken aus Stein die wohl die großen Wagen Adors halten konnten. Wartscha schaute abschätzend zu der großen Königskutsche hinüber, das Holz war größtenteils mit Gold besetzt und er hielt es für ein Wunder dass die Achsen dieses Ungetüm aus Reichtum überhaupt tragen konnten. Nicht dass es wirklich relevant wäre, immerhin war sein König soweit er das mitbekommen hatte während ihrer Reise noch nicht einmal in ihrem Inneren gewesen. Der Schreiber schüttelte den Kopf, nahm aber direkt wieder Haltung an. Melaar ritt vielleicht drei oder vier Pferdelängen vor ihm, abgeschirmt nur von seiner Leibwache in dunkelgrauen Rüstungen. Ihre Pferde waren riesig, Windsprecher aus den riesigen Ebenen von Vahin, einem Vasallenstaat von Adon. Die Pferde waren allesamt grau bis schwarz, mit Fesseln so dick wie der Oberschenkel eines Mannes. Die Tiere wurden fast ausschließlich von der königlichen Garde benutzt aber es war dem gemeinen Volk nicht vorenthalten sich ebenfalls ein solches Schmuckstück anzuschaffen. Der Schreiber tätschelte den Hals seines treuen Pferdes. Selbst wenn er fünf Jahre lang jedes Goldstück dass er verdiente auf die Seite legte könnte er sich noch kein solches Tier leisten. Außerdem gefielen ihm die Tiere nicht, was nicht nur damit zusammen hing dass er ernsthaft daran zweifelte ob er überhaupt auf eines hoch kam. Zwischen zwei von Melaars Wache konnte er hindurch sehen und einen Blick auf den König erhaschen. Und was er da sah war ihm zutiefst suspekt. Melaar trug keine Rüstung sondern Gewänder aus einem hellbraunen Stoff, der jetzt im Sonnenlicht golden schimmerte. In der Hüfte begannen weinrote Streifen, die sich zu seinen Oberschenkeln hin ausstreckten und dem Tier nachempfunden war, von dem der Stoff stammte. Er hatte Geschichten über die Greife aus den südlichen Gerbirgsketten von Adon gehört aber auch die hatte er in seinen jungen Jahren noch nicht gesehen. Aus dem Fell ihrer muskulösen Leiber gewann man Greifenseide und wahrscheinlich bräuchten sie ein paar mehr Pferde um das Gold zu ziehen allein um den Stoff zu bezahlen. An seinen Ärmeln waren mit Gold- und Silberfäden kleine Runen eingestickt unter anderem das Wappen von Adon, ansonsten war seine Kleidung eher schlicht, was in diesem Zusammenhang ein wenig an Bedeutung verlor. Sein schwarzes Haar wurde von einer Krone zurück gehalten die sowohl aus Gold, wie auch aus Stahl bestand und damit Königstum und den Krieg gleichermaßen repräsentierte. Der Schreiber hatte Melaar noch nie ohne Rüstung gesehen und selbst in der Hauptstadt hielt sich hartnäckig das Gerücht er würde sogar in Stahl schlafen, wenn er denn überhaupt schlief. Natürlich würde er sich hüten solche Gerüchte laut auszusprechen, nicht mal unter Freunden aber ab und zu drang dennoch mal eines in seine Ohren. Ab und zu bewegte sich der Stoff, als hätte man ein Steinchen in einen kleinen Teich geworfen und kurzzeitig liefen wunderschöne Muster durch den Stoff die dem flüchtigen Betrachter verborgen blieben. Man hatte ihm das einmal so erklärt dass die Greifenseide sich an ihre Zeit zwischen den Wolken und dem Wind erinnerte und deswegen so reagierte wenn ein Luftzug daran entlang striff. Der König selbst blickte nicht zu den Felespitzen hinauf, dabei wirkte er nicht angespannt als wollte er nicht hinauf sehen, eher wie jemand der hier jeden Tag vorbei kam, jemand für den die kleinen Wunder auf ihrer Strecke nur Alltag waren.

      Als sie durch die Hauptstadt ritten kam Wartscha aus dem Zeichen gar nicht mehr heraus, es gab so viel was er unbedingt festhalten musste dass er sich von allem nur grobe Skizzen machte um sie auf dem Heimweg zu vollenden. Am meisten begeisterten ihn die schwungvollen Häuser mit den roten Dächern und Pfeilern. Sicher war diese ressourcensparende Bauweise gleichzeitig eine Notwendigkeit da jeder Stein und jedes Stück Holz mühsam zwischen den einzelnen Pässen transportiert werden musste aber die Menschen hatten es dabei wohl zur Perfektion gebracht.
      Er hatte keinen Festumzug erwartet mit dem sie einritten aber wenn überhaupt Menschen zu sehen waren spähten sie nur ängstlich aus den Fenstern und hinter Häuserecken hervor. Das ganze sah ein wenig aus als handelte es sich um einen Triumphzug durch ein unterworfenes Land. Und letztlich war das hier ja nicht so viel anders. Die Menschen von Sede waren ein sehr stolzes Volk, so zumindest hatte er gehört. Es war also verständlich dass sie die Heirat einer der Königstöchter eher als Überfall, denn als Grund zum Feiern betrachteten.
      Das gute an der Desinteresse des Volkes war dass sie schnell voran kamen und innerhalb weniger Minuten die Palastmauern erreichten.
      Der Schreiber war überrascht davon wie hoch die Mauern waren, er hatte erwartet dass sie eher zur Zierde dienten da das gesamte Relief bereits so gut zu verteidigen war. Anderseits war das hier ja die letzte Bastion des Landes und zudem war ein Putsch ja immer im Bereich des Möglichen.

      Mit einem gewaltigen Krächzen öffnete sich das Tor, das wahrscheinlich nur geschlossen wurde um es vor Melaar theatralisch öffnen zu können. Hinter Melaar, den acht Männern seiner Garde, Wartscha und dem Wagen folgten noch etwa zweihundert Menschen, davon gehörte ungefähr die Hälfte noch der königlichen Garde an. Der Rest bestand aus Gesandten, Dienern und eben Amtsträgern wie Wartscha.
      Melaar ritt als erstes durch das Tor, es war nicht seine Art gleich eines Königs, erst mit der Mitte des Zuges einzutreffen. Das ganze verstärkte den Eindruck eines Siegeszugs noch weiter ob gewollt oder nicht sei dahingestellt. Der Ritter zur rechten von Melaar erhob seine Stimme und seine Worte hallten von den Mauern des Innenhofes wieder. "König Melaar von Adon, erster seines Namens und sein Gefolge begrüßen unseren Gastgeber und Herrn über Sede." Wartscha hielt mit dem Stift inne und schaute auf. Die Vorstellung ohne seine Titel? Ihm war bewusst dass Melaar keinen Wert auf solche Belanglosigkeiten legte aber bei so einem Anliegen. Das ganze war ein Desaster für die Aufteilung seines Textes. Er fluchte leise ohne einen echten Ton zu erzeugen. In den Hof war es seltsam still, Melaar hatte sich noch nicht gerührt und den versammelten einen Moment gegeben ihn weiter zu betrachten. Ohne erkennbares Signal stieg die Leibwache ab und als Melaar scheinbar mühelos vom Pferd glitt nahmen sie Haltung an. Der Despot war nicht bewaffnet, kleiner als die hoch gewachsenen Männer in ihren Rüstungen und obwohl er ein Lächeln auf den Lippen hatte ging von ihm eine Gefahr aus die man sich nicht erklären konnte. Es war diese Art von evolutionärer Angst, ein Urinstinkt gleich dem Hund der die Schlange fürchtet auch wenn er sie noch nie vorher gesehen hat. So tief verankert dass man sich der Wirkung selbst dann nicht entziehen kann wenn man sie sich bewusst ist. "Ich danke für dieses wunderbare Willkommen." Wie verrückt begann Wartscha zu schreiben aus Angst auch nur ein Wort vergessen zu können. Der Despot trat näher auf den König zu und wirkte mit jedem Schritt größer, die Geste mit offenen Armen verstrahlte trotzdem zumindest einen Rest von Vertrautheit. Der Stoff schmiegte sich an seinen Körper und wann immer er einen Schritt machte konnte man meinen er wäre eine Statue, nur um im nächsten Moment wieder zum Menschen zu werden. "Wir sind früher hier als gedacht, ich möchte meinen Männern Zeit geben sich auszuruhen und ihre Töchter sollen Gelegenheit haben sich frisch zu machen." Mittlerweile war er auf armeslänge an dem König heran und Wartscha war zutiefst von ihm beeindruckt. Obwohl der König Sedes sichtlich mit der Nähe dieses Mannes zu kämpfen hatte, wendete er den Blick nicht von ihm ab. Der Schreiber war gut darin aus Menschen zu lesen und er war sich sicher wäre Melaar auf einen der Beamten hinter dem König zugekommen wären sie in Ohnmacht gefallen. Würden die beiden Könige nur ein wenig länger zusammen stehen würde Wartscha dieses Bild für die Ewigkeit fest halten, die Unterwerfung Sedes würde er es nennen. Er versuchte sich jeden einzelnen Gesichtszug der beiden im Vordergrund und so viele im Hintergrund wie möglich einzuprägen aber er zweifelte daran dass er den Moment wieder so rekonstruieren konnte. Melaar blieb erst einen Schritt nach dem König stehen so dass dieser sich zu ihm umdrehen musste. Mit einer galanten Bewegung verbeugte er sich vor dem älteren Mann, tiefer als ihm Zustand. "Ich danke nochmals tunlichst für die Einladung eure Majestät." Als er sich aufrichtete fixierten seine Augen eine Person hinter dem König und auch wenn Wartscha nicht genau sagen konnte wem sein Blick gegolten hatte, so hatte er doch den Sekundenbruchteil von Anspannung an seinem König erkannt. Aber der Moment ging vorüber, ohne dass man die Unterbrechung der sonst so flüssigen Bewegungen wirklich wahr nehmen konnte wenn man nicht genau wusste wonach man Ausschau hielt. Ohne ein weiteres Kommentar Schritt der Despot am König vorbei und betrat den Palast, als ob es bereits sein eigen wäre. Ob er wusste wo sein Quartier gerichtet war oder er einfach beschlagnahmen würde was immer ihm gefiel, wollte sich der Schreiber besser nicht vorstellen. Ein Teil der königlichen Leibwache folgte ihm überraschend flink, trotz der schweren Rüstungen und verschwanden ebenfalls im Palast. Aus dem Gefolge von Adon lösten sich Frauen, so wunderschön dass Wartscha immer noch rot wurde wenn sie zu nah an ihm vorbei liefen und überreichten kleine Geschenke an die völlig überrumpelten Würdenträger des fremden Königreichs. Die Diplomaten traten vor und suchten ihre jeweiligen Ansprechpartner um die Verträge auszuarbeiten für die sie wahrlich wenig Zeit hatten. Nach und nach löste sich der Zug von Neuankömmlingen auf, nicht alle würden im Palast schlafen, sondern sich Wirtshäuser in dessen Nähe suchen. Wartscha sah noch zu wie sie die Pferde versorgten, seufzte wehmütig und betrat andächtig den Palast.
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Ayana konnte förmlich spüren, wie jede Sekunde an ihnen vorbeiflog, wie sie jedesmal einen neuen Atemzug schnappte, um dadurch ihre Unsicherheit überspielen zu können.
      Eigentlich hielt die Schwarzhaarige nicht viel von diesem ganzen Vorhaben. Letzten Endes war dieser Freundschaftsbund etwas, was nicht im Geringsten einen Einfluss auf ihr Leben haben könnte. Sie würde weiterhin die Auraria bleiben, die Heilige Sedes, deren Lebenssinn darin bestand, sich stets um das Wohlergehen ihres Reiches zu sorgen und es vor der Finsternis zu bewahren. Wie viel sie davon tatsächlich erfüllte, war einfach dahingestellt.
      Um das kurz zu fassen - ihr Leben würde weiterhin so verlaufen, wie es bis jetzt immer tat.
      Ayana verstand eigentlich gar nicht, wieso sie an erster Stelle hier sein musste. Schließlich war sie keine diplomatisch wichtige Figur, von welcher der endgültige Beschluss des Bundes abhing, noch gehörte sie zu den Königstöchtern, die zur Auswahl für den Herrscher Adons bereitstanden. Die Schwarzhaarige war kurz gesagt fehl am Platz, doch aus Höflichkeit musste sie trotzdem präsent sein, auch wenn sie überzeugt war, dass ihre Abwesenheit keine tragische Folgen mit sich bringen würde.
      Obwohl Ayana zu dieser ganzen Situation gleichgültig eingestellt war, so spürte sie, wie sie mit jedem vorübergehenden Moment von der Aufregung der restlichen Anwesenden angesteckt wurde.
      Ihre Ruhelosigkeit erreichte die Krönunh als sich Toren mit einem dumpfen Krächzen, welches vollkommen ihren Verstand weckte, aufgingen und sofort dem Gast den Eintritt gewährleisteten.
      Ayanas Augen flogen flüchten über ihren Vater, Amul dem Zweiten. Er stand mit einer geraden Haltung, weder lächelnd noch zu ernst. Und obwohl jeder mit der erdrückenden Aufregung zu kämpfen versuchte, so ließ er sich nichts anmerken. Seine Augen waren gefüllt voller Neugier; neugierig darauf, wie die berüchtigte Gestalt tatsächlich aussehen würde.
      Diese ganze Situation war komisch, irritierend oder abstrus - das beschrieb es wohl am besten. Nichts an diesem Umstand zeugte von einem Freundschaftsbund. Kein einziger Seder war begeistert von der Entscheidung ihres Königs gewesen, niemand wollte einen Pakt mit einem Wahnsinnigen schließen, weswegen keine jubilierende und zufriedene Menschenmasse zu erblicken war.
      Auch schien der Herrscher Adons nicht mit Wohlwollen die Tore dieses Palasts zu betreten. Das wurde vor allem durch die Tatsache verdeutlicht, dass er als erster vorschritt. Ayana senkte sofort ihren Blick, was ihr die anderen Palastbewohner - mit Ausnahme ihres Vaters - gleichtaten.
      Es dauerte nicht lange, bis eine unbekannte Stimme ertönte, die den angereisten König vorstellte. König Melaar von Adon - wiederholte Ayana langsam in den Gedanken. Er war es tatsächlich. Der König von Adon.
      Ihre Ohren konnten immer noch die Hufschläge der Pferde wahrnehmen. Sie wunderte sich, wie sich das alles entwickeln würde. Ihr Vater schien standhaft seine Position zu halten, auch wenn sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Sie nahm jedoch die markante Stimme des Gastkönigs wahr und die Schwarzhaarige musste zugeben, dass seine unerwartete Wortwahl sie durchaus überraschte.
      ,, Wir danken Sie, König Melaar von Adon, dass Sie der Einladung zugestimmt haben. Ganz Sede kann sich wohl stolz schätzen“, antwortete Amul der Zweite mit seiner tiefen Stimme. Auch wenn ihn wahrscheinlich Unsicherheiten plagten, so konnte er sich durch sein jahrzehntelanges Regieren im Griff halten. Dies verdeutlichten auch seine grauen Haare, die an den Seiten sein eigentlich rötliches Haar und seinen Bart bedeckten.
      War es tatsächlich der König von Adon? - fragte sich Ayana innerlich. Zu groß war die Neugier, von welcher ihr Verstand erfasst wurde, sodass sie vorsichtig ihren Blick hob. Sofort fielen ihre Augen auf die besagte Gestalt und im gleichen Moment spürte sie, wie er sie direkt anschaute. Irritiert senkte sie hastig ihren Blick, als ob man sie bei einem Verbrechen erwischt hätte. Hatten sich ihre Augen tatsächlich getroffen oder bildete sie sich es ein? Wahrscheinlich das Letztere.
      Genauso unerwartet wie der Herrscher Adons eingetroffen war, verschwand er auch im Palastinneren.
      Sie blickte ihm hinterher, wurde aber aus ihren Betrachtungen gerissen als sich zu ihr unbekannte Frauen bewegten, die Geschenke in den Händen trugen.
      Bevor Ayana dem Ganzen hinterfolgen konnte, verschwand auch ihr Vater von der Bildfläche. Zurückblieben nur die Anwesenden, welche die Situation zu retten versuchten, die von ihren Königen erschaffen wurde.
      Nachdem sich alles beruhigte und jeder der Neuangekommenen verstand, wohin er gehen musste, verließ auch sie den Palasteingang und bewegte sich zum Tempel, wo sie von einigen ihrer persönlichen Dienerinnen begleitet wurde.

      Bedauerlicherweise endete ihr Tag nicht mit dem Eintreffen des Königs von Adon.
      Auch wenn die erdrückende Anspannung verschwunden war, stand das Schwerste für Sede noch bevor.
      Sie musste nämlich die Vorbereitungen fortführen. Auf dem Plan für den folgenden Tag stand nämlich ein Fest - zu Ehren des Gastkönigs. Und ihre Aufgabe bestand darin, alles auszurichten, soweit ihr Auge und ihre Möglichkeiten reichten.
      Nachdem die ganzen Vorbereitungen ihr Ende nahmen - und das tat es erst bei der Dämmerung - konnte sich Ayana glücklich schätzen, diesen anstrengenden Tag hinter sich zu haben.
      Um endlich die Ruhe zu finden, setzte sie sich auf eine Bank im Garten hin.

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Sie fühlte sich zutiefst unwohl und wahrscheinlich sah man ihr das auch an. Im Moment hätte Kallya alles dafür gegeben einfach in Adon zu sein und nicht mit anzusehen wie Melaar im Palast verschwand. Wussten sie, dass sie den Teufel selbst einließen?
      Mit ihren 81 Jahren war sie nur zwei Jahre jünger als der weißbärtige Rashka zu ihrer rechten. Vier oder fünf Mal hatte er jetzt angeboten sie zum Essen auszuführen, immerhin waren sie ja sozusagen Urgestein von Adon. Lächelnd hatte sie ihn bisher jedes Mal vertrösten müssen. Nicht nur weil er ihr zu alt war aber Menschen waren einfach zu kurzlebig. Die Dryade sah keinen Tag älter aus als 25 und darauf war sie stolz. Ihr kastanienfarbenes Haar reichte fast bis an ihre Knie bei den seltenen Gelegenheiten an denen sie es offen trug, meistens hatte sie es wie jetzt auch, zu kunstvollen Zöpfen geflochten und kleine Blumen darin verknotet so dass es aussah als wäre stets ein Stück des Waldes bei ihr. Ihre Haut war leicht bräunlich und schimmerte im Licht der Sonne ein wenig golden, nicht ganz unähnlich dem Gewand von Melaar. Ihre Augen waren mandelförmig was sie größer erscheinen ließ wenn sie die Lider langsam aufschlug.
      Ein kurzer Befehl ihrer sanften Stimme reichte und die Mädchen mit den Geschenken setzten sich in Bewegung. Es war an ihr gewesen die Mädchen, deren Kleidung und die Geschenke auszuwählen. Zeremoniemeisterin nannte man sie jetzt. Ein Titel den sie nur zu gern wieder abgeben würde wenn sie dafür Melaar nie hätte treffen müssen.


      Die Magister hatten sich wirklich selbst übertroffen. Als sie die Tür zum Wagen öffnete kam ihr so kalte Luft entgegen dass es sie sofort fröstelte, obwohl die Nachtluft in Sede verhältnismäßig kühl war. Im Halbdunklen konnte sie die verschiedensten bunten Blumen erkennen. Sie hatte Melaar gefragt was für Sträuße sie bereit stellen sollte, eine Aufmerksamkeit an die Königstöchter die sich für ihn in Schale warfen aber Melaar hatte nur gelacht. "Nimm einfach jede Blüte mit die es in Adon gibt und aus den Schönsten machst du deine Sträuße", hatte er gesagt. Es hatte sie viel Überwindung gekostet ihm mitzuteilen, dass die Blumen die lange Reise nicht überleben würden und man sie vorher trocknen sollte. Statt auf ihren Vorschlag einzugehen, ließ der junge Despot nach den Magistern rufen, Männer der Wissenschaft wie sie in der Hauptstadt Adons in der Nähe des Palasts lebten. Und vor dem was sie in ihrer Angst ausgetüftelt hatten stand sie jetzt. Die unscheinbare Holzkutsche hatte keine Fenster und die Tür lief so nahtlos in die Wand dass man sie kaum erkennen konnte. Auch von innen konnte man nicht sehen, dass die Kutsche doppelte Wände hatte. Deren Inneres war mit Eis aus dem Palastkeller gefüllt und zusammen mit der guten Isolation, hatten tatsächlich die meisten Pflanzen die Reise gut überstanden. Hinter ihr standen zwei Soldaten der Leibwache die Melaar kurzerhand abgestellt hatte um ihr beim Tragen zu helfen. Ihr spöttischer Kommentar warum sie in voller Rüstung erschienen um Blumensträuße zu tragen wurde gar nicht erst beantwortet. Kopfschüttelnd machte sie sich daran heil gebliebene Blüten aus der Isolierkammer zu picken. Dryaden hatten eine starke Affinität zu Pflanzen und wenn sie etwas konnte dann diese so zusammenlegen, dass etwas Wunderschönes dabei entstand. Man sagte den Dryaden nach dass sie eins mit den Bäumen werden konnten und wenn man genau hinsah wie sich ihre Finger an den Dornen von Rosen vorbei bewegten könnte man meinen, dass dieses Gerücht zumindest ein Körnchen Wahrheit enthielt. Mit einem breiten Grinsen drückte sie den Soldaten die Sträuße in die Hand, zum einen sahen die ernsten Männer Urkomisch mit den Sträußen aus, zum anderen machte sie die Arbeit mit den Blumen einfach glücklich. Ihr Grinsen gefrierte als der Eingang des Palastes in Sicht kam. Melaar stand lässig an den Türrahmen gelehnt und blickte gelangweilt ins Dunkle aber Kallya hatte diesen Blick zu oft gesehen um nicht das Funkeln in seinen Augen zu erkennen. Er führte etwas im Schilde. Sein edles Seidengewand hatte er durch eines aus hellgrauem Stoff ersetzt, zwar gab es ihm nicht die gleiche Ausstrahlung, machte es aber einfacher sich einzureden dass er nur ein junger Mann war. „Herrlicher Abend heute, nicht wahr?“ „Ja Herr.“ Die Dryade war nicht daran interessiert den König zum Weitersprechen zu ermutigen, wusste sie doch dass sie daran sowieso nichts mehr ändern konnte. Nachdem Melaar mit schlecht gespieltem Interesse die Blumen bewundert hatte griff er nach einem der Sträuße. Todesmutig stellte sich die Dryade zwischen die Blumen und den König "Die sind für die Brautschau morgen!" Der Mut den Dryaden aufbrachten um die Natur zu verteidigen war bewundernswert, Kallya erinnerte sich allzu gut. Sanft aber bestimmt schob er die Frau zur Seite ohne dass sein Lächeln auch nur erzitterte. Statt aber einen Strauß wirklich in die Hand zu nehmen strich er nur über das grüne Kelchblatt einer der Pflanzen. Die Vorsichtige Berührung besänftige Kallya zumindest ein wenig und ihre Züge wurden sanfter. "Waldstern, er duftet nur in der Nacht um große Falter anzulocken." Melaar sah sie direkt an und wieder einmal bekam sie das Gefühl seine Augen würden direkt in ihren Kopf sehen. "Waldstern, mhm." Für einen Moment wirkte Melaar nachdenklich bevor er zurück trat.
      Statt direkt den Palast zu betreten folgten sie seiner Seite entlang zu dem Palastflügel der für Adon geräumt war. Die Gärten davor lagen für menschliche Augen vielleicht ein wenig düster da aber für die Dryade war er wunderschön. Wenn man genau hinsah, erkannte man kleine Glühwürmchen die durch die Büsche schwebten und aufgeregt zu blinken schienen. Wehmütig dachte die Dryade an ihre Heimat, so dass sie um ein Haar mit Melaar zusammen gestoßen wäre. Mit einem entschuldigenden Lächeln drehte er sich zu ihr um und griff nochmal in den Strauß und zog diesmal den Waldstern aus der Anordnung. Mit zerknirschtem Blick sah Kallya zu wie das Herzstück des Musters verschwand. Bevor sie zu einem Einwand kam gab Melaar ihr mit einer ungeduldigen Handbewegung zu verstehen dass sie sich zu entfernen hatte. Die Wachen setzen sich sofort in Bewegung, Kallya dagegen brauchte einen Herzschlag, legte es aber nicht darauf an von ihm ermahnt zu werden. Als sie sich umblickte sah sie noch wie Melaar sich einer Bank näherte auf der eine junge Frau saß. Seufzend lief sie schneller, hoffentlich überstand sie das gut.


      "Anstrengender Tag, hu?" Melaar setzte sich zu ihr auf die Bank, die Blume in lockerem Griff auf dem Schoß. "Glaubt mir, für mich ist das mindestens so schwer wie für euch. Okay vielleicht ein bisschen weniger", er machte eine Pause ehe er fortfuhr, "die ist für euch, hat die gleiche Farbe wie eure Augen." Eine einfache Feststellung, da die Frau nicht als seine zukünftige zur Auswahl stand schien er sich keine große Mühe zu machen in dem Versuch sie zu beeindrucken. Wäre er nicht als Wahnsinniger bekannt hätte man die ganze Geste vielleicht als freundschaftlich aufgefasst. Er fuhr fort, als redete er mehr mit sich selbst als mit ihr. "Mir sind eure Augen schon heute mittag aufgefallen und auch ich habe Geschichten gehört, wahrscheinlich hat ein jeder von uns Geschichten über den anderen gehört." Er lachte ein freudloses Lachen als wäre er das alles leid. "Wollt ihr mich ein bisschen aufklären, was es bedeutet in diesem Land heilig zu sein? Von derlei Dingen versteh ich nichts. Ohne eine meiner Zofen hätte ich nicht einmal gewusst dass ich euch gerade einen Waldstern gegeben habe." Er wirkte zurückhaltend und fast ein wenig schüchtern, so als wäre er sich nicht sicher ob sie ihm überhaupt eine Antwort schenken würde.


      Dürre


      Die Sprache der Dryaden hat nur einen begrenzten Wortschatz und während man die meisten Worte an einem Tag erlernen kann dauert es womöglich Jahre auch nur die nötigsten richtig auszusprechen. Obwohl auch sie ihre Wälder und die Natur lieben, verstehen sie dass die ganze Welt ein Kreislauf ist. Das Sterben gehört zum Leben genau so wie die Bäume und die Sonne zusammen gehören. Deswegen hat ihre Sprache kein Wort für Kummer, Schmerz oder Rache. Die zurück gezogene Rasse ist genügsam und fröhlich, derlei schlechte Empfindungen erlernen sie meist erst bei den Menschen, zumindest die wenigen welche ihren Wäldern den Rücken kehren. In Ermangelung vieler Worte wird Melaar in der Sprache der Dryaden 'Rashi'draststa' genannt, Der der Dürre bringt.

      Die schweren Türen wurden vor ihr aufgezogen und Kallya lief mit federnden Schritten den langen Thronsaal ab bis sie vor dem mächtigen Thron stand. Ein jüngerer Melaar saß schräg auf dem Thron von Adon und schien äußerst gelangweilt. Schnell kniete sie sich nieder und senkte den Blick. "Ihr habt nach mir schicken lassen, Herr?" Melaar bedeutet ihr aufzustehen. "Kallya richtig? Für die Gärten seid ihr zuständig." "Das ist korrekt Herr", ihre Stimme war gefasst aber in ihr tobte ein Sturm. Es war das erste Mal dass Melaar ein Wort an sie richtete und eigentlich hatte es keinen Grund gegeben das zu ändern. "Nun, da ihr eure Arbeit gut macht..." Die großen Türen wurden erneut geöffnet und zwei Generäle stürmten hinein. Melaar hielt sichtlich verstimmt inne und wartete bis sie heran waren. "Entschuldigt Herr aber die Dryaden, sie töten unsere Gesandten." Melaar stand mühsam auf und stieg eine der Stufen hinunter bevor er auf der Treppe hin und her ging. "Sie lassen nicht mit sich reden?" "Nein Herr, wir hatten Ihnen eine Woche Bedenkzeit gegeben, ganz wie Ihr es befohlen habt, seit dem töten sie jeden der sich ihrem Gebiet nähert." Melaars wandte sich zu Kallya zu. "Ihr seid doch eine Dryade, wie schätzt ihr die Chancen dass sie sich umstimmen lassen?" Kallya blickte ein wenig verloren zu ihm hoch. "Ich verstehe nicht, was stimmen Sie denn nicht zu?" Einer der Generäle zog eine Karte hervor und rollte sie auseinander. Mit groben Fingern tippte er in einen großen grünen Fleck, südwestlich von Adon. "Unsere Handelsbeziehungen sollen gestärkt werden und dafür bauen wir eine durch diesen Wald. Wahrscheinlich wisst ihr dass dort ein großer Stamm Dryaden lebt, aber wenn wir nicht durch diese Talsenke gehen müssen wir die Geebirgszüge außen herum Ebenen. Das würde Jahre dauern. Wir dachten daran sie umzusiedeln. Man hat ihnen einen Wald genau hier zugesprochen. "Kallya schluckte schwer bevor sie sich zu Melaar umdrehte. "Herr das ist ihr Zuhause, niemals würden sie es aufgeben und woanders hin gehen, unter keinen Umständen." Melaars Stirn legte sich nicht in Falten während er überlegte. "Meint ihr sie würden kämpfen falls wir versuchen sie gewaltsam zu vertreiben?" Auf diese Worte hin konnte sie spüren wie ihre Augen feucht wurden. "Das sind heilige Bäume Herr. Sie werden kämpfen, solange auch nur ein einziger Baum in diesem Tal steht werden sie kämpfen." Obwohl sie mit sich selbst harderte um ihr Frühstück bei sich zu behalten, drückte sie den Rücken durch, zeigte dass auch Dryaden Mut kannten. "Wir fällen die Bäume, früher oder später werden sie sich zurück ziehen müssen." Seine Stimme war nachdenklich, nicht voll von dem entzücken dass ihm nachgesagt wurde wenn er in den Krieg ziehen konnte. "Die Dryaden werden sich niemals zurück ziehen, der ganze Wald ist heilig, sie werden die Götter anrufen und für jeden Baum der fällt wird schreckliches geschehen." Die Dryaden waren vor allem beim einfachen Volk gefürchtet, zwar ließen sie die Menschen gewähren wenn sie totes Holz sammelten aber sollten sie versuchen Bäume zu fällen wurden sie Zeuge davon was für ausgezeichnete Schützen sie waren. Doch noch schlimmer stand es wenn man ihre Bäume tatsächlich fällte, anscheinend legten die Priesterinnen großes Unglück auf jeden der dem Wald schaden zufügte, jahrelange Missernten waren eine der vielen Katastrophen die man ihnen zuschrieb. Melaar sah ein wenig zerknautscht aus. "Ich schenke euren Worten gehör Kallya, es war gut dass ihr hier wart." Er drehte sich zu den Generälen um. "Ruft die Magister zusammen und die Alchemisten. Sie alle sollen Drachenöl herstellen", Öl das einmal entzündet kaum noch zu löschen ist, "wir opfern die heiligen Bäume, den ganzen Wald, den Göttern auf das sie uns segnen." Fassungslos starte Kallya ihren König an während die Generäle versuchten seinen Befehlen so schnell wie möglich nachzukommen. "Das... Das könnt ihr nicht tun..." Kallyas Stimme zitterte, ihr war schwindlig und sie bemerkte gar nicht wie ihr dicke Tränen über das Gesicht liefen. Jede Träne zog schwarze Streifen auf der gebräunten Haut, verschmierte die Edelasche mit der die Frauen Adons ihre Augen hervor hoben. Melaar sah besorgt aus als er ihr mit dem Daumen eine Träne vom Gesicht wischte. "Das ist nicht eure Schuld, sie haben selbst entschieden." Sie hielt die Luft an bis Melaar sie nicht mehr berührte. Ihr war so eiskalt als wären sie auf einem Berg der südlichen Gebirge und nicht in den beheizten Palasträumen. "Jedenfalls hab ich euch eigentlich hergerufen um euch zu eine neue Aufgabe zuzuweisen, ab heute seid ihr meine Zeremoniemeisterin. Wie klingt das?" Seine Stimme klang ein wenig als versuchte er eine kleine Katze anzulocken und nicht mit einer Frau zu sprechen die viermal so alt war wie er. Kallya erkannte das Funkeln in seinen Augen, war das schon die ganze Zeit da gewesen? "Ihr seid zu gütig Herr," erst als sein Blick härter wurde fügte sie hinzu, "heute muss mein Glückstag sein."
      Der der Dürre bringt, denn die Welt wird unter ihm vertrocknen.

      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Sie war einfach müde. Erschöpft von diesen ganzen Vorbereitungen und generell davon, in was für einen Wahnsinn Amul der Zweite sein Reich und somit sein Volk reinzog. Und sie es konnte es immer noch nicht fassen, dass ihr Vater ohne jegliche Bedenken den berüchtigtsten Mann dieser Welt eingelassen hatte. Warum ein Wahnsinniger einen weiteren Wahnsinnigen einlud, könnte wohl für einfache Menschen nie nachvollziehbar sein.
      Dieser Bund, wenn er überhaupt zustande kam, würde Sede vollkommen reformieren. Neue Handelswege, neue Ressourcen und neues Wissen. Das alles brachte Veränderungen mit sich, womit das normale Volk nicht einverstanden wäre, denn Fortschritt war unmöglich, falls man sich nicht von den alten Weltanschauungen losband.
      Etwas, was bei den Sedern durchaus schwierig, gar unmöglich, war.
      Ihre Augen verfolgten das Farbenspiel am Himmelszelt, das allmählich von den dunklen Wolken überzogen wurde und sich auf den einkehrenden Abend vorbereitete. „Anstrengender Tag, hu?“ - da konnte sie wohl nicht anders als mit vollem Herzen zuzustimmen. Und das alles für wen? Für einen kaltblütigen Despoten? - flog es genervt durch ihre Gedanken. Verwirrt drehte sich die Schwarzhaarige zur Seite, nachdem sie realisierte, dass sich tatsächlich jemand in ihrer Umgebung befand. Eine Schauder verlief über ihren Rücken als sie realisierte, wer der Träger dieser Stimme war. Im gleichen Moment war die Königstochter unfassbar dankbar dafür, dass sie ihre Gedanken nicht laut ausgesprochen hatte. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was sonst passiert wäre und welche Konsequenzen ihre Worte tragen könnten.
      Sie wollte aufstehen und sich anschließend vor dem Herrscher verbeugen, doch er setzte sich neben ihr hin, weswegen sie in ihrer jetzigen Position verharren musste. Verwirrt nahm Ayana die Blume entgegen und betrachtete diese. ,, Vielen Dank, Eure Majestät“ erwiderte sie schnell, ohne zu verstehen, ob sie sich nun für das Geschenk oder das Kompliment bedankte; vielleicht sogar für
      beides. Auch wenn sie von der Unruhe, welche sie zu gut an den heutigen Morgen erinnerte, geplagt wurde, ließ sie es nicht auffallen. Ihr Gesicht wirkte matt von der Erschöpfung, womöglich wurde ihr eigentlicher Zustand dadurch verschleiert.
      War es so schwer, zumindest für eine Weile, seine Ruhe zu haben, ohne von irgendeinem Gewaltherrscher angesprochen zu werden?
      Ayana blickte auf seine graue Kleidung, wobei es unschwer war, festzustellen, dass diese sich nicht der ähnelte, die er beim Eintreffen - oder besser gesagt beim Einmarschieren - getragen hatte.
      War es wirklich der Mann von heutigem Morgen?
      War es überhaupt der König von Adon, der einen ganzen Kontinent. wenn nicht die ganze Welt, in Schrecken versetzt hatte? Diese beiden Personen konnten doch nicht der gleichen Gestalt gehören.
      Oder vielleicht doch? War das alles nur ein Spektakel für ihn, an welcher er sich zu amüsieren versuchte? Sie wusste es nicht - doch eins stand fest, sie musste vorsichtig bleiben. Etwas, was in ihrem jetzigen Zustand sie vor einer großen Herausforderung stellte.
      Ihr blieb keine andere Möglichkeit als seine Anwesenheit gut zu überstehen, ohne etwas Falsches von sich zu geben.
      Ayana überlegte, wie sie auf seine Fragen antworten sollte, die sie eindeutig nicht gewohnt war zu erhalten. Schließlich hatte man ihr immer vorgegeben, was es beutete, eine Auraria zu sein.
      Ihr ganzes Leben bestand nur daraus, Erwartungen anderer zu erfüllen. Die Heilige zu sein, welche sie sehen wollten. Die Schwarzhaarige blickte auf die Blume, umfasste diese mit beiden Händen am Stängel und drehte diese, um sich von ihrer Aufregung abzulenken. Ich verstehe von diesen Dingen genauso wenige wie Sie - am liebsten hätte sie ihm mit diesen Worten geantwortet, doch sie brachte es nicht heraus, das tatsächlich zu tun.
      ,, Die erste Auraria opferte sich auf, um das Unheil zu besiegen und die Gunst der Götter wiederzugewinnen“, erklärte sie ruhig. Es war eine anstrengende und unter anderem eine lange Legende gewesen, die Ayana kurzhielt.
      ,, Heilig zu sein, eine Auraria zu sein, bedeutet demnach, sich dem Wohlwollen der Götter zu widmen. Dafür zu sorgen, dass der Wohlklang zwischen dieser Welt und der der Götter erhalten bleibt, damit das Volk Sedes geschützt ist vor schlechten Zeiten und vor allem vor dem Zorn der Götter.“ Sie war sich nicht sicher, ob sie die richtige Antwort gab oder ob es die Worte waren, die der Gast hören wollte. Trotzdem hoffte Ayana, dass sie ihn ein wenig besänftigen konnte.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Adons Stolz



      Der König von Adon hatte zwei Töchter und einen Sohn, einjeder von ihnen hoch gewachsen und mit Talent in allem was sie taten. Als der Despot den König hinterging war nur eine der Töchter auf Reisen, die anderen Erben hielten sich im Palast auf. Gefesselt wurden sie vor den blutverschmierten Thron geworfen. Melaar saß auf dem steinernen Stuhl und hatte sich gerade genug Zeit genommen die Leiche seines Vorgängers die Stufen hinunter zu treten. Völlig unbekümmert saß er im Blut des alten Königs und schien die entsetzen Blicke seiner Kinder zu genießen. Seine Stimme klang traurig als hätte er all das nicht gewollt, als war alles anders geplant gekommen. "Ich tat was nötig war, ihr habt freies Geleit aus der Stadt, nehmt einen Diener und was ihr benötigt." Seine Widersprüchlichkeit nahm den beiden Königskindern nichts von der Angst die sie verspürten während der Wahnsinnige da im Blut ihres Vaters badete. Und dennoch waren seine Worte wahr, er ließ sie ziehen und die beiden suchten Zuflucht in einer der großen freien Städte.
      Es dauerte acht Monate bis die Armee vor den Toren der Hauptstadt stand. Und an deren Spitze die rechtmäßigen Erben Adons. Einer voll Wut und eine voller Angst und hinter ihnen Soldaten und Bürger, Söldner des Bundes der freien Städte und ein jeder Freiwilliger der noch hinter dem alten König stand. Zwischen Rittern und Söldnern standen Frauen und Männer die in den Augen der meisten noch Kinder waren, Alte die Mühe hatten ein Schwert richtig zu heben aber genug Erfahrung, um zu wissen welche Macht es hatte, wenn das Volk selbst sich erhob.
      Die großen Tore der Hauptstadt öffneten sich so quälend langsam, dass man meinen könnte sie sträupten sich gegen das Blutbad was unweigerlich folgen musste. Statt sich von der schlecht organisierten Armee belagern zu lassen hatte Melaar seine Streitkräfte in der Stadt zusammen gezogen und als die Tore sich öffneten blickten die Angreifer auf eine Wand aus poliertem Stahl die scheinbar die riesige Stadt ausfüllte. Und diese Armee verfehlte ihre Wirkung nicht. Kein Einwohner der Hauptstadt hatte zu den Waffen gegriffen um sich der Rebellion anzuschließen und im Gegenzug fand die Schlacht nicht zwischen und in ihren Häusern statt. Die Armee setzte sich langsam in Bewegung aber so stetig als hätte man die Schleusen eines Staudamms geöffnet. Und an der Spitze ritt Melaar auf seinem riesigen schwarzen Pferd und zu seiner rechten eine junge Frau, nicht in Stahl sondern in einem azurblauen Kleid, das trotz ihres Pferdes fast bis zum Boden reichte. Man hörte den Schrei des jungen Prinzen über die Ebene als er seine älteste Schwester neben dem Despoten erkannte. Nur der Despot und die zweite Erbin nach dem Prinz waren zu Pferde, der Rest musste sich beeilen um mit den langen Schritten der großen Tiere mitzuhalten. Hinter Melaar lief ein Standartenträger, mit dem abgeänderten Wappen von Adon so dass die anderen Erben auch in der Schlacht stets wussten wo sich Melaar und ihre Schwester befanden. Schon als die Armee Aufstellung genommen hatte war offensichtlich was sie vor hatten. Melaar und die Königstochter standen genau vor den offenen Toren der Stadt, der Träger hinter ihnen, während die restliche Armee sichelmondförmig entlang der Mauer mit ihren Spitzen zur feindlichen Armee hin Stellung bezog. Wie das Maul eines riesigen Krokodils das auf Beute lauerte lag die Armee vor den Toren der Stadt und wie ein Krokodil rührte sie sich nicht. Man gab den Angreifern das Recht des ersten Angriffs. Selbst auf die Entfernung konnte das Mädchen neben Melaar erkennen wie ihre Schwester auf ihren gemeinsamen Bruder einredete. Und sie wusste was sie sagte und hoffte er hörte ihre Worte. "Flieht, bitte." Sie flüsterte die Worte zu sich selbst und zu allen Göttern die ihr zuhören mochten aber es war Melaar der antwortete. "Sie werden kommen, wenn nicht für mich dann wenigstens für euch. Und jetzt Haltung." Seine Worte reichten nicht um ihre Tränen zum versiegen zu bringen und die Freude die in seiner Stimme mitklang war genug um zu erahnen wie der Tag heute enden würde.

      "D'r Prinz ließ sich zu sehr von der Schlange reizen aber recht hatte er. Ein Stich ins Herz und mit dem Spuk wär's gewesen. Nur Melaar, das hätt' schon gereicht aber sie kamen nicht mal bis zu ihm. Das Maul schnappte zu und zerquetschte die Helden zwischen den Kiefern aus geschliffenen Stahl mit viel mehr Zähnen als der Prinz Männer hatte. Fragt man wer da wirklich wahnsinnig war hu? Die beiden Königskinder ließ die Schlange am Leben aber den Rest trieb man z'ammen wie Vieh. Und so fanden sie auch ihr Ende, wie Vieh. Das Blut konnte man Tagen lang noch in der Stadt riechen, selbst lange nach dem die großen Feuer entzündet waren. Dieser Geruch, das... das vergisst man nicht, weißt du? Vergisst man nicht. Nein. Eh? Ja, die beiden Königskinder ließ er an die Stadtmauer hängen. Kein schöner Anblick, nein. Valer... Ah ne ihre Namen, sag nicht ihre Namen. Ich mochte sie, war gut. Hat sich um's Volk gekümmert. Hat oft geschaut ob jemand was braucht. Gutes Mädchen. Die Älteste war noch stärker, die Schlange hat sie mit Gold und Edelsteinen behängt. Wie 'n Haustier hat er sie herum gezeigt. Vier Tage lang, dann ist sie selbst zu Melaar... Sicher, war so. Weiß ich von einem aus der Garde! Der war dabei! Warsch du dabei? Dann lass mich erzählen. Ja, nach vier Tagen ist sie an den Thron und hat gesagt sie kann nicht mehr und lieber wär'se tot. Er hat's doch gehört! Und Melaar hat genickt und hat sie zu ihren Geschwistern an die Mauer gehängt."



      Man konnte sehen wie unangenehm die ganze Situation der Heiligen war aber sie schlug sich tapfer. Adons König legte den Kopf ein wenig schief während er sich ihre Erzählung anhörte. Schien die Worte auf sich wirken zu lassen. Als sie geendet hatte antwortete er nicht sondern wendete den Blick von ihr ab und schaute in den Garten hinaus. Man konnte unmöglich erraten, was im Kopf des Despoten vorging und eine unangenehme Stille entstand zwischen ihnen. Schließlich antwortete er als ginge ihn das alles nichts an. "Dann hoffen wir dass die Götter eurem Volk gehör schenken." Er saß noch einige Minuten neben ihr ohne nochmal das Gespräch zu suchen, schien in seine eigenen Gedanken versunken. Die Nähe zu Melaar hatte etwas Unnatürliches, er schien kein Geräusch zu machen und obwohl man sehen konnte wie seine Brust sich leicht unter dem feinen Stoff hob und senkte war seine Atmung nicht zu hören. Schließlich erhob er sich und deutete eine Verbeugung in Richtung der jungen Frau an. "Entschuldigt mich, die Reise verlangt doch noch ein wenig Tribut. Ich danke euch für die kurze Unterweisung, in Sachen Religion. Vielleicht finden wir nochmal die Tage etwas Zeit für ein Gespräch." Sein Lächeln hatte etwas raubtierartiges und für einen kurzen Moment war es schwer einzuschätzen ob seine letzten Worte eine Drohung oder tatsächlich einfach der Wunsch nach Zweisamkeit waren. Er ging in Richtung des Gästeflügels zurück, den gleichen Weg den auch die Dryade genommen hatte und blickte sich nicht mehr zu der heiligen Auraria um. Sich zum wohle des Volkes zu opfern klang edel und verdammt dumm.
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Sie selbst war unsicher über ihre eigene Worte gewesen. Am liebsten hätte sich Ayana eine Ohrfeige verpasst. Schließlich waren es nicht einmal ihre Worte, sondern die der Seder, welche ihr es schon seit der Kindheit einredeten - dass sie etwas Besonderes war, eine Heilige, das Segen der Götter, die den Menschen Hoffnung gab. Sie war die Verkörperung all der Wünsche, die jeder in diesem Reich tief im Herzen trug, denn in ihr sah man auch den Sinn, warum sie überhaupt existierten - schlussendlich war alles ein Plan der Götter und sie fügten sich schlicht nur ihren eigenen Schicksalen. Zumindest waren es solche Ausreden, welche sich das Volk stets einredete, um die Hoffnungslosigkeit zu verschleiern; um nicht anmerken zu lassen, wie unsicher sie waren und dass sie gar nicht wussten, was sie erwartete. Die Auraria war ein Anker für das sedische Volk und es spielte keine Rolle, welche Meinung sie hatte. Sie sollte an erster Stelle überhaupt keine eigene Meinung haben, sondern die Göttliche sein. Wie erhaben es auch zu klingen vermochte, genauso stark verachtete Ayana es. Was die Auraria jedoch selbst davon hielt, würde ebenfalls für immer verschleiert haben - hinter den Hoffnungen und Wünschen der anderen.
      Sie blickte flüchtig auf. Ihre Beklommenheit verstärkte sich nur mit jeder Sekunde, die sie in dieser lästigen Stille verbrachte. Konnte er nichts erwidern? Zuerst war der Herrscher recht redselig gewesen, jetzt wie aus dem Nichts verstummt. Was für eine seltsame Gestalt. Anscheinend hatte ihm seine Antwort nicht gefallen oder sie war es ihm egal. Ayana war selbst gleichgültig eingestellt gegenüber des Gastkönigs, doch hatte er eine seltsame Ausstrahlung, die ihren Verstand in den Wahnsinn trieb. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie viel von den Gerüchten über ihn stimmten. Die Tatsache, dass sie unmittelbar neben ihm sitzen musste, machte es gerade nicht besser. Einfach tief einatmen und sich nichts dabei denken - mit diesen Worten versuchte die Königstochter sich zu ermutigen. Und als ob er sie gehört hätte, stand der Herrscher auf. Sie tat es ihm gleich und beugte sich dankend runter.
      ,, Es wäre für mich eine Ehre, Eure Majestät“, erwiderte sie ehrfürchtig auf seine letzten Worte und betete innerlich, dass ein solches Aufeinandertreffen nicht noch ein zweites Mal geschah. Eins stand für sie eindeutig fest - solange der König Adons in diesem Palast verweilte, kamen abendliche Spaziergänge durch den Garten für sie auf gar keinen Fall in Frage.
      Nachdem sie beobachtete, wie er endgültig aus ihrer Sichtweise verschwand, drehte sich die Schwarzhaarige um und widmete sich dem Rückweg in ihr Gemach. Wie sehr sie sich auch die Ruhe wünschte, wurde ihr Verstand von ganz bestimmten Worten gequält: Dann hoffen wir dass die Götter eurem Volk gehör schenken. Wieso klang diese Aussage aus seinem Mund vielmehr wie eine Drohung oder eine Ankündigung auf etwas Schlimmes? Oder dachte sie sich da zu viel hinein? Sie hoffte innerlich auf das Letzte, denn das, was sie aus dieser flüchtigen Bekanntschaft mit ihm wahrgenommen hat, war, dass er undurchschaubar war und genau deswegen gefährlich. Viel gefährlicher als ihr Vater oder irgendein anderer Palastbewohner.

      Ihre Finger glitten vorsichtig durch das feine Haar und flochten diese zu einem halben Kranz zusammen, während die restlichen frei nach hinten fielen. ,, Woher hast du die Blume?'', ertönte eine neugierige Stimme und deutete währenddessen auf das Besagte hin, das in einer kleine Vase lag. Ayana blickte auf und erinnerte sich sofort an den Vorfall vom vergangenen Abend, wobei sie gerade nicht die angenehmsten Momente in Erinnerung rief. ,, Ein Geschenk der Eingereisten aus Adon", erklärte Ayana schlicht und empfand es für sinnvoll, den Gastkönig nicht zu erwähnen. Das würde ihre jetzige Lage bestimmt viel anstrengender machen als sie es jetzt schon war. Es würde die Schwarzhaarige jedoch nicht überraschen, wenn sich Gerüchte im Palast über das abgeschiedene Aufeinandertreffen der Auraria und des Herrschers von Adon schon verbreitet hatten. Schließlich waren hier überall, sogar dort, wo man es wahrscheinlich am wenigsten vermutete, Ohren und Augen, die jeden Schritt verfolgten und diesen an die notwendigen Personen weiterleiteten.
      ,, Die Blume hat die gleiche Farbe wie deine Augen", ergänzte das junge Mädchen und nahm diese langsam empor, um es anschließend genauer zu betrachten.
      Ayana musste ein wenig schmunzeln. ,, Findest du?", fragte die Schwarzhaarige schlicht nach. Wenn schon die zweite Person darüber eine Bemerkung machte, dann musste da tatsächlich etwas dran sein. ,, Ja, und wie", antwortete das Mädchen euphorisch und beobachtete, wie ihre Haare von der Auraria zu Ende geflochten wurden. ,, So, fertig", gab die Schwarzhaarige kund, während sie die Haare mit den letzten Schmuckstücken zurechtmachte. Das Mädchen blickte mit einem glücklichen Lächeln ihr Spiegelbild an und konnte nicht anders, als ihre Zufriedenheit mit einem Nicken zu bestätigen. ,, Wunderschön“, antwortete sie und fasste sich dabei vorsichtig durch das Haar, ,, so wie immer.“ Ayana musste leicht grinsen, nachdem sie den Lob ihrer Schwester wahrnahm.
      Ihr Lächeln dauerte jedoch nicht lange an, als sie ebenfalls ihr Spiegelbild zu betrachten begann. Sie war schon 15 und obwohl sie in ihren Augen immer noch ein Kind war, so galt sie nach sedischen Sitten als eine erwachsene und vor allem heiratsfähige Frau.
      Eine Schauder verlief über ihren Rücken, als Ayana wieder daran erinnert wurde. Schließlich bedeutete es nur eins - ihre Schwester gehörte ebenfalls zu den Auswahlkandidatinnen für den König Adons. Schon seit Wochen, wenn nicht sogar Monaten, war die Schwarzhaarige deswegen bedrückt. Wenn sie nur sogar daran dachte, dass sie ihre Schwester verlieren könnte - und das noch dazu an einen solchen Wahnsinnigen - ... nein, sie wollte es sich nicht einmal vorstellen. Ayana versuchte sich ein wenig damit zu beruhigen, dass es vier weitere Schwestern gab, die zur Auswahl standen - zwei Töchter der Königin, Hyza Aen Sahar, und die restlichen beiden der zweiten Gattin, Kalyne Ras Sahar, die lediglich den Titel der Ehefrau trug. Ayana wusste, dass die Herrscherin alles daran setzen würde, damit eines ihrer Töchter die Auserwählte wurde- das gleiche galt aber auch für Kalyne. Es keimte sich für die Auraria trotzdem ein weiteres Problem auf. Ihre Schwester war schön; wie eine Blüte, die ihre vollkommene Pracht noch nicht einmal entfachtet hatte.
      Sie war belesen, klug, doch gleichzeitig auch naiv und jung. Ayana machte sich Sorgen, denn sie wusste nicht und konnte auch nicht wissen, was dem König Adons gefiel. ,, Eshleen“, ertönte ihre besorgte Stimme, wobei sie die rechte Hand vorsichtig auf ihre Schulter legte. ,, Mache dir keine Sorgen“, erwiderte ihre Schwester schnell, ,, ich bin kein Kind mehr und es wird nichts passieren.“ Eshleen umfasste die Hand, die nach ihr suchte und drückte diese fest zu - als Zeichen der Aufmunterung. Ayana konnte nicht anders als zaghaft zu nicken. Vielleicht dachte sie sich einfach viel zu viel hinein. Womöglich war ihre Schwester tatsächlich erwachsen geworden oder wurde es zumindest. Sie beobachtete, wie Eshleen aufstand und ihr eine feste Umarmung schenkte. Für den heutigen Tag stand für alle Königstochter - mit Ausnahme der Auraria - nur eine Pflicht bevor; und zwar den Herrscher Adons kennenzulernen und je nachdem seine Gunst zu erhaschen.
      Ayana war eigentlich diejenige, die ihre jüngere Schwester ständig besuchte, doch war diese selbst in ihr Gemach gekommen.
      Sie blickte in das lange hellbraune Haar ihrer Schwester und an das Muttermal, welches kurz unter ihrem rechten Auge lag. Sofort zogen sich ihre Lippen zu einem breiten Lächeln zusammen. Die Augen ihrer Schwester waren dunkel und betonten somit ihre Haare gut.
      All das erinnerte Ayana zu sehr an ihre Mutter, was sie noch schlechter fühlen ließ. Sie hatte ihre Mutter gut im Gedächtnis, um zu sehen, wie ähnlich Eshleen ihr doch war. ,, Dann lass uns schon mal los“, ertönte ihre neugierige Stimme und lenkte Ayana damit von ihren bedrückenden Gedanken ab.
      Die Schwarzhaarige beobachtete, wie ihre Schwester sich bei ihr einhackte und ihr rausfolgte. Währenddessen redeten sie über die belanglosesten Themen, um sich vor dem bevorstehenden Sturm abzulenken.
      Ayana brauchte für diesen Tag viel Durchhaltevermögen, denn am Abend stand noch eine Feier bevor. Und es war gerade erst der Morgen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Die Eroberung Fahas

      Fahas ist eine der großen freien Städte der nördlichen Ebenen. Mauern, aus hellem Sandstein, so hoch dass man die Verteidiger zwischen den Zinnen kaum sehen kann, Tore so schwer dass selbst der größte Rammbock daran zerschellen würde. Ihr Reichtum rührt vornehmlich vom Handel mit exotischen Gewürzen und Stoffen. Und von der Tatsache dass sie die einzige größere Wasserquelle in einem 300 Meilenradius monopolisiert hat.
      Zu ihrem eigenen Schutz hat sie eines der größten stehenden Heere aller unabhängigen Städte.
      An jenem Tag waren die Mauern bis auf den Letzten Platz von Soldaten besetzt. Ihre gewaltigen Langbögen wogen träge im Wind, genug Pfeile um den Himmel zu verdunkeln. Das siedende Pech verbreitete einen atemberaubenden Gestank, bereit die Angreifer bei lebendigem Leib zu kochen sollten sie es wagen die Mauern zu erstürmen.
      Adons Armee lag wie ein riesiges Tier vor der hellen Stadt, außerhalb der Reichweite der gefährlichen Bögen schienen die Masse aus Menschen langsam aus und ein zu atmen.
      Das Tier streckte sich und spukte zwei Reiter aus, die großen Pferde liefen ruhig als ahnten sie nichts von der Anspannung der Verteidiger. Einer der beiden trug die königliche Standarte Adons, zeigte den Männern und Frauen Fahas dass dort nicht ein entbehrlicher Unterhändler vorgeschickt wurde. Während die beiden Männer den Stadttoren näher kamen wuchs das Tier in alle Richtungen an, schweres Belagerungsgerät wuchs daraus hervor, Katapulte, Belagerungstürme und Ballisten. Die Eindrucksvollen Mangen der Stadt bewegten sich nicht während Adons König die letzten Schritte zum Tor überbrückte. Melaars Stimme hallte über die Ebene während er Einlass forderte und die gewaltigen Tore schwangen vor ihm auf. Zum Vorschein kamen die bis an die Zähne bewaffneten Söldner und zwischen ihnen der gewählte Stadthalter Tovina, ein Mann mit dickem Bauch und listigen, tränensackbehangenen Augen.
      Den Männern auf den Mauern zeigte sich ein merkwürdiges Bild, als der Stadthalter eingerahmt zwischen seinen Soldaten zu Zittern begann als Adons König von seinem Pferd stieg.
      Fahas kapitulierte ohne dass ein einziger Pfeil von der Sehne gelassen wurde.


      Der Blick der Dryade lag wachsam auf dem jungen König, versuchte sein Gesicht zu lesen und etwas davon zu erkennen was hinter der Maske lag die er sich für diesen Anlass ausgesucht hatte. Kallya hatte früh gemerkt das ihr Volk sehr sensibel für die Stimmungsschwankungen der Menschen war. Lag es daran dass sie die Pheromone wahrnehmen konnte oder dass man es in den Wäldern und der Natur einfach lernte die Motive eines anderen zu erkennen. Tiere waren einfach, nicht dass die Dryaden generell auf der Beuteliste von Vielem standen aber generell musste man bei allem aufpassen was größer und hungrig war. Aber das war es eigentlich schon, gut manchmal waren sie eingeschüchtert oder wollten ihren Nachwuchs verteidigen aber all das zeigten sie dann doch recht deutlich. Menschen dagegen waren da schwieriger, oft versteckten sie was sie wirklich vorhatten bis ihre Instinkte die Führung übernahmen. Melaar war da anders. Was immer diesen Mann antrieb war so tief unter der Fassade des Königs verborgen dass sie es wahrscheinlich aus ihm heraus schneiden müsste um es zu sehen. Die Dryade bildete sich nicht ein dass sie Melaar besser lesen konnte als jemand anderes aber vielleicht nur vielleicht konnte sie ihre Mädchen in Sicherheit bringen bevor er auf die Idee kam eine von ihnen in Stücke zu schneiden. Zwei junge Frauen kleideten den König ein während dieser mit ausdrucksloser Miene da saß und das ganze über sich geschehen ließ. Jedes Mal wenn er sich ruckartig bewegte zuckte sie ein Stück zusammen, auf das Schlimmste gefasst aber Melaar schien sich tatsächlich nur unwohl zu fühlen. Oder aber er spürte ihren aufmerksamen Blick auf sich und machte das ganze wie zum Trotz. Es lag etwas sadistisches in seiner Natur aber solange er sie etwas quälen konnte wurde ihm vielleicht nicht langweilig. Ein Mann in mittlerem Alter fuhr mit einer scharfen Klinge über seine Haut, entfernte seine Bardstoppeln die über die Nacht hervor getreten waren und kürzte nur unmerklich das Haupthaar. Mittlerweile ruhte Melaars Blick auf der Dryade und seine Mundwinkel waren ein kleines Stück nach oben gezogen. Ihr kam dass der Mann der da saß attraktiv aussah und Kallya verabscheute sich selbst für diesen Gedanken. Sie putzten da ein Monster in ihrer Mitte zurecht.

      Wartscha hatte genug Stifte aus gepresster Kohle bei sich um eine heilige Schrift aus einer von Adons Hauptkirchen abzuschreiben. Trotzdem wanderte seine Hand immer wieder nervös zu der Schreibertasche. Dabei hatte er nichts zu befürchten, auf die Worte die er zurück nach Adon brachte legte der König nun wirklich keinen Wert. Aber in erster Linie sah er sich ja auch nicht als oberster Schreiber sondern als Künstler und als solcher war es seine Verpflichtung, nein seine Bestimmung den Moment festzuhalten wenn der Herrscher Adons seine Braut wählte. Den gesamten Vormittag verbachte Melaar Zeit mit den Töchtern des Königs und jedes Mal wenn Wartscha für sich entschied dass er an der Königs Stelle eine von ihnen zu seiner Frau machen würde kam eine weitere daher. Adons König verteilte großzügig die wunderschönen Sträuße die ihm die Dryade zusammengestellt hatte und gab sich auch sonst von seiner charmantesten Seite. Wartscha bewunderte seinen König und wenn es ihm zustehen würde hätte er gerne ihn und eine der hübschen Töchter gebeten stillzuhalten dass er diesen Moment für die Ewigkeit festhalten konnte. Sich bewusst dass seine reine Anwesenheit zwischen den Adelsgeschlechtern bereits seine Befugnisse strapazierte verhielt er sich unauffällig und schrieb nieder was für die Ohren aller bestimmt war. Es fiel ihm schwer den Moment richtig einzufangen während sich die Augen der Prinzessinnen weiteten oder sie zu einem schüchternen Lächeln ansetzten. Der Schreiber hätte sich beim besten Willen nicht für eine entscheiden können. Aber das lag ja nun auch nicht bei ihm. An diesem Tag machte er sich dutzende Skizzen, meist von den Augen, den Haaren, dem Halsschmuck, das war alles zu viel als dass der Schreiber es so schnell auf Papier bringen konnte, trotz seines Talents. Und obwohl seine, wahrscheinlich eher die aller, Augen praktisch an den Mädchen klebten ließ er auch seinen König nicht aus den Augen, wollte er doch für sich selbst Vorhersagen für welche er sich entscheiden würde. Der König schien von Prinzessin Isana sehr angetan zu sein, so jedenfalls war seine vorläufige Einschätzung als sie den König durch die langen Gänge des Palasts führte. Und seine Einschätzung änderte sich als die jüngste Erbin Sedes zeigte. Das Mädchen war sicher noch nicht lange im heiratsfähigen Alter, gern hätte Wartscha in ihren Steckbrief gespickt den die Dryade mit Sicherheit hatte anfertigen lassen. Auch wenn er nicht viel mit ihr zu tun hatte, wusste der Schreiber dass die Zeremoniemeisterin selten keine Vorbereitungen bei was auch immer traf. Und das schien gut zu funktionieren immerhin hatte er natürlich auch gehört wie gefährlich Melaars Nähe war. Anders als bei den anderen zukünftigen Gefährtinnen des Königs war Eshleens Lachen nicht verführerisch sondern unschuldig. Der Despot gab sich sanfter, ein bisschen witzig und brachte das Mädchen ab und zu zum Lachen und schien sich daran zu erfreuen, dass sie nicht rechtzeitig den Mund bedeckte wie es für eine Dame von Stand üblich war. Die letzten Stunden bevor das Bankett begann verbrachte er mit dem Mädchen und betrat schließlich gemeinsam mit ihr den Thronsaal. Zu allem Überfluss entschied er sich gegen den Ehrenplatz der ihm neben dem König gerichtet war und setzte sich nach den Ministern und Amtsträgern zu den adligen Frauen, genauer wieder neben Eshleen. Anders als die Geschichten erwarten ließen schien seine Gegenwart ihr nicht zuzusetzen.
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Ayana wusste nicht wie, doch sie hatte tatsächlich den Großteil dieses Tages überstanden. Zwar war sie die meiste Zeit mit dem Tempel und irgendwelchen religiösen Zeremonien beschäftigt, ihre Gedanken waren jedoch stets bei ihrer Schwester. Sie wunderte sich, wie ihre Bekanntschaft mit dem König verlief, worüber sie sich unterhielten und ob sie sich überhaupt unterhielten. Der Schwarzhaarigen selbst war es natürlich viel lieber, wenn sie es nicht taten. Während sie sich mit solchen Vorstellungen quälte, versuchte sie sich auch gleichzeitig zu beruhigen. Schließlich war ihre Schwester erst fünfzehn Jahre alt und deswegen ganz bestimmt nicht im Geschmack des Gastkönigs. Ein Mann seines Standes würde sicherlich eine reifere Frau ehelichen wollen. Und außerdem wäre Eshleen sowieso weit entfernt von der Rolle einer Königin - und das noch dazu eines fremden Volkes. Sie war im Grunde genommen ein Kind. Verdammt, warum musste sie die ganze Zelt nur daran denken?
      Ayana wurde aus ihren mahnenden Gedanken gerissen, als sie einen plötzlichen Druck im Bauch verspürte. Das Gewand des Kleidungsstoffes wurde an den Seiten des Oberkörpers zusammengepresst, weswegen ihr die Luft wegblieb. Erst jetzt wurde sie an das eigentliche Geschehen fokussiert - sie bereitete sich für das Bankett vor. Genauer gesagt, wurde die Schwarzhaarige von ihren Bediensteten vorbereitet, während sie nur damit beschäftigt war, gerade zu stehen.
      Ihr dunkelblaues Kleid war recht schlicht - nicht zu extravagant aber auch nicht zu einfach. Sie ließ sich ausschließlich mit einer goldenen Stirnkette und ein Paar Ohrringen beschmücken. Aus ihrer Kleidung wollte sie jetzt kein Paradebeispiel machen. Das Bankett diente schließlich dem Gastkönig, ihr edles Auftreten würde da sowieso nichts bewirken.
      Als die ganzen Ankleidungen zu Ende kamen, verließ Ayana ihr Gemach, während sie, so wie immer, von einigen Bediensteten bis zum Saal des Festes begleitet wurde.
      Zu ihrer Überraschung war die Feier schon im Gange und deswegen gefüllt mit Leuten. Anscheinend war sie nicht besonders pünktlich gewesen. Wie dem auch sei, es war nur noch besser für Ayana, denn das bedeutete wiederum, dass sie weniger Zeit hier verbringen musste.
      Instinktiv schaute sie sich nach ihrer Schwester um. Als sie diese erblickte, musste sie überrascht ihr lachendes Gesicht feststellen. Ayanas Blut gefror gleich im nächsten Moment, als sie bemerkte, mit wem sie sich unterhielt. Hektisch blickte sie zum Haupttisch, wo ihr Vater saß, doch sie fand ihn nicht dort vor. Was hatte der Gastkönig neben ihrer Schwester verloren?
      Die Schwarzhaarige blickte noch einmal dieses Szenario an, um sicherzugehen, dass sie es tatsächlich sah. Es konnte doch nicht wahr sei?! Wieso verhielt sich ihre Schwester so, als ob sie angetan von diesem Mann wäre? Wieso verhielten sich beide so, als ob sie angetan voneinander wären?! In diesem Moment spürte sie, wie sich all ihre Verdachte als wahr entlarvten. Ayana bekam Angst. Sie bekam tatsächlich Angst, ihre Schwester für immer zu verlieren. Das zeugte ihr schließlich das Bild, welches sich vor ihren Augen abspielte. Sie konnte wahrnehmen, wie ihr übel wurde. Ihr ganzer Rachen fühlte sich plötzlich so trocken an. Sie nahm nicht mehr die Stimmen aus der Umgebung wahr.
      Während ihre Augen noch ein letztes Mal die beiden verfolgten, bewegte sie sich unbewusst zu ihnen. Bevor die Schwarzhaarige realisierte, was sie angerichtet hatte, wurde sie schon aus dem Blickwinkel von ihrer Schwester gesichtet.
      „Ayana!“, ertönte euphorisch ihre Stimme und winkte sie zu sich. Nachdem Eshleen realisierte, dass sie unter einer gefüllten Masse den eigentlichen Namen ihrer Schwester ausgesprochen hatte, legte sie verdutzt ihre Hand auf den Mund.
      ,, Auraria!“, verbesserte sie schnell ihren Fehler. Als die Schwarzhaarige den Sitzplatz der beiden erreichte, beugte sie sich ohne lange Wartezeiten vor. ,, Eure Hoheit“, ertönte ihre höfliche Stimme, wobei sie mit ganzen Kräften versuchte, nicht anmerken zu lassen, wie angenervt sie war. Da der Gastkönig auch die Etikette nicht einbehielt und nicht am Tisch saß, der für ihn eigentlich bestimmt war, wartete Ayana nicht, bis er ihr einen Platz anbot, sondern setzte sich neben ihrer Schwester hin. ,, Ich hoffe, ich habe euren Gespräch nicht gestört“, meinte sie, während sie ihre jüngere Schwester entschuldigend anstarrte. ,, Nein, natürlich nicht“, ergänzte diese sofort. ,, Wir hatten gerade über Adon geredet. Und über Tiere, die es dort gibt. Du weißt gar nicht, was für Arten dort vorkommen!“
      Ayana hörte mit einem warmen Lächeln ihrer Schwester zu. Worüber sie weiterhin redete, nahm die Schwarzhaarige jedoch nicht wahr. Sie hätte am liebsten ihre Schwester von diesem Tisch und gleich von diesem Bankett gezerrt. Das alles durfte doch nicht wahr sein, verdammt nochmal.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Freiheit

      Es bereitete Freude das Mädchen anzusehen, sie hatte etwas von der natürlichen Schönheit wie nur wenige Menschen sie haben. Ein bisschen wie ein Segen, der denjenigen denen er zuteilwird ermöglicht sich mit Eleganz zu bewegen auch wenn sie nichts weiter tun als das was auch ihr Nebenmann tut. Ihr Bruder hatte den gleichen Segen, die gleiche Eleganz. Allein daran konnte man fest machen dass es sich um Geschwister handelte, man brauchte noch nicht mal ihre Gesichter zu sehen. Was den Kindern zugutekam, immerhin konnte man den feinen Gesichtszügen genau ansehen wie oft sie geschlagen wurden. Jedes der Kinder trug einen Ring um seinen Hals, aus dem gleichen hellen Stahl aus dem alle Sklavenringe gemacht wurden. Diese hier waren zusätzlich mit Gold verziert um sich von den anderen Abzugrenzen, denn einigen reichte das persönliche Wappen noch nicht. Auch als der Despot seine Frage wiederholte gab keines der Kinder eine Antwort. Der Mann drückte seine Faust stärker auf den Knauf seines Schwertes, ohne seinen Handschuh hätte sich wahrscheinlich ein Abdruck auf seiner Handfläche abgezeichnet. Es war noch nicht lange her dass man ihn von der Stadtwache zur Leibgarde von Melaar befördert hatte. Oder degradiert, gab da verschiedene Ansichten. Jedenfalls war der Mann erleichtert als ein anderer Soldat vortrat um die Kinder darauf aufmerksam zu machen wer da vor ihnen stand. Aber als der Despot den Kopf drehte, trat der Soldat schleunigst in seine Reihe zurück. Noch einmal wiederholte Melaar seine Frage wo denn ihr Besitzer wohnte. War es jetzt der sanftere Tonfall oder allein die Tatsache dass man ihnen zum dritten Mal die gleiche Frage gestellt hatte, der Junge hob die Hand und zeigte in die Richtung und kurz darauf setzten beide Kinder sich ohne ein Wort in Bewegung. Der König lief mit seinen großen Schritten gemächlich hinter den Kindern her, die nach wie vor die großen Einkaufstüten trugen. Die Villa ihres Besitzers war wirklich ansehnlich, noch dazu mit einem so großen Garten. Allein für die Lage in Theben, Adons Hauptstadt, konnte man sich wahrscheinlich anderswo ein kleines Schloss leisten umso beindruckender, dass das Herrenhaus nicht nur von vorne, sondern rund herum von einem Garten umgeben war wie der Soldat jetzt feststellte. Die Kammerdiener überlegten es sich zweimal den Herrscher von Adon danach zu fragen ob er denn einen Termin vereinbart hatte und so wurden sie eingelassen ohne dass der Hausherr vorher informiert wurde. Nur zwei Männer der Garde folgten dem König in die Villa, der Rest nahm davor Haltung an. Der Neuzugang betrachtete verstohlen die anderen Männer der Garde. Die Stadtwache von Theben war nicht mit den Bürgerschützern in anderen Städten zu vergleichen. Sie waren Berufssoldaten und weit besser ausgebildet als die Krieger welche Melaar in die Schlacht führte. Nein, allein schon der Stadtwache anzugehören war eine Ehre sondergleichen und das oberste Ziel eines jeden Jungen in Adon. Und dann war da die königliche Leibgarde oder eben Palastwache, wie immer man sie jetzt nennen mochte. Die Besten der Besten sozusagen und nun war er einer von ihnen. Dabei herrschte ein reger Wechsel unter ihnen, immer wieder kam es vor, dass sie aufgrund des plötzlichen Ablebens eines Kollegen Ersatz suchen mussten. Übrigens auch der Grund warum er jetzt hier stand. Dabei sollte man meinen zu Friedenszeiten war eine der größten Städte der Welt und der bestgesicherte Palast den es überhaupt gab ein solider Arbeitsplatz. Als der König die Villa wieder verließ war er mit Blut verschmiert, in der Hand hielt er einen der goldverzierten Sklavenringe und der Neuzugang musste an sich halten um seinen Mageninhalt nicht zu verlieren und er hatte so einiges gesehen. Die Rüstungen der beiden Männer die mit ihm die Villa betreten hatten waren von winzigen kleinen Bluttropfen gesprenkelt, was davon zeugte wie weit entfernt sie vom König gestanden haben mussten als dieser die Fassung verlor. Doch die Befürchtungen des Neuzugangs bestätigten sich nicht, denn kurze Zeit später verließen die beiden Kinder die Villa und zwar ohne ihre Ringe und mit ihren Köpfen noch am rechten Platz. Den Dienern trug der Despot auf das Geld im Namen der Geschwister zu verwalten und auch sonst für sie zu sorgen. Es gab weder Fragen, noch Wiederworte.

      Seit diesem Tag ist das Besitzen, Verkaufen, wie auch der versuchte Kauf von Sklaven in Theben illegal und wird ausnahmslos mit dem Tode bestraft.





      Der junge Schreiber zog die herrlichen Gerüche auf. Nein, die Seder hatten sich wirklich Mühe gegeben. Natürlich war der Thronsaal bei weitem nicht so groß wie der in Adons Hauptstadt oder den freien Städten aber hier gefiel es ihm tatsächlich besser. Eigentlich hatte man ihm einen Platz an der Tafel zugedacht, nicht zu weit oben aber als oberster Schreiber war es ihm immerhin genehmigt überhaupt daran teilzunehmen, aber noch hatte er nicht die Zeit genommen an die reich gedeckte Tafel zu sitzen. Zu viele Sinneseindrücke mussten festgehalten werden und Wartscha tat das was er am besten konnte, nämlich beobachten. Und auch wenn die Architektur Sedes allein ausgereicht hätte um ein Buch zu füllen galt seine Aufmerksamkeit wie so oft seinem König. Er schien sich köstlich mit dem Mädchen zu amüsieren und für Wartscha stand fest wer seine nächste Königin werden würde. Den Frauen kam in Adon das gleiche Recht zu wie den Männern und neben Melaar war sie dann die mächtigste Person im Reich, er würde vor ihr niederknien müssen, einem Kind. Der junge Mann ließ ein bisschen von dem bitteren Geschmack zu, jetzt wo er sich unbeobachtet fühlte. Nein sicher würde sie eine gute Königin werden. Vielleicht sogar wie die Prinzessin die sie einst hatten. Es waren so viele Menschen damit beschäftigt sich um die Gäste zu kümmern, dass es nicht mal auffiel wenn der Schreiber auf den Tisch blickte als würde er ein weiteres Mal die Gastfreundschaft Sedes für die Ewigkeit festhalten wollen. Irgendwie erfreute er sich am meisten an dem kleinen Orchester, dass die Gespräche und das Gelächter musikalisch untermalten und weiter noch die etwas angespannte Stimmung lockerte. Die anfängliche Unruhe, dass Melaar nicht den erhöhten Platzt am Ende der Tafel eingenommen hatte war verflogen und mittlerweile schienen zumindest jene die nicht in seiner unmittelbaren Reichweite saßen fast vergessen zu haben dass er überhaupt da war. In Adon hätte er so ein Verhalten als undenkbar empfunden aber dieses Volk schien einfacher gestrickt zu sein, einfacher und glücklicher, so jedenfalls kam es ihm vor.
      Die Heilige setzte sich ebenfalls zu Melaar und ihrer Schwester was sicherlich eine Ehre war, der Schreiber hatte diesen Glauben noch nicht ganz durchschaut aber sie war zumindest gleichzustellen mit einer hohen Priesterin, sicher mehr also war es wahrscheinlich nicht alltäglich, dass sie an solchen Feierlichkeiten teilnahm. „Ihr hättet mir doch sagen können dass ihr so eine reizende Schwester habt geschätzte Auraria!“ Melaar schien ehrlich erfreut die Priesterin oder was auch immer sie war zu sehen und für einen Moment wünschte sich der Schreiber auf der anderen Seite zu stehen um das Gesicht der hübschen Heiligen besser sehen zu können. „Was ihr kennt euch schon?“ Die Stimme der zukünftigen Königin klang verwirrt aber Wartscha schätzte dass sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Schwester hatte wenn sie so miteinander sprechen konnten trotz ihres Status. Alles in allem hatten sie ein bisschen was von einer bunt zusammen gewürfelten Familie, ob die Heilige es sich erlauben konnte ihre Schwester einmal in Adon zu besuchen? Die Gespräche liefen weiter und langsam bekam der Schreiber das Gefühl, dass die Heilige, Ayana hatte ihre Schwester sie genannt, gar nicht wirklich da sein wollte. Sie antwortete wenn sie angesprochen wurde, jedoch nie mehr als nötig und auch wenn sie stets höflich und gesittet war schien schlecht versteckter Unmut in ihrer Stimme mitzuschwingen. Beides war in der Gesellschaft von Adons Despoten gefährlich und Wartscha würde niemals auch nur ein Wort an den König richten ohne darin das unausgesprochene Versprechen mitschwingen zu lassen, dass er ihm bis in den Tod folgen würde und wenn er konnte noch weit darüber hinaus. Und wie er gehört hatte wäre es gar nicht ganz ungewöhnlich dass der König eben dieses Versprechen geltend machte.
      Der König unterbrach das Gespräch mit dem Mädchen und legte die Hände knapp oberhalb ihrer Hüfte an das junge Mädchen. Trotz der intimen Geste zuckte die Prinzessin nicht zusammen, tatsächlich suchte ihre Hand seine und sie war der lebende Beweis, dass da nichts von der Aura war die man dem Despoten nachsagte. Einerseits schob der Despot das Mädchen ein wenig zu Seite so dass er sich ungehindert an die Heilige wenden konnte, auf der anderen Seite zog er sie ein kleines Stück näher zu sich als es die Sittsamkeit gestatten würde. Das Mädchen lächelte nur glücklich als der König das Wort an die Schwester seiner Braut richtete. „Ihr scheint bedrückt zu sein, gibt es etwas dass euch missfällt?“ Die Stimme des Königs war mitfühlend, seine funkelnden Augen zeigten Besorgnis. Die jüngere Prinzessin quietschte ein wenig und Wartscha trat einen Schritt näher heran ohne genau zu wissen warum. Der König redete unbekümmert weiter während die Prinzessin Eshleen sich sichtlich unwohl fühlte. Sie rutschte ein wenig auf ihrem Platz herum, wie ein bockiges Kind dass nicht mehr genug Aufmerksamkeit bekam und der Schreiber atmete tief durch während er sich darauf vorstellte wie die nächsten Jahre in Adon werden würden wenn es sich doch um eine ungezogene Göre handeln würde. Die Dryade tauchte neben Melaar auf und verbeugte sich höflich vor der Heiligen. Wie immer war dem Schreiber völlig entgangen dass sie sich überhaupt genähert hatte, dieses seltsame Volk hatte es wirklich perfektioniert sich unbemerkt zu bewegen. Das mochte ja in der Natur ein schöner Trick sein aber bei Hofe war es nichts anderes als unhöflich. Etwas erforderte wohl Melaars Aufmerksamkeit denn sie bat ihn ihr zu folgen und der König entschuldigte sich bei der Heiligen und versprach seiner Zukünftigen nicht lange fort zu bleiben. Als er Aufstand liefen dem Mädchen dicke Tränen über das Gesicht und der Schreiber konnte sehen wie krampfhaft die Göre versuchte nicht laut nach Luft zu schnappen. Das konnte ja was werden. Der Schreiber blickte Melaar nach und was immer die Dyrade da mit ihm beredete, Melaar ließ nach zwei Männern seiner Garde schicken und nach dem er ihnen einen kurzen Befehlt erteilt hatte scheuchte er sie mit einer raschen Handbewegung fort. Erst als Melaar sich erneut bei den Damen entschuldigte und wieder neben ihnen Platz nahm sah Wartscha das Blut oberhalb von Eshleens Hüfte. „Wie?“, hörte sich der Schreiber selbst fragen während er sich Probeweise mit der freien Hand in den Arm drückte. Dem Schreiber wurde schlecht als ihm klar wurde dass das Mädchen nur versucht hatte sich zu befreien während er sie als verzogen abgestempelt hatte. Wie tapfer konnte das Mädchen sein dass sie auch jetzt neben ihm saß während er sich mit dem Messer ein Stück Fleisch zu Recht schnitt und es sich in den Mund schob. Er legte das Besteck beiseite und streichelte sanft den Rücken des Mädchens uns selbst auf die Entfernung konnte der Schreiber sehen wie die Prinzessin bei jeder Berührung gedämpft zusammen zuckte. „Alles in Ordnung“, hörte er des Despoten sanfte Stimme, „manchmal muss man Opfer zum Wohle des Volkes bringen. Eure Schwester hat mir das beigebracht.“ Seine Hand ruhte auf dem Mädchen während er den Blick von Ayana suchte. „So ist es doch richtig oder eure Heiligkeit?“
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Ich hätte ja nicht wissen können, dass Sie Mädchen bevorzugen, Eure Hoheit - hätte Ayana ihm am liebsten entgegengebracht, nachdem er sie auf ihre jüngere Schwester angesprochen hatte, doch musste sie auf die Zunge beißen, um diese Äußerung bei sich zu behalten.
      Die Schwarzhaarige konnte es immer noch nicht fassen.
      Jeder der Anwesenden war in höchster Stimmung. Schließlich war der König Adons seit einem Tag in diesem Reich, was wiederum bedeutete, dass der Freundschaftsbund als gesichert gelten konnte. Die Freude über die bevorstehenden Jahre, in denen Sede einen Zuwachs an Reichtum erlagen würde, machte alle, besonders die Adligen, glücklich.
      Mit Ausnahme von Ayana. Bis jetzt war sie gleichgültig gegenüber dieses ganzen Vorhabens gewesen; sei es nun das Eintreffen des Gastkönigs oder die Entwicklungen, welche die kommenden Jahre bevorstanden. Wenn dieses Bündnis jedoch bedeutete, dass Eshleen die Gattin dieses Wahnsinnigen wurde, dann war sie eindeutig dagegen. Und sie würde alles machen, um das zu verhindern.
      Niemals könnte sie so etwas zulassen.
      Ihre Mundwinkel waren weiterhin zu einem Lächeln zusammengezogen. Auch wenn ihr diese Situation eindeutig unangenehm war, so musste sie sich durchkämpfen. Während die Schwarzhaarige innerlich den Gesprächen der beiden zuhörte, erfasste sie den gefüllten Kelch vor ihr und nahm einen großen Schluck. Das konnte heute was werden.
      Ayana musste ehrlich gestehen - sie war wütend. Wütend auf diesen selbstgefälligen Herrscher aber noch viel wütender auf ihre Schwester.
      Sie traute ihren Augen nicht, als sie die Hand des Gastkönigs beobachtete, die sich um die Hüfte ihrer Schwester legte.
      Die Musikanten, welche schon seit Beginn dieser Feier beruhigende Melodien spielten, waren nicht mehr in der Lage die Anspannung, die jeden Ort dieses Saals erfasst hatte, zu besänftigen. Ayana war fassungslos. Sie hatte tatsächlich nicht erwartet, dass er dermaßen dreist sein konnte. Es sollte eigentlich nichts Überraschendes sein. Schließlich war er der Herrscher von Adon. Vielleicht hatten Seder sich von Anfang an zu beruhigt verhalten, ohne zu realisieren, was für einem Biest sie den Eingang gewährt hatten.
      Die Schwarzhaarige spürte seinen gierigen Blick auf ihr. Er schien sich an dieser ganzen Situation köstlich zu amüsieren.
      Gibt es etwas, dass euch missfällt? Sie konnte seine besorgte Stimme hören. Wieder bekam Ayana Gänsehaut; zu sehr wurde sie an den Vorfall von gestern Abend erinnert. Und da war sie wieder - diese undurchschaubare Gestalt. Man konnte nur vermuten, was sich dieser Mann als nächstes vornahm. Doch niemals erahnen, was er tatsächlich machen würde.
      Ayana war vielmehr empört vom Verhalten ihrer Schwester, die glücklich die intime Geste des Herrschers annahm. Bevor sie irgendetwas erwidern konnte, stand er wieder auf und begab sich zu einer Frau, die ihn vor seinem Festmahl abgelenkt hatte.
      Sie nutzte sofort diesen Moment seiner Abwesenheit.
      ,, Sag mal, hast du vollkommen deinen Verstand verloren?!", zischte sie leise aus ihren Lippen hervor, wobei sich die Auraria zu ihrer Schwester duckte. Eshleen reagierte jedoch nicht auf diese Kritik, sondern behielt weiterhin die vollkommene Ruhe.
      ,, Es gibt keinen Grund, so zu reagieren. Nicht hier", antwortete sie schlicht. ,, Was ist los mit dir?", hakte Ayana nach, während ihre Augenbrauen sich verwirrt zusammenzogen. Das war doch nicht ihre Schwester - das konnte sie nicht sein. Bevor sie aber etwas anderes fragen konnte, war der König wieder zurückgekehrt. Erst nachdem dieser sich setzte und ihr Blick wieder zu der Hüfte ihrer Schwester wanderte, blieb ihr der Atem aus.
      Entgeistert breiteten sich ihre Augen aus.
      Sie konnte erkennen, wie sich an ihrem hellen Gewand eine Blutspur abgebildet hatte. Auf ihrer Schwester.
      Für einen Moment, der wie ewig in die Länge gezogen vorkam, verstummte Ayana vollkommen.
      Sie blickte in die Augen Eshleens, welche sich entschuldigten und gleichzeitig beängstigt wirkten.
      Wieder ertönte seine durchdringende Stimme, wobei er diesmal seine Hand auf ihren Rücken legte.
      So ist es doch richtig oder Eure Heiligkeit?
      Diese letzte Aussage wiederholte sich immer wieder in ihrem Verstand, als ob jemand eine Mantra rezitierte.
      Die Schwarzhaarige wich nicht aus, sondern blieb seinem Blick standhaft. Wie sehr sie sich auch versucht hatte, zusammenzureißen, in diesem Moment verlor sie all die Beherrschung.
      Es war nicht nur eine flüchtige Welle von Wut, die ihren Geist durchdrang.
      Es war purer Hass, den sie tobend bis zu ihrem Hals verspüren konnte. Ayana ließ diese Abneigung zu und wehrte sie kein bisschen gegen diesen Ansturm von Gefühlen. Die Schwarzhaarige nahm ganz klar ihr wildes Herzklopfen wahr.
      Sie fühlte sich betäubt. Dieser Mann hatte sie an ihrem empfindlichsten Ort getroffen - und zwar ihrer Schwester. Völlig unerwartet hob sie sich ein wenig, griff in der nächsten Sekunde nach dem Messer, mit welchem sich der König zuvor das Fleisch zugeschnitten hatte, und rammte es genau neben seine andere Hand, die auf dem Tisch platziert lag. Ayana blickte wieder zu ihm hoch. Diesmal waren es jedoch nicht leere Augen gewesen, die den Herrscher durchdrangen - nein - man hatte das Gefühl als würden Flammen aus denen sprühen. ,, Wenn Sie noch einmal meine Schwester auch nur um ein Haar krümmen, dann schwöre ich bei den Mächten aller Götter dieser Welt, dass ich Sie mit meinen eigenen Händen umbringen werde!''
      Es waren tatsächlich nur wenige Millimeter gewesen, welche die Spitze des Messers von der Hand des Herrschers trennten.
      Vielleicht hatte sie sogar eines seiner Finger angeschnitten; die Schwarzhaarige wusste es nicht, weil sie nicht den Blick senkte.
      Als sie bemerkte, wie der Gastkönig seine Hand vom Rücken ihrer Schwester löste, zerrte Ayana diese sofort weg und deutete ihr, sich zur Seite zu stellen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Der beste Freund des Menschen


      [...]
      Es wurde schnell klar dass die Gefährlichkeit von Adon für die umliegenden Länder hauptsächlich von ihrem instabilen Herrscher ausging und so wurden in den ersten 5 Jahren seiner Amtszeit bereits verschiedene Versuche unternommen ihm in seinem Treiben Einhalt zu gebieten. Nachdem weder Stafzölle noch Handelsembargos eine Wirkung zeigten, ging man zu direkteren Methoden über sich der Gefahr aus Adon zu entledigen. Im oben genannten Zeitraum kam es zu insgesamt acht Mordversuchen, über die das Volk informiert wurde und mindestens drei weiteren die intern bestätigt wurden. Vereitelt stets durch die mehr als fähige königliche Garde oder aber durch die beunruhigenden Observationsfähigkeiten des Monarchen.
      [...]

      Auszug aus Die Schlachten des Königs - Historiker Dalan



      Manchmal tat ihm der Mann in der Zelle wirklich Leid und dabei hätte es ihn viel schlimmer treffen können. Traba war Kerkermeister für einen der sogenannten oberen Blöcke, also Zellen in denen Gefangene in der Regel nochmal das Tageslicht erblicken würden. Die meisten hier waren von der Stadtwache für kleine bis mittelschwere Vergehen abgeliefert worden und würden nach wenigen Wochen bis Monaten wieder auf freiem Fuß sein. Der Kerkermeister war dafür verantwortlich die persönlichen Gegenstände der Gefangenen zu verwalten, Essenspläne zu erstellen und natürlich den Kalender zu führen wann wer entlassen wurde. Entsprechend wusste er natürlich genau wer noch wie viele Tage abzusitzen hatte aber bei diesem einem Gefangenen war es anders. Traba nannte den Mann Ratte, wegen des Rattengesichts und der simplen Zweckmäßigkeit dass er seinen Namen nicht kannte. Weder ein Name noch ein Datum für seine Freilassung war auf den Papieren vermerkt. Hinzu kam dass man ihm verboten hatte mit dem Gefangenen zu sprechen und ihm klar zu verstehen gegeben hatte, dass auch jeglicher Kontakt zu anderen zu unterbinden war. So hätte man meinen können Ratte wäre vergessen worden, wenn nicht jede Woche pünktlich ein Mann in Begleitung von zwei Gardisten vorbei kam um einen Aderlass vorzunehmen. Sie zapften ihm nie viel Blut ab, immer nur ein kleines Gläschen voll so dass der Körper sich vollständige davon erholen konnte. Außerdem sollte Traba dem Mann mehr zu Essen geben, wahrscheinlich um den Blutverlust zu kompensieren. So ging das Woche für Woche, Monat für Monat. Und nach acht Monaten bekam der Kerkermeister endlich heraus für was der Mann hier eigentlich einsaß. Nach dem er über Wochen einen der Gardisten beschwatzt hatte, war es diesem endlich zu blöd geworden und er hatte ihm erzählt dass es sich bei diesem unscheinbaren Mann um einen Assassinen handelte. Anscheinend hatte er versucht Melaar zu vergiften aber dieser Versuch war wie alle anderen zuvor gescheitert. Traba konnte das beim besten Willen nicht glauben aber er hatte nicht den Mut seine Auflagen zu brechen und den Mann danach zu fragen. Einen Assassinen würden sie doch niemals hier oben haben, das wäre doch Schwachsinn. Er würde in einer der dunklen Kerkerzellen sitzen, die mit den Folterkammern wie es sie unter dem Palast gab. Also geben sollte, sicher war sich auch Traba da nicht. Denn wer diese Zellen von innen sah würde niemanden mehr davon erzählen können.
      Nochmal drei Monate, von intensiven Wissendrang motiviert, quetschte Traba die Gardisten aus bis sie endlich nachgaben. "Für die Hunde." Wie für die Hunde? Er hatte gefragt für was sie das Blut brauchten, was sollten denn die Hunde damit anfangen? Die Gardisten schüttelten nur die Köpfe. "Die setzten Hunde auf ihn an, der König lässt sie von grundauf neu züchten." Der andere Gardist plötzlich redselig das Wissen endlich los zu werden kam ihm zur Hilfe. "Die mischen das Blut mit Wasser und lassen es die Hunde trinken, gleiches mit ihrem Futter, nichts was die Viecher fressen hat nicht sein Blut dran." Dem Kerkermeister lief ein Schauer über den Rücken. Er mochte sich gar nicht vorstellen was die Hunde mit ihm machten wenn sie Ratte erwischten. "Naja aber die Jagdhunde sind jetzt dann ausgewachsen, ein Gefangener weniger um den du dich kümmern musst oder?" Traba nickte nur, unfähig das ganze weiter zu kommentieren. Manchmal tat ihm der Mann in der Zelle wirklich leid und dabei hätte es ihn ja eigentlich nicht viel schlimmer treffen können.

      Die Hetzjagd dauerte sechs Tage. Ratte brach tot zusammen bevor die Hunde ihn erwischten oder zumindest schrie er nicht.






      Beinnahe hätte Kallya aufgeschrien, nicht vor Schreck, sondern wegen für Dryaden so untypischen Zorn. Wie konnte man so selten dumm sein. Sie hatte gerade ihr Leben riskiert um den Despoten von der kleinen Prinzessin abzulenken und im nächsten Moment machte die Prinzessin, die keine war, alles nur noch schlimmer. Als das Messer ins Holz glitt konnte sie hören wie etwa dreißig Schwerter synchron eine Handbreit aus der Schwertscheide gezogen wurden. Diese unmissverständliche Geste bedeutete es einem Bürger in Adon inne zu halten und sich auf den Boden zu knien, ansonsten würde die Stadtwache tödliche Gewalt anwenden um die öffentliche Ordnung zu bewahren. Im Falle der Palastwache bedeutete das sie würden zum König aufschließen und dabei jeden der ihnen im Weg stand ausschalten. Aber die bedrohliche Wirkung der Garde war hier nicht von Bedeutung, die Spannung zwischen der Heiligen und dem Despoten war so spürbar dass es niemand wagte einzuatmen. Melaar hatte nicht einmal gezuckt als das Messer sich in das Holz gefressen hatte, sein Blick war nach wie vor auf Auraria gerichtet und ganz langsam verzog sich sein Mund zu jener raubtierhaften Fratze die mehr als einmal jemand die Nerven gekostet hatte. Immerhin war das Mädchen intelligent genug gewesen ihre Schwester aus der Schusslinie zu bringen, Kallya hätte es durchaus für möglich gehalten dass sie bei dem was gleich folgen würde verletzt wurde.
      Melaar würde den Hals der Heiligen packen und ihren Kehlkopf brechen, schneller als sie einen Ton heraus bekam. Der König Adons hatte oft genug unter Beweis gestellt dass er sich schneller bewegen konnte als es den scharfen Augen der Dryade geheuer war. Vorsichtig versuchte sie abzuschätzen wie weit die nächsten sedischen Wachen entfernt waren aber ihre Chance den König zu erreichen bevor seine eigene Garde ihn umringt hatte stand schlecht. Wie das Volk reagieren würde nachdem er ihre Heilige getötet hatte? Melaar zog die Hand vom Tisch und beinahe wäre die Frau einen Schritt vorgetreten aber er lachte nur! Sein helles aufrichtiges Lachen, wie man es gehört hatte seit er den Nachmittag mit dem kleinen Mädchen verbracht hatte. Er betrachtete seinen Finger, ein Tropfen von rotem Blut bildete sich an der Stelle an der ihn das Messer erwischt hatte. Nicht genug dass es an seinem Finger hinunter lief sondern gerade genug damit sich eine schöne rote Perle bilden konnte. Kallya hörte wie ein Teil der Männer die Schwerter zurück schob aber noch nicht alle, einige waren schon lange genug dabei. Der verrückte König suchte wieder den verwirrten Blick von Ayana und hielt ihr fast vorwurfsvoll aber ohne zumindest den letzten Rest seines Grinsens zu verlieren die halb geöffnete Hand mit dem Blutstropfen entgegen. „Blut für Blut nehme ich an?“ Langsam und ein wenig mühsam erhob sich der Monarch von der Tafel, fast so als wäre er ein alter Mann der das alles satt hatte. Auch nachdem Melaars Lachen verklungen war schien sich niemand im Raum zu bewegen und wenn einige der Minister, sowohl auf sedischer, wie adonischer Seite würden wohl das Bewusstsein verlieren wenn sie nicht langsam Luft holten. Melaar wandte sich dem Orchester zu und bat sie höflich dass sie doch bitte weiter spielen mochten. In seiner Stimme lag so viel Autorität, dass sie alle gleichzeitig anfingen und erst nach einem kurzen Moment das unmelodische Chaos lösen konnten und wieder gemeinsam spielten. Der König ging immer nur ein paar Schritte bevor er wieder die Richtung änderte als schien er sich beim Denken bewegen zu müssen. Nach vielleicht acht Schritten blieb er stehen. „Entscheidungen haben Konsequenzen.“ Seine Stimme war sehr gelassen, nicht so belehrend oder drohend wie man vielleicht meinen sollte aber es war auch nicht nötig dass der König jemandem drohte, in den Ohren der Dryade war jedes Wort dass die Lippen des Despoten verließ eine Drohung. Er bewegte sich wieder ein Stück so dass er hinter der Heiligen zum Stehen kam, blickte aber nicht sie an, sondern ihre kleine Schwester die mittlerweile am anderen Ende des Tisches stand. „Jede Entscheidung zieht Konsequenzen nach sich. In Adon wird das verletzten eines Gastes in der Regel mit dem Tod bestraft. Nun gut wir sind hier nicht in Adon aber ich bin mir sicher angesichts unserer neuen Verträge werden sich auch einige Regeln und Gesetzte hier ändern.“ Er legte seine großen Hände auf ihre Schultern und sah auf ihre dunklen Haare herab. „Ihr könnt mich aber nach Adon begleiten und euch selbst ein Bild davon machen.“ Obwohl sich die Luft auch mit der musikalischen Untermalung beinahe schneiden lassen konnte drangen vereinzelt Gesprächsfetzen hervor. Der König ließ sich davon nicht beeindrucken und sprach ruhig weiter, so dass seine Worte für jene die weiter entfernt waren in dem Gemurmel untergingen. „Ich biete euch an, den Tag an dem ihr den Block seht noch einmal zu verschieben. Ansonsten müsste ich ja doch eure süße Schwester mitnehmen.“ Er beugte sich zu ihr nach unten und diesmal konnte niemand anderes mehr verstehen was er sagte als seine Stimme kalt wie Eis wurde. „Und sie würde ich in Stücke schneiden.“
      Der König richtete sich wieder auf, ließ die Hände aber noch einen Moment auf ihren Schultern ruhen ehe er einen Schritt zurück trat. Seine Stimme klang wieder feierlich, genau wie in dem Moment als er durch das große Tor geritten kam als wäre rein gar nichts vorgefallen. „Ich danke für das hervorragende Mahl und die gute Unterhaltung. Wir werden morgen früh aufbrechen, ich hoffe meine zukünftige Braut ist dann bereit, wer immer sie auch sein möge.“ Dabei hatte er so ein charismatisches Lächeln im Gesicht dass es schwer fiel zu glauben, dass es ihm egal war welche Braut ihn morgen begleiten würde. Ohne sich nochmal umzudrehen verließ Melaar den Saal, die Garde im Schlepptau. Die Dryade ging neben ihm durch die Korridore, wagte es aber nicht das Wort an ihn zu richten. Schließlich eröffnete er doch selbst das Gespräch, während er das getrocknete Blut an seinem Finger betrachtete. „Egal wie viele Länder sich mir unterwerfen und wie viele Kronen ich zertrete, mein Blut bleibt dennoch rot. Seltsam oder?“ Die Dryade nickte nur, ihr Mund war zu trocken um jetzt noch über blaues Blut zu sprechen.
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Sie war überzeugt, dass es die letzten Atemzüge ihres Lebens sein würden. Es war eindeutig ihr Ende gewesen.
      Erst nachdem sich ihre Wut gestillt hatte, begann ihr Verstand zu realisieren, was sie eigentlich angerichtet hatte. Es konnte als ein Mordversuch gelten. Vielleicht war es sogar das - Ayana hatte nur Pech gehabt, dass sie einfach nur neben seine Hand gezielt hatte.
      Sie war zu sehr aus der Fassung geraten, um überhaupt vorzustellen, welche Konsequenzen das Ganze mit sich tragen würde. Eindeutig gravierende.
      Eine angespannte Stille hatte sich über den ganzen Saal gelegt. Und sogar in ihr machte sich die Beklommenheit breit. Vor allem, weil die Schwarzhaarige das Verhalten des Gastkönigs nicht vorhersagen konnte. Wahrscheinlich war niemand dazu in der Lage.
      Trotzdem blieb Ayana standhaft. Die Spur des tobenden Hasses hatte immer noch nicht nachgelassen. Zum Glück, denn das gab ihr die Kraft weiterhin den wahnsinnigen Herrscher anzugucken. Doch mit jeder Sekunde, welche die Auraria in diesem quälenden Chaos verbrachte, desto mehr wurde ihr bewusst, was für einem Untergang sie geweiht war.
      Nein, sie durfte nicht zulassen, dass diese angsterfüllten Gedanken ihre letzten Kräfte raubten, denn andernfalls würde sie nicht mehr auf diese Weise gerade auf den Beinen stehen können. Sie hielt den Atem an und bereitete sich innerlich auf das Folgende vor.
      Es würde sicherlich nichts Schönes werden. Er hatte bestimmt vor, sie vor den ganzen Anwesenden zu demütigen. Das lag ihm im Blut.
      Die Frage war jedoch, wie er genau das vornehmen wollte. Und jede Sekunde, die tragend vorbeiging, bereitete die Schwarzhaarige immer mehr auf ihr Schicksal vor. Was würde nur mit ihrer Schwester passieren? Falls Ayana starb, dann hatte sie niemanden. Sogar in ihren wahrscheinlich letzten Sekunden ihres Lebens, konnte sie nicht anders als sich Gedanken um Eshleen zu machen.
      Sie war schon kurz davor, ihre Augen zu schließen, doch was im nächsten Moment folgte, hielt sie davon ab.
      Ein lautes und vor allem kehliges Gelächter hallte in dem todstillen Saal wieder. Und es kam von niemandem als vom König Adons höchstpersönlich. Zu Beginn starrten ihre Augen entgeistert diese große Gestalt an. Allmählich konnte man in ihnen die größte Verwirrung ihres Lebens ablesen. Es war wohl der eindeutigste Beweis dafür, dass dieser Mann ein Wahnsinniger war - im wahrsten Sinne des Wortes.
      Sie beobachtete, wie er aufstand, was ihre Situation gerade nicht besser machte. Wieso reagiert er so ... so ruhig? Sie hatte schließlich ihm gedroht.
      Sein aufdringliches Lachen irritierte die Schwarzhaarige noch stärker. Vielleicht zeugte das nur noch mehr von seiner Verrücktheit. Die Schwarzhaarige hatte eine wütende Reaktion erwartet. Alles Mögliche, aber eindeutig nicht das.
      Ayana atmete tief ein und langsam wieder aus, um weiterhin beim klaren Verstand zu bleiben - wenn sie es denn überhaupt noch möglich war.
      Sie konnte Blut an seinen Fingern erkennen, was endgültig betonte, dass es die letzten Momente ihres Lebens waren. Doch es kam trotzdem nichts von ihm. Vielmehr drehte sich der Gastkönig um, bewegte sich einige Male im Raum, bis er schlussendlich dicht hinter ihr stehen blieb. Ihr ganzer Magen engte sich zusammen. Das bedeutete nichts Gutes, denn das, was sie von ihm gelernt hatte, war, dass er das Unerwartetste machte.
      Die Schwarzhaarige wurde sofort von der Übelkeit erfasst, nachdem er den Todesurteil aus Adon erwähnte, falls man den Gast verletzte. Nun ja, man konnte in seinem Fall nicht einmal von einer Verletzung reden. Schließlich war es nur ein leichter Schnitt, wo sich höchstens drei kleine Bluttropfen gebildet hatten. Das war aber nicht der Kern der Sache gewesen.
      Seine Hände legten sich auf ihre Schulter und am liebsten hätte Ayana gleich auf der Stelle erbrochen.
      Man konnte tatsächlich vom Wunder reden, dass sie immer noch auf ihren Beinen stand. Sie hätte nicht gedacht, dass es ihr schlimmer ergehen konnte. Doch das war tatsächlich möglich gewesen. Ihr wurde schlechter, als er über den Block zu sprechen begann.
      Er wollte sie doch nicht wirklich nach Adon schleppen, oder?!
      Die Schwarzhaarige spürte, wie er sich zu ihr runterbeugte. Und seine letzten Worte verschlugen ihr endgültig den Atem. Da war es. Diese Kälte. Diese Kaltblütigkeit, die sich die ganze Zeit hinter seine freudvollen Art verborgen hatte. In diesem kurzen Augenblick war sie flüchtig zum Vorschein gekommen.
      Erst nachdem er sie losließ, verspürte die Auraria, wie sehr ihr Körper eigentlich zitterte, auch wenn man es wahrscheinlich ihr nicht ansehen konnte. Ihre Augen fielen sofort auf ihre eingeschüchterte Schwester. Es war eindeutig eine Drohung gewesen.
      Entweder sie oder ihre Schwester.
      Und die Antwort darauf stand für Ayana sowieso fest.
      Als ob nichts passiert wäre, legte sich wieder dieses künstliche Lächeln auf seinem Mund, woraufhin er sich bei den Anwesenden bedankte und seine morgige Abreise verkündete. Nachdem er endgültig aus dem Saal verschwand, war die Ahnungslosigkeit an den Gesichtern der anderen nicht zu übersehen.
      Die Schwarzhaarige nutzte den Moment dieser Verwirrtheit, fasste ihre Schwester schnell am Arm und verließ ebenfalls das Fest. Oder zumindest das, was davon noch übrig geblieben war. Währenddessen folgten den beiden Königstöchtern einige der persönliche Bediensteten hinterher. Zumindest diejenigen, die es geschafft hatten, in diesem Chaos einen klaren Verstand zu fassen.
      Es war bemerkenswert von ihnen gewesen. Doch darüber konnte sie nicht weiterhin nachdenken. Ayana war vielmehr mit dem eigentlichen Problem beschäftigt - mit dem Gastkönig und seinen letzten Aussagen. Sie versuchte diese immer wieder zu ignorieren, sie gaben jedoch nicht nach und erfassten wiederkehrend ihren Verstand.
      ,, Es tut mir so leid", erklang die bebende Stimme Eshleens.
      Es war ihre jüngere Schwester gewesen, die sie aus den Gedanken riss. Sie glitt flüchtig über ihr von Tränen gefülltes Gesicht. Ayana fühlte sich, als ob sie in einem schrecklichen Albtraum gefangen war.
      Womöglich war sie es sogar.
      Es dauerte nicht lange, bis das laute Schluchzen Eshleens ertönte. ,, Ich hätte gedacht, er wäre anders... Anders als in den Gerüchten. Er war so nett und zuvorkommend und ...", es war schwer ihre Worte zu entziffern, da der Großteil irgendwelche heulende Laute waren.
      Wie hätte er anders sein können? - dachte sich Ayana entnervt. Er war der König von Adon.
      Er war ein Despot, ein Wahnsinniger, den man auf der ganzen Welt kannte. Und er hat sich nicht einen Namen gemacht, weil er ein netter Mensch war, sondern ein kaltblütiger Mörder.
      ,, Wie konntest du nur so...", die Schwarzhaarige beendete ihren Satz nicht. Was versuchte sich hier eigentlich? Ihre Schwester war erst 15 - kein Kind mehr, aber trotzdem unerfahren, was die Menschen anging. Und sie hatte sich beim Festmahl sogar sehr tapfer geschlagen. Sie selbst war doch erst in ihrem Alter gewesen, als sie die Grausamkeit dieser Welt realisiert hatte. Ayana sollte nicht versuchen, die ganze Schuld auf ihre Schwester zu schieben. Sie war kein Sündenbock.
      Erst als sie ihr Gemach erreichten, blieb die Schwarzhaarige stehen und drehte sich zu Eshleen um, die sich immer noch nicht beruhigt hatte. Sie erfasst sofort ihr Gesicht, sodass sie zu ihr hochblickte. ,, Schau mich an", befahl die Auraria ruhig.
      ,, Es ist nicht deine Schuld", führte sie ernst fort.
      ,, Nicht deine."
      Sie legte eine kurze Pause ein, bis sie tief Luft holte und weiterredete. ,, Du hast von Anfang an nur das gemacht, was man von dir erwartet hatte. Und du warst heute sehr, sehr mutig." Ayana versuchte ihr eigenes Zittern zu ignorieren. ,, Es ist nicht deine Schuld, hast du mich verstanden?" Das Mädchen nickte bewusst und wischte sich anschließend die Tränen vom Gesicht.
      Erst jetzt erinnerte sich die Schwarzhaarige an ihre Wunde und blickte zu der Hüfte runter. Sofort befahl sie den Bediensteten neue Kleidung zu bringen, woraufhin diese sich gleich auf den Weg machten. Die folgende Zeit nutzte Ayana dafür, um die Wunde zu verheilen.
      Sie war zwar sehr ermüdet, doch ihren letzten Kräfte würden wohl ausreichen. Die Schwarzhaarige hatte nur Glück gehabt, dass es sich um keine tiefe Verletzung handelte. Sie legte vorsichtig ihre Hand auf die Wunde und konzentrierte sich auf diese Stelle, sodass sich in Kürze eine leuchtender Rauch darüber bildete. Man konnte sie wohl als Lichtstrahlen bezeichnen, die sich allmählich in der Haut verbreiteten.
      Es dauerte nicht lange, bis die Spuren der besagten Wunde allmählich verschwanden. An der Bewegung Eshleens konnte sie erkennen, dass sie anscheinend auch keine Schmerzen mehr hatte.
      Die beiden nahmen vor, die Nacht in ihrem Gemach zu verbringen.
      Dieser Abend war verrückt genug gewesen, sodass wahrscheinlich niemand auf Etikette oder irgendwelche andere Regeln achtete. Demnach erlaubte sich Ayana es weiterhin auszunutzen.
      In Abendkleidern gehüllt, lagen die beiden im Bett. Sie unterhielten sich über alles Mögliche; über viele Erinnerungen. Größtenteils über vergangene Zeiten. Es war wirklich lange her, seitdem sich die Schwarzhaarige auf diese Weise mit ihrer Schwester - geschweige denn mit irgendjemandem - unterhalten hatte. Beide versuchten die Tatsache über den kommenden Tag zu ignorieren. Sie wussten, dass es die letzten angenehmsten Stunden waren, die sie bald lange nicht mehr zu Gesicht bekommen würden.
      Besonders Ayana. Sie hatte Angst. Große Angst vor dieser Unwissenheit. Doch diese versuchte die Schwarzhaarige zu ignorieren, indem sie lächelnd ihrer Schwester zuhörte.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Treue




      Wenn Erde und Staub das Blut auf unseren Stiefel bedeckt kehren wir heim.
      - Soldatenweisheit


      Der Junge blickte über die riesige Stadt während die Sonne langsam den Mantel aus Dunkelheit von ihr zog. Beinnahe ehrfürchtig schien er die Details in sich aufzusaugen während Ritter und Soldaten auf der Hügelkuppe Rast machten. "Atemberaubend..." Der Junge flüsterte das Wort als sich eine gepanzerte Hand auf seine Schulter legte. "Ist es das erste Mal dass du Theben siehst Junge?" Der Angesprochene drehte sich zu ihm um, die schmucklose Rüstung verkratzt von der Schlacht die hinter ihnen lag. "Ja, ich war noch nie hier. Sie ist wunderschön und so groß." Der Ritter lachte als er die Worte des Jungen hörte. "Du hast wahrlich ein Löwenherz, ziehst für eine Stadt in den Krieg ohne sie jemals zu betreten zu haben? Das Junge ist Adon, das Reich beginnt mit den Stadtmauern." Der Junge antwortete nicht, ließ den Blick nur über die gigantische Stadt wandern die in der Sonne immer mehr Details erhielt. Flüsse spannten sich durch die Stadt und glitzteren jetzt im morgendlichen Schein wie bläuliche Spinnenfäden, bereits jetzt waren Schiffe zu erkennen die wohl Güter oder Personen durch die Stadt transportierten. Selbst auf diese Entfernung konnte man erkennen, dass die breiten Straßen gepflastert waren und jeden Punkt der Stadt miteinander verbanden ohne unnötig komplizierte Routen zu nehmen. Eine Planstadt also, so gebaut dass sie endlos weiter wachsen konnte bis sie das Meer erreichen würde. Man hatte ihm erklärt dass es unter der Stadt riesige Gewölbe gab und fast beiläufig erwähnt, dass sie eine Kanalisation hatten, trotz der oberirdischen Flüsse nutzten sie unterirdische Abläufe um die Stadt sauber zu halten. "Diese Stadt gefällt mir. Sie wird mir gehören." Der große Ritter lachte erneut und der Junge fiel mit ein. „Melaar war dein Name richtig? Sobald dir Theben gehört lass nach mir schicken, ich werde als Erster mein Knie vor dir beugen Löwenherz.“






      Die Dryade hatte schrecklich geschlafen und nicht nur weil sie sich davon überzeugt gewesen war, dass ganz Sede sich bei ihrer Abreise erheben würde. Aber tatsächlich konnten sie ganz ohne Zuschauer ihre Taschen in die großen Kutschen laden. Die königliche Kutsche die man der Heilligen, oder jetzt doch Prinzessin, überlassen hatte war bereits als erste gepackt gewesen noch bevor Kallya den Dienern ihre Aufgaben zugewiesen hatte. Koffer wurden verladen, Lebensmittel eingepackt und Pferde eingespannt.
      Ungefähr eine Stunde vor Sonnenaufgang setzte sich der Konvoi bereits in Bewegung. Es fand keine offizielle Verabschiedung statt und es wirkte ein bisschen als verließen sie wie Diebe mitten in der Nacht den Palast und nichts anderes waren sie auch. Melaar scherte sich nicht darüber was Sede über ihn dachte und wie sie ihn in Erinnerung hielten. Das ganze war nur ein weiterer Akt in dem Theaterstück dass er der Welt aufdrückte. Je weiter sie sich vom Palast entfernten desto mehr Menschen schlossen sich ihnen an, die Soldaten und Beamten die nicht im Palast genächtigt hatten. Sede war schön und die Menschen hier würden vom Krieg verschont bleiben, immerhin etwas über dass sich die Dryade freuen konnte. Das ganze war also gar kein kompletter Fehlschlag gewesen. Sede war nicht groß genug um ernsthaften Widerstand zu leisten sollte Melaar die Krallen danach ausstrecken aber sie hatte gehört wie er mit den Generäle darüber gesprochen hatte, es war kaum möglich dieses Land einzunehmen ohne es komplett zu zerstören. Im Grunde lag ganz Sede auf Felsnadeln in der Mitte eines Kraters und wenn sie erst mal ihre Brücken gekappt hatten müsst jede der Nadeln neu erobert werden. Kallya verstand nicht viel von der Kriegskunst aber sie wusste dass Melaar entweder eroberte oder dem Erdboden gleich machte und da schien die junge Frau zu verlieren doch ein geringer Preis zum Schutz des Landes. Anderseits waren Menschen schon für viel weniger in den Krieg gezogen. Dieses Volk hatte einen extremen Geltungskomplex und konnte es nicht ertragen wenn andere scheinbar mehr hatten, ob es sich dabei jetzt um ihre eigene oder eine Fremde Rasse ging spielte dabei eine untergeordnete Rolle.
      Als sie die Bergformation erreichten die sich wie ein Ring um Sede spannte ging gerade die Sonne auf, helle Strahlen spiegelten sich an den beinnahe künstlich anmutenden Felsen auf denen die Städte lagen. In der morgendlichen Sonne leuchteten die roten Dächer förmlich auf und machten den Eindruck von reifen Früchten. Ob sie wohl doch noch gepflückt werden würden? Der Großteil ihres Zuges schleppte sich weiter, lediglich ein Teil der Garde und Melaar blieben zurück, zusammen mit der Kutsche die man seiner zukünftigen Braut zugesprochen hatte. Adonische Diener die von heute an der Prinzessin unterstellt waren öffneten ihr die Tür um sie aussteigen zu lassen. Kallya zog noch einmal die frische Bergluft ein bevor sie wieder unter die Menschen musste und da stieg es ihr bereits in die Nase. Natürlich musste es einen Grund geben wenn Melaar die Spitze des Zuges verließ, er mochte es nicht jemandem zu folgen und sei es auch nur seine eigene Leibwache. Melaar blickte zurück über das Reich mit dem sie jetzt einen Friedensbund hatten, zumindest auf dem Papier. Auch wenn Melaar selten die subtile Art der Diplomatie betrieb wusste sie doch dass es keinen Unterschied zu den unterworfenen Ländern geben würde. Eine eroberte Nation ist eine treue Nation, die Worte der Generäle hallte in ihrem Kopf nach. Kallya riss sich zusammen damit ihre Augen sich nicht mit Tränen füllten während sie sich zu Melaar und der Prinzessin stellte. Der warme Föhnwind trug den Geruch von Asche mit sich und mit scharfen Augen würde man erkennen dass der königliche Palast von Sede in Flammen stand. Konsequenzen, die Dryade konnte das Wort nicht mehr hören aber doch hoffte sie dass die Heilige sich ihrer bewusst war. Ohne große Worte stieg Melaar wieder auf sein Pferd, ließ seiner zukünftigen Königin noch einen Moment um auf die Flammen in der Ferne zu blicken. Immerhin hatte er nicht den Befehl gegeben die Türen zu vernageln, Kallya war sich sicher dass dies ihrem zureden zu verdanken war aber dennoch fühlte sie sich schuldig weil sie niemanden hatte warnen können. Wahrscheinlich würden die Seder das Feuer löschen können bevor es sich ausbreitete und mit ein bisschen Glück sogar bevor der Palast nieder gebrannt war aber das ganze war ja auch nur um ihrem Neuzugang zu verdeutlichen wie weitreichend ihre Handlungen sein konnten. Wenn sie wirklich am Ende die Krone trug konnte sie in gewissem Maß über die Geschicke der Welt bestimmen, sei es direkt oder weil Melaar nach ihr handelte, im Guten wie im Schlechten.
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Es war wohl zu erwarten gewesen. Diese Nachricht hätte nichts Überraschendes sein sollen, doch trotzdem traf sie jeden Palastbewohner mit einer unvorhersehbaren Wucht. Die Entscheidung des Despoten war gefallen. Und die Frau, welche sich der Gastkönig zu seiner Gattin ausgewählt hatte, war niemand anders als die Auraria selbst. Etwas, womit kein Seder mit Verständnis entgegentreten konnte, doch gleichzeitig wagte keiner, nicht einmal Amul der Zweite, diese Entscheidung in Zweifel zu ziehen.
      Zu groß war die Furcht vor noch mehr gravierenden Folgen.
      Wenn man sich gleichzeitig erschlagen und vollkommen verloren fühlen konnte, als ob man nicht die leiseste Ahnung hat, dann tat sie es gerade.
      Mit einem lauten Wirbel wurde ihr Gemach früh morgens von den Dienern bestürmt und jetzt beobachtete Ayana lediglich, wie all ihre Sachen gepackt wurden. Das war einfach unmöglich gewesen. Nicht einmal die Sonne war aufgegangen, wozu diese unnötige Eile?
      Oder sollte es etwa eine weitere Strafe werden? Ohne jegliche Gegenwehr aufzuweisen, ließ sie sich anschließend einkleiden.
      Während alle anderen weiterhin mit den Vorbereitungen für die Abreise beschäftigt waren, nahm sie die Opalkette hervor, die ihr Ail vor einigen Tagen geschenkt hatte. Vorsichtig legte die Schwarzhaarige diese um ihren Hals und es dauerte nicht lange, bis man das unterschiedliche Schimmern der Farben im Spiegel leicht verfolgen konnte. Wohl das einzig Farbenfrohe an diesem Tag.
      Nachdem sie sich damit abgefunden hatte, verbrachte Ayana die restliche Zeit damit, ihre Schwester zu beruhigen. Anscheinend wurde sie jetzt von noch stärkeren Schuldgefühlen geplagt, was auch verständlich war. Sogar die Heilige musste es sich innerlich gestehen - hätte sich Eshleen nicht auf diese Weise kokett gestern verhalten, dann wäre das alles ganz sicherlich nicht passiert. Zumindest versuchte sie sich mit diesem Gedanken die ganze Zeit zusammenzureißen.
      Wahrscheinlich war es immer noch der Schock gewesen, welcher nicht zuließ, dass sie vollständig diese Situation verstand, beziehungsweise nicht vorhersehen konnte, was für ein fatales Leben auf sie wartete. Das konnte etwas werden.
      Es konnte nicht wahr sein. Aber das war es!
      Vielleicht war es die Aufregung gewesen, wodurch es ihr so vorkam, als ob die Zeit viel schneller vorbeizog, doch nachdem alles arrangiert wurde, brachte man sie zu der bereitstehenden Kutsche, welche sie anscheinend durch die ganze Reise transportieren würde.
      Es passierte also tatsächlich. Sie verließ Sede. Wahrscheinlich für immer. Beängstigt fasste Ayana mit der Hand ihre Stirn und bemerkte erst bei dieser Geste das Zittern ihres Körpers. Ein letztes Mal betrachtete sie ihre Schwester und schenkte ihr eine feste Umarmung. Die beiden verweilten für einen Moment auf dieser Weise, bis sich die Schwarzhaarige gezwungen fühlte, sie loszulassen. ,, Schreib mir", entgegnete sie mit bebenden Lippen ihrer Schwester, die mit weinenden Augen zustimmte. Mit einem gezwungenen Lächeln drehte sie sich wieder um.
      Ayana war nervös - das musste sie sich tatsächlich gestehen und mit jedem Schritt wurde es nur noch schlimmer.
      Bevor sie kurz davor war in die Kutsche zu steigen, wurde ihre Hand unerwartet ergriffen. Verwirrt blickte sie zur Seite und erkannte sofort Ail. Sein Gesicht war ernst - womöglich sogar zu ernst - und anscheinend versuchte er sich selbst mit seinen ganzen Kräften zu beherrschen. Die Schwarzhaarige war wohl zu erstaunt, um irgendeinen Ton von sich zu begeben. Verwundert betrachtete sie seine Hand, die ihre fest umschlossen hielt. Es war eindeutig eine unangebrachte Berührung gewesen - schließlich war sie immer noch die Auraria - doch die ganze Situation an sich war zu chaotisch, um nun darauf Rücksicht zu nehmen. Ail verteilte einen flüchtigen Kuss auf ihrer Hand und in diesem Moment verspürte Ayana wie ihr Herklopfen noch schneller wurde. ,, Pass auf dich auf", brachte er es einigermaßen aus seiner gereizten Stimme heraus. ,, Du musst stark bleiben." Die Schwarzhaarige starrte weiterhin in seine dunkle Augen, bis sie schließlich auf seine Aussage nickte. Sie fühlte sich ein Stückchen, auch wenn es nur ein kleiner Teil war, besser. Indem Ail sie weiterhin an der Hand hielt, verhalf er ihr in die Kutsche. ,, Ich werde dir schreiben", ergänzte er flüchtig, nachdem die Tür geschlossen wurde. Mit einem leichten Ruck setzte sich das Transportmittel in Bewegung und sie beobachtete, wie die bekannten Gestalten immer kleiner wurden, bis ihre Augen diese nicht mehr erblicken konnten.

      Sie musste zugeben. Es war etwas Ungewohntes, sich so weit entfernt vom Palast aufzuhalten.
      Der Hauptmarkt war wahrscheinlich der am weitesten gelegene Ort, den sie besucht hatte. Doch jetzt befand sie sich nicht mehr in der Hauptstadt, sondern weit von deren Toren entfernt. Die Kutsche bewegte sich in einem gleichmäßigen Tempo. Sie bekam nicht viel von den anderen mit, die zu der Truppe des Königs von Adon gehörten. Ihre Schwermut ließ auch nicht zu, dass sie sich danach auskundigte. Vielmehr war die Schwarzhaarige damit beschäftigt, sich zu beruhigen. Sie war verzweifelt; endlos verzweifelt. Müsste sie wirklich seine Gemahlin werden? Seine? Mit einem leichten Seufzer drückte sie ihre Hände aneinander. Hätte ihre jüngere Schwester ihren Platz eingenommen, würde sie es eindeutig nicht verkraften können. Demnach war es wohl besser, dass genau sie hier saß. Bevor sich Ayana aber weiterhin durch diesen Gedanken beruhigen konnte, blieb die Kutsche unerwartet stehen. Nachdem ihr die Tür offen gehalten wurde, stieg sie ahnungslos aus. Nicht weit entfernt, sah sie die eigentliche Truppe vorbeiziehen. Als die Schwarzhaarige nach hinten schaute, erblickte sie den Herrscher und mit einem Schlag wurde ihr noch schlechter. Was hatte das alles zu bedeuten? Sie folgte seinem Blick und blieb auf der Stadt haften - zumindest auf das, was man aus dieser Entfernung davon noch erkennen konnte. Ayana musste sich an dieses Bild gewöhnen, um endgültig zu verstehen, welche Bedeutung diese Versammlung hatte. Ihr Verdacht wurde vom Geruch des Rauchs, welcher ein wenig in der Luft lag, bestätigt. Sede stand in Flammen! Entsetzt breiteten sich ihre Augen aus, wodurch ihre Angst nur noch verstärkt wurde. Sie verharrte in ihrer Position und ließ weiterhin dieses Szenario in ihrem Verstand eingravieren.
      Ayana schaffte es nicht, weder ein Wort noch irgendeine Bewegung von sich zu geben. Eshleen, was würde mit ihr passieren?! Sie wurde aus ihren Betrachtungen gerissen, als sich ein lautes Wiehern in der Umgebung breitmachte. Nachdem sie in diese Richtung starrte, beobachteten ihre Augen den Herrscher, der auf seinem Pferd aus ihrer Sichtweise verschwand. In diesem Chaos konnte Ayana ihre Gedanken kaum ordnen. Eins stand für sie aber eindeutig fest - sie hasste diesen Mann. Sie hätte nicht gedacht, dass es jemanden geben würde, den sie noch mehr hassen könnte als ihren Vater. Doch jetzt wurde sie vom Gegenteil überzeugt - diesen Herrscher verabscheute sie vom ganzen Herzen. Jede Entscheidung zieht Konsequenzen nach sich - immer wieder wiederholte sich seine Aussage in ihrem Kopf. War das etwa erst der Anfang? Sie wollte nicht wissen, was auf sie wartete.
      Allmählich wies man ihr ebenfalls zu, in die Kutsche zu steigen, was Ayana ohne Widerworte befolgte. Erst nachdem sich das Fuhrwerk in Bewegung setzte und sie ihre Ruhe hatte, atmete sie tief ein, um nicht zu aufzuschluchzen. Auf gar keinen Fall würde sie jetzt weinen. Nicht jetzt. Sie wollte es ihm nicht gönnen. Währenddessen hielt die Schwarzhaarige die Opalkette fest umschlossen und es war das erste Mal seit etlichen Jahren, dass sie aufrichtig betete - für die Sicherheit Sedes; vor allem aber für die Sicherheit Eshleens und Ails.

      Die folgenden Tage verflogen im ähnlichen Zustand. Sie verbrachte den Großteil der Zeit in ihrer Kutsche - bei Pausen und beim Rasten erlaubte sie sich frische Luft zu holen und sich außerhalb des Transportmittels auszuruhen. Einige Bedienstete waren besonders damit beschäftigt, für ihr Wohlsein zu sorgen, doch diese ignorierte sie gekonnt. Genauso wie das Essen, welches ihr täglich mehrere Male angeboten wurde. Zwar hatte sie einige Bissen genommen, um nicht endgültig zusammenzusacken, doch eine wirkliche Mahlzeit erlaubte sie sich nicht. Auch schaffte sie es nicht, normal zu essen, da ihr wieder schnell übel wurde. Das einzig Gute an dieser ganzen Situation war, dass sie den Herrscher nicht mehr sehen musste. Sie war von daher größtenteils von irgendwelchen Dienern umgeben.
      Demnach verbrachte Ayana die meiste Zeit damit, zu schlafen oder die Gebirgskette zu betrachten. Und jeden Tag musste sie mitansehen, wie sie sich immer mehr von diesen Bergen ablösten. Sie war ihr ganzes Leben lang gewöhnt gewesen, stets von denen umgeben zu sein. Doch jetzt nahm die Schwarzhaarige wahr, wie sie sich immer mehr von ihnen entfernten.
      Es war eine anstrengende Reise gewesen, was größtenteils daran lag, dass es eine Herausforderung war, dieses Gebirge zu meistern. Besonders in einer Kutsche. Da aber Adon nicht auf diesem Kontinent lag, konnte Ayana erahnen, dass das alles nicht mit diesen Qualen enden würde. Das Schwierigste stand noch bevor - nämlich die wochenlange Schiffsfahrt. Allein der Gedanke löste in ihr noch stärkere Unruhe aus. Und je mehr sie die Berge überwanden, desto schneller näherten sie sich der Küste, sodass schlussendlich die ganze Truppe diesen Ort erreichte.
      Einerseits war die Schwarzhaarige dafür dankbar gewesen, wenn man in ihrer Situation Dankbarkeit überhaupt verspüren konnte.
      Das ewige Herumsitzen auf dem harten Holz hatte ihr starke Rückenschmerzen verliehen. Doch sie war anscheinend zu naiv gewesen, um zu glauben, dass es auf dem Schiff ihr besser ergehen würde. Schon die erste Nacht bestätigte ihr das genaue Gegenteil - sie war seekrank. Und diesmal konnte sie wirklich nichts essen, ob sie es nun wollte oder nicht.
      Die ersten Nächte waren grauenhaft und ihre Situation schien sich nicht zu verbessern. Einige Bediensteten brachten ihr irgendwelche Kräutermischungen, was ihr nicht viel half. Zumindest nicht am Anfang. Doch mit der Zeit schien es ihr ein wenig besser zu ergehen - sie wusste nicht ob es an dem Heilungsmittel lag oder daran, dass sie sich allmählich an diesen Zustand gewöhnte.
      Es war auch nicht besonders wichtig.
      Sie lag in der weiteren Nacht in ihrem Bett und betrachtete die hölzerne Decke, während man die Bewegung des Schiffes über die leichten Wellen spürte. Der ganze Raum stank nach Holz, Schweiß und Algen, sodass sie das Gefühl bekam allmählich an diesem Geruch zu ersticken. Mit vorsichtigen Bewegungen verließ sich das Zimmer und machte sich auf dem Weg zum Deck. Nachdem sie den gewünschten Ort erreichte, flog ihr sofort eine kühle Brise entgegen, welche sie tief einatmete. Da es kühl war, zog sie den Wollumhang über ihrem Nachtkleid enger zu sich und bewegte sich über die Ebene, während sie mit den Augen das Himmelszelt betrachtete. Als sich Ayana endgültig zum Reling stellte, ließ sie den Anblick einsinken. Aufgrund der Dunkelheit konnte man nicht besonders viel erkennen, auch wenn die Sterne ausreichend genug Licht boten, doch es reichte aus, um sie auf andere Gedanken zu bringen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Mäuschen




      Martha brauchte nicht nachzählen, sie wusste so schon dass Einige fehlen würden. Seit drei Wochen verschwanden jeden zweiten Tag Quarktaschen und sonstiges Süßgebäck aus ihrer Küche. Adons Hauptstadt war nicht mit anderen Städten des Kontinents zu vergleichen und nach allem was man hörte gab es auch nichts Vergleichbares in der restlichen bekannten Welt. Hunderte Meilen um die Stadt befand sich nichts anderes als Felder und Farmen, um diesen Koloss einer Stadt zu ernähren. Adons zentralgesteuerte Feldwirtschaft würde es wahrscheinlich ermöglichen alle angrenzenden Länder zu versorgen wenn Theben nicht wäre. So aber floss all das Getreide in Marthas Geburtsstadt und eben auch in ihre Backstube. Es gab hunderte Backstuben in Adon aber nur ihre besaß die Ehre Teil des Palasts zu sein. Hier zauberte sie mit Mädchen und Knaben die unterschiedlichsten Köstlichkeiten wie Torten, Kekse aber auch Brot. Getrennt von der Palastküche war sie deren Küchenchefs nicht untergeordnet sondern begegnete ihnen auf Augenhöhe. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Frau war mit ihren fünfzig Jahren größer als die meisten Männer im Palast und wog dabei leider auch ein gutes Stück mehr. Ihre Hände waren groß und kräftig, gestählt von all den Jahren in denen sie den Teig geknetet hatte bevor man ihr den Palast anvertraut hatte. Doch auch jetzt noch verbrachte sie jeden Tag zwischen Mehl und Zucker, packte an wo es nötig war und lehrte ihre Gesellen die Kunst gemahlenes Korn in Köstlichkeiten zu verwandeln. Und eins konnte sie nach wie vor gar nicht leiden, wenn man sich unerlaubt an ihren Schätzen vergriff! Mit einem Nudelholz bewaffnet, welches in ihren Händen fast schmächtig wirkte, schlich sie durch die dunkle Küche auf den einen Lichtschein zu. Das Licht drang aus der nicht ganz geschlossenen Vorratskammer und je näher sie kam desto deutlicher hörte sie das gedämpfte Gelächter. Als sie die Tür aufstieß erblickte sie zwei junge Menschen die es sich auf den Mehlsäcken bequem gemacht hatten und die Münder voll mit Plunderteig hatten. Martha war ihre Wut sicher anzusehen denn bei dem Mädchen handelte es sich um eine ihrer Gesellinnen und ihr überraschter Blick zeigte deutlich, dass gerade ihr Leben an ihr vorbei zog. Ihr Name war Alyssa und mit einiger Genugtuung stellte Martha fest dass nicht viel gefehlt hätte, dass das hübsche Mädchen an dem vollen Mund erstickt wäre. Der schwarzhaarige Junge an ihrer Seite hatte dagegen die Dreistigkeit noch einen Bissen von dem verzierten Gebäck zu nehmen und Martha war kurz davor ihm tatsächlich eines mit dem Nudelholz überzubraten als er sie dabei noch angrinste. Als sie drohend das Holz hob sprang der Junge auf und griff fast instinktiv nach einem Holzlöffel, bereit sich und seine Komplizin zu verteidigen. Martha konnte nicht anders als zu Lachen während der Knabe sich da todesmutig zwischen die Beiden stellte, den Löffel in der einen Hand, die Plunder in der anderen. Zusammen mit seinem entschlossenen Blick kam ihr natürlich wer da vor ihr stand, das Löwenherz, der neue Vorzeigeminiritter von Adon. Martha ließ langsam das Holz sinken, nicht weil die Chance bestand dass sie gleich mit einem Löffel entwaffnet wurde sondern eher weil der Kleine wohl letztlich doch ein Edelmann war und sie ihm nicht so einfach eine Beule verpassen konnte. Nach einigen leicht verständlichen, sehr lauten, Worten ihrerseits wurde den beiden klar gemacht, dass sie sich die nächsten Tage bei ihr melden durften und ihre Schulden samt Zinsen begleichen würden. Immerhin das Nudelholz wurde in dieser Nacht nicht mehr geschwungen.

      Für die nächsten zwei Wochen fand man Melaar jeden Tag in der Küche wo er fluchend Teig knetete oder versuchte besagten Teig vor dem Verbrennen zu retten was nach einigen Versuchen, motiviert von einem großen Nudelholz dann doch ganz gut funktionierte. Alyssa dagegen, eher in ihrem Element, hatte natürlich die Zeit den Knaben zu piesacken und so sah Melaar am Ende jedes Tages aus wie ein Geist, selbst noch das schwarze Haar gänzlich von Mehl weiß gefärbt. Beide hatten ihre Lektion gelernt und wenn jetzt ab und zu ein Stück verschwand dann fanden sich am Ende zumindest keine Krümel in der Vorratskammer.







      Die Dryade selbst würde ihr Temperament als ruhig bezeichnen. Natürlich hatte die Zeit unter Menschen sie verändert und unter anderen Dryaden würde Kallya wahrscheinlich als ungestüm gelten aber die Prinzessin brachte sie dennoch zur Weißglut. Wie konnte man so stur sein? Die Feldküche der Reisegesellschaft war nicht mit dem zu verwechseln was einfachen Soldaten zur Verfügung stand und kam ziemlich nah an das heran was auch im Thebens Palast serviert wurde. Und nun hattedie zukünftige Königin nichts Besseres zu tun als in einen Hungerstreik zu treten? Kallya hatte so große Stücke auf sie gehalten als die Prinzessin sich vor Melaar keine Blöße gab. Stur schweigend hatte sie auf den brennenden Palast hinunter gesehen und ihre Regungen hinter einer undurchdringlichen Maske versteckt wie Kallya sie selbst gerne gehabt hätte, während ihr selbst die Tränen in den Augen standen. Nun jedoch bestrafte sie sich selbst für was? Dass sie den Platz ihrer kleinen Schwester eingenommen hatte? Wie lange hätte sie wohl überlebt wenn Melaar langweilig geworden wäre? Nein Kallya überschlug die Beine anders, starrte in den klaren Himmel. Melaar hätte das Mädchen nicht mitgenommen und wenn dann nur um die Auraria weiter zu beeinflussen. Melaar mochte opportunistisch wirken aber das war er nicht. Alles entwickelte sich immer so wie er das wollte wenn auch manchmal auf etwas chaotischem Weg. Diese ganze Geste mit der Blume im Garten, die weite Reise überhaupt bis nach Sede. Es war schwer den Sinn in etwas Sinnlosem zu sehen aber genauso schwer war es, etwas Sinn zu zusprechen nachdem man es schon für sinnlos abgestempelt hatte. Das Holz knatschte unter den Wellen und während Kallya da in die Nacht hinaus blickte fuhren ihre Finger über das geölte Holz. Sie hatte sich eigentlich recht schnell daran gewöhnt dass die Menschen lediglich totes Holz für ihre Bauwerke und Schiffe verwendeten aber mit eben diesen Schiffen konnte sie sich einfach nicht anfreunden. Was veranlasste dieses Volk nur dazu den festen Boden unter den Füßen aufzugeben und sich mit diesen wackligen Konstruktionen in die Fluten zu stürzen. Keine Dryade würde je so weit in einen Waldsee steigen dass ihre Füße nicht mehr den weichen Grund berührten. Aber Menschen waren da anders. Solange es etwas gab was sie nicht besaßen unternahmen sie alles um das zu bekommen, mochte das auch noch so Sinnlos sein. Außerdem trachteten sie immer noch mehr danach was andere Menschen schon besaßen, für sie schien das Wegnehmen wichtiger zu sein als das Besitzen selbst. Noch einmal wies sie sich gedanklich zurecht sich zusammen zu reißen. Es war nicht ihr erstes Mal auf einem Schiff und die königliche Galeone von Adon war wohl eher mit einer schwimmenden Festung zu vergleichen. Einige der Matrosen jammerten sogar dass sie darauf nicht schlafen konnten weil sie die See nicht spüren konnten. Schwachsinn, die Dryade konnte jede einzelne Welle bis in ihre Haarspitzen fühlen. Auf ihrem Weg zum Schiff kamen sie mehr als einmal an einem der großen Soldatenlager vorbei und einer der Garde ergriff das Wort als er ihren entsetzten Blick sah. „Wir befinden uns im Krieg, Fräulein Dryade, vergesst das nicht.“ Allein dass sie immer so angesprochen wurde ärgerte sie, Kallya war kein junges Mädchen mehr. Nichtsdestotrotz hatte der Soldat Recht, sie befanden sich im Krieg. Und Kontinente waren groß. Asalith und Walkar waren bereits unterworfen bevor das Angebot von Sede dem König unterbreitet wurde, sicher war die Front schon lange weiter verschoben worden. Seit Sede nicht mehr als Gefahr aus der Flanke zu sehen war ging die Eroberung sicher schneller voran. Soweit sie wusste waren Streitkräfte gleichzeitig bei Ybaron an Land gegangen aber wie es um die Dinge dort stand wusste sie nicht. Anderseits würde es sie überraschen wenn Adons Streitmacht dort auf mehr Widerstand stoßen würde. Zu Beginn hatten die Generäle davon abgeraten sich in einen Mehrfrontenkrieg verwickeln zu lassen aber Melaar schickte Männer um Männer, Schiff um Schiff. Die Soldaten stammten zum Großteil aus den Unterworfenen Staaten und wenn man sich so ansah welche Staaten loyal zu Adon standen war es nicht verwunderlich dass die meisten kleineren Länder buchstäblich überrannt wurden. Kallya schüttelte den Kopf, sie wollte nicht über den Krieg nachdenken. Es waren dunkle Zeiten in denen sie da lebten. Sie hörte die sanften Schritte auf dem Holz und auch ohne dass sie sah zu wem sie gehörten wusste sie zumindest dass sie weder von einem Seemann noch einem Soldaten stammten. Leise Schritte wie die Dryaden, die eher durch den Wald schwebten als richtig aufzutreten und den Boden fest zu stampfen. Sie löste ihren Schneidersitz und rutschte ein Stück nach vorne so dass sie ihre Füße baumeln lassen konnte. Sie beobachtete wie die Prinzessin eine Weile lang in die Dunkelheit hinaus schaute, ähnlich wie Kallya bis vor einem Moment noch. Schließlich beschloss sie doch sie einzumischen und stieß einen leichten Pfiff aus, was aus ihrem Mund klang als würde ein kleiner Vogel zum Gesang anstimmen, nicht als wolle er jemand beeindrucken, eher so als würde er sein Publikum dazu bitten jetzt bitte Ruhe zu geben denn sein Auftritt war gekommen. Nachdem sie sich bemerkbar gemacht hatte Klopfte sie neben sich auf das Holz über dem Deck auf dem die Heilige stand. „Wollt ihr ein wenig zu mir sitzen eure Heiligkeit, so sieht man die Sterne nicht mal auf dem höchsten Berg in Adon.“ Sie würde der Prinzessin keine Schwester sein aber sie würde alles in ihrer Macht tun damit sie ihren Gatten überlebte.
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Zu viele Gedanken quälten ihren Verstand, sodass sie diesen nicht mehr hinterherkam. Sie wunderte sich, was das Schicksal für sie von nun an bereithielt.
      Die Gattin des Herrschers von Adon - wiederholte sie noch einmal fassungslos. Empört legte sie die Hände auf ihr Gesicht und atmete währenddessen tief ein, um durch die kühle Luft wieder bei Sinnen zu sein. Seine Gattin, seine Ehefrau und dann noch die König eines vollkommen fremdem Reiches. Unmöglich. Das konnte nicht wahr sein. Innerlich bezweifelte Ayana, dass sie überhaupt ihre Krönung überleben würde. Es wäre schließlich nichts Überraschendes, falls der Wahnsinniger sich letzten Endes doch entschied, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wer wusste, was für eine Konsequenz noch auf sie wartete. Sie senkte ihre Hände wieder. Was auch immer - alles war ihr jetzt sowieso von keiner Bedeutung. Den einzigen Anker in ihrem Leben, ihre Schwester, hatte die Heilige verloren. War sie überhaupt noch eine Heilige? Schließlich gehörte sie nicht mehr den Sedern. Sie war niemand. Eine Leibeigene, die sich ein Verrückter in sein verdammtes Reich verschleppte. Warum sie? Warum immer sie? Vorwurfsvoll richtete sie ihren Blick zum dunklen Himmelszelt - so als ob sie sich zu den Göttern richten würde. Sie war wütend; enorm wütend und wäre am liebsten in Tränen zusammengebrochen, doch nicht mal dazu besaß sie ausreichend genug Kräfte. Sollte diese ganze Situation eine Strafe der Götter werden? Für ihr Verhalten - für ihre Unehrlichkeit, mit welcher sie jahrelang gelebt hatte? Dafür, dass sie nie den Göttern vertraut, nie an deren Barmherzigkeit geglaubt hatte, sondern im Herzen stets vorwurfsvoll gewesen war? War gut möglich. Auch wenn es so war, veränderte es nichts an ihrer Situation. Sie war immer noch auf einem verfluchten Schiff irgendwo im Nirgendwo. Was würde aus ihrem Leben überhaupt noch werden? Ayana hätte nie gedacht, dass sie jemals so denken würde, doch das Leben im Palast, in Sede, wäre ihr viel lieber gewesen.
      Als sie weiterhin in den Gedanken ihre Lage verfluchte, machte sich wie aus dem Nichts ein melodischer Pfiff auf dem Deck breit. Sofort zuckte die Schwarzhaarige leicht zusammen - aus Angst, während ihres nächtlichen Ausflugs erwischt zu werden. Doch es handelte sich lediglich um eine Frau, weshalb sich eine gewisse Erleichterung auf ihrem Gesicht breitmachte. Sie betrachtete für einen kurzen Moment die unbekannte Gestalt und musste feststellen, dass sie dieses Gesicht schon einige Male in den letzten Tagen gesehen hatte. Es wäre wohl schwer gewesen, eine Frau mit solch einer Ausstrahlung zu vergessen. Sie hatte irgendetwas Eigenes an sich, was sie von den anderen unterschied. Zwar konnte Ayana nicht beurteilen, was es war. Vielleicht war sie eine vornehme Dame?
      Die Heilige folgte schlicht den Anweisungen, sodass sie in wenigen Sekunden neben ihr saß. Und sofort musste sie feststellen, dass die unbekannte Frau recht hatte. Der Anblick der Sterne war mitreißend. Nicht einmal in Sede funkelten sie auf diese Weise klar und gewährten dem Betrachter ihre Schönheit.
      ,, Atemberaubend“, kam es ruhig von ihren Lippen, wobei sie mehr zu sich selbst sprach als zu ihrer neuen Gesprächspartnerin. Damit keine unangenehme Stille entstand, in der niemand wüsste, was zu sagen ist, ergriff Ayana das Wort.
      ,, Und Sie sind?“, fragte sie vorsichtig nach, während ihre Augen auf ihr ruhten.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Bürde


      Jakobs Arbeitstag begann wenn die großen Kirchenglocken Zwölf schlugen. Einmal in der Woche war das sein Zeichen dafür dass er in seine Kutsche stieg und sich auf den Weg zum Palast machte. Theben war riesig und obwohl er in einem der inneren Ringe wohnte dauerte es selbst in den menschenleeren Straßen mehr als zwei volle Stunden bevor der Königspalast in Sicht kam. Eine weitere halbe Stunde benötigte er um die Rückseite des großen Gebäudes zu erreichen wo ihn die schweigsame Palastwache meist schon erwartete. Er half den großen Männern Säcke aus dunklem Stoff auf seine Ladefläche zu hieven, das ganze ging ohne Worte, lediglich ein Gruß mit der Hand tauschten die Männer aus und hin und wieder entfuhr Jakob ein Fluch bei einem besonders schweren Exemplar. Zu beginn hatte er noch versucht den Wachen das ein oder andere Wort zu entlocken, machte Anspielungen über das Wetter oder brachte ein Stück Kuchen mit den seine Frau gebacken hatte. Aber die Männer blieben eisern, lehnten die Geschenke ab und interessierten sich nicht dafür was er zu erzählen hatte. Jakob beschwerte sich nicht, sie bezahlten ihn gut. Die Goldmünzen die er für die nächtlichen Fuhren erhielt waren gut doppelt so ergiebig wie das was sein kleines Speditionsunternehmen den restlichen Monat abwarf. Keiner seiner Arbeiter durfte die Fahrten übernehmen, so hatte es damals der Auftraggeber festgelegt der zu ihm nach Hause kam. Zu beginn dachte Jakob sie würden den Auftrag irgendwann abgeschlossen haben aber als er nach einem Jahr immer noch mit gutem Gold für seine Dienste bezahlt wurde zog er mit seiner Familie in einen der inneren Ringe. Man schätzte ihn für seine Zuverlässigkeit, seine Pünktlichkeit und seine Verschwiegenheit, so hatte man es ihm gesagt. Mit voller Ladefläche begab er sich in den ersten äußeren Ring, eine Bezeichnung die ihm schon lange nicht mehr gerecht wurde, immerhin war die Stadt so weit gewachsen dass es für einen außenstehenden keinen Unterschied machte ob man im ersten äußeren Ring stand oder in einem der prestigeträchtigen inneren Ringe. Die Ringe waren nichts mehr als Bezeichnungen wie weit man vom Palast entfernt war. Der königliche Palast in dem mittlerweile Melaar residierte war das Zentrum der Stadt umgeben von der absoluten Elite Thebens und den Botschaften der verbündeten und unterworfenen Ländern. Darauf folgten die Magister mit ihren Laboren und Universitätsgebäuden. Sie machten möglich was auch immer Melaar in Auftrag gab. Darauf folgten die geistlichen, unter den Stadtbewohnern meist der fromme Ring genannt, vielleicht gerade zum Hohn dessen was dort vor sich ging. Hier fanden sich die einflussreicheren Kirchen und Glaubensgemeinschaften ihren Sitz, viele Herrscher Thebens waren in der langen Geschichte der Stadt untergegangen nachdem sie sich gegen die Kirchen gestellt hatten. Danach begannen die inneren Ringe und auf diese folgten die äußeren Ringe. Und seit ein paar Jahrzehnten folgten darauf der großen Ring wie man den Rand der Stadt nun nannte. Jakob kümmerte sich nicht darum, ihm war wichtig dass es seiner Familie gut ging und alles andere war nebensächlich.
      Sein Leben wäre um einiges leichter gewesen wenn seine Neugier nicht doch irgendwann ihren Tribut gefordert hätte. Eines Nachts wollte er doch wissen was er da eigentlich transportierte und mit einem stumpfen Messer öffnete er einen der Säcke. Manche Säcke sind schwerer wenn man deren Inhalt kennt. Jakob nimmt immer noch das Gold und fährt ab und zu Nachts vom Palast zum äußeren Ring. Sein Messer lässt er zuhause, er kommt nicht nochmal in Versuchung nachzusehen was er da transportiert. Mittlerweile geht er gebückt, all die Nächte in denen er die Säcke gestemmt hatte lasten schwer auf ihm.



      Die Augen der Dryade folgten den fließenden Bewegungen der zukünftigen Königin. Obwohl sie wohl von klein auf gelernt hatte sich am Hof zu bewegen bemerkte Kallya die schlecht unterdrückten Gefühle die ihr Körper ausstrahlte. Ob sie nun davon stammten dass sie selbst in der Nacht, in einem der seltenen Momente der Ruhe gestört wurde, oder aber davon dass sie gerade aus ihrer Heimat verschleppt wurde war mehr als man mit dem bloßen Auge sehen konnte und Kallya war nicht sonderlich gut darin solche Regungen bei Menschen einzuordnen. Stattdessen bewunderte sie die Schicksalsergebenheit mit der die Heilige neben ihr Platz nahm. Die zukünftigte Königin folgte ihrem Blick und sah mit ihr zusammen in den endlosen Nachthimmel hinauf. Unbekümmert vom Schicksal Heiligen leuchteten die Sterne und natürlich würden sie auch weiter leuchten wenn sie beide nicht mehr hier waren und das Meer unter Melaar ausgetrocknet wäre. Anders als Ayana empfand Kallya die Stille nicht als unangenehm, war sie es doch gewohnt lediglich von der Geräuschen des Waldes umgeben zu sein, im Vergleich dazu war das Meer doch gerade zu obszön laut. „Verzeiht, mir war fast als müsste ich mich bereits vorgestellt haben. Mein Name ist Kallya, ich bin die Zeremonienmeisternin von Adon.“ Sie ließ ein leichtes Lachen ertönen, das klare Lachen wie es in den Geschichten über die Dryaden stand wenn Männer alles stehen und liegen ließen um den Wesen in die Wälder zu folgen. „Ich weiß beim besten willen nicht was das eigentlich sein soll.Ich habe die Blumensträuße gebunden und die Gastgeschenke ausgesucht.“ Sie legte den Kopf wieder in den Nacken und schaute einen Moment lang in den Himmel bevor sie sich wieder der Heiligen zu wand. „Bis vor ein paar Monaten war ich also noch ähnlich ahnungslos was da auf mich zukommt.“ Sie setzte ab, ihr fiel wohl selbst auf dass ihre Beförderung, wenn man es denn so nennen mochte nicht ganz dem gleich kam neben Melaar Herrscherin über Adon zu werden. Mit einem Mal schien sie nachdenklich, fast so als wäre ihr gerade eine Erkenntnis gekommen die ihr vorher verborgen war. Was immer ihr durch den Kopf ging, sie entschied sich dafür es nicht auszusprechen. Für einen kurzen Moment kam ihr die Stille doch etwas unangenehm vor aber die Natur kam ihr zur Hilfe. Blauer Lichtschein strahlte von unten her an das Boot aber auch weiter sonst wo auf der Wasseroberfläche begannen kreisrunde Lichtlein aufzuleuchten. „Oh sie sind wieder da!“ Die Dryade schien vergessen zu haben dass sie sich gerade noch mit ihrer Königin unterhalten hatte als sie gebannt über die Reling starrte, die Freude über die Schönheit der Natur konnte sie sich letztlich doch nicht ganz weg erziehen. Erst nach einem Moment wurde ihr klar dass sie nicht allein war und auch wenn in ihrem Blick etwas entschuldigendes lag konnte es nicht die Begeisterung dahinter verbergen. Das blaue Licht stammte von kleinen Segelquallen, unter den Seefahren auch Seesaphiere genannt. Wenn ein Sturm aufzog sammelten sie sich an der Wasseroberfläche um möglichst große Strecken auf dem Wellen zurück zu legen. Ihr unmittelbares auftreten war etwas widersprüchlich wenn man sich den klaren Sternenhimmel ansah aber die kleinen Quallen wussten es am besten. So ähnlich jedenfalls hatte es ihr ein Matrose erklärt und mit einfachen Worten gab sie jetzt ihr Wissen an die Heilige weiter. Und auch die anderen Seefahrer folgten dem Zeichen der Quallen und holten sie Segel ein. In der Dunkelheit war es fast als würde das Schiff ganz von allein steuern aber auch da im Dunkeln kümmerte man sich natürlich darum dass sie ihr Ziel heil erreichen würden. Die Dryade seufzte schwer, bevor sie den Blick von den Lichtern nahm. „Wisst ihr wie groß Adons Hauptstadt ist? Theben scheint beinahe so groß wie ein Land zu sein. Das Meer macht mir Angst aber es ist nicht im Vergleich zu diesem Meer aus Stein und totem Holz.“ Die Zeremonienmeisterin blickte ein wenig wehleidig in die Ferne. „Die Parks sind wunderschön aber sie sind wie alles in Theben, naja künstlich. Da ist nichts von ungezähmter Wildheit in ihnen, nichts was... sich richtig anfühlt.“ Es begann leicht zu nieseln und die Dryade streckte den Rücken durch als hätte man sie daran erinnert dass sie ihren kleinen Ausfall in der Anwesenheit der zukünftigen Königin besser unterließ. „Wir sollten unter Deck gehen bevor wir ganz durchnässt sind.“ Elegant erhob sie die Dryade und reichte der Frau ihre zierliche Hand um sie nach oben zu ziehen.

      Die Heilige kam nicht dazu ihre Kajüte zu beziehen, ein schlanker Mann wartete scheinbar mit einer Engelsgeduld vor ihrer Tür. Als Wartscha sie nicht angetroffen hatte, war er in eine Art Schockstarre verfallen die vielleicht etwas damit zu tun hatte dass er sich seit der Brautschau in Sede sehr bildlich vorstellen konnte was passierte wenn man ihn zu lange warten ließ. Als Ayana dann doch vor ihm auftauchte deutete er eine Verbeugung an und kam ohne Umschweife zum Punkt. „Melaar schickt nach euch, eure Hoheit.“ Mit etwas das wohl wie Autorität aussehen sollte drückte er die Brust ein wenig heraus. „Wir sollten dem unverzüglich nachkommen.“ Der junge Mann führte sie durch die Gänge des Schiffs bevor sie vor der königlichen Kajüte zum stehen kamen und in Wartschas Fall bedeutete das ein gutes Stück vor der Kabine. Es gab keinen andere Tür mehr und näher wollte er beim besten willen nicht heran gehen, jetzt wo er Melaar hatte warten lassen.
      Melaar stand im Schein von dutzenden Kerzen und kleinen Öllampen, fast so als wollte er noch den letzten Schatten aus der großen Kabine vertreiben. Jeder verfügbare Fleck, selbst die Wände, waren mit Karten versehen, da waren Strömungen eingezeichnet, alte Landesgrenzen, vergessene Befestigungsanlagen, strategische Knotenpunkte und das nicht nur von einem Kontinent. Sein Bett war nicht angerührt und wenn man von den Karten einmal absah schien das Zimmer unbewohnt, keine persönlichen Gegenstände waren zu sehen. Der verrückte König schob kleine Steinchen an einem großen Tisch hin und her die wohl Truppenverbände symbolisierten und dabei bewegten sich stumm seine Lippen. Auf Sede lag nun ein gelber Stein der wohl eine andere Bedeutung zu haben schien. Überhaupt lagen auf dem Tisch recht viele Steine und Markierungen. Als sie eintrat blickte der König nach oben und es schien einen Moment zu dauern bevor er sie erkannte. „Blickt nicht so als wäre es beunruhigend wenn ich Nachts nach meiner Königin schicken lasse.“ Sein Gesicht wurde, wie der restliche Raum, vom warmen Licht der kleinen Kerzen erhellt und trotzdem schien eine Kälte von ihm auszugehen die sich an den großen Fenstern der Kabine als Frost absetzte. Seine Lippen wurden von einem charmanten Lächeln geziert, ganz so wie es in der Nähe ihrer kleinsten Schwester der Fall gewesen war.
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right
    • Kallya - wiederholte die Heilige ruhig in den Gedanken. Es war ein schöner Name, genauso wie ihre Trägerin.
      Sie beobachtete weiterhin das Himmelszelt und versuchte, die Ruhe dieser stillen Nacht zu genießen - wenn es in ihrer Situation überhaupt möglich war. Schlussendlich brauchte sie eine Ablenkung, denn sonst machte ihr Verstand sie verrückt. Und nicht nur der, sondern einfach alles. Dieser Schiff, dieses Meer, die Tatsache, dass sie seekrank war. Und noch viel schrecklicher war jedoch zu verstehen, dass ihre jetzige Lage sich tatsächlich in der Realität abspielte. Sie war hier. Auf dem Weg in ein fremdes Reich, an der Seite mit fremden Menschen, um die Gattin eines Wahnsinnigen zu werden. Was würde aus ihr werden? Schließlich stand es noch offen, ob sie ihre Krönung noch überlebte. Wer wusste, was der König von Adon noch vorhatte. Eben. Niemand. Erst als der euphorische Ausruf ihrer Gesprächspartnerin sich breitmachte, wurde sie aus den Gedanken gerissen. Sie folgte ihren Bewegungen und erblickte ebenfalls leuchtende Quallen. Ein Bild, welches durchaus ungewöhnlich für sie war. Sie kannte diese Tiere höchstens aus den Büchern. Nun, das Einzige, was sie kannte, waren bis jetzt das Leben im Palast und ihre Rolle als Auraria gegenüber dem Volk gewesen.
      Da endeten auch ihre Lebenserfahrungen, doch jetzt wurde sie mit einer erheblichen Wucht in die eigentliche Welt gestoßen. Definitiv hatte sich die Schwarzhaarige ihre Zukunft nicht so vorgestellt gehabt. Das Schicksal hatte sie ohne jegliche Rücksicht in einen mit Flammen gefüllten Kessel geschmissen. Und jetzt, jetzt musste sie versuchen, irgendwie zu überleben. Wozu eigentlich?
      Ayana ließ sich von den Gesprächen der neuen Bekanntschaft ablenken. Diese Frau, Kallya, passte nicht in diese ganze Situation hinein. Sie war viel zu ehrlich, viel zu offen. Doch gleichzeitig beruhigten sie diese Charakterzüge. Sie war nicht besonders angespannt in ihrer Nähe und für einen kurzen Moment hatte sie sogar ihre ganzen Schmerzen vergessen. Diese Frau schien kein Mensch zu sein. Die Heilige kannte sich nicht besonders mit anderen Wesen aus und konnte sie demnach nicht einordnen. Wahrscheinlich genau deswegen war sie anders gewesen. Doch ihre innere Stimme warnte die Schwarzhaarige gleichzeitig davor, vorsichtig in ihrer Nähe zu sein. Schließlich hatte sie diese Frau in Sede öfters in der Nähe des Königs gesehen. Es spielte keine Rolle, was Kallya selbst zu diesem Herrscher empfand. Es reichte aus, dass sie seine Untergebene war. Ayana müsste sie ebenfalls auf Distanz halten, genauso wie jeden anderen Menschen, beziehungsweise Wesen.
      Erst als die ersten Regentropfen fielen, machten sich die beiden Frauen auf dem Weg in ihre Gemächer. Falls sie sich zu lange auf dem Deck aufhielten, wäre unerwünschte Aufmerksamkeit ebenfalls die Folge. Und das war das Letzte, was die Heilige brauchte. Vielleicht würde sie zumindest diesmal einschlafen können.
      Dieser Wunsch von ihr sollte jedoch nicht erfüllt werden, da vor ihrer Kajüte eine unerwartete Überraschung wartete.
      Melaar schickt nach mir? - wiederholte sie verwirrt. Sie konnte nichts erwidern, da der Bedienstete, den sie ebenfalls einige Male gesehen hatte, sich sofort in Bewegung setzte. Sie folgte ihm ausweglos und erst als er vor der königlichen Kajüte stehen blieb, realisierte ihr chaotischer Verstand, in was für eine Lage sie sich gerade begab. Der Bedienstete wollte, warum auch immer, keinen weiteren Schritt in die Richtung des Zimmers machen. Von daher setzte Ayana alleine den Weg fort.
      Unsicherheit machte sich in ihr im gleichen Moment breit, als sie die Kajüte betrat. Es war unschwer gewesen, die besagte Gestalt im Licht der unzähligen Kerzen zu erblicken. Sie musste einige Male blinzeln, um sich an diese Helligkeit zu gewöhnen, die deutlich ungewöhnlich für eine angebrochene Nacht war. Die Schwarzhaarige konnte nicht anders als Angst zu verspüren. Was hatte das alles zu bedeuten? Anscheinend nichts Gutes. Sie beobachtete, wie er damit beschäftigt war, irgendwelche Steine auf der Karte zu verteilen. Ayana musste für einen Moment diese Abbildung anstarren, bis sie Sede erblickte und einen gelben Stein, der darauf lag. Er trug eine Farbe, die sich deutlich von den anderen unterschied. Und genau in diesem Moment spürte sie förmlich, wie die Angst, die sie vor kurzem noch beim Betreten des Zimmers empfunden hatte, sich in Hass umwandelte. Die ganzen Gefühle und Vorfälle kamen in einem Zug wieder hoch, sodass ihr Verstand nicht mehr die Macht besaß, sie zu kontrollieren. Vor ihren Augen sah sie immer noch, wie der Palast in Flammen stand. Sie erinnerte sich an den Vorfall mit ihrer Schwester - wie er gedroht hatte, sie in Stücke zu reißen. Eshleen, ihre Schwester, war sie immer noch am Leben? Sie fixierte den Mann, der mit einem Lächeln nicht weit entfernt vor ihr stand. Diese Grimasse, die sie schon bei der ersten Begegnung gesehen hatte und nicht leiden konnte. Sie hasste diesen Mann. Er war ein kranker Heuchler und hatte sie all dem entbunden, was ihr wichtig in diesem Leben gewesen war. Ihre Schwester könnte tot sein. Das war sie sogar wahrscheinlich. Bestimmt hatte er dafür gesorgt gehabt, dass sie umgebracht wurde. Vielleicht wurde sie irgendwo eingesperrt und musste verbrennen? Ayana wurde schlecht. Am liebsten hätte sie sich gleich auf dieser Stelle übergeben, doch sie schaffte es, sich rechtzeitig einzukriegen. ,, Es ist durchaus beunruhigend, wenn jemand wie Sie nach irgendjemanden schicken lässt", antwortete sie in einem freundlichen Ton, während sie ihre Mundwinkel zum gleichen Lächeln zusammenzogen wie bei ihm. ,, Außerdem bin ich keine Königin, und erst recht nicht ihre, Eure Hoheit", ergänzte sie daraufhin, diesmal jedoch in einem viel kühleren Unterton. Was hatte sie noch zu verlieren? Nichts.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von medusa ()

    • Alltag



      „Jede Kultur hat ihre eigenen Unglückszahlen. In den Außenbezirken von Theben ist man entweder allein, in einer Gruppe oder man bekommt einen Dolch in den Rücken. Entsprechend ist Zwei hier die schlimmste aller Zahlen.“ - Bauernweisheit


      Falls ihre Worte den Monarchen überraschten zeigte er es nicht, als ob sein Lächeln in sein Gesicht geschnitzt worden wäre. Eine der Lampen flackerte und obwohl der Raum eigentlich doch hell beleuchtetet war reichte es aus, dass Schatten über sein Gesicht tanzten und nur für einen Moment schien statt des Gesichtes des Herrschers die groteske Fratze von dem da zu sein was so viele Menschen in ihm sahen. Er kam einen Schritt näher auf sie zu, aber das Schattenspiel war verschwunden und der wahnsinnige Monarch sah zutiefst menschlich aus. „Eure Worte kränken mich zutiefst, habe ich doch den ganzen Weg auf mich genommen um der Einladung eures Vaters zu folgen.“ Er versuchte ein trauriges Gesicht aufsetzen zu wollen was ihm auf der einen Seite nicht ganz gelang und auf der anderen den unnatürlichen Ausdruck nur weiter verstärkte. Mittlerweile war er ihr so nahegekommen, dass sie ihn berühren könnte, wenn sie die Hand nach ihm ausgetreckt hätte. Ohne Vorwarnung begann er zu Lachen und trat einen Schritt von ihr zurück. Das klare Geräusch schien selbst von ihren eigenen Stimmbändern widerzuhallen und wurde in dem Raum einige male hin und her geworfen bis es ganz verflogen war. Melaar legte den Kopf ein wenig schief und betrachtete sie als würde er sie zum ersten Mal sehen. „Ihr habt ja doch einen eigenen Charakter. Etwas spät um plötzlich Rückgrat zu beweisen, ungünstig obendrein. Es würde mir schwer missfallen, wenn wir unseren Kurs ändern müssten und ich mich doch mit einer eurer Schwestern zufriedengeben müsste.“ Er ließ offen ob es trotz seiner anscheinend guten Laune eine echte Drohung war. Sie würden Bald das Festland erreichen und die strapazierende Reise direkt ein weiteres Mal anzutreten war weder für den Körper noch die Moral gut. Letztlich waren diese Gründe nebensächlich, die meisten Matrosen würden aus Angst vor Melaar auch zurückschwimmen, wenn er es denn Befehlen würde. „Anderseits ist es angenehm auf etwaige Floskeln verzichten zu können.“ Melaar schien nachdenklich als hätte er dem noch etwas hinzuzufügen, entschied sich dann aber dagegen.
      When there's nothing quite wrong but it don't feel right