All I Know Is Fighting [Eari feat. Pumi]

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    • All I Know Is Fighting [Eari feat. Pumi]

      Vorstellung --> All I Know Is Fighting











      Er hatte keine Ahnung, was ihn zu dem machte, was er war. Er wusste, dass es da chemische Abläufe in seinem Körper gab, aber das war auch schon alles, was er sich hatte merken können. Was genau passierte, wenn er das Oktagon betrat, war sowie so egal. Was nützte einem das Wissen um Moleküle und Hormone, wenn man gleich eine Faust ins Gesicht bekam? Man sollte sich lieber daran erinnern, sich nach rechts wegzuducken und dann selbst draufzuhauen.
      Er sah den Schlag wie in Zeitlupe kommen. Er zog den Kopf ein, dann ging er in die Knie und drehte den Oberkörper nach rechts weg. Zeitgleich winkelte er die Arme weiter an. Als der Schlag seines Gegners nichts weiter traf als bloße, aufgeheizte Luft, setzte er zum Schlag an. Er hätte gegen den Kopf zielen können, seinen Gegner mit Schwindel aus dem Konzept bringen können. Aber er war niemand, der auf taktisches K.O. spielte. Joey Kavanagh war der König des K.O.s. Er würde auch heute wieder als einziger stehend aus dem Käfig kommen. Also kam sein Schlag von unten gegen das Schultergelenk seines Gegners. Der Schlag katapultierte den anderen Mann gegen das Gitter. Joey sah seine Chance und setzte gleich nach. Ein paar Körpertreffer später sackte der andere zu Boden und Joey warf sich hinterher, um den finalen Griff anzusetzen. In weniger als vier Sekunden beendete der Kampfrichter die Szene und Joey ließ los. Er kam auf die Füße, der Kampfrichter riss seine Faust in die Höhe, die Ringärzte stellten sicher, dass sein Gegner noch lebte. Die Menge jubelte.
      Joey stolperte mehr aus dem Oktagon, als dass er die Treppenstufen hinunterging. Sein Gegner hatte zwei gute Kopftreffer gelandet, seine Welt drehte sich immer noch und auf dem rechten Auge konnte er kaum etwas sehen, weil ihm sein eigenes Blut im Weg war. Die Platzwunde an der Augenbraue sah übel aus. Morgen würde das Auge sicher zugeschwollen sein.
      Hinten, in den Umkleideräumen, ließ er sich wie ein nasser Sack auf eine der Sitzbänke sinken. Direkt nach einem Kampf, wenn der ganze Körper im Takt des eigenen Herzschlages pulsierte, spürte man erst, wo man überall getroffen worden war. Interessanterweise nahm Joey es nicht als Schmerz war. Nicht direkt. Das Pulsieren hatte sogar etwas tröstliches. Sie hatten ungefähr eine Stunde, bevor das Adrenalin in seinem Kreislauf verschwunden war und er in ein wohlverdientes Koma fiel. Ob er es vorher noch unter die Dusche schaffte?
      "Das mit der Schulter war gut", lobte er seinen Manager Noah, "Der hat schon wieder auf den Kopf gezielt, als ich ausgewichen bin."
      Seine Nase tat weh, aber aus Erfahrung wusste er, dass sie nicht gebrochen war. Sie blutete ja nicht einmal. Atmen tat mehr auf Brusthöhe weh, wo er in der zweiten Runde einen üblen Tritt abbekommen hatte. Es fühlte sich auch hier nicht gebrochen an, zum Glück.
      Ein Ringarzt kam in den Raum und führte seine üblichen Checks durch, um sicherzugehen, dass Joey nicht innerhalb der Räumlichkeiten den Löffel abgab, dann wurde er mit dem Rat, sich mit viel Eis auf den Gelenken auszuruhen, nach Hause geschickt. Die Augenbraue musste also nicht genäht werden. Jeder Kampf, der Joey nicht ins Krankenhaus beförderte, war ein guter Kampf in den Augen des Mannes. Denn das hieß, dass man ihn in Ruhe ausschlafen ließ und nicht alle vier Stunden weckte oder gar die ganze Nacht wachhielt. Gehirnerschütterungen waren eine Standardverletzung in diesem Beruf, aber sie waren auch furchtbar. Jede einzelne von ihnen. Nach einem Adrenalinrausch wachzubleiben kam Folter gleich.
    • Noah kaute an seiner Unterlippe herum und hielt sich davon ab nervös vor dem Ring hin und her zu wandern. Stattdessen stand er ruhig da, beobachtete jede noch so kleine Bewegung seines Klienten und Freundes und auch die seines Gegners. Er rückte seine Brille zurecht, mehr eine Angewohnheit wenn er nervös war, als wirklich nötig. Dann verschränkte er die Arme wieder vor der Brust.
      Joey steckte einen Schlag ein und wie jedes Mal fühlte es sich für Noah an als hätte er selbst gerade einen Schlag in die Magengrube bekommen. Aber Joey hatte diesen Kampf im Griff, sie waren auf diesen Gegner vorbereitet und kannten seine Techniken. Und die Schulter die ihm beim letzen Kampf ausgekugelt wurde schmerzte immer noch, da konnte Joey ansetzen. Das Blut das von der Stirn des Kämpfers tropfte, machte Noah allerdings nervös.

      Der Kampf war wenige Minuten später vorbei und Joey torkelte aus dem Ring. Noah machte sich nicht die Mühe jetzt etwas zu sagen, Joey war nicht in der Lage jetzt viel aufzunehmen. Er begleitete ihn zu den Kabinen, Noah war immer nervös solange Joey noch nicht durchgecheckt wurde, für ihn war der Kampf erst vorbei, wenn sie das offizielle Okay bekamen nach Hause zu gehen.
      "Der erste Schlag hätte vermieden werden können, wir müssen an deiner Verteidigung arbeiten.", murmelte Noah mehr zu sich selbst und machte einen Schritt zur Seite um dem Arzt Platz zu machen, der Joey erst einmal durchcheckte. Noah überlegte sich inzwischen wie sie den Trainingsplan optimieren konnten. Joey war ein Kämpfer mit großer Ausdauer und er konnte viel einstecken und auch gut austeilen. Vielleicht war es aber an der Zeit ein paar neue Techniken auszuprobieren.
      Der Arzt riss Noah aus seinen Gedanken als er verkündete das alles in Ordnung war und ließ Noah etwas aufatmen. Als wäre sein Arbeitstag damit beendet, vergaß er die Trainingspläne und die Gegner die als nächstes anstanden und lächelte Joey an. Er griff nach der Hand seines Freundes und half ihm aus den Bandagen.
      "Beeilen wir uns damit du noch duschen kannst. Du müffelst. Danach hast du dir eine Pause verdient. Die Saison ist bald vorbei, vielleicht gönnen wir uns dann mal einen Spa Tag."
    • Joey ließ sich aus seiner Ausrüstung helfen, dann sprang er gleich hier in den Kabinen unter die Dusche. Wenn man von seiner Statur war - und regelmäßig völlig erledigt den Raum betrat - dann machte einem eine Gemeinschaftsdusche nichts mehr aus. Vor allem, wenn man sie für sich allein hatte.
      Mit noch tropfenden Haaren zwang er sich in Jogginghosen und zog sich eine Sweatshirtjacke über. Noah hatte in der Zwischenzeit seine Sachen zusammengepackt. Wie immer nahm er ihm die große Sporttasche ab. Reine Gewohnheit. Noah war durchaus in der Lage, eine Sporttasche zu tragen und wahrscheinlich hätte Joey das ein oder andere Mal dieses stumme Angebot annehmen sollen, wenn er selbst was auf die Schulter bekommen hatte, aber nie tat er es. Dafür durfte Noah immer fahren. Musste er, wenn ihm sein eigenes Leben lieb war.
      "Spa-Tag", murmelte Joey, "Das mal aus deinem Mund."
      Mit einem müden Lächeln im Gesicht warf er die Sporttasche auf den Rücksitz und ließ sich dann auf den Beifahrersitz sinken.
      Man sollte meinen, das Ende eines Kampfes würde mehr gefeiert werden. Aber in dieser Hinsicht logen die Filme auch. Die Kämpfer waren froh, wenn sie auf eigenen Beinen nach Hause konnten, die Veranstalter wollten die Putzcrew so schnell wie möglich reinlassen und die Fans warne zu betrunken, um ihren Idolen hinterher zu rennen, die sowie so schon auf dem Heimweg waren. Gefeiert wurde klein, mit einem Essen mit den Sponsoren, wenn überhaupt. Aber meistens ging es gleich in die Videoanalyse für die Coaches und ins Training für die Kämpfer, als sei nichts gewesen. Es konnte nicht jeder einen Pressevertrag wie die ganz großen haben. Gerade in den MMAs war es schwer, wirklich was zu finden. Es war eben immer noch ein Szene-Sport.
    • Während Joey ohne große Worte unter die Dusche verschwand, machte Noah sich daran ihr Zeug zusammen zu packen. Je schneller sie zu Hause waren, desto besser. Joey brauchte Ruhe und Schlaf und Noah konnte sich anschließend gleich an seinen Laptop setzen und ihre weiteren Schritte planen. Morgen gab es dann erst Mal einen Tag Verschnaufpause, dann ging es auch schon wieder ans Arbeiten, je nachdem wie es Joey körperlich ging würden sie es womöglich auch langsam angehen.
      Als Joey wieder kam und sich anzog, schulterte Noah die Sporttasche und wartete, während er auf seinem Smartphone nach las was auf den Social Media Plattformen so los war. Joey war - noch - keine große Berühmtheit, aber er hatte eine solide Fanbasis, die ihm zum gelungenen Kampf gratulierten.
      Noah sah auf als ihm die Sporttasche abgenommen wurde, lächelte kopfschüttelnd und folgte Joey dann auf den Parkplatz. Es hatte keinen Sinn erneut darum zu streiten, wer die Tasche tragen durfte, das hatte Noah schon vor Monaten aufgegeben.
      Joey war nicht sehr gesprächig, er war es nie gewesen und vor Allem nach einem Kampf dröhnte sein Kopf genug, weswegen sie den Weg zum Wagen auch still zurück legten. Bis auf den kurzen Kommentar von Seiten Joeys.
      Beide nahmen im Wagen Platz und Noah schmunzelte während er den Motor an machte.
      "Ich bin durchaus in der Lage mal einen Tag Pause einzulegen.", gab er zurück, auch wenn diese Tage sehr selten waren, vor Allem während der Hochsaison.
      "Schlaf mir nicht wieder während der Fahrt ein. Ich kann dich nicht zum Bett schleppen, selbst wenn ich es versuchen würde.", grinste Noah und fuhr los. Wenn Joey nach einem Kampf einschlief, dann war er wie tot. Nicht einmal der Weltuntergang würde ihn aufwecken, da würde Noah die ganze Nacht damit verbringen ihn wach zu rütteln.
      Noah drückte also auf die Tube und ließ die Fenster herunter damit etwas frische Luft herein kam. Es war surreal wie still einem die Nacht nach einem Kampf vorkam. Beim Ring war es laut, stickig und heiß, dann verließ man das Gebäude und es war als tauchte man in eine ganz andere Welt. Es war leicht der Versuchung zu erlegen gleich abzuschalten, aber Noah brauchte Joey wirklich wach bis er im Bett lag. Ansonsten kam zu seinen Verletzungen noch ein steifer Nacken hinzu.
    • "Wenn du dich hin und wieder selbst mal auf die Bank legen würdest, wäre das kein Problem", gab Joey nur zurück und lehnte den Kopf in den Fahrtwind.
      Der Kommentar war ein bisschen bissiger als er es noch letzte Woche gewesen wäre. Eine dumme Wette im Studio hatte dazu geführt, dass Joey anstatt einer Stange mit Gewichten daran, schlicht seinen Freund zum Bankdrücken genutzt hatte. Es war etwas unelegant gewesen, aber Joey hatte ein paar Runden geschafft, ehe er Noah wieder abgestellt hatte.
      Der Fahrwind hielt den Kämpfer lange genug wach, um sein Apartment zu erreichen. Als sie dort ankamen hatte er auch eine wundervolle Frisur, sehr punky, aber nicht sehr stylisch. Musste ja aber auch niemand mehr sehen. Die Aussicht darauf, gleich noch ein paar Treppen zu steigen, war beflügelnd. Trotzdem würde er nicht den Aufzug nehmen, der war ihm nicht unbedingt geheuer. Sowas hatte man eben davon, wenn man in einem alten Lagerhaus wohnte, das zu billigen Lofts umfunktioniert worden war.
      Oben angekommen warf Joey die Sporttasche irgendwo auf den Boden, wo sie nicht im Weg war. Kaum war sie mit einem dumpfen Geräusch gelandet, ergriff er Noahs Hand und zog ihn hinter sich her ins Schlafzimmer. Aus den Diskussionen darüber, dass der Brillenträger ruhig nach Hause gehen könne waren welche darüber geworden, dass er die Couch auch ausziehen und ein richtiges Bett daraus machen konnte, bevor es schließlich eine Diskussion darüber geworden war, ob Noah jetzt auf der Couch oder im Bett schlief. Mittlerweile war es eher auf dem Level, dass Joey seinen Freund davon überzeugen musste, ruhig die Augen zuzumachen, anstatt sich die Nacht um die Ohren zu schlagen.
      Joey ließ sich auf dem Bettrand nieder und hielt Noahs Hände. Sie waren so... weich. Da waren keine Narben, keine Schwielen. Ein weiterer Beweis dafür, dass Noah früh aus dem Sport ausgestiegen war. Seine hingegen... große, grobe Klötze, die eine Kokosnuss zerquetschen konnten, wenn er es darauf anlegte.
      "Hab die Deckung fallen lassen", murmelte er, "War nicht dein Training. War gierig und wollte noch einen landen, hab dafür kassiert. Mein Fehler."
      Er hob müde den Blick und lächelte sanft. Noah machte sich immer so einen Kopf darum, wenn Joey einen Fehler machte. Er vergaß, dass das Training noch so gut sein konnte, wenn der Kämpfer Mist baute, war es vorbei.
      Mit trägen Bewegungen schälte sich Joey aus der Jacke, dann ließ er sich in sein Kopfkissen sinken. Für einen Augenblick drehte sich die Welt wieder, als sich seine Position änderte, dann war aber wieder alles in Ordnung. Er wusste, sobald er die Augen schloss, wäre er weg vom Fenster. Daher wartete er, bis Noah neben ihm lag, bis er ihn an seiner Seite spürte. Dann erst erlaubte er sich, einzuschlafen.
    • Joeys Kommentar versetzte Noah einen minimalen Stich und er senkte den Blick ein wenig, ohne das Gesagte weiter zu kommentieren. Es war spät, Joey war müde und sein Körper war dabei für heute aufzugeben. Es kostete ihn genug Mühe wach zu bleiben, da musste er nicht unbedingt freundlich sein. Noah sah einfach darüber hinweg und konzentrierte sich auf die Straße. Er verzichtete darauf zu erklären, dass gerade Bankdrücken etwas war, das er nicht mehr tun konnte, nicht schmerzfrei jedenfalls und ohne die Gefahr die Sehne in seiner Schulter noch ein wenig weiter reißen zu lassen. Joey wusste das ohnehin.
      Als Noah den Wagen anhielt und ausstieg, hatte Joey die Sporttasche schon wieder geschultert. Noah lief an seinem Freund vorbei die Stufen hinauf, nachdem er sich selbst nach einem Kampf weigerte den Aufzug zu nehmen. Er kam leichtfüßig als erster oben an und öffnete die Tür, sodass Joey nicht einmal einen Moment warten musste und schloss sie auch hinter ihnen beiden wieder.
      Joey ließ die Tasche fallen und zerrte Noah ins Schlafzimmer. Noah wehrte sich nicht, auch wenn er darauf brannte den Kampf noch einmal durchzugehen. Je früher er das machte, desto früher konnten sie Joeys Training anpassen und desto besser würde er sich im Ring schlagen.
      Sein Freund setzte sich auf die Bettkante und Noah blieb vor ihm stehen und sah ihn an. Noah war selbst nicht klein, aber Joey war ein Riese und sie waren selbst wenn er saß fast auf Augenhöhe. Seine Finger strichen kurz über Noahs Hände, sie waren rau, aber das störte ihn nicht. In solchen Momenten konnte er aber nie sagen was Joey gerade dachte oder gleich sagen würde, manchmal war er ein Rätsel für ihn, er mochte das an ihm.
      Aber er hätte sich denken können, dass Joey den Schlag auf seine Kappe nahm um Noahs Gewissen zu beruhigen, oder... warum auch immer. Selbst wenn es Joeys Fehler war, Noahs Job war es ihn so weit vorzubereiten, dass er solche Fehler nicht machte. Aber auch das behielt er heute für sich.
      Noah lächelte dankbar für die Worte zurück und nickte leicht um zu signalisieren, dass er das Gesagte annahm, für den Moment zumindest. "Es war trotzdem ein sehr guter Kampf.", lobte Noah und überlegte einen moment ob er Joey aus den Klamotten helfen sollte. Er entschied sich allerdings dazu sich selbst schnell umzuziehen, damit sein Freund seinen verdienten Schlaf antreten konnte.
      Als er in etwas gemütliches Geschlüpft war, holte er noch ein paar Kühlpacks aus dem Gefrierschrank und wickelte sie in ein paar Handtücher. Kommentarlos umwickelte er Joeys Gelenke, selbst vergaß der Sportler immer darauf. Dann umrundete Noah das Bett um auf der anderen Seite Platz zu nehmen und legte noch seine Brille auf das Nachtkästchen. Aus dem Nachtkästchen holte er noch eine kühlende Sportsalbe. Dann machte er das Licht aus und rollte sich zu Joey, der nicht weit entfernt lag. Es war wirklich mal Zeit für ein größeren Bett, vor Allem wenn man es sich mit so einem Riesen teilte. Mit ein Grund warum Noah immer noch manchmal auf die Couch siedelte, Joey brauchte Platz um sich vernünftig ausruhen zu können.
      Die riesigen Neonreklamen vor dem Fenster erhellten den Raum noch genug, damit Noah Joey erkennen konnte. Er legte sich seitlich neben ihn und verzichtete darauf seinen Kopf auf Joeys Arm abzulegen, oder sich an dessen Brust zu kuscheln, auch das konnte der Sportler jetzt nicht gebrauchen.
      Stattdessen legte er sich einfach nur mit etwas Körperkontakt neben ihn und drückte etwas Salbe aus der Tube auf seine Finger. Joeys Atmung wurde bereits ruhiger und als Noah die bereits verfärbte Stelle an Joeys Brustkorb einrieb, war der Riese schon eingeschlafen. Noah schüttelte leicht schmunzelnd den Kopf und nachdem er damit fertig war den schlafenden Sportler zu behandeln, legte er die Tube weg und machte ebenfalls die Augen zu.

      Am nächsten Morgen wachte Noah vor Joey auf und stand auf. Er brauchte sich nicht wirklich bemühen leise zu sein, aber er machte es trotzdem. Er hatte schon für ein Frühstück eingekauft um Joeys Körper einen kleinen Energie Boost zu verschaffen, aber es war noch zu früh um zu kochen. Stattdessen sammelte er die Kühlpacks von Joeys Körper und verfrachtete sie zurück in den Gefrierschrank. Dann räumte er die Sporttasche aus und warf die verschwitzen Sachen in die Waschmaschine. Diese Anschaffung wurde Joey mehr oder weniger aufgezwungen, Noah wollte nicht jedes Mal zu einem Waschsalon gehen. Er schaltete die Machine aber noch nicht ein.
      Stattdessen schnappte er nur sein Handy und ging damit zurück ins Bett. Er wusste Joey freute sich darüber, wenn er neben Noah aufwachen konnte. Er beschäftigte sich also damit auf seine Mails zu antworten.
    • Wovon träumt ein professioneller MMA-Kämpfer nach einem gewonnen Kampf? Von gar nichts. Man war so erledigt nach dem Oktagon, dass das Hirn schlichtweg keine Kapazitäten für wirre Bilderabfolgen ohne logische Grundlage hatte. Joey war froh darüber, denn den Kopf über etwas zerbrechen war nicht einmal bei bester Gesundheit seine Stärke.
      Der Kämpfer war so erledigt nach seinem Kampf, dass er sich in der Nacht nicht einmal wirklich bewegte. Lediglich den Kopf hatte er herumgedreht, als er am späten Morgen wieder zu sich kam. Er beobachtete Noah eine kleine Weile, wie er da saß, die Brille auf der Nase und das Smartphone in der Hand. Noah war ähnlich breitschultrig gebaut, wie er, hatte auch immer noch mehr Muskeln als der Durchschnitt und eines dieser kantigen Kämpfergesichter. Was er nicht hatte war ein Stiernacken oder Gott bewahre Blumenkohl-Ohren. Joey selbst war davon bisher auch verschont geblieben. Es war die Brille. Ohne sie wirkte Joey wie jeder andere Kämpfer in der Branche. Allerdings war er ohne das Ding in bestimmten Lagen auch praktisch blind. Aber mit ihr wirkte der Mann intelligent, gebildet. Es ließ ihn ganz anders aussehen. Joey mochte beide Seiten, aber mit Brille war er ein größerer Fan seines Managers.
      "Guten Morgen", grummelte er schließlich, nachdem er sich das Bild eingeprägt hatte.
      Jetzt wagte er auch eine Bestandsaufnahme seines geschundenen Körpers. Atmen tat immer noch weh. Sein Auge ging noch auf, aber konnte seine Augenbraue mit jedem Herzschlag spüren. Zwei Knöchel an der linken Hand waren aufgeschrammt. Und das war nur, was er selbst sehen konnte. Von außen betrachtet sah es meist schlimmer aus, als es sich anfühlte, gerade nach ein paar Tagen.
      Mit einem leisen Ächzen richtete sich Joey in eine sitzende Position auf, dann lehnte er gen Kopf auf Noahs Schulter. Die Welt drehte sich nicht, das war gut.
    • Noah war so vertieft in seine Arbeit, dass er gar nicht merkte wie Joey aufwachte. Erst als der ein 'Guten Morgen' von sich gab, das sofort erklärte dass er sich nicht so prickelnd fühlte, drehte Noah seinen Kopf zur Seite.
      "Guten Morgen.", lächelte Noah und betrachtete Joeys Körper. Seine Brust war ganz schön blau, aber die Rippen waren nicht gebrochen, das war gut. Sein Auge sah auch nicht sehr hübsch aus, aber das würde schon wieder werden.
      Nach einer kurzen Analyse wollte Noah schon aufstehen und das Frühstück fertig machen um Joey mit ausreichend Energie zu versorgen, allerdings kam der Gedanke zu spät und der Kopf seines Freundes landete auf seiner Schulter. Noah nahm das Kommando an seine Muskeln aufzustehen zurück und lächelte.
      Mit der Hand die näher an Joey war griff er nach dessen Hand und fing an seine Muskeln und Sehnen ein wenig zu lockern. Er kannte Joeys Körper mittlerweile gut genug um verspannte und schmerzende Stellen schnell zu finden, für den Moment sollte es aber mehr angenehm als eine Heilmassage werden. Heilmassagen konnten unter Noah auch gerne mal richtig weh tun, dafür war es aber auch effektiv.
      Die andere Hand hielt immer noch das Smartphone und er wechselte zu Joeys Twitter Kanal um ihm ein paar Bilder und Gifs zu zeigen, die seine Fans gepostet hatten.
      "Manche haben echt ein Auge für Fotos, du siehst aus wie ein Superheld.", grinste er und verzichtete darauf schon über den nächsten Kampf zu sprechen. Er wusste, dass er für Joeys Geschmack manchmal etwas zu viel arbeitete und dass der Kämpfer auch mal eine Pause brauchte.
    • Unter seinen Fans mussten wirklich ein paar Hobby-Fotografen und Digital Artists sein. Ein paar der Bilder, die es von ihm gab waren praktisch von professioneller Qualität.
      "Als Superheld würde ich mich nicht so verprügeln lassen", entgegnete Joey schlicht und klickte auf ein Video, das an ihn geschickt worden war.
      Es war eine Aufnahme von dem Schlag, der schlussendlich zum K.O. seines Gegners geführt hatte. Die Kamera war ein bisschen wackelig geführt worden, aber der Winkel war gut. Man konnte genau sehen, wie er der Faust ausgewichen war, die auf seine Nase gezielt hatte, und wie er dann den Uppercut genau am Gelenk gelandet hatte. Ein schöner Schlag.
      "Scheint den Leuten gefallen zu haben", meinte Joey.
      Er hatte nicht wirklich eine Ahnung von PR-Arbeit, aber er hatte spitzgekriegt, dass Fans genau wussten, wann ein Schlag gut gewesen war und wann nicht. Und wenn man das ganze mit einem Block oder einem Ausweichen kombinierte, das Matrix-verdächtig war, dann explodierte die Fanbase auch gern einmal für ein paar Tage.
      "Hab ich mir damit einen freien Tag verdient?", fragte Joey scherzhaft und drückte einen leichten Kuss auf die Schulter seines Freundes.
      Noch vor ein paar Monaten hätte er niemandem geglaubt, dass er mal in einer Beziehung landen würde. Erst recht nicht mit einem so gutaussehenden Typen. Seine Sexualität war in einem Sport wie diesem durchaus ein Problem, daher hatte er es immer für sich behalten. Aber Noah hatte ein Auge für Details, das sich scheinbar nicht nur auf Kämpfe bezog.
    • "Superhelden werden auch verprügelt, vor Allem heutzutage. Sieh dir mal Batman an, der hat ständig überall blaue Flecken.", grinste Noah und ließ nicht von dem Image ab. Joey sah sich ein Video an und Noah wurde nur noch stolzer auf ihn.
      "Siehst du? Das könnte glatt aus einem Film kommen. Das war wirklich eines deiner schönsten K.O.s", lobte er weiter und er meinte es ernst. Manchmal machte er Komplimente die eher dazu deinten Joeys Motivation aufrecht zu erhalten, aber die meiste Zeit meinte er was er sagte.
      Nachdem er einen leichten Kuss bekam, drückte er Joey selbst einen auf den Scheitel.
      "Wenn du mit freier Tag meinst, dass ich dir helfe deine Muskeln und Gelenke wieder auf Vordermann zu bringen und du isst was ich dir gleich vorsetze, dann ja. Du kannst das als freien Tag sehen. Kein Training heute." Noah wanderte mit seinen Fingern die immer noch Joeys Hand massierten indessen in Richtung seines Unterarms um die geschundenen Muskeln dort ein wenig zu lockern, damit sollte der Muskelkater nicht so schlimm ausfallen. Später würde es davon noch mehr geben.
      Es gab eine Zeit in der diese Massagen zumindest für Noah sehr komisch waren. Er fand Joey süß, ja man konnte so einen Berg von Mann süß finden, aber als Manager mit seinem Klienten eine Beziehung anfangen, vor Allem wenn man noch nicht so lange im Geschäft war konnte gefährlich sein. Auch jetzt konnten sie es nicht wirklich offen zugeben, das konnte Joeys Image erheblich schaden und auch Noah schlecht dastehen lassen. Sie gaben sich jetzt nicht enorm viel Mühe es zu verstecken, noch waren keine Paparazzi hinter Joey her, aber Noah hielt zumindest im Stadion seinen Abstand, nur um auf Nummer sicher zu gehen.
      Jedenfalls wusste Noah, dass er diesen muskulösen Körper sehr attraktiv fand und er wusste auch, welche Präferenz Joey hatte. Seine Blicke und Körpersprache war ihm auch nicht entgangen. Das machte es nicht einfacher diesem Mann zu widerstehen und schließlich hatte dann doch das eine zum anderen geführt und so waren sie nun ein Paar. Da hatte die ein oder andere Massage dann auch einen mehr erotischen Zug bekommen.
    • Joey stöhnte.
      "Das ist kein freier Tag, das ist Folter", kommentierte er.
      Anti-Muskelkater-Massagen, wie er es nannte, waren schlimmer als drei Tage lang den eigentlichen Muskelkater zu ertragen. Und das Essen, das Noah ihm vorsetzte... es erfüllte seinen Zweck und es war essbar, aber kulinarisch würde sich das keiner antun.
      "Darf ich wenigstens das Abendessen machen?", fragte er, "Als Entschädigung für mich selbst?"
      Er hob den Kopf und ließ sich tiefer ins Bett zurück sinken, bis er seinen Kopf auf Noahs Schoß legen konnte. Er mochte diese Momente, wo sie einfach nur gemeinsam im Bett lagen und nicht viel mehr machten. Noah war immer mit Analyse und Trainingsplanung beschäftigt, wenn sie nicht gerade im Studio waren. Sicher, das Leben eines Profisportlers bestand so sehr aus Training wie das eines Büroangestellten aus Zeit am Schreibtisch, aber Unterschiede gab es da dann doch. Und Noah hatte es sich ja auch noch zur Aufgabe gemacht, gleich alle Berufe um einen Sportler herum zu übernehmen. Sowas konnte unmöglich gesund sein.
    • "Dafür dass du nicht schreiend das Loft verlässt, bekommst du nach den Massagen aber auch immer einer Belohnung, also beschwer dich nicht.", grinste Noah und überlegte ob ihm das mit dem Abendessen recht war. "Du kannst etwas kochen, aber ich hätte gerne die ungefähren Nährwerte, damit ich weiß ob du auch genug zu dir nimmst..." Der Coach und Manager war da vielleicht ein wenig streng, aber Joey wollte nun mal an die Spitze. Ein Profisportler zu sein war nicht leicht, aber er durfte ruhig jammern.
      Als sich der Sportler dann nach unten sinken ließ und seinen Kopf auf Noah Schoß ablegte, ließ dieser seine Hand los und legte sogar das Smartphone zur Seite.
      Dann strich er seinem Freund sanft durch die blonden Haare und über seine Wange. "Essen und Behandlung. Mehr hast du heute nicht zu tun. Und weil der Kampf so gut lief, darfst du sogar meinen Tag ein wenig planen. Aber gib mir wenigstens ein bisschen Zeit um rein zu arbeiten, was ich gestern nicht mehr machen konnte."
    • "Dann Thai Chi ohne dich und ich mach die lange Routine", meinte Joey.
      Was seinem Freund etwas mehr als eine Stunde zum Arbeiten gab, wenn man die anschließende Dusche bedachte.
      Einen langen Augenblick blieb Joey noch liegen, vielleicht waren es auch mehrere Minuten. Er lag einfach nur da und betrachtete seinen Freund aus diesem seltsamen Winkel, während dieser seine nicht vorhandene Frisur vernichtete. Dann zwang er sich aber doch dazu, aufzustehen. Es war weniger schlimm, als er erwartet hatte und mit ein paar schnellen Streckern war er praktisch schon auf Betriebstemperatur.
      Er warf einen schnellen Blick in den Spiegel im Badezimmer und musste feststellen, dass er auch gar nicht so übel zugerichtet aussah. Seine Verletzungen hielten sich wirklich in Grenzen.
      Er tauschte Jogginghose gegen ein paar Sportshorts, dann machte er sich in seiner kleinen Trainingsecke breit. Er hatte hier im Loft viel zu viel Platz, also hatte er ein bisschen Geld in die Hand genommen und den ganzen hinteren Teil mit Matten ausgelegt und ein paar Geräte aufgestellt. Noah war begeistert gewesen, als er das gesehen hatte und hatte gleich noch ein paar Sachen dazugestellt. Morgens ignorierte Joey allerdings die Boxsäcke und die Gewichte. Alles, was er für sein morgendliches Ritual brauchte, war er selbst und ein bisschen Platz. Er würde sich selbst nicht unbedingt als spirituell bezeichnen, aber Thai Chi, sowie seine gelegentlichen Ausflüge in die kleine Kirche am Ende des Viertels gehörten für ihn einfach dazu. Er entspannte sich dabei auf eine ganz andere Art und Weise. Es war etwas, was er mit niemandem teilen konnte. Er konnte es ja nicht einmal erklären.
      Wie alles im Leben vermischte er aber auch bei seinem Thai Chi ein bisschen was. Neben den üblichen Bewegungen schlichen sich auch ein paar Yoga-Übungen rein, ein bisschen Pilates und interessante akrobatische Figuren, die niemand, der nur Thai Chi praktizierte, so durchführen könnte. Aber es half ihm, den Kopf frei zu bekommen und seine innere Mitte zu finden. Und es zeigte etwas auf, was ihm im Oktagon einen so großen Vorteil verschaffte: Sein unglaubliches Körpergefühl. Joey war bekannt dafür, nur sehr selten seine Balance zu verlieren, sogar nach mehrfachen Kopftreffern. Er hatte auch schon mehreren Angriffen standgehalten, die darauf abzielten, den Gegner umzuwerfen. Aber er blieb einfach stehen. Er wusste nicht, ob das von seinem Thai Chi kam oder ob er das schon immer gehabt hatte. Er wusste nur, dass er es konnte.
      Während die Welt Kopf stand und ihm das Blut ins Gehirn schoss, dachte Joey nicht nach. Er zählte keine Sekunden, er achtete nicht bewusst auf seine Atmung, er dachte nicht über den Kampf nach. Er hielt die Position einfach so lange, wie er es für richtig erachtete, ehe er sie änderte. Wirkte er wie ein Zirkusclown? Wohl eher wie ein Akrobat. Er ließ sich Zeit mit seinen Übungen. Er spürte den Muskelkater in jeder Sekunde davon, aber das störte ihn nicht. Sein ganzes Leben bestand aus diesem Gefühl. Er hatte sich daran gewöhnt. Und die Übungen halfen sogar dagegen, schließlich förderten sie die Durchblutung und er dehnte die Muskeln. All das spielte jedoch keine Rolle für den Kampfsportler. Ihm ging es um das Gefühl dabei, wenn er sein gesamtes Körpergewicht auf einem kleinen Punkt hielt, wenn er der Schwerkraft trotzte, bis seine Muskeln ihn anflehten, aufzuhören. Seine morgendliche Routine war anstrengend wie ein Tag im Ring. Trotzdem zog er sie jeden Morgen durch, ganz eisern. Und irgendwann würde er auch Noah dazu kriegen, regelmäßig mitzumachen. Seine Schulter würde er als Ausrede nicht zulassen. Es gab genug Positionen, in denen das keine Rolle spielte.
      Nachdem Joey das Gefühl hatte, fertig zu sein - es war etwa eine dreiviertel Stunde vergangen - ließ er seinen Körper mit einem kurzen Cool-Down zur Ruhe kommen, bei dem er die Aussicht genoss. Das Lagerhaus mochte alt sein, das Viertel noch im Umschwung zu einer Künstler-Konklave, aber die Aussicht, die er von seinem Loft aus hatte, war durchaus nicht zu unterschätzen. Das Viertel hatte einst zum Hafen gehört, daher hatte man eine gute Sicht auf den Fluss. Am anderen Ufer lag eines der gut betuchten Viertel, die natürlich keine hässlichen Backsteingebäude tolerierten, also hatte man einen hübschen Park angelegt, den man von hier aus auch sehen konnte. Joey mochte den Frühling am liebsten, nur weil er dann Blick auf die japanischen Kirschbäume hatte, die man dort drüben gepflanzt hatte.
    • Noah war einverstanden, auch wenn Joeys morgendliche Routine sehr ablenkend sein konnte. Er gab ihm noch ein wenig Zeit wach zu werden und sich dazu zu überreden aufzustehen und streichelte ihn inzwischen weiter. Als Joey sich dann erhob, machte Noah es ihm gleich. Bevor er aber zu seinem Tablet huschte schaltete er die Waschmaschine an und richtete an Frühstück her was er konnte. den Rest würde er fertig machen wenn Joey duschte.
      Dann setzte Noah sich mit dem Tablet aufs Sofa von dem aus er auch Joey noch gut im Blick hatte. Während er die Aufzeichnungen vom Kampf aufrief und anfing sie zu analysieren, konnte er nicht anders als ab und zu über den Rand des Geräts zu sehen und Joeys Körper zu betrachten. Die blauen Stellen sahen nicht allzu schlimm aus und von dem abgesehen, konnte man an diesem Körper auch nichts aussetzen. Im Gegenteil... er sah ihn oft trainieren, oben ohne, seine Muskeln straffend aber es wurde nie langweilig. Es war nicht ganz so einfach sich auf die Arbeit zu konzentrieren, aber obwohl er sich auch einfach anders hinsetzen hätte können, wollte er das gar nicht. Joey so zu betrachten half Noah sich daran zu erinnern, warum er all das hier machte. Und er arbeitete gerne mit ihm, auch wenn der Wunsch ihn nicht so oft grün und blau zu sehen natürlich auch da war.
      Als Joey seine Bewegungen einstellte und aus dem Fenster sah, war das das Stichwort für Noah aufzustehen und die Herdplatte an zu machen. Während er dann Joeys Frühstück herrichtete sah er weiterhin auf sein Tablett und machte sich gedanklich Notizen zum vergangenen Kampf.
    • Die Dusche tat gut. Verdammt gut. Es gab definitiv einen Unterschied zwischen einem schnellen abduschen nach einem Kampf und einer morgendlichen Dusche, um die Geister zu beleben. Und der lag nicht nur darin, dass sich Joey morgens Zeit damit ließ.
      Frisch gewaschen und in frischen Klamotten steckend - Jeans und Hoodie - war er dann soweit, sich dem Tag zustellen. Ihm war durchaus bewusst, dass er sich wieder ausziehen musste, sobald Noah ihn bearbeiten wollte. Aber davor hatte er noch einen anderen Plan, der halbwegs ordentliche Kleidung erforderte.
      Joey setzte sich auf einen der Hocker an seiner Kücheninsel und beobachtete seinen Freund beim Multitasken. Das war eine Fähigkeit, die der Kämpfer nicht beherrschte. Würde er versuchen, was Noah gerade tat, würde er wohl das Tablet in die Pfanne hauen. Aber Noah war schon immer besser in sowas gewesen. Sie waren wirklich wie Hirn und Muskeln.
    • Joey musste nicht mehr lange auf sein Essen warten. Noah ließ das gebratene Fleisch aus der Pfanne auf einen Teller gleiten ohne wirklich hinzusehen, während er mit der anderen Hand in dem Video das er gerade sah etwas zurück spulte. Die Pfanne landete auf einem kalten Kochfeld. Der Teller auf dem nun alles bereit lag, wurde dann mit der einen hand hoch gehoben, die andere drückte auf Pause und griff nach einem Kaffee. Mit Teller und Kaffee in der hand drehte Noah sich anschließend auf dem Absatz um, servierte Joey das Essen und schlürfte von seiner Tasse. Gewürze und ein großes Glas Orangensaft standen schon bereit. Besteck lag auf dem Teller.
      "Mahlzeit.", lächelte Noah und setzte sich ebenfalls auf einen Hocker. Er holte wieder sein Smartphone hervor und öffnete Joeys Terminkalender um ein paar Anpassungen vorzunehmen.
    • Bevor Joey irgendetwas tat, griff er nach Noahs Telefon und drückte es dezent auf die Küchenplatte.
      "Kein Smartphone beim Essen, schon vergessen?"
      Diese Regel hatte er aufstellen müssen, um wenigsten ein bisschen Zeit mit Noah verbringen zu können. Genauso wie die die Regel, dass Noah auch frühstücken sollte. Das sprach Joey aber nicht laut aus. Stattdessen nickte er bloß in Richtung der noch nicht ganz leeren Pfanne. Demonstrativ wartete er, bis Noah sich auch einen Teller fertig gemacht hatte, ehe er zu essen begann. Sie passten in gewissem Sinne aufeinander auf.
      Während des Frühstücks sagte Joey nicht viel. Eigentlich gar nichts, so wie immer. Als sie beide fertig waren, verfrachtete er noch schnell alles in die Spülmaschine, ehe er zur Haustür ging, wo er in Socken, Schuhe und Jacke schlüpfte, ehe er seine Schlüssel einsteckte.
      "Ich geb dir noch 'ne Stunde", meinte er zum Abschied, dann verließ er die alte Lagerhalle und machte sich zu Fuß auf zu der Kirche am Ende des Viertels.
      Im ganzen Viertel war momentan wieder viel los. Ein ganzer Haufen Künstler zog gerade ein und ein paar der baufälligeren Hallen wurde abgerissen, um neue Gebäude zu bauen, in die dann Galerien einziehen würden. Gleich drei neue Restaurants und eine neue Bar bereiteten sich auf ihre Eröffnung vor. Überall waren junge Leute unterwegs, die gerade erst vom College kamen. Manch einer ging sogar noch dorthin, hatte aber genug Geld, um sich hier einzuquatieren. Die Miete war in den letzten paar Jahren exorbitant gestiegen und das würde sie auch weiter. Einzig diejenigen, die hier hergezogen waren, als noch alles scheiße gewesen war, konnten sich auf niedrigen Mieten ausruhen und dem Viertel beim Wachsen zusehen. Davon waren aber nicht mehr viele übrig. Die meisten hatten für viel Geld verkauft. Joey gefiel es hier trotzdem. Der Baulärm konnte einen manchmal auf den Geist gehen, aber ansonsten sah er gern dabei zu, wie sich die Künstler hier auslebten. Nur bei den akademischen Diskussionen über den Stil konnte er nicht mithalten.
      Nach etwa fünfzehn Minuten erreichte er die kleine, alte Kirche. Es war eines der wenigen Gebäude, die auch wirklich aussahen wie eine Kirche, nicht irgendein neumodisches Bürogebäude. Die hier hatte sogar noch ihren eigenen kleinen Turm, wenn auch ohne richtige Glocke.
      Joey ging hinein und kaum fielen die Türen hinter ihm zu, schien die Welt zu verstummen. Da war nur noch die andächtige Stille in der Kirche, durchbrochen von dem leisen Echo seiner Schritte, als er sich in eine der Reihen setzte. Viel mit dem Christentum hatte er nicht am Hut. Er kannte die üblichen Bibelgeschichten und so weiter, aber der ganze Kram mit Jesus und so weiter interessierte ihn nicht. Er war eher jemand, der an Gut und Böse und eine höhere Macht glaubte. Ob das nun die Natur, das Universum oder ein Gott war, war ihm relativ egal. Er hatte ja sowieso keine Möglichkeit, das irgendwie nachzuweisen. Er mochte einfach nur den Gedanken, dass da irgendetwas war, was auf ihn aufpasste.
      Joey ging hier nur hin und wieder zur Messe, nie zur Beichte und wenn der Priester vorbeikam und fragte, ob er helfen könne, dann lehnte er meistens dankend ab. Der alte Mann war nett. Hatte sich immer Sorgen gemacht, wenn Joey mal wieder grün und blau vorbeikam. Hatte gedacht, er sei in einer Gang oder sowas. Joey hatte einen ganzen Nachmittag damit verbracht, ihm zu erklären, was er eigentlich machte. Es war ein gutes Gespräch gewesen. Es hatte ihm in einer Zeit geholfen, in der er ziemlich planlos umhergeirrt war.
      Auch heute war der Priester wieder da, aber außer einem freundlichen Zunicken herrschte keine weitere Unterhaltung zwischen ihnen beiden. Der alte Mann kümmerte sich lieber um eine alte Frau, die wohl um ihren Mann trauerte. Joey fragte sich, ob die Höheren Mächte sich dafür interessierten. Für die Trauer der Hinterbliebenen. Oder waren sie zu sehr damit beschäftigt, sich um die Toten zu kümmern. In gewisser Weise waren die ja auch zurückgeblieben. Weitergegangen. Wussten die Höheren Mächte, dass es Menschen gab, die sich um die Hinterbliebenen kümmerten, weswegen sie sich völlig auf die Weitergegangenen konzentrierten? Die hatten ja sonst niemanden. Oder wurde man von seinen eigenen Ahnen getröstet wie die Hinterbliebenen von der eigenen Familie? Das waren Fragen, die Joey so durch den Kopf gingen, auf die er aber selbst keine Antwort fand. Er brauchte auch keine. Die Dinge funktionierten, das Leben funktionierte. Also musste das, was die Höheren Mächte so machten, ja richtig sein.
      Nach einer kleinen Weile kehrte Joey schließlich zurück in sein Loft. Die frische Luft und der Spaziergang hatten gut getan, ebenso das stille Sitzen in der kleinen Kirche. Ihm ging es gut.
    • Joey drückte Noahs Hand mit dem handy auf den Tisch. Er verstand schon, lächelte und holte sich auch etwas zu Essen. Er brauchte aber nicht so viel wie Joey, er musste nicht darauf achten auch genug in seinem Körper zu haben um mehr Muskeln aufzubauen. Solange er nicht fett wurde war er zufrieden.
      Das Essen verlief schweigend, wie so oft. Noah wusste nicht was in Joeys Kopf vorging, er selbst hatte einfach Zeit weiter zu arbeiten, ohne dass es wirklich auffiel. Nach einem Kampf wollte er meist so schnell wie möglich alles verarbeiten bevor er etwas vergaß.
      Nachdem sie aufgegessen hatten verschwand Joey noch einmal. Er machte seinen kleinen Spaziergang zur Kirche, Noah verstand den Grund nicht ganz, aber er hatte auch nichts dagegen und ließ ihm die Stunde Ruhe. Er selbst räumte erst einmal das restliche Geschirr i die Waschmaschine, dann räumte er die Waschmaschine aus und hängte die Wäsche auf.
      Anschließend hatte er immer noch ein wenig Zeit übrig um zu arbeiten. Sein Tag mochte geschäftig und stressig wirken, aber das alles machte ihm nichts aus. Er wusste auch sonst nicht viel mit sich anzufangen.
      Er hatte keinen Ort den er einmal am Tag besuchte, keine Pflanzen um die er sich kümmerte und auch kein Haustier oder dergleichen und er war die meiste Zeit glücklich mit seinem Leben.
      Als Joey zurück kam sah Noah von seinem Tablet auf und lächelte ihn an. "Also wie fühlst du dich?", fragte er nachdem die Routine nun vorbei war.
    • "Als hätte mir jemand zweimal gegen den Kopf geschlagen und einmal gegen die Brust getreten", antwortete Joey ohne den Hauch von Humor in der Stimme.
      Als er sich jedoch von der Garderobe wegdrehte lächelte er ein bisschen breiter als sonst. Er wusste schon, was jetzt kommen würde. Aber Noah würde sich noch dumm umgucken, wenn er ihn den gesamten restlichen Tag vom Arbeiten abhielt wie ein nerviges Kleinkind, das immer genau dann etwas von ihm wollte, wenn er sich gerade hingesetzt hatte.
      "Der Kopf ist frei, der Geist entspannt. Lasset die Folter beginnen."
      Ja, er überdramatisierte es ein bisschen. An einigen Stellen tat es weh, aber meistens war es nur eine dumpfe Verstärkung des sowieso schon vohandenen Schmerzes. Nichts, was ein Profi-MMA-Kämpfer nicht wegstecken konnte.
    • "Nicht verwunderlich.", grinste Noah auf Joeys Antwort, die nicht wie ein Witz klang. Noah stand auf und streckte sich etwas. "Dann zieh dich aus und leg dich hin." Noah betonte das etwas schmutziger als es sein musste und holte etwas Massageöl während Joey seinen Anweisungen folgte. Er machte noch etwas Musik an und setzte sich dann zu Joey aufs Bett. In eine Massageliege sollten sie noch investieren.
      Nachdem er seine Hände mit dem Massageöl etwas aufgewärmt hatte, nahm er Joeys Hand. Er prüfte sein Handgelenk, bewegte es ein wenig um festzustellen ob damit alles in Ordnung war. Die Beweglichkeit war etwas eingeschränkt, Joey wusste wo er die Knoten in den Sehnen finden konnte um dem entgegen zu wirken.
      "Übliches Spiel, du sagst mir wo es weh tut.", lächelte Noah und folgte den Sehnen an von den Fingern hin bis zum Ellenbogen. Der Druck war nicht sehr fest, aber die verspannten Punkte schmerzten ohne Zweifel. Ein fester Druck und minimale kreisende Bewegungen lösten die Knötchen und sobald es aufhörte zu schmerzen, kam der nächste dran.
      Dasselbe machte er den ganzen Arm entlang, bei der Schulter und alles nochmal auf der anderen Seite. Dann kamen die Beine dran und schließlich sollte Joey sich umdrehen.
      Der Rücken war die nächste große Baustelle. Seine Schultern waren besonders verspannt. Er musste dort eine etwas aggressivere Methode anwenden. Mit festem Druck folgte er den Muskelsträngen um die Beweglichkeit wieder herzustellen. Morgen gab es davon vermutlich neue blaue Flecken, aber es half trotz des Schmerzes. Joey kannte das Prozedere bereits, trotzdem sagte Noah ihm, was er ihm immer sagte.
      "Mach dem Schmerz ruhig Luft. Du kannst mich sogar beleidigen wenn es hilft."