Silence is golden... [Kürbismajestäten]

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    • Silence is golden... [Kürbismajestäten]

      Vorstellung --> Silence is golden... [Kürbismajestäten]











      "Bei einer Schießerei in der Nähe des Obersten Gerichts wurden heute zwei Männer getötet und ein weiterer schwer verletzt. Zeugen berichten von einem fingierten Autounfall, ehe Maskierte das Feuer eröffneten. Zwei private Sicherheitsmänner schossen zurück, während zwei Personen versuchten, vom Rücksitz zu fliehen. Eine dieser Personen wurde niedergeschossen, die zweite von den Maskierten entführt. Die Behörden verweigern jede Aussage zu den Vorkommnissen."

      Schmerz ist eine ziemlich subjektive Angelegenheit. Der Wissenschaft zufolge halten Frauen mehr aus als Männer. Rothaarige spüren weniger Schmerz als Menschen anderer Haarfarben. Man kann sich an Schmerz gewöhnen. Manche finden Schmerz toll, erregend sogar.
      Corvin Ripley hatte sich als Kind einmal den Arm gebrochen und es waren die schlimmsten Schmerzen gewesen, die er je gespürt hatte. Er wusste, dass das nichts im Vergleich zu einer Schusswunde war. Warum also fühlte er keinen Schmerz, als er auf dem Asphalt lag? Er wusste, dass er angeschossen worden war. Er hatte es gespürt. Und dass er zu Boden gegangen war wie ein Stein war nur ein weiterer Beweis dafür. Sein Gesicht tat weh, seit er den Asphalt geküsst hatte. Seine Handflächen brannten, weil er sie sich bei dem Sturz aufgeschürft hatte. Aber nichts fühlte sich nach Schussverletzung an. Er hörte Stimmen um sich herum, Schreie. Es wurde immer noch geschossen. Er drehte den Kopf und sah gerade noch, wie sein Kronzeuge, den er eigentlich ins Gericht hatte bringen wollen, um eine große Klage ins Rollen zu bringen, in einen Wagen geschubst wurde. Der Wagen brauste davon. Für einen Augenblick herrschte absolute Stille. Richtig unheimlich. Dann erklangen Sirenen. Sie wurden schnell lauter. Da waren überall Personen. Sie redeten mit ihm, er antwortete, so gut er konnte, aber irgendwie war seine Kehle staubtrocken.

      Corvin würde diesen Tag wohl nie vergessen. Wie konnte er auch? Er hatte ja ein paar schicke Souvenirs erhalten. Sein erster Gedanke, nachdem er aufgewacht und seine Beine nicht gespürt hatte, war aufgeben gewesen. Aber dann hatte er sich gesagt, dass er nur einer von vielen war, dass er das schon hinbekommen würde. Und das tat er. Er kämpfte sich in Rekordzeit durch die nervige Reha und arbeitete vom Krankenhaus aus. Man hatte seinen Zeugen entführt, er musste ihn wiederfinden. Er hatte versprochen, ihn zu beschützen und hatte versagt. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen.
      Nach nur drei Wochen war er zurück im Büro. Es war faszinierend, wie schnell man sich von einer Schussverletzung erholen konnte, wenn man sie nicht spürte. Er nahm nicht einmal Schmerzmittel! Die ganzen Beileidsbekundungen ignorierte er. Er wollte kein Mitleid. Er war immer noch er selbst, nur eben achtzig Zentimeter tiefer und mit fahrbarem Untersatz. Als ob er sich davon aufhalten lassen würde.
      Es hatte eine Weile gedauert, bis er sich an den Rollstuhl gewöhnt hatte. Er hatte auch sein Apartment umräumen lassen müssen, damit er überall hin kam. Und weil er zu viel Geld hatte, hatte er sich jetzt auch noch eine Haushaltshilfe geholt, die zufällig auch Physio-Therapeut war. Zack war großartig, auch wenn Corvin ihn regelmäßig an die Wand klatschen wollte. Wahrscheinlich gerade deswegen. Als nächstes hatte er sein Büro an seine neuen Lebensumstände anpassen lassen.

      An seinem ersten Tag zurück im Büro tauchte er viel zu früh auf. Niemand arbeitete um halb sieben Uhr morgens. Und das war auch genau der Grund, warum er so früh auftauchte. Er wollte nicht, dass alle über ihn redeten oder ihn anstarrten oder schlimmer noch: Eine Willkommen-Zurück-Feier schmissen, weil alle scharf auf Kuchen waren. Er wollte einfach nur arbeiten, nachdem er drei Wochen zu Hause festgesessen hatte.
      Der Aufzug hielt im siebten Stockwerk und öffnete sich mit einem vertrauten, sanften PING. Die kleinen Bienenwaben für all die Anwaltsgehilfen und Assistenten waren wundervoll leer. Corvin rollte entspannt über den dünnen Teppichboden. Glücklicherweise war der nur zur Trittschalldämmung da und nicht etwa ein dickes Dekoteil, sonst würde er hier überhaupt nicht vom Fleck kommen. Seine Hände steckten in gepolsterten Handschuhen, weil er noch immer Verbände um die Schürfwunden tragen musste. Aufgrund der konstanten Reibung heilten sie nur langsam. Aber das war Corvin egal, solange ihn das nicht am Tippen hinderte.
      Er hielt zielstrebig auf die kleine Küche der Angestellten zu. Er hatte keine Lust gehabt, sich in einem Coffeeshop was zu holen. Die Tresen waren meistens zu hoch angelegt und er mochte das Gefühl nicht, wenn die Leute ihn anstarrten, während er eine Holzplatte im Gesicht hatte. In der Mitarbeiterküche auf diesem Stockwerk war es nicht besser, aber wenigstens wurde er hier nicht beobachtet. Und er hatte auch Glück, dass die Kaffeemaschine in Reichweite stand. Er musste sich nicht einmal übermäßig strecken, um an die Tassen mit dem Logo der Kanzlei zu kommen. Es überraschte ihn ein bisschen, dass die Maschine nicht heiß laufen musste. Es war wohl doch schon jemand hier... Naja, so kam er wenigstens schneller an seinen Kaffee.
      Während die Maschine ratterte und die dunkle Essenz seines Lebens ausspuckte, fragte sich Corvin, wie viele unbearbeitete Fälle wohl auf seinem Tisch gelandet waren. Und wie viele Karten, die ihm auf kunterbunte Weise eine schnelle Genesung wünschten. Genesung... das war nichts, was jemals wieder in Ordnung kommen würde. Er hatte seine Röntgenbilder gesehen. Da war ein ein Zentimeter großes Lock in seiner Wirbelsäule. Das würde nicht wieder heilen.
      Die Maschine spuckte den letzten Tropfen in dem Augenblick aus, in dem Corvin anfing, mit den Zähnen zu knirschen. Eine schlechte Angewohnheit aus seinen Kindertagen. Wann immer er sich einem Problem gegenüber sah, dass er nicht einfach so lösen konnte, machte er das.
      Er nahm sich die Kaffeetasse und stellte sie zwischen seinen Beinen ab, damit er zu seinem Büro rollen konnte. Es war schön wieder hier zu sein. Und auch wenn die Möbel jetzt weiter auseinander standen und seine Büche in den beiden deckenhohen Regalen an der linken Wand umsortiert worden waren, so war es doch noch immer sein Büro. Sein zweites Zuhause. Er hatte hier wahrscheinlich mehr Zeit verbracht als in seiner Wohnung. Wie oft er schon auf dieser dummen Couch geschlafen hatte...
      Er ließ die Tür offen und rollte zu seinem Schreibtisch, der erstaunlich leer war. Es lagen immer noch ein Haufen Akten darauf, aber es waren weitaus weniger, als er erwartet hatte. Die Kaffeetasse landete nach dem ersten Schluck neben der Tastatur, dann fuhr er seinen Computer hoch und sah sich die Akten an. Ein paar Infos zu Fällen, die er bearbeitet hatte, ein paar Untersuchungsergebnisse, sowas eben. Was er aber vermisste, waren weitere Unterlagen zu dem Fall, der ihn in diesen Stuhl befördert hatte. Er wusste ganz genau, dass er diverse Dinge angefordert hatte, bevor er an diesem Tag losgefahren war.
      Wieder knirschte Corvin mit den Zähnen und widmete sich vorerst seinem E-Mail Postfach. Das hatte er zwar von Zuhause aus managen können, aber er hatte dennoch genug zu tun. Vor allem da er jetzt wusste, dass ihm Akten fehlten.
    • "Bist du sicher, dass ihr nicht zusammen weggegangen seid?" Die Frau legte leicht den Kopf zur Seite. Ihre blonden Locken umrahmten ihr Gesicht wie einen Heiligenschein, doch ihr durchdringender Blick war alles andere als engelsgleich. "Ich kann verstehen, dass du ihm den Campus zeigen wolltest." Ella öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen - um sich zu verteidigen. Doch sie brachte keinen Ton heraus. "Es ging ihm so gut, sicher wolltet ihr das feiern... Hast du vergessen, dass er keinen Alkohol trinken darf, so lange er seine Medikamente nimmt?" Die Worte klangen laut in Ellas Ohren. Aber obwohl sie die Antwort auf diese Frage kannte, brauchte sie all ihre Willenskraft, um diese laut auszusprechen. "Wie kannst du es wagen?", ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und doch schien sie laut im Raum wiederzuhallen. "Ich habe das nicht getan."

      Mit einem erschrockenen Keuchen schreckte die junge Frau aus ihrem Schlaf hoch. Es dauerte einige Sekunden, bis sie die dunklen Wände ihres Schlafzimmers erkannte und realisierte, dass sie auf ihrem Bett saß. Sie war allein, die blonde Frau war nirgendwo zu sehen. Sie ließ ihren Kopf nach vorne fallen und schlug die Hände vors Gesicht. "Ich habe nichts getan.", wiederholte sie einige Male, während sie versuchte ihre Atmung zu beruhigen. Es war nicht das erste Mal, dass Ella diesen Traum hatte. Seit dieser Unterhaltung hatte sie keinen Kontakt mehr zu Marcus' Eltern aufgenommen. Natürlich wusste sie, dass die Anschuldigungen nur die verletzten Worte einer verzweifelten Frau gewesen waren, die krampfhaft nach einer Erklärung für den Tod ihres Kindes suchte. Trotzdem konnte sie ihr nicht verzeihen. Und genauso wenig konnte sie sich selbst verzeihen.
      "Ich habe nichts getan.", wiederholte sie noch einmal und ließ die Hände sinken. Die Worte hinter ließen einen bitteren Nachgeschmack in ihrem Mund. Zwar hatte sie Marcus wirklich keinen Alkohol gegeben und damit sein Nierenversagen verursacht, aber genauso wenig hatte sie ihn beschützt. Hätte sie nur früher nachgeforscht und ihn gewarnt. Hätte sie ihn nur davon überzeugt, dass das Medikament nicht das Wundermittel war, auf das er hoffte... Diese vielen 'Hätte' hielten sie oft in der Nacht wach.

      Da nicht mehr an Schlaf zu denken war, schwang Ella ihre Beine aus dem Bett und warf einen Blick auf ihren Wecker. Ein unzufriedener Laut verließ ihre Lippen, als sie feststellte, dass die roten Zahlen gerade einmal drei Uhr nachts anzeigten. "Anscheinend bin ich heute einmal wieder die erste im Büro.", sagte sie leise zu sich selbst, während sie sich auf den Weg ins Badezimmer machte.


      Am Ende sollte Ella Recht behalten. Das Stockwerk, in dem ihr Büro lag, war noch völlig verlassen. Lediglich die beleuchteten Flure ließen darauf schließen, dass der Nachtwächter bereits seine letzte Runde gedreht hatte. Da Ella mit Personaldaten und Konten zu tun hatte, hatte sie ein eigenes Büro bekommen. Eine Tatsache, über die sie sehr glücklich war. Auch wenn das mit sich brachte, dass jeder sie für seinen persönlichen Laufburschen hielt. Die meisten Anwälte wussten nicht genau, was Ellas Aufgaben waren und gingen anscheinend davon aus, dass sie sich hinter der verschlossenen Tür unglaublich langweilte. Und auch diesmal erwartete die junge Frau eine Vielzahl von E-Mails in ihrem Posteingang. Genervt stöhnte Ella auf, während sie beschloss, dass sie dringend einen Kaffee brauchte.
      Sie stand ganze drei Minuten vor der Kaffeemaschine, bevor sie eingestehen musste, dass diese wirklich nicht funktionierte. Nur mit Mühe widerstand sie dem Drang dem Apparat einen Fußtritt zu verpassen. Aber da ihr das vermutlich mehr weh tun würde, als der Maschine und sie die Verletzung nicht als Arbeitsunfall einreichen konnte, machte sie sich stattdessen auf den Weg in das höher gelegene Stockwerk.
      Als wenige Minuten später die andere Kaffeemaschine zufrieden gluckerte, während sie sich aufheizte, ging Ella in ihrem Kopf die Aufgaben des heutigen Tages durch. So lange sich unter den ungelesenen E-Mails keine Hiobsbotschaft versteckte, würde es heute einspannend bleiben. Es erwartete sie nichts außergewöhnliche, nur die üblichen Auseinandersetzungen mit dem Buchhaltungsprogramm, da bald die Gehaltsabrechnung anstand. Eine leidige Aufgabe, die Ella bisher erfolgreich vor sich hergeschoben hatte. Aber wenn sie diesen Monat pünktlich ihr Geld haben wollte, führte wohl kein Weg daran vorbei.

      Es dauerte eine Stunde, bis Ella ihre E-Mails gesichtet und die meisten von ihnen beantwortet hatte. Am unteren Rand ihres Bildschirms klebte eine Unmenge von buten Post-Its, die sie an Termine erinnern sollten. Eines von ihnen fiel herunter und landete in der halbleeren Kaffeetasse. Mit einem unzufriedenen Laut fischte die junge Frau es wieder heraus. "Auch wenn du dich beklagst, werde ich dich nicht früher bearbeiten. Warte gefälligst bis du dran bist.", schalt sie das kleine Papierstück, bevor es im Mülleimer landete und von einem Nachfolger ersetzt wurde.
      Der kleine Unfall erinnerte Ella daran, dass sie ihren Kaffee völlig vergessen hatte und dieser inzwischen kalt geworden war. Sie leerte die Tasse mit einem großen Schluck, verzog dann aber das Gesicht. Auch wenn sie gegen die Verschwendung von Kaffee war, mochte sie ihn im kalten Zustand nicht besonders. Als Entschädigung beschloss sie, sich eine weitere Tasse zu gönnen, auch wenn das bedeutete, dass sie erneut ein Stockwerk nach oben gehen musste.

      Als sie jedoch diesmal auf dem Flur ankam, stellte sie fest, dass sie diesmal nicht alleine war. Am Ende des Flures Stand eine Bürotür offen und helles Licht fiel aus dem Raum in den Flur. Ella legte den Kopf zur Seite, es dauerte einen Moment, bis sie sich daran erinnerte, wem dieses Büro gehörte. Einen Moment lang stand sie still auf dem Flur, der Becher in ihrer Hand war völlig vergessen. Sie hatte nicht daran gedacht, dass Corvin Ripley heute zurück zur Arbeit kommen würde. Und dass obwohl in den letzten Monaten kaum ein Thema für mehr Gesprächsstoff gesorgt hatte. Der Vorfall war in allen Medien gewesen und natürlich hatte man sich auch hier im Büro darüber gesprochen. Ella war nicht sicher, ob sie erschrocken oder besorgt über die Geschichte sein sollte, deshalb hatte sie beschlossen alles, was damit zu tun hatte, zu ignorieren. Sie wollte nichts damit zu tun haben. Weder mit dem Tratsch, noch mit dem Fall, an dem der Anwalt gearbeitet hatte.
      Am liebsten hätte sie den Mann ignoriert und sich wieder in ihrem Büro versteckt. Aber ihre Beine wollten sich nicht bewegen. Auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubte, wollte sie doch den Mann sehen, der sich gegen den Pharmakonzern gewehrt hatte und nun die Konsequenzen dafür trug. Sie war sich nur nicht sicher, ob sie wissen wollte, ob er seine Leichtsinnigkeit bereute oder einfach mit eigenen Augen sehen wollte, dass jemand sich gegen Sonrisa auflehnen und dies überleben konnte.

      In dem Büro des Anwalts war es still, lediglich das Klappern der Tastatur wies darauf hin, dass sich jemand in dem Raum befand. Einen Moment lang blieb Ella unschlüssig im Türrahmen stehen und betrachtete den Anwalt, der hinter seinem Schreibtisch saß, als wäre er nie fort gewesen. Von ihrem Standort aus, konnte sie seinen Rollstuhl nicht sehen.
      Kurz überlegte Ella, ob sie sich nicht einfach wieder davon schleichen konnte, beschloss dann jedoch, dass das zu unhöflich war. Also hob sie die Hand und klopfte mit dem Fingerknöchel gegen den Türrahmen, um den Mann auf sich aufmerksam zu machen. "Guten Morgen", begrüßte sie ihn mit einem schüchternen Lächeln. Sie war nicht besonders gut im Umgang mit Menschen - nicht mehr. "Willkommen zurück.", fügte sie schließlich finzu, da ihr alle anderen Dinge falsch vorkamen. Mr. Ripley war vermutlich der letzte Mensch in diesem Gebäude, den man gerade fragen sollte, wie es ihm ging. Und sie kannten sich zu wenig, als dass sie sagen könnte, dass sie sich freute ihn wiederzusehen.
      Kurz schwieg sie und sah auf den leeren Becher in ihrer Hand. "Die Kaffeemaschine auf unserem Stockwerk ist kaputt, deshalb leihe ich mir welchen von hier... okay, leihen ist das falsche Wort. Ich kann ihn ja nicht zurück bringen.", begann sie, als müsste sie sich für ihre Anwesenheit rechtfertigen. Aber sie bremste sich, da ihr bewusst wurde, dass sie plapperte und den Mann von seiner Arbeit abhielt. "Möchten Sie auch einen?", sie machte eine nickende Kopfbewegung in Richtung der Kaffeetasse, die neben einem riesigen Aktenstapel lag.
    • Corvin erreichte schnell den Punkt, den er gern Anwalts-Zen nannte. Er war so schnell so tief in seine Arbeit vertieft, dass die Realität um ihn herum zu verschwinden schien. Das meiste dieser Arbeit war allerdings das Sortieren der Fälle, die er noch hatte und das Auffrischen seines Wissens über besagte Fälle. Sobald sein eigener Assistent im Büro war, würde er einige Termine ausmachen müssen. Neben Gerichtsterminen, die demnächst anstanden musste er auch noch mit einem ganzen Haufen Leute reden. Zumal seine Mandanten garantiert mitbekommen hatten, was passiert war. Es war ein Wunder, dass sich nicht jeder sofort einen anderen Anwalt gesucht hatte. Dafür würde er wohl Raymond Sanderson danken müssen. Ray war sowas wie sein bester Freund und besetzte das Büro gleich nebenan. Technisch gesehen waren sie gleichgestellt, aber Ray schmiss auch ein bisschen Organisatorisches für die Kanzlei, nachdem Corvin darauf verzichtet hatte. Alle hatten ihn seltsam angestarrt, als er diese halbe Beförderung ausgeschlagen hatte. Er hatte es damit erklärt, dass er entweder ganz oder gar nicht nach oben wollte, aber insgeheim hatte er einfach keine Lust darauf gehabt, seine wertvolle Zeit in Büroangelegenheiten zu stecken, wenn er stattdessen einem Mandanten helfen konnte.
      "Guten Morgen", riss ihn eine weibliche Stimme aus seiner Trance.
      Corvin hob den Kopf und sah sich einer attraktiven Brünetten gegenüber. Wer war sie noch gleich? Emma... Erika...
      "Elisa Hughes. Hätte mir ja denken können, dass Sie diejenige sind, die zuerst im Büro auftaucht."
      Corvin kannte nicht jeden Mitarbeiter mit Vornamen. Er kannte die Anwälte, eine handvoll der Gehilfen und jene, die durch irgendetwas herausstachen. Elisa Hughes gehörte in die letztere Kategorie. Er hatte sie immer mal wieder gesehen, wenn er eine seiner berüchtigten Nachtschichten eingelegt hatte. Hin und wieder hatten sie sich mitten in der Nacht was vom Chinesen kommen lassen. Sie war das, was Corvin heute als angenehme Gesellschaft bezeichnen würde. Nicht wirklich gesprächig und darauf bedacht, um die Fettnäpfchen herumzulaufen. Vielleicht ein bisschen unsicher, aber nicht jeder konnte das übersteigerte Selbstvertrauen eines Anwalts haben.
      "Es ist Firmeneigentum und Sie arbeiten für die Firma. Ich werde Sie nicht wegen Diebstahls von koffeinierten Flüssigkeiten anzeigen, keine Sorge", scherzte Corvin.
      Er blickte kurz auf seinen Bildschirm und überflog die Mail, an der er gerade gesessen hatte. Dann schickte er sie ab, schnappte sich seine Kaffeetasse und rollte um seinen Schreibtisch herum.
      "Ich komme mit. Könnte mir mal die Beine vertreten."
      Ja, er war von der Sorte, die makabere Witze über sich selbst riss, um mit der Situation klarzukommen. So war er schon immer gewesen. Unterdrückte Wut, Zähne knirschen, eine Aura der Akzeptanz. Alles höchst ungesund.
      "Bringen Sie mich auf den neusten Stand. Wie stets hier so im Büro. Und bitte lassen Sie den Buschfunk aus, da sollte ich in ein paar Tagen von allein wieder drin sein."
    • Im ersten Moment wunderte es Ella, dass er sich tatsächlich an ihren Namen erinnerte. Die meisten Anwälte verdrängten diesen sofort wieder, sobald sie nichts von ihr brauchten. Aber dann fiel ihr ein, dass Corvin Ripley schon immer anders gewesen war. Ehrgeizig und selbstständig kümmerte er sich immer allein um seine Fälle und war sich auch nicht zu fein dafür einmal selbst beim Gericht anzurufen und einen Termin zu verschieben. Es war eine unliebsame Aufgabe, die die meisten Anwälte gerne den Assistenten überließen. Aber Mr. Ripley kümmerte sich um seine Klienten, mit allem was dazu gehörte. Auf einmal wurde Ella klar, wieso beinahe alle seiner Klienten sich geweigert hatten einen anderen Anwalt in Anspruch zu nehmen. Selbst als es noch unklar gewesen war, wann Corvin Ripley in die Kanzlei zurück kehren würde.

      "Es beruhigt mich sehr, dass ich nicht wegen Koffein-Veruntreuung entlassen werde", griff sie ihre Unterhaltung wieder auf und riss sich damit selbst aus ihren Gedanken.
      Während sie gemeinsam den Flur entlang gingen, sah Ella zu dem Anwalt. Es war nicht der Rollstuhl, der für sie ein ungewohnter Anblick war, vielmehr störte es sie, dass sie auf einmal zu dem Mann hinunter sehen musste. Irgendwie fühlte es sich falsch an. "Ich halte nicht viel von Tratsch und höre meist nach den ersten Sätzen schon nicht mehr zu. Ich könnte Ihnen also nichts erzählen, auch wenn ich wollte." Sie hob leicht die Schultern. Inzwischen hatten sie die Küche erreicht und Ella trat vor dem Anwalt in den kleinen Raum, wodurch sie zuerst bei der Kaffeemaschine ankam und diese anstellen konnte. Sie streckte ihre Hand aus, um ihren Begleiter seine Tasse abzunehmen und unter den Ausguss zu stellen. Es war eine natürliche Geste, die sie bei jedem anderen Kollegen auch gemacht hätte. Dass sie den Mann damit bevormunden könnte, kam ihr nicht einmal in den Sinn.
      "Nun... abgesehen von der schockierenden Neuigkeit, dass die Kaffeemaschine in meinem Stockwerk kaputt ist und deshalb eine Vielzahl von Assistenten an diesem Morgen müde arbeiten müssen, gibt es nicht ganz so viel Neues", sagte sie und drückte den Startknopf, wodurch die Maschine mit einem leisen Brummen zu arbeiten begann und Kaffee in die Tasse füllte. "Mr. Clement hat seinen großen Fall verloren. Er wird zwar in Berufung gehen, aber es hat seinem Ego doch einen Schlag versetzt." Da der andere Anwalt seit fast einem halben Jahr an der Sache arbeitete, war sie sich sicher, dass Mr. Ripley sich noch daran erinnerte. Immerhin hatte er schon vor ein paar Minuten bewiesen, wie gut sein Gedächtnis war.
      Kurz hielt sie inne, um dem Anwalt seine Tasse zu reichen. Sie erinnerte sich dunkel daran, dass er bei ihren gemeinsamen Essenspausen seinen Kaffee schwarz getrunken hatte, war sich jedoch nicht sicher, ob das nur seine Art war, um sich länger wach zu halten. Aber sie beschloss ihn nicht zu fragen. Wenn er Zucker oder Milch brauchte, konnte er sie alleine erreichen.

      Während Ella auf ihren eigenen Kaffee wartete, berichtete sie von den wenigen, neuen Fällen, von denen sie gehört hatte. Natürlich bekam sie nicht so viel mit, da die Anwälte mit ihr kaum über ihre Arbeit sprachen. Dafür war sie nicht wichtig genug. Aber es reichte, um Mr. Ripley einen groben Eindruck davon zu geben, womit seine Kollegen gerade beschäftigt waren. "Und Maria aus der Personalabteilung ist in Mutterschutz gegangen," beendete sie schließlich ihre Erzählung, mit denen sie die letzten fünf Minuten verbracht hatte. Sie wusste nicht, wann sie sich zuletzt so lange mit einem ihrer Kollegen unterhalten hatte, aber es fühlte sich nicht aufgezwungen oder unangenehm an. "Das fällt vielleicht in die Kategorie Flurfunk, aber aus diesem Grund unterstütze ich jetzt HR. Wenn sie also Urlaub einreichen wollen oder etwas aus dem Archiv brauchen, lassen Sie es mich wissen." Sie lächelte ein wenig. Es machte ihr nichts aus, dass sie nun etwas mehr Arbeit hatte, vor allem da sie schon seit Monaten für Maria ins Archiv gegangen war, da die andere Frau sich in dem verwinkelten Kellerraum unwohl fühlte.
      Nachdenklich drehte Ella ihre Tasse zwischen den Handflächen hin und her, während sie überlegte ob sie etwas vergessen hatte. Aber dann kam sie zu dem Schluss, dass der Anwalt all diese Dinge heute vermutlich noch mehrere Male zu hören bekommen würde. Auf einmal tat er ihr leid.

      "Es gibt viele, die sich freuen, dass Sie wieder hier sind. Deshalb sollten Sie sich heute auf Besuch gefasst machen, oder ihre Bürotür abschließen. Ich rate zu ersterem. Denn ich habe gehört, dass es Kuchen geben wird."
    • Corvin musste sich noch daran gewöhnen, zu den Menschen aufzusehen, wenn sie standen und mit ihm redeten. Er musste unbedingt runter in den nachgebauten Gerichtsraum im Keller, wo die hier arbeitenden Anwälte gern ihre Strategien übten, um zu sehen, wie weit er im Raum stehen musste, damit ihn die Jury auch sehen konnte. Er war jetzt um einiges kleiner. Die Zeugen sollten ihn auch sehen können... Probleme für die Zukunft. Er hatte aktuell keinen Fall, der direkt vor eine Jury gehen würde.
      Nachdem Ms. Hughes ihm freundlicherweise die Kaffeetasse abgenommen hatte, machte er ihr Platz und rollte zu einem der kleinen Esstische. Er war froh, dass er zuerst auf die Brünette getroffen war, gerade weil sie sich aus dem ganzen Gossip raushielt. Corvin war auch kein allzu großer Freund davon, was nichts damit zu tun hatte, dass er schon viele Fälle im Strafgericht wegen genau sowas gewonnen hatte. Er war einfach kein Fan von Gerüchten und wenn jemand etwas erzählen wollte, dann tat derjenige das für gewöhnlich von allein. Kein Grund, Energie in derlei Geheimnisse zu stecken, die im besten Fall nur jemanden emotional verletzten.
      "Dann kommen Sie ja tatsächlich mal ein bisschen aus Ihrem Büro raus. Auch wenn es sie nur in den Keller führt", erwiderte er lächelnd, "Aber es ist gut zu wissen, dass ich nicht selbst da runter muss."
      Früher war das kein Problem gewesen. Er hatte sich oft noch schnell eine Akte aus dem Archiv geholt, wenn er auf dem Heimweg gewesen war. Jetzt hinderten ihn die Kellertreppen daran. Sie hatten zwar einen Aufzug hier, der bis in den Keller führte, aber das Archiv lag aufgrund der hohen Regale noch einen Meter weiter unten. Eine handvoll Stufen hinderten ihn daran, einen Teil seiner Arbeit zu erledigen. Das war jetzt sein Leben.
      "Kuchen, juchu, hab ich mir schon immer gewünscht."
      Corvin schüttelte den Kopf und nippte an seinem neuen Kaffee.
      "Das fand ich schon vor sechs Jahren nach meiner spontanen Blinddarm-OP übertrieben und jetzt werden sie wahrscheinlich eine ganze Party schmeißen, nur weil ich wieder da bin. Dabei interessieren sich dann achtzig Prozent nur für den Kuchen und nutzen die Zeit, nicht arbeiten zu müssen."
      Er schüttelte den Kopf.
      "Wissen Sie was? Sie haben mich heute einfach nicht gesehen. Ich werde mich in meinem Büro verstecken und alle überraschen, wenn ich heute Abend einfach nach Hause gehe. Umgekehrte Überraschungsparty oder sowas."
      Er nickte zuversichtlich, als hätte er gerade den besten Plan der Welt gefasst. Es würde wahrscheinlich nicht funktionieren, aber den Versuch war es wert.
    • "Oh, das Archiv ist ein wunderbarer Ort, wenn man einmal seine Ruhe braucht. Und bisher konnte mir niemand beweisen, dass es nicht eine halbe Stunde dauert, um eine alte, verstaubte Fallakte zu finden." Tatsächlich hatte Ella bereits so lange nach irgendwelchen Unterlagen gesucht, aber inzwischen kannte sie sich recht gut in dem Raum aus. "Und da unsere Unterhaltung an diesem Morgen nie stattgefunden hat, weil ich Sie ja nicht gesehen habe, können Sie mich auch nicht verraten." Sie lachte leise, sehr zufrieden über diese Feststellung.
      Einen Moment lang betrachtete Sie den Anwalt, während sie überlegte, ob er sich wohl langweilte, da sie ihm keine nützlichen Informationen mehr geben konnte. Aber einen Kommentar konnte sie sich dann doch nicht verkneifen. "Sie mögen keinen Kuchen?", sagte sie gespielt entsetzt. "Und dabei hatte ich bisher eine so gute Meinung von Ihnen." Sie lächelte in ihre Tasse hinein, nur um festzustellen, dass der Inhalt für ihren Geschmack noch zu heiß war. "Aber dann sollte ich jetzt wohl wieder nach unten gehen, bevor uns hier jemand erwischt. Ich hoffe, dass Sie mit ihrem Plan Erfolg haben." Ella ahnte, dass die Sache nicht so einfach werden würde, wie der Anwalt es sich erhoffte, aber sie wünschte ihm trotzdem einen ruhigen Tag. Sie hielt nichts davon, wenn man Leuten etwas aufzwang, auch wenn die Absichten dahinter gut waren.
    • "Anwaltsgeheimnis", lächelte Corvin und nippte erneut an seinem Kaffee.
      Da er selbst kein Fan von Buschfunk war, sollte es kaum ein Problem werden. Es würde nicht einmal zu Sprache kommen, zumal sich keiner seiner Kollegen auf diesem Stockwerk für die niederen Arbeiterbienen in den unteren Stockwerken interessierte. Eine Schande, denn es waren recht interessante Persönlichkeiten dabei.
      "Es ist nicht der Kuchen, der mich stört, sondern das ganze Drumherum. Wenn man das runterbricht, dann ist der Kuchen daran Schuld. Überlegen Sie doch mal: Jemand sagt allen, ein alter Mitarbeiter ist wieder da. Die Leute freuen sich und sagen vielleicht mal Hallo, wenn sie diesen Mitarbeiter sehen, lassen sich davon aber nicht weiter beeindrucken. Sagt man allerdings auch nur einer Person, dass es in der Mitarbeiterküche um zwei einen Kuchen gibt, steht plötzlich das ganze Büro auf der Matte. Und das Ganze dauert auch mindestens eine Stunde. Dann müssen die Leute erstmal wieder zu ihren Schreibtischen, zurück in den Arbeitsflow und so weiter und sofort. Müsste ich jemanden wegen Behinderung bei der Arbeit anklagen, würde ich den Kuchen vor Gericht zerren. Wahlweise denjenigen, der ihn mitgebracht hat und der Kuchen ist nur der Beihilfe schuldig."
      Er zuckte mit den Schultern. Zwei Wochen Krankenhaus, drei Wochen Reha zu Hause und er war so auf Arbeit gepolt, dass er alles und jeden analysieren musste. Ein Glück, dass er sich nicht mit Gesundheitsrecht auskannte, sonst würde er hier wahrscheinlich jeden Schrank in der Küche verklagen.
      Corvin warf einen Blick auf seine teure Armbanduhr und nickte. Ms. Hughes hatte recht. Es war zwar erst halb acht, aber die ersten Assistenten würden demnächst eintrudeln, um alles vorzubereiten, damit ihre zugeteilten Anwälte auch ja nicht mies drauf waren, weil ein Blatt Papier gefehlt hatte.
      "Schön, Sie nicht wiedergesehen zu haben", verabschiedete er sich von der Brünetten und rollte zurück in sein Büro, wo er nahtlos mit seiner Arbeit weitermachte.
      Er hatte definitiv genug Akten auf dem Tisch liegen, um sich den Tag über zu beschäftigen.

      So sollte es leider nicht kommen. Er hatte nicht bedacht, dass der Portier des Gebäudes ihn gesehen haben könnte und dass Raymond Sanderson ein echtes Plappermaul war. Der unterhielt sich doch jeden Morgen mit dem Portier! Deswegen kam der große Schwarze mit den Schultern eines Footballspielers auch direkt in Corvins Büro gestürmt, kaum dass er seinen Hintern gegen halb neun in die Kanzlei geschwungen hatte.
      "Da ist ja unser Superstar!", grüßte er Corvin lauthals - natürlich stand die Tür offen.
      Sämtliche Blicke aus dem offenen Vorraum wurden nun auf ihn gerichtet. Corvin verdrehte die Augen und bat seinen Freund, die Tür hinter sich zu schließen. Zum Glück kam Ray der Aufforderung nach.
      "Wie geht's dir, mein Freund?"
      Ray ließ sich auf der Ledercouch nieder und überschlug die Beine. Raymond Sanderson war von der Sorte Anzugträger, von denen man glaubte, gleich mit einem Knopf beschossen zu werden, so eng spannte sich das lachsfarbene Hemd über seine massige Brust.
      Missmutig unterbrach Corvin seine Arbeit und fuhr um seinen Schreibtisch herum zu der kleinen Sitzecke in seinem Büro.
      "Wie soll's mir schon gehen?", stellte er die Gegenfrage und drückte gleich mal die Stimmung.
      "Entschuldige. Ich dachte, ein bisschen Smalltalk würde dir ein Lächeln auf's Gesicht zaubern."
      "Dann hast du mit der falschen Frage angefangen."
      Corvin nahm es seinem Freund allerdings nicht übel. Die Frage nach seinem Befinden wurde ihm jeden Tag schon von Zack gestellt und der wollte es wirklich wissen, also machten ihm die unverfänglichen Fragen eines Freundes auch nicht mehr aus.
      "Es ist schön, wieder im Büro arbeiten zu können. Ich hab die Atmosphäre vermisst."
      "Freut mich zu hören. Hör mal, ich lass nachher einen Kuchen kommen, so groß, dass ganz New York was abhaben kann-"
      Corvin hob die Hand und schüttelte lächelnd den Kopf. Er hatte das ja bereits erwartet.
      "Ich werde kommen, aber wehe du schmeißt eine Party. Dann verklage ich dich."
      "Worauf?"
      "Seelischer Missbrauch."
      Ray verzog das Gesicht, dann lachte er auf.
      "Keine Party, versprochen. Aber der Kuchen muss weg, der passt nicht in den Kühlschrank."
      "Dann sollen sich die Leute was mitnehmen."
      "Klingt gut. Wir sehen uns."
      "Ja. Bis später."

      Später war etwa gegen ein Uhr am Mittag. Ray hatte es wohl ein bisschen später geplant, aber jetzt, wo das Büro wusste, dass er wieder da war, sah Corvin keinen Grund, sich nicht noch einen Kaffee zu holen. Er beobachtete, wie zwei Männer mit dem Logo einer Konditorei auf ihren Poloshirts, eine Torte aus dem Aufzug und in die Mitarbeiterküche schleppten. Ray hatte nicht gelogen, das Ding war gigantisch.
      Corvin wartete, bis die beiden Männer gegangen waren, dann rollte er entspannt in die Küche und tat so, als bemerkte er die Torte und Rays sehnsüchtigen Blick nicht.
      "Da ist er ja! Der Held der Stunde!", rief Ray aus, sobald er Corvin erblickte.
      Sekunden später hatte er das gesamte Büro zusammengerufen und man applaudierte Corvin. Der Anwalt seufzte bloß und spielte mit. Immerhin war es keine Party, dachte er sich, als er den Kuchen feierlich anschnitt. Er wollte eigentlich gleich wieder verschwinden, kaum dass jeder sich dem Ding widmete, aber Ray hielt ihn auf und zwang ihn dazu, mit den anderen Mitarbeitern zu reden. Und natürlich fragten alle, wie es ihm ging. Wie es war, von jetzt auf gleich nicht mehr laufen zu können. Ob er etwas in seinen Beinen spüren konnte. Was er jetzt vorhatte. Corvin machte gute Miene zu bösem Spiel und kämpfte sich durch diesen Spießrutenlauf. Immerhin war der Kuchen gut und Ray hatte sich sogar daran erinnert, welchen Corvin am liebsten hatte.
    • Als Ella auf ihrem Stockwerk aus dem Aufzug stieg, fiel ihr Blick sofort auf die geöffnete Tür der Teeküche. Aus dem Inneren war leises Fluchen zu hören. Die junge Frau seufzte, als ihr bewusst wurde, dass sie sich nicht unbemerkt zurück in ihr Büro schleichen konnte. In der Küche stand ein junger Assistent, der offensichtlich auch gerade zu dem Schluss gekommen war, dass er an diesem Morgen keinen Kaffee bekommen würde. Sein unzufriedener Gesichtsausdruck zeigte deutlich, was er davon hielt.
      "Guten Morgen, Marc", begrüßte Ella den Mann, nachdem er ihre Bewegung in seinem Augenwinkel entdeckt und sich zu ihr herum gedreht hatte. Ihr Kollege nickte knapp. "Morgen. Wusstest du, dass die Kaffeemaschine kaputt ist?" Eigentlich hatte Ella nur gescherzt, als sie Mr. Ripley erzählte, dass das Ausbleiben von Kaffee ein Skandal werden würde. Aber anscheinend war es wirklich ein größeres Problem. "Ja, ich war in dem Stockwerk unter unserem, dort ist alles noch in Ordnung.", log sie. Sie wollte ihren Kollegen nicht nach oben zu den Büros der Anwälte schicken. Immerhin hatte sie versprochen die Anwesenheit von Mr. Ripley erst einmal geheim zu halten. Ihr Kollege nickte leicht, während er die Kaffeetasse in ihrer Hand betrachtete und zu überlegen schien, ob sich der Weg in ein anderes Stockwerk lohnte. "Aber das kann nicht so bleiben", sagte er dann. "Wenn wir hier schon schuften, könnten sie wenigstens dafür sorgen, das alle Geräte funktionieren." Innerlich stöhnte Ella auf. "Es ist ja nur eine Kaffeemaschine", warf sie ein, ihren Kollegen schien das jedoch nicht zu beruhigen. "Ich rufe nachher den Hausmeister an und bitte ihn, sich das einmal anzusehen." fügte sie deshalb hinzu. Eigentlich war das keine ihrer Aufgaben, aber sie ahnte, dass auch die anderen Assistenten sich beklagen würden und sie wollte sich nicht den ganzen Tag lang unnötiges Gejammere anhören.

      Gegen zehn Uhr war die Kaffeemaschine ausgetauscht und damit der Frieden in dem großen Büro wieder hergestellt. Ella stand gerade am Drucker und genoss die Ruhe, als eine der Assistentinnen sich laut zu Wort meldete. "Habt ihr auch gerade die E-Mail bekommen? Mr. Ripley ist wieder da und es gibt heute Mittag einen kleinen Empfang und Kuchen." Natürlich hatten die anderen auch die Information bekommen, trotzdem sorgte die Frage dafür, dass sofort Gemurmel im Raum ausbrach. Ella schloss für einen Moment die Augen, während sie den Kopierer in Gedanken anflehte sich zu beeilen, damit sie zurück in ihr Büro verschwinden konnte.
      Auf einmal erinnerte sie sich an die Worte des Anwalts und erkannte, wie richtig er gelegen hatte. Der Kuchen lockte die Leute von ihren Plätzen fort und hielt sie damit von der Arbeit ab. Die junge Frau grinste, als in ihr das Bild einer Torte aufstieg, die sich dafür vor Gericht rechtfertigen musste. Vermutlich wäre ihre Strafe das Todesurteil durch aufessen... Belustigt schüttelte Ella den Kopf, um diese kindischen Gedanken zu verdrängen.

      Nachdem Ella festgestellt hatte, dass fast alle Assistenten von ihrem Stockwerk zu dem Empfang gingen, entschloss sie sich in ihrem Büro zu bleiben. Sie mochte zwar Kuchen, aber sie war kein Fan von großen Menschenansammlungen. Im schlimmsten Fall würde irgendjemand eine langweilige Rede halten... Die junge Frau erschauderte, auf einmal tat der Anwalt ihr sehr leid.
      Nachdem sie sich die nächsten zwei Stunden lang völlig in ihre Arbeit vertieft hatte, hatte sie endlich die dringenden Angelegenheiten abgearbeitet. Zufrieden streckte sie sich, während sie die bunten Post-Its an ihrem Bildschirm durchlas, um zu prüfen, ob sie etwas vergessen hatte. Dabei fiel ihr eine Notiz ins Auge, die sie bisher ignoriert hatte. Es war nichts eiliges, aber gleichzeitig etwas, was sie schnell erledigen konnte. Sie wusste nur nicht, ob gerade der richtige Zeitpunkt dafür war...
      Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe herum, beschloss dann aber, dass sie die Sache hinter sich bringen sollte, bevor sie diese vergaß.

      Die bunte Notiz lag neben ihr auf dem Schreibtisch, als sie eine neue E-Mail öffnete und einen Text verfasste.
      'Sehr geehrter Mr. Ripley' Einen Moment lang starrte Ella auf die Worte, verzog dann aber das Gesicht und löschte sie wieder. Zwar hatte sie sich erst ein paar Mal mit dem Anwalt unterhalten, trotzdem kam ihr diese Anrede falsch vor.

      Hallo Mr. Ripley,


      es tut mir leid, dass Sie sich am Ende doch nicht verstecken konnten. Ich hoffe, der Kuchen war eine Entschädigung für den ganzen Trubel.
      Ich schreibe Ihnen, weil ich Sie daran erinnern muss, dass Sie den Urlaub, den Sie vor zwei Wochen gehabt hätten, nun neu verplanen müssen. Es eilt nicht, aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir bis zum Ende des nächsten Monats Ihre neuen Urlaubswünsche mitteilen könnten.
      Außerdem warne ich Sie vor, dass wir am Freitag eine Brandschutzübung haben werden. Falls Sie also einen Termin außer Haus planen wollen, wäre das ein guter Zeitpunkt. Aber das wissen Sie nicht von mir.


      Mit freundlichen Grüßen,
      Elisa Hughes
      Geschäftsbuchhaltung & Human Resources

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    • Corvin wusste im Nachhinein nicht mehr, wann er sich hatte loseisen können, oder wie er das gemacht hatte. Er weigerte sich gezielt, auf die Uhr zu gucken, um nicht auch noch einen Herzinfarkt zu erleiden.
      Er schloss seine gläserne Bürotür hinter sich und atmete erst einmal tief durch, bevor er zu seinem Schreibtisch rollte, auf den er das Stück Kuchen in Alufolie abstellte, dass er sich noch erkämpft hatte. Er hatte sich gesagt, er würde beim Gehen einen Schlenker über das Stockwerk unten drunter machen und ein Stück abliefern, nachdem er Ms. Hughes nirgendwo hatte sehen können. Er hatte sich hilfesuchend nach ihr umgesehen, um jemanden zu haben, mit dem er so tun konnte, als ob er sich unterhielt.
      Kaum saß er wieder hinter dem Computer, da ploppte eine interne Mai lauf.
      "Urlaub?", fragte Corvin ungläubig in den leeren Raum hinein.
      Das konnte doch nicht deren Ernst sein! Er hatte gerade erst sechs Wochen auf der faulen Haut gelegen, wieso sollte er sich da jetzt noch Urlaub nehmen? Er hätte seinem Arzt sagen sollen, ihn zwei Wochen weniger krankzuschreiben.
      Kopfschüttelnd warf Corvin einen Blick in seinen aktualisierten Terminkalender. Er hatte jetzt noch keinen Schimmer, wie seine Fälle eigentlich laufen würden, daher war es schwer zu sagen, wie viel Zeit sie in Anspruch nahmen und wann er tatsächlich Zeit für Urlaub machen konnte. Das war schwieriger als einen Termin bei einem gewissen, immer genervten Richter zu erwischen, der sich seit sieben Jahren auf das Amt als Bundesrichter vorbereitete, das er einfach niemals kriegen würde. Ob er sich aus seinem Urlaub rausreden konnte? Er würde es erst bei Ms. Hughes versuchen, dann bei den Seniorpartnern. Jeder Arbeitgeber stand doch auf die willigen. Vor allem, wenn es die guten waren.
      "Ich brauch dringend einen Fall vor Gericht", seufzte Corvin.
      Er hatte das Gefühl, seinen Beruf zu verlernen, wie die Muskeln in seinen Beinen langsam schwächer wurden. Es war kein angenehmes Gefühl. Er wollte wieder in den Gerichtssaal, wollte wieder vor einer Jury sprechen und den Anwalt der Gegenseite in Grund und Boden stampfen. Er vermisste es. Konnte man süchtig nach dem Anwaltsein werden? Bestimmt. Nun, Corvin wäre sich nicht zu schade, das auch zuzugeben.

      Ms. Hughes,

      Danke für die Information, ich werde mich drum kümmern, sobald
      ich Zeit dafür finde. Ich muss erst einmal den Rest meines Termin-
      kalenders wieder auf Fordermann bringen.

      Corvin B. Ripley

      Corvin vermied es, seinen gesamten, firmeneigenen Anhang an die Mail zu hängen. Ms. Hughes wusste sicherlich, dass er Anwalt für Familien-, Wirtschafts- und Strafrecht war. Wahlweise interessierte sie das nicht. Noch dazu standen seine gesamten Kontaktdaten für das Büro in diesem dummen Anhang und das brauchte man auf firmeninterner Ebene nun wirklich nicht. Allerdings kam er nicht umhin, etwas anderes anzuhängen:

      PS.: Ich habe ein Stück Kuchen in Gewahrsam genommen. Es er-
      wartet noch immer seine Todesstrafe wegen Behinderung der
      Arbeit in einer Anwaltskanzlei.

      Grinsend drückte er auf SENDEN. Und etwa eine Stunde später rollte er aus dem Aufzug in Richtung des winzigen Büros, dass die Brünette ihr Zuhause nannte, den kleinen Pappteller in Alufolie auf dem Schoß. Ein paar der Angestellten hier unten grüßten ihn überschwänglich in der typischen Ich-schleime-mich-bei-meinem-Boss-ein-Manier, die jeder auf dieser Gehaltsstufe draufzuhaben schien.
      Corvin klopfte an die geschlossene Holztür und rollte ein kleines Stück zurück. Ein kleiner Trick, den er sich schnell angewöhnt hatte. Die Meschen erwarteten jemanden auf Augenhöhe. Eine Augenhöhe, die er nicht mehr erreichen konnte. Wenn er aber ein Stück weiter weg war, erledigte die Tiefenwahrnehmung einen kleinen Teil der Arbeit und die Leute sahen sich nicht erst suchend um, sondern senkten einfach den Blick. Das war für beide Seiten weniger peinlich, wie Corvin befand.
      "Gefangenentransport", scherzte Corvin.
    • Im Nachhinein wusste Ella nicht, wie lange sie ungläubig auf die E-Mail in ihrem Posteingang gestarrt hatte. Sie hatte zwar damit gerechnet, dass Mr. Ripley sich im Moment nicht um irgendwelche organisatorischen Dinge kümmern konnte und sie deshalb vertrösten würde, aber der letzte Teil seiner Antwort traf sie unerwartet. Nachdem keiner ihrer Kollegen ein Stück Kuchen für Ella gerettet hatte, hatte sie bereits mit diesem Thema abgeschlossen. Dass ausgerechnet der Anwalt, der im Mittelpunkt dieses ganzen Wirbels stand, an sie gedacht hatte, hatte die junge Frau nicht erwartet. Ohne es zu bemerkten, schlich sich ein Lächeln auf Ellas Gesicht.

      In der nächsten Stunde vertiefte sie sich wieder in ihre Arbeit, bis es auf einmal an die Tür klopfte. Ella hob den Kopf und zog die Augenbrauen nach oben. Normalerweise stürmte jeder einfach in ihr Büro, es war ungewohnt, dass zur Abwechslung einmal jemand Manieren zeigte. Was die junge Frau jedoch noch mehr irritierte war, dass auch nach dem Kopfen niemand eintrat. Sie stand auf, um die Tür zu öffnen. Eigentlich rechnete sie damit, auf der anderen Seite einen unsicheren Praktikanten vorzufinden, aber stattdessen fiel ihr Blick auf Corvin Ripley. Erstaunt blinzelte sie. Sie konnte sich nicht erinnern, wann er sie zum letzten Mal hier besucht hatte, normalerweise tauschten sie wichtige Informationen per E-Mail aus, damit er nicht durch das Großraumbüro laufen und sich von den Assistenten umschleimen lassen musste. Und auch jetzt hatte Ella nicht damit gerechnet, dass er ihr den Kuchen bringen würde. Und doch stand - oder besser saß - der Anwalt vor ihr und sah dabei völlig zufrieden aus.
      "Dann bringen Sie den Gefangenen herein, bevor er noch flüchtig wird.", Ella konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. Sie schob einen der Stühle, die vor ihrem Schreibtisch standen, zur Seite, damit Mr. Ripley genügend Platz hatte. Nachdem sie ihn herein gelassen hatte, schloss sie die Tür hinter ihnen und ignorierte dabei alle neugierigen Blicke, die ihr zugeworfen wurde.

      "Möchten Sie einen Kaffee? Die Maschine geht wieder." Noch immer lächelte Ella. "Oder sind Sie hier, weil Sie etwas von mir brauchen? Es muss ein ziemlich großer Gefallen sein, wenn Sie mich dafür mit Kuchen bestechen." Sie lachte leise, amüsiert über ihren eigenen Scherz. So ein Verhalten traute sie dem Anwalt wirklich nicht zu. Er war bisher immer nett und höflich zu ihr gewesen, auch wenn sie sich einfach nur über den Weg gelaufen waren.
      "Aber Spaß bei Seite", fügte sie hinzu, da sie auf einmal befürchtete, dass sie Mr. Ripley doch gekränkt haben könnte. "Vielen Dank für den Kuchen. Sie hätten sich nicht so viel Mühe machen müssen, aber ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie für mich ein Stück erkämpft haben."
    • "Ach was, Mühe. Ich muss so oder so an diesem Stockwerk vorbei und den Kuchen haben sie mir hinterher geworfen", Corvin zuckte mit den Schultern, "Ich glaube, ich hab sogar noch was im Kragen."
      Er stellte den kleinen Pappteller auf dem Schreibtisch ab. Es war faszinierend zu sehen, wie viel Unterschied ein einziges Stockwerk so machen konnte. Oben bei ihm hatten die Büros alle Glaswände - ausgenommen die tragenden - die alle blickdicht waren, jeder hatte einen Schreibtisch, der mindestens einen Markennamen hatte und auch ansonsten fand man nichts unter tausend Dollar in diesen Räumen. Die Mitte hatte zwar Bienenwaben für die Assistenten, aber selbst die hatten erstaunlich viel Platz und dank der Glasbüros drum herum auch viel Sonnenlicht. Hier unten waren die Wände solider, auch wenn es immer noch viele Fenster gab, und die Ausstattung war nur knappe hundert Dollar über einem schwedischen Möbelgiganten, um das Gesicht wahren zu können.
      "Freut mich zu hören, dass Ihre Kollegen wieder Kaffee haben. Sie scheinen Angst vor den oberen Stockwerken zu haben. Als ob wir sie fressen würden."
      Er zog eine kleine Grimasse, als sei er ein menschenfressendes Monster.
      "Was haben Sie in den zwei Stunden improvisierter Mittagspause so gemacht? Ich hab Sie oben vermisst. Dann hätten wir und semi-peinlich anschweigen können, anstatt mit anderen Smalltalk betreiben zu müssen. Ich wurde doch tatsächlich gefragt, ob ich einen Raketenantrieb anbauen will."
      Er schüttelte den Kopf. Die Aussage war nur halb im Scherz gemeint. Er war das gefragt worden und er hatte es als äußerst unangebracht empfunden. Er hatte es natürlich überspielt. Er war Anwalt, sein Pokerface war perfekt.
    • Ella lachte auf, als der Anwalt das Gesicht zu einer Grimasse verzog. In diesem Moment wirkte er so herrlich menschlich, dass man beinahe vergessen konnte, dass er eines der hohen Tiere war, die sich nicht einmal die Namen der niederen Belegschaft merken mussten. Aber Mr. Ripley war anders. Inzwischen konnte Ella nicht mehr zählen, wie oft sie das heute schon festgestellt hatte.
      Inzwischen hatte sie ihren Stuhl seitlich neben den Schreibtisch geschoben, damit sie ihrem Gast schräg gegenüber sitzen konnte und sie nicht durch den Tisch getrennt waren. Eigentlich konnte der Anwalt problemlos über ihren Schreibtisch hinweg sehen, aber es kam ihr unhöflich vor so eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen zu schaffen. Vor allem, da er sich tatsächlich nur mit ihr unterhalten zu wollen schien.
      "Sie wissen ja nicht, wie riskant es ist mit einer vollen Kaffeetasse im Aufzug zu fahren. Zum Glück habe ich heute kein weißes Oberteil an", sie kicherte leise. Zwar war sie kein tollpatschiger Mensch, aber auch sie hatte bereits die Erfahrung gemacht, dass der Aufzug gelegentlich recht abrupt zum Stehen kam. Das war das erste und letzte Mal gewesen, dass sie ihre Tüte Gummibärchen bereits während der Fahrt geöffnet hatte...

      Die Aussage, dass der Anwalt sie vermisst hatte, traf die junge Frau ein wenig unerwartet. Sie kannten sich zwar flüchtig, trotzdem war sie davon ausgegangen, dass ihm ihre Abwesenheit nicht einmal auffallen würde. Schließlich drehte sich bei diesem Empfang alles um ihn. "Im peinlichen Schweigen bin ich tatsächlich ein Profi", sie lächelte, obwohl diese Aussage der Wahrheit entsprach. "Menschenmassen sind nicht so mein Fall, aber bei der nächsten Veranstaltung zu Ihren Ehren, werde ich dabei sein und Sie vor allen retten, die schlechte Scherze machen. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob man meinen schlechten Humor unterbieten kann. Immerhin plane ich gerade die Hinrichtung eines Kuchenstücks.", erneut kicherte sie, während sie dem Kuchenstück einen gespielt tadelnden Blick zuwarf.
    • "In Anbetracht der Tatsache, dass wir diesen kleinen Witz praktisch schon den gesamten Tag über weiterführen würde ich sagen, so schlimm ist Ihr Humor gar nicht."
      Corvin zuckte schlicht mit den Schultern. Die Frau verkaufte sich unter Wert. Sie sah gut aus und sie hatte genug Humor um dem Durchschnitt als witzig aufzufallen. Kaum zu glauben, dass sie noch Single war.
      "Sie haben nicht auf meine Frage geantwortet. Sie haben doch nicht etwa wirklich durchgearbeitet?"
      Alles sprach dafür. Kleine, bis gar nicht vorhandene Aktenstapel. Kaum Notizen, die man als To-Do-Liste bezeichnen könnte. Ms. Hughes war wirklich ein fleißiges Bienchen. Aus irgendeinem Grund war Corvin stolz auf die Brünette. Sie hatte sich ihren Kuchen verdient, ganz im Gegensatz zu den anderen Mitarbeitern im Büro.
    • Ella verzog leicht das Gesicht, als Mr. Ripley bemerkte, dass sie seine Frage absichtlich nicht beantwortet hatte. Aber er wäre auch ein schlechter Anwalt, wenn ihm so etwas nicht auffallen und er nicht weiter nachbohren würde. "Natürlich habe ich gearbeitet, eine ganze Stunde lang wäre mir als Mittagspause sowieso zu lang gewesen." Sie hob leicht die Schultern, es war ihr unangenehm, dass sie nun wie ein langweiliges Arbeitstier dastand. Auch wenn es der Wahrheit entsprach. "Aber ich hatte Kaffee. Obwohl der nicht so gut schmeckt wie der oben auf Ihrem Stockwerk", fügte sie hinzu, um das Thema zu wechseln. Sie war sich ziemlich sicher, dass alle Maschinen im Haus die gleiche Kaffeesorte nutzten, trotzdem hatte er ihr heute morgen besser geschmeckt, als der, den sie vor ein paar Stunden getrunken hatte. Vielleicht lag es auch einfach an der Gesellschaft.

      "Wie war der Empfang eigentlich? Da sie noch die Kraft hatten hierher zu kommen, kann es ja nicht ganz so schlimm gewesen sein." Nach einer kurzen Pause versuchte Ella das Thema wieder auf etwas unverfängliches zu wechseln. Sie war nicht gut in Smaltalk, weshalb ihr nichts interessantes einfiel. Sie kannte den Anwalt nur flüchtig und sie hatten sich bisher kaum über private Dinge unterhalten. Sie wusste zwar, was er gerne beim Chinesen bestellte und wie er seinen Kaffee trank, aber das reichte für eine interessante Unterhaltung wirklich nicht aus. Deshalb war sie nicht sicher, worüber sie mit ihm sprechen konnte, ohne in ein Fettnäpfchen zu treten. Und das überließ sie lieber anderen.

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    • "Was soll das denn jetzt heißen?", fragte Corvin gespielt empört.
      Er gab sich mit seinem Pokerface aber keine Mühe. Es brach nach nur wenigen Sekunden und er lachte leise in sich hinein.
      "Im Prinzip war es wie beim Abschluss einer Verhandlung: Jemand hat eine kleine, motivierende Rede gehalten, danach wurden viele Hände geschüttelt und Glückwünsche verteilen. Ich glaube, ich habe diesen Fall gewonnen, nur bin ich mir nicht sicher, wen ich vertreten habe."
      Er zuckte mit den Schultern. Kurz darauf piepte seine Smartwatch auf. Mit einem entnervten Seufzen wischte der Anwalt über den kleinen Bildschirm und beendete den leisen Alarm.
      "Entschuldigen Sie. Ich bin noch immer an medizinische Maßnahmen gebunden", erklärte er sich, "Ich fürchte, ich muss Sie nun allein mit dem Gefangen lassen, mein Physiotherapeut verlangt nach mir."
      Damit verabschiedete sich Corvin und machte sich auf den Heimweg. Alles in allem war es kein schlechter erster Tag gewesen. Der beste war es natürlich auch nicht gewesen und Corvin hatte eine lange To-Do-Liste. Er würde Ms. Hughes in den nächsten Tagen noch öfter belästigen müssen und das nicht nur wegen seines Urlaubs.
    • Ella sah dem Anwalt hinterher, bis dieser in Richtung des Fahrstuhls verschwunden war. Es fiel ihr immer noch schwer zu glauben, dass er wirklich in ihr Büro gekommen war, nur um ihr Kuchen zu bringen. Und doch bewies der zur Seite geschobene Stuhl und der Teller auf ihrem Schreibtisch, dass sie sich diesen Besuch nicht eingebildet hatte.
      "Was wollte denn Mr. Ripley hier?" Gerade wollte Ella die Tür wieder schließen, als sie von einer Kollegin aufgehalten wurde. Innerlich stöhnte sie auf. Natürlich hatten alle die Ankunft des Anwalts bemerkt und sich inzwischen ihr eigenes Bild darüber gemacht, was er in Ellas Büro gemacht hatte. "Du vergisst wohl, was mein Job ist, Mira", sagte sie so ruhig wie möglich. "Mr. Ripley war lange krank, es gibt also so einiges, was man nun klären muss. Und du weißt sicher, dass ich dir darüber nichts erzählen darf. Datenschutz und so..." Die andere Frau zog die Mundwinkel nach unten. Ellas Antwort schien ihr eindeutig zu langweilig zu sein. "Ja, ich weiß", antwortete sie nach einer kurzen Pause. "Aber du musst zugeben, dass er gut aus sieht, trotz... nun ja, du weißt schon." Es dauerte einen Moment, bis Ella verstand, worauf ihre Kollegin anspielte. "Mir ist es gleichgültig, ob er steht oder sitzt, wenn er sich mit mir unterhält. Das macht ihn nicht zu seinem anderen Menschen." Sie räusperte sich verlegen, als ihr auffiel, dass sie strenger geklungen hatte als beabsichtigt.
      "Und davon abgesehen, finde ich auch unsere Kaffeemaschine sehr gut aussehend und habe trotzdem ein professionelles Verhältnis zu ihr." Es war traurig, dass ihre Kollegin diesen Witz nicht lustig zu finden schien. Aber zumindest schien es sie von dem vorherigen Thema abgelenkt zu haben, worüber Ella sehr froh war. "Manchmal bist du wirklich langweilig", sagte diese nur, bevor sie sich wieder abwandte und an ihre Arbeit zurück ging. "Du bist doch nur eifersüchtig, weil die Kaffeemaschine mich lieber mag als dich.", fügte Ella noch hinzu und diesmal konnte sie ein leises kichern hören.

      Während sie in ihr Büro zurück ging, schoss ihr kurz durch den Kopf, dass Mr. Ripley ihre schlechten Witze vermutlich mehr zu würdigen gewusst hätte. Aber schnell schob sie diese Gedanken wieder zur Seite und zog die Tür hinter sich zu.
      Nachdem sie wieder ihren gewöhnlichen Platz eingenommen hatte, fiel ihr Blick auf das Kuchenstück, das immer noch geduldig auf sein Schicksal wartete. "So sieht man sich wieder...", begrüßte sie es und griff nach der Gabel. "Irgendwelche letzten Worte?" Sie tippte ein Paar Mal mit der Gabel auf die Oberseite des Kuchens, wodurch sie kleine Abdrücke auf der Sahne hinterließ. "Du hattest deine Chance" Mit diesen Worten stach sie ihre Gabel ganz in den Übeltäter, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen.
    • Zack nahm ihn wie immer hart ran. Kaum zu glauben, dass es so anstrengend sein konnte, Körperteile bewegen zu lassen. Es war eine ganz andere Art der Erschöpfung, die einen da überkam. Bei einem einfachen Workout brannten die Muskeln und man badete in seinem eigenen Schweiß. Bei Physiotherapie wegen einem durchtrennten Rückenmark war es mehr Kopfsache. Laut Zack kamen wohl einige Signale doch noch durch, die Muskeln in Corvins Beinen kontraktieren wohl hin und wieder. Er verstand das Ganze nicht wirklich, aber Zack war ein Mann seines Fachs, also vertraute er ihm.
      Nach einer beendeten Runde sinnloser Bewegungen seiner Beine, die hauptsächlich Zack übernommen hatte, ließ sich Corvin nach hinten auf die Liege kippen. Er schwitzte wie nach einer Stunde auf dem Laufband.
      "Wie war dein erster Tag", fragte Zack und reichte seinem Chef - und mittlerweile auch Freund - ein Glas Wasser.
      Corvin überlegte, ob es das Aufsetzen wert war. Schließlich stemmte er sich aber doch hoch und nahm einen großen Schluck.
      "Seltsam. Ich war sofort wieder drin, aber für alle anderen war es irgendwie ein Grund zum Feiern. Es gab Kuchen."
      "Wie schrecklich. Die Leute freuen sich eben, wenn sie einen Bekannten nach einem schweren Unfall sehen und es demjenigen gut geht."
      "Das war ja wohl kaum ein Unfall. Und gut gehen tut's mir auch nicht."
      Zack seufzte. Er kannte diese negative Einstellung schon von dem Anwalt. Und auch darin war der große Schwarze außerordentlich gut: Er war immer total zen und wusste genau, was er sage musste, um Corvin wieder aufzuheitern.
      "Du weißt ganz genau, was ich meine. Nur, weil du jetzt wieder mit der realen Welt konfrontiert bist, heißt das nicht, dass du dich wieder in Selbstmitleid wälzen darfst. Ich helfe dir nicht dabei, das sauber zu machen."
      Corvin grunzte und nahm noch einen Schluck Wasser, bevor er etwas dummes sagte. Zack hatte auf alles die passende Antwort, aber nicht im Sinne eines Klugscheißers, sondern wirklich richtig gute Antworten, die man schlicht nicht wiederlegen konnte. Der Mann hätte Karriere als Anwalt gemacht.
      "Noch eine Runde?", fragte Zack, nachdem Corvin ihm das Glas zurückgegeben hatte.
      "Du bist der Experte", gab der nur zurück.
      Mit einem Lächeln griff sich Zack eines der nutzlosen Beine seines Chefs und sie machten weiter.


      Am nächsten Morgen war Corvin wieder ein wenig früher im Büro. Nicht so übertrieben wie am Vortag, aber immer noch vor den ganzen Assistenten. Mit einer frischen Tasse Kaffee und einer ordentlichen Portion Motivation, von der er nicht wusste, woher er sie hatte, machte er sich an die Arbeit, seinen Terminkalender auf Vordermann zu bringen.
      Er hatte sich gestern damit auseinander gesetzt, die ersten Termine zu machen, beziehungsweise, seinem eigenen Anwaltsgehilfen zu sagen, mit wem er welche brauchte. Als er an diesem Morgen in sein Büro rollte, lag auf seinem Tisch eine Liste mit allen Terminen. Perfekt. Er trug alles in seinen Kalender ein und suchte sich dann die wenigen raus, die er noch brauchen würde. Er war so lange im Geschäft, dass er wusste, wie lange welcher Fall ungefähr bei Gericht brauchte. Er schob ein paar Zahlen im Kopf hin und her und schon wusste er ungefähr, wann er diese dummen zwei Wochen Urlaub einschieben konnte. Er hätte auch einfach mit den Seniorpartnern reden können, um seinen nächsten Urlaub um zwei Wochen zu verlängern, den Luxus hatte man als einer der besten Anwälte im Haus. Aber dann müsste er das nächste Mal, wenn er plante, gleich vier Wochen freischaufeln und das ging gar nicht. Nein, stattdessen folgte er einem Plan, den er sich gestern Abend im Bett zurecht gelegt hatte.
      Es war offensichtlich, dass man nicht wollte, dass er an einem gewissen Fall arbeitete, also musste er das allein machen. Zwei Wochen Urlaub, mit denen er nichts anzufangen wusste, war da genau das Richtige. Also wollte er sie so früh wie möglich nehmen. Er würde seine liegen gebliebenenen Fälle abarbeiten, dann zwei Wochen frei machen und dann weiter arbeiten. Er hatte am eigenen Leib zu spüren bekommen, was passierte, wenn man sich halb offen mit Sonrisa anlegte. Dann würde er es jetzt eben hinter verschlossenen Türen machen!
      Corvin war so in seine Arbeit vertieft, dass er gar nicht mitbekam, wie sich das Büro bereits wieder füllte. Erst, als er Rays viel zu laute Stimme hörte, wie er eine gewisse Mrs. Shusterman begrüßte, wurde er zurück in die Realität gerissen.
      "Oh nein", stöhnte Corvin leise und schaltete den Bildschirm seines Computers aus.
      Dann räumte er schnell alle auf seinem Schreibtisch weg, sodass es aussah, als sei er nicht hier. Er rollte zur Glastür seines Büros und öffnete sie einen Spalt breit, um hinauszuschielen.
      Mrs. Shusterman war eine reiche alte Dame, deren Ehemann vor einigen Jahrhunderten, so schien es, gestorben war. Sie hatte einen irrwitzigen Narren an Corvin gefressen, seit dieser sie bei einem Erbstreit verteidigt und ihn gewonnen hatte. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seine Seele zu retten, nachdem sie von seiner Herkunft erfahren hatte. Eine Helikopter-Mutter war nichts dagegen!
      Corvin beobachtete, wie Ray die alte Witwe vertröstete und auf einen Tee in die Küche führte. Ganz klar ein Ablenkungsmanöver, damit Corvin die Flucht ergreifen konnte. Und genau das tat der Anwalt auch. Er verließ sein Büro, zischte seinem Gehilfen zu, er habe ihn nicht gesehen - der junge Mann kannte dieses Spielchen schon und nickte gehorsam - und flitzte dann durch den Raum zu den Aufzügen. Er hörte, wie sich Mrs. Shusterman darüber echauffierte, dass man ihr gestern nichts gesagt hatte.
      Corvin entspannte sich erst, als sich die Aufzugtüren wieder schlossen. Nur was sollte er jetzt mit der Stunde anfangen, die Mrs. Shusterman im Büro nach ihm suchen und andere vollquatschen würde?
      Er klopfte bei Ms. Hughes an und lud sie zum Essen ein. Es war gerade eine gute Zeit, um sich auf den Weg zum Mittagessen zu machen.
    • Der nächste Morgen begann für Ella wie viele andere. Sie wachte viel zu früh auf, fluchte leise über ihr Gehirn, das sie nicht zur Ruhe kommen ließ, bevor sie letztendlich aufstand, duschte und sich auf den Weg zur Arbeit machte.
      Diesmal wurde sie glücklicher Weise nicht von der Kaffeemaschine enttäuscht, weshalb sie schon einige Minuten später an ihrem Schreibtisch saß und E-Mails las. Allerdings war sie nur halbherzig bei der Sache. Immer wieder drifteten ihre Gedanken zu Mr. Ripley. Sie bewunderte ihn ein wenig dafür, wie gut er mit seiner Situation umging. Manch anderer hätte aufgegeben und sich in Selbstmitleid verkrochen, aber er machte das beste aus seiner Situation und schaffte es sogar darüber zu scherzen. Die junge Frau verzog das Gesicht, während sie darüber nachdachte, ob er seine Taten bereute. Sicher wünschte er sich inzwischen, dass er niemals diesen Fall angenommen hätte. Aber sie konnte ihn natürlich nicht einfach danach fragen. So unsensibel war sie wirklich nicht.

      Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Kaffee und öffnete den Internetbrowser. Inzwischen gab es kaum noch Berichte über die Schießerei. Da niemand den Medien neues Futter gab, verlor sie Story langsam an Bedeutung und würde in ein paar Monaten vermutlich schon wieder vergessen sein. Es war traurig, wenn man bedachte, wie viele Menschen deshalb leiden mussten.
      Kurz fragte Ella sich, ob es ihr wohl genauso ergangen wäre, wenn sie ihren Freund vor der Firma gewarnt hätte. Wäre sie dann auch tot? Vermutlich. Auf einmal war sie froh, dass sie Marcus Eltern damals nicht überredet hatte, den Brief zur Polizei zu bringen. Denn dann hätte sie auch noch deren Tod zu Verantworten. Ella schüttelte den Kopf und nahm noch einen Schluck Kaffee, aber diesmal schmeckte er unangenehm bitter.

      Ein paar Stunden später hatte Ella sich so in ihre Arbeit vertieft, dass sie das unangenehme Thema ganz verdrängt hatte. Aber als wollte das Schicksal sich über sie lustig machen, stattete Mr. Ripley ihr genau heute erneut einen Besuch ab. Im Grunde freue Ella sich, dass der Anwalt sie zum Essen einlud, doch gleichzeitig hasste sie die Erinnerungen, die sein Anblick in ihr weckte.
      "Sie wissen schon, dass das Tratsch geben wird?", fragte sie ihn, nachdem sie gemeinsam in den Aufzug gestiegen waren, um ins Erdgeschoss zu fahren, wo sich die Kantine befand. "Gerade die Assistenten scheinen sich schrecklich zu langweilen, denn sie stürzen sich auf jeden Tratsch wie ausgehungerte Hyänen."
    • "Ach, lassen Sie sie tratschen. Sehen Sie es mal so: wenn alle über Sie tratschen, erlamgen Sie Ruhm. Von jetzt auf gleich sind Sie der Mittelpunkt im Leben eines anderen. Das verleiht einem irgendwie Macht."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Im Zweifelsfall werden Sie zum Löwen. Dann fressen Sie diese Hyänen einfach auf. Eine meiner Lieblingstaktiken vor Gericht."
      Jeder wusste, wenn Corvin Ripley der Meinung war, einen Zeugen unter Druck setzen zu müssen, dann war der Fall praktisch schon entschieden. Er war wirklich ein Löwe, wenn er wollte.
      Unten in der Kantine war nicht viel los. Allerdings genügte Corvin ein Blick, um zu entscheiden, dass er keinen Apetit auf das hatte, was heute angeboten wurde.
      "Wissen Sie was?", fragte er kurzerhand, "Lassen Sie uns außer Haus essen. Ich hätte Lust auf Sushi, und Sie?"
    • "Wer sagt denn, dass ich der Mittelpunkt von irgendetwas sein will?", gab Ella zurück und hob die Schultern. Für Anwälte war eine selbstbewusste Präsenz vielleicht wichtig, da sie im Gerichtssaal die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen mussten. Aber bei ihr war es anders. Es gefiel ihr, ein gewöhnliches Leben zur führen und nur ein Teil der Masse zu sein. Für manche war das vermutlich zu langweilig, aber ihr gab das Sicherheit.
      Ella war ein wenig erleichtert, als Mr. Ripley ihr vorschlug, dass sie außerhalb essen sollten. Zwar hatte sie sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, dass alle Kollegen in der Kantine sie beobachten würden, aber der Menüplan war nicht ihr Fall. "Sushi klingt gut", stimmte sie deshalb zu, obwohl sie nicht wirklich Ahnung davon hatte. Sie hatte nichts gegen Sushi, aber sie hatte es nicht oft genug gegessen, um herausschmecken zu können, ob es von guter Qualität war.

      Als Sie das Gebäude verließen, hob Ella kurz den Kopf und sah zum Himmel hinauf. Sie lächelte leicht, als sie die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht spüren konnte. Einmal mehr wurde ihr bewusst, dass sie ihr Büro viel zu selten verließ.
      "Bei der Wahl des Lokals verlasse ich mich auf Sie. Immerhin sind Sie der Experte." Sie lächelte dem Anwalt zu.